Lucas Evangelista, S. (17)

[870] 17S. Lucas Evangelista, (18. Oct.), der Verfasser unsers dritten heil. Evangeliums und der Apostelgeschichte, gebürtig aus Antiochia in Syrien, heißt in einigen Handschriften auch Lucanus198, wovon der Name Lucas nach den Meisten nur eine Abkürzung ist. Nach Anderen wäre er auch jener Lucius23, von welchem der hl. Paulus (Rom. 16, 21) Grüße an die Römer sendet, und welcher bei Einigen auch unter dem Namen Lucas vorkommt, während man diesen, den der hl. Paulus seinen Verwandten nennt, gewöhnlich für den Bischof von Laodicea hält (s. S. Lucas11). Daß der hl. Evangelist Lucas von Antiochia in Syrien, der Hauptstadt von ganz Asien, gebürtig war, wird von allen alten Quellen, namentlich von Hieronymus und Eusebius, bezeugt, und es ist daher unrichtig, wenn Andere die Stadt Cyrene in Libyen als seinen Geburtsort nennen, indem sie unseren hl. Lucas mit dem hl. Lucius aus Cyrene, einem andern Gefährten des dl. Paulus, von welchem in der Apostelgeschichte (13, 1) die Rede ist, verf wechseln (vgl. S. Lucius25). Daß unser hl. Lucas ein Arzt war, wird vom hl. Paulus (Col. 4, 14) selbst angegeben, und der Bollandist [870] Joseph van Hecke führt (nr. 13) auch mehrere Stellen aus seinem Evangelium an, in welchem medicinische Ausdrücke vorkommen, die von andern Evangelisten nicht gebraucht werden. Ob er auch ein Maler gewesen, ist nicht so gewiß, weil bedeutendere Quellen darüber nichts melden, und nur Theodorus Lector und Nicephorus angeben, daß die Kaiserin Eudocia das Bild der Mutter Christi, »welches der hl. Evangelist Lucas gemalt hatte«, von Jerusalem nach Constantinopel an die Kaiserin Pulcheria geschickt habe, die dann dasselbe in einer zu Ehren der Gottesmutter erbauten Kirche aufbewahrt habe. Da die seligste Jungfrau noch lange nach der Bekehrung des hl. Lucas lebte, so konnte derselbe allerdings sie persönlich kennen. Der Bollandist ist auch dieser Tradition nicht entgegen; nur will er nicht so viele Bilder, als manche Andere annehmen, aus des hl. Lucas eigener Hand gekommen erachten, sondern die Vervielfältigung fremder Nachbildung zuschreiben. Nach der Annahme der Meisten war der hl. Lucas ein Heide und um das I. 43 zum Christenthum bekehrt worden. Wer ihn bekehrte, ist nicht gesagt; aber nach der Apostelgeschichte (11, 19. 26) ist es bekannt, daß schon um das I. 41 oder 42 in Antiochia Jünger Jesu waren, die dort zuerst Christen genannt wurden, und da war es wohl möglich, daß unser hl. Lucas schon frühzeitig mit denselben bekannt wurde. Doch meinen Einige, daß der hl. Paulus selbst, der nach obiger Stelle ein Jahr in Antiochia zubrachte, ihn bekehrt habe, obwohl er ihn nirgends seinen »Sohn« nennt, wie das bei andern von ihm Bekehrten der Fall ist. Wenn übrigens spätere Griechen meinen, er sei ein unmittelbarer Jünger Jesu und namentlich jener andere gewesen, der mit dem hl. Kleophas den Herrn Jesus nach Emmaus begleitete (Luc. 24, 18), was auch sogar der hl. Papst Gregorius der Große als die Meinung Einiger anführt; so ist dieses wohl schon deßwegen unrichtig, weil der hl. Evangelist Lucas in seinem Evangelium selbst sagt, er habe Alles das, was er schreibe. durch die Ueberlieferung Anderer erhalten, die vom Anfange an beim Herrn gewesen (Luc. 1, 2). Gewiß ist, daß er später der beständige treue Gefährte des hl. Paulus war. Dieser schreibt in Bezug auf ihn an die Kolosser (4, 14): »Grüße von Demas und dem lieben und theuern Lucas, dem Arzte«; er nennt ihn und Demas (Philem. 24) nebst noch Andern unter den Mitarbeitern, und wenn er sich (2. Tim. 4, 9) darüber beklagt, daß Demas ihn in seiner zweiten Gefangenschaft zu Rom verlassen habe, so sagt er gleich darauf (V. 11), daß Lucas allein bei ihm sei. In der ersten Zeit seiner Bekehrung scheint jedoch der hl. Lucas in Philippi oder der Umgegend sich aufgehalten zu haben, wo er dann mit dem hl. Paulus in Berührung kam, mit welchem er nach der Apostelgeschichte (16, 10 ff.) nach Macedonien zu reisen suchte. Er ist zwar da nicht ausdrücklich genannt; aber da er den Ausdruck »wir«gebraucht, so folgt daraus, daß auch er mitgereist sei. Doch erst später, nachdem nämlich der hl. Paulus von Philippi aus zum zweiten Male nach Troas199 kam und von da über Miletus je. nach Jerusalem reiste (Apstg. 