Notburga, S. (2)

[586] 2S. Notburga, V. (14. Sept.)16 Das Leben der heil. Dienstmagd Notburga ist im Munde des Volks den künftigen Jahrhunderten aufbewahrt worden. Die älteste geschriebene Quelle war eine Wandtafel an ihrer Begräbnißstätte, welche die Hauptzüge ihres Lebens in kurzen Sätzen angab.17 Es ist kein Wunder, daß die Reinheit der ursprünglichen Ueberlieferung durch die Volkssage allmählich mehr in die Ferne trat. Dadurch wurde der Ruhm der Heiligen nicht verdunkelt, sondern verklärt. Es ist nicht schwer, in dem Lichtglanze des Sagenkreises, der sie umgibt, das getreue Bild ihres Lebens und Wirkens zu erkennen. Wäre sie nicht wirklich, ungeachtet des beschränkten Wirkungskreises, dem sie angehörte, groß geworden durch Gottes Gnade am innern Menschen und im Leben nach dem Glauben, so hätte ihr Ruf kein Jahrzehnt überdauert. Den Inhalt jener Gedenktafel in möglichster Treue wieder zu geben, ohne der Volkssage ihr Recht zu entziehen, ist die Aufgabe der Geschichtschreibung. Die hl. Notburga, oder wie man ihren Namen noch schreibt, Notburgis oder Nuppurga, war zu Rattenberg am Inn in Tyrol geboren. Ihr Vater war ein Hutmacher und wohnte in dem Eckhause des Marktplatzes, das später das Stettner'sche genannt wurde. Ob dies der Familienname der hl. Notburga sei, wissen wir nicht. Als ihr Geburtsjahr wird das Jahr 1268 angegeben. In der Stadt Rattenberg, also nicht in Rothenburg, erblickte die Heilige das Licht der Welt. Zwar schweigt hierüber die oben erwähnte Gedenktafel, welche seit unvordenklicher Zeit zu Eben aufgehängt war und öfter erneuert worden ist. Aber die hierüber im Orte Rattenberg von Geschlecht zu Geschlecht verpflanzte Tradition, deren Gewißheit von ehrenhaften Priestern und Laien zu Rattenberg eidlich bekräftiget worden, ist um so weniger zu verwerfen, als die Rothenburg selbst Bürgersleute nicht beherbergte und überhaupt außer den Eigenthümern des Schlosses und deren Dienstleuten kaum Einwohner hatte. Auch die Stadt Rattenburg wird übrigens von ältern Schriftstellern öfter Rottenburg genannt. [586] Doch führt uns die Geschichte der Heiligen, da wir von ihren ersten Jugendjahren nichts zu erzählen wissen, sogleich nach Rothenburg. Hier nämlich trat Notburga wahrscheinlich um Lichtmeß des J. 1285 oder zwei Jahre früher in den Dient Heinrichs Herrn v. Rothenburg, damals Haushofmeisters beim Grafen Otto von Tyrol und Kärnthen. Das Schloß liegt schon lange in Trümmern, aber damals war unter den vielen Familien Tyrols die der Herrn von Rothenburg eine der angesehensten. Heinrich von Rothenburg, Notburga's Dienstherr, befindet sich unter den Zeugen der Stiftung des von dem Grafen Meinhard II. gegründeten Cistercienser-Klosters Stams im J. 1275. Daß er auch anderwärts Güter hatte, ist gewiß. Seine Frau hieß Jutta oder Gutta mit dem Zunamen Reichze von Matray. Die Dienstherrschaft erfuhr bald, welchen Schatz sie in Notburga in ihr Haus bekommen hatte. Heinrich nannte sie seine »liebe Köchin,« denn sie fürchtete Gott, und verrichtete ihre Arbeiten mit pünktlicher Genauigkeit. Ihre Gedanken waren im Himmel, auf Erden aber that sie Gottes Willen in der Uebung des Gehorsams. Wo sie konnte, übte sie Gutes, und gab deßhalb, mit Zustimmung der Herrschaft, die übrig gebliebenen Speisen den Armen. Was sie aber auf diese Weise den Leibern zukommen ließ, suchte sie auch in Seelennahrung zu verwandeln, indem sie den Hilfsbedürftigen heilsame Ermahnungen und Lehren mit auf den Weg gab. Letzteres braucht nicht besonders bezeugt zu sein, da die wahre Nächstenliebe bei ihren wohlthätigen Spenden die Seelen nicht weniger im Auge behält als die Leiber. Auf alten Bildern sieht man daher die hl. Notburga mit ihren Mitdienstboten am Spinnrocken sich von himmlischen Dingen unterhalten, man sieht sie den Gefangenen geistlichen Trost spenden, Knechte und Mägde vom Bösen abrathen und zum Guten ermahnen, lauter Dinge, von welchen die alten Lebensbeschreibungen nichts sagen, die aber deßhalb doch so wahr und gewiß sind, als Notburga eine Heilige ist. So lang der alte Herr und seine Frau Jutta lebten, ging dieß alles gut. Als sie aber starben, was ungefähr im J. 1289 geschah, wurde alles anders. Der junge Herr, der gleichfalls Heinrich hieß, hatte einen Geizhalz geheirathet. Frau Ottilia nannte die Wohlthätigkeit ihrer Magd Verschwendung. Was vom Tische übrig bleibe, sagte sie, gehöre den Schweinen. Notburga gehorchte mit schwerem Herzen, ohne deßhalb die Armen leer gehen zu lassen. Da sie die übrig gebliebenen Speisen und Getränke den Armen nicht mehr geben durfte, sparte sie sich am eigenen Munde ab was für die Armen nöthig war. Alle Freitage fastete sie bei Wasser und Brod, die erhaltene Kost und ihren Wein theilte sie an die Armen aus. Dadurch wurde der Stolz ihrer Frau verletzt, welche mißgünstig sah, wie ihre Magd viel frömmer, gutherziger und edler war, als sie selbst. Sie klagte also dem Herrn, daß Notburga eine Menge Bettler und Landstreicher herbeiziehe, welche am Ende Haus und Hof ausplündern könnten. Wirklich hatte der Herr selbst bald Gelegenheit, sich hievon zu überzeugen. Notburga eilte den Schloßberg hinab, Nahrungsmittel in der Schürze, Wein in einem Kruge tragend. Voll Zorn fragte der Herr: »Notburga, was trägst du?« Sie erschrack und öffnete die Schürze. Aber siehe, die Speisen hatten das Aussehen von Spähnen. Gott dankend, gab sie zur Antwort: »Spähne!« Darauf begehrte der Herr aus dem Krüglein zu trinken und siehe, er kostete Essig, oder wie Andere sagen, Hefe. Als aber Notburga wieder nach Hause kam, nahm die Frau sie strenge mit, und kündete ihr den Dienst. Notburga erhielt aber, ehe sie das Haus verließ, noch den Trost und die Freude, ihre strenge Frau in der letzten Krankheit bedienen, und auf einen seligen Tod vorbereiten zu dürfen. Sie pflegte sie wie eine Mutter. Keine Spur erlittener Kränkung konnte man ihr ansehen. Die Frau starb, aber ihr Geist erschien später noch öfter den Lebenden und stieß Töne aus wie grunzende Schweine. Ein Klosterherr von St. Georgen betete für sie und erhielt das Bekenntniß, daß sie schwer gesündigt, weil sie Armenkost den Schweinen gegeben habe. Sie hinterließ einen einzigen Sohn, der, wie alle Erstgebornen der Familie, den Namen Heinrich führte. Beinahe gegenüber von Rothenburg liegt das Oertchen Eben. Hier lebte ein gottesfürchtiger Bauer, dem Notburga jetzt ihre Dienste anbot. Er gewährte ihr gerne, daß sie zur Vesperzeit der Sonn- und Festtage dem Gebete obliegen und den »Feierabend« beginnen dürfe. So war es von ihr bedungen worden, so hielt es Notburga. Wenn [587] die Leute auf dem Felde schnitten, hängte sie, wenn's zur Vesper litt, ihre Sichel auf und begab sich in die Kirche. Hier, am Altare des hl. Rupertus, opferte sie Gott das Tagwerk und die Arbeiten der ganzen Woche und bat ihn um seinen Segen. Das rechte Beten hindert aber die Arbeit nicht. Daher war Notburga nicht nur die andächtigste, sondern auch die fleißigste unter allen Dienstboten; keiner that es ihr in Genauigkeit und Eifer zuvor. Wie lang sie hier blieb, ist nicht auf uns gekommen. Das Bauerngut, in welchem sie diente, lag zunächst dem Rupertuskirchlein. Nach der Ueberlieferung hat sie einst, als der Bauer in sie drang, über die bedungene Zeit an dem Vorabende eines Fe stes zu arbeiten, ausgerufen: »die Sichel sei Richterin zwischen mir und dir!« und die Sichel in die Luft geworfen, wo sie festhielt, wie an einem Nagel. Den Acker zeigt man heute noch unter dem Namen »Herrenacker«. Sie verrichtete aber auch gern die niedrigsten Dienste. Ueberall, wo man sie verwenden konnte und wollte, namentlich in den Ställen, erwies sie sich als getreue und emsige Magd, die nicht bloß des Lohnes, sondern vielmehr des Gewissens wegen diente. Mittlerweile ging's in Rothenburg schlimm genug. Heinrich von Rothenburg entzweite sich mit seinem Bruder (oder Anverwandten) Sigfrid von Rothenburg, Richter zu Hall. In dem Kampfe, welcher seit dem J. 1290 zwischen dem Herzog Albert von Oesterreich einerseits und dem Erzbischof Conrad von Salzburg andererseits ausgebrochen war, wurde Rothenburg mehrmals genommen und verwüstet. Heinrich erblickte hierin die Strafe des Himmels für die ungerechte Verstoßung seiner treuen und frommen Dienerin Notburga. Ohne Zweifel bat sie während der schweren Bedrängnisse, die ihren vormaligen Herrn trafen, viel für ihn gebetet. Ohne Zweifel war ihm auch der Ruf ihrer Tugenden bekannt geworden, weßhalb er nach seiner Wiederverheirathung mit Margareth von Hoheneck sie in seine Burg zurückführte. Sie hatte zwei Bedingungen gestellt: erstlich solle er sie nach ihren frommen Gewohnheiten beten lassen, und zweitens die Feindschaft mit Sigfried aufgeben. Heinrich von Rothenburg willigte gern ein. Die alte Lebensbeschreibung sagt, als Notburga den Dienst des Bauern verlassen hatte, sey dieser allmählich arm geworden, dann auch erkrankt und bald gestorben. Notburga versah ihren Dienst in Rothenburg wie zuerst. Sie nahm sich auch der Kinder ihres Herrn an und erzog sie in aller Frömmigkeit. Außer Heinrich, dem Sohn der ersten Ehe, hatte er von der Margaretha von Hoheneck drei weitere Söhne: Heinrich, genannt der Jüngere, Gebhard und Nicolaus und zwei Töchter: Elisabeth und Gutta, erhalten. Gott segnete sein Haus um der frommen Dienerin willen. Sie gab den Armen, die ihre Rückkehr freudig begrüßten, und übernahm zugleich die ganze Haushaltung, die unter ihrer Leitung sich ansehnlich verbesserte. Letzteres entnehmen wir aus den schönen Stiftungen, welche Heinrich, Notburga's Dienstherr, und dessen Sohn und Erbe Heinrich, dem Kloster St. Georgenberg vermachte. Dieses Kloster, (später Viecht) war im J. 1100 gestiftet worden. Auch die Kinder hatten alle viel Glück. Gebhard folgte seinem ältern Bruder in das Amt eines Haushofmeisters, die beiden andern gelangten gleichfalls zu hohen Aemtern. Elisabeth heirathete einen Herrn von