Atlas

[464] ATLAS, antis, Gr. Ἄτλας, αντος, ( Tab. I. & VIII.)

1 §. Namen. Diesen hat er nach einigen von τλῆναι tragen, und zwar durch Letterwechsel, also, daß Ἄτλας, so viel, als τᾶλας, sey, und einen bedeute, der etwas trägt. Voss. Etymol. sub Telamon [464] ex Eustathio. Dagegen leiten ihn andere von dem ebräischen hathla, hängen, her, weil es scheine, als hiengen die Felsen des Berges in der Luft, oder auch, weil er den hangenden Himmel trage. Cleric. ad Hesiod. Theogon. v. 509. Allein, einige wollen ihn auch lieber gar von dem deutschen Adel, oder auch Atta, das ist Vater, herleiten, Abel Histor. Monarch. lib. II. c. I. §. 12.

2 §. Aeltern. Sein Vater war, nach einigen, Uranus oder Cölus, Diod. Sicul. lib. III. c. 60. p. 35. nach andern aber, Japetus, Hesiod. Theogon. v. 509. und nach den dritten, Neptun. Plato in Critia, p. 1103. Opp. Die Mutter aber war, nach einigen, die Klymene, des Oceanus Tochter, Hesiod. l. c. nach andern, die Asia, auch des Oceanus Tochter, Apollod. lib. I. c. 2. §. 3. nach den dritten die Asope, nach den vierten die Libya; Nat. Com. lib. IV. c. 7. und nach den fünften Klito. Plato l. c. Allein, wenn wenigstens auch drey Atlantes gewesen seyn sollen, als der mauritanische, der italienische und arkadische. Serv. ad Virg. Aen. VIII. 134. so haben gar leicht deren Aeltern, wie ihre Thaten, vermenget, und also alles dem mauritanischen insonderheit zugeschrieben werden können.

3 §. Stand und Schicksal. Nach einigen war er einer der Titanen, die den Jupiter bekriegeten, und zwar der Anführer derselben, mußte aber, als er und sein Anhang den Kürzern zogen, zur Strafe den ganzen Himmel auf seine Schultern nehmen und also tragen. Hygin. Fab. 150. Es traf ihn nachher auch unter solcher Last Herkules an, als er dem Eurystheus die goldenen Aepfel aus den hesperischen Gärten holen sollte, und fragete ihn deßhalber um Rath, ließ sich auch behandeln, den Himmel selbst für ihn auf den Hals zu nehmen; dagegen ihm Atlas die besagten Aepfel bringen wollte. Als er aber dabey vermerkete, daß Atlas falsch spielen, und ihn unter der Last wollte stecken lassen, so gab er vor, es sollte Atlas den Himmel nur so lange wieder nehmen, bis er sich erst in eine etwas bessere Stellung gesetzet. Allein, da Atlas[465] seine Last einmal wieder auf sich genommen, so machete Herkules sein Compliment, und gieng damit seiner Wege. Apollod. lib. II. c. 4. §. 11. & Schol. Apollon. ad lib. IV. v. 1399. Andere hingegen machen ihn zu einem besondern Prinzen, dem in der Erbtheilung mit seinen Brüdern die Länder gegen Abend an dem Oceane zugefallen, und, da er insonderheit ein guter Sternseher gewesen, auch die Beschaffenheit der Sphäre zuerst erfunden, so habe man gedichtet, als ob er den Himmel auf seinen Achseln trage. Was aber mit dem Herkules vorgegangen, deutet man dahin, daß er solchem ebenfalls die Astronomie gewiesen habe. Diod, Sic. lib. III. c. 60. p. 135. Noch andere machen ihn nur zu einem Libyer, der ein guter Mathematicus gewesen: indem er aber auf dem Atlas seine astronomischen Beobachtungen angestellet, so habe er es dereinst versehen, und sey von dar herab ins Meer gefallen und ertrunken, daher denn so wohl dieses, als besagter Berg, von ihm den Namen bekommen habe. Tzetz. ad Lycophr. v. 879. Manche machen ihn aber gar nur zu einem Hirten, welchen Perseus um Herberge ersuchet: da er ihn aber nicht aufnehmen wollen, so habe er ihn durch den Medusenkopf in einen Felsen, oder den Berg Atlas verwandelt. Polydius op. eumd. l. c. Jedoch, wie das Wort ποιμὴν bey den Alten bald einen Hirten, bald einen König bedeutet, also bleiben einige doch hier bey letzterer Bedeutung, und wollen, daß solchem Atlas prophezeyet worden, wie ihm noch einer von Jupiters Geschlechte die goldenen Aepfel aus seinen Gärten entführen würde, daher er auch den Perseus, eben um der Ursache willen, weil er eigentlich des Jupiters Sohn gewesen, nicht aufnehmen wollen, sondern noch mit Gewalt darzu abgewiesen. Es sollen aber hierbey seine Haare und sein Bart in Bäume, die Schultern in des Berges Gipfel, der Kopf in die größte Höhe, und die Gebeine in die harten Felsen verwandelt worden seyn, alles aber nach der Götter Verordnung einer viel ungemeinern [466] Größe geworden seyn, als es an sich erst gewesen. Ovid. Metam. IV. 626.

