10. Ein Begräbnis.

[101] Dicht am Brunnen, wie mir die Alte schon gesagt hatte, stand ein Häuschen, weiß gekalkt, mit hellblauen Balken. Während der fadendünne Wasserstrahl in die Kanne lief, spähten meine Blicke nach den kleinen Fenstern. Zwischen den Blumenstöcken zeigte sich häufig ein Gesicht, bald war es ein junges, bald ein altes.

Wie ruhig und friedlich sah das Häuschen von draußen aus, unwillkürlich beschäftigten sich meine Gedanken mit den Bewohnern.

Eines Tages stand ich wieder und spähte hinter die Blumenstöcke, da tauchte diesmal das alte Gesicht auf. Ich nickte der ältlichen Frau einen Gruß zu, sie hatte es gesehen, ihr Gesicht kam dicht an die Scheiben, sie winkte.

Schnell wechselte ich die Kannen und trat befangen und zaghaft in das Häuschen. Die Alte hielt die Stubentür offen und reichte mir freundlich die Hand. Wie warm, sauber und friedlich war es in dem kleinen[101] dämmerigen Stübchen! Das verschrumpelte, runde Kindergesichtchen sah aus wie ein rotbackiges, welkes Äpfelchen. Die blonden, dünnen Scheitel waren schon leicht ergraut. Alles war leise und gedämpft, nicht nur die Stimme und der Tritt, sondern auch die Farben. Sie ging leise auf Filzschuhen, der faltige, kurze Rock und die weite Jacke, waren aus haarigem, dunklem Stoff verfertigt. Trotzdem die Hände krumm und rauh von der Arbeit waren, so war die Berührung, als sie mir sanft über den Scheitel strich, doch lind und zart, es war etwas echt Mütterliches in ihrer ganzen Art. Mir kamen die Tränen in die Augen, wie lange war es her, daß jemand mich freundlich angesehen hatte! »Du bist ja wohl mit den neuen Kramerschleuten gekommen. Heeßt du nich Moarie?«

Sie wußte schon von mir, das wunderte mich. Ich schüttelte den Kopf und sagte: »Nein, Charitas.«

»Nu so was! Das is ja e närrscher Name, aber du läßt dich doch am liebsten so rufen, wie de getooft bist. Mir woll'n dich hier so nennen, wenn de bei uns kimmst.« Sie sprach denselben Dialekt wie die andern auch, und doch wie gemütvoll und herzlich klang er aus ihrem Munde! Wie zartfühlend zeigte sie sich schon gleich in den ersten Minuten!

»Warum siehste denn egal so traurig aus?« fuhr sie fort, »dich friert's wohl, geh ran an'n Ofen und wärm d'r de Hände! Haste Heemweh?«

Ich nickte. Die Frau seufzte, nickte mir ernst zu, und sagte mit verhaltener Stimme: »Ach ja, das Heemweh! Das kann de Menschen reene umbringen! Oben liegt eene, die hatte ooch egal Heemweh, nu wurd' se noch krank derzu, mir dachten aber, se müßt's iberwinden, weil se so e weeches Gemiet hatte. Nu hat se iberwunden, aber andersch, wie mir es dachten. Kumm mal[102] mit nuf, du sollst se doch sehen, s'is 'r doch ooch wie dir gegangen.« Befangen und unsicher folgte ich ihr die kleine Treppe hinan.

Die Kammertür stand offen, und auf sauberem Strohlager ruhte eine Gestalt, die nur wenig älter sein mochte, wie ich selbst. »Siehste, das is unsre Christel!« sagte die Frau und streichelte zärtlich die starren, wachsbleichen Hände, die zwischen den gefalteten Fingern ein Zweiglein Buchsbaum hielten. »Nu haste kee Heemweh mehr, nich wahr, Christel? Gott reicht dir selbst die Palmen in deine rechte Hand, und du singst Freudenpsalmen, dem, der dein Leid gewandt!«

Die Frau trat etwas vom Lager zurück und weinte still vor sich hin, sie zog mich sanft nach sich und sagte: »Komm, komm! Laßt ja keene Träne uf die Tote fallen, sunst hat se im Grabe keene Ruhe. Mir derfen uns ooch nich uflehnen, unser Herr Pfarrer sagt:

Er nimmt und gibt.

Weil Er uns liebt.

Laßt uns in Demut schweigen,

Und vor dem Herrn uns beugen!


Ich weinte heftig. Die unerwartete Nähe des Todes, die ärmliche Feierlichkeit, die fromme Ergebung der Frau, meine eigne verlassene Lage, das alles erschütterte meine Seele mächtig. So jung konnte man sterben! Unser Los war ja ein ähnliches gewesen. Freilich, sie hätte es besser haben können, sie hatte ein Heim, und all die Ihren waren beieinander. Sie riß eine Lücke, sie wurde schmerzlich vermißt. Warum hatte Gott sie und nicht mich gerufen? Ich war ja so überflüssig, keiner brauchte mich. Gottes Gedanken sind nicht unsere Gedanken, und seine Wege sind nicht unsere Wege. Möchte ich wirklich hier an Christels Stelle liegen?!