Gerenstein, deren Schwester Gutta einen Freundsberg. So diente Notburga Gott in ihrer Herrschaft noch achtzehn Jahre lang seit der Verehlichung Heinrichs mit Margaretha von Hoheneck. Endlich erkrankte sie und wurde, da sie ihr Ende voraussah, mit den heil. Sacramenten versehen. Das ganze Haus trauerte, vorzüglich aber klagten die Armen, als es hieß: Notburga sey gestorben. Die einstimmige Angabe der Chronisten nennt das J. 1313 als ihr Todesjahr. Wahrscheinlich starb sie am 14. September, denn an diesem Tage begeht das gläubige Volk seit unvordenklicher Zeit ihr Andenken. Sehr schön ist, was die alte Volkssage von ihrer Beerdigung erzählt. Ihr nahes Ende voraussehend, hatte Notburga ihren Herrn gebeten, wenn sie stürbe, möge er zwei Ochsen einspannen, ihre Leiche auf einen Wagen legen, und sie mit derselben gehen lassen, wohin sie wollten; an dem Orte, wo sie stehen blieben, sei ihre Grabstätte. So geschah es. Man öffnete die Thore des Schlosses, die Ochsen gingen den Berg hinab, der Landstraße entlang, wichen aber bald links ab, und gingen dem Inn zu, über welchen damals noch keine Brücke geführt haben soll, überschritten den Fluß und kamen nach Jenbach, [588] am Eingang in's Achenthal. Darauf ging's bergan der Rupertuskirche zu, wo Notburga, als sie noch im Dienste des Bauern stand, so viel gebetet hatte. Hier wurde Notburga am Altare beigesetzt, da die Ochsen ohne weiters mit dem Wagen durch die Kirchenthüre drangen und beim Altare angelangt still standen. Hier wurde sie also beigesetzt. Ihr Grab wurde vom Volke gerne besucht. Man ehrte es bald wie ein Heiligthum. Der Edelherr Heinrich selbst ging mit gutem Beispiele voran. Seiner heiligen Dienerin zu Ehren erbaute er an der Stelle der kleinen Rupertuscapelle eine größere, die allmählich den Namen der hl. Notburga annahm. Bald konnte aus dem Erträgnisse der Opfer (aere piorum) eine noch schönere Kirche erbaut werden. Der Weihbischof Albert von Brixen vollzog im J. 1434 die Einweihung unter dem Titel der hl. Notburga. Der Altar blieb aber auch jetzt noch dem hl. Rupertus geweiht. Seine und anderer Heiligen Reliquien wurden in demselben eingeschlossen. Die Kirchweihe sollte jedesmal am Sonntag vor St. Bartholomäi-Tag begangen werden. Im Jahre 1510 bestieg dieser Al bert von Schroffenstein selbst den bischöflichen Stuhl und starb im J. 1521. Das von ihm geweihte Gotteshaus wurde im J. 1615 von Johann Walk von Kufstein erneuert. In Jenbach steht an dem Orte, wo die Ochsen ausruhten, eine kleine Capelle. Gegenwärtig führt bei Rothholz, welcher Ort am Fuße des Berges liegt, auf welchem die Rothenburg stand, eine anständige Brücke über den Inn. Doch beruht diese wunderbare Geschichte lediglich auf der Tradition des Volks, in dessen Mund auch die Sage ist, die Ochsen hätten eine Zeit lang mitten im Flußbett ausgeruht. Auf der Wandtafel zu Eben las man hievon nichts, sie erzählte nur von ihrer Begräbniß daselbst und daß die Leiche durch zwei Ochsen »über den Innfluß und den Berg« hieher geführt worden sei. Später sprach man sogar von Engeln, welche die Ochsen durch den Fluß und über den Berg nach Eben geleitet hätten. Auch ihre Kammer im Schlosse wurde in eine Capelle verwandelt oder vielmehr einer solchen würdig hergestellt. Ein Betort und ein Heiligthum war sie vorhin