20, 6 ff.), war unser hl. Lucas immer bei ihm und ließ sich durch keine Schiksalslage mehr von dem Apostel abwenden; denn er war, wie bereits angegeben wurde, auch in Rom dem gefangenen hl. Paulus mit getreuester Thätigkeit ergeben. Ueber die Zeit, wann er seine Schriften verfaßte, läßt sich als gewiß feststellen, daß er das Evangelium vor der Apostelgeschichte, beide aber bald nacheinander geschrieben habe. Wo er sie schrieb, ist ebenfalls nicht sicher zu bestimmen; indessen hat es Vieles für sich, wenn man annimmt, daß er sie zu Rom verfaßt habe und zwar zur Zeit, als er mit dem gefangenen Paulus dort verweilte, oder nach Allioli nicht vor dem J. 60 und nicht nach dem J. 70 n. Chr., während nach W.W. (III. 788) die Abfassung dieser Schriften zwischen die Jahre 59–62 fiele. Er verfaßte seine Schriften in der griechischen Sprache und widmete sie einem gewissen Theophilus, welcher wahrscheinlich in Antiochia einen ansehnlichen Posten, wohl unter römischer Autorität, bekleidet hat. Angriffe auf dieselben sind erst in neuester Zeit von Frisch und Strauß gemacht worden, während sie bis daher immer unangetastet geblieben waren. Die alten Kirchenschriftsteller geben an, der hl. Lucas habe bereits die Evangelien des Matthäus und Marcus vor sich gehabt und sie benützt, oder vielmehr in Manchem vervollständigt. Dabei schrieb er nur das, was er von Augenzeugen, die vom Anfange an bei [871] Jesus waren, gehört hatte, wie er im Anfange seines Evangeliums (1, 2) selbst sagt; daher zeichnet er sich durch große Genauigkeit aus200.Dabei ist ihm wohl auch der hl. Apostel Paulus, der seine Offenbarungen vom Herrn selbst erhalten, an die Hand gegangen, wie aus der Aehnlichkeit der Ausdrücke hervorgeht, welche Paulus und Lucas öfter, z.B. bei der Einsetzung des heil. Adendmahls, bei der dem hl. Petrus zu Theil gewordenen Erscheinung des Herrn etc., gebrauchen. Uebrigens gibt der hl. Lucas in seinem Evangelium Manches, was in den ersten zwei Evangelien sich nicht findet. Ihm verdanken wir z.B. die meisten Nachrichten von der jungfräulichen Mutter des Herrn, die Geburt des hl. Johannes des Täufers, die Erweckung des verstorbenen Sohnes der Wittwe von Naim, die Gleichnisse vom barmherzigen Samaritan, vom reichen Manne und dem armen Lazarus, vom verlornen Sohne, vom betenden Pharisäer und Zöllner und manches Andere. Was die Apostelgeschichte betrifft, so ist sie eine Fortsetzung seines Evangeliums. In den ersten 12 Kapiteln erzählt er die Wirksamkeit der vorzüglichsten Apostel zur Verbreitung des heil. Glaubens von der Himmelfahrt des Herrn an. In den übrigen Kapiteln beschränkt er sich fast ausschließlich auf die Thaten und Wunder des hl. Paulus, deren Augenzeuge er gewesen. Die Apostelgeschichte enthält die Geschichte der aufsprossenden Kirche durch einen Zeitraum von 30 Jahren, von der Himmelfahrt Christi bis zur ersten Gefangenschaft des Apostels Paulus in Rom, welche 2 Jahre (bis zum I. 63 oder 64 n. Chr.) dauerte. Warum er hier plötzlich abbricht und die so interessante Geschichte nicht noch weiter fortsetzt, läßtsich angeben, sowie man auch über die weiteren Lebensverhältnisse des hl. Lucas keine bestimmten Nach richten hat. Nach Epiphanius soll er in Dalmatien, Gallien (nämlich in Gallia cisalpina, dem heutigen Oberitalien), Italien und Macedonien die Lehre Christi verkündet haben; Hansizius gibt in seiner Germania sacra (T. I. p. 15) auch Noricum an, wo er nach Lorch (Laureacum) gekommen sei201 Letzteres und die Wanderung des Heiligen nach Pannonien wird bei W.W. (VIII. 72. 