Mieze Biedenbach

Erinnerungen einer Kellnerin

[1] Aller Anfang ist schwer. Wenn ich nur erst wüßte wie ich beginnen sollte. Memoirieren – hm – das ist alles leicht gesagt, aber wenn man in seinem Leben noch nicht so was getan hat, und über einen ordentlichen Brief nicht hinausgekommen ist, und man nun plötzlich eine Art schriftstellerische Arbeit in Angriff nehmen soll, ist das eine eigene Sache.

Aber heutzutage ist das Memoirenschreiben nicht nur bei berühmten Leuten, sondern auch bei gewöhnlichen Sterblichen Mode. Was da nicht alles an »Erinnerungen« in die Welt gesetzt wird – und was da nicht alles zur Feder greift: Gauner und Diebe, Schweinehändler, xmal geschiedene Frauen, eheirrige Prinzessinnen, Kurtisanen, Milliardäre und Lumpeniäre, kurz alles und jedermann – Frédéric hat recht –, warum sollte ich nicht dasselbe können, zumal von all den memoirierenden Herrschaften wohl kaum jemand mehr erlebt und gesehen, als ich, Fräulein Mieze Biedenbach, zurzeit wohlbestellte Büfettiere des Café K. in der Friedrichstraße.

Nämlich, was mein jüngster Verehrer ist, ein kleiner Journalist, – Frédéric, hat mich auf diesen Gedanken gebracht. Das ist ein netter Mensch, nur für meinen Geschmack etwas zu kurz; dürfte zehn Minuten länger sein. Aber wir plauschen gern ein bißchen mitsammen, und er bringt mir oft Bücher, die ich mit Leidenschaft verschlinge, denn ich lese für mein Leben gern. Vorige Woche brachte mir Frédéric das »Tagebuch einer Verlorenen«. – Ich [2] habe es in einer Nacht zu Ende gelesen. Ich habe mit Frédéric darüber gesprochen. Er meinte, ob ich nicht auch so etwas schreiben könnte »Ja, wieso?« sagte ich. »Wen soll das interessieren?«

»Oho!« meinte er. »Das Publikum hat großes Interesse an dieser Art Lektüre, und mit Recht. Denn was die schöne Literatur sei, d.h. das, was man im allgemeinen unter schöne Literatur verstehe – die Kunst der stilisierten Lebensdarstellung (ich verstehe den Ausdruck nicht, aber so sagte er!), – dieses Schwelgen in Farben, wie sie nur der Künstler, nie aber die Natur kennt, so beginnt man den Geschmack daran zu verlieren. Man hat sich daran übergegessen. Man braucht nur die Augen aufzuknöpfen, um diesen Drang nach Vereinfachung der Form und nach Wahrheit und Wirklichkeit auch in anderen Kunstzweigen wahrzunehmen. Geht man z.B. nach Wertheim und sieht sich die modernen Zimmereinrichtungen an, sind es nicht die ganz einfachen und glatten Formen wie anno Tobak? Sogar auf das Spielzeug der Kinder dehnt sich dieser Drang nach Vereinfachung der Form aus, und wenn man so'n grünlackiertes Ding ansieht, weiß man zuerst nicht, soll es einen Buschen Spinat oder eine Kaffeemühle oder eine grüne Katze vorstellen und am Ende ist es ein Frosch. Also sehen Sie, überall weist der Geschmack auf das Ursprüngliche hin, und so ist's kein Wunder, daß das Publikum die bengalische Beleuchtung und das Geschnörkel und den kräuterigen Ausputz einstweilen mal satt hat und nach Wirklichkeit und Wahrheit verlangt. Einen wahren Spiegel des Lebens und der sozialen Verhältnisse, kein Hohlspiegel, aber auch kein schmeichelndes Glas. Und weil sich bisher noch keine Vertreterin des Kellnerinnenstandes zu Wort gemeldet hat, könnten Sie es mal schlankweg versuchen, Ihre Lebenserfahrungen ungeschminkt aufs Papier zu bringen, Fräulein Mieze.« –

[3] »Jawohl,« sagte ich »können könnt ich's schon. Aber erstmal weiß man sich doch nicht immer so auszudrücken, und zweitens – wenn ich bei der Wahrheit bleiben soll, ist das so so ... Sie wissen Herr Frédéric, – als Kellnerin – – na gerad heraus gesagt – eigentlich ist es mir etwas genierlich, alles so aufzuschreiben, was man so erlebt und erfahren hat – –«

Frédéric meint indessen, das schade nichts. Das Blindekuhspielen sei der Welt nachgerade auch leid. Man gewöhne sich, den Dingen wie sie sind in die Augen zu sehen. Die Hauptsache sei, daß die Leute mal erfahren, wie es in der Seele einer Kellnerin ausschaue, und daß eine Kellnerin überhaupt eine Seele habe. Und um das zu beweisen, habe ich zugesagt. Ich glaube diese Arbeit muß mir Spaß machen. Ich kann ohnehin nachts nicht schlafen. Anstatt mich nun stundenlang zwecklos im Bett umherzuwursteln, werde ich von jetzt an meine Memoiren schreiben. Und wenn ich nachts Dienstschicht habe, habe ich ohnehin den Nachmittag frei.

Also werde ich versuchen ein »getreues unretuschiertes Bild meines Lebens« hinzuwerfen.

Was nun das Tagebuch der Thymian anbelangt – –


* * *


Frédéric hat die letzten drei Seiten kreuz und quer durchstrichen. »Was fällt Ihnen denn ein, Miezel,« räsonnierte er. »Erstens sind Sie überhaupt nicht aufgefordert und berufen Ihre Ansichten über ein Buch schriftlich niederzulegen. – Überlassen Sie das Kritisieren gefälligst den Zeitungsschreibern, die Ihnen Ihre Memoiren früh genug verknacken werden. Zweitens ist alles, was Sie da faseln Quatsch. Drittens ist es nicht fair und nicht kollegial in einem Buch ein anderes zu bekritteln. Viertens beschwöre ich Sie, überhaupt nicht so viel Sums zu [4] machen und sich nicht einzubilden, daß man Gedanken hat, die sich des Aufschreibens lohnen. Gedankenblumen und Gedankenfrüchte sind Raritäten; in den meisten Köpfen wächst nur Kohl, wenn's hoch kommt, Kraut und Rüben. Hören Sie: Kohl!! –«

»Tatsachen, Miezel, Tatsachen! Wahrheit, Wahrheit, Wahrheit! Und bekommen Sie im Laufe Ihres schriftstellerischen Debuts nur nicht die großwahnsinnige Idee soziale Weisheiten zu verzapfen. Werden Sie nicht allzu literarisch und philosophieren Sie nicht, Miezel – denn wenn alle Nachtcafédamen und Kellnerinnen und Schweinehändler und Prinzessinnen anfangen wollen zu philosophieren, wo sollten da die Berufsphilosophen die Margarine für ihr trockenes tägliches Brot hernehmen! Zumal die Salzkörnlein in Suppen und anderen Speisen verteilt für die meisten Leute schmackhafter und verdaulicher sind, als der löffelweise Salz – Genuß – –«

»Quasseln Sie nicht, Herr Frédéric,« sagte ich. Worauf er mir nochmal ins Ohr trompetete:

»Wahrheit! Tatsachen! Keine Aufschneiderei, aber auch keine Unterschlagungen. Das Publikum hat ein Recht auf Wahrheit. Verstanden? Nur Tatsachen –«

»Adieu« sagte ich.

Das Tagebuch hat er wieder mitgenommen. Damit ich nicht in Versuchung komme abzuschriftstehlern, sagte er. Was eine überflüssige Sorge war, denn das hat Miezel Biedenbach Gottlob nicht nötig.


* * *


Ich will also zuerst von meiner Kindheit erzählen. Mit meiner Familie ist zwar nicht viel Staat zu machen, aber da man sich seine Erzeuger ja schlechterdings nicht aussuchen kann, was eine sehr große Unvollkommenheit der Schöpfung ausmacht, ist es ja auch weiter keine [5] Schande als Tochter eines Flickschusters das Licht der Welt erblickt zu haben.

Ich war die jüngste von Fünfen. Hamburg ist meine Vaterstadt, halb und halb bin ich also eine Landsmännin der schönen Thymian. (Ich denke eben daran, daß Frédéric mir streng verboten hat, Thymian zu zitieren, aber es floß mir so heraus.) Ich bin sehr stolz auf meine hamburgische Herkunft. Es ist wirklich so, daß alles, was 'n bißchen vorstellt, von da oben herkommt.

Vater hatte ja wohl in seiner Jugend mal bessere Tage gesehen, war seinerzeit als Geselle mit ein paar Hundert Em Erspartem vom Oldenburgischen herübergekommen, wo seine Brüder noch heute als ehrsame Handwerksmeister existieren und hatte sich auch in Hamburg, solange er bei anderen Meistern arbeitete, soweit ganz gut gestanden.

Das Elend begann erst mit der Heirat und als die Gören sich eins nach dem andern einstellten. Wes Standes und Geistes meine mütterlichen Ahnen waren, weiß ich nicht, nur glaube ich, ohne Beschädigung der Wahrheit die Tatsache konstatieren zu können, daß sie nicht in Schlössern und Palästen hausten und daß sie niemals schwer an der Last sozialer Repräsentationspflichten zu tragen hatten. Meine Mutter war in Elberfeld-Barmen zu Hause, wo sie als junges Mädchen in Fabriken gegangen war. Was für ein Wind sie nach Hamburg verschlagen hatte, weiß ich nicht. Sie war eine kleine, magere, schwarzhaarige Frau, nicht häßlich, aber der gelbe verknitterte Teint machte sie älter, als sie war, zudem fehlten ihr zwei Vorderzähne.

Als sie Vater auf einem Tanzvergnügen in Ottensen kennen lernte, schneiderte sie und besaß eine eigene Wirtschaft, die ein Freund ihr eingerichtet hatte. Zur Zeit meiner Geburt aber war die hübsche Freundeswirtschaft längst zum Teufel und die Schuster- und Schneiderei auf den Hund gekommen. Damals hausten wir in einem [6] Hinterquartier der Fuhlentwiete, Seitengebäude links, Souterrain nach hinten, in dessen vorderen Räumen ein Besenbinder residierte. Unser Domizil bestand aus zwei elenden Kammern, das heißt eigentlich nur aus einer Stube, von der ein Teil durch eine Bretterwand abgetrennt eine düstere Kabuse für sich bildete. In diesem stockfinsteren Raume standen zwei Bettstellen, in denen meine Geschwister und zwei Schlafburschen verstaut waren, während ich als Jüngste das Ehebett meiner Eltern teilte.

Am Fenster der »Stube« stand der Tisch mit den Handwerksutensilien meines Vaters, aber ich kann mich kaum entsinnen, ihn jemals daran hantieren gesehen zu haben. Für gewöhnlich trieb er sich draußen umher, auf der Spähe nach ein paar Groschen Verdienst als Gelegenheitsarbeiter. Mutter schaffte überhaupt nichts. Ich erinnere mich, sie im Hause nie anders als in einem verschlissenen roten Unterrock, Pantoffeln und zerrissenen Strümpfen mit zerzaustem, meist in zwei Zöpfen herabhängender Frisur gesehen zu haben.

Gleichwohl hatte sie immer ein fesches Kleid im Schrank hängen, das sie Sonntags und manchmal auch Wochentags abends anzog, wenn sie mit ihren zwei Freundinnen, den Wollmäusen Trude und Henny tanzen ging. Bei diesen Gelegenheiten machte sie jedesmal sehr sorgfältig Toilette, die damit begann, daß sie einen Bottich voll Wasser in die Bude schleppte, sich gründlich wusch, sich dann bis oben hinaus frisierte, und das Gesicht weiß und rot färbte. Wenn sie dann so hübsch zurechtgemacht und angezogen dastand, war sie wie ein Schmetterling, der sich eben der häßlichen Verpuppung seines ehemaligen Raupendaseins entrungen hatte.

Ich hatte eine elende Jugend. Bis zu meinem zehnten Jahre habe ich kaum ein warmes Mittagessen in den Leib bekommen. Die Eltern lebten in stetem Hader, Schimpfworte und Schläge waren die Tagesordnung. Zuweilen [7] wurde ich mitten in der Nacht wach von einem furchtbaren Lärm, von einem Hagelschauer von Schimpfworten, von Fußtritten und dem Aufknallen hin und her geschleuderter Gegenstände; nicht selten setzte es bei solchen Gelegenheiten auch etwas für mich ab, so daß ich bald klug war und mich mäuschenstill unter der Decke verkroch. Ich war noch zu klein, um die Ursache der ewigen Streitereien zu durchschauen, aber ich habe später mal gehört, daß die Nachbarn und Bekannten meiner Mutter die Schuld an unserer Misere und den vielen ehelichen Schlachten mit Bomben und Granaten gaben. Vater soll, wie sie sagten, früher ein fleißiger, solider, nüchterner Handwerker gewesen sein, das Elend hatte ihn mürbe, hinfällig und widerstandsunfähig gegen die vielen Kalamitäten und Widerwärtigkeiten gemacht. Der Schnaps und das Hundeleben hatten ein übriges getan, um ihn frühzeitig auszumergeln. Vor meinen Augen steht er als ein kleines, brustschwaches, kurzatmiges, verhutzeltes Männchen, das immer so aussah, als könnte ihm jede Minute die Puste ausgehen. – Die Schule besuchte ich sehr unregelmäßig, aber der Lehrer, der die Verhältnisse kannte, drückte beide Augen zu, und da ich rasch auffaßte, kam ich doch leidlich schnell voran und saß immer ziemlich weit oben in der Klasse.

Die Lichtpunkte meiner Kinderzeit waren die Wollmäuse. Sie arbeiteten auf den Wollböden einer großen Spinnerei und waren Sonntags auch immer schön angezogen, und da sie eine große Gutmütigkeit mit einer gewissen mütterlichen Kinderliebe vereinten, überhäuften sie mich mit Zärtlichkeiten und kleinen Geschenken. Wie rasch und mit wie wenig ist ein armes Kind froh gemacht. Wenn mir ein solches Wurm über den Weg läuft, schenke ich ihm immer etwas. Es wird so viel über die Sozialdemokratie und über die Mittel zu ihrer Bekämpfung geschrieben. Ich glaube wirklich man packt die Sache [8] am verkehrten Ende an. Die Militärbehörden stellen den Teufel und seinen Pumpstock an, um das Eindringen der sozialistischen Ideen in die Armee zu verhüten. Aber ich für meinen Teil glaube nicht, daß aus einem erwachsenen Menschen durch äußere Einflüsse ein wurzelechter Sozialdemokrat gemacht werden kann. Die Sozialdemokratie, die wirkliche, echte, rassige, vollblütige, rekrutiert sich aus den Massen der Kleinen, der Werdenden, der noch nicht Mitzählenden. Eher sollte man auf die frierenden Kleinen, die in grausig kalten Winternächten straßelang ihre Streichhölzer, Zeitungen und anderen Kleinkram feilhalten, sein Augenmerk richten, auf die zahllosen Geschöpfchen, die morgens hungrig zur Schule kommen, die in grauer Elendsnacht Aufwachsenden. – Denn das sind diejenigen, in deren Blut sich der Haß hineingärt –, die Wut, die wilde, glühende Sehnsucht nach Vergeltung, die nie mehr hinauskommen.

O, was kann so ein Kind leiden!