schon gewesen. Sie blieb stehen, als die Burg nach dem J. 1416 durch Brand zerstört wurde. Diese Capelle befand sich noch um's J. 1620 in einem leidlichen Zustande, aber im J. 1735 stand nur noch die Thüre und die Seitenwände, alles Andere lag in Trümmern. Später trat eine hölzerne Capelle an die Stelle, auch sie wurde von den Umwohnenden gerne besucht. Gleichwohl findet sich in der Diöcese außer der Grabeskirche der Heiligen keine zu Ehren der hl. Uoiburga consecrirte Kirche. Eine Privatcapelle entstand im Winkelthal, Curatie Villgraten im Pfarrbezirke Sillian, im J. 1675. Ihr folgte am Anfang des nächsten Jahrhunderts eine andere in Hörschwang, Curatie Onach, Pfarrei St. Lorenzen. Erst vor wenigen Jahren erbauten arme Dienstboten in der Nähe von Rattenberg ihrer Schutzheiligen zu Ehren ein Votivkirchlein auf der Spitze einer Bergkuppe, indem die Einen das Baumaterial täglich nach Feierabend herbeischleppten, die Andern aber den Bau selbst besorgten. Die Fürbitte der hl. Notburga erwies sich bald als eine sehr kräftige, weßhalb von Nah und Fern Wallfahrer zu ihrem Grabe pilgerten. Dienstboten vorzüglich, aber auch Bauern und Handwerksleute nahmen sich ihr Beispiel zum Vorbild, und lebten, wie sie von ihr gehört hatten. Viele Wunder geschahen durch sie, viele Drangsale und Uebel hat sie durch ihr Gebet abgewendet, viele Seelen hat ihr Tugendglanz zur Nachfolge entzündet und dem Himmel zugeführt. Weithin verbreitete sich ihre Verehrung und Anrufung. Kaiser Maximilian I. und der Erzherzog Sigismund von Oesterreich werden mit Recht als Wohlthäter der St. Noiburgakirche zu Eben den Verehrern der Heiligen beigezählt. Letzterer beschenkte die Kirche, Ersterer schmückte sie aus und hat sie ohne Zweifel auch öfter besucht, da er zum Achensee ging um zu fischen oder die Berge der Umgegend auf der Jagd durchstreifte. Die zahlreichen Votivtafeln, die an dem Orte ihrer Verehrung seit der Zeit ihres Todes aufgehängt wurden, sind ein sprechender Beweis, wie hoch die Heilige im Ansehen des Volkes stand. Bilder, die sie im Heiligenschein darstellen, waren schon frühzeitig im Gebrauche. Man nannte sie nie anders als die heilige Dienstmagd Notburga, und erzählte die Wunder, welche Gott auf ihre Fürbitte gewirkt habe, von Mund zu Mund. Man ehrte sie durch die Feier ihres Festtags als eines Festes erster Klasse. Man nahm auch Erde aus der Nähe ihres Grabes mit nach Hause, um sie in Krankheiten bei [589] Menschen und Thieren zu gebrauchen. Wallfahrer kamen namentlich aus Bayern in großer Zahl. Vorzüglich rief man ihre hilfreiche Fürbitte bei Viehseuchen an. Man gelobte Wallfahrtsgänge, Geldopfer, Almosen und Messen zur Ehre der hl. Notburga. Diese Andacht, dieses Vertrauen des Volks wuchs um so mehr, je zahlreicher die Gebetserhörungen wurden, die den frommen Glauben begünstigten. Bald war kein Bauernhaus in ganz Tyrol und dem angrenzenden Bayerlande, wo man ihren Namen nicht unter den vorzüglichsten Patronen des Bauernstandes anrief und ihr Bildniß nicht ehrte. Die Eltern erzählten ihren Kindern, wenn sie dieselben recht kräftig zur Tugend ermahnen wollten, von den Tugenden, dem Gehorsam und der Nächstenliebe der hl. Notburga, die zu Eben begraben liege. Zahllos sind heutzutage die Bildnisse der Heiligen, die gewöhnlich einen