V.

An der Table d'hôte.

[790] 791. Sitte der table d'hôte. Die table d'hôte ist eine spezifisch deutsche Einrichtung. Keinem Ausländer würde es einfallen, sich mit wildfremden Menschen an ein und denselben Tisch zu setzen und eine Mahlzeit einzunehmen, die er sich nicht selbst zusammengestellt und ausgesucht hat. Infolge dessen kommt bei denjenigen Hotels, die einen starken Zuspruch von fremdländischen Gästen haben, die alte table d'hôte immer mehr in Abnahme und das gemeinsame Essen wird nicht mehr an einem gemeinsamen, sondern an vielen kleinen Tischen serviert. Alte Häuser, die ihr Stammpublikum haben, halten dagegen an dieser alten Ueberlieferung fest und auch in den Bädern und den Orten, die der Deutsche hauptsächlich auf seinen Erholungsreisen aufsucht, findet man noch den alten Brauch.

Wer sich an eine table d'hôte setzt, begiebt sich in eine Gesellschaft und hat sein Verhalten, sein Benehmen, seine Kleidung und seine Unterhaltung demgemäß einzurichten.

[791] 792. Uebertriebene Höflichkeit. Es ist nicht nötig, sich allen vorzustellen und um Erlaubnis zu bitten, an dem Tische Platz nehmen zu dürfen. Uebertriebene Höflichkeit ist ebensowenig angebracht, wie eine zu geringe. Auch den nächsten Nachbarn braucht man sich nicht bekannt zu geben, aber das hindert nicht, gegen diese, wie gegen alle anderen, aufmerksam und liebenswürdig zu sein. Wer sich hinsetzt, wird die schon Anwesenden vorher durch eine Verbeugung beglücken; warum man an vielen Orten eine »gesegnete Mahlzeit« wünscht, bevor man auch nur einen Löffel Suppe zu sich nahm, ist mir stets unverständlich gewesen. Daß die Messer und Gabeln abgewaschen sind, kann man im allgemeinen annehmen, aber trotzdem darf man, ohne deswegen irgendwie aufzufallen, ruhig das Besteck und den Teller mit der Serviette reinigen. Daß man dies nicht in der Art und Weise macht und sich dabei nicht anstellt, wie eine Magd, die in der Küche aufwäscht oder Silber putzt, ist selbstverständlich. Es ist nicht angebracht, den Teller, während man auf ihm herumreibt, in der Luft zu halten. Alles, was man thut, thut man in möglichst unauffälliger Form und auch hier sei nicht nur vor dem überflüssigen, sondern überhaupt vor dem Gebrauch des Zahnstochers auf das eindringlichste gewarnt. Woher jemand den Appetit zum Essen nehmen soll, wenn seine Nachbarschaft und sein vis-à-vis mit einer Ceder von dem Libanon in ihrem Munde herumgräbt, ist und bleibt unverständlich. Eine Dame sollte sich selbst durch die wahnsinnigsten Zahnschmerzen nicht dazu verleiten lassen, in Gegenwart anderer einen Zahnstocher auch nur anzusehen, geschweige denn anzufassen.

Die Speisen, die herumgereicht werden, sind für die Allgemeinheit bestimmt und niemand darf sich alles auf seinen eigenen Teller legen und es den anderen überlassen, wovon sie satt werden wollen. Aus einer Austernsauce fischt man nicht alle Austern heraus, und wenn Champignons serviert werden, sollen wir uns ins Gedächtnis zurückrufen, daß der liebe Herrgott sie nicht für uns allein hat wachsen lassen.

[792] 793. Verhaltungsregeln. Zur Bedienung sind die Kellner da, aber trotzdem dürfen wir, ohne uns etwas zu vergeben, unserem Nachbar oder Gegenüber dasjenige reichen, was er gern haben möchte oder von seinem Platze aus nicht erlangen kann.

Die Serviette gehört, ebenso wie in der Privatgesellschaft, auf den Schoß, aber nicht in das Luftloch zwischen Hals und Kragen. Es ist das Schicksal der Servietten, beständig herunter zu rutschen, aber selbst Weinreisende, zu deren Beruf es ja schließlich gehört, »witzig« zu sein, müßten sich nachgerade die Bemerkung ersparen: »Ihre Serviette, gnädige Frau, scheint an Epilepsie zu leiden.«

Bei Tisch soll man essen und nicht schlingen. Selbst wenn uns nur ganz kurze Zeit für die Mahlzeit zur Verfügung steht, dürfen wir den Inhalt eines bis zum Rand vollen Tellers nicht mit einemmal uns zu Gemüte führen oder ein volles Glas auf einen Zug leeren. Man spricht nicht während man ißt, man trinkt nicht mit vollem Munde und ebensowenig lacht man, während man seine Speisen zerkaut.

