Wendelgardis

[775] Wendelgardis, eine Gräfin von Bregenz-Buchhorn am Bodensee, deren Gemahl Graf Ulrich angeblich im Kampfe gegen die Hunnen gefallen war, bezog bald nach dem Eintreffen dieser Trauerbotschaft eine Zelle bei der St. Magnuskirche in St. Gallen, [775] mit dem Vorsatze, in Zurückgezogenheit von der Welt unter der Leitung der heil. Wiborada, die noch übrigen Lebensjahre ausschließlich dem Dienste Gottes, dem Gebete für die Seelenruhe ihres Gemahls und Werken der Wohlthätigkeit zu weihen. Bischof Salomon III. (vom J. 891–920) gab ihr den Schleier. Alljährlich ging sie nach Buchhorn, um den vermeintlichen Todestag ihres Eheherrn durch Gebet und Almosen zu begehen. Als sie in dieser Absicht im J. 919 wieder dahinreiste, nahte sich ihr unter den Bettlern auch ihr todt geglaubter Gemahl. Sie gab ihm ein Gewand, er aber zog die Gräfin mit diesem an sich, und küßte sie. Als die Bedienten den unverschämten Bettler dafür züchtigen wollten, warf er seine Bettlerkleidung weg, und gab sich zu erkennen. Hocherfreut ließ die Gräfin das Todtenamt in einen Dankgottesdienst umwandeln. Der Graf führte sie nach Entbindung von ihren Gelübden, welche ihr unter der Bedingung, daß sie nach St. Gallen zurückkehren solle, wenn ihr Gemahl etwa vor ihr sterbe, ertheilt wurde, in sein Schloß Buchhorn. Als sie sich nach einiger Zeit in gesegneten Umständen befand, wallfahrteten beide nach St. Gallen, und gelobten, wenn sie einen Sohn bekämen, denselben dem heil. Gallus zu weihen. Als die Zeit der Entbindung herankam, starb die Mutter, das aus dem Mutterleibe geschnittene Kind aber, ein Knabe, blieb am Leben. Ulrich, des Versprechens seiner theuren Gemahlin eingedenk, sandte die Amme mit dem Knaben nach St. Gallen, ließ ihn auf den Altar legen, und steuerte ihn mit dem Zehenten und mehreren Liegenschaften zu Höchst aus. Der Knabe wurde im Kloster erzogen, mußte aber immer sehr schonend behandelt werden, da schon jeder Fliegenstich bei ihm große Blutungen zur Folge hatte (Ekkehard schreibt: nec musca illum sine sanguinis eruptione postea mordehat). Er trat in die Fußtapfen seiner frommen Eltern, wurde später unter dem Namen Burkhard I. Ingenitus Abt von St. Gallen, und starb in großer Frömmigkeit im Jahr 959. (Burg. II. 325.)


Quelle:
Vollständiges Heiligen-Lexikon, Band 5. Augsburg 1882, S. 775-776.
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