Sozialistenfahrt am Rhein und Main

Es war Ende September 1874, als ich in Mainz ankam. Der Trupp Parteigenossen, der mich am Bahnhof empfing, sah mich, wie ich mit dem Argwohn des Leidenden bemerkte, ganz erschrocken an und mein Freund Philipp Müller, der zugegen war, verriet mir später, sie hätten damals zueinander gesagt: »Da hat man uns einen Todeskandidaten geschickt!«

Die Luftveränderung schien mir erst nicht zu bekommen. Denn ich war kaum vierzehn Tage in Mainz, als ich einen wahrhaft furchtbaren Blutsturz bekam. Mein Bett war ganz vom Blut überströmt und die alte Witwe, bei der ich wohnte, fing in der Angst zu beten an. Ich sandte zu einem befreundeten Arzt, den ich in Würzburg kennen gelernt und der sich in Mainz niedergelassen hatte. Als er meinen Zustand sah, schüttelte er den Kopf und sagte traurig: »Das einzige, was ich Dir verordnen kann, ist Ruhe!«

Am andern Tage kehrte der Blutsturz wieder und zwar mit verdoppelter Heftigkeit. Ich lernte kennen, was es heißt: im Blute schwimmen, wie so oft von Verwundeten im Kriege gesagt wird. Meine Wirtin, die ganz verzweifelte, sah durch das Fenster des Parterrezimmers eine katholische barmherzige Schwester vorbeigehen und rief diese herein, da sie glaubte, daß ich diesen Blutsturz nicht überleben werde. Die Schwester kam und begann leise zu beten. Ich bat sie, mir Wasser mit Salz oder Zitrone zu geben, was sie auch tat; sie war übrigens ein verständiges Weib und benutzte die Gelegenheit nicht weiter, mich mit religiösen Dingen zu behelligen.

Mir wurde so schwach, daß ich mich kaum mehr rühren konnte. Aber nachdem ich einige stärkende Mittel genommen, fiel ich erst in einen tiefen Schlaf und begann nachher mich dann langsam zu erholen. Die Blutergüsse wiederholten sich nicht. Einen Arzt zog ich nicht zu, da meine Kräfte von Tag zu Tag zunahmen. Offenbar hatte der zweimalige Blutsturz den Giftstoff, der meine Lunge zu zerstören drohte, mit hinweggeschwemmt und die gereinigte Lunge heilte sich nunmehr aus. Ich blieb noch längere Zeit kurzatmig und zog die Schultern in die Höhe, wie es die Lungenkranken tun. Die Hauptsache war, daß ich nach ganz kurzer Zeit meine volle Arbeitskraft wieder besaß.

In der Sozialdemokratie des Rhein- und Maingaues tobte vielleicht stärker als anderwärts der Streit zwischen den beiden Richtungen. In[171] Mainz dominierten die Eisenacher, in Frankfurt die Lassalleaner, die auch in Hanau die Oberhand hatten. In Offenbach war am stärksten die »Preßpartei«, eine lassalleanische Richtung, die aber von der strengen Zentralisation der Lassalleaner abwich und ein Lokalblatt gründen wollte; daher der Name. Übrigens befand sich in Offenbach auch eine starke Richtung der Eisenacher.

Um die Stärke der damaligen Sozialdemokratie zu zeigen, sei angeführt, daß die Mainzer Mitgliedschaft 90 und die der Vorstadt Gartenfeld 60 eingeschriebene Mitglieder zählte. Die Gewerkschaften waren sehr schwach und litten unter der Fehde der beiden Richtungen. Der »Volksstaat« nannte sich zwar »Organ der internationalen Gewerksgenossenschaften« und es gab in allen größeren Städten auch solche. Aber wirklich international organisiert waren nur die Tabakarbeiter unter Führung von Fritzsche; mit den anderen Branchen sah es kläglich aus. Die Metallarbeiter, deren Verbandsorgan heute 580000 Exemplare zählt, bildeten damals in Leipzig eine Mitgliedschaft von kaum zwanzig Mann. Einer der bedeutendsten Führer der gewerkschaftlichen Bewegung in Theorie und Praxis war damals Theodor Yorck aus Harburg. Dieser hervorragende Geist hatte mit eiserner Energie unter den kümmerlichsten Verhältnissen als Tischlergeselle sich die zu einer großen Rolle in der gewerkschaftlichen Bewegung erforderliche Bildung erworben. Schon 1873 hörte ich ihn die Gewerkschafts-Union – das Zusammenwirken aller Verbände – fordern, ein Ziel, das heute im Gewerkschaftskartell und der Generalkommission erreicht ist. Er starb für seine Sache viel zu früh im Jahre 1875.

Das Blatt, dessen Redaktion ich übernommen; hieß »Süddeutsche Volksstimme«. Unter meinen Vorgängern hatte sich auch der bekannte nachmalige Anarchist Most befunden. Die »Süddeutsche Volksstimme« bildete die Hauptsorge der Mainzer Parteigenossen. Das Blatt konnte nicht auf seine Kosten kommen, da es in Mainz zu wenig sozialistische Arbeiter gab. Dazu kam, daß unter diesen selbst ein Zwiespalt ausbrach. Die öffentliche Agitation wurde von dem Tischler Zirfas, einem sehr begabten Mann, und von dem Schneidermeister Leyendecker besorgt. Nun kam J. M. Hirsch, ein Kaufmann aus Winkel, hinzu, geriet mit den beiden anderen Führern in Streit und gründete eine »Sektion II. Diese wurde aber als statutenwidrig durch einen Beschluß des in Mainz unter Mottelers Vorsitz 1872 tagenden Kongresses der sozialdemokratischen Arbeiterpartei aufgelöst. Aber der Zwiespalt dauerte fort und brachte viel Schaden. Der Sozialismus blieb fast ausschließlich auf die Stadt beschränkt; sogar in Kastel waren wenig Anhänger. Auch Wiesbaden hatte damals nur eine ganz kleine Mitgliedschaft der Eisenacher. Auf dem Lande mußten wir uns vor den fanatischen ultramontanen Bauern sehr in acht nehmen, und in einigen Städten, wie Oberingelheim, war die Bevölkerung noch schlimmer gegen uns verhetzt, wie auf dem Lande.[172]

Die »Südeutsche Volksstimme« stand, als ich eintrat, gerade sehr schlecht. Zwar hatte das Blatt eine ungewöhnliche Menge von Inseraten, allein diese wurden auf Kredit angenommen und die Gebühren waren nachher schwer einzutreiben.

Philipp Müller, der ehemalige Holzbildhauer, hatte die Expedition übernommen. Wir hatten nur ein winziges Hinterstübchen zur Verfügung, wo wir alle unsere Geschäfte erledigen mußten. Tröstlich war in unserer trübseligen Situation, daß es in der Nähe recht guten und billigen Rheingauer Wein gab.

Das Defizit des Blattes wurde auf eine sehr einfache Weise gedeckt. Die Partei veranstaltete, so oft es anging, eine Abendunterhaltung, für welche Entree erhoben wurde. Die Genüsse, die da geboten wurden, waren manchmal sehr bescheiden. Aber es gab auch sehr hübsche Abende und man war damals nicht so anspruchsvoll wie heute. Wer von den Parteigenossen musikalisch oder deklamatorisch begabt war, hatte hier reiche Gelegenheit, sich hervorzutun. Das Schweitzersche Lustspiel »Der Schlingel«, das gegen den Kapitalismus gerichtet ist, wurde recht gut aufgeführt. Auch sozialistisch gesinnte Theaterleute waren da. Da alle sehr eifrig waren, für das Preßorgan ihr möglichstes zu tun, so waren diese Abendunterhaltungen sehr gut besucht und ihr Ertrag reichte hin, sich mit dem Blatte so eben durchzuschlagen. Aber das konnte auf die Dauer nicht so gehen und ich sann auf Abhilfe. Nach reiflichem Nachdenken tauchte bei mir, in Verbindung mit mir zugegangenen Anregungen, die Idee auf, ein dreiköpfiges Blatt für Mainz, Frankfurt und Offenbach, mit dem Zentrum in Frankfurt, ins Leben zu rufen. Inzwischen hatten sich die beiden, bisher einander feindlichen Richtungen in der sozialistischen Bewegung, die Lassalleaner und die Eisenacher, einander genähert und die bevorstehende Vereinigung warf ihren Schatten voraus. Dies schien mir für mein Projekt sehr günstig zu sein.