Auch an der table d'hôte eines Bahnhofrestaurants, im Wartezimmer, hat der Herr den Hut vom Kopf zu nehmen und Damen müssen sich stets während der Mahlzeit die Handschuhe ausziehen. Der Glaube, daß es fein wäre, im gewöhnlichen Leben mit Glacéleder zu speisen, ist vielleicht ehrlich, aber ein Irrtum.

Unter Umständen kommt man bei einer solchen gemeinsamen Tafel mit Menschen der verschiedensten Gesellschaftsklassen in Verbindung und das legt jedem die Verpflichtung auf, sich nicht nur nicht gehen zu lassen, sondern erst recht auf sich zu halten. Die Vornehmen und Gebildeten achten viel weniger auf uns, als diejenigen, die unter uns stehen, aus dem einfachen Grunde, da diese meistens den Wunsch haben, irgend etwas von uns zu lernen, und was wir thun, ist schon deshalb für die Niederen Evangelium, weil es ihnen meistens an Erfahrung gebricht, zu unterscheiden, ob wir falsch oder richtig handelten.

Während man auf einer Gesellschaft, wo man alle Gäste kennt und sich mit diesen auf gleicher Bildungsstufe befindet, ruhig sich an der Unterhaltung der anderen beteiligen, sein Urteil und seine Meinung abgeben, ja sogar widersprechen darf, wäre es mehr als ungehörig, wollte man an der table d'hôte als unbekannter Dritter an irgend einem Streit oder einem Disput teilnehmen und sich in das Gespräch einer größeren Gesellschaft hineinmischen, ohne hierzu irgendwie aufgefordert zu sein.

[793] 794. Von der Wahl des Tischweins. Hierher gehört auch, daß wir, wenn wir sehen, daß unser Nachbar sich einen besonders guten Wein bestellt, nicht den Wunsch äußern, uns hieran auf unsere eigenen Kosten beteiligen zu dürfen. Ein jeder soll sich das, was er haben will, selbst bestellen und in der Wahl dessen, was man wünscht, sollen auch die Damen nicht gar zu unschlüssig sein. Viele lassen sich von dem Kellner die Weinkarte geben und sich einen leichten Moselwein empfehlen. Nach bestem Wissen giebt der befrackte Jüngling Auskunft, aber aus irgend einem Grunde stimmt die Dame ihm nicht bei und meint, sie wolle doch lieber Rotwein trinken. Auch hier wird bereitwilligst geraten, aber irgend etwas läßt die Bestellerin plötzlich zu der Ueberzeugung kommen, daß gerade heute eine halbe Flasche Sekt vielleicht doch am angebrachtesten sei. Sie studiert die Karte; der französische Champagner ist ihr zu teuer und deutschen mag sie nicht. Das Endresultat ihrer Weinbestellung ist, daß sie sich ein Glas recht kalten und recht frischen Wassers kommen läßt: sie hat die Zeit des Kellners unnötig in Anspruch genommen und seine Dienste den anderen Gästen ohne jeden Zweck vorenthalten. Auch wenn zweierlei Fisch oder zweierlei Braten zur Auswahl herumgereicht wird, empfiehlt es sich, sich möglichst schnell zu entscheiden, aber leider sind viele Damen auch hierin von einer bewundernswerten Unschlüssigkeit.

[794] 795. Drastisches Beispiel. Der Kellner fragt: »Befehlen gnädige Frau Rostbraten oder Kalbsbraten?«

Die Gnädige überlegt einen Augenblick und wendet sich dann an ihre Begleiterin: »Was meinst du, Anny, ich möchte eigentlich Kalbsbraten.«

Anny überlegt sich nun ihrerseits die Sache und meint dann: »Ich wäre eigentlich für Rostbraten«.

»So, wirklich?« fragt die erste, »weißt du, bei diesem Fleisch kann man nie wissen, ob es in einem Restaurant gut ist.«

»O, bitte, bitte,« beeilt sich der Kellner zu versichern, »da können die Damen ganz ruhig sein, gerade unser Rostbraten erfreut sich eines großen Rufes.« (Hätte man den Kalbsbraten angezweifelt, so wäre dieser natürlich die berühmte Spezialität des Hauses gewesen).

»Wir könnten es doch einmal versuchen« meint Anny, aber die andere ist dagegen. Mit großer Umständlichkeit erzählt sie, daß ihr vor drei Jahren in Luzern an einem Sonntag Nachmittag um fünf Uhr einmal ein Rostbeaf serviert wurde, das nichts weniger als schön war, und von diesem Augenblick kann sie nicht mehr dagegen an.

Unterdessen trippelt der Kellner voller Ungeduld von einem Fuße auf den anderen, um endlich nach der Debatte einer halben Stunde den Auftrag zu erhalten, einmal Rostbeaf und einmal Kalbsbraten zu bringen.