171) wohl mit Recht beanstandet. Die nähern Umstände seines spätern Wirkens sind ganz und gar unbekannt. Nach Einigen beschloß er sein Leben im Frieden zu Theben in Böotien; Andere sagen, er habe zu Patras (Patrae) in Achaja als Martyrer sein Blut vergossen. Bei Zedler findet sich (18, 645) sogar angegeben, daß man behaupten wollte, er habe zu Rom den Martertod gelitten. Der Bollandist wagt die Todeszeit des Heiligen nicht näher anzugeben, wie er sich überhaupt bei der Bearbeitung der Geschichte dieses hl. Evangelisten wenig in chronologische Erörterungen eingelassen hat und dafür die verschiedenen bezüglichen Daten, die oft von Verschiedenen sehr verschieden angegeben werden, in einer übersichtlichen Tabelle nach nicht weniger als 14 biblischen Autoritäten auf pag. 285 darstellt. Er setzt darum für das Jahr seines Todes eine sehr allgemeine Grenze, nämlich zwischen die Jahre 75 und 100 n. Chr. Eben so wenig ist das Alter sicher; Einige lassen ihn 80, Andere 70 Jahre alt werden. Er war beständig unverheirathet geblieben. Im I. 357 wurden seine Reliquien nach Constantinopel gebracht. Im I. 542 wurden sie unter Kaiser Justinian I. neu aufgefunden. Mehrere Kirchen beanspruchten den Leib des hl. Evangelisten. So die Klosterkirche S. Salvator de Gulleto oder des hl. Guielmus15, der in seinem Kloster zu Goglieto starb, dort begraben liegt und den aus dem Oriente gekommenen Leib des hl. Lucas in Empfang genommen haben soll. Für diesen Besitz kann jedoch der Bolländist keine starken Beweisgründe finden. Sowohl [872] die Minoriten der Observanz im Kloster St. Job zu Venedig, als die Benedictiner bei St. Justina in Padua wollen im Besitze des hl. Leibes seyn. Padua hat jedoch eine ältere Tradition für sich, und es sind Nachrichten vom I. 1127 vorhanden, während die Venetianer erst ein Jahrhundert später den kostbaren Schatz durch Kauf von Seite dreier venetianischer Handelsleute erhalten hätten. Verschiedene Reliquien vom hl. Lucas finden sich als früher oder jetzt noch existirend an noch andern Orten angezeigt, z.B. auf dem Berge Athos in Griechenland, zu Oviedo (Ovetum) in Spanien, ferner bei Valladolid im Cistercienserkloster Espina, in Barcelona, in Valencia, in einigen französischen Städten, wie in der Kathedrale zu Sens, wo sie aber im J. 1793 abhanden kamen, zu Valence, Douai in der Abtei Lissies; in Belgien sind es die Städte Mecheln und Tournai, welche Reliquien von ihm zu haben angeben. Jedoch fehlt beinahe Allen die hinreichende Beglaubigung. Nicht zu vergessen ist der hl. Kriegsoberste Artemius9, der im Auftrage des Kaisers Constantius II. im Jahre 357 den hl. Leib von Patras nach Constantinopel förderte. Der hl. Evangelist Lucas wird als Patron der Aerzte und auch der Maler angegeben. Als Symbol ist ihm (nach Ezech. 1, 10 und Apocal. 4, 7) ein Stier oder Rind beigegeben, weil er sein Evangelium mit dem Priesterthume beginnt, nämlich dem Priesterdienste des Zacharias. Oft hat er auf Gemälden das Buch auf dem Kopfe des Stiers. Nach Migne's Dict. iconogr. S. 366 wird er oft sitzend dargestellt, im Begriffe das Evangelium zu schreiben; oder er malt das Bild der Mutter des Herrn; oder es ist eine Staffelei, Malergeräthe, das Bild der hl. Jungfrau etc. vor ihm. Sonderbare Mittheilungen gibt uns Katharina Emmerich in dem Leben Christi (I. 151), denen zufolge der hl. Lucas, dem es schon gar nicht einleuchten wollte, daß Jesus mit so geringen Leuten umging, weder ein Jude noch ein Heide war; wie sie ihn sah, war er ein Gelehrter, der überall herumhorchte; er war mehr römisch als jüdisch gekleidet, hatte in Aegypten studirt, war Arzt, sammelte Kräuter, malte auch Götzenbilder, die er nach Aegypten schickte; trat aber nach vielem Umgang mit den Jüngern Jesu kurz nach Jesu Tod fest zu ihrer Schaar über. Erinnerungen an den hl. Lucas finden sich bei den Bollandisten am 14. März (II 343), auch am 15. März (II. 374), dann am 21., 26. Sept., 13. Oct., 27. Nov. Ausführlich aber behandeln sie ihn am 18. October. Nach dem Mart. Rom., in welchem sein Name auch am 18. Oct. steht, starb der hl. Lucas in Bithynien; seine Gebeine, heißt es dann, wurden nach Constantinopel und von dort nach Padua gebracht. Nach Menzel (Symb. II. 43) soll er auch Patron der Glaser seyn; aber den Grund kann er nicht angeben. (VIII. 282–313).


Quelle:
Vollständiges Heiligen-Lexikon, Band 3. Augsburg 1869, S. 870-873.
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