Aus dem Jahre 1848.

Nachdem meine Aufgabe in Birkholz insoweit gelöst war, daß nur noch die jüngste Tochter, Lili, des Unterrichts bedurfte, verließ ich in ihrer Begleitung im Herbst 1846 das mir so lieb gewordene Birkholz und brachte das Kind nach dem Pensionat des Fräulein Weiß in Berlin, in dem ich zugleich als Erzieherin angestellt wurde. Fräulein Weiß bewohnte ein Haus am Leipziger Platz; eine große Schar junger Mädchen befand sich dort.

Schon in der Not des strengen Winters 1847 warf das kommende Jahr seine Schatten voraus; wie natürlich war es, daß auch die jugendlichen Gemüter von diesen Ereignissen bewegt wurden. So beschlossen die jungen Mädchen, des Morgens zum Kaffee ihre Semmeln nicht zu essen, sondern sie auf den Spaziergängen an hungernde Kinder zu verteilen. Es fanden sich auch Kinder genug, ob immer hungernde, das sei dahingestellt. Jedenfalls wurde bald das Eine klar, daß nämlich die Tischgenossen mehr als hungrig zum Mittagessen kamen, und da machte Fräulein Weiß der freigebigen Semmelverteilung ein gerechtes Ende.

Einige der jungen Mädchen hatten sich später in eine Schwärmerei für die im Gefängnis sitzenden polnischen Anführer eingelebt. Mieroslawsky war ihr Held! Wie dieser, als Rebell gegen die Staatsgewalt, zum Tode verurteilt wurde,[107] da zerfloß Eva von Zitzewitz, die Aufgeregteste der Aufgeregten, in Tränen.

Nun kamen die Märztage 1848, und bald wurde Mieroslawsky aus dem Gefängnis in Moabit durch die Märzhelden befreit. Ein Pöbelhaufe trug ihn, der des Todes wartete, im Triumph mit seinen Genossen in die Stadt. Der Zug ging durch das Luisentor, die Luisen- und Neue Wilhelmstraße die Linden entlang. Wo er endete, wo das Volk die teure Last absetzte, weiß ich nicht mehr, auch nicht, ob der Hause sich dem König zeigte.

Das Tor, die Straße, die den allem Volk so vertrauten Namen der geliebten Königin trug, mußten diesen Schimpf sehen!

Mieroslawsky hielt noch einige wüste Reden, erachtete es dann aber doch für geraten, Berlin von seiner Gegenwart zu befreien.

Eva jubelte, daß er gerettet sei, fand jedoch wenig Sympathie unter ihren Gefährtinnen, die mehr oder minder schon verstanden, daß Volkes Stimme hier nicht Gottes Stimme war.

Dies trug sich aber erst nach den eigentlichen Märztagen zu, die nicht so unerwartet hereinbrachen, wie manche glauben.

Durch Wochen schon sah und hörte man das unruhige Treiben auf allen Straßen und sah fremde, düstere Gestalten auftauchen. Unruhe und Sorge bewegte die Gemüter, wenn schon das wunderschöne Frühlingswetter die Menge wie gewöhnlich auf die Straßen und in den Tiergarten lockte. Man glaubte an Aufregung, an Störung der Ruhe, aber an wirkliche Schreckensszenen dachte niemand. Ost wurde, wenn die Nachrichten[108] aus Paris kamen, die Äußerung laut: »Bei uns kann dergleichen nicht geschehen.«

Am 15., 16. und 17. März hörte man viel von Unruhen in der Stadt, von Zusammenrottungen am Schloß und im Lustgarten.

So brach der 18. an, ein Sonnabend, dessen klarer Sonnenschein Schreckliches beleuchten sollte.

Bei uns stand die Einsegnung einiger junger Mädchen bevor, und Fräulein Weiß ging mit ihnen in die Stadt, um die für diese Feier nötigen schwarzen Seidenkleider zu kaufen.

Sie kamen nach zwei Stunden voll Freude zurück: am Lustgarten hatten sie eine jubelnde Volksmenge gesehen und nur Freudengeschrei gehört – hatte doch der König alles bewilligt, was das Volk verlangte.