Daß dieses Verfahren bedeutend hätte abgekürzt werden können, wird niemand leugnen, aber wozu reist man mit einer Freundin, wenn man nicht alles, auch die geringste Kleinigkeit, mit ihr besprechen soll?

[795] 796. Nochmals die Unarten der Tischgäste. Zu diesem schon öfter von uns behandelten, aber nie völlig zu erschöpfenden Kapitel schrieb kürzlich ein Vielgereister in einem süddeutschen Blatt: »Von Haus und Herd vertrieben, wie das nun einmal Strohwitwers Los ist, speise ich zu Mittag in einem vielbesuchten Wiener Restaurant von hervorragendem Rufe. Ich schicke dies voraus, denn wenn ich noch auf die recht ansehnlichen Preise der Speisekarte hinweise, will ich damit ausgeschlossen haben, daß das besagte Lokal etwa von gesellschaftlich niedrigstehendem Publikum besucht ist. Der Gästekreis rekrutiert sich nahezu ausnahmslos aus der sogenannten guten Gesellschaft. Also bitte, begleiten Sie mich ganz getrost zu meinem Mittagstisch. Der Speisesaal ist sehr elegant ausgestattet, die Tischwäsche und Service von blendender Reinheit und blitzblank. Die Kellner sind artig, der Restaurateur zuvorkommend. Sehen wir uns ein wenig die Gäste an. Der beleibte Herr vis-à-vis. Er säubert mit minutiösester Peinlichkeit Messer, Gabel und Löffel, indem er mit der Serviette an ihnen herumreibt, als sei er zum Eßzeugputzer geboren. Erst eine Generalinspektion durch die Gläser seines Zwickers beruhigt ihn, und nun sieht er erwartungsvoll der Suppe entgegen. Schön ist dieses Eßzeugputzen nicht, und zuträglich für die Serviette auch nicht, aber mag es noch hingehen. Doch bitte, sehen Sie einmal den alten eleganten Herrn mit der großen Glatze dort beim Wandspiegel an, ein Stammgast unbedingt nach dem Benehmen des Wirtes und der Kellner. Er hat bestellt und entfaltet jetzt die schneeweiße Serviette. Er atmet tief auf, es ist heiß, und die Schweißtropfenperlen auf seiner hohen Stirn. Und jetzt, jetzt reibt er sich die triefende Glatze ganz ungeniert und gemütlich mit der Serviette! Nun, ich beneide den Restaurateur um die Geduld, mit der er das appetitliche Manöver des Herrn mit angesehen hat, allerdings nicht ohne ein ärgerliches Räuspern. So geduldig gegen die Unarten seiner Gäste war jener andere Hotelier schon nicht, der, als ein Herr bei der table d'hôte sich die Serviette um das feiste Kinn band, daß die Zipfel des Knotens hinter den Ohren abstanden, ruhig dem betreffenden Herrn sagte: »Ich bitte, Sie werden bei uns nicht barbiert!« Ja, eine table d'hôte ist überhaupt eine gute Schule der Selbstbeherrschung und der guten Lebensart. Bei einer table d'hôte würde auch der junge Mann dort, der uns soeben durch sein Monocle fixiert hat, es kaum wagen, mit der Gabel in der Serviette herumzustechen. Ist das nicht ein Vandalismus! Die Cigarette legt er, die brennende, nicht etwa auf die Aschenschale, die in der Mitte des Tisches steht, sondern wahrscheinlich, um sie bequemer zur Hand zu haben, rechts neben sich auf den Rand des Tisches. Man kann ordentlich berechnen, wann das glimmende Ende das Tischtuch erreichen und ein Loch oder zum mindesten einen braunen Fleck hineinbrennen wird. Glaubt der Jüngling wirklich, das Recht zu haben, weil er 1 fl. 50 kr. für sein Diner ausgiebt, den Wirt an der Tischwäsche um doppelt so viel zu schädigen? Und der Wirt, die Kellner sind wehrlos gegenüber diesen Unarten der Gäste, denn wehe ihnen, wenn sie den Ungezogenen zurechtweisen. Ich war einmal selbst Zeuge einer Scene, als ein Wirt sich darüber aufhielt, daß der Gast beim Abschied den Zahnstocherbehälter ausleerte, um wahrscheinlich seinen Hausrat zu vermehren. Dieser Wirt war sehr unvorsichtig gewesen, darüber eine Bemerkung zu machen, das konnte er aus der Entrüstung seiner Gäste entnehmen, die ausnahmslos für den Mann mit der Zahnstocher-Kleptomanie Partei nahmen!«

Quelle:
Baudissin, Wolf Graf und Eva Gräfin: Spemanns goldenes Buch der Sitte. Berlin, Stuttgart [1901], S. 790-796.
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