Das Jahr 1874 brachte für das Reich ein neues Preßgesetz und hob die alten Preßgesetze der Bundesstaaten auf. Wir hatten Ursache, auch mit dem neuen Gesetze nicht zufrieden zu sein, aber es befreite uns von vielen Scherereien und Plackereien der bundestäglichen Reaktion nach 1848. Konzession, Kaution, Zeitungsstempel und Inseratensteuer fielen von nun an weg. Für die kleine »Süddeutsche Volksstimme«, die dreimal wöchentlich erschien, hatte eine Kaution von 800 Gulden gestellt werden müssen, die nur mit vieler Mühe zusammengebracht worden war. Wir bekamen nichts mehr davon heraus, da alle Strafen und Gerichtskosten, die der »Volksstimme« auferlegt wor den waren, von der Kaution abgezogen wurden. Ich nahm von dieser in einem elegischen Artikel Abschied. Die Aufhebung der Kaution aber führte zu einem merkwürdigen Zwischenfall. Ich sah die behördlichen Quittungen für die Abzüge durch und fand auch die Quittung für eine Geldstrafe, zu welcher der frühere Redakteur Max Kayser in Mainz verurteilt worden war. Einige Tage später las ich, daß Max Kayser in Dresden auf Antrag des Mainzer Staatsanwalts [173] Schön verhaftet und auf vier Wochen eingesteckt worden sei wegen Nichtbezahlung jener Geldstrafe. Ich eilte mit der Quittung auf das Bureau des Staatsanwalts, der stets als grimmiger Verfolger der Sozialdemokratie sich hervorzutun bestrebt gewesen, und hielt ihm die Quittung vor. Er war sehr bestürzt und man kann sich denken, daß ich einen etwas hohen Ton anschlug. Der Staatsanwalt war so naiv, zu verlangen, ich möchte das Dokument in seinem Besitze lassen, was ich mit Hohn ablehnte. Max Kayser wurde sofort auf telegraphische Weisung freigelassen. Ich veröffentlichte diese Sache. Die Presse nahm keine Notiz davon, aber der Fall wurde der hessischen Regierung unterbreitet, die Kayser auf den Weg der Klage verwies. Leider versäumte Kayser, eine solche anzustrengen.

Die Beseitigung der Kautionen begünstigte auch das neue Zeitungsunternehmen, das ich dreiköpfig gestalten wollte. Die Mainzer Parteigenossen waren Feuer und Flamme dafür. Ich fragte beim Parteiausschuß an, ob er seine Billigung dazu geben wolle. Finanzielle Unterstützung verlangte ich nicht, aber ich mußte die Zustimmung des Ausschusses wegen der sogenannten Preßpartei in Offenbach einholen, ohne deren Beteiligung das Unternehmen nicht denkbar war. Die Preßpartei bestand aus lauter Lassalleanern und mit diesen zu unterhandeln galt noch bei vielen Parteigenossen als »Verrat«. War doch erst im Jahre zuvor Lyser wegen solcher Verhandlungen aus der Partei ausgeschlossen worden! Nun aber stand die Vereinigung der beiden Richtungen in Aussicht und der Ausschuß gab gern seine Zustimmung. Die Unterhandlungen mit den Eisenachern in Frankfurt und Offenbach und mit der Preßpartei nahmen einen so raschen Fortgang, daß das Erscheinen des dreiköpfigen Blattes mit Bestimmtheit auf den 1. Januar 1875 in Aussicht gestellt werden konnte.

Aber schon wieder griff die Justiz nach mir, nachdem ich erst vor einem Vierteljahr das Gefängnis verlassen. Man hatte mir mitgeteilt, verschiedene Offiziere der Mainzer Feuerwehr hätten höhere Dienstjahre, als sie tatsächlich hatten, angegeben, um Ehrenzeichen zu erhalten. Ein Rathausbeamter, der selbst Offizier bei der Feuerwehr war, erbot sich, die Sache als Zeuge zu beschwören. Ich veröffentlichte einen entsprechenden Artikel und sofort kam ein Strafantrag. Der Zeuge versicherte noch am Tage vor der Verhandlung, ich könne mich auf ihn verlassen. Aber kurz vor dem Beginn der Verhandlung ersuchte er mich im Justizgebäude, auf sein Zeugnis zu verzichten. Das konnte ich natürlich nicht. Er sagte dann aber aus, er wisse von nichts. Ich wurde zu drei Wochen Gefängnis verurteilt. Darauf ging ich ans Obergericht und dort beschworen drei Zeugen, daß der Zeuge, der mich im Stich gelassen, wegen des Artikels mit mir verhandelt hätte. Die Strafe wurde auf acht Tage herabgesetzt und der Vorsitzende, der alte Aull, bekannt aus dem Jahre 1848, sagte öffentlich nach Verkündigung des Urteils: »Es tut uns leid, Sie verurteilen zu müssen, aber es geht nicht anders.« Ich war völlig falsch berichtet[174] worden. Aus einer Bemerkung des Staatsanwalts glaubte ich schließen zu können, er werde gegen jenen merkwürdigen Zeugen vorgehen; es geschah aber nichts.

Richter und Staatsprokurator – so nannte man damals den Staatsanwalt – trugen unter dem damals noch geltenden Code Napoleon Uniform mit Schiffhut und Degen, was bei einigen recht martialisch, bei anderen auch etwas komisch aussah. Man dachte an die Bürgerwehr.

Das Parteileben in Mainz war sehr anziehend, trotz der Streitigkeiten. Das fröhliche Leben am Rhein machte sich auch hier geltend. Wie viele Freundschaften schloß ich damals und wie wenige der alten Freunde sind noch am Leben!

Aber das Leben im »goldenen Mainz« bot auch sonst eine Fülle origineller und interessanter Erscheinungen. In dieser Stadt, wo man an jeder Ecke auf einen Soldaten oder auf einen Pfaffen stieß, spielten damals die »Achtundvierziger« eine große Rolle. Arbeiter waren wenige darunter; ich fand nur etwa ein Dutzend, die in der Pfalz und in Baden 1849 dabei gewesen. Die sich als »Achtundvierziger« aufspielten, waren durchweg Kleinbürger und Handwerksmeister. Viele mochten sich auch nur so geberden; es ging hier wie bei den berühmten Tausend von Marsala, von denen schon fünftausend gestorben und als Mitkämpfer Garibaldis gefeiert worden sind. In Mainz gab es Achtundvierziger-Typen viel mehr als anderswo. Würdevoll schritten sie die Straße einher, eine Schürze vorgebunden, ein Hämmerchen und Zängelchen in der Hand, oder eine Säge oder ein Lattenstück unter dem Arm. Die Arbeit überließen sie meist den Gesellen und Lehrlingen; aber wenn sie zum Früh- oder Dämmerschoppen gingen, so nahmen sie Schürze und Werkzeug mit, um den Glauben zu erwecken, daß sie auswärts arbeiteten. Am runden Tisch im Weinstübchen tranken alle den Wein aus einem Schoppenglas; wer den Rest trank, mußte einen neuen Schoppen bestellen, damit keiner zu früh fort kam. Da ging's los über die »Ferschte«. Dabei tat sich ein alter Zunftmeister ganz besonders hervor. Mit seinem wahrhaft staatsgefährlichen Bart, seinen rollenden Augen, seiner dröhnenden Stimme und seinen krachenden Faustschlägen auf den Tisch mochte er zartbesaiteten Gemütern schon Furcht einjagen.

»Wenn die mit dene rote Hosse widder kumme oder wenn's widder e Johr achteverzich gibt,« so rief er oftmals mit Donnerstimme, »dann derfe die große Herre net mehr ausreiße; mer müsse sie dobehalte; ihr wißt schun, wozu!«

Und wenn die Zuhörer beifällig schmunzelten, erzählte er seine Lieblingsgeschichte:

»Im Johr achteverzich haw ich gsacht, es werd net besser, bis mer uff der Ludwigstroß üwwer lauter Köpf stolpere däht. Des hot der preußisch Kummedant, wo die Stadt hot wolle bombardiere losse, g'hört, un hot g'sacht: den Kerl, wo über Köpf stolpere will, muß mer verhafte. Se[175] hawwe die ganz Stadt dorchg'sucht, awwer kricht hawwe se mich net; ich war zu gut versteckelt!«

»Damit werden Sie aber dem preußischen Kommandanten nicht imponiert haben,« wagte einmal einer meiner Freunde zu sagen. Wenn Blicke töten könnten ...!

Aber die Geschichte wurde von da ab nicht mehr erzählt.

Bei der Fronleichnamsprozession sah man verschiedene dieser furchtbaren Revolutionäre den Thronhimmel des Bischofs tragen. Alle wählten sie ultramontan. Für mich waren diese Kreise eine nie versiegende Quelle des Ergötzens.

In Mainz waren damals noch sehr starke französische Sympathien. 1793 hatte sich Mainz an die französische Republik angeschlossen und war dafür von Preußen und Oesterreichern hart behandelt worden. Napoleon dagegen hatte der Stadt viele Vorteile zugewendet und die große Straße nach Paris angelegt, die damals für Mainz unschätzbar war. Der Präfekt Jean Bon Saint Andre, einst Mitglied des Wohlfahrtsausschusses und in Mainz begraben1, hatte das Departement milde und gerecht verwaltet und durch die Vernichtung der Bande des »Schinderhannes« die öffentliche Sicherheit wiederhergestellt. Das lebte alles noch in den Traditionen der Mainzer. Die Eisenbahnschaffner riefen, wenn der Zug einlief: »Mayence!« Das wurde aber bald verboten.

Im Mainzer Volke war eine erbitterte Feindschaft gegen Preußen zu bemerken, die sich auch auf einzelne Personen übertrug. Das war eine Nachwirkung des blutigen Straßenkampfes, der 1848 zwischen Mainzer Bürgern und preußischen Militär stattgefunden hatte. Übrigens hatte auch Kaiser Wilhelm I. eine besondere Abneigung gegen die Stadt Mainz. Als er 1849 zu der gegen den badischen Aufstand operierenden Armee abging und an Nieder-Ingelheim vorbei kam, fiel aus einem Weinberg ein Schuß, der dem Prinzen galt, aber den Postillon traf. Ein gewisser Schneider wurde angeklagt, den Schuß abgefeuert zu haben. Er wurde vor die Mainzer Geschworenen gestellt, aber freigesprochen2. Dies konnte der Hohenzoller den Mainzern nicht vergessen und betrat die Stadt während seines häufigen Aufenthalts in Wiesbaden niemals.

Dagegen erfreute sich der bekannte Bischof Ketteler in der Stadt einer großen Popularität. Seine imposante Erscheinung mit den markanten Gesichtszügen und der im Duell gespaltenen Nase prägte sich tief ein. Ich hörte ihn einst sprechen, als auf einem Turm des Münsters ein neues Kreuz angebracht wurde. Da ließ er am Fuße des Turmes eine Tribüne auf offener Straße aufschlagen und sprach um die Mittagszeit die vorüberflutende Volksmasse an. Im Nu drängte sie sich mit entblößten Häuptern[176] und andächtig lauschend um die Tribüne. Er sprach scharf gegen den »Kulturkampf« und deutete zum Kreuze hinauf als zu einem Zeichen des Friedens. Die Masse stimmte ihm begeistert zu.

Die Lassalleaner hielten damals noch viel auf den christlichen Sozialismus Kettelers, weil Lassalle rühmend davon gesprochen hatte – wir konnten uns nicht dafür erwärmen.

Auch die berühmte Gräfin Ida von Hahn-Hahn lebte damals in Mainz im Kloster zum guten Hirten. Nach einem bewegten Leben war sie katholisch geworden und war nach der Revolution von 1848 im Büßergewand kokett unter den Linden in Berlin gewandelt. Jetzt wandelte sie, wie ich oftmals sah, als Siebzigjährige zum Mainzer Dom und war immer noch kokett genug, ihr klösterliches Gewand recht hoch zu heben, so daß man ihre schöngeformten Waden und Knie bewundern konnte. In Mainz kursierten zahlreiche Witze über die Hahn-Hahn und ihren »Gewissensrat« Ketteler, von denen aber keiner hier wiedergegeben werden kann. Welch ein Ausgang für dies Weib, von dem sich so viele Männer bezaubern ließen, das einst Heinrich Simon geliebt und an ihn die zärtlichen Worte gerichtet hatte:


»Es ist mir noch wie heute

In tiefster Seele nah,

Wie ich einst von der Seite

Dein schönes Antlitz sah – – –

Du kannst mich ja beglücken.

Sieh mich nur einmal an.

Daß sich mein Herz erquicken

An deinem Lächeln kann.«


Sie konnten zusammen nicht kommen. Aber diese Leidenschaft hat dem Herzen der aristokratischen Dichterin das herrliche Lied: »Ach, wenn du wärst mein eigen!« entquellen lassen und dies Lied ist allein unter ihren poetischen Schöpfungen aere perennius.3

Ich siedelte nunmehr nach Frankfurt über und zum 1. Januar 1875 erschien das dreiköpfige Blatt. Die erforderlichen Betriebsmittel wurden vorläufig von der »Preßpartei« in Offenbach und von den Mainzer Parteigenossen aufgebracht. Zugleich wurden die Vorbereitungen zur Errichtung einer Genossenschaftsbuchdruckerei getroffen; bis dahin wurden die drei Blätter in einer Privatdruckerei hergestellt.

Das Frankfurter Blatt hieß »Frankfurter Volksfreund« in Erinnerung an ein zu Lassalles Zeiten in Frankfurt erschienenes demokratisches Blatt; das Mainzer Blatt hieß »Neue Mainzer Zeitung« in Erinnerung an das während der großen französischen Revolution zu Mainz erschienene Organ von Georg Forster; das Offenbacher Blatt hieß »Neue Offenbacher Tages-Zeitung«. Jedes Blatt hatte seinen besonderen lokalen Teil. Wir hausten in zwei kleinen Stübchen.[177] Von zwei Lokalberichterstattern abgesehen ruhte die ganze Last der Redaktion auf mir und es war gut, daß ich mich von meiner Krankheit nun erholt hatte. Ich sah freilich noch schlecht genug aus.

Der Redakteur eines kleinen Parteiblattes mußte sich damals um alles bekümmern, auch um die finanziellen Angelegenheiten. So kam es leicht, daß man ihn für Dinge verantwortlich machte, die er nicht verantworten konnte, wie mir mehrfach passiert ist.

Es sei erwähnt, daß mir damals ein offiziöses, offenbar mit dem Reptilienfonds in Verbindung stehendes Korrespondenzbureau seine Dienste anbot, das sich offenbar über den Charakter der drei Blätter im Irrtum befand. Ich veröffentlichte diesen »Reptilisierungsversuch« mit recht gepfefferten Bemerkungen.

In Frankfurt fühlte ich mich eher heimisch als anderswo in dieser Gegend, da diese Stadt durch mancherlei Beziehungen mit meiner Vaterstadt Wertheim verbunden und die Art der Bevölkerung beider Städte verwandt war4. Hier hatte mein Großvater sein Geschäft betrieben. Frankfurt hatte sich seit der Eroberung neun Jahre zuvor schon sehr verändert und es entsprach schon einigermaßen der Weissagung von Friedrich Stoltze:


»Unsre engen neuen Hosen

Sind vielleicht den Enkeln recht!«


Aber es lag noch immer ein Hauch der alten Frankfurter Gemütlichkeit über der Stadt und Wirtshaushelden von »Achteverzich« gab es hier auch wie in Mainz. Die Volksstimmung war stark antipreußisch; in Verbindung damit gab es eine bedeutende bürgerlich-demokratische, teilweise republikanische Strömung. Die Ereignisse von 1866 schmerzten noch sehr. Daher hatte die Stadt eine verstärkte Garnison; Polizei und Staatsanwaltschaft traten sehr schneidig auf. Ich richtete mich auf Haussuchungen und andere Zwischenfälle ein und nahm darum bei einem Parteigenossen Quartier.

Die Lassalleaner hatten in Frankfurt bei der Reichstagswahl von 1874 rund 2660 Stimmen erhalten, die Eisenacher nur 66.

Der »Frankfurter Volksfreund« konnte also nur Boden gewinnen, wenn die Lassalleaner sich für ihn erklärten. Sie fragten bei ihrer Parteileitung an und diese hielt an ihrer Zentralisation fest, obwohl die Vereinigung der beiden Richtungen schon in der Luft lag. Es erging an die Frankfurter Lassalleaner die Weisung, den »Volksfreund« zu ignorieren, und dies wurde strikte durchgeführt. Mich überraschte das nicht. Ich hatte meine Hoffnungen auf Mainz und Offenbach gesetzt und hoffte, wenn ich dort Erfolg hatte, das Frankfurter Blatt bis zur Vereinigung der beiden Richtungen durchhalten zu können. Anfangs ging es auch recht gut, namentlich in Offenbach. Die »Preßpartei« war sehr tätig und[178] schaffte Abonnements und Inserate in Masse herbei. Das Offenbacher Blatt war denn auch das einzige von den dreien, das Bestand hatte.

Selbstverständlich widmete in Frankfurt die Polizei dem neuen Unternehmen ihr besonderes Interesse. Sie hatte in meinem Bureau immer etwas zu schnüffeln; schier allstündlich schaute eine Pickelhaube herein. Bald griff auch die Justiz nach mir. Am Stadtgericht waltete damals der gefürchtete Staatsanwalt Kunitz seines Amtes. Er war ein grimmiger Verfolger der demokratischen und sozialistischen Presse; an Gehässigkeit der Plaidoyers und an Höhe der Strafanträge erreichte ihn so leicht kein öffentlicher Ankläger. Er war es auch, der den berühmten Prozeß gegen die »Frankfurter Zeitung« eingeleitet hatte, als sie einen scharfen Angriff gegen den »Strategen« Manteuffel gebracht. Kunitz erhob Anklage auf Majestätsbeleidigung, weil Manteuffel ein Liebling des alten Kaisers Wilhelm sei. Allerdings blitzte er mit dieser monströsen Anklage bei allen Instanzen ab.

Das dreiköpfige Blatt war kaum 14 Tage erschienen, als sich Kunitz schon mit feurigem Schwert einstellte. Mit Arbeit überhäuft, hatte ich aus dem Wochenblatt »Sozialist«, das damals Eduard Bernstein in Berlin herausgab, einen Artikel über den modernen Kapitalismus abgedruckt. Heute würde in diesem Artikel kein Mensch mehr etwas Strafbares erblicken. Aber damals erfolgten wie Blitz und Schlag Haussuchung nach dem Manuskript und Anklage. Die Haussuchung fand in meiner Abwesenheit statt und war eine ganz überflüssige Schikane, da ja gar kein Manuskript vorhanden war. »Wir werden den Vogel schon kriegen!« meinte der haussuchende Polizeiwachtmeister. Und man kriegte ihn.

Vor der Strafkammer des Stadtgerichts fand die Verhandlung statt. Ich war wegen Verstoßes gegen § 130 (Aufreizung von Bevölkerungsklassen zu Gewalttätigkeiten) angeklagt. Dr. Reinganum, der Sohn des bekannten Achtundvierzigers, verteidigte mich.

Die Rede des Staatsanwalts Kunitz suchte, was ihr an Geist abging, durch Gehässigkeit zu ersetzen. »Der Angeklagte,« sagte er, »ist einer von jenen Leuten, die das Proletariat gewerbsmäßig aufhetzen und dafür bezahlt werden.« Darauf beantragte er neun Monate Gefängnis und sofortige Verhaftung.

Mein Verteidiger schlug in einer glänzenden Rede die Argumente des Staatsanwalts gänzlich nieder und wies dessen Anzüglichkeiten scharf zurück. Das letztere tat auch ich. Dennoch wollte dieser vortreffliche Staatsanwalt, der im Saale blieb, während der Gerichtshof beriet, mit mir »gemütlich« plaudern. Ich ließ ihn aber derb abfahren.

Der Gerichtshof, dessen Präsident der fortschrittliche Landtagsabgeordnete Schrader war, schien mit dem Staatsanwalt nicht sehr einverstanden. Indessen ward ich zu einer Gefängnisstrafe von einem Monat verurteilt; die beantragte sofortige Verhaftung ward abgelehnt.

»Wir appellieren nicht; beim Obergericht gibt's mehr!« sagte Dr. Reinganum zu mir.[179]

So hielt ich es auch, denn ich verstand nun das Urteil des Stadtgerichts.

Dieser Kunitz erdreistete sich, in öffentlicher Gerichtssitzung die Tätigkeit der oppositionellen Presse folgendermaßen zu beschimpfen:

»Wenn sich eine Anzahl Menschen zusammentut zu dem Zwecke, das Strafgesetz andauernd zu verletzen, so nennt man das eine Bande, wenigstens in thesi5.« Damit meinte er die Redaktion der »Frankfurter Zeitung«.

Dem Abgeordneten Sonnemann, der damals die »Frankfurter Zeitung« als verantwortlich zeichnete, riß darob die Geduld und er richtete in öffentlicher Gerichtssitzung an die preußische Regierung das Ersuchen, diesen Staatsanwalt anderswohin zu versetzen, »wo er weniger Unheil anrichten kann, als in den Zentren des Verkehrs«.

Dem Ansuchen wurde merkwürdigerweise entsprochen. Kunitz war doch einer von den Staatsanwälten, wie sie Bismarck sich wünschte.

Übrigens gewährte mir Kunitz bereiewilligst einen Strafaufschub.

Eine enge Freundschaft schloß ich damals mit meinem lieben, nun auch verstorbenen Fritz Ellner, einem Typus des radikalen Kleinmeistertums, das in Frankfurt damals nicht selten war. Er hatte aber bald sich an Lassalle und dann an die Eisenacher angeschlossen. Wir verkehrten täglich und ich war in seinem turmartigen Häuschen in der Kannengießergasse wie daheim. Diese architektonische Merkwürdigkeit hatte in jedem Stock nur ein Gemach. Im untersten hatte er seine Werkstatt als Gürtlermeister. In diesem Turm fegte wie ein böser Geist eine alte Tante umher, die mich stets keifend empfing, weil sie meinte, ich wollte ihren Fritz zum Kneipen abholen. Damit mochte sie manchmal nicht unrecht haben. In Ellners Werkstatt; wo er unter anderen Gürtlerarbeiten auch die Ausbesserung von Monstranzen, Abendmahlkelchen und dergleichen Kirchengerätschaften betrieb, konnte ich stundenlang seinen Erzählungen zuhören vom Septemberaufstand von 1848 in Frankfurt, von dem Auftreten Lassalles und von den Sozialisten in Paris, wo er mit dem bekannten Tolain zusammengearbeitet hatte. Auch kannte er das Geheimnis der schwarzen Fahne, die viele Jahre hindurch am Todestage von Robert Blum auf dem Frankfurter Dom aufgesteckt wurde, ohne daß man in Erfahrung bringen konnte, von wem.

Ellner machte mich mit dem Lokalpoeten Friedrich Stoltze bekannt, für dessen »Latern« ich früher schon Beiträge geliefert hatte. Mit diesem prächtigen Menschen verlebten wir angenehme Abende beim »Stoffche«.6

Damals bestand zwischen den bürgerlichen Demokraten und den Sozialdemokraten der Eisenacher Richtung in Frankfurt ein freundschaftliches Verhältnis; war doch Sonnemann noch auf dem Eisenacher Kongreß von 1869 gewesen. Ellner führte mich in einen interessanten Zirkel von Demokraten alten Schlages ein, der sich in der »Bavaria« zu versammeln[180] pflegte. Dies Restaurant gehörte dem Journalisten Karl Holthof, der später Reichstagsabgeordneter für Frankfurt wurde. Dieser und sein Bruder, der geistvolle, vor zwei Jahren in Stuttgart verstorbene Dr. Ludwig Holthof, waren der Mittelpunkt der Gesellschaft. Sie waren Söhne des Kölner Rechtsanwalts Holthof, der als Verteidiger bei den Prozessen Lassalles bekannt geworden ist. Hier sah man Dr. Josef Stern, später dessen Schwiegervater Guido Weiß, den Freund von Johann Jacoby, Otto Hörth, Eduard Sack und Theodor Curti. Auch der Schauspieler Ludwig Barnay, der damals in Frankfurt engagiert war, erschien in diesem Kreise, wo er vom späteren Hofrat noch nichts merken ließ. Hier traf ich zuerst Amand Goegg, den einstigen Finanzminister und Diktator der badischen Revolution von 1849, der unserer Partei beigetreten war. Wir sollten uns noch oft sehen. Fritz Ellner erschien immer ungeniert im Aufzug des Handwerksmeisters in der Schirmmütze. Vom »Full dreß jacket« und dergleichen, was manche sogenannte moderne Schriftsteller bei Zusammenkünften für obligat halten, sah man hier nichts. Ellner war hier sehr wohlgelitten, gerade weil er »in der Kapp« erschien. Die Unterhaltungen waren sehr interessant, denn fast alle hatten ein bewegtes Leben hinter sich. Diese alten Demokraten waren frei von den Vorurteilen, welche die heutige bürgerliche Demokratie gegen die Sozialdemokratie hegt, und sahen der großen Arbeiterbewegung als einer notwendigen Zeiterscheinung unbefangen ins Antlitz. Der ältere Holthof war ein sehr witziger Mann, was ihm einst schlecht bekam, als er in Berlin ein Feuilleton über das damals sehr bekannte Bild »Bismarck und die Lucca« schrieb. Der »Herkules des Jahrhunderts« verstand keinen Spaß und die Witze Holthofs erzürnten ihn so sehr, daß er diesen sofort von zwei Gendarmen aufgreifen und über die Grenze des Weichbildes von Berlin bringen ließ.

Der stillschweigende Boykott durch die Frankfurter Lassalleaner zwang den »Volksfreund«, sein Erscheinen einzustellen. Nach dem Vereinigungskongreß von Gotha tat ihn Karl Frohme wieder auf und er lebte bis zum Sozialistengesetz. Inzwischen war die ursprünglich für Mainz geplante Genossenschaftsbuchdruckerei in Offenbach errichtet worden. Dort wurden vom 1. Februar ab die »Neue Offenbacher Tageszeitung« und die »Neue Mainzer Zeitung« weitergedruckt und zwar unter großen Schwierigkeiten. Es fehlte zwar nicht an Geldmitteln, aber die Leute von der »Preßpartei«, welche Druckerei und Zeitungsbetrieb einrichten und leiten sollten, waren weit entfernt, die nötige Geschäftskenntnis und Erfahrung zu besitzen. Ich hielt mich etwa drei Wochen in Offenbach auf.

In diese Zeit fiel ein merkwürdiges Ereignis. Der Schatten des portugiesischen Exkönigs Dom Miguel, der, wie erzählt, sich seinerzeit in Bronnbach bei Wertheim aufgehalten, kreuzte meine Lebensbahn. In Offenbach traf nämlich bei dem Fürsten von Ysenburg-Birstein der Prinz Alfons von Bourbon ein, der jüngere Bruder des spanischen Thronprätendenten Don Karlos. Alfons hatte im Karlistenkrieg unter[181] seinem Bruder gegen die spanische Republik gefochten. Seine Frau hatte ihn in den Krieg begleitet. Sie war eine Tochter des Dom Miguel und einer Prinzessin von Löwenstein-Heu bach und nannte sich Maria des Neves, man hieß sie aber gewöhnlich Donna Blanca. Ich will hier einfach zitieren, was Wilhelm Lauser in seiner Geschichte Spaniens über Alfons und Donna Blanca sagt:

»Weder Don Karlos, noch sein Bruder, noch dessen Frau, die doch auf deutschem Boden erzogen war, traten der entsetzlichen Übung ihrer Getreuen entgegen, wie im ersten Karlistenkriege Frauen der Liberalen, angeblich als Spioninnen, zu federn. So ergötzte sich am 24. Juli 1874 der Pöbel von Tolosa an dem Schauspiel, daß drei Frauen, nackt auf Esel gesetzt, mit Teer angestrichen und mit Federn bespickt, durch die Straßen der Stadt geführt wurden. Schaudervolles wurde gemeldet über die Massenschlächtereien, welche die Karlisten unter ihren Gefangenen anrichteten.«

In Spanien hatte man hauptsächlich die Tochter des grausamen Despoten Dom Miguel für diese Dinge verantwortlich gemacht. Das war bis zu uns herausgedrungen und es entstand eine schwüle Stimmung, als bekannt wurde, die Prinzessin sei im Ysenburgschen Schlosse zu Offenbach abgestiegen. Ich widmete ihr einen recht kräftigen, sachgemäßen Leitartikel, Friedrich Stoltze sekundierte nachdrücklichst in seiner »Latern« und die Haltung des Volkes wurde so drohend, daß Alfons und Donna Blanca entflohen. Sie gingen nach Graz, von wo sie indessen auch durch einen Volkstumult vertrieben wurden. –

Inzwischen gab es Differenzen zwischen der Offenbacher »Preßpartei« und den Mainzer Parteigenossen. Die Mainzer hatten das Geld, das sie mühsam gesammelt, in die Druckerei gesteckt und wollten nicht alles der »Preßpartei« überlassen. Bei dieser befanden sich einige recht »verdrehte Zwickel«, welche Anhänger des verrückten Gärtners Jakob Kutt waren. Dieser Kutt hatte 1848 unter anderen haarsträubend konfusen Dingen einen europäischen Gesamtstaat vorgeschlagen, an dessen Spitze ein Direktorium, zusammengesetzt aus dem Papst, dem König von Preußen und Friedrich Hecker, stehen sollte. Er kam nachher ins Narrenhaus und starb darin; seine vielen Anhänger aber glaubten nicht an seinen Tod und waren überzeugt, man hielte diesen »Revolutionär« wegen seiner Gefährlichkeit gefangen.

Ich sah bald, daß meines Bleibens in Offenbach nicht war, und kehrte nach Frankfurt zurück. Dort meldete sich nun auch die mich von Leipzig aus noch immer verfolgende sächsische Justiz. Im »Volksstaat« war unter meiner Redaktion ein Artikel über die Amtsführung eines höheren Bureaukraten erschienen, und dieser stellte Strafantrag. Er starb gleich darauf, aber im Interesse seiner modernden Gebeine wurde der Prozeß weiter betrieben. Der verantwortliche Redakteur leistete den »Reinigungseid« und wurde von der Anklage entbunden. Auch ich beschwor, daß ich der Verfasser nicht sei, was ich mit gutem Gewissen tun konnte. Nachdem nun[182] der Untersuchungsrichter in Frankfurt mir den mich von der Anklage freisprechenden Beschluß des Leipziger Gerichts vorgelesen und ich das Protokoll unterzeichnet hatte, wollte ich gehen. Er sagte aber: »Halt«, schlug das Blatt um und fuhr fort:

»Daß Sie der Verfasser des Artikels nicht sind, haben Sie beschworen. Nun werden Sie als Zeuge vernommen. Sie sollen unter Eid aussagen, ob Sie wissen, wer der Verfasser des Artikels ist.«

Das wußte ich allerdings. Und nun drohte mir der Zeugniszwang. Mit Hast bis zu sechs Monaten konnte ich gefoltert werden, wenn ich die Aussage verweigerte. Und ich mußte sie doch verweigern. Ich wußte auch, daß man mir von der Zwangshaft nicht eine Stunde schenken würde.

Ich besann mich rasch und bat mir eine Bedenkzeit von drei Tagen aus. Sie wurde mir gewährt und ich verlegte meinen Wohnsitz sofort nach Mainz, wo ich der sächsischen und preußischen Justiz zu entrinnen hoffte, denn dort galt noch der Code Napoleon.

Schon nach acht Tagen waren mir die Prozeßakten nach Mainz nachgereist und ich wurde vorgeladen. Der Untersuchungsrichter, Sohn eines Mainzer Klubisten und ein alter Demokrat, empfing mich lachend und meinte:

»Sie sind ein Schlauberger! Aber glauben Sie denn, der Code Napoleon hätte keine Zwangsmittel für obstinate Zeugen?«

»Das weiß ich wohl, daß er solche hat,« antwortete ich. »Aber ich weiß auch, daß man sie hier in Preßangelegenheiten nicht gegen mich anwenden wird.«

»Dies Vertrauen ist sehr ehrenvoll für die hessische Justiz,« meinte er spöttisch. Aber der Eid blieb mir in der Tat erspart. Damit fand der Prozeß wegen der beleidigten Gebeine eines sächsischen Bureaukraten seinen Abschluß.

Jetzt begann auch der Todeskampf der »Neuen Mainzer Zeitung«. Sie ging ein, nachdem sie noch kurze Zeit in Darmstadt gedruckt worden, wohin ich übergesiedelt war. Die »Neue Offenbacher Tageszeitung« erhielt durch die »Preßpartei« eine unmögliche Redaktion, wurde aber von meinem Freunde Karl Ulrich in den Besitz der Eisenacher gebracht. Das Blatt überstand das Sozialistengesetz und präsentiert sich heute als »Offenbacher Abendblatt«, welches das Andenken an das dreiköpfige Blatt von 1875 aufrecht erhält. –

Von März 1875 ab gab ich in Mainz auf eigne Rechnung ein kleines humoristisch-satirisches Blatt heraus, den »Mainzer Eulenspiegel«. Er erschien wöchentlich und machte mir, da er im Oktavformat gehalten war, pro Nummer nur einen Tag Arbeit. Er wurde ohne Abonnement lediglich durch Kolportage verbreitet. Das Blättchen hatte einen überraschenden Erfolg und warf einen für jene Zeit nicht unbeträchtlichen Gewinn ab. Ich hatte aber auch mehrere Preßprozesse zu bestehen. So beschlossen sämtliche Pfandleiher von Mainz, die ich beißend verspottet hatte, jeder einzeln einen Strafantrag gegen mich zu stellen und 3000 Mark[183] Entschädigung zu verlangen. Sie wollten mich ruinieren. Aber gleich in der ersten Verhandlung lobte der Staatsanwalt meinen Kampf gegen den Wucher und das Gericht ließ den ersten Kläger kostenfällig abblitzen, so daß die anderen ihre Strafanträge zurückzogen.

