Die Sozialdemokratie zu Nürnberg

[97] »Wer mit der Gegenwart zufrieden lebt und anderes nicht begehrt, der ist ein Zeitgenosse jener frühen Halbbarbaren, welche zu seiner Welt den ersten Grund gelegt; er lebt von ihrem Leben die Fortsetzung, genießt zufrieden die Vollendung dessen, was sie gewollt, und das Bessere, was sie nicht umfassen konnten, umfaßt auch er nicht ... Auch wo ich stehe, soll man in fremdem Licht die heilige Flamme brennen sehen, den abergläubigen Knechten der Gegenwart eine schauerliche Mahnung, den Verständigen ein Zeugnis von dem Geiste, der da waltet. Es nahe sich in Liebe und Hoffnung jeder, der wie ich der Zukunft angehört, und durch jegliche Tat und Rede schließe sich enger und erweitere sich das schöne freie Bündnis für die bessere Zeit.«

Schleiermacher, Monologe.


Als ich in Nürnberg ankam – es war Februar 1872 – übertrug mir Memminger sogleich die Redaktion des »Fürther demokratischen Wochenblattes«. Er beschäftigte sich damals mit anderen literarischen Arbeiten, unter anderem gab er eine Schrift über die Freimaurerei heraus. Diese Schrift war mir gewidmet.

Jetzt kam ich zum ersten Mal in Berührung mit sozialdemokratischen Arbeitern, die in der Bewegung selbst tätig waren. Ich lernte schnell sehr viele kennen, die mir nun die Arbeiterklasse ganz anders erscheinen ließen, als ich sie bisher nach meinen bürgerlichen Anschauungen aufgefaßt hatte. Namentlich waren es Karl Grillenberger und Johann Scherm, deren Umgang ich suchte. Zwar hatte mir schon Memminger einen ganz anderen Begriff von der Arbeiterwelt beigebracht; er war indessen mehr bei den Theorien geblieben. Bei Grillenberger und Scherm, die damals beide noch in die Fabrik gingen, ward die in meinen Anschauungen rasch vor sich gehende Wandlung praktisch vervollständigt. Hier konnte ich lernen, denn es tauchten nun eine Menge von theoretischen und praktischen Fragen auf, die mir vollständig fremd geblieben. Das ungeheure Gebiet der Sozialpolitik war mir eine terra incognita. Nun sah ich erst die Einseitigkeit der von mir erworbenen Bildung ein und meine durch eine bürgerliche Erziehung und Umgebung eingewurzelten Vorurteile sanken, soweit sie noch überhaupt vorhanden, rasch in sich zusammen.

Grillenberger war ein groß angelegter Mensch. Er hatte das Glück gehabt, daß sein Vater, ein Lehrer in Zirndorf bei Nürnberg, ihm hatte einen tüchtigen Schulsack mitgeben können. Er leistete bald als Redner, Organisator und Journalist Bedeutendes. Seine eminente Befähigung trat aber erst während seiner parlamentarischen Laufbahn in der bayerischen[99] Kammer und im Reichstage ganz hervor. Er war in der sozialdemokratischen Fraktion des Reichstages der beste Kenner der sozialpolitischen Gesetzgebung. Seine liebenswürdige Art, sein sonniger Humor und sein treffender Witz zogen mich an und wir schlossen eine Freundschaft fürs Leben. Auch mit Scherm, der so große Verdienste um das Wachstum des heute so mächtig dastehenden Metallarbeiterverbandes hat und zurzeit noch die »Metallarbeiterzeitung« leitet, habe ich freundschaftliche Beziehungen unterhalten bis auf den heutigen Tag.

Häufig suchte ich die beiden in der primitiven Kneipe auf, wo sie ihren Mittagstisch hatten, an dem ich teilnahm, um mich mit ihnen unterhalten zu können. Abends trafen wir uns dann gewöhnlich mit Memminger. Ich besuchte auch die sozialdemokratischen Parteiversammlungen und lernte den Idealismus und den Bildungstrieb der Arbeiter kennen, welche die Träger der sozialen Bewegung waren, die damals noch klein war und die so groß werden sollte. Ich fühlte mich da bald vollkommen heimisch, wenn ich der Partei selbst auch noch nicht beitreten konnte. Ich nahm an den anregenden Diskussionen teil und suchte mir rednerische Fertigkeit zu erwerben.[100]

Aber das »Demokratische Wochenblatt« konnte mir den Unterhalt nicht garantieren und ich sah mich genötigt, in die Redaktion des »Nürnberger Anzeiger« einzutreten. Derartige Wandlungen wären heute nicht gut möglich, aber damals waren sie nichts Auffallendes, denn radikale bürgerliche Demokratie und Sozialdemokratie standen in sehr freundschaftlichen Beziehungen. Ich hatte mich nach keiner Seite gebunden und wollte erst zur Klarheit gelangen.

Übrigens galt in der Richtung der Sozialdemokratie, die es in Nürnberg gab, das sogenannte Eisenacher Programm von 1869, das auch bürgerliche Demokraten hätten unterschreiben können, auch mehrfach unterschrieben haben, denn der einzige sozialistische Punkt dieses Programmes war die bekannte Forderung Lassalles: Produktivassoziationen mit Staatshilfe. Das Programm war ein Notbehelf.

Um diese Zeit las ich das Kommunistische Manifest. Diese kleine Schrift, eine der glänzendsten literarischen Leistungen aller Zeiten, brachte mir endlich die Klarheit, nach der ich rang. Da war endlich der befreiende Gedanke, der sich aus dem historischen Materialismus mit Naturnotwendigkeit ergab: Die Überführung der Produktionsmittel in den Besitz der Gesamtheit.

Ich dachte an den armen Maschinenmeister in Oberndorf, der gesagt hatte, wenn auch das ganze bürgerlich-demokratische Programm verwirklicht wäre, so könnte ihn sein Arbeitgeber doch auf die Straße werfen und verhungern lassen. Aber hier war ja der Angelpunkt gefunden, von dem aus eine höhere Stufe der Produktionsform erreicht und dem einzelnen Gesellschaftsgliede Brot und Freiheit gesichert werden konnte. Ich war ganz begeistert. Die Verwirklichung dieses leuchtenden Ideals lag in weiter Ferne; das wußte ich. Aber ich beschloß, ihm mein Leben zu widmen.

Die historische Rolle der von den oberen Zehntausend so hochmütig behandelten Arbeiterklasse war mir nun klar. Die historische Schulweisheit, die man mir eingetrichtert hatte, fiel wie Schuppen von meinen Augen. Die Professoren hatten, was bei ihrer rückständigen Auffassung nicht zu verwundern, das moderne Proletariat mit dem antiken verwechselt. Sie hielten auch das moderne Proletariat in ihrer schablonenhaften Art für einen »Pöbel«. der nur »panem et circenses« begehre. Und nun fand ich in einer Schrift von Karl Marx1 den Ausspruch des schweizer Historikers Sismondi zitiert, welcher lautet:

»Das römische Proletariat lebte auf Kosten der Gesellschaft, während die moderne Gesellschaft auf Kosten des Proletariats lebt

Da begriff ich, daß es sich bei der sozialistischen Bewegung um etwas weit Größeres und Wichtigeres handelt, als um eine Wiederkehr des Jahres 1848, von der man bei der bürgerlichen Demokratie träumte.

Rasch und tief drang ich in die neue Gedankenwelt ein und bald stand klar der gewaltige historische Prozeß vor mir, der über den Feudalismus[101] hinweg zum Kapitalismus geführt hat. Dieser hat die ganze Welt revolutioniert und bereitet die Gesellschaft auf den Sozialismus vor, der nur mit dem Großbetrieb organisiert werden kann. Der Kapitalismus bildet eine historisch notwendige Epoche, durch die wir hindurch müssen. Er gestaltet den gesellschaftlichen Prozeß zu einem großen Expropriationsprozeß; der »Mittelstand« schmilzt zusammen; das Kapital, respektive die Produktionsmittel konzentrieren sich in wenigen Händen und die Masse des Proletariats schwillt unabsehbar an. Was nun kommt, zeigt uns Marx, der alles durchdringende Forschergeist, mit den bekannten Worten: »Was jetzt zu expropriieren, ist nicht länger der selbstwirtschaftende Arbeiter, sondern der viele Arbeiter exploitierende Kapitalist. Diese Expropriation vollzieht sich durch das Spiel der immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion selbst, durch die Konzentration der Kapitalien. Je ein Kapitalist schlägt viele tot. Hand in Hand mit dieser Konzentration oder der Expropriation vieler Kapitalisten durch wenige entwickelt sich die kooperative Form des Arbeitsprozesses auf stets wachsender Stufenleiter, die bewußte technologische Anwendung der Wissenschaft, die planmäßig gemeinsame Ausbeutung der Erde, die Verwandlung der Arbeitsmittel in nur gemeinsam verwendbare Arbeitsmittel, und die Ökonomisierung aller Produktionsmittel kombinierter gesellschaftlicher Arbeit. Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche die Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtung, der Degradation, der Ausbeutung, aber auch der Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbstgeschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Konzentration, die Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert.«

So verkündigte Marx in seinem »Kapital«, das 1867 erschienen ist. Und mit Schnellzugsgeschwindigkeit sind wir in der Epoche der Trusts, der Syndikate und der Kartelle dem Punkt der Entwicklung näher gekommen, wo die »kapitalistische Hülle« springen muß. Dann ist der Moment gekommen, wo die Klassenherrschaft schwindet, indem die Produktionsmittel in den Besitz der Gesamtheit übergehen.

Bei dieser Wiedergeburt der Gesellschaft entscheidend mitwirken zu können, ist das Ziel der klassenbewußten Arbeiter von heute. Die Organisationen, die sie bilden, und der Klassenkampf, den sie führen, bezwecken sonach nicht die Errichtung einer neuen Klassenherrschaft, sondern einer freien Gesellschaft mit gleichen Rechten und Pflichten für alle ihre Glieder. Aus der Garantie der Existenz des Einzelnen, welche durch die Überführung der Produktionsmittel in den Besitz der Gesamtheit[102] und durch freie genossenschaftliche Arbeit ermöglicht wird, ergibt sich eine Unabhängigkeit und Freiheit, die eine bisher nicht gekannte geistige Entwicklung ermöglicht und zur Veredelung des Menschengeschlechts führt. Zugleich sucht das klassenbewußte Proletariat innerhalb der heutigen Gesellschaft den herrschenden Klassen möglichst viele Zugeständnisse abzuringen, sowohl auf politischem, wie auf wirtschaftlichem Gebiet, um sich gegen die kapitalistische Ausbeutung widerstandsfähig zu machen und die politische Macht zu erreichen, die für die Durchführung seiner historischen Rolle erforderlich ist.

Wie der »Zukunftsstaat« im Detail aussehen wird, darum habe ich mich nie bekümmert2 Ihn auszugestalten wird Sache der nachfolgenden Generationen sein, die sich von der heutigen keine Vorschriften machen lassen. Die Gelehrten der Bourgeoisie erfinden einen »Zukunftsstaat« nach dem andern und schieben ihn der Sozialdemokratie unter, um ihn dann kritisch zu vernichten. Es gibt allerdings dumme Leute, die sich dadurch irre führen lassen, aber ihrer werden doch weniger, wenn sie auch nicht alle werden. Nachdem ich einmal zum überzeugenden Verständnis des historischen Prozesses gelangt, mußte ich oft herzlich lachen, wenn Jugendfreunde oder Bekannte aus bürgerlichen Kreisen mir einzureden und mit großem Wortschwall zu »beweisen« suchten, die Sozialdemokratie wolle teilen, die Ehe und Familie zerstören und alles durch gewaltsamen Umsturz »verrungenieren«. Manchmal standen sie dann mit offenem Munde da, wenn ich spöttisch nachwies, wie der Kapitalist sich mit dem Arbeiter in den Ertrag von dessen Arbeit »teilt«, wie der Kapitalismus Ehe und Familie zerstört und wie er »alles verrungeniert«. Nichts hat mich so angewidert, wie die Heuchelei der bürgerlichen Moral. Darum konnten mich alle solchen Einwürfe in meinen neugewonnenen Anschauungen nur bestärken. Das Märchen vom »Teilen«, das seinen Ursprung in den »Fliegenden Blättern« hat,3 wurde namentlich von Leuten verbreitet, die bei einer wirklichen Teilerei nur hätten gewinnen können. Aber auch sonst verständige Leute wollen nicht begreifen, daß Kommunismus nicht eine Zersplitterung, sondern eine Konzentration des Eigentums bedeutet.

Nun bildete sich in mir der feste Entschluß, meinen inneren Menschen mit meinem äußerlichen Leben in Einklang zu bringen. Meine journalistische und literarische Tätigkeit mußte so gestaltet werden, daß sie zugleich eine Förderung der sozialistischen Ideen, ein Kampf für meine Ideale war. Nur dann konnte mich diese Tätigkeit befriedigen. Ich beschloß, bei der ersten Gelegenheit mich offen der Sozialdemokratie anzuschließen und ihr meine Tätigkeit zu widmen. Einstweilen trat ich der [103] Internationalen Arbeiterassoziation bei. Die ersehnte Gelegenheit kam sehr bald.

Die Tätigkeit am »Nürnberger Anzeiger« war nicht sehr anstrengend; nur mußte ein Redakteur morgens um halb sechs Uhr da sein, um die letzten Depeschen zurecht zu machen. Damit wechselten die drei Redakteure ab. Meine Kollegen waren nicht nach meinem Geschmack; ich verkehrte mit ihnen außerhalb des Redaktionsbureaus nicht. Aber wir kamen leidlich aus. Der damalige Besitzer des »Nürnberger Anzeiger«, der Nürnberger Kaufmann Jean M. Bauer, war mir wohl gewogen; er stellte mir in Aussicht, daß er bei meiner weiteren Karriere in der demokratischen Presse mich unterstützen werde. Später teilte er mir mit; daß er mich bei Sonnemann, dem Besitzer der »Frankfurter Zeitung«, warm empfohlen und daß dieser ihm zugesagt habe, mich zu berücksichtigen, wenn ich mich geeignet erweise.

Im übrigen war das Leben in Nürnberg sehr angenehm; auch billig. Für 9 Kreuzer bekam man einen Kalbsbraten, der völlig ausreichend für ein Mittags-oder Abendbrot war. Dazu gab es gutes, billiges Bier und die Brauereien waren abends meist so voll, daß die Gäste mit den Maßkrügen in der Hand auf den Korridoren standen. Unter den Journalisten und literarischen Persönlichkeiten gab es damals keine so scharfen Unterschiede wie heute; alle Richtungen verkehrten miteinander und auch Künstler kamen dazu. Im sogenannten Verbrecherkeller in einer engen alten Straße fand sich eine äußerst fidele Gesellschaft zusammen; desgleichen am Frühschoppentisch im »Löwen«. Dort verkehrten Stolz, jetzt Chef der »Augsburger Abendzeitung«, Hans Kastner, später Korrespondent der »Frankfurter Zeitung« in München, Dr. Schmidt, ein Sozialdemokrat, sodann Memminger, Scherm, Grillenberger und ich. Es wurde viel Ulk getrieben, namentlich wenn der Nürnberger Lokaldichter Sauter von der Pegnitz4 erschien, der seine eigenen Verse kolportierte. Er verdiente damit so viel, daß er zwei Häuser besaß, erschien aber immer zerlumpt wie ein Bettler. Seine langen grauen Dichterlocken hingen auf die schmutzige Jacke herab. Die Verse waren geeignet; die Gedärme umzudrehen. Wir hingen ihm manchmal papierene Frackflügel an. Er ließ sich allen Ulk gefallen, wenn man ihm seine Gedichte abkaufte. Einmal wurde er aber doch wütend, als er eine neue Gedichtsammlung angekündigt hatte, betitelt: »Die Uraniden«. Wir kündigten sie im »Demokratischen Wochenblatt« auch an und zwar als »Urinaden«. Das verzieh er nicht. Übrigens befand er sich unter den »Bettelpatrioten«, das heißt unter den Deutschen, die Bettelbriefe an Napoleon III. geschrieben hatten.[104]

Ludwig Feuerbach stand der sozialdemokratischen Partei von jeher nahe; er hatte schon 1849 am Heidelberger Arbeiterkongreß teilgenommen. Jetzt ging er nicht mehr aus und erschien als ein gebrochener Mann, wenn auch seine letzten Lebenstage durch die von uns veranstaltete Sammlung sorglos geworden waren. Um so öfter kam in unsere Gesellschaft sein Freund Dr. Hektor, der Sekretär des Germanischen Museums, der wegen seines gediegenen Durstes den Namen »Dr. Hektoliter« bekam. Auch Karl Scholl, bekannter Achtundvierziger und Sprecher der freien Gemeinde, kam viel mit uns zusammen und viele Nürnberger Sozialisten waren Mitglieder der freien Gemeinde.

