Chimaera

[702] CHIMAERA, æ, Gr. Χίμαιρα, ας, ( Tab. V.)

1 §. Namen. Diesen leiten einige von χεῖμα, der Winter, her, und wollen also, daß er so viel, als eine im Winter gefallene Ziege, heiße, Pasor Ind. in Hesiod. Χίμαιρα. welches aber ziemlich hart und bey nahe abgeschmackt heraus kommt. Nicht besser ist deren Ableitung, die ihn von κῦμα, Welle, und ἔρως, Liebe, herführen; Fulgent. Mythol. lib. III. c. 1. daher denn einige lieber nach Phönicien wandern, und ihn von Chamirah herholen, welches so viel, als verbrannt, heißt, Clericus ad Hes. Theog. v. 319. und nach dem, was von solcher Chimära ihrem Feuerspeyen gemeldet wird, auch noch eher hingehen kann.

2 §. Aeltern und Auferziehung. Der Vater dieses Unthieres war Typhon, die Mutter aber Echidna, Hesiod. Theog. v. 304. wogegen andere für den Vater einen Titan, und für die Mutter, ich weis nicht, was für eine Cheldria, angegeben. Serv. ad Virgil. Aen. VI. v. 288. Vermuthlich aber sind sie in diesem Namen nicht richtig. Wenigstens wird solche Chimära für eines göttlichen, und nicht menschlichen, Geschlechts gehalten. Homer. Il. Ζ. v. 191. Es soll sie hiernächst Amisodarus in Lycien auferzogen haben; Apollod. L. II. c. 3. §. 1. wiewohl man es dreust leugnet, daß sich der Beweis in dem ganzen [702] Homer irgendwo finde. Banier Erl. der Götterl. IV B. 373 S. Er steht aber ganz deutlich darinnen, welches sein deutscher Herausgeber anzumerken übersehen hat, und heißt: Iliad. Π. v. 329. Υἷες ἀκοντισταὶ Ἀμισωδάρου, ὅς ῤα Χίμαιραν Θρέψεν ἀμαιμακέτην, πόλεσον κακὸν ἀνθρώποισιν. Mit dem Wurfspieße fertige Söhne Amisodars, welcher die ungezähmte Chimära, vielen Menschen ein Uebel, ernährete.

3 §. Wesen und Erlegung. Sie war ein ungeheures Thier, welches drey Köpfe, als einen Löwen-Ziegen- und Schlangenkopf hatte, dabey von vorn einem Löwen, in der Mitten einer Ziege, und von hinten einem Drachen glich, hiernächst Feuer aus seinem Rachen spye. Hesiod. Theog. v. 319. In der Gallerie des Großherzogs von Florenz findet man noch ein metallenes Bild, welches so aussieht. Es ist vorn ein Löwe, dem ein Bock aus dem Rücken, und eine Schlange aus dem Schwanze hervor kommt. Seine Hinterfüße haben etwas ähnliches mit den Flügeln einer Schlange, und an den vordern sind Adlerklauen zu sehen. Ueber dem Rückgrade zeigen sich Stacheln, und der hintere Theil kömmt wieder mit einem Löwen überein: doch ist der Schwanz abgebrochen. Keyßlers Reisebeschr. 355. S. Eben so sieht man sie auf vielen korinthischen und seriphischen Münzen, Spanhem. de usu num. T. I. p. 265. Beger. Thes. Brand. T. I. p. 436. desgleichen auf einigen des Alexander Severus. Angl. Hist Aug. p. 279. wie auch in den alten Gemälden des berühmten Mspts vom Virgil in der vaticanischen Bibliothek und auf einigen Gemmen vorgestellet. Lipperts Dactyl. II Taus. 29. 30. Es that in Lycien an Menschen und Vieh ungemeinen Schaden, verwüstetedas Land weit und breit. Apollod. l. II. c. 3. §. 1. Als daher Bellerophon zu dem Jobates, Könige in Lycien, kam, und dieser solchen gern mit guter Art aus dem Wege geschaffet hätte, so überredete er ihn, sein Heil an der Chimära zu versuchen, ob er solche erlegen könnte. Er war in seiner Unschuld willig darzu. Die Götter [703] trugen daher auch Mitleiden mit ihm, so daß ihm Neptun den Pegasus schenkete, Minerva aber solchen ihm zäumete. Nat. Com. lib. IX. c. 4. Er schwang sich auf denselben, und, weil solches Pferd Flügel hatte, so erhub er sich mit demselben über die Chimära, und erlegete sie also von oben herab mit seinen Pfeilen. Apollod. l. c. Andere wollen, daß er vorn an seinen Spieß Bley gemacht, solchen der Chimära in den Hals geschossen, und, da von dem Feuer in ihrem Rachen das Bley zerschmolzen, so sey es ihr in den Leib gelaufen, daß sie davon umkommen müssen. Theopompus ap. Nat. Com. l. c. c. 3.

4 §. Eigentliche Historie. Einige wollen, daß sie ein Berg in Cilicien (nicht in Sicilien) gewesen, der auf seiner obersten Hohe Feuer ausgeworfen. Plin. H. N. LII. c. 106. Weil sich aber daselbst zugleich viele Löwen, wie in der Mitte desselben, wegen der guten Weide, viele Ziegen, und unten viele Schlangen aufgehalten, so habe man daher Gelegenheit genommen, solchen von besagten Thieren zur Chimära zu machen, die Feuer aus ihrem Rachen gespien; und da Bellerophon nachher gemacht, daß solcher Berg bewohnet werden können, so habe man vorgegeben, er habe sie umgebracht. Serv. ad Virg. Aen VI. v. 288. & Alcimus ap. Natal Com. lib. IX. c. 3. Jedoch wollen hierbey einige die drey Kopfe auf drey Höhen solches Berges deuten, die den erwähnten Thieren einigermaßen geglichen. Cleric. ad Hes. Theog. v. 319. Nach einigen andern soll ein Felsen auf eines Berges Gipfel die Sonnenstralen mit solcher Lebhaftigkeit auf die Ebene zurück geworfen haben, daß Kräuter und Pflanzen davon verdorren müssen. Diesen Felsen habe Bellerophon durchschneiden und abhauen lassen, wodurch denn dessen Wirkung vermindert worden. Plutarch. de virtut. mulier p. 248. T. II. Opp. Andere hingegen deuten die drey Köpfe auf die drey Anführer der Solymer, den Argus, Arsalus und Trosibius, welche Bellerophon überwunden, und[704] in der phönicischen Sprache einen Löwen, einen Rehbock und einen Schlangenkopf bedeuten sollen. Bochart. Chan. lib. I. c. 6. Dafür aber setzen andere den Charakter derer drey Nationen, mit denen Bellerophon zu fechten gehabt hat. Die Solymer, ein muthiges Volk, werden mit den Löwen verglichen; die Amazonen, welche weniger Widerstand thaten, und sich vielleicht an steilen Orten aufhielten, werden als Ziegen angesehen, und die Lycier als Schlangen, weil sie sich in einen Hinterhalt legeten, ihn zu überfallen. Antigon. Caryst. ap. Tzetz. Chil. VII. Hist. 149. & Nat. Com. l. c. Noch andere verstehen unter ihr eine Königinn, deren Brüder Leo und Draco geheißen; und, weil sie alles um sich herum unsicher gemacht, so sey sie von dem Bellerophon aus dem Wege geräumet worden. Heraclid. de Incredib. c. 15. Einige machen sie insonderheit zu Amisodars Gemahlinn, welche mit ihren beyden Brüdern so gar einträchtig gelebet, daß sie mit ihnen nur für ein Thier angegeben worden: jedoch soll sie nicht so wohl von dem Bellerophon umgebracht, als nur, nebst ihren Brüdern, gefangen genommen worden seyn. Agatharchides ap. Nat. Com. l. c. Noch lieber aber wollen einige unter der Chimära ein Raubschiff verstehen, welches bald einen Löwen, bald eine Ziege, bald einen Drachen zum Zeichen geführet, endlich aber vom Bellerophon, dessen Schiff den Pegasus zum Zeichen gehabt, erobert und aufgebracht worden sey. Lucian. ap. Banier. Entret. XIII. ou P. II. p. 62.

5 §. Anderweitige Deutung. Einige verstehen durch solche Chimära die Flüsse und Ströme, welche im Winter schnell laufen, und deren gekrümmete Wendungen dem Schwanze eines Drachen ähnlich sehen, die auch durch ihr Austreten die Felder verwüsten: durch Bellerophons Pfeile aber sollen die Sonnenstralen zu verstehen seyn, welche sie besiegen und austrocknen. Nicand. Colophon. ap. Nat. Com. l. c. Andere deuten sie auf die Liebe, welche nach ihnen drey Köpfe haben soll, weil [705] die Liebe drey Absätze habe, nämlich das Anfangen, Fortsetzen und Endigen (incipere, perficere. finire); und zwar soll die Liebe einen Menschen anfallen, wie ein Löwe, sodann ihre Geilheit auslassen, wie die Ziegen, sich aber endlich, auf eine Schlange oder ein Beißen der Sünden und Reue endigen. Fulgent. Mythol. lib. III. c. 1. Allein, wie diese Deutung des Namens solcher Chimära, nachdem er oben beygebracht worden, sehr ungeschickt ist: also will auch andern die Deutung der Sache selbst nicht besser gefallen. Boccacc. lib. IV. c. 22. Man will daher, daß solche Chimära dienen solle, uns von dem Zorne abzumahnen, der wie ein Löwe wüthe, und wie eine Ziege den Pflanzen, also er den Seelenkräften schade, auch weder auf die Ehre, noch den Nutzen, sehe; wogegen man auch einen zornigen Mann, wie einen Drachen und eine Otter fliehen solle, weswegen denn der Chimära dritter Theil einem Drachen geglichen habe. Nat. Com. lib. IX. c. 3. Allein, ob solche Deutung nicht noch schlechter, als die erstere sey, steht dahin, ob wohl sonst die Sache an sich ihre gute Richtigkeit hat.

Quelle:
Hederich, Benjamin: Gründliches mythologisches Lexikon. Leipzig 1770., Sp. 702-706.
Lizenz:
Faksimiles:
702 | 703 | 704 | 705 | 706
Ähnliche Einträge in anderen Lexika

Buchempfehlung

Aristoteles

Nikomachische Ethik

Nikomachische Ethik

Glückseligkeit, Tugend und Gerechtigkeit sind die Gegenstände seines ethischen Hauptwerkes, das Aristoteles kurz vor seinem Tode abschließt.

228 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon