Pionius, S.S. (1)

[925] 1S. S. Pionius et 15 Soc. M. M. (1. Febr. al. 11. u. 12. März). Dieser hl. Pionius, welcher corrupt auch Pönes geschrieben wird, war Priester an der Kirche von Smyrna. Es ist streitig, ob er unter Marcus Aurelius (161–180) oder Decius (250–253) gelitten hat. Die Acten, an deren Aechtheit nach dem Urtheile aller Kritiker nicht gezweifelt werden kann, sowie die ältesten Kirchenbücher der Griechen entscheiden für die Decianische Verfolgung. Der heilige Pionius war ein gelehrter und eifriger Mann, welcher viele Brüder aus Irrthum und Unwissenheit befreite. »Er überwies«, wie das Synaxarium sagt, »Juden und Heiden aus der Schrift, daß es nur Ein wahrhaftiger Gott ist, der Alles gemacht hat, und sein eingeborner Sohn Jesus Christus und der heil. Geist etc.« Am Vorabende der Festfeier des hl. Polykarpus hatte er eine Erscheinung, aus welcher er erkannte, was ihm begegnen würde. Er bereitete sich also auf das Martyrthum vor, indem er um seinen Hals und den der Sabina und des Asclepiades1 einen Strick legte. Nachdem sie »das feierliche Gebet« (das hl. Meßopfer) vollendet und das heil. Brod mit Wasser genossen hatten, kam der Polizei-Beamte Polemon mit einer Schaar Gerichtsdiener, welche den Auftrag hatten, die Christen aufzusuchen und gefangen zu nehmen. Als er den Pionius sah, sprach er: »Wisset ihr, daß der Kaiser ein Gebot bekannt gegeben hat, daß ihr Opfer darzubringen habt?« Pionius antwortete: »Wir kennen zwar ein Gebot, das Opfer verlangt, aber dieses befiehlt uns, Gott allein zu verehren.« Der Häscher sagte: »Kommt auf das Forum, damit ihr euch überzeuget, daß ich Recht habe«. Sabina und Asclepiades entgegneten: »Wir gehorsamen dem wahren Gott.« Als das Volk sie am Halse gebunden auf das Forum führen sah, erfolgte alsbald ein so großer Zusammenlauf, daß alle höher gelegenen Punkte, selbst die Dächer, voll von Menschen waren, welche den Verlauf der Sache hören und sehen wollten. Man stellte also die gefangenen Christen in die Mitte des Platzes und Polemon forderte den hl. Pionius auf, wie Andere gehorsam zu sein und hiedurch den Strafen auszuweichen. Da übersah der Heilige mit heiterm Blicke die Volksmenge, streckte die Hand aus und hielt eine längere, eindringliche Rede an die versammelten Heiden und Juden, deren Inhalt im Wesentlichen darin bestand, daß er ihnen zeigte, wie sie selbst Jene verachteten und verlachten, die ihrem Gewissen entgegen entweder freiwillig steh zum Opfern stellen oder wenigstens sich dazu zwingen lassen. Wenn ihrer Viele seien, dürfe sich Niemand daran stoßen, denn auch beim Dreschen zeige sich, daß der Spreuhaufen größer sei als der Körnerhaufen. Aber die Spreu nehme der Wind mit sich fort, während der Waizen liegen bleibe. Auch beim Fischfange gehen nicht lauter gute Fische ins Netz. Immer sei Schlechtes mit Gutem, Gutes mit Schlechtem [925] vermischt. Was aber die angedrohten Strafen betreffe, so frage er, ob sie dieselben als Gerechte oder als Ungerechte tragen sollen. Im letztern Falle müßte ein Beweis vorliegen; wenn sie einen solchen nicht erbringen könnten, so sei die Strafe und Diejenigen, welche sie verhängen, selbst ungerecht. Müßten sie aber als Gerechte leiden, wie könnten ihre Peiniger hoffen, der Bestrafung zu entgehen, die alle Ungerechten treffen müsse. Das Judenland mit dem todten Meere, das er selbst gesehen habe, sei Zeuge dafür. Auch in den heidnischen Ländern seien derartige Zeugen der göttlichen Strafgerechtigkeit, in Sicilien der Aetna, in Lycien der flammenspeiende Drache, in andern Ländern die heißen Quellen, was Alles offenbar von dem in der Hölle brennenden Feuer herrühre. Die Rede schließt deßhalb mit den Worten: »Daher sagen wir euch voraus das Gericht durch Jesus, das Wort Gottes, welcher im Feuer kommen wird. Deßhalb beten wir weder eure Götter an, noch erweisen wir Verehrung den Bildern aus Gold, denn in ihnen wird nicht die Religion befördert, sondern nur ihre Größe geschätzt.« Mit größter Aufmerksamkeit hörten die Anwesenden diese Rede und es schien, daß sie gerne noch länger zugehört hätten. Man führte ihn ins Atrium und redete ihm zu, sein Leben zu schonen, dessen er wegen seiner Sitten und Sanftmuth noch länger würdig sei. Darauf sprach Pionius: »Auch ich behaupte, daß es gut sei zu leben und des Lichtes zu genießen, aber ich meine das Licht, nach welchem wir begehren. Denn es gibt ein noch anderes Licht, das wir wünschen, um dessen willen wir das gegenwärtige Gottesgeschenk nicht gering schätzen, aber gern verlassen, weil wir Besseres zu erlangen hoffen. In Rücksicht auf das Bessere lassen wir das Geringere gern zurück. Wenn ihr glaubt, daß ich eurer Liebe und Ehre würdig sei, so lobe ich euch, aber ich halte dafür, daß ihr damit nur eure Feindseligkeit verbergen wollet. Jederzeit schadet aber weniger der ausgesprochene Haß, als hinterlistige Schmeichelei.« Darauf entgegnete Einer aus dem Volke, Alexander mit Namen: »Nun höre auch, was wir zu sagen haben.« Der Heilige sprach: »Du sollst lieber mich hören, denn was du weißt, weiß ich auch, dir aber ist unbekannt, was ich weiß«. Darauf spottete jener über seine Ketten und sagte: »Was bedeuten wohl diese Ketten?« Der Heilige gab zur Antwort: »Damit Niemand glaube, daß wir freiwillig zu den Opfern gehen, wenn wir in diesen Fesseln durch die Stadt geführt werden, oder damit ihr euch nicht die vergebliche Mühe nehmet, uns wie auch die Uebrigen in die Tempel zu führen, und zugleich damit ihr sehet, daß wir eurer Untersuchung nicht bedürfen, um freiwillig ins Gefängniß zu eilen.« Als aber das Volk nicht aufhörte, in ihn zu drängen, sagte er kurz und entschieden: »Das ist unser Beschluß, und wir werden fest bei dem stehen bleiben, was wir gesagt haben.« Als hierauf das Volk verlangte, daß die Martyrer ins Theater abgeführt werden sollten, suchte Polemon diesem Verlangen dadurch auszuweichen, daß er zum heil. Pionius sagte: »Weigerst du dich zu opfern, so komme wenigstens in den Tempel.« Jener antwortete: »Wir haben kein Bedürfniß nach euren Götzenbildern, daß wir in die Tempel kommen sollten.« Hierauf sagte Polemon: »Du bist also wirklich so eigensinnig, daß man dich nicht mehr überreden kann?« Pionius: »O könnte vielmehr ich euch überreden und bewegen, daß ihr Christen würdet!« Da spotteten, Einige und riefen ihm zu: »Dahin wirst du es nicht bringen, daß wir uns lebendig verbrennen lassen.« Pionius sprach: »Aerger ist das Brennen nach dem Tode.« Während dieser Reden bemerkte man, daß die hl. Sabina lachte und deßhalb sagten sie zu ihr mit drohender Gebärde und schrecklicher Stimme: »Du lachst?« Sie antwortete: »Ich lache wenn Gott es will, denn wir sind Christen.« Sie entgegneten: »Du wirst leiden müssen, was du weißt, aber nicht willst! Solche nämlich, die nicht opfern, werden in die öffentlichen Häuser geschafft, wo sie mit den Huren zusammen wohnen und ihnen bei der Arbeit helfen müssen.« Sie sprach: »Alles was Gott will!« Da redete der hl. Pionius den Polemon an und sprach: »Hat man dir befohlen, zu überreden oder zu strafen? du wirst wohl strafen müssen, da du uns doch nicht überreden kannst!« Ueber diese gerade Anrede wurde Polemon erregt und sprach: »Opfere.« Pionius: »Nein.« Polemon: »Warum nicht?« Jener: »Weil ich ein Christ bin.« Polemon: »Was für einen Gott verehrst du?« Pianius: [926] »Ich verehre den allmächtigen Gott, welcher Himmel und Erde, das Meer und Alles was darin ist, und uns selbst erschaffen hat; der uns Alles schenkt und gibt; den wir durch sein Wort Jesus Christus kennen gelernt haben.« Darauf sagte Polemon: »So opfere wenigstens dem Kaiser«. Pionius: »Ich opfere keinem Menschen«. Darauf fragte Polemon, wie zur Ergänzung für den Notar, welcher diese Antworten aufschrieb: »Wie heißt du?« Pionius sagte: »Ich heiße Christ«. Polemon: »Welcher Kirche gehörst du an?« Pionius: »Der katholischen Kirche.« Ganz dieselben Antworten gab auch die hl. Sabina Ebenso Asclepiades Nur auf die Frage, was er für einen Gott verehre, sagte dieser kurz: »Christus«. Darauf fragte Polemon: »Wie also, ist dieß ein Anderer?« Asclepiades: »Nein derselbe, welchen jene so eben bekannt haben.« Hierauf erfolgte die Abführung der Martyrer ins Gefängniß; die dahin führenden Straßen waren so voll von Leuten, daß es kaum möglich war, vorwärts zu kommen. Im Gefängnisse trafen sie einen kathol. Priester Namens Lennus und eine Montanistische Frau Namens Macedonia. Da sie die üblichen Geschenke Seitens der Besucher nicht annahmen, ließ sie der Gefängnißwärter in ein tieferes und ganz abgeschlossenes Gemach bringen, wo sie Tag und Nacht in heiligen Lesungen und Gesängen zubrachten, so daß sich die Christen erbauten, die Abgefallenen aber ihre Treulosigkeit ernstlich zu beweinen anfingen. Der hl. Pionius tröstete diese »den Schweinen vorgeworfenen Perlen« und hielt eine längere Ansprache, worin er die Irrthümer der Juden und den Aberglauben in kräftigen Worten widerlegte. Bald darauf schleppte man sie mit Gewalt an Stricken und unter vielen Schlägen und Mißhandlungen in den Tempel. Die Richter fragten mit zornigen Worten: »Warum opfert ihr nicht?« Sie antworteten: »Weil wir Christen sind.« Die Richter sagten darauf: »Was für einen Gott ehret ihr?« Pionius antwortete: »Den Gott, welcher den Himmel gemacht und mit den Gestirnen geschmückt hat, welcher die Erde gegründet und mit Blumen und Bäumen geziert hat; welcher die Flüsse der Erde und die Meere geordnet und ihnen das Gesetz bestimmter Grenzen und Ufer gegeben hat«. Dann erwiderten jene: »Meinst du jenen, welcher gekreuzigt wurde?« Pionius: »Denselben, welchen der Vater zum Heile der Welt gesendet hat«. Unter Spott- und Hohnreden, denen Pionius die blitzähnlichen Antworten christlicher Weisheit und Entschlossenheit entgegen stellte, aber auch unter schweren körperlichen Mißhandlungen wurden sie wieder in das Gesängniß zurückgebracht, wo sie Gott wegen der bisher verliehenen Siege lauten Dank erstatteten. Nach einigen Tagen erschien der Proconsul Quintilianus in Smyrna, und ließ die hhl. Martyrer unverzüglich vor seinen Richterstuhl stellen. Es begann das peinliche Verhör. Der Proconsul: »Wie heißt ihr?« Antwort: »Pionius«. Der Proconsul: »Opfere«. Pionius: »Nein«. Proconsul: »Zu welcher Secte gehörst du?« Pionius: »Zu der katholischen.« Der Proconsul: »Zu was für einer katholischen?« Pionius: »Ich bin Priester der katholischen Kirche.« Der Proconsul: »Du bist ihr Lehrer gewesen?« Antwort: »Ja«. Proconsul: »Lehrer der Thorheit.« Pionius: »Nein, der Frömmigkeit.« Proconsul: »Was für einer Frömmigkeit?« Pionius: »Der Frömmigkeit gegen Gott, welcher Himmel und Erde erschaffen hat.« Der Proconsul: »So opfere also.« Pionius: »Ich bete nur den lebendigen Gott an.« Er weigerte sich auch noch unter den Qualen der Folter. So oft auch der Proconsul ihn zum Opfern aufforderte, sprach er jedesmal: »Nein, ich kann nicht.« Man fertigte also das Urtheil und las es ihm vor. Es lautete: »Pionius, ein Mann von gottesschänderischer Gesinnung, der sich als Christ bekannt hat, soll von der rächenden Flamme verzehrt werden, den Menschen zur Abschreckung, den Göttern zur Genugthuung.« Darauf trat der Heilige festen Schrittes und heitern Angesichts den Todesgang an. Er entkleidete sich selbst, dankte mit einem Blicke zum Himmel dem gütigen Gott für die Bewahrung in der Reinheit des Lebens, bestieg mit Ruhe den Scheiterhaufen und stellte seine Glieder selbst so, wie es zur Annagelung an den Pfahl nöthig war. Dem Volke, das ihn laut bemitleidete, rief er zu, es geschehe so zum Zeugnisse seines Glaubens an die Auferstehung nach dem Tode. Dann betete er still und mit geschlossenen Augen längere Zeit, sprach [927] dann mit lauter Stimme: »Amen, Herr nimm meine Seele zu dir!« und starb. Dieß war, setzt die Martyrgeschichte hinzu, das Leiden eines Mannes, dessen Leben allezeit unbescholten frei und vollkommen schuldlos gewesen, von reiner Einfalt, standhaftem Glauben, unverbrüchlicher Unschuld, dessen Herz jeden Fehler ausschloß, weil es für Gott geöffnet war. Gott bezeugte bald darauf selbst, daß ihm die Siegeskrone gegeben war, denn er zeigte nach dem Tode die vollkommene Gestalt eines gesunden und kräftigen Jünglings, so daß die Christen Vertrauen, die Heiden aber Furcht ankam. Mit ihm litten Dionysius, ein anderer Pionius und 13 Ungenannte. Es war um die zehnte Stunde, an einem Samstag, als der hl. Pionius vollendete. Die Tage seiner Verehrung sind die oben angegebenen. (I. 37–46.)


Quelle:
Vollständiges Heiligen-Lexikon, Band 4. Augsburg 1875, S. 925-928.
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