Da, es war 3 Uhr, erscholl Geläut von der Dreifaltigkeitskirche. »Sie läuten zur Vorbereitung zum morgigen Abendmahl,« hieß es, obgleich es anders klang, als sonst; als nun bald darauf die Glocken der weiteren Kirchen einfielen, da konnte man nicht mehr zweifeln: »es zerrte an der Glocke Strang,« es war Sturmgeläut, das mit banger Klage über die Stadt hinzog.

Zwei Fräulein von Steinmetz, die mit in unserem Hause wohnten, kehrten entsetzt vom Lustgarten zurück, wo sie noch änger geweilt hatten und erzählten voller Schrecken von dem Ausbruch der Empörung.

Bald darauf hörten wir auch Schießen; erst das Knattern des Kleingewehrfeuers, dann Kanonendonner.

Fassungsloses Entsetzen ergriff die Schar der jungen Mädhen; auch Fräulein Weiß hatte vollständig den Kopf verloren.[109] Da hieß es, sich zusammennehmen, das bebende Herz und die zitternden Glieder zur Ruhe zwingen und andere beruhigen, wo man selber zagte. Eine um so schwerere Aufgabe für mich, als das Herz um mehr als ein teures Leben da draußen bangte. Es waren furchtbare Stunden.

Auf unsern Portier, das Faktotum, sah Fräulein Weiß hoffend als die einzige männliche Stütze des Hauses; wo fand ich ihn, als ich bestellen wollte, das Haus fester als sonst zu verschließen? kniend unter der kleinen Treppe, die in seine Souterrainwohnung führte! er erklärte, er ginge nicht aus seiner Stube heraus, und es hielt schwer, ihn zu bewegen. in meiner Begleitung noch einen besonderen Riegel vor die Tür zu schieben.

Auf dem Leipziger Platz war alles still, es ging dort kaum ein Mensch vorüber. Aber von den nach dem Garten zu gelegenen Wohnzimmern, vor allem von dem großen Balkon des Schul- und Eßzimmers aus, hörte man deutlich das Schießen.

Durch den Garten des Voßschen Palais, in den wir hineinsehen konnten, gingen königliche Lakaien mit Koffern; es waren Diener des Prinzen Karl, die dessen Sachen nach der Königgrätzer, damals noch Hirschelstraße genannt, trugen und dort auf Wagen verluden. Später, als es dunkelte, haben die Prinzlichen Herrschaften selbst diesen Weg eingeschlagen; ob auch Prinz und Prinzeß von Preußen, wie es hieß, will ich nicht verbürgen.

Das Schießen dauerte fort. Der Mond ging hell und klar am wolkenlosen Himmel auf und beschien den Leipziger Platz, der in tiefstem Frieden dalag.

Vor dem Potsdamer Tor sah man ein Infanterieregiment lagern, das für den Notfall einrücken sollte. Es war durch den[110] damals üblichen, freilich noch sehr unbeholfenen Zeichentelegraphen einberufen. Die Sache wurde wie folgt gehandhabt auf dem Dache des Gardedukorps-Stalles in der Charlottenstraße, nahe den Linden, war ein hoher Balken aufgerichtet, an dem bewegliche Arme befestigt waren; durch Auf- und Niederziehen derselben wurden der nächsten Station, soviel ich mich erinnere Zehlendorf, Zeichen gegeben, die mittels eines Fernrohrs abgelesen und dann in derselben Weise bis Köln weitergegeben wurden.

Bei einbrechender Dunkelheit sahen wir von der Gartenseite aus in der Ferne hohe Feuersäulen aufsteigen. Wie wir später hörten, waren es die Gebäude der Eisengießerei am Neuen Tore und die Artillerielaboratorien, in denen viel Munition lagerte. Zum Glück konnte dem Brande Einhalt getan werden, ehe die Pulvervorräte ergriffen wurden; unermeßliches Unglück gelang es, dadurch abzuwenden.

Die Nacht, welche diesem Tage folgte, war schauerlich. Der wüste Lärm, den man von ferne hörte, und durch den die Phantasie zu grausen, die Wirklichkeit weit übertreffenden Bildern, angeregt wurde; die lodernden Fammen, von denen man nicht wußte, was sie verbrannten und wieweit sie sich ausdehnen würden; der Gedanke der Schutzlosigkeit mit so vielen fremden, anvertrauten Kindern – das alles war wahrlich dazu angetan, den Mut sinken zu lassen.