Damals ereignete sich auch die heute vergessene Aufseß-Affäre, die ein ungeheures Aufsehen machte. Der Altertumsforscher Hans von Aufseß, der Begründer des Germanischen Museums, wohnte der Eröffnung der neuen Universität zu Straßburg bei. Er kam krank zurück und starb gleich nachher. Es hieß, er sei »infolge eines unglücklichen Mißverständnisses« so verletzt worden, daß er daran gestorben sei. Ein Mißverständnis war es allerdings, denn der Alte war begeisterter deutscher Patriot; sonst wäre er nicht nach Straßburg zu dieser Gelegenheit gereist. Während der Feier pfiff er seinem Diener und einige hitzige Patrioten glaubten, er pfeife die Feier aus. Der alte Aufseß ward durchgeprügelt und als er daran gestorben war, suchte die liberale Presse die Sache zu vertuschen. Da erschien bei uns auf der Redaktion des »Nürnberger Anzeiger« der Sohn des Verstorbenen und überreichte eine Erklärung, in der es hieß, er habe seinen Vater mit den von Schlägen herrührenden blauen Flecken im Gesicht im Sarge liegen sehen. Die Erklärung erschien. Aber von wem rührten die Schläge her? Herwegh veröffentlichte zu dem Ereignis die Verse:


»Deutsche Kunst und Wissenschaft

Streu'n der Bildung Samen

Über'm Rhein; von deutscher Kraft

Gabt ihr Proben, reckenhaft,

Ihr – doch eure Namen?

Nirgends les' ich euch gedruckt,

Helden, lobebäre,

Die den Alten abgemuckt!

Deutschland, das so viel verschluckt,

Schluckt auch dies, auf Ehre!«


In der Tat wurde die Sache »geschluckt«. Man bezeichnete bestimmte Personen, die es erst eine Weile sich gefallen ließen; dann klagten sie und erzielten Verurteilungen. Damit war die Sache amtlich erledigt; man weiß amtlich nicht, wer die »Helden lobebäre« gewesen sind.

Um diese Zeit wendete sich der öfter genannte Dichter Kurt Mook, der als Sozialdemokrat auftrat, an mich wegen seines Bruders, der eine Stellung suchte. Dieser, der Philosophie und Medizin getrieben hatte,[105] wollte sich eine literarische oder politische Position machen und schrieb zunächst ein »Leben Jesu«. das konfisziert wurde. Nun hatte Karl Scholl mir gesagt, daß er seinen Posten als Prediger der freien Gemeinde aufgeben wolle. Friedrich Mook schien mir für diesen Posten geeignet und ich empfahl ihn bei Scholl, worauf Mook zu einer »Probepredigt« eingeladen wurde. Sie gefiel und er wurde zum Sprecher der freien Gemeinde gewählt. Damit hatte ich dem Nürnberger Sozialisten aber einen schlechten Dienst erwiesen, denn dieser Mook war ein Intrigant und Krakeeler, wie es keinen schlimmeren geben konnte. Er trat in Nürnberg in die sozialdemokratische Partei ein und von diesem Augenblick an schien die ganze Atmosphäre von widerlichster Stänkerei erfüllt. Die Geschichte dieses Skandals gehört nicht hierher; es sei nur gesagt, daß im Verlaufe desselben sowohl Memminger als Mook zur Partei in unverkennbaren Gegensatz gerieten. Auch ich wurde, wie sich ein Freund ausdrückte, »in die Schmiere« hineingezogen, da mich Mook in einer seiner Skandalbroschüren auf schmutzige Weise verleumdete.

Indessen war ich, als diese Dinge sich abspielten, längst nicht mehr in Nürnberg. Im Juni 1872 erhielt ich einen Brief von dem bekannten Sozialdemokraten Wilhelm Bracke in Braunschweig mit der Aufforderung, in die Redaktion des sozialdemokratischen »Braunschweiger Volksfreund« einzutreten, dessen Redakteure sich im Gefängnis befänden oder dahin gehen müßten. Wahrscheinlich hatte Bracke davon gehört; daß für mich der Anschluß an die Sozialdemokratie nur eine Frage der Zeit sei; auch hatte ich einmal einen Artikel für den »Volksfreund« geschrieben. An sich war der Antrag nicht verlockend, denn wenn ich ihn annahm, so gingen meine Einnahmen auf weniger als die Hälfte herunter. Aber die lang ersehnte Gelegenheit war nun da und ich nahm an. Zugleich trat ich auch in die sozialdemokratische Partei ein.

