Maurus, S. (1)

[342] 1S. Maurus, Abb. (15. al. 2. Jan., 5. Febr., 12. März, 10. Juni, 13. Nov.). Der hl. Abt Maurus, geboren zu Rom im J. 510 oder 511, war der Sohn eines römischen Senators Namens Eutychius (auch Aequitius, Evitius, Euthitius geschrieben). Seine Mutter hieß Julia. Vom hl. Ordensstifter Benedictus, zu welchem er von seinen frommen Eltern, als er zwölf Jahre zählte, nach Subiaco gebracht wurde, erhielt er seine Erziehung. Dieser große Mann erkannte in dem Knaben frühzeitig den künftigen Gehilfen, und verwendete auf ihn ganz besondere Liebe und Sorgfalt. In der That zeigten sich bald die schönsten Früchte seiner Bemühungen. Der Jüngling ehrte seinen Lehrmeister wie einen Vater und untergab sich seinem Willen mit rückhaltlosester Demuth. Bald ragte er auch durch Frömmigkeit und strenge Zucht über die Uebrigen hervor. Sein Gebetseifer trieb ihn gewöhnlich schon vor der festgesetzten Zeit in die Kirche, und in der Abtödtung und Züchtigung seines Leibes ging er so weit, als es der hl. Benedictus nur gestattete. Während der Fastenzeit schlief er nie liegend, sondern immer stehend oder sitzend, sein Essen bestand mehr im Kosten der Speisen als im Genusse derselben, im Stillschweigen und in der Lesung war er unermüdlich, in der Kleidung und allen andern Lebensbedürfnissen genügsam bis aufs äußerste. So stieg er von einer Tugend zur andern empor, indem er stets was schwerer und vollkommener schien für sich erwählte. In der Kraft des Gehorsams rettete er dem jungen Bruder Placidus das Leben, indem er über den Fluß, in welchen dieser beim Schöpfen gefallen war, wie über festes Land hinwegschritt, ihn bei den Haaren faßte und herauszog, und erst nach der Rückkehr ans Ufer merkte, daß er auf dem Wasser gegangen sei. Kein Wunder, daß der hl. Benedict den jungen Maurus sehr liebte, ihn den übrigen Brüdern trotz seiner Jugend öfter zum Muster vorstellte, aber auch nicht schonte, wenn er gefehlt hatte. Dieß war namentlich der Fall, als Maurus einst über den Tod eines dem Kloster feindseligen Priesters sich erfreut zeigte. Bald bediente sich der hl. Benedictus dieses Schülers als eines tüchtigen Gehilfen bei der Gründung des Stammklosters Monte Casino. Dieser Mann war von der Vorsehung auserkoren, den Orden des hl. Benedictus im westlichen Gallien zu begründen. Der Bischof Bertigrannus158 von Le Mans (Cenomanum) schickte seinen Archidiacon Flodegarins und seinen Hausbeamten Harderadus nach Monte Casino, um vom hl. Benedictus sich Männer seines Ordens zu erbitten. – So kam der hl. Maurus mit vier Genossen: Simplicius (Simplicianus), Antonius, Constantianus und Faustus nach Gallien. Unter den Segenswünschen des Ordensstifters und den Thränen ihrer Mitbrüder zogen sie im Namen des Herrn von dannen (zu Jahresanfang 543). Die Reise ging anfänglich beständig zu Fuße und daher sehr langsam. Zu Vercelli hatte Harderadus das Unglück, über die Stufen eines Thurms, den sie wegen seiner Höhe und wundersamen Bauart besichtiget hatten, herabzustürzen, und sich so schwer zu verletzen, daß nach dem Urtheile des Arztes sein Leben nur durch Amputation des rechten Armes zu retten war. Da faßte der Archidiacon Flodoardus den Muth, den hl. Maurus zu bitten, daß er dem Kranken die Kraft seiner Fürbitte zuwende. Dieser warf sich vor dem Altare auf den Boden nieder und streckte die Hände auseinander, so daß sein Körper die Gestalt[342] eines Kreuzes bildete, und klopfte lange Zeit unter Seufzern und Thränen an der Pforte der im Sacramente wunderbar nahen göttlichen Güte, ergriff dann die Reliquien-Capsel, die er vom hl. Benedictus erhalten hatte, und ging zu dem Kranken. Dort öffnete er das Gefäß, nahm den Kreuz-Partikel heraus und berühris mit demselben mehrere Male die Schulter und den ganzen Arm des Leidenden, indem er das Kreuzzeichen darüber machte, rief dann den allmächtigen Gott, der im Kreuze die Welt von allen Uebeln erlösete, vertrauensvoll an, und sprach zum Kranken: »Der Herr führe dich durch die Kraft dieses lebendigmachenden Holzes zur frühern Gesundheit.