Mit sieben Jahren bekam ich eine Laufstelle bei einem wohlhabenden Budiker im Vorderhause. Die Leute hatten zwei Kinder, die immer nach der neuesten Mode gekleidet gingen und die machen konnten was sie wollten. Wenn ich sie abends ihre Lachs- und Schinkenbrötchen speisen sah und es beobachtete, wie sie Lux, den Pudel, mit denselben Leckerbissen fütterten, oder wenn Lux ein appetitlich gebratenes Schnitzel oder Beefsteak als Mittagfutter vorgesetzt bekam und mir der Duft der mir kaum dem Aussehen und dem Namen nach bekannten Speise in die Nase kribbelte, zog mit dem Neid und Hunger zusammen ein ganz sonderbares Gefühl in mein Herz. So eine stechende, aufkochende Wut, daß ich mit den Füßen hätte um mich treten und jeden, der mir nahe kam, mit den Fäusten ins Gesicht hätte schlagen mögen. Ich haßte die Budikerbrut und ihre Kinder mit dem Haß der Vernichtung – –

[9] Es ist nicht gut getan, vor den Augen eines hungrigen Kindes zu essen, oder seinem Hund leckere Mahlzeiten vorzusetzen und ein hungerndes Kind zusehen zu lassen. Wer das aus bösem Willen oder gleichgültiger Unbedachtsamkeit tut, braucht sich nicht zu wundern, wenn dieses Kind, zum Menschen ausgewachsen, eines Tages zum Räuber und Mörder an seinem Gut und Leben wird, denn man vergißt so etwas nicht.

Mich hält wohl jedermann für eine muntere, harmlose, gutmütige Person, die keiner Fliege was zuleid tun könnte, weil niemand meine innersten Gefühle und Gedanken kennt. Das geht auch niemand etwas an. Aber im Grunde meines Herzens hasse ich die reichen Menschen so furchtbar, daß ich ihnen manchmal etwas Böses antun möchte. Zuweilen nachts, wenn ich abgespannt und kaput hinterm Büfett stehe und sie kommen dann heran, die Schwärmer und Nachtlokalitäten-Habitués, sattgegessen und vollgesoffen, und angeregt von der Musik, den lüsternen Theaterstücken oder den pikanten Kabarettvorträgen, auf der Suche nach einem Kaufobjekt von Fleisch und Blut – – da – da – packt und schüttelt mich wieder so etwas Grausiges, Unaussprechliches, so ein fürchterlicher Ekel und ein so grenzenloser Zorn, daß ich meine, diese »Menschen« wären nichts anderes und nichts besseres, als jene Tiere, die nur zur Qual und Last der Menschheit da sind, die niemand etwas nützen, von denen man nicht weiß, warum sie überhaupt erschaffen sind und deren Existenz den Atheisten eine zweckdienliche Handhabe zur Beweisführung ihrer Ideen geben könnte. Und weil man solcherlei vierfüßigem Ungeziefer straflos mit Phosphor und Arsenik zu Leibe gehen darf, sollte es eigentlich auch jedermann unbenommen sein, diesen Tier-Menschen geräuschlos den Garaus zu machen. Mir wenigstens würde es ein unbeschreibliches Vergnügen bereiten, so einem satten, verlebten [10] Laffen, der sich unsereins gegenüber alles glaubt herausnehmen zu dürfen, ganz sachte ein Pülverchen in den Schwarzen zu mischen, daß ihm die Luft mit einemmal ausginge – –

Es ist wohl möglich, daß Frédéric mir das alles wieder zusammenstreicht, aber es schadet nichts. Es tut ordentlich wohl, mal alles so vom Herzen herunter zu schreiben, was mich oft beklemmt und ängstet. Und andere haben dieselben Empfindungen und Gedanken. Als ich noch im Apollotheater am Büfett war, sprach ich mal mit Trude darüber und sie äußerte sich so ähnlich. Die Leute sprechen immer von dem »Stempel des Lasters und der Gemeinheit«, der diesen Mädchen auf dem Gesicht gedrückt sein soll, aber sie wissen nicht, oder wollen es nicht wissen, daß es der Stempel eines unauslöschlichen Hasses und einer furchtbaren Verachtung ist. Denn kein Gefühl ist so tief, so schneidend, so vollgeladen von gefährlichem Explosionsstoff als die Verachtung, die aus dem Bewußtsein des Verachtetwerdens geboren wurde.

Ich wollte aber von den Wollmäusen schreiben, diesen armen Geschöpfen, die den ganzen Tag für eine Mark zwanzig Pfennig schwer schuften mußten. Sie hatten irgendwo im fünften Stock einer Kaserne der Hafengegend eine Schlafstelle und führten auch ein Hundeleben. Ihr einziges Amüsement, das sich zugleich mit dem Nützlichen einer sekundären Erwerbsquelle verband, bestand darin, daß sie Sonntags in dem Englischen Garten tanzen gingen. Auch auf den Zügen dieser Armen lag der Ausdruck des Hasses, den die Nichtwissenden »Gemeinheit« nennen. Aber zu mir waren sie gut – so gut – – Ich liebte die Wollmäuse.

Als ich zehn Jahre alt war, verunglückte mein ältester Bruder Christian am Hafen beim Löschen. Er war damals eben sechzehn, ein fleißiger, ordentlicher Junge, der der Mutter schon manchen Taler nach Hause brachte. Er [11] hatte beim Aufheben eines Stückes das Gleichgewicht verloren und war kopfüber ins Wasser gestürzt. Als sie ihn herausfischten, war er schon tot. Sein Verlust bedeutete einen schweren Schlag für meine Eltern. Die Tage zwischen der Nachricht von dem Unglück und der Beerdigung waren die einzigen meines Lebens, wo Friede und Eintracht zwischen den Eltern herrschte. Sie lagen nachts reglos und schluchzten vor sich hin, und gingen tagsüber still und stumm ihrer Wege. Aber am Abend des Beerdigungstages waren sie schwer betrunken und sie bombardierten einander mit Messern und Töpfen, und die Mutter blutete an der Wange, und in ihrer Wut nahm sie eine Schüssel mit Heringslake, die vom Abend vorher auf dem Tisch stand und stülpte sie dem Vater über den Kopf, worauf er ein so wahnsinniges Schmerzgeheul ausstieß, daß die Nachbarn, in der Meinung, bei uns sei Mord und Totschlag, schleunigst die Polizei holten, die dann kurzen Prozeß machte und die streitenden Parteien einfach mit zur Wache nahm.

Ein Jahr später herrschte ein großes Scharlachsterben in Hamburg und besonders in unserer Gegend. Fast Tür an Tür lagen und starben die Kinder, und wenn vormittags der Totenwagen, der die Arme-Leute-Leichen en masse nach Ohlsdorf abholte, vor dem Hause stand, geschah es nicht selten, daß der Mann Tür an Tür vorfragen kam, ob etwas mitzunehmen sei.

Wir lagen alle vier zu gleicher Zeit an der schrecklichen Krankheit nieder. Mein Bruder Thed und ich vorn im Bett und Hanny und Jörn nebenan. Bei Hanny setzte die Krankheit gleich so fürchterlich heftig ein und schon nach sieben Tagen starb sie. Abends gegen neun Uhr. Und etwas nach elf wurde es mit Jörn so schlimm, daß Vater Hals über Kopf nach dem Doktor mußte. Und er kam und kam nicht wieder, und Mutter jammerte und schimpfte in einem Atem, und die Schlafburschen [12] murrten, daß sie nicht mit der Leiche und dem röchelnden Kinde zusammen in einem Loch schlafen könnten. Und Thed und ich glühten im Fieber, und ich weiß noch heute wie mir allerhand rote, heiße Phantasien durch den pochenden schmerzenden Kopf zogen.

Endlich kam Vater wieder. Er war stundenlang nach einem Doktor umhergeirrt, endlich hatte er einen zu Hause angetroffen, und wie er unten an der Tür wartet, kommt der Schankwirt von vorn, dessen Mädel auch am Scharlach lag. Da ist der Doktor denn endlich herunter, aber obgleich Vater eine Viertelstunde früher als der andere da war, ist der Arzt doch zuerst mit dem Budiker gegangen, und als er dann nach einer guten halben Stunde zu uns kam, fand er zwei Leichen ... Hanny und Jörn – –

Ich glaube wohl, daß der Doktor Jörn auch nicht hätte retten können, denn für den Tod ist ja einmal kein Kraut gewachsen. Aber damals reimte ich mir aus allem, was so um mich herum zeterte und raunte und gluckste den Gedanken heraus, daß Jörn nicht gestorben wäre, wenn der Doktor erst zu uns gekommen wäre. Und daß das Budikermädel mit dem Leben davonkam, das schien uns allen ein unumstößlicher Beweis dafür, daß der Mensch wirklich Gottes Ebenbild ist, – – nämlich daß Gott, wenn er überhaupt ist – genau wie seine irdischen Abbilder mit zweierlei Maß mißt – eins für die Wohlbestellten, Zahlungsfähigen, und eins für die Elenden, den »Pöbel« –

Na, auch das wurde überwunden. Es hatte höllisch Luft gemacht in der Bude, so drei Menschen weniger. Aber besser wurde es auch nicht, ja mich dünkt beinahe, als ob Mutter seitdem noch schlampiger und gleichgültiger geworden wäre und als ob Vater gleichfalls danach noch arbeitsunlustiger und arbeitsunfähiger gewesen sei. Nur selten brachte er noch ein paar Groschen nach Hause, [13] und der Hunger und die nackte Not waren häufiger als zuvor unsere Gäste. Mutter ging jetzt nicht nur Sonntags, sondern auch Wochentags in die Ballokale; in den Englischen Garten begleitete ich sie öfters. Sie hatte ein Techtelmechtel mit dem Oberkellner dort und da durfte ich hinterm Bufett hocken und bekam die Reste Bier und Grog aus den Gläsern zu trinken. Manchmal kam es auch vor, daß ich einschlief und von Mutter im Stich gelassen wurde. Immerhin gefiel es mir in den warmen, hellen Lokalitäten, bei der Musik und dem moschusduftenden Gängeparfüm der geschmückten Talmieleganzen besser als in dem kalten, dunklen, lumpigen und stinkenden Loch daheim.

Einmal nach solcher Tanznacht, als ich, berauscht von den Polacken1, eingeschlafen war und morgens hinterm Schanktisch aufwachte, war mir so hundeelend zumute, daß ich kaum aufstehen konnte. Da brachte mich der Ober an die Tram, setzte mich hin ein und zahlte die Fahrt für mich. Zu Hause fand ich die Eltern in heller Fehde. Vater sah kreideweiß aus. Ich hörte, daß er Mutter wegen mir Vorwürfe machte.

»Eine Schande ist's und eine Sünde um so'n unschuldiges Kind,« schrie Vater. »Wie sieht sie aus! – Auch schon halb so 'ne – –«

»Verhau sie doch!« sagte Mutter gleichgültig. Sie las in einem gelben Groschenheft. »Das Opfer der Ehre«. Für die Literatur hatte sie halt immer noch ein paar Pfennige übrig.

»Nein, dich sollte man verhauen,« sagte Vater, aber er war gar nicht wütend und auffahrend als sonst, sondern mehr bedrückt und traurig. »Was für ein Leben! Ein Leben schlechter wie ein Hund,« fuhr er fort und seufzte [14] tief. »Man sollte sich zehn Klafter unter die Erd' wünschen –«

»Geh hin und häng dich uff,« riet Mutter.

»Meine Eltern waren auch nur kleine Handwerkerleute, und wir waren zu sieben,« sprach Vater weiter, »aber wir hatten doch immer unsern gedeckten Tisch und unsere Ordnung. Unsere Stuben waren blitzsauber, und wir hatten mittags und abends was Warmes im Leib. Unsere Mutter war hinten und vorne; sie war eben eine anständige Frau –«

Mutter murmelte eine mehr populäre als salonfähige Entgegnung, die Vater zu meiner Verwunderung aber ganz unbeachtet ließ.

»Um mich ist es ja ganz Gottlieb Schulze. Aber daß man mit seinen Augen ansehen muß, wie die leiblichen Kinder im Dreck vergehen und verderben.«

»Scher dich zum Teufel,« schrie die Mutter.

»Jawohl. Ich werd 'n bitten, daß er dich noch sobald nicht holt. Denn solang du nicht da bist, werd' ich's schon in seinem Brutkasten aushalten –«

Damit ist er fort. Und ich habe die letzten Worte so genau im Gedächtnis behalten, weil's wirklich die letzten waren, die ich von ihm hörte. Am Abend kam er nicht nach Hause, die nächsten Tage auch nicht. Acht Tage später fanden sie ihn irgendwo bei Wandsbeck tot im Chausseegraben, erfroren.


* * *


Gestern nacht hatte ich ein kleines Extraabenteuer. So um zwei herum. Das Café war schon ziemlich leer, nur ein paar vereinzelte Stammgäste sielten sich noch herum. Herr von Rüben mit einem Kabaretstar, Weber-Elias mit zwei Freunden und einer Freundin, noch ein Alter, dessen Namen ich nicht kenne und ein mir ebenfalls unbekannt-bekanntes Pärchen.

[15] Dann plötzlich kommt noch ein Paar.

Er ein hübscher, schlanker, eleganter Mensch mit braunem Schnurrbart à la Haby und Zylinder, so gegen vierzig, sie ein elendes kleines Rapunzel, die linke Schulter zehn Zentimeter über die rechte hinaus gewachsen, auch schon stark aus dem Schneider, das Gesicht nicht hübsch nicht häßlich, von einer scheußlichen Nichtssagenheit und Alltäglichkeit; nicht einmal schick ... alles in allem: höchst gewöhnlich ... Was mich anbelangt, so war ich sehr müde und wünschte die ganze Gesellschaft schon seit länger als einer Stunde ins Bett oder zum Teufel. Aber trotzdem habe ich doch immer die Augen offen und beobachtete alles, was um mich vorgeht und diese beiden erregten aus einem mir selbst nicht ganz plausiblen Grunde mein Interesse. Ich sah sofort, daß sie ein Verhältnis waren und konnte mir auch keinen rechten Reim darauf machen, wieso der nette fesche Mensch zu einem Verhältnis mit dieser knotigen ollen Schachtel kommen konnte. So etwas ist eine Geschmacklosigkeit, die in meinen Augen einem Verbrechen gleich kommt.

Sie nahmen also Platz und bestellen: sie einen Tee, er einen Schwarzen und fordern die Kuchenplatte und sie futtert drauf los, als ob sie in drei Wochen auf Barnimdiät gewesen wäre. Und dabei ein Räsonnement; das Mundwerk ging ihr wie eine Kaffeemühle, keine fünf Sekunden Stillstand, während er sich mit Zuhören und zeitweisem Kopfnicken begnügte.

Die Beiden fingen schon an mich zu langweilen, als sich plötzlich ein Zwischenfall ereignet, der mich, aber auch sie – nämlich meine Beiden – ermunterte. Kommen da plötzlich zwei Damen die Treppe herauf: die Alte im Cape und Kopfschal, das Urbild einer forschen Schwiegermutter, hinter ihr, etwas schüchtern und geniert, ein junges Mädchen, oder eine junge Frau – was weiß ich – – –.

[16] Die Alte eins, zwei, haste mich gesehen, auf mein Paar zugestürzt:

»Sie! Sie! Das ist ja reizend: Sie hier mit Ihrer – Ihrer – – Ihrer Person – Sie – Sie schlechter Patron. Und Ihre arme Frau sitzt zu Hause und grämt sich, weint sich die Augen aus dem Kopf ... Schämt Euch! Schämt Euch! Schämt Euch – –!!«

Na, sie schämten sich wirklich wie die Hunde. Mein hübscher Zylindrian warf einen Taler auf den Tisch und riß schleunigst aus und die Weiber ihm nach – –

Im Lokal Totenstille, und erst als der Vorhang über das einszenige Drama gefallen war, nämlich alle vier außer Schußweite, bricht das Gelächter los. Und dann die Debatten. Alle Anwesenden sind plötzlich miteinander bekannt und in einer Unterhaltung. Jeder gibt seinen Senf zu der Parteienstellung. Hie Schwiegermutter, da Schwiegersohn. Die Freundin von Weber-Elias behauptete, die Schwiegermutter sei in ihrem Recht und es sei keine Ordnung von einem Mann, sich nachts mit anderen Frauenzimmern herumzutreiben (sie scheint selbst etwas eifersüchtig veranlagt). Die Herren nahmen natürlich alle für den Mann Partei, nur einer meinte, man könne ihn nicht in Schutz nehmen. Ein Mann könne tun, was er Lust habe, aber sich von der Schwiegermutter erwischen lassen – – das sei eine Dummheit, die Verurteilung und Strafe verdiene. – Wie sie noch so hin und her streiten, ruft von Rüben zu mir herüber: »Sind Sie mal Schiedsrichter, Miezel! Wer ist in diesem Fall verdammenswert und wer nicht?«

»I Gott bewahre. Selbstverständlich der Mann,« sage ich.

Natürlich allseitiger erstaunter Protest. »Aber Miezel!« »Na hören Sie mal, Miezel!« »Seit wann denn, Miezel? Wie wird mir?« Usw.

[17] »Der Mann ist im Unrecht,« sagte ich, »denn wenn er schon mal über die Stränge schlägt, soll er sich wenigstens 'n hübsches, kleines Mädchen aussuchen, und nicht so 'ne alte, schiefkastige Runkelrübe. Garstiger wie die kann seine Frau auch kaum sein –«

»Da haben Sie recht, Fräulein!« sagt jemand hinter mir, und ich denke, mich rührt der Schlag, als auf der Treppe wieder der nette Mensch auftaucht und ganz solo, ohne Verhältnis und Schwiegermutter. Er setzt sich und verlangt einen Absinth. Im Lokal war's natürlich gleich still. Nachher ist dann bald einer nach dem andern weg, und der Kellner macht die Gasflammen aus, und bald war's schummerig im Lokal und nur am Fenster, wo der arme Kerl von Schwiegersohn, den Zylinder in den Nacken geschoben, trübselig versonnen dasitzt und seinen zweiten Absinth schlürft, brennt noch eine Flamme. Ich hab mich denn mittlerweile auch angezogen, und der Mann zahlt, und es trifft sich, daß wir gerade miteinander zur Türe hinaus sind.

Er grüßt dann ganz höflich und meint: »Noch so spät spazieren, Fräulein? Und ganz allein? Wohin denn?«

»Ins Quartier. In die Chausseestraße,« antwortete ich.

»Herrjeh! So weit! Und den Weg müssen Sie jeden Morgen gegen zwei machen?«

»Warum denn nicht?« sag ich. »Die Luft und die Bewegung sind mir gut. Ich möcht sie nicht missen.«

»Und wann gehen Sie morgen wieder ins Geschäft?«

»Um elf muß ich auf meinem Posten hinterm Büfett sein –«

»Lieber Herrgott! Wann schlafen Sie denn?«

»Nun zwischen vier und neun. Und morgen geht's schon um sechse heim. Ich habe diese Woche dreimal Nachtschicht, nächste Woche viermal!«

[18] Er seufzte ein bißchen und hielt sich immer an meiner Seite. »Wenn Sie gestatten, begleite ich Sie ein Stückchen Wegs –«

»Bitt' schön. Ist gern geschehen – –«

»Was denken Sie nur von mir, Fräulein?« fährt er fort. »Sie müssen ja einen schönen Begriff von mir haben –«

»Begriffe habe ich überhaupt nie,« sagte ich. »Unsereins sieht und hört so viel, daß einem das Denken darüber vergeht. Aber ein bißchen gewundert hab ich mich schon. All was wahr ist ...«

»Ja, das hab ich gehört und recht haben Sie, sehr recht,« sagte er raschatmig, »aber Sie müssen alles wissen, um alles zu verstehen. Sie haben etwas so Nettes, Angenehmes, Vertrauenerweckendes in Ihrem Wesen. Und Sie kennen das Leben. Wenn man noch um zwei Uhr morgens nach neunstündiger Arbeit mit so blanken, aufmerksamen Augen in die Welt schaut, weiß man zu verstehen ... Sehen Sie, ich bin der nüchternste, solideste Ehemann der Welt. Schauen Sie mich an: sehe ich so aus wie ein Lüderjahn, der sich aus purem Übermut nachts in den Cafés herumtreibt?«

»Nanu, wäre doch auch weiter kein Verbrechen, wenn Sie nach dem Kabaret oder sonstwas mit einer Dame noch eine Tasse Kaffee trinken,« entgegnete ich trocken, denn so was Philisterhaftes ärgert mich immer kolossal.

»Ach nein,« sagte er. »Ich bin in kleinbürgerlichen Verhältnissen groß geworden, aus solider Familie und die Solidität liegt mir im Blut. Mit fünfzehn Jahren kam ich als Schreiber zu einem Rechtsanwalt. Heute bin ich achtunddreißig und Bureauvorsteher beim Justizrat X mit dreihundert Mark monatlich.

Das ist nun alles soweit gut, aber es ist mein Verhängnis, daß ich etwas ideal veranlagt bin. Ich war immer sparsam, nie zu Extravaganzen zu gebrauchen, [19] aber ich hatte von jeher mein Ideal, nämlich eine hübsche, elegante kleine Wohnung, alles sehr nett, sehr sauber und zierlich und mitten drin als Hauptsache eine niedliche mollige junge Frau; so ein richtiges behagliches Heim, in dem man sich abends nach getaner Tagesarbeit wohlfühlt, und eine Frau, mit der man sich versteht und die klug und vernünftig ist und einem einen ganzen Junggesellenstammtisch ersetzt.

Dieses Ideal verfolgte ich schon als ganz junger Mensch und es wuchs mit den Jahren zu einer starken, unbezwingbaren Sehnsucht an. Immer wenn ich von einem unbehaglichen chambre garni ins andere wanderte, dachte ich bei mir: wie lange wird's noch dauern, bis du: ›Es ist erreicht‹ sagen kannst. – –

An meinem dreißigsten Geburtstag bezog ich ein Quartier in der Potsdamerstraße bei einer Madame Lehmann – dieselbe, die Sie heute abend sahen, zurzeit mein holdes Schwiegermütterlein.

Da begann mein Verhängnis. Mama Lehmann hat zwei Töchter. Die Ältere, heut noch Unvermählte, die sie vorhin begleitete, und die Lotte, meine jetzige Frau, eine allerliebste Blondine, ganz mein Schwarm. Sie sehen und lieben war eins. Und da unser Bekanntwerden mit dem glücklichen Ereignis meiner Ernennung zum Bureauvorstand und einer beträchtlichen Gehaltserhöhung zusammenfiel und ich kurz danach eine kleine Erbschaft von zirka fünftausend Em machte, zögerte ich nicht, mich mit der kleinen Lotte zu verloben und auch gleich den Termin der Hochzeit zu bestimmen.

Mir schwebte etwas von einer hübschen ruhigen Wohnung in Friedenau, Steglitz, Charlottenburg oder in sonst einem Vorort vor, aber meine Schwiegermutter hatte andere Pläne. Sie wollte die zweite Hälfte der Etage zumieten, beide Wohnungen durch eine Tür verbinden, uns zwei oder drei Zimmer abgeben und die übrigen [20] Zimmer untervermieten. Na, was soll ich sagen?! Ich war wie geduscht. Gewehrt hab ich mich genügend gegen das Projekt, aber da auch Lotte der Mutter zustand und die Weiber tausend und einen Grund für ihr Vorhaben zutage förderten, war ich der unterliegende Teil. –

Sie werden mich für einen ganz elenden Waschlappen halten. Nun, als geistiger und moralischer Kraftmeier will ich mich ganz gewiß nicht aufspielen, aber so schlimm ist es doch nicht. Aber ich bin einmal so: mit Bitten und Freundlichkeit kann man alles erreichen, alles, da bin ich wie vor den Kopf geschlagen und außerstande zu opponieren. Und ihre Gründe hatten ja auch manches für sich. Die Lottchen war im Putzgeschäft tätig und verstand nichts vom Haushalt. Da war es ja ganz zweckmäßig, wenn sie noch eine Zeitlang unter Mutterns Aufsicht wirtschaftete, schließlich waren wir so auch nicht mit der Wohnung verheiratet und das Ganze ja nur ein provisorisches Arrangement.

Wie gedacht, so getan.

Die ersten Monate ging's ja wunderschön, aber dann gingen mir allmählich die Augen offen. Was hatte ich gewonnen? Eine Frau, die ich zu versorgen hatte, und im übrigen war ich nach wie vor Chambregarnist. Wir führten gemeinschaftlichen Haushalt. Statt früher für mich allein habe ich nun für zwei Personen meiner Schwiegermutter die Pension zu bezahlen, ohne welche nennenswerte Annehmlichkeiten dafür zu haben. Ich hatte die Einrichtung für drei Zimmer gekauft. Als ich eines Abends nach Haus komme, steht im Salon ein Bett: Schwiegermutter hat das Zimmer ohne mich zu fragen vermietet.

Wir essen zusammen. Immer mit fremden Personen am Tisch. Die Frauen haben das Regiment, ich bin eine Null, eine Luftblase.

[21] Ein anderer an meiner Stelle hätte schon lange Radau gemacht oder Trost im Wirtshaus gesucht. Aber ich kann das nicht. Ich bin Idealist. Ich bin der geborene Haus- und Familienmensch. Wenn ich etwas sage oder mich einer Anordnung meiner Schwiegermutter widersetze, schreien die drei Weiber – denn Lotte hält zu den Ihren – mich einfach nieder. Ich hasse jeden Lärm und Streit. Nur keinen Skandal – –, so bin ich.

Sage ich mal: Lotte, wir gehen heut abend ins Restaurant essen, gleich rechnet sie an den Fingern nach, wieviel das kostet. ›Mutti stellt dieselbe Mahlzeit zwei Mark fünfzig billiger her, dafür kann ich mir schon ein paar Handschuhe kaufen.‹ Bringe ich nur zwei Theaterbilletts mit, mault sie, daß ich nicht auch eins für ihre Schwester Ella oder für Mutti mit gekauft habe. Speisen wir hinterher irgendwo zur Nacht, so werd ich ausgerechnet acht Tage lang mit Vorwürfen, Anspielungen und Sticheleien über meine Verschwendung regaliert – –

Ich sage Ihnen, es ist ein elendes Leben, die Galle läuft mir dabei über. Und ich bin leider Gottes so, daß ich alles in mich hineinfresse, anstatt mich mal ordentlich auszukollern, wie es andere vielleicht täten. Da quengelt man sich den ganzen Tag ab im Bureau zwischen den Akten und abends solch ein ungemütliches Heim – Heim? Was sage ich – chambre garni – –

Fräulein Laurenz, mit der ich eben im Café war, wohnte als Pensionärin bei Lehmanns. Sie ist ein armer Krüppel, aber sie hat helle Augen. Sie sah, wie ich unter diesen Verhältnissen litt und sie verstand mich. Sie begriff, daß es keine persönliche Waschlappigkeit von mir ist, daß die Weichheit meines Herzens meine Willensstärke paralysiert. Sie sprach sich einmal zu mir darüber aus ... kurz und gut, sie bewunderte meine Seelengröße, sie sah in meinem schweigenden Dulden die echteste Mannhaftigkeit. Ich lasse mir gewiß nicht [22] schmeicheln, aber es ist sehr wohltuend, sich von jemand verstanden zu wissen.

So bändelte unsere rein platonische Freundschaft an. Als meine Frau anfing, eifersüchtig zu werden, mußte die Laurenz natürlich aus dem Hause. Aber ich hatte mich mittlerweile so an sie gewöhnt, daß ich von nun an nach den Bureaustunden an dritten Orten mit ihr zusammentraf. Ich weiß wohl, daß sie stark verliebt in mich ist und nicht ›nein‹ sagen würde, wenn ich ihr ein Verhältnis anböte, und das chokiert mich etwas, denn ich denke natürlich nicht daran. Aber wie gesagt: ihre Gesellschaft erfrischt mich und deshalb suche ich sie.

Nun wissen Sie alles. Aber heute nacht hatte die Rechnung der Lehmann doch ein Loch. Ich hustete ihr etwas. Die Laurenz und ich waren zusammen essen gewesen, dann im Kabaret und darauf im Café. An der Charlottenstraßenecke kriegten sich die drei Weiber beim Wickel. Wenn es noch zu einer Attacke mit Regenschirmen gekommen ist, sage ich nichts. Ich sagte: ›Gute Nacht, meine Damen, wohl bekomm's' und ging meiner Wege ...«

»Gott sei Dank,« dachte ich bei mir, »der Schluß ist wenigstens noch das Erfreulichste an der katzenjämmerlichen Geschichte. Bei alledem tut mir der Mann leid.«

»Na, und nun –?«

»Ja, das möchte ich eben von Ihnen wissen,« sagte er kläglich. »Was soll ich tun, um diesen scheußlichen Zustand zu beenden? Ich habe nichts als Ärger und Verdruß von meiner Heirat. Das, was mir diese Ehe bietet, kann ich mir schließlich als Junggeselle auch verschaffen ...«

»Das ist aber doch sehr einfach: Sie mieten sich zum Oktober eine Wohnung, schicken den Möbelwagen vor die Tür, lassen Ihre Sachen aufladen und stellen es [23] Ihrer Frau anheim, mitzukommen oder dazubleiben. Sie muß dann wählen zwischen Muttern und Ihnen.«

Mein Begleiter blieb plötzlich stehen, und es ging wie Erleuchtung durch seine Züge. »Das ist das Richtige,« sagte er tiefatmend, »ganz recht! Ganz recht! So wird's gemacht! Ich danke Ihnen, Fräulein! Daß ich darauf nicht selber gekommen bin. Ich werde oft zu Ihnen ins Café kommen. Entschuldigen Sie, daß ich mich noch nicht vorstellte: Heinrichs, Paul Heinrichs ... O, wie dankbar bin ich Ihnen –«

»Keine Ursache,« sagte ich, »aber wenn Sie noch einen Gratisratschlag von mir annehmen wollen, dann hängen Sie die ›Freundschaft‹ mit der Krummen an den Nagel. So was ist unnatürlich, und alles was gegen die Natur ist, soll man verabscheuen. Ich sage Ihnen, wenn Sie wirklich mal über die Stränge schlagen und mit einem hübschen kleinen Mädel durchbrennen, ist das nicht halb – ach was! nicht zum zehnten Teil so gefährlich für Ihren häuslichen Frieden und Ihre Ehe, als der platonische Aufchock mit so 'ner ollen Schraube, die Ihnen die Ohren voll bläst und an Sie herum hetzt und stichelt. Ich kenne auch ein bißchen die Welt, Herr Heinrichs. Nun, gute Nacht.«

Wir waren nämlich mittlerweile in der Chausseestraße angelangt.

»Ich nehme Ihren Rat gerne an – aber – –«

»Nun?«

»Wenn Sie Fräulein Laurenz Stelle bei mir einnehmen wollten – – O, ich habe soviel Vertrauen zu Ihnen –«

»Meinetwegen: Topp ...« sagte ich. »Aber schmieren tu' ich nicht –. Bis nächstens also.«


* * *


Ich lag noch lange wach und dachte darüber nach, wie es kommt, daß unter zehn Männern, die an mich [24] herankommen, immer nur ein Liebhaber ist. Die anderen neun betrachten mich als einen sehr guten Kamerad, dem man alles sagen und anvertrauen kann. Worüber ich nun weiter auch nicht böse bin, denn ich komme mit soviel Mannsvolk in Berührung, daß der Prozentsatz zehn auf Hundert mir übrig genügt. Aber komisch ist es doch, zumal ich ein hübsches Frauenzimmer und prachtvoll gewachsen bin, zwei Eigenschaften, die mir bei jedem Neuengagement als Empfehlungen dienen. Die Menschen haben eben wirklich viel Vertrauen zu mir, und ich schmeichle mir, ein solches auch noch in keinem Fall getäuscht zu haben. –

So war es auch mal mit dem kleinen Russen Iwan Petronoff, Angestellter in einem hiesigen Teegeschäft. Der kam seit Jahr und Tag jeden Abend ins Xbräü, wo ich bis zum vorigen Winter Büfettiere war, und wir waren bald befreundet, und jeden Abend stand er eine volle Stunde am Büfett bei mir, wobei wir uns denn über so ziemlich alles mögliche unterhielten: über Politik und Liebe, Theater und Skandal, Literatur, Fleisch- und Kohlenpreise, über die neuesten Morde und die neuesten Kalauer. Er sprach deutsch wie ein Hiesiger, nur mit einem kleinen russischen Akzent. Und ich bekam alles von ihm zu wissen, all seine Liebesfahrten und Abenteuer, er hatte gar keine Geheimnisse vor mir. Eines Tages brachte er seine Braut, Kassiererin von Wertheim, nicht gerade hübsch, aber ein schickes Weib, so eine beauté du diable, Fräulein Therese Willke. Wir befreundeten uns bald, ich hatte beide sehr gern. Sie heirateten gleich danach, lebten sehr glücklich und kamen nach wie vor fast jeden Abend zu uns. An meinen Freiabenden oder Freitagen besuchte ich sie oft in ihrem netten kleinen Heim in einem Gartenhaus der Wilhelmstraße, oder ging mit ihnen aus. Da platzte in dieses eheliche Idyll Anfang April der russische Aushebungsbefehl. Iwan war nämlich noch [25] militärpflichtig und kein naturalisierter Deutscher. Ach Gott, war das ein Jammer. Es ging mir ordentlich ans Herz um die beiden. Aber da half kein Weh und Ach. Väterchen rief und Iwan mußte folgen. Im Mai ist er denn mit einem Truppentransport nach der Mandschurei und hat mir von da ein paar so liebe Briefe geschrieben, so traurig und so voll Sehnsucht und Bange nach Berlin und seiner Therese.