»Ja, in Freiberg, in der großen, lauten Stadt is[103] se gestorben,« unterbrach die Frau meinen Gedankengang. »Mir wußten ni, wie schlimm es mit ihr stand. Freili, den Nachmittag, wie se starb, hat mich's geahnt. Ich hatte so en häßlichen Drom. Mir wurde unter großen Schmerzen e Zahn ausgezogen. Da wußte ich glei, daß was mit der Christel passiert war, noch dazu, wie nu ooch de Uhr stehen blieb. Ja, ja, 's hat Anzeechen gegeben! Das is su, wenn ener sterbt. Sonntag wull'n mer se in Scherme (Großschirma) begraben. Du tust ihr doch de letzte Ehre an? Komm nur, da lernst de ooch de Gustel und den Fritz kennen. Komm aber ooch sunst zu uns, etwa am Sonntag, wenn de deine Sache gemacht hast. Hier kannst de von derheeme erzählen. Ich denk, dich hat de Christel geschickt. Warte mal, habe ich denn nischt, womit ich der 'ne kleene Freide machen kann?« Sie kramte in einer Schublade und sagte: »Der Vater hat neilich der Christel das rote Kopftüchel gekooft, das sollst du erben, von uns kann's doch jetzt keener tragen. Sie händigte mir ein leuchtendes Kopftuch aus, mein Erbe von Christel, die ich nur im Tode kennen lernte. Als ich nach Hause ging, dachte ich an die Worte meiner Mutter: »Gott erweckt dir Nothelfer in guten Menschen.«

Am folgenden Sonntag kam das Begräbnis, woran, wie mir schien, die ganze Gemeinde teilnahm.

Die Bergknappen in ihrer schwarzen, kleidsamen Tracht trugen den Sarg. Der Lehrer kam mit seinen Schülern. Um das Kruzifix wehte der Trauerflor, und die jugendlichen Stimmen sangen:


»Nach einer Prüfung kurzer Tage

Erwartet uns die Ewigkeit,

Dort, dort verwandelt sich die Klage

In göttliche Zufriedenheit.

Hier übt die Tugend ihren Fleiß,

Und jene Welt reicht ihr den Preis.«[104]


Ich saß in der Oberstube, zwischen vielen fremden Gestalten, vor uns stand der schlichte Sarg, an den Sargenden brannten dünne Wachslichter. Schweigend tranken wir Kaffee unter den Klängen des bekannten Sterbeliedes.

Die Dämmerung brach schon fast herein, als sich der traurige Zug in Bewegung setzte. Sehr lang kam mir der Weg vor, denn wir kamen nur langsam vorwärts, da die Träger öfters still hielten und einander ablösten. In dicken Flocken fiel vom dämmernden Himmel der Schnee hernieder, er legte sich weich auf das schwarze Bahrtuch, er legte sich auf die schwarzen Bergmannskittel, und frisch und flockig lag er auch in dem Grabe, wo hinein man jetzt mit Gesang, Grabrede und Gebet die so früh geknickte Menschenblüte bettete.


Leb wohl, leb wohl, du Bergmannskind!

Du hast vollbracht den Lauf.

Treu warest du und gut gesinnt,

Drum rufen wir: Glück auf!

Doch schloß sich auch dein Auge hier,

Dort tut sich's wieder auf.

Wir alle, alle folgen dir

Und grüßen dich: Glück auf!«


Im Dunkeln traten wir den Heimweg an. Hand in Hand gingen Gustel und ich. Die trauernden Geschwister erzählten mir mit Liebe von der Heimgegangenen. Mir war der Gang zwischen den vielen dunklen Gestalten auf dem unbekannten Wege, verbunden mit der Erzählung über jemand, den ich nicht gekannt und nie kennen würde, etwas so Traumhaftes und Sonderbares, daß ich den Gang nie vergessen habe. Gustel war ein eben konfirmiertes Kind, wie ich auch. Sie hatte ein frisches, rotbackiges Kindergesicht, über welches jetzt die Trauer eine sanfte Wehmut breitete. Beim Scheiden[105] luden mich Bruder und Schwester freundlich zum öfteren Besuch ein.

Nach vollbrachter Arbeit durfte ich von nun an wohl ab und zu einen Sonntagabend bei meinen neuen Freunden verleben. Gustels Vater war königlicher Erzwagenbegleiter, ein Titel, der mir sehr imponierte. Die kleine, dämmerige Bergmannsstube wurde eine Zufluchtsstätte für mich, wo ich mir Mut für die kommende Woche holte. Etwas Schöneres konnte es in meinem freudlosen Leben nicht geben, als daß alle mich mit lauter Freude begrüßten, daß wir zusammen die schönen Bergmannslieder sangen, oder daß ich ihnen Geschichten erzählte; je gespannter sie zuhörten, desto begeisterter erzählte ich, ich weiß, daß ich oft so lebhaft wurde, daß ich aufsprang und ihnen die Sache vormachte, so wie ich sie mir vorstellte. Mehr als einmal fragten sie erstaunt: »Bist de denn derbei gewest, daß de uns alles so vormachen kannst?«

Quelle:
Bischoff, Charitas: Augenblicksbilder aus einem Jugendleben. Leipzig 1905, S. 101-106.
Lizenz:

Buchempfehlung

Aristophanes

Die Wolken. (Nephelai)

Die Wolken. (Nephelai)

Aristophanes hielt die Wolken für sein gelungenstes Werk und war entsprechend enttäuscht als sie bei den Dionysien des Jahres 423 v. Chr. nur den dritten Platz belegten. Ein Spottstück auf das damals neumodische, vermeintliche Wissen derer, die »die schlechtere Sache zur besseren« machen.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon