Hesperides

[1264] HESPERĬDES, um, Gr. Ἑσπερίδες, ων, ( Tab. I. & VIII.)

[1264] 1 §. Namen. Diesen haben sie von ihrem Vater, dem Hesperus, Serv. ad Virg. Aen. IV. v. 484. oder auch von ihrer Mutter, der Hesperis. Diod. Sic. l. IV. c. 27. p. 162. Nach einigen sollen sie ihn von dem phönicischen aschphiri oder espiri haben, welches von saphar, schön gewesen, herkömmt, und seine Absicht auf den Abendstern hat, der nach dem Homer selbst der schönste Stern am Himmel ist, von welchem denn die Hesperides so fern auch ihre Benennung haben sollen, weil man geglaubt, daß sie ihren Aufenthalt gegen Abend haben. Cleric. ad Hes. Theog. v. 215. Noch andere leiten ihre Benennung von Hesperia her, welches so viel als das Land gegen Abend heißt, wo sie sich aufhielten. Schol. Apollon. ad l. IV. v. 1399.

2 §. Aeltern. Nach einigen war ihr Vater Hesperus, des Atlas Bruder, Serv ad Virg. Aen. IV. v. 484. nach andern aber gedachter Atlas selber, und die Mutter Hesperis, des erwähnten Hesperus Tochter. Diod. Sic. l. IV. c. 27. p. 162. Noch andere geben für ihren Vater selbst den Erebus, für die Mutter aber die Nacht an; Hygin. Præf. p. 2. oder auch für jenen den Phorcys, und für diese den Ceto. Schol. Apollon. l. c.

3 §. Anzahl und eigentliche Namen. Einige zählen ihrer drey, andere viere, und sollen sie bald Aegle, Hesperie und Aerika. Hygin. Præf. p. 2. bald Aegle, Hesperie und Arethusa, Luctat. ad Stat. Theb. II. v. 285. bald Aegle, Hesperie und Erytheis, Apollon. IV. 1427. bald Aegle, Hesperie, Medusa und Arethusa, Fulgent. de Contin. Virg. p. 755. bald Aegle, Erythia, Hestia und Arethusa, Apollod. lib. II. c. 5. §. 11. bald Egle, Arethusa und Hesperusa, Serv. ad Virg. Aen. IV. v. 484. bald noch anders geheißen haben, zumal, da einige ihre Zahl selbst bis auf sieben setzen. Diod. Sic. l. c.

4 §. Stand und Schicksal. Sie waren Nymphen und hatten Gärten, in welchen goldene Aepfel wuchsen, die der Venus gewiedmet waren, und von einem schrecklichen Drachen, der niemals [1265] schlief, gehütet wurden. Herkules aber erlegete ihn, und brachte die Aepfel hinweg, als ihm Eurystheus anbefohlen hatte dieselben zu holen. Andere wollen, als Juno mit dem Jupiter Hochzeit gehabt, und alle Götter derselben ihre Geschenke gebracht, so habe die Erde einen Baum hervor wachsen lassen, welcher goldene Aepfel getragen. Weil aber die Hesperiden dieselben immer abgebrochen, da sie doch dieselben hüten sollen, so habe Juno endlich erwähntem Drachen solche Verrichtung aufgetragen, den aber Herkules gedachter maßen endlich wieder weggeschafft. Serv. ad Virg. Aen. IV. v. 484. Jedoch geben auch einige vor, daß er nicht selbst die Aepfel geholet, sondern, nach des Prometheus Rathe, lieber so lange den Himmel für den Atlas gehalten, und sie sich von demselben bringen lassen. Dieser habeihm denn drey derselben geliefert, die er zwar dem Eurystheus gebracht, jedoch aber von solchem auch wieder geschenkt bekommen; und, da er sie der Minerva gegeben, so habe diese sie wieder an ihren vorigen Ort gebracht. Apollod. l. II. c. 5. §. 11. & Schol. Apollon. ad l. IV. v. 1399. Nach andern sind diese Hesperiden von ungemeiner Schönheit und Klugheit gewesen; daher der Tyrann, Busiris, einige Schiffe mit seinen Leuten abgeschickt, dieselben zu entführen, und ihm zu überbringen. Dieß gieng auch in so fern glücklich an, weil die Räuber die Jungfern in einem Garten spielend antrafen, sie gefangen nahmen, und auf ihre Schiffe brachten. Allein, indem sie sich über ihre Beute an dem Ufer lustig machten, so kam Herkules darzu, machte sie insgesammt nieder, und stellete die Jungfern ihrem Vater wieder zu, wofür ihm denn dieser nicht allein die Aepfel, die er dem Eurystheus bringen sollte, zustellete, sondern ihn auch noch die Astrologie lehrete. Diod. Sic. l. IV. c. 27. p. 162. Die Argonauten trafen auf ihrer Zurückfahrt auch die Hesperiden an, welche sogleich vor ihnen verschwanden, auf des Orpheus Beschwörung aber sich so fern wieder sehen ließen, [1266] daß Hesperie die Gestalt eines Pappelbaums, Erytheis die Gestalt eines Ilmenbaums, und Aegle die Gestalt einer Weide annahm. Sie beklageten sich ungemein über den Herkules, der ihnen nur den Tag vorher die goldenen Aepfel entführet hatte: jedoch zeigeten sie den Argonauten in ihrer Noth, da sie fast verdursten müssen, einen Brunnen, der vom Herkules gemacht worden, da er in dergleichen Noth mit dem Fuße wider den einen Felsen gestoßen. Apollon. l. IV. v. 1406. Auf einer zu Nikopolis am Ister geschlägenen Münze des Marc. Aurel. Antonins sieht man den Herkules mit dreyen Aepfeln in der linken Hand und der Löwenhaut über dem Arme vorgestellet, wo er sich mit der rechten auf seine Keule stützet, welches diese Entführung andeuten soll. Frœl. tentam. p. 268. Eben die Stellung, nur umgekehrt, findet man auch auf einer Marcianopolitanischen des Macrinus. Ib. p. 291. Auf einem schönen Schaustücke aber sieht man den Herkules mit der rechten Hand nach dem Baume greifen, die Aepfel abzupflücken. In der linken hält er die Keule nebst der Löwenhaut. Um den Baum windet sich eine einköpfichte Schlange, welche den Kopf sinken läßt, als ob sie einen tödtlichen Schlag bekommen hätte. Daneben steht eine Person, welche den Herkules anzuflehen scheint, nichts abzubrechen: zwo andere aber fliehen erschrocken davon. Corrar. numis. ær. sel. max. mod. t. 17.