Aehren- oder Blumenbüschel mit der Sichel in der Hand (die Sichel oft auch in der Luft schwebend) dargestellt ist. Vierhundert Jahre lang ruhte der Leib der hl. Notburga in der Capelle zu Eben. Endlich sehnte man sich, da ihre Verehrung täglich zunahm, ihn auf dem Altare ausgestellt zu sehen. Der Bischof Caspar Ignaz Graf von Kinigle wurde also von der Gemeinde zu Eben und deren Gutsherrn Joseph von Tannenberg gebeten, den hl. Leib erheben zu lassen. Als Commissär bestellte er den Dekan Joseph Anton Piazza, welcher den Pfarrer Johann Sebastian Azwanger zu Münster, zu welcher Pfarrei der Weiter Eben gehört, und den Curaten Xaver Sprong von Eben als Zeugen mit sich nahm. Man suchte zuerst nach der Grundmauer der alten Capelle und fand sie. Aber da man zunächst an der Stelle, wo früher der Altar gestanden seyn mußte, zu graben anfing, entdeckte man nichts. Man fuhr in der Arbeit ruhig fort, endlich am siebenten Tage zeigte sich auf der Epistelseite der Kirche, da wo die Männerstühle ihren Anfang nahmen, der Leib der Heiligen. Auch etwas von der Kleidung fand sich vor. Man deckte den kostbaren Fund sorgfältig wieder zu, bis die feierliche Erhebung stattfinden würde. Da sonst nie Jemand an diesem Orte begraben wurde, bestand über die Aechtheit der Reliquien kein Zweifel. Am 21. Sept. 1718 kam der Fürstbischof von Brixen nach Eben. Nachdem er die heil. Reliquien gesehen, untersucht und verehrt hatte, wurden sie vorläufig in reine Leinwand gewickelt und in einen hölzernen, mit drei Schlössern versehenen Kasten gelegt und sechsmal versiegelt. Darauf wurde die Fertigung einer Untersuchungsschrift angeordnet, welche sich über folgende drei Punkte zu verbreiten hatte: erstens, ob die Verehrung der hl. Notburga seit unvordenklicher Zeit stattgefunden habe; zweitens, ob über die Aechtheit der gesundenen Gebeine kein Zweifel bestehe; drittens, ob und unter welcher Autorität und Feierlichkeit dieselben zur öffentlichen Verehrung ausgestellt werden könnten. Es war nicht schwer diese Fragen zu beantworten. Die erste ist im Vorhergehenden hinreichend erörtert; die zweite war durch eine vierhundertjährige ununterbrochene Ueberlieferung, durch den Umstand, daß keine andere Kirche den Besitz dieser Reliquien behauptete, durch die Auffindung endlich dieser einzigen Gebeine, die aller Wahrscheinlichkeit nach einer Frau angehörten, durch die Abwesenheit aller andern Gebeine und der geringsten Spur einer schon früher geschehenen Ausgrabung gleichfalls gelöst. In Beziehung auf die dritte Frage war das Concil von Trient entscheidend, welches das Recht zur Vornahme dieser Feier dem Bischofe zutheilte. In Folge dieser Denkschrift beschloß der Bischof, die Reliquien sollen in Eben zur öffentlichen Verehrung ausgestellt werden. Dies geschah durch den Weihbischof von Brixen unter zahlreicher Betheiligung der Geistlichkeit und des gläubigen Volkes am 19. October 1735, an welchem Tage eine feierliche Procession nach Schwatz zog, und die Gebeine der Heiligen in die dortige Pfarrkirche übertrug. Die Familie Tannenberg übernahm die entsprechende Fassung derselben. Mittlerweile wurde die Kirche in Eben umgebaut, erweitert, und mit neuen Altären, Paramenten und Gewölben versehen. Im J. 1738 am 15. September wurden die Reliquien in feierlicher Procession