Das arme Tier war ja auch übel genug dran und saß ganz auf dem Trockenen. In der ersten Zeit ging sie wie stumpfsinnig umher und sprach nur immer von Sterben. Sobald sie Nachricht hatte, daß Iwan gefallen sei, wollte sie sich mit Lysol vergiften. Die volle Flasche stand schon auf ihrem Waschtisch bereit. Sie fiel ordentlich aus ihren Kleidern und man mußte ihr mit Gewalt zureden, daß sie nur etwas zu sich nahm. Schließlich siegte aber doch der Selbsterhaltungstrieb. Um über die erste Zeit hinweg zu kommen, mußte sie die Einrichtung verkaufen, dann fand sie eine Stellung als Verkäuferin bei Mannheimer. Sie war vor Jahren auch in der Konfektion tätig gewesen und kannte die Branche, und obgleich die Stelle nichts weniger als brillant war, mußte sie doch nehmen, was sich ihr bot.

Anfangs kamen wir noch oft zusammen. Sie war dann immer noch sehr melancholisch und mißmutig, aber allmählich gab sich das, und wenn sie klagte, galt ihr Verdruß mehr ihren schlechten Existenzverhältnissen als dem armen Iwan. Das ärgerte mich und einmal hatten wir deswegen ein kleines Scharmützel und seitdem waren wir schuß. Nichtsdestoweniger zeigte ich ihr meine Umsiedelung ins Café K ... am ersten August an, bekam aber die Karte als unbestellbar zurück. Ich fürchtete, sie wäre krank oder es sei ihr sonst was zugestoßen und erkundigte mich bei Mannheimer; da war sie auch schon vier Wochen fort und kein Mensch wußte, wo sie sich [26] aufhielt. Aber nach etwa vierzehn Tagen so um eins nachts – ich trau meinen Augen nicht – sehe ich Madame Theresa mit einem eleganten Herrn im Café. Fürchterlich aufgedonnert, fliederblauer Theatermantel, weißer Hut mit Federn, die Finger bis oben heraus mit Brillanten garniert, (vielleicht Tait – aber einerlei, die kosten auch Groschen –!), also – ich kann sagen, ich war im ersten Moment paff, in der zweiten Minute überfällt mich ein fürchterlicher Zorn auf das Weib, die meinen armen Freund so betrügt ... Ich hab mich dann aber doch bezwungen und dem Jack, unserm Jungen eine Mark gegeben und ihn dem Paar nachgeschickt. Sie, die Therese hat mich nicht gesehen, die hat ihre ganze Aufmerksamkeit nur ihrem Kavalier zugewandt und ihn mit den Augen angeklappert, daß ihm wohl schwindelig dabei geworden sein mag.

Es stellte sich dann heraus, daß Madame nun am Dönhoffplatz irgendwo drei Treppen wohnt und sich aushalten läßt. Wo sie den Ochsen so rasch aufgetrieben hat, mögen die Götter wissen. Jedenfalls hat er Moses und die Propheten. Ich hab sie am andern Tag aufgesucht und ihr nicht schlecht meine Meinung gesagt. Da ist sie frech geworden und hat mich hinausgeschmissen, aber wenigstens hat sie etwas zu hören gekriegt, das Mensch.

So was kann mich nun scheußlich aufbringen. Ich habe gewiß keine Philisterschrullen und in Punkto des Artikels Liebe ein ziemlich weites Herz, und was die Treue vom Gesichtspunkt der Ehe aus betrachtet anbelangt, finde ich, daß man das Wort immer sächsich aussprechen soll, nämlich »Dreie«. Aber wenn zwei Menschen so miteinander lebten, wie Iwan und Therese, so ein Herz und eine Seele, und das Schicksal reißt sie auseinander und wirbelt den einen Teil in eine ferne Weltecke, ist es die verdammte Pflicht und Schuldigkeit [27] des andern Teils, ihm die Treue zu bewahren. Ich habe für alles Verständnis. Wenn sie aus Not und Verzweiflung mal in die Amorsäle gegangen wäre und sich schlechtweg verkauft hätte – ich hätte Entschuldigung dafür gewußt, aber so nicht. Überhaupt kann ich diese Art Verhältnisse nicht leiden.

Traurig genug, wenn jemand so weit heruntergekommen ist, »so 'ne« zu werden. Da hilft kein guter Wille und nichts mehr, die muß unten bleiben. Die famose Gesellschaftsordnung schmeißt die Kellerluke über ihr zu und wälzt einen Hundertzentnerstein drauf, so daß sie nicht wieder hinauskommt. So 'n Mädel ist zu bedauern, der drück' ich ohne Bedenken die Hand. Sie ist wie eine Eingemauerte, lebendig Begrabene.

Und gegen ein Verhältnis habe ich auch nichts. Gott bewahre! Die Liebe ist eine schöne Dekoration des nüchternen Alltagslebens. Wenn ich sechs Wochentage wie 'n Pferd schufte, hab ich am Sonntag das Recht auf ein bißchen Freude. Das hab ich mir auch nie nehmen lassen. Aber meine Verhältnisse haben mir nie pekuniäre Vorteile gebracht. Wollt' ich auch gar nicht. In vielen Fällen haben sie mich noch mein gutes Geld gekostet, denn es traf sich meist so, daß gerade die Männer, die mir gefielen, arme Teufel waren, die immer Hohlebbe im Portemonnaie hatten.

Ich kann alles begreifen, nur nicht, wie man sich als junge, arbeitsfähige Person hinsetzen, die Hände in den Schoß legen und sich von einem Mann unterhalten lassen kann. Ich hätte es schon oftmals so haben können, aber ich bedanke mich. Arbeit muß der Mensch haben. Und wenn ich auch schon mal sakriere und schimpfe, im Grunde weiß ich doch, daß ich ohne Arbeit nicht leben könnte. Das Geschäft ist der Boden, in dem ich wachse, ich wäre totunglücklich, wenn ich plötzlich zum Müßiggang verurteilt würde.

[28] In meinen Augen ist solche femme entretenue viel verachtungswürdiger als eine Reinseidene.

Die Therese könnte ich prügeln. Der arme kleine Iwan aber kann mich dauern. Ich möchte ihm fast wünschen, daß er fiele, denn ich glaube, die japanische Kugel würde ihm nicht so weh tun, als die Überraschung, die hier auf ihn wartet.


* * *


Frédéric sagt, ich soll nicht soviel Seitensprünge machen, sondern mich hübsch an die Leine halten und der Reihe nach erzählen. Gott ja, man muß sich ja erst ans Schriftstellern gewöhnen, und was mir so frisch im Gedächtnis ist, das muß erst mal runter. –

Also wie Vater tot war, hungerten wir uns noch ne drei Wochen gemeinsam so durch. Dann war Mutter eines Tages verschwunden, mit ihrem Oberkellner durchgebrannt. Ich habe sie nie wieder gesehen und nie wieder von ihr gehört.

Thed, der damals schon vierzehn Jahre war – und Ostern eingesegnet wurde, kam zu einem Schreiner in die Lehre und ich wurde vorläufig im Waisenhaus untergebracht, und kam nach einigen Wochen zu einer Schusterswitwe in Altona in Pflege.

Diese Pflegestelle war für mich ein Glückstreffer, denn ich fand in Frau Tine Schlappkohl im wahren Sinne des Wortes eine gute, treue, mütterliche Freundin.

Mutter Schlappkohl war eine kreuzbrave Frau. Sie hatte selber keine Kinder und führte nach ihres Mannes Tod das Geschäft mit zwei Gesellen und zwei Lehrlingen weiter. Sie hatte ein eigenes Häuschen in einer stillen Seitenstraße, besorgte trotz ihrer fünfundsechzig Jahre ihre Wirtschaft noch alleine und hockte im Notfalle auch mal in der Werkstatt mit auf dem Schusterschemel, denn [29] in ihren dreißig Ehejahren mit einem brustschwachen Mann, der die meiste Zeit bettlägerig war, hatte sie es gelernt, auch selbsttätig mit in das Handwerk einzugreifen und sie verstand es ebenso gut wie die Gesellen ein paar Schuhe herzustellen oder zu sohlen.

Als sie mich zu sich nahm, leitete sie dabei wohl der Gedanke, sich ein wenig Hilfe zu schaffen. Sie holte mich persönlich aus dem Waisenhaus ab. Ich sehe sie noch vor mir: groß, stark und mager; das Haar noch fast ganz dunkel, auf den Backen ein helles, derbes Rot, um den Mund ein gutes, breites Lächeln. »So mein Deern ... Nu komm man mit. Sollst es nicht schlecht kriegen bei Muttern Schlappkohl.«

Ich hatte es gut, sehr gut. Zum erstenmal lernte ich ein geregeltes und geordnetes Leben kennen, saß ich am gedeckten Tisch bei guten, kräftigen Mahlzeiten, hatte ein weiches, sauberes Federbett, ordentliche, ganze, reine Kleider und festes Schuhwerk ...

Während ich dies schreibe, kommt eine gewisse Rührung über mich. Daß ich wirklich nicht ganz im Dreck vergangen und verdorben bin, sondern daß trotz aller schlimmen Anspizien ein relativ anständiger und ordentlicher Mensch aus mir geworden ist, das verdanke ich einzig und allein der guten Mutter Schlappkohl.

Dabei muß ich nun wieder auf das, was ich schon einmal sagte, zurückkommen, nämlich daß für alle guten und bösen Eigenschaften und Taten eines Menschen eigentlich dieser selbst erst in zweiter Linie verantwortlich gemacht werden kann. Es kommt alles von den Einflüssen der Erziehung und den Eindrücken in der Jugend her. Wenn ein Mörder vor Gericht steht, sollte man fragen und forschen, was und wer den Bazillus der Mordlust und der Mordfähigkeit in ihn hineingelegt hat. Und wenn von einem guten Menschen die Rede ist, denke ich immer: wieviel gute Menschen muß der gehabt haben.

[30] Die Erinnerung an die Zeit im Schlappkohlschen Hause macht mich ordentlich warm, so daß ich mich ein bißchen darin versenken und dabei verweilen möchte. Ach, es war zu gemütlich. Von der Straße gelangte man in einen kleinen dämmerigen Flur, in dem es angenehm intensiv nach Leder und Juchten roch. Von der Decke herab baumelten an Stangen zahlreiche wetterfeste Fußbekleidungsstücke für Mann, Weib und Kind, starke, derbe Ware, denn Mutter Schlappkohls Kundschaft rekrutierte sich meist aus Arbeiterkreisen und dem kleinen Bürgerstand. Links vom Flur war das schmale Lädchen, dahinter die Küche, von der ein Fenster nach der Werkstatt ging, so daß die Meistern auch beim Kochen die Leute beaufsichtigen konnte.

Eine steile Treppe führte in die Wohn- und Schlafgemächer des Hauses, einer Reihe schrägdachiger Kammern und nach vorn hinaus das zweifenstrige Wohn- und Eßzimmer.

Ich fühlte mich so mollig wie die Raupe im Grünkohl bei »Tante« Schlappkohl, wie ich sie nennen mußte. Und ich war ihr ja auch von Herzen zugetan, aber trotzdem plagte mich der Teufel, daß ich ihr Possen spielte und Schikanen antat, wo immer sich nur Gelegenheit dazu bot.

Als ich nach den ersten Wochen durchgefüttert und warm im Nest war, stach mich der Übermut und ich wußte vor Wollust nicht, was ich beginnen sollte. Ich fing jetzt an, was ich freiwillig sonst nie getan – die Schule zu schwänzen und bummelte stundenlang an der Langenreihe und auf dem Zirkusplatz umher. Als ich es einmal vierzehn Tage hintereinander so getrieben, fälschte ich ein Entschuldigungsschreiben und dabei kam die Chose an den Tag. O, was war Tante Schlappkohl böse! Allerlei fürchterliche Strafen wurden mir angedroht. »Ich schlag dich tot, Deern!« Aber als ich anfing zu weinen, [31] war ihr Zorn plötzlich wie weggeblasen. »Na – denn tu's man nich wieder, du Nixnutz,« sagte sie beschwichtigend, und gleich danach erzählte sie etwas recht Spaßiges, worüber sie selber so furchtbar lachen mußte, und ich natürlich auch. Gott, was konnte die Frau lachen! So andauernd, so erschütternd kann wahrhaftig nur ein guter, harmloser Mensch lachen.

Übrigens hatte die Sache noch ein ungeahntes Nachspiel. Die Vormundschaftsbehörde, der meine lange Schwänzerei angezeigt war, richtete ein Schreiben an Mutter Schlappkohl, in welchem sie aufgefordert wurde, mich strenger zu beaufsichtigen, widrigenfalls ich einer anderen Pflegestelle überwiesen würde. Das hat sie entsetzlich gekränkt, und ich bekam noch eine Gratiszugabe von »Vermahnungen«, die ich leider aber abschüttelte wie die Gans das Wasser.

Ich übte viel Schabernack aus. Bald würzte ich der Alten die Kohlsuppe, die unbeaufsichtigt auf dem Feuer brodelte, mit einem Stich schwarzer Seife, bald tat ich Petroleum an die eingelegten Heringe, dann wieder goß ich dem Altgesellen Bernhard, der schon sieben Jahre bei Muttern Schlappkohl arbeitete und eine Art persona grata bei ihr vorstellte, Wasser ins Bett und dem Lehrjungen Öl in die Sonntagsstiefel, kurz, Tante Schlappkohl hatte ihre Not mit mir und von Dankbarkeit war meinerseits damals nicht viel zu besehen.

Aber ich gewöhnte mich bei alledem doch nach und nach an Ordnung, lernte manchen Handgriff im Haushalt und der Küche und stellte mich, wie meine Pflegemutter lobend anerkannte, recht geschickt und brauchbar an.

Wenn ich etwas ausgefressen hatte, bekam ich meinen Strafsermon, der jedesmal mit einer besonderen Verwarnung schloß: »– – und alles was ich dir geraten haben will, fang mich nich mit der Böttchern ihre Jule an. [32] Wenn der Galgenstrick dich erst in die Mache kriegte, wär's gar um dich geschehen. Daß ich dich nicht mit ihr zusammen seh! Ich tät dich dot schlagen mit dem Spannriemen, Deern –«

Ach, Muttern Schlappkohl ihre »Dotschlagerei« imponierte mir leider gar nicht, und die wohlgemeinte Warnung erreichte just das Gegenteil des gewollten Zwecks.

Was ging mich der Böttchern ihr Julchen an und was hätte sie, die fünf Jahre älter als ich war, mich interessiert, wenn ich nicht dermaßen mit der Nase drauf gestoßen wäre, daß es mit der Jule eine besondere Bewandtnis haben müsse. So spitzte ich die Ohren, wenn die Schlappkohln, die gern ein bißchen schwatzte und klatschte, abends beim Essen zu Bernhard Julens Namen erwähnte.

