Nox

[1745] NOX, noctis, Gr. Νὺξ, νυκτὸς, ( Tab. I.)

1 §. Namen. Diesen hat sie nach einigen von noceo, weil sie den Augen schadet, Servius, Isidor. & alii ap. Voss. Etymol. in Nox, p. 402. oder auch, weil sie allen mit ihrer Kälte schadet, wo die Sonne nicht dazu kömmt; Catull. ap. Varron. de L. L. l. V. c. 2. Am richtigsten wird aber der lateinische Namen von dem griechischen νὺξ hergeleitet. Varro l. c.

2 §. Aeltern. Nach einigen war sie Amors, oder der Liebe Tochter. Orpheus Argon. v. 15. Nach andern hatte sie den Chaos zum Vater, Hesiod. Theog. v. 123. wobey ihr einige die Dunkelheit (Caligo) zur Mutter geben. Hygin Præf. p. 1. Nach den vierten ist sie vom Erebus erzeuget; Varro ap. Muncker. ad Hygin. l. c. und nach den fünften sind die Erde und ein Unbekannter ihre Aeltern. Paullus Perusin. ap. Boccacc. l. I. c. 10.

3 §. Wesen. Sie wurde als eine der ältesten Göttinnen verehret Aratus ap. Nat. Com. l. III. c. 12. und für die Mutter, nicht allein der Menschen, sondern auch der übrigen Götter, gehalten. Orph. Hymn. II. v. 1.

4 §. Gemahl und Kinder. Phanetes, welcher so viel als die Sonne bedeutet, freyete um sie, wurde aber abgewiesen, weil sie keinen Mann nehmen mochte, den sie nicht gesehen hatte. Sie heurathete also den Erebus, wofür sie aber Phanetes nachher, als ihr abgesagter Feind, beständig verfolgete. Pronapis ap. Boccacc. l. I. c. 10. Aus dieser Ehe entstunden die Himmelsluft (Æther) und der Tag. Hesiod. Theog. v. 124. Einige setzen den Epiphron, Epaphus, Dumilis, Porphyrion, die Nemesis, Euphrosyne, Styx,[1745] die Zwietracht, Freundschaft und Barmherzigkeit noch hinzu. Hygin. præf. p. 1. So soll sie auch die Liebe, die List, die Furcht, die Arbeit, die Misgunst, das Schicksal, den Tod, die Finsterniß, das Elend, das Klagen, die Gunst, den Betrug, die Hartnäckigkeit, die Träume, die Parcen und Hesperiden mit ihm gezeuget haben. Cic. de N.D. l. III. c. 17. Viele davon aber hat sie nach andern für sich allein geboren, als das Schicksal, die Parcen, die Träume, die Hesperiden, die Nemesis, den Betrug, die Freundschaft, das Alter, und die Arbeit; welchen man noch den Tod und den Schlaf den Momus, den Kummer, den Hader, die Vergessenheit, den Hunger, den Schmerz, den Streit, den Mord, die Schlachten, die Niederlagen, die Zänkereyen, die Lügen, die Verachtung der Gesetze, die Mishandlung, und den Eidschwur beyfüget. Hesiod. l. c. 211.

5 §. Bildung. Sie wurde als ein Frauenzimmer in einer schwarzen Kleidung vorgestellet, Euripid. Ion. 1150. die auch dergleichen Decke auf dem Haupte hatte, Nat. Com. l. III. c. 12. und auf einem Wagen mit zweyen Pferden fuhr. Virgil. Aen. V. v. 721. Nach andern saß sie auf einem vierspännigen Wagen, den ihr Jupiter schenkete, als sie ihm bey dem Handel mit der Alkmena merklich günstig war. Theodontius ap Boccacc. l. I. c. 10. Vor solchem Wagen giengen die Sterne theils her, Theocrit. Idyll. II. v. 166. & ad eum Schol. l. c. theils aber folgeten sie demselben nach. Euripid. l. c. Zuweilen gab man ihr noch schwarze Flügel, Virgil. Aen. VIII. v. 369. & ad eum Cerda l. c. und sie kam nach einigen aus dem Ocean, Id. ib. II. v. 250. nach andern aber stieg sie aus dem Erebus hervor. Euripid. Orest. 177. Zuweilen findet man sie ohne Wagen, wie ihr ein bestirnter Schleyer, den sie mit der rechten Hand hält, um den Kopf fliegt. In der linken Hand hat sie eine Fackel, welche sie nach der Erde zukehret, solche auszulöschen. Montfauc. ant. expl. T. I. P. II. p. 360. pl. 214. Man will[1746] sie auch auf einem geschnittenen Steine finden, wo sie dem Morpheus Mohnhäupter austheilet, die Menschen einzuschläfern. Mariet. des Pier. grav. T. II. P. I. t. 60. Sie hat aber sonst nichts charakteristisches, und könnte vieleicht die Göttinn des Schlafes selbst seyn, und der ganze Stein nur die Grade des Schlafes bezeichnen sollen.

6 §. Verehrung. Ihr pflegte ein Hahn geopfert zu werden, weil solches Thier der Nachtstille zuwider ist. Theagenes ap. Nat. Com. l. III. c. 12. p. 229. So wurde ihr Dienst auch mit einem besondern Räuchwerke, imgleichen δαλοῖς, oder Feuerbränden, abgestattet. Orph. Hymn. II.

7 §. Deutung. Sie ist an sich nichts, als die Nacht, deren Beschaffenheit und Umstände man auf vorhergehende Arts vorgebildet. Wenn ihr aber viele Laster und andere Dinge zu Kindern gegeben werden, so ist die Ursache, daß solche Dinge entweder meist bey Nachtzeit ausgeübet werden, oder auch ihr Ursprung und Anfang verborgen und gleichsam mit der Finsterniß der Nacht bedecket ist. Einige deuten sie auf die Unwissenheit, aus welcher denn auch allerhand Laster zu entspringen pflegen. Nat. Com. l. III. c. 12. p. 229.

Quelle:
Hederich, Benjamin: Gründliches mythologisches Lexikon. Leipzig 1770., Sp. 1745-1747.
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