5 §. Ort ihres Aufenthaltes. Diesen setzen einige in die Gegend der Stadt Berenice in Afrika, Plin. H. N. l. V. c. 5. andere noch über die Stadt Lixo in dem tingitanischen Mauritanien. Id. ib. c. 1. & lib. XIX. c. 4. Die dritten geben einige Inseln noch über dem grünen Vorgebirge hinaus dazu an. Pompon. Mela l. III. c. 10. Sie irren sich aber wohl in so fern, weil solche Gärten von den andern Scribenten insgesammt auf das feste Land von Afrika gesetzet werden. Cleric. ad Hes. Theog. v. 215. Nicht besser hält es mit denen, wo nicht noch schlimmer, welche die Gärten der Hesperiden lieber gar nur in Karien, in[1267] klein Asien, suchen wollen. Palæph. de Incred. c. 19.

6 §. Eigentliche Bewandniß. Daß ihre goldenen μῆλα nicht Aepfel, sondern Schafe gewesen, die entweder ihrer ungemeinen Schönheit wegen, oder, weil sie wirklich eine gelbliche Wolle gehabt, golden genannt worden, haben schon einige der ältesten Autoren daher zu behaupten gesucht, weil μῆλα sowohl Schafe, als Aepfel, im Griechischen bedeutet. Diod. Sic. l. IV. c. 27. p. 162. & Palæphat. de Incred. c. 19. Einige dergleichen soll denn Atlas dem Herkules für die guten Dienste gegeben haben, die er ihm wider den Busiris geleistet. Banier Entret. XIV. ou P. II. p. 77. Dess. Götterl. IV B. 625 S. Oder wenn er sie auch mit Gewalt hinweg genommen, so soll der Drache dabey nichts, als der Hirt, gewesen seyn, der sie gehütet, den aber Herkules erleget. Serv. ad Virgil. Aen. IV. v. 484. Sieh Hesperius draco. Jedoch wollen andere lieber für die Schafe Citronen und Pomeranzen verstehen, als die ihrer Farbe wegen goldene Aepfel können genannt werden. Sie suchen ihren Beweis insonderheit darinnen, daß allezeit der Gärten, nicht aber der Wiesen oder Triften der Hesperiden gedacht werde, auf denen die Schafe, nicht aber in Gärten, zu suchen sind. Cleric. ad Hesiod. Theog. v. 215. Noch andere wollen, daß das griechische μῆλα in dieser Historie aus dem Arabischen malon oder molon gemacht sey, welches so viel als einen Schatz, Reichthum, bedeute, dergleichen die Hesperiden, welche gewisse Prinzessinnen gewesen, besessen, den ihnen aber Herkules abgenommen. Bochart. Chanaan. l. I. c. 24. So verstehen auch einige durch den Baum mit den goldenen Aepfeln den verbothenen Baum im Paradiese, durch den Drachen den Teufel, durch den Herkules Adam u.s.f. Spanhem. ad Callim. Hymn. in Cerer. v. 10.

7 §. Anderweitige Deutung. Einige deuten sie auf die Sterne, wie die Sonne auf den Herkules, die durch ihren Aufgang jene verdunkelt, und ihnen also gleichsam ihren Glanz raubet. [1268] Durch ihren Garten wird ferner der gestirnte Himmel, wie durch die runden Aepfel, die Ründe der Sterne, durch das Gold ihr gelber Glanz, durch den Drachen der Thierkreis, oder auch der Drache am Himmel u.s.f. verstanden. Voss. Theol. gent. l. II. c. 15. So verstehen auch einige unter dem Drachen die Laster; denn, wer solche überwindet, kann die goldenen Aepfel oder Belohnungen der Tugenden erlangen. Masen Spec. ver. occ. c. XX. n. 23.

Quelle:
Hederich, Benjamin: Gründliches mythologisches Lexikon. Leipzig 1770., Sp. 1264-1269.
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