2. Der Hochzeitsgast.

[579] 580. Was ziehe ich an als Dame? Zur Hochzeitsfeier legt man sich in der Wahl und in der Farbe des Gewandes keinen Zwang auf. Selbst zu ganz kleinen Hochzeiten schmückt man sich, so gut man kann – ja, man unterbricht sogar tiefe Trauer, indem man die Einladung zu einer Hochzeit annimmt, und dementsprechend für den Tag alles aus der Toilette verschwinden läßt, was an die Trauer erinnert. Eine Hochzeit ist eben eine so besonders fröhliche Veranlassung, daß alle andern Rücksichten von ihr zurückgedrängt werben.

Verheiratete Frauen tragen zu einer größeren Hochzeit ausgeschnittene Toiletten mit Schleppe, oder auch hohe Taillen zu Schleppröcken; jedenfalls wird Seide, Sammt, Atlas oder sonst eine moderne spitzfindige Kombination aus all den drei Stoffen und Spitzenüberkleidern gewählt. Wollene Kleider trägt man nicht zu Hochzeiten, heutzutage nicht einmal mehr die jungen Mädchen, die auch für die kleinste Hochzeit im ausgeschnittenen Kleid kommen. Aeltere Damen werden erst recht kostbaren Stoff und vornehmen Besatz, wie echte Spitzen, Pelz und dergleichen wählen. Da die meisten Trauungen in der Kirche stattfinden, trägt man schöne Shawls, Capes oder Kragen zum Schutz. Handschuhe und Schuhe trägt man zur Toilette passend.

[580] 581. Als Herr? Die Herren tragen zur Hochzeit stets den Frack – Offiziere den Paradeanzug.

[581] 582. Hochzeitsgeschenke. Was schenke ich? Das ist der nächste große Gedanke, wenn man die Einladung zu einer Hochzeit erhält – der erste ist und bleibt die wichtige Frage: was ziehe ich an? Ist diese beantwortet – was ja gewöhnlich nicht schwer fällt, denn die meisten Damen fühlen sich moralisch verpflichtet, zur Hochzeit sich ein neues Kleid machen zu lassen – so geht man also die Reihe der wünschenswerten, praktischen oder luxuriösen Gebrauchsgegenstände durch und endet – bei dem Butter- und Käsebesteck. Kompottlöffel sind die zweite Möglichkeit. Es spricht gewiß viel für diese beiden Geschenke, denn erstens: »sehen sie nach was aus«, ohne daß sie unerschwinglich wären, und zweitens »kann man sie immer gebrauchen«. Gewiß! Aber mit zwei- oder dreimal Butter- und Käsemesser hält man schon reichlich bis zur goldenen Hochzeit aus und Kompottlöffel lassen sich, wenn man drei Kartons voll hat, noch auf die Enkel vererben. Reichlich Silber ist ein beneidenswerter Besitz – vor allem, wenn jede Sorte vertreten ist – nicht sechsunddreißig Löffel, vier Zuckerzangen und sechs Gabeln. Auch der vollkommenst eingerichteten Wirtschaft wird dies oder jenes fehlen und man sollte sich, ehe man an den Einkauf eines Geschenkes geht oder sich unnütz den Kopf zerbricht, an eine Verwandte der Braut wenden und um einen kleinen Wink für etwas Fehlendes bitten. Erhalt man als einzige Antwort die Bitte um einen recht schönen silbernen Tafelaufsatz, so wird man sich schmerzlich berührt abwenden oder »Christofle« muß Rat schaffen. Gewöhnlich aber wird man eine kleine Liste noch fehlender Dinge erhalten und kann dann bequem, seinem Geldbeutel angemessen, die Wahl treffen. Praktisch ist es auch, wenn mehrere Familien das ausgesetzte Kapital zusammenwerfen und einen größeren Wertgegenstand, einen Silberkasten mit Bestecken für sechs oder zwölf Personen, einen Aufsatz, ein kostbares Bild, einen großen Teppich oder dergleichen schenken.

