Esther (1)

[91] 1Esther, Reg. (1. Juli). Vom Hebr. Esther = ἀστήρ = Stern. – Esther hieß anfänglich Edissa (hebr. Hadassah = Myrthe), war die Tochter Abihails und nach dessen Tode Pflegekind ihres Oheims Mardochäus, aus dem Stamme Benjamin, der seit seiner Wegführung von Jerusalem in Susan, der Hauptstadt der altpersischen Provinz Susiana, lebte. Als König Assuerus (wahrscheinlich Xerxes I., welcher von 485 eis 464 v. Chr. regierte) seine Gemahlin Vasthi verstoßen hatte, ward Esther (welchen Namen Edissa im persischen Frauenhause erhalten hat) zur Königin erhoben. Ihr Oheim folgte ihr an den königlichen Hof, und hatte durch die Königin dem Könige eine Verschwörung gegen sein Leben entdeckt, war aber dadurch Veranlassung geworden, daß der König auf Antrag seines Günstlings Aman, welchem Mardochäus die anbefohlene Kniebeugung versagte, den Befehl ertheilte, alle Juden in seinen Staaten zu tödten. Schon war durch die Boten dieser Befehl an alle Statthalter ergangen, als die Königin noch zeitig genug Kunde von dem Klagegeschrei ihres Oheims erhielt, und gegen die Hofsitte verstoßend, ungerufen dem Könige nahte, um ihn und Aman zu sich zu einem bereiteten Mahle zu bitten. Aman ging stolz auf diese Einladung aus dem königl. Palaste. Da er den Mardochäus in seinem Schmerze vor dem Thore des Palastes sitzen sah und dieser ihm keine Ehrfurcht bezeugte, beschloß er Nache an ihm zu nehmen, und ließ auf Anrathen seines Weibes Zares einen 50 Ellen hohen Galgen aufrichten, an welchem jener sein Leben enden sollte. Inzwischen erfährt der König in schlafloser Nacht aus den ihm vorgelesenen Reichsannalen, daß Mardochäus für sein Verdienst, dem Könige die wider ihn angezettelte Verschwörung entdeckt zu haben, noch nicht belohnt sei. Er rief Aman herbei, und dieser mußte Mardochäus, dem verhaßten Juden, königliche Ehre anthun. Da kamen der König und Aman, mit der Königin das Mahl zu halten. Esther, vom Könige um ihr Anliegen befragt, deckt vor seinen Augen die blutdürstigen Gelüste Amans auf, und bittet um Gnade für ihr Volk. Der über Aman erzürnte König gab Befehl, den heuchlerischen Höfling zum Galgen zu führen; Mardochäus aber erhielt Befehl, an alle Statthalter der Provinzen Briefe zu senden, nach welchen die Juden ermächtigt werden, ihr Leben zu vertheidigen, und selbst ihre Feinde ru ermorden, von denen sie nach dem frühern Befehle würden angegriffen werden. Die Juden machten wirklich Gebrauch von dieser Erlaubniß und tödteten eine große Anzahl ihrer Feinde. Mardochäus forderte hierauf die Juden auf, den Tag, der zu ihrem Untergang bestimmt war, alljährlich zu feiern unter dem Namen Purim fest27. – So erzählt das Buch »Esther«, das der Kirchenrath von Trient zu den heiligen Büchern gezählt hat, und für dessen Verfasser mehrere Eregeten den Mardochäus [91] und Esther selbst halten, gestützt auf Esth. 9,20; 12,428. (I. 12.)


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Vollständiges Heiligen-Lexikon, Band 2. Augsburg 1861, S. 91-92.
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