Im alten Hamburg

Das alte Hamburg ging zu Ende, als es 1881 auf Drängen Bismarcks die Zollfreiheit für die Schiffahrt auf der Elbe verlor, ein Privilegium, welches der Stadt der Hohenstaufe Friedrich Barbarossa verliehen und welches sie also beinahe siebenhundert Jahre besessen hatte. Aus den Veränderungen, welche diese tief einschneidende Maßregel bewirkte, ging das neue Hamburg hervor.

Ueber das alte Hamburg sei hier nur gesagt, daß es zwar unendlich viele enge und schmutzige Straßen, aber dafür auch große Vorzüge hatte. Denn durch die Zollfreiheit waren die Preise der Lebensmittel so niedrig, daß es heute fast märchenhaft erscheint. Namentlich Fleisch, Fische und Gemüse waren billig. Die Amerikaner schickten massenhaft lebendes Schlachtvieh erster Qualität herüber. Man konnte also mit einem verhältnismäßig geringen Einkommen sich hier eine weit höhere Lebenshaltung ermöglichen wie anderwärts. Auch die politischen Zustände der Hansestadt waren nicht die schlechtesten im Reiche. Zwar bestanden eine Menge überlebter und verrotteter Einrichtungen, und große wie kleine Bourgeoisie hatten um sich einen Wall von Vorrechten errichtet, hinter dem sie eine von der großen Masse des Volkes voll kommen abgeschlossene eigene Welt bildeten. Aber gegenüber der aufstrebenden Arbeiterklasse machte sich hier keine so kleinliche Verfolgungssucht geltend wie anderwärts.

Ich befand mich hier zum erstenmal in einer Weltstadt, wo mir so vieles neu und großartig erschien. Namentlich durch den Weltverkehr Hamburgs empfing ich eine Menge neuer Eindrücke und Anregungen.

Die Arbeiterbewegung erschien hier gleichfalls mächtiger, als ich sie bisher jemals hatte beobachten können. Hier gab es auch stärkere Traditionen als anderwärts. Die Hamburger Arbeiter hatten sich schon 1684, 1693 und 1708 an den politischen Kämpfen beteiligt und das Patriziertum überwunden, dem nur durch das Eingreifen auswärtiger Gewalten seine Vorrechte gerettet werden konnten. 1842, zur Zeit des bekannten großen Brandes, gab es in Hamburg eine auf Weitlings Anschauungen beruhende kommunistische Gemeinde und 1848 wurden einige Kommunisten in die Konstituante gewählt. Lassalle fand hier sofort eine große Anhängerschaft. Es fanden hier wie anderwärts heftige Kämpfe zwischen Lassalleanern und Eisenachern statt; die letzteren blieben indessen eine kleine Gruppe. Die Vereinigung der beiden sozialdemokratischen Richtungen wurde in der Hamburger Arbeiterwelt mit rauschender Begeisterung aufgenommen.[195]

Als Kuriosum muß erwähnt werden, daß sich in Hamburg unter Führung des Schneiders Bräuer eine besondere kleine Gruppe von »reinen Lassalleanern« gebildet hatte, die durchweg aus trostlosen Wirrköpfen bestand. Nach der Vereinigung der beiden großen Fraktionen in Gotha machte diese Gruppe neue Anstrengungen, um Boden zu gewinnen, aber ohne Erfolg. Später erschien der bekannte Oberwinder, der sich vom radikalen Sozialdemokraten zum Anhänger Stöckers durchgemausert hat, in Hamburg und wollte die Gruppe der reinen Lassalleaner zu einem recht schlau ausgedachten Coup benutzen. Er sandte eine Deputation von reinen Lassalleanern nach Friedrichsruh zu Bismarck hinüber mit dem Vorschlag, das Kapital zu einem großen Blatt herzugeben, welches die verrotteten althamburgischen Einrichtungen bekämpfen sollte. Mit diesem Köder hoffte Oberwinder den Reichskanzler einzufangen, denn er wußte, daß Bismarck die Hamburger »Pfeffersäcke« nicht leiden konnte. Die Deputation wurde von Lothar Bucher empfangen, welcher mit Bedauern ablehnte.

Die Sache war sehr geheim gehalten worden; ich erfuhr sie aber durch eine Frau. Der Züricher »Sozialdemokrat« brachte sie aus Licht.

Unter diesen Verhältnissen wurde im Herbst 1875 das Organ der Hamburgischen Sozialdemokratie gegründet, welches »Hamburg-Altonaer Volksblatt« hieß und gleich mit einer stattlichen Abonnentenzahl ins Leben trat. Als Redakteure waren Wilhelm Hasenclever, der letzte Präsident des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins, und Karl Hillmann berufen worden.

Die Gegensätze zwischen den beiden Richtungen, die sich in Gotha vereinigt hatten, waren damals zwar bei den Massen vollständig, bei vielen Führern aber noch lange nicht ganz verschwunden. Namentlich Hasenclever war ein glühender Anhänger Lassalles geblieben, den er in Prosa und in Versen verherrlichte. Dagegen gab es bei den Eisenachern Leute, die sich nicht davon abbringen ließen, daß Hasenclever ein Agent der preußischen Regierung sei. Das war barer Unsinn, denn Hasenclever war eine grundehrliche Haut; nur hatte er eine etwas bedenkliche Vorliebe für die Konservativen, von der er aber durch das Sozialistengesetz vollkommen kuriert wurde. Ich wurde von der Parteileitung, wie mir Geib mitteilte, in die Redaktion des hamburgischen Parteiblattes berufen, um ein Gegengewicht gegen Hasenclever zu bilden, so daß er in der Redaktion keine dominierende Stellung erlangen konnte. Von einer solchen befürchtete man neuerwachenden Zwiespalt unter den kaum verschmolzenen Richtungen. Durch mein Gegengewicht – einen eigentlichen Chef gab es nicht, denn jeder war selbständig in seinem Ressort – ward diese Stellung unbefriedigend für Hasenclever, der höher hinaus wollte und nur aus dem Vorstand der neuen Partei geschieden war, weil er glaubte, in der Redaktion des »Volksblatt« an erster Stelle zu stehen. Uebrigens kam es zu keinem Streit, und wenn Hasenclever und ich uns auch erst mißtrauisch begegneten, so verständigten wir uns doch bald. Indessen wurde Hasenclever[196] nach einiger Zeit an das damalige Zentralorgan nach Leipzig berufen und damit hatte die Parteileitung ihre Sorge los.

In der Redaktion befanden sich noch der Schriftsetzer Karl Hillmann und Jakob Audorf, der Dichter der Arbeitermarseillaise. Hillmann war als Journalist nur mit Vorsicht zu gebrauchen; Audorf lieferte hübsche Feuilletons, Plaudereien und Verse. Später kam noch der Schriftsetzer Oldenburg, jetzt Buchdruckereibesitzer in Lübeck, in die Redaktion.

Audorf war ein prächtiger Mensch und ein vorzüglicher Gesellschafter. Er hatte lange in Paris und in Rußland gelebt und wußte interessant zu erzählen. Als geborener Hamburger kannte er sich in der alten Stadt genau aus und wußte namentlich einige behagliche alte Weinkeller, wo man vortrefflichen Bordeaux und Burgunder zu einem erstaunlich niedrigen Preise – wegen der Zollfreiheit – haben konnte. Da haben wir manche gute Stunde verbracht.

Das Blatt machte nicht übermäßig viel Arbeit, denn es erschien wöchentlich dreimal. Außer den Sonntag hatten wir auch den Donnerstag ganz frei. Die Bezahlung war nicht übermäßig; es gab 195 Mark pro Monat.[197] Die Abrundung auf 200 Mark war aus mir unbekannten Gründen nicht durchzusetzen. Indessen konnte man bei der Billigkeit der Lebensmittel leidlich auskommen und ich verschaffte mir Nebenarbeiten, so daß ich immerhin besser stand als in Mainz. Ich bin ohnehin immer mit einer einfachen Lebensweise zufrieden gewesen. Schwelgereien, zu denen mich reiche Freunde manchmal einluden, haben für mich nie einen Reiz gehabt; nach Austern, Trüffeln und Sekt habe ich nie Gelüste empfunden und mich darum auch nie dazu hergegeben, für solche Genüsse alberne Gesellschaft zu ertragen. Ich saß gerne bei einem Glas Wein, aber es brauchte weder Johannisberger Kabinet noch Scharzhofberger Auslese zu sein. Ein reiner, leichter und billiger Landwein genügte mir jederzeit, was aber nicht verhindert hat, daß fanatische Abstinenzler im Hochgefühl ihrer Tugendboldenhaftigkeit mich zu einem Säufer stempelten. Sei's drum!

Niemals aber habe ich jene absurde Auffassung vertreten, die mit Hinweis auf die alte Mär vom Rübengericht des Curius Dentatus die Frugalität der Lebensweise als eine demokratische Tugend betrachtet. Leider hat auch Babeuf diese Verirrung neu begangen. Die Pariser Arbeiter von 1789, welche Gleichheit der Rechte und der Genüsse forderten, waren auf dem Wege zu einer besseren Erkenntnis.

In Hamburg hörten die gerichtlichen Verfolgungen auf, denen ich bisher unaufhörlich ausgesetzt gewesen. Dagegen überschüttete uns die gegnerische Presse, welche das schnelle Wachstum des Abonnentenstandes unseres Blattes unangenehm empfand, täglich mit Schmähungen. Die abgedroschene Phrase, wir würden mit »Arbeitergroschen« besoldet, mußte bis zum Ueberdruß herhalten. Man konnte erwidern, daß alle Groschen, auch diejenigen, welche bürgerliche Redakteure als Gehalt empfangen, »Arbeitergroschen«, d.h. durch Arbeit geschaffene Werte sind. Allein Hillmann, welcher den lokalen Teil redigierte, führte die Polemik gegen die bürgerliche Presse sehr ungeschickt.

In August Geib hatte ich einen Freund gewonnen, wie ich mir ihn trefflicher für meinen Hamburger Aufenthalt nicht wünschen konnte. Ein sangesfroher, poetisch veranlagter, lebenslustiger Pfälzer, war er zugleich von tiefem sittlichen Ernst erfüllt, der auch über seine imposante, gebietende Erscheinung ausgegossen war. Sein schöngeschnittener Kopf mit dem langen schwarzen Bart hatte sich unvergeßlich allen eingeprägt, die ihn auf den Parteikongressen präsidieren sahen. Seine würdevolle Haltung ließ ihn als »geborenen Präsidenten« erscheinen. Von Beruf Kaufmann hatte er sich in einem großen Geschäfte eine schöne Position gemacht; wie beliebt er war, ist daraus zu ersehen, daß er zu gleicher Zeit Vorsitzender von sechzehn Vereinen war. Aus der Pfalz hatte er die demokratischen Anschauungen der Achtundvierziger mitgebracht; daraus zog er die Konsequenzen, die ihn zur Sozialdemokratie führten. Er machte sich selbstständig und errichtete eine kleine Buchhandlung mit Leihbibliothek. Der Partei widmete er eine enorme Tätigkeit und besaß bald ein allgemeines Vertrauen. Er ging von den Lassalleanern zu den Eisenachern über[198] und präsidierte auf dem stürmischen Eisenacher Kongresse. Nach seiner Rückkehr ward er von einigen fanatischen Lassalleanern, die seine Haltung als »Verrat« betrachteten, schwer mißhandelt; was ein gerichtliches Verfahren mit entsprechenden Strafen nach sich zog.

In Geibs gastlichem Hause habe ich viele genußreiche Stunden verbracht. Dort lernte ich den Gelehrten und Dichter Johannes Wedde kennen, der Lehrer an einer Privatschule war und eine Zeitlang bei den »Hamburger Nachrichten« das Amt des Theaterkritikers versah. Der kleine Mann mit dem interessanten, ausdrucksvollen Kopfe auf einem leider verwachsenen Körper war ein glühender Sozialdemokrat; konnte aber erst später öffentlich als solcher auftreten. Seine mit Geist und Humor gewürzte Konversation war äußerst anziehend. Seine oft sehr hübschen Verse konnten wegen des gelehrten Ballastes, mit dem sie bepackt waren, nicht in die Masse dringen.1[199]

Weddes liebenswürdige und geistvolle Schwester Theodora, der spätere Abgeordnete Auer, sowie eine Reihe anderer mit Geib befreundeter Persönlichkeiten nahmen an den gesellschaftlichen Vereinigungen in Geibs Hause teil. Auch wurden viele Sonntagsausflüge in die schöne Umgebung gemacht. Im gastfreundlichen Hause des Lehrers Ockelmann gab es gleichfalls gemütliche und anregende Abende. Alles dies, sowie fröhliche Stunden mit Audorf beim Weine ließen mich mein häusliches Elend vergessen, wenigstens auf kurze Zeit.