Je mehr die Nachtstunden vorrückten, um so mehr überwältigte der Schlaf eins der jungen Mädchen nach dem anderen, und bald schnarchten alle in ihren Kleidern auf der Diele ausgestreckt.

In furchtbarer Aufregung gingen Fräulein Weiß und ich[111] bald in die vorderen Stuben, um zu sehen, ob die Soldaten am Tor noch ruhig lagerten, bald auf den Balkon, um festzustellen, wieweit die Feuersbrunst sich ausdehnte. Bebend vor Frost und innerer Erregung, hörten wir endlich das Abnehmen der Unruhe draußen und als der Morgen eben dämmerte, brachten wir die jungen Mädchen zu Bett und legten uns selbst nieder.

Schlafen glaubte ich nicht zu können, aber ich war geistig und körperlich so erschöpft, daß ich nicht mehr denken oder fürchten konnte und nur den einen Wunsch hatte, die erstarrten Glieder, ich möchte sagen, das erstarrte Herz, zu erwärmen.

Schließlich war ich doch wohl eingeschlafen. Da weckte mich die nicht eben melodische Stimme der Frau Platen. Es war dies die Waschfrau die, wie alle Sonntag, die Wäsche brachte. Sie war pflichttreu durch alle Hindernisse, die sie grausenerregend schilderte, hindurch gedrungen, und obgleich damals Millionen noch nicht wie heute ein landläufiger Begriff waren, endete ihr schrecklicher Bericht mit den Worten: »An die Million Doter liegen uf der Straße.« Mein Bruder, der als Einjährig-Freiwilliger beim 2. Garderegiment diente, benutzte gegen Mittag einen freien Augenblick, mir Nachricht zu geben und milderte dabei Frau Platens Bericht, indem er diverse Nullen ihrer Million strich.

Ein trostloser Anblick war es, als wir gegen Mittag ein Regiment Infanterie zum Tor hinaus marschieren sahen. Ohne Sang und Klang zogen die Soldaten fort. Eine Volksschar strömte hinterher und kehrte, als der letzte Mann zum Tor hinaus war, johlend und schreiend zurück.

Der Sonntag verlief im übrigen ruhig. Am Montag kam[112] die, eine Panik verbreitende Nachricht über den Einfall der Russen, aber da lag ich schon krank, mit so heftigem Fieber, daß unser Geheimrat v. Arnim ein Nervenfieber im Anzuge glaubte.

Nach acht Tagen erst durfte ich aufstehen und dann bald auch wieder ausgehen. Da waren die Barrikaden schon fortgeräumt und die Straßen ruhiger als vor dem 18. Auch in unseren Räumen sah es still aus. Viele der jungen Mädchen waren von ihren Anverwandten abgeholt worden und kehrten erst Ende April, nach dem Osterfest, zurück.

Vorher war noch die Einsegnung, die für die Weißschen Pensionärinnen bei dem Religionslehrer der Anstalt, Pastor Bräunich in der Jerusalemer Kirche stattfand.

An jenem Tage zogen wieder Truppen ein, und vor dem Mittagessen, zu dem Fräulein Weiß die Eltern der Konfirmandinnen geladen hatte, standen wir fast alle vorn am Fenster, um die Soldaten einmarschieren zu sehen.

Es waren dies die ersten Truppen, die wieder nach Berlin zurückkehrten. Nicht die viel verhöhnten Garderegimenter, die erst später unter Wrangel einzogen, sondern Linientruppen, die der Bürgerwehr den Wachtdienst erleichtern sollten.

Ein komischer Vorfall trug sich an diesem sonst so ernsten Tage zu Im großen Schulzimmer war der Eßtisch gedeckt, und zwei Torten mit Apfelsinencreme standen darauf. Einige der jungen Mädchen waren von der Kirche zurückgeblieben, unter ihnen Adelheid Bassewitz, die von den anderen viel geneckt wurde. Die Torten reizten ihren Appetit, sie konnte nicht widerstehen, nahm einen Löffel und fuhr tüchtig hinein.

Voll Schreck sah sie dann die Verwüstung, die sie angerichtet[113] hatte, glaubte aber den Tröstungen der Kolleginnen, daß die Torte auf der unteren Seite ebenso aussähe, wie oben.

So machte sie sich daran, die Verstümmelte umzudrehen und stand dann entsetzt vor der ganz zerbrochenen Torte.

Sehr gnädig begrüßte Fräulein Weiß, welcher der Schaden doch gezeigt werden mußte, das arme Wnrm nicht, und für die anderen blieb dies Ereignis ein unerschöpflicher Quell der Neckerei.


Der Sommer 1848 verlief für uns ziemlich ruhig, dennoch regten die beiden Steinmetzschen Damen und Fräulein Weiß einander furchtbar auf durch die schauerlichsten Dinge, die sie überall sahen und hörten, weil sie sie sehen und hören wollten. Fräulein Weiß dachte immer an Plünderung und packte all ihren nicht unbedeutenden Schmuck, und vieles, was ihr von anderen zur Aufbewahrung gegeben war, in eine Schachtel, nähte diese in Leinewand ein und steckte sie, an einer hochstehenden Elle befestigt in den Ofen. Dort würde, wie sie sicher hoffte, keiner der Sansculottes, welche sie im Geiste das Haus stürmen sah, den Schatz entdecken. Dabei blieb Fräulein Weiß aber ihrer Gewohnheit, Papierschnitzel, auch ab und zu ein brennendes Schwefelholz in den Ofen zu werfen, getreu.

Da kam eines Tages eine ihrer früheren Schülerinnen und bat um die Rückgabe einer sehr wertvollen Uhr. Stolz darauf, ihren Schatz so sicher geborgen zu haben, öffnete Fräulein Weiß den Ofen und – was findet sie: die hochstehende Elle war verbrannt, der Leinewandbezug ebenso, und die Schachtel mit dem ganzen Inhalt verschwelt; ein Häuschen Asche, worin noch einzelne Gold- und Steinreste waren, und – wunderbarerweise[114] die Uhr, die in einem besonderen Etui steckte, fast unversehrt erhalten.

Die Verwirrung des guten Fräulein Weiß nahm während des Sommers bedenklich zu und erreichte den Höhepunkt, als im November Wrangel mit den Gardetruppen wieder in Berlin einrücken sollte. Da ließ sie sich von allen Seiten erzählen, die Aufrührer beabsichtigten Barrikaden zu bauen.

Ferner sollten alle jungen Mädchen aus Pensionaten und Familien herausgeholt und auf die Barrikaden gestellt werden. Dann würden die Offiziere nicht schießen lassen, und die Aufständischen hätten gewonnenes Spiel.

Jetzt beschloß Fräulein Weiß mit den ihr verbliebenen Pensionärinnen, acht bis zehn an der Zahl, zu flüchten, und zwar zu einer Familie von Leipziger, die in der Gegend von Meißen wohnte und ihr Haus als Asyl angeboten hatte.

Auf dem Anhalter Bahnhof, der ersten Reiseetappe, fand sich's, daß kein Koffer zugeschlossen war, doch konnte diesem Übel durch schleunige Rücksendung des Portiers, der die Schlüssel holte, noch abgeholfen werden und die Fahrt beginnen. Bis Röderau kamen sie mit der Bahn, blieben dort die Nacht, und am nächsten Morgen erwarteten zwei Wagen die Reisenden.

Als die Gesellschaft einstieg, erlaubte sich der erste Kutscher die Frage, wohin denn die Fahrt eigentlich gehen sollte. »Ja wohin!« Unserm guten Fräulein Weiß, war in der Aufregung, in die sie die Reise und deren Vorbereitungen versetzt hatten, der Name des Ortes gänzlich entfallen. Meißen, das wußte sie, war nicht allzu weit von demselben entfernt, und es wurde beschlossen, die Richtung dahin einzuschlagen. Vorwärts ging es nun eine lange Strecke.[115]

Eins der jungen Mädchen, die auf dem Bock saß, las die Namen an den Meilensteinen. Auf einem stand Nossen. Der Name war ihr fremd, und so betonte sie ihn recht deutlich.

Ein Freudenruf und eine Umarmung von Fräulein Weiß lohnte diese Tat. Nossen! das war der vergessene Name des Ortes, bei dem das Gut der Familie von Leipziger lag.

Glücklich langten sie bei den gastfreien Freunden an und kamen nach einigen Wochen in die, durch Rückkehr der Truppen, und Verhängung des Belagerungszustandes beruhigte Hauptstadt zurück. Ich hatte indessen mit Adelheid Bassewitz und zwei oder drei anderen allein hausgehalten.

Die Rückkehr der Garderegimenter nach Berlin hatte sich unter Wrangels Führung ganz im stillen vollzogen. Es war vorher wenig davon bekannt geworden; sie waren plötzlich da. Wrangel hielt mit einem großen Teil der Truppen auf dem Gensdarmen-Markt und wartete, bis alle nacheinander in die ihnen bestimmten Quartiere gezogen waren. Die Kasernen waren noch von den Linientruppen besetzt. und die Garden wurden zunächst in der Stadt einquartiert. Wrangel kehrte fast als der Letzte in seine Wohnung zurück.

»Ob sie ihr wohl gehangen haben?« sagte er vorher kaltblütig, eingedenk, daß man ihm gedroht hatte, seine Frau aufzuhängen, falls er in Berlin einzöge. Man hatte »ihr nicht gehangen« und der alte Herr feierte frohes Wiedersehen. Damals war er noch ganz der stramme Soldat, und auch sein Gedächtnis gut. Später verließ es ihn mehr, und er kannte wohl die Leute, erkannte die Gesichter wieder, aber der Name war ihm entschwunden. So sagte er mir einmal: »Liebes Kind, ich kenne Ihnen, aber ich weiß man nicht. wie Sie heißen.«[116]

Wie oft denke ich jetzt der Rede – ich kenne auch die Menschen; aber wie sie heißen, das ist mir oft sehr unklar.

Das Pensionat von Fräulein Weiß hatte durch die Ereignisse der Märztage bedeutend an Kredit verloren. Die meisten Eltern nahmen ihre Kinder fort, und nach kaum Jahresfrist wurde das Institut ganz aufgelöst.

Fräulein Weiß zog sich nach langem, segensreichen Wirken in das Privatleben zurück. Sie lebte längere Zeit in Potsdam, wo sie einst ihre Pension begründet hatte und starb dann, treu gepflegt von Frau von Burgsdorf, ihrer einstigen Schülerin, deren Tochter sie auch später erzogen hatte.

Ob die Legende, die, wie leicht denkbar, unter ihren Pensionärinnen von Generation zu Generation ging, auf Wahrheit beruhte, weiß ich nicht. Danach sollte sie, ihrem Verlobten, einem Herrn v. Eckenbrecher, in die Kämpfe der Freiheitskriege folgend, als Marketenderin mit dem Heere gezogen sein. Nach ihres Verlobten tödlicher Verwundung habe sie ihn bis ans Ende gepflegt und sei dann heimgekehrt, um sich für ihren späteren Beruf vorzubereiten.

Das Miniaturbild eines Offiziers in der Uniform jener Zeit befand sich unter den Trümmern des Ofenbrandes. Die Goldeinfassung war geschmolzen, das Bild selbst erhalten, und ich kann in Wahrheit sagen: »Was mag die Alte haben, sie weint, so oft sie es erblickt.«

Das Wahre an der Sache wird sein, daß dies das Bild ihres einstigen Bräutigams war, den Marketenderzusatz halte ich für Legende.[117]

Um nun noch einmal auf das Jahr 1848 zurückzukommen, so möchte ich zeigen, daß nicht nur ältere Damen, wie Fräulein Weiß, sich in jenen Tagen des Aufruhrs phantastische Schreckbilder schufen. Es tauchten auch sonst die fabelhaftesten Gerüchte auf und wurden von breiten Schichten der Bevölkerung für Wahrheit gehalten. Dahin gehört die Notiz vom gewaltsamen Vordringen der aufrührerischen Polen, die sich wie ein Lauffeuer verbreitete. Dies zeigt, wie derartige Gerüchte entstanden und wuchsen.

Unweit Driesen, dem kleinen, an der Netze gelegenen Neumärkischen Landstädtchen, wollten Leute am frühen Morgen des 11. Mai wildes Schreien und Waffengeklirr gehört haben; nicht lange währte es, und die Schläfer waren durch den Schreckensruf: »Die Polen sind da!« geweckt. Alles stürzte in wildem Durcheinander aus den Häusern. Was irgend konnte, lief zur Stadt hinaus, ohne selbst zu wissen, wohin. Andere stürmten in die Kirche und zogen die Sturmglocken, wer eine Waffe hatte, holte sie hervor. Manche eingerostete Flinte wurde aus dem Winkel, in dem sie von glorreicher Vergangenheit, vielleicht auch nur von einem erlegten Hafen träumte, zu neuen Taten geweckt.

In Scharen zog man, so bewaffnet, dem Tore zu. Es war der richtige Augenblick, denn eben rückten die Polen über die Netzebrücke, die man, o Schrecken, vergessen hatte aufzuziehen!

Beide Haufen standen sich kampfbereit gegenüber; aber da entdeckte man, daß die bösen Feinde gar keine Polen waren, sondern die friedlichen Bewohner der umliegenden, nahen Dörfer, die durch die Driesener Sturmglocken herbeigezogen waren.[118]

Als die Anrückenden erklärten, keinen Feind gesehen zu haben, beruhigten sich auch die Gemüter im Städtchen. Aber schon war die Schreckenskunde weiter und weiter gedrungen. In Friedeberg. der benachbarten Kreisstadt, hatte eine Frau mit zwei Kindern, die aus dem nahen Driesen kamen, berichtet, dort stände das Blut der Niedergemetzelten schon handhoch in den Straßen.

Neues Entsetzen, neues Sturmläuten!

In dem zunächst gelegenen Birkholz retteten die Leute Kinder, Betten und was sie Wertvolles hatten, in die Kirche; denn diese lag erhöht und konnte leicht verteidigt werden, da sie von einer Steinmauer umgeben war. Ein altes Mütterchen kam sogar mit einem Kochtopf voll grauer Erbsen, den sie eben zur Mittagssuppe auf den Herd gesetzt hatte, diesen Schatz im Gotteshause zu bergen.

Die sonst so resolute Frau von Langenn raffte, was sie von Wertpapieren fassen konnte, in der Küchenschürze zusammen und lief, wie sie nachher selbst sagte, ohne zu wissen wozu und warum, im Dorfe umher.

Zum Glück kam auch hier bald beruhigende Kunde. Aber, wie es möglich war, daß die wilde Mär ohne Telegraph mit Windeseile bis weit nach Pommern, ja, bis hinter Gollnow dringen konnte – das ist ein Rätsel. Flüchtend zogen die Leute aus den Dörfern in die nächstgelegenen Städte. Besondere Anziehungskraft übte Stargard aus, wo Militär lag.

Komisch wirkte folgende Episode In der Nähe von Schievelbein hatte das Entsetzen die Familie eines Gutsbesitzers erfaßt, und die Flucht wurde beschlossen. Mit vier starken Pferden bespannt, fuhr die Große Kutsche vor das Haus. Der Vater beschloß,[119] daheim zu bleiben, um soviel als möglich zu retten. Sechs Kinder und die alte Tante wurden in den Wagen gepackt, die Mutter zögerte solange als möglich neben dem Gatten. Endlich aber, nach letzter, tränenreicher Umarmung, stieg auch sie ein. Ein Dienstmädchen kletterte auf den Bock, der Kutscher hieb auf die Pferde ein, und fort ging es. Ungefährdet kam man nach Stargard und fand dort auch Nachtquartier. Nun hieß es auspacken, was für die Kinderschar nötig war; aber – weder Wäsche noch Kleidungsstücke waren vorhanden. Man hatte, im Schreck und Abschiedsschmerz das Einpacken total vergessen. Nur die vorsichtige Tante hatte ihre Nagel- und Zahnbürsten in die Tasche gesteckt. Voilà tout!

Alles blieb ruhig, kein Pole erschien, und bald erkannte man das Ganze als blinden Lärm. Dieser wurde schließlich darauf zurückgeführt, daß ein paar Hütejungen unsern Driesen sich unter lautem Geschrei geprügelt hatten – das war der Grund des großen Aufstandes!

Tant de bruit pour une omelette.

Einer, der in jenen Tagen nicht die Nerven verloren hatte, war der alte Meister Heck in Friedeberg, Schlachter und Viehhändler seines Zeichens. Als in einer Versammlung wieder einmal eine aufreizende Rede gehalten wurde, sprang er auf den Tisch und erklärte, daß wer sich unterstände, den revolutionären Gelüsten jener Maulhelden beizustimmen oder gar zu folgen, es mit ihm zu tun bekäme. »Und,« fügte er hinzu »ich bin Schlächter, ich weiß, wie man mit Ochsen umgeht.« Seine derben Fäuste hochhaltend und auf seine, ihn umringenden Gesellen zeigend, ließ er niemand darüber in Zweifel, was dann geschehen würde.[120]

Diese Erklärung wirkte merkwürdig beruhigend, und die Unruhstifter zogen sich zurück.

Dies, sein mutiges Auftreten und der gute Erfolg desselben, hatten dem biederen Heck eine überall geachtete und bevorzugte Stellung verschafft, und auf allen Höfen war er gern gesehen, wenn er zum Vieheinkauf erschien. Wunderbar waren seine Redeformen: »I, da muß ja ein Bär krepieren«, war ein beliebter Ausspruch, wenn er sein Erstaunen über einen ihm recht hoch erscheinenden Preis ausdrückte, und wenn er einen solchen annahm, pflegte er wohl zu sagen: »Det is en schwerer Walzer.«

Er war übrigens klug genug, in fremde Verhältnisse bald einen richtigen Einblick zu gewinnen, und es gelang ihm oft, durch seine Gemütlichkeit Frieden zu stiften und durch treue Aushilfe sich Freunde zu gewinnen.

Welch ein warmes, zartfühlendes Herz der derbe Alte besaß, zeigte sich später im Jahre 1870.

Als im Dezember die Kunde kam, der älteste Sohn des Herrn von Wedemeyer in Schönrade, unser Werner, sei gefallen – da eilte der alte Heck zum Bahnhof, wo er den Vater fand. Die Todesnachricht des Sohnes war diesem, der von Berlin kam, vorangegangen und ihm noch nicht bekannt. Damit er sie nicht aus unberufenem Munde erführe, teilte der schlichte Alte, mit Tränen der schonendsten Liebe, dem Vater die Trauerkunde mit und begleitete ihn, milde tröstend und zuredend, nach Hause. Heck hatte während der Choleraepidemie im Feldzug 1866 seinen Sohn verloren, den er in rührender Weise betrauerte – so hatte er Verständnis für den Vaterschmerz anderer.

Heck gelangte allmählich zu großem Wohlstande, blieb aber immer der schlichte, ursprüngliche Mann. Wie oft hat er[121] erzählt: »Ja, aufgeholfen hat mir die alte Frau von Langenn; wie ich noch als junger Mensch von Dorf zu Dorf ging um Vieh zu kaufen, da überließ sie mir zwei fette Schweine, und auf meine Bemerkung, Geld habe ich aber nicht, meinte sie: Ich weiß ja, daß Sie ein braver Mensch sind, der für seine alte Mutter sorgt, mit dem Geld hat's keine Eile! Na – und die Schweine hab' ich dann gut verkauft, und so ging's weiter.« Daß er im ferneren Verlauf ihrer Handelsbeziehungen der Frau von Langenn, als Begründerin seines Wohlstandes die Preise für ihre Produkte ein wenig höher stellte, als seinen anderen Lieferanten, erzählte der brave Mann nie und freute sich dann, wenn die alte Dame ihren Söhnen gegenüber sich der hohen Viehpreise rühmte.

Da Heck selber den Mangel gefühlt hatte, und seine Frau, allgemein als Lottchen bekannt, ebenso dachte wie er, half er vielen jungen Leuten den Lebensweg bahnen, und oft kehrten später Männer in guten Stellungen mit Weib und Kind in dankbarer Gesinnung bei ihm ein.

Ein anderes Lottchen, die Frau des Kaufmannes Sperling in Friedeberg, ehrte der hinterbliebene Gatte nach ihrem frühen Tode durch Anfertigung zweier Leichensteine, auf die er, um seine fortdauernde Gemeinschaft mit der Gattin zu bezeichnen, einen Gesangbuchvers in folgender Weise einmeißeln ließ: Eine Zeile fand auf dem einen Stein, die folgende auf dem anderen ihren Platz. Lottchens Stein wanderte auf den Kirchhof, der seinige auf den Hausboden. Bis zum sanftseligen Ende des Herrn Sperling mußte sich Frau Lottchen mit der unvollständigen Hälfte des Kirchenliedes begnügen.

Eines Tages lud der Witwer alle seine Freunde und Verwandten ein. Eine Tafel war gedeckt und reich besetzt. Neben[122] des Wirtes Stuhl stand ein zweiter, leer bleibender, der gleich dem seinen mit Blumen geschmückt war. Heute war Herrn Sperlings goldener Hochzeitstag, und dieser mußte doch gefeiert werden, wenngleich es, wie der Witwer sagte, »ohne Lottchen nur das halbe Vergnügen wäre«.

Zu den Originalen des Friedeberger Kreises gehörte auch eine Frau von Oertzen. Wie man sie jetzt sah, lang und hager, zeigte ihre ganze Erscheinung keine Spur der Reize, die sie unzweifelhaft einst besessen haben mußte, da ihr erster Mann, ein kleiner Gutsbesitzer der Gegend, sie von seiner Magd zu seiner Frau erhoben hatte. Nach dessen Tode hat sie noch zweimal wieder geheiratet und pflegte in bezug auf ihre drei Ehen zu sagen: »Mein erster Mann is mich gestorben, von dem zweiten habe ich mir scheiden lassen, und weißt du, mein Stümperken,« mit diesem Kosenamen bedachte sie ihren dritten Mann, »dat is mich heute noch leid!«

Man wollte wissen, daß Herr von Oertzen sie wegen ihres wohlgefüllten Geldbeutels geheiratet habe; dafür sprach, daß ihm der Verkauf seines verschuldeten Gutes schwerlich gestattet haben würde, mit Komfort in dem Städtchen zu leben. Freilich ein Komfort, wie er den geringen Ansprüchen der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts entsprach.

Die Leutchen verkehrten sowohl mit den Offizieren der kleinen Garnison, wie auch mit der ganzen Nachbarschaft. Ihre solennen Diners gaben sie aber nicht im eigenen Hause, sondern die Räume des Hotels zum Kaiser von Rußland öffneten sich zu diesem Zwecke.

Frau von Oertzen empfing dann ihre Gäste immer im allbekannten rötlichen Seidenkleid – eine, nach damaliger[123] Mode reich mit Band und Rüschen verzierte riesenhafte Haube auf dem rötlichen falschen Scheitel. Dieser Scheitel pflegte sich tückischerweise meist gerade soweit von dem Spitzengebäude zu entfernen, daß ein Streifchen der spärlichen eigenen grauen Haare neugierig dazwischen hervorlugte. Rühmte wohl eine der Damen das Hotel, so konnte sie antworten: »Na – ick finde es auch ganz gut, und da sagte ick denn zu mein Stümperken: ehe ich mich die Last ins Haus mache – da lade ick mich die ganze Gesellschaft doch lieber ins Hotel.«

Schwerlich würde es einer solchen Frau heute möglich sein, Aufnahme in die gute Gesellschaft zu finden. Damals lachte man nachsichtig über sie und erkannte ihre Gutmütigkeit an, mit der sie jedem zu helfen bereit war. Sagte man doch, daß ihre Börse – den Ausdruck porte monnaie kannte man noch nicht – auch bisweilen jüngeren Offizieren aus der Not half.[124]

Quelle:
Bismarck, Hedwig von: Erinnerungen aus dem Leben einer 95jährigen. Halle 151913, S. 105-125.
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