« Da drang an drei Stellen des aufgeschwollenen Armes Blut und Eiter heraus und die Genesung war nun gesichert. Von dieser Zeit an wirkte Gott mehrere Wunder auf die Fürbitte des Heiligen, gab Blinden das Gesicht, und erweckte sogar einen Todten wieder zum Leben. Die Reise ging von Vercelli über die Alpen nach St. Moriz, wo die fromme Gesellschaft die Reliquien der Thebäischen Martyrer zu ehren verlangte. Von da zogen sie an den Ufern des Genfer See's hin über den Jura, und kamen auf den Gründonnerstag nach Auxerre. In dieser Gegend hatte der hl. Romanus ein Kloster gegründet, das von ihm Fons rogi genannt wurde, später aber St. Romain hieß. Hier wollte der hl. Maurus die Osterfeiertage zubringen. Am Charfreitage kam er daselbst an. Hier hat er in einer Vision von dem seligen Hintritt des hl. Benedictus Kenntniß erhalten; ein lichtbesäeter Weg führte ihn von der Zelle zu Casino in die himmlische Klarheit. In der Gegend von Orleans hörten sie, daß Bischof Bertigrannus von Le Mans das Zeitliche gesegnet habe. Sein Nachfolger Dum nolus159 war nicht gesonnen, sie aufzunehmen. Darum wendete sich der hl. Maurus nach Anjou, wo er durch den reichbegüterten und beim König im höchsten Ansehen stehenden Minister Florus ein Kloster zu Glanfeuil (daher Abbas Glannafoliensis) erhielt. Dieses Stift, herrlich gelegen am linken Ufer der Loire, am Rande eines steilen Hügels, hieß später gewöhnlich S. Maurus ad Ligerim. Die neue Niederlassung erhielt bald auch Wachsthum an zeitlichen Gütern. Der König Theodobert nahm sie in seinen Schutz, denn der hl. Maurus hatte ihm durch seinen Minister Florus wissen lassen, daß die Beobachtung des Ordens die höchste Ruhe und Sicherheit verlange. Dieser selbst übergab ihm in voller Rechtsform alle seine Güter in Glannasolium, später St. Maursur-Loire genannt. Gewissermaßen als Pfand seines eigenen spätern Eintretens übergab er dem Kloster seinen achtjährigen Sohn Bertulfus zur Erziehung und zum Unterricht. Acht Jahre nach seiner Ankunft war das Kloster vollkommen eingerichtet. Vier Kirchen wurden gleich Anfangs bei demselben erbaut, von denen die größte dem hl. Apostel Petrus geweiht war. Eutropius, Bischof von Angers, weihte sie im J. 550 ein. Ein über die Stiftung angefertigtes Diplom des Königs Chlotar I. ist (Gallia chr. XIV. 682 cf. 685) nur unvollständig auf uns gekommen, beweist aber auch in dieser Unvollständigkeit, daß die Zeit der Gründung von Glanfeuil wirklich vor das J. 561 zu setzen ist. König Theodebert selbst kam ins Kloster und beschenkte es bei dieser Gelegenheit neuerdings mit Gütern und Einkünften. Mit seiner Erlaubniß trat Florus nun selbst ein. Ihm folgten viele andere vornehme Herren aus verschiedenen Gegenden, oder brachten wenigstens ihre Söhne, um sie durch den hl. Maurus erziehen zu lassen. Auch die Könige Theodobald und Chlotar I. (bis zum J. 562) überwiesen ihm, zum Zeichen ihres Vertrauens, Güter und Einkünfte, ja sie beriethen den hl. Maurus öfter auch in politischen und bürgerlichen Angelegenheiten. Nichts aber zeigt deutlicher die Größe des hl. Maurus, als diese Ehrfurcht und Aufmerksamkeit, welche ihm die irdischen Großen bewiesen. Uebrigens war der Heilige froh, sein Werk nach vielem Hin- und Herreisen endlich einmal so befestiget zu sehen, daß er die nöthige Ruhe fand, dem Gebete und Gottesdienste, wie Beruf und Neigung es verlangten, zu obliegen und Andere hiezu anzuleiten. Er that es achtunddreißig Jahre lang mit unermüdlichem, [343] immer zunehmendem Eifer. Als aber nach Umfluß dieser Zeit seine Kräfte immer mehr abnahmen, gab er dem Kloster in der Person seines Schülers Bertulfus einen andern Vorstand. Er war der Sohn des Florus, Herrn von Glanfeuil, und blühte unter Chlotar II. (584–628). Darauf bezog der hl. Maurus eine zu diesem Zwecke erbaute Zelle neben der Kirche des hl. Martinus; zwei Brüder aus dem Kloster wohnten bei ihm zur nöthigen Dienstleistung. Vor seinem Hingange wurde ihm geoffenbart, daß dem Kloster eine schwere Heimsuchung bevorstehe, indem der Tod reiche Ernte unter den Brüdern halten werde. Der hl. Maurus ermahnte sie, sich durch aufrichtige Buße bereit zu halten, und sich über diesen Rathschluß des Herrn nicht zu betrüben; der Herr habe jedem seine Tage gezählt, es komme deßhalb alles darauf an, daß man sein Gewissen reinige, um in Lobpreisungen Gottes die Stadt über uns zu betreten und die Herrlichkeit des Herrn mit seinen Heiligen