[582] 583. Das Umtauschen von Geschenken. Der einzelne wird bei dem unglücklichen Kaufmann oder Goldschmied sicher bedingen, daß seine kleine Gabe umgetauscht werden darf; das setzt immer schon voraus, daß man sich keine Mühe bei der Wahl des Geschenkes gegeben hat, und diese überflüssigen in Massen auftretenden Artikel wird die junge Frau deshalb pietätlos »umtauschen«. Es giebt Leute, die das »Umtauschen« eines Geschenkes verdammen, es taktlos und häßlich finden, besonders da der Beschenkte dann ja den Preis erfährt, vielleicht bei der Wahl einer andern Sache noch eine Summe dazu bezahlt – oder noch ein paar Mark bar herausbekommt! Diese Mode, die Gefälligkeit der Kaufleute und die rücksichtslose Art der Kunden, die von dem Entgegenkommen einen solchen Gebrauch machen, daß die Läden, nach Weihnachten z.B., nur von »Umtauschenden« erfüllt sind, ist gewiß verwerflich. Ein Geschenk soll man nicht kritisieren, es nur auf den Nutzen hin betrachten. Ich setze bei einem Geschenk voraus, daß der Geber sich überlegt hat, gerade dies würde mir Freude machen, ich erkenne den guten Willen an, danke mit verbindlichstem Lächeln, zu dem mir meine gute Erziehung verhilft, und gewöhne mich allmählich an den mir zuerst peinlichen Anblick des Geschenkes, das mich um eine Enttäuschung reicher machte. Vielleicht verschenke ich es endlich weiter! »Das darf man nicht,« wird man energisch entgegnen, »das ist noch pietätloser als ein Umtausch!« In gewissen Fällen sicherlich. Man giebt aber auch nicht alle unbequemen Geschenke weiter. Aber es könnte doch sein, daß ich jemand mit etwas hoch erfreue, was bei mir nutzlos in einer Ecke steht und niemand dienlich ist als dem Mädchen, das daran seine Reinlichkeit übt. Verschenke ich sogar einen Gegenstand, der mir bequem und lieb war, den ich also gleichsam auf dem Altar der Freundschaft und Zuneigung opfere, so ist diese Gabe viel mehr wert, als irgend ein Gegenstand aus einem Ladenfenster, für den ich nur Geld, keine Regung des Bedauerns hingab.

[583] 584. Ueberlegung bei Geschenken. Wie gern nimmt nicht auch die von modernem Geschmack beseelte junge Frau irgend ein antikes Stück aus der Familie mit hinüber in die funkelnagelneue Behausung, oder freut sich täglich in der Küche oder am Theetisch über ein blankes Kesselchen oder eine Kanne aus der Großmutter Wirtschaft. Nicht was man giebt verleiht ja für einen feinfühligen Menschen dem Geschenke Wert, sondern wie man es giebt. Wie oft hört man nicht, daß Leute, die kaum für sich das Notwendigste haben, es verstehen, andern eine Freude zu machen, wenn auch nur mit Kleinigkeiten; aber sie schenken mit »Ueberlegung« und treffen mit besonderem Takt das Richtige und Passende. – Was dagegen soll eine arme, junge Frau beginnen, die Kartons und Etuis mit den verschnörkeltsten Löffeln und Tortenmessern in ihrem Silberschrank stehen sieht, während niemand an eine Lampe, einen Kronleuchter, einen Teppich, ein paar brauchbare Vasen oder dergleichen gedacht hat. Die kluge Mutter meinte bei der Anschaffung der Aussteuer: »Warten wir die Hochzeitsgeschenke ab, was noch fehlt ergänzen wir dann.« Aber auch der freigebigste Vater rät, wenn er erst alle Rechnungen für das Hochzeitsfest bezahlt hat, zum Warten und meint, es sei sehr hübsch, sich nach und nach einiges selbst anzuschaffen. Er hat nicht unrecht. Aber ein Salon ohne Lampen ist nur ein »Tagesvergnügen« und einen Teppich verlangt heutzutage auch der Unverwöhnteste zu seiner Behaglichkeit. Da bleibt eben nichts übrig als der »Umtausch« und die junge Frau erfährt zum erstenmal, wie sehr der Schein trügt und die blitzenden Silbersachen erst recht. Für den ganzen Haufen der atlasgefütterten Kartons erhält sie kaum genug, um ein paar große Lampen oder einen hübschen Kronleuchter eintauschen zu können – die Hoffnung auf den Teppich wird ganz klein und reicht nur noch zu einem Bettvorleger aus. Die bittere Enttäuschung hätte man ihr wirklich ersparen können, wenn man nur angefragt und etwas Nützliches gekauft hätte. Ebenso sollten sich die Freundinnen der Braut mit einander beraten, welche Arbeit jede machen soll, damit nicht nur Decken und Deckchen, sondern vielleicht ein hübsches Gedeck oder dergleichen zusammen geschenkt wird. Der bekannte Schriftsteller Hermann Heiberg schenkt jeder Braut seines Bekanntenkreises ein halbes oder ganzes Dutzend Nußknacker, da nach seiner Meinung auch auf der üppigsten Tafel höchstens zwei für dreißig Gäste liegen. So wird man für jeden jungen Haushalt etwas ausfindig machen können, was Freude macht, wenn man sich nur ein wenig Mühe giebt.

Die Junggesellen, die Freunde des Bräutigams, pflegten als schuldigen Tribut sonst nur Blumen darzubringen. Auch das hat sich in vielen Kreisen geändert; meistens werfen auch sie die zu opfernden Summen zusammen und schenken irgend etwas dem Bräutigam besonders Nützliches, wie silberne Likörbecher, einen schönen decanter oder einen Sektkühler.

In vielen Regimentern sind zwei bestimmte Sachen dem Bräutigam zur Wahl überlassen – in manchen eine Uhr oder eine Bowle, in andern ein decanter oder ein Satz von Likörbechern mit dem Wappen oder Namenszug des Regiments.