Jule war eine Waise und seit zwei Jahren bei ihrer Großmutter, der Feinwäscherin Böttcher nebenan. Ihr unverbesserlicher Leichtsinn, ihr Hang zur Herumtreiberei und Liederlichkeit gaben der Nachbarschaft einerseits ein Ärgernis und andrerseits willkommenen Stoff zu allerhand pikanten und sensationellen Klatschgeschichten.

Also alles was ich von der Jule ihren Abenteuern hörte, fachte den brennenden Wunsch in mir an, sie kennen zu lernen und mir ihr geneigtes Wohlwollen zu erwerben. Die Jule sah aus wie eine kleine Zigeunerin. Vielleicht war sie auch wirklich eine rasseechte Zigeunerin, denn ihre Mutter, der Böttchern Tochter, hatte sie sich irgendwo auf der Landstraße aufgeholt und kein Mensch wußte, wo der Vater zu suchen war. Die damals Sechzehnjährige war schlank und rank wie eine Gerte, hatte braunen Teint, schwarze lange krause Haare und ein paar glühende Teufelsaugen, in denen Angelhaken saßen, die sie rechts und links und voraus, wo sie ging und stand, ausschmiß und Liebhaber damit köderte.

Gar zu gerne wäre ich an Jule herangewesen, aber sie achtete nicht auf mich, obgleich ich für meine zwölf [33] Jahre reichlich stark entwickelt war und wie man sagte, ganz gut für eine Fünfzehnjährige gelten konnte.

Einmal gelang es mir aber doch mit ihr anzubandeln.

Eines Sonntags als ich allein zu Hause war – die Alte war nach Pinneberg zu ihrer Schwester und die Leute ausgegangen – und ich mich so entsetzlich langweilte, dachte ich sehnsuchtsvoll an die Tanznächte im Englischen Garten mit ihrem Patschuliduft und ihrem Licht und der Musik und dem sinnverwirrenden Durcheinander der tanzenden Paare. Vor elf kam die Schlappkohln nicht nach Hause – und die Sehnsucht und Ungeduld ward immer größer, so groß, daß ich um sieben Uhr fortging und um halb neun auf der kleinen Freiheit vorm Englischen Garten stand und mit gierigen Augen in den Eingang starrte. Der Portier, der mich kannte, wollte mich allein nicht herein lassen, aber ich kauerte mich neben der Tür und ließ neidisch die Mädchen und Männer vorüberpassieren. Plötzlich sprang ich wie elektrisiert auf. Ich hatte die Jule am Arm eines Herrn erkannt. Sie kannte mich auch vom Ansehen, und als ich sie bat, mich doch mit hinein zu nehmen, ich tät gerne ein Weilchen dem Tanz zugucken, lachte sie und zog mich mit sich. Und dann war ich drinnen, und die Stunden vergingen so schnell. Jule war sehr nett zu mir und ließ mich mit von der Limonade trinken, die ihr Kavalier für sie kommen ließ und nachher trank ich mit beiden Porter und Ale und wurde ein bißchen benebelt. Es war schon halb zwei als ich nach Hause kam. Mutter Schlappkohl war bereits so in Angst um mich gewesen, daß die zugedachte Strafrede sich in eine Flut freudiger Liebkosungen auflöste, als ich heimkehrte und ich mit meinen verlegenen Ausflüchten ganz gut durchkam.

Seitdem bestanden zwischen Julchen und mir geheime Beziehungen. Ich machte manchen Gang für sie, tat ihr [34] manche Gefälligkeit; ich wäre für sie durchs Feuer gegangen, und die Heimlichkeit unseres Verkehrs erhöhte die Süßigkeit der verbotenen Frucht – –

Gott, was haben wir für Fahrten zusammen ge macht. Einmal begegnete mir Jule auf dem Schulweg und beredete mich umzukehren, ihre Großmutter war ausgegangen. Und Jule zog mir einen Rock von sich und einen Regenmantel über und trug mir auf, einen Brief an einen Leutnant in der Königstraße zu tragen. Sie brauchte, wie sie sagte, nötig dreißig Mark und der Leutnant sollte mir das Geld gleich geben. Sie selbst wollte in der Nähe warten. Ich war dann auch sofort bereit und traf auch den Leutnant zu Hause. Der las den Brief, pfiff ein wenig durch die Zähne, murmelte etwas in den Bart und sagte, leider könne er mir die dreißig Märker nicht sofort geben, aber ich soll dem Fräulein Julchen einen schönen Gruß bestellen und sie soll im Café an der nächsten Ecke auf ihn warten, er werde in einer Stunde dahin kommen und das Geld bringen.

Da sind wir denn zusammen ins Café und haben gewartet und gewartet, und der Leutnant kam und kam nicht. Und aus purer Verzweiflung haben wir jede vier Tassen Schokolade und drei Melange getrunken und einen ganzen Aufsatz Kuchen leer gegessen, und da wir keinen Pfennig Geld zum Bezahlen in der Tasche hatten, wurde uns schon recht schwül zumute. Der Kellner guckte schon so verdächtig auf uns zwei »sittsame und trunkfeste« Kundinnen. Endlich gegen halb zwei kam der Leutnant und löste uns aus und gab Jule die zehn Taler, die sie nötig brauchte.

Zu Hause log ich einen ganzen Roman zusammen, um meine Verspätung zu entschuldigen, aber die Schwänzerei kam hinterher doch wieder heraus und trug meiner Pflegemutter eine neue Warnung ein.

Weiß der Kuckuck was die Jule an mir fand, aber[35] sie wollte mich nun immer mit haben. Und das führte dann eines schönen Abends zu der Katastrophe.

Da war ich nach neun – es war im Oktober und längst stockfinster – der Tante Schlappkohln auch durchgebrannt und mit Jule los, und zwar mit zu ihrem neuesten »Schatz«, einem Delikatessenhändler in der Palmaille. Bis zehn wanderten wir vor dem Laden auf und ab, punkt zehn wurde geschlossen und die jungen Leute entlassen. Als der letzte fort war, ließ Herr Mertens, so hieß der Mann, uns hinein. Und während Jule nun mit ihm in sein Privatzimmer ging, blieb ich im Laden. Herr Mertens kam noch mal wieder heraus und sagte, ich solle mir die Zeit nicht lang werden lassen und brachte mir eine Flasche Ungarwein und ein Glas, und ich soll nur trinken. Das hab ich denn auch so gut besorgt, daß kein Tropfen mehr in der Flasche drin blieb und ich sternhagel beschwipst war, als Jule etwas nach zwölf wieder auf der Bildfläche erschien. Ich hatte unterdessen, in dem dunklen Drang Tante Schlappkohln eine Freude zu machen, ein etwa vier Pfund schweres Stück Schweizerkäse und eine drei Viertel Meter lange Zervelatwurst unter meinen Seelenwärmer gerafft und so sind wir fort. Die Jule war auch nicht ganz sicher auf den Beinen, und wir waren beide so übermütig, daß wir sangen und allerhand Allotria trieben, und ich nahm die Zervelatwurst und schlug damit gegen die Fenster und irgendwo haute ich so fest zu, daß eine Scheibe zersprang. Wir wollten nun eiligst durchbrennen, aber ich stolperte dabei und ehe ich's mich versah, hatte mich ein Schutzmann am Schlafittchen, und als der die Wurst und das große Stück uneingepackten Käse entdeckte, glaubte er, wir hätten beides gestohlen und nahm uns mit zur Wache. Da wurde ein großes Protokoll aufgenommen, aber man schenkte uns keinen Glauben und sperrte uns die Nacht ein, und am andern Morgen wurde Tante Schlappkohl [36] und die Böttchern und der Delikatessenhändler vernommen, worauf wir dann frei kamen. Draußen auf der Straße gab es großen Krakehl zwischen der alten Schlappkohl und Großmutter Böttchern, weil Tante Schlappkohl laut Jule als die Urheberin all dieser Unannehmlichkeiten und als meine Verführerin bezichtigte. Das wollte die Böttchern nun wieder nicht gelten lassen, und die Polizei mußte sich erst einmischen, ehe die Weiber zur Ruhe kamen.

Leider wurde mein Abenteuer der Obervormundschaft gemeldet, und die Folge war der Beschluß, daß ich von Tante Schlappkohl weg und in eine andere Pflege kommen sollte.


* * *


Gestern, Sonntag, wo ich von sechs an frei hatte, war ich nach langer Zeit mal wieder in einem Tanzlokal. Mit der Ernestine von Niqué. Wir waren vor einem Jahr mal bei derselben Wirtin einlogiert und verkehren seitdem über lang mal zusammen. Eigentlich ist sie mir ein bißchen zu jung – kaum neunzehn – und etwas allzu fahrig und flatterig. Aber sie hatte mich schon lange gebeten, mal mit ihr zu gehen, und so nahm ich sie den Sonntag mit nach Weißensee zum Sternecker.

Ich kann mich in diesen Lokalen nicht mehr recht erwärmen. Das Milieu paßt mir nicht richtig oder vielmehr ich passe nicht mehr hinein. Ich liebe ein eleganteres Herrenpublikum, ich schwärme für gute Manieren, für feine Formen und elegantes Äußeres. Früher legte ich weniger Wert darauf, im Gegenteil haßte ich alles was auf Dandyhaftes hinauslief. Mein Geschmack hat sich in dieser Hinsicht geändert und geläutert, seitdem ich Roger Pachelle kennen lernte. Ach jeh – verstand der sich anzuziehn! Solchen Schick hat ja auch nur ein Franzose, – er war Lothringer, Metzer, aber das [37] läuft ja auf eins heraus. Die feinste rosarote oder mattblaue Wäsche, diese entzückenden Krawatten und Westen, die Anzüge alle auf Seide und die feinen, diskreten Parfüms – eine wahre Pracht.

Da draußen im Sternecker ist das Berlin O zu stark vorherrschend. Osten im Sonntagsgewand. Durch Patschuli und andere billige »Wohlgerücher« hindurch spürt man den Geruch des Schweißes, der dem Kontingent der Besucher Werktags anhaftet, womit ich nun nicht gesagt haben will, daß mich der »Duft der Arbeit« an sich abstößt; dazu bin ich doch eine zu gute Demokratin. Aber man gewöhnt sich gar zu leicht an allerhand Äußerlichkeiten.

Ich ging, wie gesagt, auch eigentlich nur Ernestinens wegen hin. Das Kind will auch mal 'n bißchen Pläsier haben, und da sie elternlos ist, hier keine Verwandten hat und noch ziemlich fremd in Berlin ist, halte ich es für meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, sie ein bißchen zu beaufsichtigen, daß sie nicht auf Abwege und in schlechte Hände gerät.

Sie ist Thüringerin, eine Bäckerstochter aus einem kleinen Waldnest. Ihre Eltern sind vor vier Jahren kurz nacheinander gestorben. Dann hat sie dies und das versucht, hatte mit ihren Stellungen als »Stütze« Pech und kam nach einem Jahr ganz fremd und naiv nach Berlin, um hier ihr Glück zu machen. Die Stellenvermittlerin hatte sie zu meiner Wirtin ins Logis geschickt, und da ist sie dann von Herodes zu Pilatus nach einer Stelle gelaufen, bis ich mich über sie erbarmte, und ihr durch meinen alten Bekannten Paul Ohlers, der ja die himmel-vielen Verbindungen hat, die Stelle bei Niqué am Würstelbüfett verschaffte. Sie hat unserer Empfehlung auch soweit keine Unehre gemacht und sich gut eingearbeitet. Hübsch ist sie nicht gerade, aber ein frisches, nettes Ding, 's wär schad' um sie, wenn sie ihrer Flatterhaftigkeit [38] und ihrer Einfalt zum Opfer fiele; deshalb bemuttere ich sie gern ein bißchen.

Sonntag wurde sie von einem jungen Menschen poussiert, der mir so was nach einem besseren Handlungsgehilfen in der Käse- und Heringsbranche aussah. Ich taxiere den Mann darauf, daß er meiner Kleinen keine große Gefahr bereitet.

Ich ließ sie also ruhig ziehen und dachte schon daran, mich bald abzumachen, als ich plötzlich von einem netten Menschen, der mir gleich auf den ersten Blick gefiel, zum Walzer aufgefordert wurde. Nach dem ersten Tanz stellte er sich mir vor und dann blieben wir den Abend zusammen. Max Ilscher heißt er und ist Werkführer in einer Metallgießerei in der Köpenickerstraße. Eben siebenunddreißig, blond, meine Größe, aber ziemlich untersetzt, schneidig aufgedrehter Schnurrbart, nicht gerade hochschick aber hübsch adrett und sorgfältig angezogen. Ganz mein Fall. Im Lauf des Abends bekam ich so ziemlich seine ganze Lebensgeschichte zu hören. Er ist schon seit vier Jahren Witwer, seine beiden Kinder sind bei Verwandten untergebracht, der Junge bei seiner Mutter und das Mädel bei einer Schwester seiner Frau. Er klagte nur, daß das Junggesellenleben ihm nicht sehr behage, aber zum Wiederheiraten könne er sich auch noch nicht entschließen. Ein eigener Haushalt koste eben, wenn er anständig geführt werden soll, ein Heidengeld und dann wisse man ja auch nicht, ob die zweite Frau, die er nach seinem Gust wähle, auch richtig für die Kinder passe. Beides lasse sich nicht immer vereinen. Heiratet er, so heiratet er in erster Linie für sich, nämlich eine Frau, und erst in zweiter Linie eine Mutter für die Kinder. – Wiederum aber hat er seine Kinderchen zu gern, um sie der Willkür einer lieblosen Frau preiszugeben. In diesem Fall, nämlich daß die zweite Frau nicht für die Kinder inkliniere, müssen diese eben bleiben, [39] wo sie sind, und da er der Mutter für den Jungen fünfundvierzig und der Schwägerin für das Mädel dreißig monatlich bezahle, bleibe nicht mehr genug für einen selbständigen Haushalt übrig. Ich machte den Einwurf, daß er ja doch eine Frau mit etwas Vermögen heiraten könnte, aber davon wollte er nun wieder nichts wissen. »Hat sie etwas, ist es gut. Aber drauf ausgehn – ne, Fräulein, das is nix für den Ilscher Max. Das gibt's nicht. Wenn ich schon heirate, heirate ich die Person und nicht 'n Geldsack ...«

Das gefiel mir alles so gut.

Wir sind dann bald weg und haben im Heidelberger zur Nacht gegessen und dabei hat er mir dann weiter sein Leid geklagt. Mit dem kleinen Mädel – es ist eben sechs Jahre – ist das so so. Die Tante ist nicht die richtige Erzieherin. Sie war früher Ärmelnäherin in einem Mäntelgeschäft und wird seit einigen Jahren von einem Tapetenfabrikanten ausgehalten. Noch ist die Kleine ja zu dumm und unschuldig, aber auf die Dauer wird sie dort manches sehen und hören was nicht sein soll. Und deshalb hätte er sie gern dort fort, aber wohin damit!! So nach außen hin ist das Kind ja prächtig aufgehoben, wird gut gepflegt und hübsch aufgemacht und in manchen Stücken sogar arg verpimpelt und verwöhnt, aber es ist doch nichts Solides, nichts was bleiben kann.

Wir verabredeten ein Zusammentreffen an meinem nächsten Freisonntag, also Sonntag über drei Wochen.

Ich muß sagen, daß ich selten an einer Bekanntschaft solche Freude hatte als an dieser.

Zum Heiraten verspüre ich keine große Lust. Lieber Himmel, wenn man sich die Ehen in unserem Stande so ansieht, muß man sich wirklich fragen, wie der Himmel aussieht, in dem die geschlossen sind. Übrigens ist es wohl in allen Ständen so ziemlich das selbe. Wenigstens [40] ist von den Ehen, in die ich hineingesehen habe, nicht viel zur Nachahmung Anreizendes zu berichten.