in der Verklärung zu schauen. Binnen fünf Monaten sah der Heilige 116 Mönche sterben, nur 24 blieben am Leben. Er selbst starb am 15. Januar 583 (Gall. chr. XIV. 685), nach Andern ein Jahr später, im einundvierzigsten Jahre nach seiner Ankunft in Gallien und im zweiundsiebzigsten seines Alters vor dem Altare des hl. Martinus im Bußkleide auf dem Boden liegend, nachdem er zuvor die heiligen Sacramente empfangen hatte, in Gegenwart der Brüder und wurde ebendaselbst bestattet. Man legte in das Grab ein Pergamentblatt, welches seinen Namen und seinen Stand (Mönch und Diacon) nannte, und außerdem die Zeit seiner Ankunft in Gallien (unter Theodeberts Regierung) enthielt. Dieses Blatt wurde im J. 845 wieder aufgefunden. In diesem Jahre übertrug nämlich der Abt Gauslenus, der sechste in der Reihenfolge, die Gebeine des hl. Stifters in einen eisernen Sarg. Das Lebensbild des Heiligen hat Ribadeneira in folgenden Worten kurz zusammengefaßt: »Er war ein Mann von gottseligem Wandel, fertigem Gehorsam, tiefster Demuth, besonderer Bereitwilligkeit zu jeder, auch der verächtlichsten Arbeit, liebreich gegen jedermann, versöhnlich gegen seine Feinde, gegen Alle mild, gegen sich und seinen Leib aber streng, wunderthätig vor und nach dem Tode.« Seine Verehrung im Benedictiner-Orden ist uralt. Sein Name findet sich in den ältesten, von Alcuin verfaßten, französischen Litaneien und in allen spätern. Wegen der stark angezweifelten Glaubwürdigkeit der oben erzählten Reise des Heiligen von Monte Casino nach Gallien neigen sich einige Forscher zu der Ansicht hin, daß der hl. Abt Maurus von Glanfeuil nicht der durch die Erzählung Gregors des Großen berühmt gewordene Schüler des hl. Benedictus gewesen sei. Die heiligen Ueberreste des Abtes wurden im 9. Jahrhundert, um sie vor der Entweihung durch die Normannen zu schützen, unter dem Abte Odo, dem neunten in der Reihenfolge, anfänglich nach Burgund geflüchtet, wo der Abt eine Zeit lang ein Schloß des Grafen Audo an der Saone (Araris) bewohnte, dann aber im J. 868 in das Kloster St. Peter des Fosses bei Paris gebracht (Fossatense coenobium).160 Von diesem J. an hatte das Kloster Glanfeuil bis zum J. 1096 keine Aebte mehr, es hieß nur Cella und stand eine Zeit lang unter Prioren, von welchen die Namen Einiger sich erhalten haben. Erst vom genannten Jahre, unter Papst Urban II., folgen sich wieder regelmäßig Aebte in der Leitung des Klosters. Unter den Werken, welche auf die Fürbitte und unter dem Schutze dieses großen Heiligen zu Stande kamen, ist die im J. 1621 gestiftete und von Papst Gregor XI. gut geheißene Congregation der reformirten Benedictiner seines Namens ohne Zweifel das größte. Die ganze Welt kenne und rühmt die Verdienste, welche ihre Glieder sich um die Religion und die Wissenschaften erworben haben. Das Kloster seines Namens trat aber erst im J. 1668 in diese schöne Verbindung ein (Gall. chr. XIV. 685). Auch diese einst so blühende Congregation erlag übrigens den Stürmen der Revolution, ist aber seit dem J. 1833 wieder hergestellt. Der neuen Congregation hat man bereits die Herausgabe des letzten Bandes der Gallia christiana zu verdanken, welcher bis ins Einzelnste den früher erschienenen, von den alten Maurinern herausgegebenen Bänden nachgearbeitet ist. Cöln am Rhein rühmt sich, das Haupt oder wenigstens einen Theil der [344] Hirnschale des Heiligen zu besitzen. Einen andern Theil seiner Reliquien ehrte man in dem Kloster der Benedictiner zu Susa (Segusium) in Piemont. Ein Armbein, in silberner Kapsel verschlossen, wird seit dem Ende des 11. Jahrhunderts in Casino verehrt; ein Besessener, der es berührte, wurde sogleich von dem bösen Geiste befreit. Auch Butera in Sicilien besitzt in der Johanneskirche einen Arm des Heiligen. In Prag befindet sich eine Rippe des hl. Maurus, die von Carl IV. dahin gebracht wurde und wird das Fest der Ueberbringung am 2. Januar begangen. In Belgien wurde in die Kirche des hl. Maurus zu Bavay (Bavacum, Bagacum) stark gewallfahrtet. Auf Bildnissen findet er sich als Abt, auf dem Wasser wandelnd, mit Buch und Stab. (I. 1038–1062).


Quelle:
Vollständiges Heiligen-Lexikon, Band 4. Augsburg 1875, S. 342-345.
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