Ich hatte noch die acht Tage Gefängnis wegen Beleidigung der Feuerwehr auf dem Kerbholz und der Staatsprokurator ließ mich nun, ohne daß ich eine Gestellungsaufforderung bekam, zur Verbüßung der Strafe einziehen. Diese Rücksichtslosigkeit sollte wohl eine Revanche für die Affäre Kayser sein, der, wie erzählt, zu Unrecht eingesteckt und von mir wieder befreit worden war. Mitten in der Nacht, zwischen 2 und 3 Uhr, erschienen zwei Gendarmen vor meiner Wohnung und klopften mit den Flintenkolben an meine Tür. Das ganze Haus geriet in Aufregung ob des nächtlichen Lärms. Die beiden Sbirren nahmen mich fest und brachten mich nach dem Gefängnis des Stadtgerichts. Als ich unterwegs fragte, warum sie mich denn mitten in der Nacht überfallen hätten, antworteten sie, daß sie dafür doppeltes »Fanggeld« – 71/2 Franken – bekämen. Ich ward gegen Morgen in eine Stube gebracht, wo sich etwa ein Dutzend Männer von recht zweifelhaftem Äußeren befanden. Sie waren eben von den Pritschen, die zu je zwei übereinander gestellt waren, aufgestanden, und es herrschte ein unbeschreiblicher Geruch in dem Raum. Die Gefangenen waren beschäftigt, sich mit einem an der Tür angeketteten Messer das Brot zurecht zu schneiden. Als ich eintrat, riefen sie: »Was hast denn du gemacht?« und umringten mich neugierig. Als ich mein »Verbrechen« mitgeteilt, trugen sie mir ihre Fälle vor; sie waren meist wegen leichterer Verstöße gegen das Strafgesetz angeklagt und wollten alle unschuldig sein, einige waren es wohl auch. Sie unterwiesen mich, wie abwechselnd die »Betten« instand zu halten, die Stube zu fegen und die bekannten Kübel zu entleeren seien. Ich muß ein sehr dummes Gesicht gemacht haben ob dieser angenehmen Aussichten; namentlich die letztgenannte Funktion versetzte die ästhetischen Saiten meiner Seele in lebhafte Schwingungen. Indessen erschien bald der Direktor, der sich bei mir entschuldigte und bedauerte, daß man mich in diesen Raum gebracht. »Ich habe die Achtundvierziger hier gehabt,« sagte er, »und sie konnten sich nicht beklagen.« Ich konnte mit ihm in sein Bureau gehen und dort warten, bis die sogenannte Geheimratszelle, die ein Bett mit guter Wäsche enthielt, für mich in Bereitschaft gesetzt war. Aber von der schrecklichen Gefängniskost konnte mich der gute Direktor nicht befreien.

Ich hatte mich gleich in die hochinteressante Geschichte von Mainz versenkt. Auf den Bibliotheken fand ich viel Material über die Zeit der Klubisten. Ich vertiefte mich darein und so entstand mein erstes ernsthaftes historisches Werkchen: »Die Revolution zu Mainz 1792 und 1793«, das längst vergriffen ist. Es wurde gut aufgenommen. Man sagte mir auch, daß auf dem Mainzer Rathause in den Dachkammern noch ganze Stöße von Assignaten aus der Zeit der Besetzung von Mainz durch den General Custine lägen. Ein Gemeinderat verabfolgte mir eine Anzahl[184] und es wurden solche in meinem Werke über die französische Revolution reproduziert.

Anregung zu diesen historischen Studien empfing ich vielfach von dem damals bekannten Schriftsteller Philipp Wasserburg. Dieser zeigte mir auch auf dem Platze vor dem Dome den aus Pflastersteinen gebildeten Kreis, der die Stelle bezeichnete, wo 1792 der Freiheitsbaum stand. Wasserburg, später als Verfasser ultramontan gefärbter Romane Philipp Laicus genannt, hatte 1852 mit mehreren jungen Leuten einen »Spezial-Kommunistenklub« gegründet, um Gelder für die Gründung eines »neuen Ikarien« in Nordamerika aufzubringen. Die harmlosen »Verschwörer« wurden verhaftet und auf längere Zeit eingekerkert. Wasserburg schloß sich später, von materieller Not gedrängt, den Ultramontanen an. Er gehörte zu den demokratischen Elementen dieser Partei und trat bei Stichwahlen immer offen für uns ein. Der Mainzer Ultramontanismus war während des Kulturkampfes in vielen Dingen weit liberaler als der Nationalliberalismus.

Wasserburg besaß einen guten Humor. Wir erschienen eines Tages zufällig zu gleicher Zeit auf dem Rathause. Der Oberbürgermeister Dumont ging gerade vorüber. Wasserburg faßte mich am Arm, trat mit mir vor das Stadtoberhaupt und rief:

»So, Herr Oberbürgermeister, da können Sie einmal die Verbrüderung der roten und schwarzen Internationale leibhaftig sehen!«

Das Stadtoberhaupt schnitt ein recht einfältiges Gesicht.

Die Parteistreitigkeiten in Mainz, resp. die Zänkereien zwischen Zirfas, Leyendecker und J. M. Hirsch waren nun soweit ausgewachsen, daß ein Schiedsgericht notwendig wurde. Ich präsidierte; Opifizius aus Frankfurt und Orbig aus Gießen waren Beisitzer. Die Verhandlungen dauerten zwölf Stunden. Da aber nur haltlose Klatschereien vorlagen, so konnte das Schiedsgericht zu einer Entscheidung nicht kommen. Die Streitigkeiten dauerten fort und zwar mit vermehrter Heftigkeit.

Inzwischen waren zwischen Lassalleanern und Eisenachern Verhandlungen begonnen worden, die eine Beilegung des alten Zwistes und eine Verschmelzung der beiden Richtungen bezweckten. Wir alle waren hocherfreut darüber, wenn ich mir auch sagen mußte, daß ich, wie so oft in meinem Leben, Pechvogel gewesen war. »Pech haben ist eine Eigenschaft!« sagte der alte Napoleon und die Wahrheit dieses Wortes ist mir oft genug begreiflich gemacht worden. Eben, als die Vereinigungsbestrebungen festen Boden gewonnen hatten, mußte mein dreiköpfiges Zeitungsunternehmen, dem die Vereinigung die Zukunft garantieren sollte, zerfallen!

Am 22. Mai 1875 wurde in Gotha der Vereinigungskongreß eröffnet. Ich war als Vertreter der Mainzer Mitgliedschaft dahin gesandt worden.

Dem Kongresse lagen die Entwürfe eines neuen Programms und einer neuen Organisation vor. Das Programm war ein Kompromiß zwischen[185] den bisherigen Programmen der Eisenacher und Lassalleaner. Es wurde von Karl Marx in einem langen Briefe, den er an die Führer der Eisenacher sandte, eingehend kritisiert und für unannehmbar erklärt. Aber Marx verkannte von seiner fernen Warte im englischen Exil aus offenbar die Situation. Der Drang nach Einigung war so mächtig, daß er alle Bedenken überwand. Die äußerlichen Formen traten völlig zurück vor der Wucht der Tatsachen. Darum gelangten die Verhandlungen des Kongresses so rasch zum Ziel. Einmal trat ein dramatischer Moment ein. Es handelte sich darum, ob der Satz, daß der Sozialdemokratie gegenüber alle anderen Parteien nur eine reaktionäre Masse seien, ins Programm aufgenommen werden solle. Marx hatte diesen Satz, der von Lassalle herrührt, mit allen historischen und sozialökonomischen Gründen bekämpft. Nun aber trat Fritzsche auf. Ich sehe noch die imposante Gestalt des alten Dresdener Barrikadenkämpfers mit dem langen grauen Lockenhaar und Bart und höre noch seine feierliche Stimme, wie er sagte, daß sich nun zeigen müsse, wer ein wirklicher Sozialdemokrat sei, denn ein solcher könne nicht gegen einen solchen Satz stimmen. Es wurde namentlich abgestimmt und zwölf[186] Delegierte – darunter auch ich – stimmten dagegen, wie Vahlteich sagte, »auf die Gefahr hin, auf Fritzsches Index zu kommen«. – Wir wollten uns von Fritzsche nicht zwingen lassen, eine rasch hingeworfene Redewendung Lassalles in das Programm aufzunehmen.

Das Programm und die neue demokratische Organisation wurden rasch angenommen und in fünf Tagen war der alte unselige Zwist aus der Welt geschafft.

Von den Massen der sozialistischen Arbeiter ward dies Resultat mit ungeheurem Jubel begrüßt.

Uns allen fiel ein Alp von der Brust. Nach all den Verhandlungen und Aussprachen sah man auf beiden Seiten ein, daß man durch die Hitze des Kampfes zu bedauerlichen Irrtümern verleitet worden war, wie das bei innerlich verwandten, aber äußerlich verschiedenen Richtungen oftmals geschieht. Nun glaubten die Eisenacher nicht mehr, daß die Lassalleaner im Dienste der preußischen Regierung stünden, und die Lassalleaner glaubten nicht mehr, daß die Eisenacher Söldlinge der liberalen Bourgeoisie und des Königs von Hannover seien. Nur in bezug auf die Persönlichkeit des Herrn von Schweitzer blieben manche bei der alten Auffassung, er sei ein Agent der preußischen Regierung gewesen, stehen.7 Die theoretischen Differenzen, soweit sie noch bestehen blieben, hatten keine Bedeutung mehr, nachdem die Massen sich zu dem neuen Programm bekannt und ineinander verschmolzen hatten. Auch die Gewerkschaften beider Richtungen verschmolzen sich und die sozialistische Bewegung nahm von da ab einen mächtigen Aufschwung.