Ich hätte schon oft heiraten können, und hätte auch heute noch keinen Mangel an Standesamtskandidaten, wenn ich es jedem auf die Nase bände, daß ich rechtmäßige Inhaberin eines Sparkassenbuches über bar neuntausend Mark bin. Aber ich werd' mich schön hüten, davon zu sprechen. Ich verstehe überhaupt nicht, wie Mädchen in meiner Stellung und meinen Verhältnissen so happig aufs Heiraten sein können. Mein Gott, was kann einem die Ehe denn groß bieten. Geliebt wird man als Verhältnis jedenfalls mehr wie als Ehefrau. In der Ehe bekommt man totsicher von seinem Mann Hörner aufgesetzt, als Verhältnis lebt der Mann in steter Angst, daß man es ihm so macht, und ist folglich hübsch lieb und verträglich. Mein Auskommen finde ich durch meine Arbeit und kann noch darüber meine Zinsen hinlegen und auch sonst noch Ersparnisse machen. Und niemand hat mir was zu sagen. Wenn mein Geschäft mich frei gibt, bin ich eben wirklich frei, kann tun und lassen was ich will und wozu ich Lust hab.

Freilich, wenn man so recht von Herzen verliebt ist, zieht man das alles nicht in Erwägung, das weiß ich auch aus Erfahrung von anno dazumal in Metz, als Roger Pachelle und ich uns einig waren. Wir waren in einem Geschäft in Stellung, er als Manager im Hotel und ich als Kellnerin im Restaurant. Es sind schon sieben Jahre her, Gott, was die Zeit läuft ... Nein, war ich in den Burschen vernarrt! Auffressen hätt' ich 'n können vor lauter Lieb und für ihn mitarbeiten vom Morgen bis in die Nacht hinein.

Den hab' ich wirklich geliebt. Und wenn ich nun in Betracht ziehe, daß ich heute von Roger und meiner vergangenen Liebe rede, das heißt schreiben kann, ohne das geringste dabei zu empfinden, nicht einmal das leiseste [41] Bedauern, dann überkommt mich ein merkwürdig wehmütiges Empfinden, daß es doch eigentlich gar nicht so recht was Großes und Besonderes mit der vielbesungenen und gepriesenen Liebe ist, wie man meinen möchte. Die Liebe ist auch nichts anderes und nichts Haltbareres wie jeder andere hübsche Gegenstand, an dem man Freude hat. Sie ist zerbrechlich wie eine Porzellanfigur, sie ist nicht dauerhafter wie jedes Kleidungsstück, das im Gebrauch schleißt, wie eine Speise, die im Stehen verdirbt, sie ist der Gefahr des Zerbrechens und des Brüchigwerdens wie des Abschleißens und Versauerns genau so ausgesetzt wie jedes andere.

Wir verliebten uns am ersten Tage unseres Bekanntwerdens ineinander. Er hatte was so Liebes, Süßes, Anheimelndes. Ich wäre für ihn durchs Feuer gegangen. Und er meinte es auch wirklich ehrlich mit mir, wir wollten uns wirklich heiraten.

Er hatte einige Tausend Mark Erspartes, und ich dito. Wir wollten uns im Sommer eine Konditorei oder ein kleines Café in Ostende pachten und sahen guten Muts in die Zukunft.

Spät abends, wenn alles im Hotel zur Ruhe war, kam Roger meist auf eine halbe Stunde in meine Kammer und dann sprachen wir von der Zukunft und bauten Luftschlösser ...

Das ganze Personal wußte um unsere Liebe und gönnte uns unser Glück, nur der dicke Portier, dem ich einmal einen soliden Nasenstüber verabfolgte, als er mich küssen wollte, war mir nicht gewogen, und suchte erst zwischen Roger und mir Stank zu machen, indem er mich bei Roger verredete. Als das nichts half und Roger ihn abschnauzte, verriet er uns bei Madame.

Sie war damals Anfang der Vierziger, ein üppiges, fesches Weib, die an ihrem sechzigjährigen, gichtbrüchigen [42] Eheherrn nicht mehr recht Genügen fand. Wenn sie hinter dem Büfett stand oder seidenrauschend durch die Restaurationsräume glitt, schossen ihre schwarzen Augen heiße, ziehende Blicke nach rechts und links, und ich wußte, daß sie auch meinen Roger wohlgefällig ansah, und daß er nichts riskierte, wenn er sich erkühnt hätte, mit Madame ein bißchen despektierlich zärtlich zu werden. Daß er gar nicht reagierte, hatte sie schon verschnupft und freudig ergriff sie Gelegenheit, sich dafür zu rächen ...

Also, kurz gesagt, sie überrumpelte uns eines Abends. Ich mußte aufmachen, und als sie Roger in meiner Kammer fand, lief sie blau an vor Wut und schrie, ich sei sofort entlassen. In aller Frühe sollte ich mein Gehalt für den Monat abheben bei der Kassiererin und vor acht Uhr aus dem Hause sein. Aber da kam sie schlecht bei Roger an. Mit einem Anstand wie ein Marquis stand er vor dem wütenden Weib, und wie er das sagte: »Sehr wohl, Madame. Indessen Mademoisselle Marie geht nicht allein. Ich betrachte mich auch als entlassen und werde morgen vor acht ebenfalls aus dem Hause sein. Sie werden die Kassiererin anweisen, mir auch meinen Gehalt für den Monat auszuzahlen, s'il vous plait.« – Es gefiel ihr aber ganz und gar nicht, Roger zu entlassen und morgens früh kriegte ich Bescheid, daß ich bleiben könnte, wenn ich mich bessern und in Zukunft Zucht und Sitte besser wahren wollte. Da die Stelle sonst recht gut war und Roger auch dafür stimmte, blieben wir. Hätten wir es nur nicht getan! Aber wer weiß, vielleicht war es doch gerade gut so, daß es so kam. Am Ende kommt doch alles so, wie es kommen muß.

Madamens Gatte wurde jeden Tag hinfälliger und impuissanter und im Januar bekam er einen Schlaganfall, der ihn lähmte, so daß er das Bett nicht mehr verlassen konnte. Da hatte sie die Schlinge um den Arm und war nun allein Herr im Hause.

[43] Das erste, was sie anstellte, war, daß sie nun mit allen Mitteln darauf ausging, meinen Roger einzufangen. Mit Fußangeln und Leimruten und Ködern aller Art. Hübsch war sie ja auch, das mußte ihr der Neid lassen, aber doch auch vierzehn Jahre älter als Roger.

Zu mir spöttelte er immer über die Bemühungen der »alten Schachtel«, aber ich merkte doch mehr als einmal, daß er mit ihr kokettierte und ihr mehr zu Willen war, als er mit Rücksicht auf mich durfte.

Was soll ich noch lange darüber schreiben. Im April, also um die Zeit, wo wir heiraten und nach Ostende ziehen wollten, wurde mein Roger Teilhaber und Mitinhaber des Hotels. Madame hatte es durchgesetzt, daß ihr Geschäftsführer Roger Pachelle als Kompagnon eingetragen wurde.

Da gingen mir natürlich die Augen auf.

O, wie war ich unglücklich. Ich wollte es ihnen nicht zeigen, wie es mich schmerzte und demütigte, und ging tagsüber hoch aufgerichtet und trotzig umher und tat seelenvergnügt und unbefangen, aber nachts, wenn ich allein war, stopfte ich mir das Kopfkissen in den Mund um nicht laut aufzuschreien vor Schmerz und vor Qual und vor Wut, und ich hätte mich umgebracht, wenn nicht das wilde, sehnende Verlangen nach dem Geliebten wiederum eine so starke und stürmische Lebensbejahung in mir erzeugt hätte. Ich haßte ihn und liebte ihn gleichzeitig mit verdoppelter Leidenschaft. Denn Haß in eine große Liebe geschüttet, wirkt wie Pulver in Feuer, das kracht und sprengt und splittert, aber es löscht die Flamme nicht – – im Gegenteil – –

Es kam zu einer Aussprache zwischen uns. Er konnte nicht leugnen. Ich habe ihm böse Worte ins Gesicht geschleudert. Ich sagte ihm, daß er sich mit diesem Weibe prostituiere, daß er schlechter sei als eine gemeine Dirne. – O, ich bin nicht fein, wenn ich erzürnt bin – – – [44] Er wußte nichts darauf zu entgegnen, suchte mich zu beschwichtigen mit Zärtlichkeiten und Vorstellungen – – Ich hätte gehen müssen. Es war ein Leben täglicher Qual für mich. Ich kam dabei total herunter und sah aus wie ein Schatten. Und doch konnte ich mich nicht losreißen. Ich konnte nicht von Pachelle abfinden. »Seine Nähe war mein Leben«, wie es so schön in Romanen ausgedrückt heißt. Ich regte mich auf an seinem Anblick und an meinen eifersüchtigen Beobachtungen und stieß ihn doch zurück, sobald er sich mir näherte.

Ich sah, wie er sich Tag für Tag weiter von mir entfernte, und berauschte mich an der Pein, die mir diese traurige Konstatierung bereitete.

Im Anfang waren es wohl nur die äußeren Vorteile gewesen, die ihn bewogen, den Lockungen der Frau nachzugeben. Dann fesselte ihn ihre Eleganz, ihre üppigschöne Figur, ihre süßen, durchdringenden Parfüms, mit denen ihre Kleider durchtränkt waren, und schließlich ihr geistiges Übergewicht. Denn Madame war klug, o sehr klug, daß sie mich lächelnd um sich und neben Roger duldete. Ich merkte mit heimlichem Zähneknirschen, wie ihr Einfluß auf ihn von Tag zu Tag wuchs, wie er nur Augen für sie hatte, wie er eifersüchtig ihre Blicke, ihre Bewegungen kontrollierte, wenn sie mit anderen Herren kokettierte, und ich fühlte, daß ich ihm allmählich gleichgültig wurde. Und je mehr er sich mir entfremdete, desto freundlicher, nachsichtiger wurde Madame mit mir, obwohl mein obstinates Benehmen manchmal eher eine Entlassung Knall und Fall gerechtfertigt hätte. Es war die Güte und Sanftmut des innerlich triumphierenden Mitleids, das sie gegen mich herauskehrte, die Milde der Siegerin über die Besiegte.

Eines Tages setzte sie sich zu mir und redete mir freundlich, mit fast mütterlicher Miene zu, doch abzureisen, da es für mich doch nichts mehr zu erhoffen gäbe.

[45] »Die Männer sind so wankelmütig, liebes Kind,« sagte sie heuchlerisch, »man kann den besten von ihnen nicht von heute auf morgen trauen. Und Roger ist eben auch nur ein Mann. Gehen Sie! Ersparen Sie sich den Schmerz, ihn täglich aufs neue zu verlieren und ersparen Sie ihm die Gewissensnot stummer Vorwürfe, die ihm Ihr Anblick bereitet. Ich will Ihnen dreihundert Mark schenken. Ihrer enttäuschten Hoffnungen wegen –«

Da brauste der Zorn in mir auf. Ich konnte mich nicht beherrschen. Ich schlug sie ins Gesicht.

Und wenn sie mir zehntausend geboten hätte –

»Ich bin nicht feil, Madame, und ich verzichte auf feile Liebe,« schrie ich, »ich spucke auf den erbärmlichen Wicht, der sich von einer älteren Frau kaufen läßt, und auf das Geschöpf, das sich den Mann kauft. Ich pfeife auf Ihr Geld ... Ich ...« o, ich sagte ihr noch viel gröbere Dinge, und dann ging ich und packte meine Sachen und reiste am selben Abend ab ohne mein Monatsgehalt zu erheben. Den hab ich ihr zu ihrem Puppenjungen dreingegeben. Aber höllisch geschmerzt hat es ja doch und ich hab's in Jahr und Tag nicht überwunden. Das Jahr, das dann kam, war ein tolles, buntes. Ich wollte partout vergessen und wollte mich rächen an den Männern. Und ich bin von einem Arm in den andern gewandert – ach, ich mag mich nicht mehr daran erinnern. Schwamm drüber.

Allmählich hab ich's denn auch wirklich überwunden, und heute, wie gesagt, schlägt mir der Puls nicht mehr rascher darüber, aber so recht verliebt hab ich mich seitdem auch nicht mehr. –

Max Ilscher ist wieder ein ganz anderer Schlag; gar nicht zu vergleichen mit dem Windhund Pachelle; ein ernster, gesetzter und gefestigter Mann.

Wir haben uns über alles Erdenkliche unterhalten, sogar über Politik. Er ist Sozialdemokrat und Vorsitzender [46] einer Arbeitervereinigung. Aber wie überzeugend klingen seine Auseinandersetzungen, da ist nichts von wüster Schimpferei und Brambarisieren und Renommieren, das klingt alles so gehalten, so folgerichtig durchdacht, so gemäßigt und doch so selbstverständlich und natürlich, daß man ihm stundenlang zuhören könnte. Ich hoffe, wir werden uns befreunden. –

Vorgestern nachmittag war mein »Schwiegersohn«, der famose Herr Heinrichs im Café. Triumphierend erzählte er mir, daß er nun »ganz sicher und bestimmt« zu dem Entschluß gekommen sei, meinem Rat zu folgen, und ob ich nicht nächster Tage mal mit ihm auf die Wohnungssuche ginge. Da mir die Chose Spaß macht, habe ich zugesagt für nächsten Mittwoch, wo ich bis sechs frei bin.

Die kleine Ernestine schreibt mir heute, daß sie seit Sonntag selig sei. Ihr Schatz ist in einer Seifensiederei zweiter Buchhalter und sie ist durchaus mit sich im Klaren: den oder keinen. Mit der Heirat läge es natürlich noch weit im Felde, usw ....

Na, meinen Segen haben sie.


* * *


Von meiner Jugend will ich weiter erzählen. Also kein Bitten und Flehen, keine Versprechungen und Vorstellungen beim Waisenrat halfen. Ich wurde der guten Tante Schlappkohl weggenommen und kam in die Zucht eines christlichen Hauses zu »braven, besonnenen, guten, achtbaren Leuten«, dem lahmen Kirchendiener Veit und seiner ehrsamen Ehefrau Jakobine, ihres Zeichens Spitzenstopferin und Gardinenspannerin.

Es war ein schmerzlicher Abschied. Tante Schlappkohl konnte sich gar nicht beruhigen; sie schluchzte laut und wollte mich gar nicht loslassen. Was mich selber [47] anbelangte, so kam es mir auch zum erstenmal recht deutlich zum Bewußtsein, was ich mir in meinem kindischen Leichtsinn verscherzt hatte; ich fühlte deutlich, daß ich es nie wieder so gut haben würde als in dem Heim und unter dem Schutze dieser braven Schusterswitwe. Leider kam diese Einsicht zu spät. Das einzige, was mich tröstete, war Tantens Versicherung, daß ihr Haus nach wie vor mein Anhalt und mein Heim bleiben werde, und daß ich sie oft besuchen dürfte. Ihre Güte und mütterliche Fürsorge erstreckte sich sogar auch auf meinen Bruder Thed, der die meisten freien Sonntagnachmittage im Schlappkohlschen Hause zubrachte.

Es war ein sehr gewaltiger Unterschied zwischen meiner gewesenen und meiner jetzigen »Pension«.

Der Kirchendiener Veit hinkte und hatte einen steifen Arm. Seine Frau sah auch immer aus, als ob sie eine Million Schwindsuchtstuberkeln im Leibe hätte. Seine Verkrüppelung und ihr mieses Aussehen waren beiden Geschäftskapital, aus dem sie nicht zu knapp Zinsen schlugen. Denn in Wirklichkeit waren beide kerngesund, sie aßen wie Drescher und ließen sich nichts abgehen. Sie verstanden beide aus dem Grunde die traurige aber nahrhafte Kunst, Mitleid für sich zu wecken.