Schlüsselkorb und Toilettekissen, die früher auf keinem Hochzeitstisch fehlten, werden jetzt ganz vergessen. Aber sie sollten ebensowenig fehlen wie ein Nagelkasten mit Hammer und Werkzeugen, der gerade in einer jungen Wirtschaft beim Einrichten nötig ist und fast immer vermißt wird. – Im übrigen wird man bei der Wahl der Geschenke sich etwas nach dem Stil der Aussteuer oder dem Geschmack des jungen Paares richten müssen. Nicht alle sind für altdeutsche Steinkrüge oder Wandteller empfänglich. Andere dagegen würden den Wert einer antiken Vase oder einer Meißener Schale nicht zu schätzen wissen. Und das ist auch sehr gut. De gustibus non est disputandum. Man sollte also bei der Wahl eines Hochzeitsgeschenkes den eignen Geschmack nicht ausschlaggebend sein lassen.

[584] 585. Verhalten als Trauzeuge. Die zum Standesamt gewählten Zeugen versehen dasselbe Amt bei der kirchlichen Trauung. Da man dieses Amt als eine Auszeichnung anbietet, muß es auch von dem dazu Erwählten als eine Ehre empfunden werden und er wird sie nicht ohne triftigen Grund ablehnen. Man wählt als Zeugen die Väter des jungen Paares oder die Brüder oder nächsten männlichen Verwandten. Vielleicht wird auch der beste Freund des Mannes als ein Trauzeuge fungieren, als zweiter ein Verwandter oder Bekannter der Braut. Die berühmten Trauungen auf Helgoland, denen das neue bürgerliche Gesetzbuch ein Ende bereitet hat, wurden ohne jedes Aufgebot geschlossen, als Zeugen fungierten der Küster und ein andrer Bewohner des kleinen Eilandes. Der kirchlichen Trauung muß jetzt überall – also auch aus Helgoland – das Aufgebot von der Kanzel an vier Sonntagen vor dem Trauungstage vorangehen. Das junge Paar schreibt nach vollzogener Trauung seinen Namen ins Kirchenbuch, die Zeugen bestätigen den Akt durch ihre Unterschrift. Vor dem Altar, während der Trauung, stehen sie zu Seiten des Brautpaares, betreten auch mit diesem zusammen die Kirche. Daher gebietet es die Rücksicht auf den Pastor und alle in der Kirche Versammelten, daß die Zeugen rechtzeitig erscheinen, da ohne sie die Trauung nicht beginnen kann. Leider weiß man von Fällen, wo sogar hierbei die Pünktlichkeit versagte.

[585] 586. Als Brautführer. Die Brautführer, d.h. die Begleiter der Brautjungfern, haben die Pflicht, ihre Damen im Wagen zur Kirche abzuholen, für diese Auszeichnung durch einen Strauß zu danken, dessen Manschette ober Schleife möglichst den Farben der Toilette angepaßt ist, die Dame am Arm zum Altar zu führen, hinter dem Brautpaare her, die Dame später in das hochzeitliche Haus zurückzubegleiten, sie zu Tisch zu führen und für den nachfolgenden Tanz der Haupttänzer der Partnerin zu bleiben. In manchen Gegenden ist es Sitte, die Brautführer Achselschnüre oder lange, seidene Schleifen an der Schulter tragen zu lassen. Gewöhnlich werden die Wagen für die Brautführer von den Verwandten des jungen Paares, die die Hochzeit ausrichten, gestellt. In Mecklenburg erstreckt sich die Gastlichkeit sogar soweit, daß der Hochzeitsvater für all die Gäste, die im Hotel einquartiert werden müssen, die Rechnungen bezahlt. Eine sehr hübsche, aber eventuell recht kostspielige Sitte!

[586] 587. Als Brautjungfern. Die Brautjungfern, Schwestern, Schwägerinnen oder Freundinnen der Braut werden sich natürlich in den lichtesten Farben kleiden. Sehr hübsch ist es, wenn alle Brautjungfern dieselbe Farbe und denselben Stoff der Toilette wählen. In England ist dies Vorschrift – man nennt auf den Einladungskarten gleich die gewählte Farbe, meistens die Lieblingsfarbe der Braut, und die jungen Damen verabreden dann untereinander Stoff und Schnitt der Kleider wie die Form und den Besatz des Hutes, der zur Vervollständigung jeder englischen Hochzeitstoilette gehört. Der Bräutigam, nicht der Brautführer, sorgt für passende Sträuße und muß nach der herrschenden Sitte den Brautjungfern ein mehr oder minder kostbares Geschenk in Form einer Brosche oder einer Nadel machen. Natürlich allen dasselbe.

So entwickelt hat sich die Mode für die Brautjungfern ja bei uns auch nicht – obgleich die jungen Mädchen gewiß nicht dagegen wären! Sie revanchieren sich für die erwiesene Ehre, Brautjungfer sein zu dürfen, am besten durch eine recht geschmackvolle Handarbeit.

Quelle:
Baudissin, Wolf Graf und Eva Gräfin: Spemanns goldenes Buch der Sitte. Berlin, Stuttgart [1901], S. 579-587.
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