erhoben. Eine Anzahl Trompeter eröffneten den Zug, dann folgten mehrere Ritter, an deren Spitze einer, welcher den vormaligen Dienstherrn der Heiligen, Heinrich von Rottenburg vorstellte. Nach ihnen kamen die Zünfte mit bildlichen Darstellungen aus der Geschichte des Alten Testamentes, darauf 15 Tafeln aus der Lebensgeschichte der hl. Notburga Besonders zierlich war der Zug der Bergknappen mit ihren Zunftzeichen. [590] Unmittelbar vor dem Triumphwagen erschienen wieder eine Anzahl Ritter, zuletzt der Kaiser Maximilian I., von dessen Frömmigkeit gegen die Heilige wir oben gehandelt haben. Acht Schutzgeister, die auf eben so vielen Kissen die Insignien der Heiligen trugen: den jungfräulichen Kranz, die Lilie, die Sichel, einen Weinkrug, einen Rosenkranz, Schlüssel und Brode. Sechs Pferde zogen den Wagen, auf demselben die Heilige umgeben von den vier Ständen der Provinz Tyrol, welche sie als Patronin des Landes erwählten. Hierauf folgte die gesammte niedere und hohe Geistlichkeit, alle mit brennenden Kerzen. Die Heilige erschien in der Landestracht, aufrecht stehend, mit vielen Edelsteinen und Verzierungen in Gold und Silber, doch so, daß ihre Gebeine durchschienen, an den Fingern kostbare Ringe, in der Rechten die Sichel, in der Linken ein silbernes Gefäßchen, in einem offenen Glaskasten, von acht bis zehn Priestern getragen, an deren Seite Knaben in spanischer Edeltracht mit brennenden Kerzen gingen. Darauf kamen Andächtige aus allen Gegenden Tyrols und dem angrenzenden bayrischen Gebirgslande. So zog die Procession durch die Straßen von Schwatz in die Pfarrkirche zurück, worauf der Abt Lambert von St. Georgenberg die Predigt hielt, und der Bischof von Brixen ein feierliches Pontifical-Amt celebrirte. Diese Kirchenfeier währte bis zum 18. des nämlichen Monates. Zur Belustigung des Volkes während dieser Zeit wurden theatralische Vorstellungen gegeben, welche die Geschichte der Heiligen darstellten. Auch die Stadt Schwatz trat in derselben auf, ihren Schmerz aussprechend, daß sie den Leib der Heiligen, der längere Zeit ihr Gast gewesen, nun wieder verlieren solle. Am 18. September wurde die Kirche zu Eben eingeweiht und die hl. Uotburga auf dem Hochaltare beigesetzt. Der Altar ist im Renaissance-Styl schön gearbeitet. Ueber der Heiligen findet sich das Bildniß des frühern Patrons der Kirche, des hl. Rupertus, rechts und links von der Heiligen, unten an den Säulen die hhl. Ignatius und Leopold, die Namenspatronen des Grafen und der Gräfin von Tannenburg, deren Wappen oben auf dem Altare unter einem Baldachin zu sehen ist. Dieses Heiligthum wurde durch viele Gebetserhörungen und Wunder verherrlichet und ist bis auf den heutigen Tag von frommen Pilgern besucht und verehrt. Die kirchlichen Tagzeiten sind die allen heiligen Jungfrauen gemeinsamen.18 In unsern Tagen hat [591] am 27. März d.J. 1862 Pius IX. auf Ansuchen und Betreiben des dermaligen Bischofes Vincenz von Brixen nach reiflicher Prüfung der Sache die unvordenkliche Verehrung der hl. Notburga bestätiget. Am 14. September des genannten Jahres wurde daher ihr Fest unter einem großen Zulaufe der Gläubigen besonders feierlich begangen.


Quelle:
Vollständiges Heiligen-Lexikon, Band 4. Augsburg 1875, S. 586-592.
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