Die Würfel waren geworfen.

Ich lege Wert darauf, hier zu konstatieren, daß ich; als ich zur Sozialdemokratie übertrat, eine wohldotierte bürgerliche Stellung freiwillig aufgab. Politische Gegner und persönliche Feinde haben hartnäckig verbreitet, ich sei als verbummelter Mensch und als verkrachte Existenz zur Sozialdemokratie gekommen, weil mir keine andere Wahl geblieben. Dies ist eine doppelte Unwahrheit. Die Sozialdemokratie stellt verbummelte Leute nicht auf Ehrenposten und ich war nie verbummelt, sondern habe mein Leben lang, wie ich ohne Überhebung sagen darf, fleißig gearbeitet. Auch als »examenflüchtig« oder als »durchs Examen gefallener Student« ward ich oft in der bürgerlichen Presse bezeichnet. Welch grobe Verleumdung dies war, geht aus diesen meinen Lebenserinnerungen hervor.

Ebenso falsch ist es, wenn »wohlwollende« Menschen, namentlich verschiedene Jugendfreunde, mit Bedauern und weisheitsvoller Miene den Ausspruch tun, ich wäre nie »so weit« gekommen, wenn ich nicht in meiner Jugend eine so harte und ungerechte Behandlung erfahren hätte.[106] Dies »Wohlwollen« muß ich ablehnen. Leute, die selbst nie Ideale gehabt, können es nicht verstehen, daß ein anderer sein Leben einem Ideal widmet, aus Nachdenken und innerer Überzeugung heraus. Für jene Alltagsmenschen ist reichlicher Broterwerb und das Streben nach Stellung und Reichtum die höchste Lebensaufgabe; mein Stolz ist es, daß bei mir die idealen Bestrebungen stets an erster Stelle gestanden haben. Für das, was ich in der Jugend erduldet, wäre ich durch meine gute Position in der bürgerlichen Presse, soweit es möglich, entschädigt gewesen. Darum brauchte ich nicht zur Sozialdemokratie zu kommen. –

Die Nürnberger Freunde bereiteten mir einen zugleich feierlichen und fröhlichen Abschied. Ich sehe noch den graubärtigen Dr. Schmidt, der einst im Sturme von 1848 gestanden, wie er mir sein Glas zubrachte und seiner Freude Ausdruck gab, daß ich nunmehr da angelangt sei, wo er mich schon so lange zu sehen gewünscht.

Der Weg meines damaligen Freundes Anton Memminger und der meinige sind weit auseinander gegangen. Aber ich werde nie vergessen, daß Memminger in jener Jugendzeit mir ein wirklicher Freund gewesen ist und daß ich ihm sehr viel zu verdanken habe. –

Als das alte Nürnberg bei der Abreise meinen Blicken entschwand, dachte ich an Huttens Wort:


»Ich habs gewagt mit Sinnen

Und ich trag' deß noch kein Reu!«


Zwar hatte ich nicht so viel gewagt, wie Hutten, aber Reue über meinen Entschluß habe ich auch noch niemals empfunden.[107]

Fußnoten

1 In der Schrift »Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte.


2 Ein alter Sozialphilosoph sagte mir einmal: »Wenn das Kind nur erst da ist; ein Gesicht wird es schon haben


3 Dort hieß es, 1848 sei ein »Kommunist« zu Rothschild gekommen und habe verlangt, daß dieser mit den armen Leuten teile. »Gut«, habe Rothschild gesagt, »von meinem Vermögen kommt; wenn es geteilt wird, auf jeden Deutschen ein Taler. Da haben Sie den Ihren.« Das Spießbürgertum fand dies sehr witzig.


4 Von den poetischen Leistungen Sauter's von der Pegnitz hat sich nur eine erhalten, nämlich eine Parodie des bekannten Spruches:


»Glücklich ist, wer vergißt, – Was einmal nicht zu ändern ist!«


welche lautete:


»Glücklich ist, wer verfrißt, Was nicht zu versaufen ist!«


Quelle:
Blos, Wilhelm: Denkwürdigkeiten eines Sozialdemokraten. 2 Bde, 1. Band. München 1914, S. 109.
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