Nach Mainz zurückgekehrt wurde ich, nachdem ich noch einige kleinere Scharmützel mit der hessischen Justiz bestanden, zur Verbüßung der mir in Frankfurt zuerkannten Gefängnisstrafe von vier Wochen eingezogen. Diesmal hatte ich es besser und bekam Krankenkost. Dafür traf mich anderes Ungemach. Ich wurde in einen recht unangenehmen Prozeß wegen Gotteslästerung durch die Presse verwickelt, an welchem »Verbrechen« ich keinen Anteil hatte.

Bevor ich meine Hast antrat, besuchte ich noch meine Mutter, die in Freiburg im Breisgau ein großes Pensionat hielt. Für die Zeit meiner Abwesenheit übergab ich die Redaktion des »Mainzer Eulenspiegel« einem jungen Mainzer Schriftsteller, der damals mit mir befreundet war und sich zur Vertretung – wohlgemerkt – angeboten hatte. Als ich zurückkam, fand ich den »Eulenspiegel« konfisziert und zwar wegen eines nicht gerade geistreichen Artikels: »Wie der ewige Jude Papst wurde.« Auch war Anklage wegen Gotteslästerung erhoben worden. Es war selbstverständlich, daß meinem Vertreter die Verantwortung zufiel und er hätte auch seinen Namen unter die betreffende Nummer setzen sollen.[187] Das hatte er zu meinem Erstaunen nicht getan, sondern meinen Namen beibehalten. Als wir uns trafen, bat er mich, die Verantwortung zu übernehmen. Ich lehnte das ab und machte ihm Vorwürfe, weil er meinen Namen ohne meine Zustimmung als verantwortlich auf das Blatt gesetzt. Bei meinen Vorstrafen mußte ich bei einer Verurteilung wegen Gotteslästerung mit einem Strafmaß von mindestens zwei Jahren rechnen. Der andere hatte als Jude allerdings von den ultramontanen Richtern wegen seines Angriffs auf das Christentum – der übrigens auch mir als ganz überflüssig erschien – gleichfalls eine strenge Strafe zu erwarten. Ich bestand darauf, daß er die Verantwortung für seine Redaktionsführung auf sich nehmen müsse, denn man könne mir doch nicht zumuten, Artikel zu verantworten, von denen ich vor der Drucklegung nicht die geringste Kenntnis gehabt. Er schien dies auch einzusehen. Aber als ich abends meine vierwöchentliche Hast antrat, stand er unter dem Gefängnistor und drückte mir einen Zettel in die Hand, auf dem die Worte standen: »Wenn möglich lassen Sie diesen Kelch an mir vorüber gehen.« – Ich steckte den Zettel achselzuckend ein.

Bald begannen die Verhöre wegen der Gotteslästerung. Ob nun der Untersuchungsrichter von mir geschickt ein Geständnis erzwingen wollte oder ob sonst etwas im Werke war – kurz, er sagte mir, die Setzer der Druckerei, wo der »Eulenspiegel« hergestellt wurde, hätten ausgesagt, daß ich das Manuskript des inkriminierten Artikels zum Druck befördert habe. Ich berief mich darauf, daß ich verreist gewesen und meinen Vertreter gehabt und nannte diesen, aber nur als meinen Vertreter und nicht als Verfasser des inkriminierten Artikels. Nun wurden wir konfrontiert und der andere tat, als kenne er mich kaum. Der Untersuchungsrichter sagte mir alsdann, es sei kein Zweifel, daß die Verantwortlichkeit für den Artikel an mir haften bleibe.

Ich kehrte in einem schwer zu beschreibenden Zustande in meine Zelle zurück. Der Ring der Anklage schien um mich geschlossen; zu entrinnen schien nicht möglich. Und wegen eines Artikels, der mir zuwider war! Ich tobte und wetterte und rannte grimmig auf und ab – da fiel mir der Zettel ein, der mir am Gefängnistor in die Hand gedrückt worden war. Wenn der noch vorhanden wäre! Ich suchte und suchte und endlich fand sich das Stückchen Papier. Ich ließ mich sogleich dem Untersuchungsrichter vorführen.

Die Verhandlung fand am Tage meiner Entlassung vor dem Mainzer Stadtgericht statt. Einen Anwalt hatte ich nicht bekommen können. Die Anklage gegen meinen Vertreter lautete auf Gotteslästerung; ich war wegen »Fahrlässigkeit« angeklagt. Der Staatsprokurator Schön meinte, einen solchen Artikel traue er mir nicht zu; ich sei »ein schon zu oft verbranntes Kind«. Das Strafmaß für mich überließ er dem Gerichtshof; gegen den andern beantragte er ein Jahr Gefängnis. Ich verteidigte mich sehr energisch.. Der Gerichtshof verhängte über meinen Vertreter achtzehn Monate Gefängnis; ich wurde freigesprochen und es wurde im[188] Urteil hervorgehoben, daß der Beweis meiner Schuldlosigkeit sehr schwierig gewesen und nur durch einen Zufall vollständig gelungen sei.

Die Sache kam vor das Mainzer Obergericht und dort wurde die Strafe, die mein Vertreter erhalten, von 18 Monaten auf 6 herabgesetzt. Sein Anwalt behauptete in recht alberner Weise, ich hätte einen »dämonischen Einfluß« auf den jungen Mann ausgeübt. Noch alberner war, daß ein Blatt behauptete, ich hätte die Sache auf mich nehmen müssen; ich hätte nicht korrekt gehandelt. Kein vernünftiger Mensch hat an meinem Verhalten etwas auszusetzen gehabt.

Wenn ich recht berichtet bin, hat der Verurteilte nur die Hälfte der Strafe verbüßt; die andere Hälfte wurde ihm auf ein Gnadengesuch vom Großherzog von Hessen erlassen.

Während der Langeweile der vierwöchentlichen Hast gewährte mir viele Unterhaltung eine Nachbarin; auch in Mainz befanden sich damals im Gefängnis Insassen beiderlei Geschlechts. Gesehen habe ich dies holde Wesen niemals, aber sie war offenbar noch ziemlich jung und konnte sehr hübsch: »Freiheit, die ich meine!« singen. Wir konnten durchs Gitter bequem miteinander sprechen. Sie erzählte mir, sie sei wegen Diebstahls im Rückfalle zu einem Jahr Gefängnis – natürlich unschuldig – verurteilt. Einen Unterrock sollte sie gestohlen haben! So eine Gemeinheit, wo doch ihr Schatz, der Emil, ihr gleich zehn Unterröcke kaufen würde, wenn sie nur den leisesten Wunsch äußerte! Aber sie habe appelliert. »Der Emil kommt und schwört«, sagte sie mit aller Zuversicht, »dann müssen sie mich freisprechen.« Am Morgen des Tages, an dem ihre Appellation verhandelt wurde, klopfte sie mir zeitig und sagte, sie würde mir gleich den Ausgang melden. Ich gab ihr meine besten Wünsche mit, denn ich war der Meinung, wenn sie den Diebstahl wirklich begangen, so sei sie durch die Untersuchungshaft genügend bestraft.

Nach einigen Stunden klopfte es wieder.

»War er da und hat er geschworen?« rief ich hinüber.

»Jawohl, mein Emil läßt mich nicht im Stich.«

»Und Sie sind freigesprochen?«

»Natürlich, sonst müßte doch kein Gott im Himmel sein!«

Sie verabschiedete sich fast zärtlich und ging trällernd an meiner Tür vorüber von dannen. –

In Mainz schloß ich eine enge Freundschaft mit Paul Stumpf, der unlängst im 86. Jahr gestorben ist. Aus einer eingesessenen Mainzer Familie stammend, war er ursprünglich Techniker, tat sich aber nachher als selbständiger Geschäftsmann auf und befand sich bei wechselnden Glücksumständen doch meist in günstiger Situation.

Er hatte sich 1847 im Brüsseler Arbeiterverein mit Marx und Engels befreundet. Dann war er Zeuge der Februarrevolution in Paris gewesen und auf die Nachricht von Deutschlands Erhebung nach Mainz zurückgekommen,[189] wo er zum Offizier der Bürgerwehr gewählt wurde. Nach dem bekannten blutigen Zusammenstoß zwischen preußischen Truppen und Bürgerwehrmännern zu Mainz drohte der preußische Festungskommandant mit Beschießung der Stadt, wenn die Bürgerwehr die Waffen nicht niederlege. In der Versammlung der Bürgerwehroffiziere waren nur Stumpf und der Demokrat Wittmann gegen die Entwaffnung. »Laßt die Preußen doch schießen!« riefen sie. Sie hofften von einer solchen Gewalttat und der sich daran schließenden Erregung ein Wiederaufflammen der schon erlöschenden revolutionären Bewegung in Deutschland. Aber die Entwaffnung wurde beschlossen und das Frankfurter Parlament leistete den Mainzern keinen wirksamen Beistand.