Alles was recht ist – sie verstand auch ihr Handwerk. Ihre Spitzenstopfereien waren manchmal kleine Kunstwerke. Aber dafür wurde ihre Arbeit auch gut bezahlt und sie übernahm sich nicht dabei ... Sobald aber eine gutherzige und zahlungsfähige Dame zu ihr kam, ging das Geseires los, was sie alles durchgemacht hatte und noch durchmachte. »– – mein Kummertuch war groß, liebe gnädige Frau – – o, mein Kummertuch war groß – –!« Und dann die wehleidige Miene, die den Vortrag begleitete, die erstickte Stimme, die Tränen – – o, es war das reine Theater. Und Bettelbriefe verstand die zu schreiben – an der war wirklich eine Schriftstellerin [48] verloren gegangen. Die ganze heilige Familie, Vater, Mutter und Tochter, rutschten die ganzen Sonntage in der Kirche umher und liefen obendrein noch ein paarmal wöchentlich abends ins Pastorat zur Bibelstunde. Natürlich rentierte sich eine dermaßen gottgefällige Lebensweise, und Veits standen beim Pastor und allen frommen Leuten angeschrieben. »Die armen, braven Veits,« hieß es allgemein, »man muß diese guten, rechtschaffenen, schwergeprüften Leute taktvoll unterstützen –«

Sie machten ihre Sache wirklich fein, die Veits, sie bettelten nie direkt, ja sie sperrten sich sogar gegen die Annahme von Geschenken und nahmen sie doch – – o so gerne. Das wirkte eben doppelt, steigerte die Ehrfurcht vor ihrem Schicksal, erweckte erst recht den Drang nach Betätigung christlicher Nächstenliebe.

Man wetteiferte darin, den armen, frommen Leuten unter die Arme zu greifen, sei es im angenehmen Kitzel kleiner, Freundschaft erhaltender Geschenke oder als kräftige Existenzstütze. Hier schickte ihnen einer die Winterfeuerung franko zum Keller, da bekamen sie auf Fürrede eines Gönners von einem begüterten Landmann die Winterkartoffeln und das Gemüse zum Einlegen geschenkt, eine Vereinigung von guten Freunden gab ihnen die Miete, – nicht zu reden von den vielen Stärkungsmitteln wie Wein, Fleisch und sonstigen guten Sachen, die ihnen ins Haus regneten, und die sie mit allem Behagen verfutterten.

Die Tochter hatte die blasse Gesichtsfarbe der Mutter und war angeblich auch »schwach auf der Brust«, sie ging tagsüber in ein Weißwarengeschäft.

Dabei lebten die Äser wie Gott in Frankreich. Zum Beispiel abends saßen die drei bei Schinken, Käse, Schmoraal und Gott weiß was für Guts, während ich am anderen Ende des Tisches abgesondert für mich hockte und meine drei Finger dicken Schmalzstullen hinunterwürgte. Bei [49] den Mahlzeiten wurde immer fürsorglich die Kette vor die Türe gelegt, kam dann jemand und klingelte, wurden heida hopp die guten Sachen abgeräumt und in den Schrank verschlossen, und der Hinzukommende fand nur ein kärgliches Mahl, nämlich eine Schüssel Wurstschmalz und ein Schwarzbrot auf dem Tisch. So blieb das Prestige der Armut wenigstens gewahrt. –

Unser Herrgott hat wirklich allerhand Kostgänger. Die einen machen sich immer so klein als möglich, drücken sich, stellen sich ärmer und jämmerlicher an als sie sind; die anderen dagegen protzen sich auf, wollen höher hinaus als sie können, renommieren und stellen alles an, sich das Air der Vornehmheit und der Wohlhabenheit zu geben.

Die Veits hatten etwas von beiden an sich. Besser gestellten Leuten gegenüber spielten sie die Armen, Bemitleidenswerten, der Barmherzigkeit Bedürftigen heraus. Aber wenn sie mit ihresgleichen zusammen waren, blähten sie sich auf und taten Gott weiß wie wichtig.

Die Leute, mit denen sie verkehrten, Subalternbeamte, Handwerker, kleine Geschäftsleute, wohnten alle weit draußen in St. Georg und wohl niemand von ihnen ahnte, aus welcher Quelle die Geldmittel der Veits stammten. Von Zeit zu Zeit gaben sie hinter verschlossenen Türen und fest zugeriegelten Fensterläden eine Fete, bei der nichts anbrannte; da gab es große Kalbs- und Rinderbraten und zehnerlei Kompott, Schweizerkäse und Früchte zum Nachtisch und mächtige Terrinen voll Punsch mit Pfannkuchen. Sie waren in mehreren Klubs und Vereinen, in einem Skat- und Pochklub, im Verein der starken Brüder, im Gesangverein »Einigkeit« und in einem Familienkränzchen. Wenn sie abends zu den Festlichkeiten gingen, Vater Veit im Bratenrock, das eiserne Kreuz im Knopfloch, Mutter Veit im schwarzseidenen Damastkleid mit langer goldener Uhrkette, und Fräulein Henny aufgedonnert [50] wie ein Pfau, sah ihnen wahrhaftig niemand die armen, demütigen Almosenempfänger an.

Ich haßte diese Menschen wie die Pest und die Cholera.

Sie nützten mich auf die schamloseste Weise aus. Ich mußte sämtliche Hausarbeiten tun, alle Botengänge machen, wurde den ganzen Tag bald hier, bald dorthin gehetzt, wurde mit drakonischer Strenge beaufsichtigt und behandelt, und erhielt kaum satt zu essen.

Ich hab von Haus aus und Kind an eine Menge Fehler und Laster an mir, aber ein Gutes ist mir sozusagen angeboren: ich hab nie heucheln und mich verstellen können. So jung ich damals noch war – die Komödie widerte mich an, ich mochte nicht mitmachen.

Wenn ich damals nicht einen Rückhalt an Tante Schlappkohln gehabt hätte, wer weiß was aus mir geworden wäre. Die brave Frau war im buchstäblichen Sinn mein guter Engel. Zum Glück wohnten Veits nicht allzu entfernt von ihr. Obgleich sie mir jede Minute nachrechneten, brachte ich es oft doch noch fertig, auf einen Sprung hinzukommen und in aller Eile ein paar Wurstoder Käsestullen bei ihr zu vertilgen. Sonntags nachmittags, wo die Veits mich gern los waren, war ich immer bei Tante Schlappkohl. Wenn ich ihr dann mein Herz ausschüttete und mein Leid klagte, redete sie immer zum Guten, und in ihrer mütterlichen, treuherzigen Manier brachte sie mich immer zur Ruhe. Von ihr lernte ich Recht und Unrecht, Gut und Böse in meinem Denken und Tun trennen und unterscheiden. Sie lehrte mich in ihrer einfältigen Art das Rechte lieben.

Mit Jule kam ich nicht mehr zusammen. Ich wurde tagsüber so müde gehetzt, daß ich kein Verlangen mehr nach Abwechslung und Zerstreuung verspürte.

Eines Abends sollten Veits wieder zu einem Ball in der Einigkeit.

[51] Fräulein Henny (wie ich sie nennen mußte) quarkte ihrer Mutter die Ohren voll, daß ihr noch dies und jenes zur Toilette fehlte. Ein Paar lange seidene Handschuhe und ein paar Blumen und ein Paar anständige Tanzschuhe. Nun war kein Geld im Hause und Vater Veit konnte doch auch nicht mit leerem Portemonnaie die Seinen auf den Ball führen. Da kommen sie überein, daß die Mutter einen Brief an Fräulein Lewandowsky schreiben und sie bitten soll, ihr zwanzig Mark (natürlich auf Nimmerwiedersehn) zu pumpen. Fräulein L. war eine reiche, wohlhabende Dame, die, wenn sie gab, dies mit vollen Händen tat, die aber andrerseits dafür bekannt war, daß sie sich ihre Schützlinge erst genau ansah. Ich wußte das alles, da Veits sich vor mir nicht genierten und alles in meinem Beisein durchkohlten.

Also der Brief wurde abgefaßt und vorgelesen; es war wirklich herzzerbrechend wie Mutter Veit ihre trostlose Lage schilderte. Seit drei Wochen kein Fleisch im Topf, der Bäcker borgt kein Brot mehr, und der Milchmann keine Milch, man bekommt kein Arbeitsmaterial ohne Bargeld – kurz Not und Hunger und Elend an allen Enden – –.

Ich biß die Zähne aufeinander vor Wut, so ärgerte mich diese gemeine Lügerei und am liebsten hätte ich den Wisch unterwegs in den Rinnstein geschmissen. Dabei war ich instruiert, auf alle Fragen im Sinne des Briefinhalts zu antworten. Wie ich nun zu der Lewandowsky komme, liest sie den Brief, sieht mich dann scharf an und sagt:

»Also Ihr habt in drei Wochen kein Fleisch auf dem Tisch gehabt?«

Ich wurde glühend rot, aber plötzlich fährt der Teufel in mich hinein und ich antworte (der Wahrheit gemäß) keck: »Was mich anbelangt, so habe ich wohl seit Sonntag kein Fleisch auf dem Teller gehabt. Aber Veits [52] hatten gestern Beefsteaks zum Mittag und heute Schellfische.«

»So,« sagte sie. »Aber deine Pflegemutter schreibt mir doch, daß sie zwanzig Mark gebraucht, weil Ihr nichts zu essen habt und Euch niemand etwas borgt.«

»Ich weiß nicht, aber es ist möglich, daß Henny keine Tanzschuhe und keine langen Handschuhe auf Pump kriegt,« sagte ich.

Sie sieht mich groß an. »Tanzschuhe und Handschuhe? Wie kommst du darauf?«

»Nun deswegen, weil sie doch heute abend zum Ball müssen und die Sachen gebrauchen – –«

Das Fräulein überlegte ein Weilchen, dann sagte sie, ich soll gehen und bestellen, sie käme am Abend oder am andern Tag selber.

Na, da war guter Rat teuer als ich die Botschaft brachte. Die Weiber flogen wie Stoßvögel auf mich zu und schüttelten mich von zwei Seiten, daß mir der Atem versagte. »Was hat sie gesagt? Was hast du gesagt? Hab ich dir nicht gesagt, daß du das Geld mitbringen sollst, infame Göre?«

»Sie hat gesagt, ob wir richtig nichts mehr auf Pump kriegten, und da habe ich gesagt, daß Fräulein Henny wirklich keine Tanzschuhe geborgt kriegt und daß Ihr nicht heute abend in die Einigkeit gehen könnt, wenn ich das Geld nicht mitbringe –« Ich weiß heute selber nicht mehr, wie ich den Mut zu dieser unerhörten Frechheit nahm. Ich glaube, meine Schadenfreude drängte momentan alle anderen Gefühle zurück, selbst die Furcht vor den Folgen, vor allem jede überlegende Klugheit.

Ein fürchterlicher Stockhieb über die rechte Schulter rüttelte mich wach und brachte mir meine dumme Unvorsichtigkeit zum Bewußtsein, – das mir aber bald wieder unterging in den hageldichten Schlägen, die von Veits armdickem Knüppel auf mich niederprasselten, während [53] die Frauenzimmer nach mir mit Füßen traten und mich bespuckten und mit ihrem Wutgeheul meine Schmerzensschreie übertönten. Viele Jahre sind seitdem vergangen, aber noch heute zittere ich in der Erinnerung an jene grausige Exekution, in deren Verlauf ich ohnmächtig wurde, und erst wieder zur Besinnung kam, als sie mir kaltes Wasser ins Gesicht spritzten. Nämlich eine Dame war zufällig gekommen und hatte den schrecklichen Strafvollzug unterbrochen, sonst hätte der Kerl mich totgeschlagen.

Als ich aufwachte, hörte ich sagen: »Aber Veit ... Ich begreife gar nicht! ... Sie – sonst ein ruhiger, besonnener, religiöser Mensch – – wie können Sie sich hinreißen lassen, das Kind so barbarisch zu züchtigen?«

Da wischte er sich den Schweiß von der Stirn und seufzte: »Gnädige Frau haben recht ... Ich kannte mich selbst nicht vor Zorn über dieses elende Geschöpf. Da nimmt man nun solch ein Wesen, um des Heilands willen, in sein Haus und an sein Herz, teilt sein armes bißchen Brot mit ihm, gibt sich alle erdenkliche Mühe, es dem Herrn zuzuführen und ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft aus ihm zu machen, und sieht sich zum Dank dafür von solcher Kreatur schmählich verleumdet und hintergangen – – – An diesem durch und durch verkommenen Geschöpf ist ja Hopfen und Malz verloren – –«

Und dann wurde die Geschichte mit der L. erzählt. In bitterster Not habe man mich hingeschickt, um ein Darlehen zu erbitten und ich – ich hätte die Gelegenheit benutzt, meine Wohltäter zu verleumden, ein abscheuliches Märchen frei zu erfinden usw.

»Ja, da kann ich Ihren Zorn allerdings verstehen, und das Mädel verdiente tatsächlich eine exemplarische Strafe. Aber man darf den Zorn nicht mit sich durchgehen lassen, lieber Veit – –«

[54] Damit hatte die Sache ihr Bewenden.

Als die Lewandowsky am Abend kam, fand sie die ganze brave Familie mit vergrämten Gesichtern, bleich wie das Leiden Christi am Tisch versammelt, die Frauen bei ihrer mühevollen Spitzenstopferei, Veit in der Hauspostille lesend ...

Na, und dann ging's wieder los, das Lamento über meine Schlechtigkeit und Verlogenheit, und was für 'n Verdruß sie schon an mir gehabt hätten und daß ich die ganze Geschichte vom Kränzchen aus den Fingern gesogen und mich noch damit gebrüstet hätte –, ihr – der L. – einen tüchtigen Bären aufgebunden zu haben usw. und mitten in seiner Rede reißt Veit die Tür zu meinem Verschlag auf und schreit: »Antworte Mädchen: hast du dem gnädigen Fräulein was vorgelogen oder nicht?«

Und ich – – Kinder, ich war damals dreizehn Jahre alt, und ich lag da, matt, wund, zerschunden, unfähig mich vor Schmerzen zu bewegen, mit aufgeschwollenen Gliedern und verbeultem blutrünstigem Kopf – heute möchte ich mich noch prügeln dafür – aber ich war feige. Ich hörte aus seinem Anschrei wieder die Drohung und fühlte nochmals die fürchterlichen Stockhiebe, daß mir die Funken vor Augen sprühten, und – – strafte mich selber Lügen.

»Ja –« sagte ich leise und steckte den Kopf in die Kissen. Da war die Sache denn entschieden, Fräulein Lewandowsky bekam noch eine fürchterliche Biographie von mir zu hören, und das Ende vom Liede war, daß die Dame in die Tasche stieg und statt einem Doppelfuchs davon zwei auf den Tisch des Hauses niederlegte.

Von da an aber begann für mich eine Passion ohnegleichen. Hunger und Prügel standen als ewig wiederkehrende Nummern auf meinem täglichen Programm. Einmal versuchte Tante Schlappkohl für mich einzutreten [55] und die Veits zur Räson zu bringen. Aber der Alte schmiß sie hinaus und bei Armenpfleger und Waisenrat fand sie kein Gehör. Die Erkundigungen fielen alle glänzend zu Veits Gunsten aus ... Eine brave, gottesfürchtige, makellose Familie einerseits, – andrerseits ein offenbar schlecht veranlagtes, zur Lügenhaftigkeit und zur Leichtfertigkeit neigendes Kind und eine einfache alte Frau, der man dieses selbe Kind wegen Mangels an genügender Aufsicht und richtiger Leitung weggenommen hatte, die also nicht als unbefangene Partei gelten konnte ... Da war es ja selbstverständlich, daß die Wage sich zu Veits Gunsten neigte und Tante Schlappkohl mit ihrer gutgemeinten Fürsprache abblitzte.

Wenn ich die alte Schlappkohln nicht gehabt hätte, wäre ich bei den Veits zur Verbrecherin herangebildet Das ist der Fluch der Fürsorgeerziehung, daß sie nur nach der Schablone arbeitet und nie individuell. Welche finsteren Gedanken und Rachepläne wälzten sich oft durch mein Gehirn, wenn ich ungerecht geschlagen wurde und hungrig zu Bett mußte. Es war so viel Gerechtigkeitsgefühl in mir, daß ich mir selber sagte: du hattest vielleicht etwas schuld an der schrecklichen Mißhandlung damals. Denn ich mußte vor mir selber zugeben, daß es weniger der elementare Drang zur Wahrhaftigkeit als die Schadenfreude und der Wunsch, Veits einen auszuwischen, war, der mich damals bei der Lewandowsky leitete. Und deshalb nahm ich mich zusammen und suchte mir durch Fleiß, Gehorsam, Arbeitswilligkeit und Freundlichkeit die Zufriedenheit meiner Peiniger zu erwerben. Aber es half alles nichts, ich bekam nach wie vor nichts als Schimpfworte zu hören, und die Beulen und blauen Stellen schwanden nicht mehr von meinem Körper.