4 §. Familie. Seine Gemahlinn war, nach einigen, die Pleione, des Oceans und der Tethys Tochter, Ovid. Fastor. l. V. nach andern aber, die Hesperis, eine Tochter seines Bruders, des Hesperus. Diod. Sicul. lib. IV. c. 27. p. 162. Er zeugete aber mit seiner Gemahlinn, welche es auch unter beyden gewesen, wiewohl die meisten doch die erste dafür angeben, bis auf die funfzehn Töchter, von welchen sieben, Maia, Elektra, Taygeta, Asterope, Asterope, Halcyone und Celäno gewesen, die von ihrer Mutter, die Pleiade, Id. lib. III. c. 60. p. 135. die fünf folgenden aber, als die Phäsyla, Ambrosia, Coronis, Eudora und Polyxo von ihrem Bruder, dem Hyas, Hyaden genannt werden, Hygin. Fab. 292. der übrigen drep Namen aber sind unbekannt. Indessen aber hatte er auch noch zween Söhne, als den nur benannten Hyas und den Hesperus, Diod. Sicul l. c. welchen letztern aber einige auch für seinen Bruder angeben. Wie aber zuerst benannte seine Töchter wegen ihrer Schönheit weit und breit berühmt waren: so machte auch Busiris, König in Aegypten, einen Anschlag auf sie, und ließ sie, indem sie sich in ihren Gärten belustigten, insgesammt aufheben. Weil aber die Räuber mit ihnen an dem Ufer etwas verzogen, und immittelst Herkules dazu kam, so machete er solche Menschendiebe nieder, und stellete dem Atlas seine Töchter wieder zu. Id. lib. IV. c. 27. p. 162. Indessen aber fanden sich doch andere Näscher dargegen ein. Denn Jupiter zeugete mit der Maia den Mercurius, mit der Taygete den Lacedämon, und mit der Elektra den Dardanus; Neptun mit der Alcyone den Hyreus, Hygin. Fab. 155. und mit der Celäno den Lykus. Id. Fab. 157. Doch heurathete auch Oenomaus die Sterope, Apollod. lib. III. c. 10. §. 1. und Sisyphus die Merope rechtmäßiger Weise, Hygin. Astron. Poet. lib. II. c. 21. Es steht von ihnen noch ein und anderes mehr unter dem vorhergehenden Artikel Atlantides zu sehen.

[467] 5 §. Eigentliche Historie. Er war allerdings ein Prinz aus dem Geschlechte der Titanen, die sich, unter seiner;Anführung, mit dem Jupiter um die Herrschaft über Griechenland zauseten; und, da er endlich mit seiner Partey zu kurz kam, so mußte er sich zu Poloso in Böotien behelfen. Abel. Hist. Monarch. lib. II. c. 1. §. 12. Cf. Pausan. Arcad. c. 20. Jedoch gesetzt auch, daß er König hieselbst gewesen, und dessen Reich mit der Zeit selbst auch sein Enkel Mercurius ererbet, Banier Entret. VI. ou P. I. p. 142. so ist doch sein Halten des Himmels nichts, als eine Fabel, welche sich auf die Gleichheit seines Namens mit dem Berge Atlas gründet, auf dem, seiner Höhe wegen, der Himmel allerdings zu liegen scheint. Und nichts mehr hat auch seine Verwandelung in solchen Berg hinter sich. Daß er aber ein guter Sternseher gewesen, und dem besagten Berge auch von sich den Namen gegeben, kann man denen, die es zumal schon von den Alten vorgeben, Diod. Sic. lib. III. c. 60. p. 135. wohl zustehen. So scheint auch die Deutung einiger so gar unwahrscheinlich nicht zu seyn, welche wollen, man sage darum, Perseus habe den Atlas in einen Berg verwandelt, weil er, nach Ueberwindung der Gorgonen auch diesen Atlas in seinem Königreiche angegriffen, und endlich gezwungen, sich auf besagten Berg zu flüchten. Boccacc. l. IV. c. 29.

6 §. Anderweitige Deutung. Wenn er darum in einen Berg verwandelt worden seyn soll, daß er den Perseus nicht zur Herberge aufnehmen wollen, so soll es zur Lehre dienen, daß ungastfreye und unfreundliche Menschen den harten und unbeweglichen Steinfelsen zu vergleichen seyn, Omeis Mythol. in Atlas s. p. 55. und, wenn er den Himmel, als eine große Last, auf seinen Schultern tragen soll, so will man solches auf die Schwierigkeit und Mühe deuten, welche die Astronomie zu ihrer Erlernung erfordert. Boccac. l. IV. c. 29. Da aber sich sonst auch ein Sprichwort findet Atlas Cælum, Ἄτλας τὸν οὐρανὸν, so soll selbiges von einem gebrauchet werden, [468] der sich was großes unterfängt, allein darinnen unglücklich ist, Suidas in Ἄτλας, s. Tom. I. p. 372. oder auch so gar der sich selbst großen Verdruß und viel Ungelegenheit, auch so gar sein Verderben, auf den Hals zieht. Wenn es aber einige auch darauf gründen, daß solcher Atlas den Cölus zu sich in die Herberge genommen, solchem aber darbey nach dem Leben getrachtet, jedoch von solchem, als es selbiger gemerket, in das von ihm benannte Meer hinab gestürzet worden, Erasm. Chiliad. Adag. p. 86. so muß man bekennen, daß man nicht wisse, von welchem alten Schriftsteller solches beygebracht werde. Einige haben ihn für den Loth halten wollen. Fourmont Reflex. crit. sur l'hist. des anc. peupl L. II. sect. 3. c. 2. p. 61. 66.

Quelle:
Hederich, Benjamin: Gründliches mythologisches Lexikon. Leipzig 1770., Sp. 464-469.
Lizenz:
Faksimiles:
464 | 465 | 466 | 467 | 468 | 469