Stumpf gehörte zu der Mainzer Gemeinde des Kommunistenbundes, die 1848 einen Aufruf an das deutsche Proletariat erließ. 1849 trat er in das rheinhessische Freikorps und kämpfte bei Kirchheimbolanden mit.8 Er stellte sich mit anderen Revolutionären den Mainzer Gerichten und wurde im eisernen Turm eingekerkert, aber freigesprochen.

Stumpf blieb mit der Familie Marx befreundet. Es war im Sommer 1875, als ich von ihm ein Billet erhielt: »Kommen Sie bestimmt heute abend 8 Uhr ins Hotel Landsberg; interessanter und lieber Besuch.« Ich erschien pünktlich im Hotel und fand dort Stumpf mit einer, wie man sagt, distinguiert aussehenden Dame vor, deren Alter ich auf 55 bis 60 Jahre taxierte. Ein scharf geschnittenes, geistvolles und anziehendes Antlitz, eine stolze Haltung und ein außerordentlich liebenswürdiges Wesen – so trat mir Jenny Marx entgegen, die Lebensgefährtin von Karl Marx, deren Großvater, Herr von Westphalen, der geniale bürgerliche Generalstabschef des Prinzen Ferdinand von Braunschweig im siebenjährigen Kriege und deren Bruder der preußische Reaktionsminister von Westphalen war. Sie brachte mir Grüße von ihrem Gatten und ihrer Tochter Eleanor. Die Unterhaltung, während der wir von Stumpf sehr opulent bewirtet wurden, war so anregend, daß wir bis gegen drei Uhr morgens zusammen blieben. Frau Marx amüsierte sich köstlich über die Geschichte von den drei Frankeln, die mir kurz zuvor in Mainz passiert war. Eines Tages war nämlich ein Fremder bei mir erschienen und hatte sich als das bekannte, zum Tode verurteilte Mitglied der Pariser Kommune, Leo Frankel, vorgestellt. Ich sorgte dafür, daß er gut verpflegt und mit Geld versehen wurde, was er verlangt hatte. Anderen Tages verschwand er, nachdem er sich als Schwindler entpuppt. Kurz darauf kam wieder ein falscher Leo Frankel, dem es durch raffinierte Vorspiegelungen gelang, uns abermals zu täuschen. Nun gelobte ich mir aber, jeden künftigen Leo Frankel gleich zur Tür hinaus zu befördern. Und es kam wirklich ein dritter. Nachdem er sich vorgestellt, hieß ich ihn gleich verschwinden, denn es seien schon zwei Betrüger dagewesen, die sich für Leo Frankel ausgegeben. »Aber,« meinte er betreten,[190] »ich bin ja der wirkliche Leo Frankel.« – »Das haben die zwei anderen auch gesagt,« rief ich wütend und deutete nach der Tür. Da reichte er mir einen Brief von Frau Marx, deren Handschrift mir bekannt war, und damit war er als der rechte Frankel legitimiert.

Übrigens sagte ich nachher zu Frankel:

»Haben Sie wirklich ein Dutzend Pfaffen standrechtlich erschießen und die Tuilerien niederbrennen lassen, wie in dem gegen Sie ergangenen Todesurteil ausgeführt ist? Mir können Sie es ja sagen, wie es wirklich zugegangen ist.«

Es flammte ein wilder Zorn in ihm auf.

»Das sind schändliche Lügen,« rief er. »Ich kämpfte auf einer Barrikade und wurde dort verwundet, während die Dinge geschahen, wegen deren man mich zum Tode verurteilt hat.«

Das wurde bald darauf offiziell bestätigt. Frankel ging nach seiner Heimat Ungarn und wurde alsbald verhaftet, worauf die französische Regierung seine Auslieferung verlangte. Sie wurde zugesagt, wenn die französische Regierung die Akten mit den Beweisen für Frankels angebliche Verbrechen einschicke. Die französische Regierung hatte aber keine Beweise und schickte nur das Urteil ein. Darauf wurde die Auslieferung Frankels abgelehnt.

Wie viele solcher Todesurteile mögen damals ergangen sein!

Um jene Zeit kam ein hessischer Regierungsrat nach Mainz, um im Auftrag der Regierung das Terrain für eine Art »Sozialreform« zu sondieren und bei den Arbeitern dafür Stimmung zu machen. Welch tiefere Bedeutung die Sache hatte, weiß ich nicht. Mit einer Statistik sollte begonnen werden und die Arbeiterorganisationen sollten dabei tätig sein. Aber bei diesen herrschte unüberwindliches Mißtrauen gegen solche Experimente von oben herab. Es fand eine Arbeiterversammlung statt, zu der Zirfas und ich eingeladen wurden. Nachdem der Herr Regierungsrat gesprochen und Zirfas und ich erwidert, verzichtete jener auf die Fortführung seines Unternehmens. Man hörte nichts mehr davon.

Im Herbst 1875 kam August Geib, Mitglied des Reichstags und des Parteivorstandes, nach Mainz und engagierte mich für das eben gegründete »Hamburg-Altonaer Volksblatt«. Ich übergab meinen »Eulenspiegel« einem jungen Mainzer, dem Dr. Lehn, unter dessen Händen das sich gut rentierende Blättchen aber schon nach einer Nummer des Todes verblich.

Die untergegangene »Volksstimme« tauchte nach etwa einem Jahre noch einmal auf. Redakteur war ein gewisser Alexander Swab. Dieser wurde unter den damaligen mißlichen Verhältnissen von den Parteigenossen, wenn es an Geld mangelte, mit Lebensmitteln, Kleidern usw. versehen, was er sich gerne gefallen ließ. Das Blatt ging bald wieder ein. Einige Zeit nach dem Inkrafttreten des Sozialistengesetzes erschien in der »Norddeutschen Allgemeinen Zeitung« an der Spitze ein grimmiges[191] Gedicht gegen die Sozialdemokratie, in dem wir als bösartige Kerls bezeichnet wurden,


»die in dem Nichts des Rätsels Lösung suchen.«


Unterzeichnet war das Gedicht: Alexander Swab! Der gute Mann, der sich in seine politische Heimat zurückgefunden, tat uns bitteres Unrecht an, denn für ihn, der uns so gröblich der äußersten Negation beschuldigte, hatte der Sozialismus in Mainz wirklich einen positiven Inhalt in des Wortes voller Bedeutung gehabt.

Meine Gesundheit war in diesem Jahre befriedigend geworden. Schon im Mai hatte ich mich verheiratet und zwar mit der Tochter eines kleinen Handwerkers aus dem Odenwald. Die Erwartungen, die ich von dieser Ehe gehegt, schlugen gänzlich fehl und sie wurde eine sehr unglückliche. Aber sie dauerte zwölf Jahre und dadurch wurde meine literarische Produktivität gerade in meinen besten Jahren wesentlich beeinträchtigt.

Im Dezember 1875 reiste ich nach Hamburg ab und da ich vorläufig allein blieb – meine Frau kam erst im Januar – so feierte ich das Weihnachtsfest bei meinem Freunde Bracke in Braunschweig, in dessen Familie mir der Aufenthalt so behaglich als möglich gestaltet wurde.[192]

Fußnoten

1 Auf seinem Grabstein steht: Multis ille bonis flebilis occidit – sein Tod ward von vielen Guten beweint. (Horaz.)


2 Schneider hat in Amerika auf dem Sterbebette versichert, daß er den Schuß nicht abgefeuert habe.


3 Dauernder als Erz. (Horaz.)


4 Auch das Wort »Olwel« heimelte mich an, da es in Wertheim ebenso gebräuchlich wie in Frankfurt. Die Mainzer sagten dafür: »Dumm Schinoos«.


5 Im Prinzip.


6 Der berühmte Frankfurter Apfelwein.


7 Herr von Schweitzer spielte keine politische Rolle mehr. Er starb 1875 bald nach dem Vereinigungskongreß. Der Streit, ob er ein Agent der preußischen Regierung gewesen, ist meines Erachtens durch die inzwischen erfolgten historischen Untersuchungen gegenstandslos geworden.


8 In mehreren Geschichtswerken wurde Stumpf unter den Gefallenen aufgeführt.


Quelle:
Blos, Wilhelm: Denkwürdigkeiten eines Sozialdemokraten. 2 Bde, 1. Band. München 1914, S. 193.
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