Ich habe oft später, wenn ich Zeit hatte, darüber nachgedacht: Was wäre aus mir geworden, wenn ich nun diese einzige Stütze nicht hinter mir gehabt hätte, wenn [56] mich die gute alte Frau nicht immer mit der Beruhigung, daß doch alles mal ein Ende nähme usw. getröstet hätte ...? Wenn sich der furchtbare Groll und der grenzenlose Haß wie ein fürchterlicher Explosionsstoff in mir aufgespeichert hätten und die Lunte wäre eines Tages hineingefallen – – Ist ein Kind, das eines geringfügigen Versehens wegen abends hungrig zu Bett geschickt wird und morgens ohne Frühstück in die Schule muß, das halb tot vor Hunger mittags nach Hause kommend, dann noch stundenlang mit Kommissionen umhergehetzt wird bis es schließlich zusammenbricht, um dann noch mit Ohrfeigen wegen »Trotz« regaliert zu werden – ich frage, ist ein solches Kind noch als ein bewußt handelndes und für sein Tun verantwortliches menschliches Wesen zu betrachten? Wie, wenn ich in solcher Verfassung hingegangen wäre und hätte meinen Quälgeistern Phosphor in den Kaffee getan oder ihnen das Haus über dem Kopf in Brand gesteckt, hätte man mich deswegen als »Verbrecherin« verurteilen können? Der mütterliche Zuspruch meiner alten Freundin verhütete das Äußerste, sonst – –

In den letzten zehn Jahren ist ja wohl vieles in der Waisenpflege reformiert worden. Man soll sich im Ganzen mehr um die Haltekinder bekümmern als früher. Aber soviel ich beobachtet habe, geht doch in der Hauptsache noch alles nach Schema F. Noch heute würde man kaum einem Kinde seine Leidensgeschichte glauben, wenn die Pflegeeltern sogenannte »brave, einwandfreie« Leute sind und diese das Kind Lügen strafen.

Ich sann damals Tag für Tag auf Rache. Und eines Tages – vier Monate nach jenem Tanz – schrieb ich in der Schule einen Brief an Fräulein Lewandowsky, in dem ich ihr auseinandersetzte, daß alles Wahrheit gewesen, was ich ihr gesagt, und wenn sie sich überzeugen wolle, wie es bei Veits zugehe, soll sie nächsten Sonntag abend [57] zwischen 10 und 11 mal rankommen. Dann war nämlich Hennys Geburtstag, der gefeiert werden sollte.

Ich wußte ja: kommt es heraus, verrät die Lewandowsky mich, dann kann ich nur ins Wasser gehen. Darauf war ich gefaßt. Ich machte zwei schreckliche Tage durch, aber es geschah nichts; die L. ließ nichts von sich hören. Dann kam der Sonntag und Hennys große Gesellschaft, etwa zwölf Personen, junge Mädchen und Burschen, und es gab Schnitzel mit Blumenkohl zum Nachtessen und später starke Rumgrogs und Kuchen die Masse. Der Grog wurde in großen Tulpen serviert, deren Inhalt zu drei Viertel aus heißem Rum bestand. Als sie einige davon intus hatten, wurden sie sehr animiert und noch nach einigen weiteren waren sie alle sternhagelvoll besoffen. Die Wohnungstür war wohlweislich verriegelt worden, aber ich hatte sie heimlich wieder aufgeschlossen, und um halb elf, mitten im wüstesten Radau, geht sie auf, und Fräulein Lewandowsky, zu deren Eigenschaften auch wohl ein bißchen Neugier gehörte, tritt herein. Mit einemmal steht sie auf der Schwelle der Stubentür und übersieht sich das Bild, dessen Anblick für feine Nerven nun gerade keinen ästhetischen Hochgenuß bedeutete.

»Ei, ei ... Hier läßt man sich's ja gut gehen,« sagte sie gedehnt. Und die trunkene Gesellschaft johlte und gröhlte sie an: »Prost alte Tante! Wohlsein, Sie Olle – –«

Ich stand an der Wohnungstür und zitterte. Da kam Veit aus der Küche und streifte mich mit einem fürchterlichen Blick und nun wußte ich: er durchschaut alles und ich kann nur einpacken. Und da bin ich durch und in die Nacht hinaus und wie wild durch die Straßen gerannt, bis an den Wallgraben, aber wie ich davor stand, kam mir das Grauen vor dem kalten Tod im Wasser und ich bin wieder fort und zurück nach Tante Schlappkohls Haus, um sie zu wecken und zu bitten mich zu verstecken.

[58] Aber es war keine leichte Sache, die alte Frau, die müde von ihrer Tagesarbeit fest schlief, aufzuwecken und wie ich noch an der Tür rüttele, tippt mich jemand von hinten auf die Schulter, und als ich mich umsah, ist es Jule. »Nanu!« sagt sie »wo kommst du denn her, Mie?« Ich erzählte ihr alles. »Ach wo,« sagt sie leichtsinnig, »dadrum versauf dich man nich gleich. Die olle Schlappkohln wird schon 'n Schlupfwinkel für dich aufspürn. Aber jetzt weckst du die doch nich auf. Komm man noch 'n bißchen mit spazieren. Vielleicht finden wir noch 'n Schatz unterwegs, der uns 'n Buddel Wein spendiert ...« Und damit hatte sie mich auch schon untergefaßt und zog mich mit sich ...

Und so bin ich denn in meiner Dummheit die Nacht mit der Jule auf den Strich gegangen. Mit der letzten Pferdebahn sind wir bis zum Neuen Wall gefahren und von da die Arkaden hinauf und den Jungfernstieg entlang, und jedesmal, wenn uns ein gut gekleideter Herr entgegenkam, rempelte die Jule ihn an, aber die meisten gingen vorüber, ohne auf uns zu achten, bis endlich einer kam, der sich mit uns in ein Gespräch einließ: Was die Jule denn eigentlich wolle und was wir um 1 Uhr nachts auf der Straße täten. »Uns 'n Freier suchen,« sagte Jule keck, »aber einen der Moneten hat, denn umsonst ist nischt –«

»Hm –« sagt er und auf einmal hat er Jule rechts und mich links am Schlafittchen und pfeift, denn es war ein Kriminal, und Jule schrie laut auf vor Schreck, ich riß mich aber los, und in meiner Angst und verfolgt von einem Schutzmann, der auf den Pfiff herbeikam, stürzte ich weg und blindlings weiter. Ich weiß nicht, was ich wollte und dachte, ein eisiges Entsetzen erfüllte meine Seele, umdüsterte mein Bewußtsein, so bin ich wie von Furien gehetzt weiter und gerade hinein in die Alster. –


*


[59] Also gestern ging's denn wirklich los mit meinem Schwiegersohn à la Haby. Er holte mich ab ... schneidig, ganz hellgrau mit gelben Stiefeln und ein paar schönen langstieligen Rosen. Dann sind wir zusammen nach Friedenau, in dem neuen Schöneberger Stadtteil und haben dort in einem neuen Haus, das noch nicht ganz fertig ist, eine kleine herzige Wohnung gemietet. Reizend, drei Zimmer, alle nach vorn hinaus, alle mit Parkettböden und sehr hübsch ausgestattet und eine entzückende Küche, die Aussicht auf den Bahnkörper, also ganz frei ohne vis-a-vis, ein allerliebstes Puppenheim und man braucht gar nicht viel Phantasie, um sich ein junges, glückliches Ehepaar hineinzudenken.

Ich muß gestehen: wie ich da oben stand und ein Weilchen aus dem Fenster schaute, kam mir ein ganz eigenartiges Gefühl ins Herz geflogen, so etwas wie die Sehnsucht nach einem stillen friedlichen Glück, wie das, was sich hier eventuell einnisten könnte, wenn zwei stille, gute, verträgliche, anspruchslose Menschen zusammenkämen. Hübsch muß es ja sein, einen solchen neuen kleinen Haushalt immer blitzblank und sauber wie ein richtiges Puppenheim zu halten, vormittags Putzen und Kochen, nachmittags, wenn der Mann fort ist, mit einer Handarbeit am Fenster oder im Sommer auf dem Balkon sitzen und hinausschauen und ein bißchen spintisieren, und abends sich schlafen legen können, wenn man Lust hat. O ja. O ja ... Und ich mußte unwillkürlich an Max Ilscher denken, den netten Kerl, der mir ordentlich im Kopf herumspuckt ... Es wär wirklich hübsch, solche Frauen haben doch einiges voraus vor unsereinem. Einiges – aber im ganzen möchte ich ja doch nicht mit ihnen tauschen. Ich bin eben nicht in dieser kleinen Welt im Winkel zu Hause. Es ist wahr, ich muß es mir sauer werden lassen und bin oft hundemüde, aber andrerseits versauert solch ein kleines [60] Bähschaf von Hausfrau neben ihrem Mann und in ihrer Puppenwelt meistens. Wir selbständigen Frauen wissen doch, daß wir leben. Wenn man Augen im Kopf hat, kann man hinterm Büfett interessante Beobachtungen machen. Romane könnte ich schreiben und alles »aus dem Leben«. Was sieht und hört man da nicht alles, wie vielerlei Menschen gehen aus und ein und ein und aus, und von wie mancherlei wunderlichen Schicksalen kriegt man da zu hören. Ich denke manchmal, es ist wie in einem Panorama und man sitzt wie vor dem Guckloch eines solchen, und sieht die vielen Menschlein mit ihren kleinen und großen Leiden und Freuden vorüberziehen und nimmt ein Weilchen Teil an ihnen, bis sie einem aus den Augen entschwinden.

O, ich arbeite gern, und es ist ein angenehmes Gefühl, so ganz unabhängig zu sein, aber manchmal kommen einem doch elegische Anwandlungen. Man ist doch immer so allein und im Grunde recht verlassen. Trotz der vielen Liebschaften meiner Vergangenheit weiß ich gar nicht wie einem Menschen zumute ist, der etwas Eigenes, Liebes besitzt, einen Anverwandten, einen, der ganz zu ihm gehört, der mit ihm alle seine Interessen teilt.

Gott sei Dank neige ich nicht zur Sentimentalität. Der Mann mit dem Haby-Schnurrbart könnte mich nicht als Schicksalskollege für Lebensdauer reizen. Das ist ein wunderlicher Herrgottspensionär. Das heißt, eigentlich ist nichts Absonderliches an ihm, er ist im Gegenteil eine ganz gewöhnliche Durchschnittsnatur, eine kleine, gute, etwas ängstliche Seele. Seine sogenannten Ideale kommen mir vor wie Galanteriewaren, Nippes, billige Nachahmungen aus wertlosem Material, wie sich die kleinen Leute sie stolz auf ihre Vertikows und Kommoden in der guten Stube pflanzen und sich dann ungeheuer viel auf ihren künstlerischen Geschmack einbilden.

Mein Herr Heinrichs ist nicht zu knapp eitel auf[61] seinen Pseudoidealismus, und wer es versteht ihn zu nehmen, das heißt ihm Brei um den Bart zu streichen, und seine »Mannhaftigkeit« und seinen »Idealismus« zu preisen, der ist bei ihm heraus und kann ihn um die Finger wickeln, und deshalb ist es sehr gefährlich für ihn, wenn er in schlechte Hände gerät. Ich bilde mir ein, daß er bei mir an die rechte Stelle gekommen ist. Eine Person wie die bucklige alte Schachtel hetzt ihn natürlich nur gegen seine Frau auf, das ist klar. Ich schmeichle ihm nicht, aber ich stachele seinen Ehrgeiz auf. Nächstens will er mal seine Frau mit ins Café bringen, da werd ich sie mir mal ansehen, und wenn sie mir gefällt, will ich mal schauen, ob ich die Sache mit den beiden nicht ins Lot bringe.

Die Angst vor der Schwiegermama muß er sich natürlich abgewöhnen, das ist ja widerwärtig. Momentan ist er ganz Feuer und Fett und freut sich auf den Umzugstag. Wir tranken noch ein Glas Bier im Pschorr, wobei ich noch einmal seine ganze Passion zu hören bekam. Dann mußte ich fort und wieder ins Geschirr. Am Abend war er noch eine Stunde im Café, das Herz war ihm so voll von der neuen Wohnung und den Zukunftsplänen, daß er noch ein Weilchen davon mit mir am Büfett plauschen mußte. Ich soll nun noch mit ihm Tapeten aussuchen und einen neuen Teppich kaufen, auch will er seiner Frau einen Schaukelstuhl zum Einzug schenken.

»Werden Sie denn auch Courage haben, um den Kampf mit dem Drachen auszufechten?« fragte ich.

O – er hätte so viel Courage – – – »Sie glauben doch wohl nicht, daß ich die alte Katze fürch te – – Gott bewahre – – übrigens bin ich selber gar nicht dabei – – ich werd mich doch nicht mit den Weibern abkatzbalgen – – der Spediteur kriegt meine Vollmacht – –«

Ich verbiß mir das Lachen! –


* * *


[62] Also weiter von meiner Jugend. Ach, es sind keine lieblichen Erinnerungen.

Was ich bei dem grausen Sturz in das eiskalte Wasser empfand, kann ich heute nicht mehr konstatieren. Die Angst vor der Polizei hatte alles in mir ausgelöscht, ich weiß nur, daß es mir im Moment war, als ob ich statt in Eiseskälte in einen glühenden Feuerschlund herabtauchte, es ist seltsam, aber noch heute schwöre ich, daß der Ertrinkende mehr ein Gefühl von glühender Hitze als von Kälte empfindet, es war ein Zischen und Brausen und Branden um mich – ich weiß nichts weiter.

Der Schutzmann war mir nach und hatte mich herausgeholt. Das Bewußtsein war mir schon weg. Fünf Tage lang bin ich im Fieber gelegen, und als ich zu mir kam war ich im Krankenhaus, wo ich drei Wochen blieb, eine qualvolle Zeit, in der ich mich Tag und Nacht mit der Angst marterte, ich müßte wieder zu Veits kommen. Ganz so schlimm wurde es denn doch nicht. Die Veits hatten wohl genug von mir und wollten mich nicht mehr ins Haus haben, und da hatte der Waisenrat beschlossen, daß ich bis zu meiner Konfirmation im M-stift – einer Art Rauhem Haus, in dem sonst nur erwachsene »gefallene« Mädchen Aufnahme finden, bleiben sollte. Und so geschah's, und ich kam vom Regen in die Traufe, von der heiligen Familie zu den frommen Schwestern, aus der Atmosphäre der Bigotterie und Heuchelei in den Bannkreis des heiligen Eifers und des stockschwärzesten Zelotismus.

Die Schwestern und die Oberin, – eine Frau in den fünfziger Jahren mit einem bösen harten Gesicht, dem die hervorstehenden Zähne eine Frau Holle-Physiognomie verliehen – hatten wohl nicht viel Gutes von mir gehört, denn ich wurde vom ersten Tage an als räudiges Schaf und mit äußerster Strenge behandelt.

Die meisten Mädchen waren dem Buchstaben nach[63] »freiwillige« Insassinnen des Stifts. Ach Gott ja, was heißt »freiwillig«? Nach und nach bekam ich ja einige Geschichten zu wissen, die meisten waren natürlich noch minderjährig und – da sie sich nicht geschickt, das heißt nicht so gewollt hatten, wie andere wollten und die gute Sitte es vorschreibt, von Eltern oder Vormündern in die Korrekturanstalt geschickt wurden. »Freiwillig« war der Aufenthalt im M-Stift nur insofern, als er nicht auf eine gerichtliche Verurteilung hin erfolgte.

Unter sämtlichen Insassinnen des Stifts war nicht eine einzige, die sich anders als mit heimlichem Zähneknirschen den Zuchthausparagraphen dieses chr