Auf verschiedenen Agitationstouren, die ich nach Kiel, Rendsburg. Schleswig und anderen Orten in Schleswig-Holstein unternahm, lernte ich Land und Leute kennen. Ein kerniger, widerstandsfähiger Menschenschlag, der ursprünglich dem Sozialismus nicht sehr zugänglich schien. Die industrielle Entwicklung und eine namentlich von Altona ausgehende energische Agitationsarbeit schufen uns bald einen großen Anhang in Schleswig-Holstein.

Die Hamburger Arbeiter bildeten eine Art Phalanx2 der Sozialdemokratie, eine selbst- und klassenbewußte geschlossene Masse; häufige Streitigkeiten konnten die Geschlossenheit nach außen nicht beeinträchtigen. Wie anderwärts stellten auch hier die Tabaks-, Holz- und Metallarbeiter ein beträchtliches Kontingent zu der Bewegung; desgleichen die Schuhmacher und die Schneider. Aber den Kern bildeten die Maurer, die im Norden einer der angesehensten Berufe in der Arbeiterwelt waren, im Gegensatz zu den Maurern in Süddeutschland, wo die »Ungelernten« vorherrschten. Auch viele Hafenarbeiter und Ewerführer3 gehörten der Partei, wie den gewerkschaftlichen Organisationen an. Die Gesamtbewegung wuchs seit dem Vereinigungskongreß in Gotha mit eminenter Schnelligkeit.

Damit wuchs die Partei aber auch nach und nach aus dem Sektenmäßigen heraus, was ihr bis dahin noch vielfach anhaftete. Im Anfang lebte man nur in der Theorie, die man als revolutionäre Gedankenmacht der alten Gesellschaftsordnung und Klassenherrschaft gegenüberstellte; eifrige Propaganda sollte die neue Macht verstärken. Je mehr der Sozialismus an Ausbreitung gewann, desto mehr mußte man sich mit praktischen Dingen beschäftigen. Dies wurde namentlich die Aufgabe der parlamentarischen Vertretung der Sozialdemokratie.

So begann die Arbeiterklasse zu dem Machtfaktor emporzuwachsen, den sie heute innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft darstellt. Sie beeinflußt heute die ganze politische und soziale Zeitentwicklung. Dieser ungeheure positive Erfolg ist ursprünglich das ausschließliche Verdienst der Sozialdemokratie und sie hat wirklich für die Gesamtheit gearbeitet, denn[200] auch diejenigen Proletarier, die sich noch nicht zum Klassenbewußtsein erhoben, genießen die Vorteile dieser Errungenschaft. Dafür leisten diese Elemente den bürgerlichen Parteien Heeresfolge und machen alle Winkelzüge der Reaktion mit.

Es ist bezeichnend, daß die herrschenden Klassen diese positive Tätigkeit der Sozialdemokratie nicht begreifen und sie einer ausschließlich »negativen und subversiven« Tätigkeit beschuldigen. Es hängt dies mit der bei uns bestehenden Klassenherrschaft zusammen. Zwischen der Geburts- und Geldaristokratie und der großen Masse des Volkes ist eine chinesische Mauer gezogen. Die »Kreuzzeitung« hat dies einmal treffend charakterisiert, indem sie anläßlich des Eintritts des Theologen Göhre in eine Fabrik meinte, wenn bei uns jemand von den oberen Zehntausend das Proletariat kennen lernen wolle, so sei das ein Unternehmen wie eine Reise zu einem afrikanischen Negerstamm. Darum ist bis heute noch die Arbeiterwelt gerade in ihren Eigentümlichkeiten und Besonderheiten den herrschenden Klassen eine terra incognita geblieben. Die von den »Besitzenden und Gebildeten« getragenen Vorurteile strahlen so stark auf die Mittelschichten aus, daß auch diese meist davon erfaßt sind. So bei manchem kleinen »Käsekrämer«, der seine Waren bei den Arbeitern absetzt und diesen den Zuschlag aufbürdet, ohne den ihm sein Zwischenhandel keinen Gewinn bringen kann. Trotzdem hält er sich für »etwas Besseres« gegenüber dem »gewöhnlichen« Arbeiter.

Solche Vorurteile kamen mehr oder minder schroff zum Vorschein, wenn ich mit Freunden und Bekannten aus früheren Zeiten zusammentraf. Ich konnte ihnen noch so eifrig auseinandersetzen, daß es unter aufstrebenden und im harten Kampf der Zeit stehenden Arbeitern mehr interessante Menschen gebe als unter dem nach der großen Niederlage von 1848 verrotteten Spießbürgertum unserer Zeit – sie lächelten überlegen. Wenn ich sie auf den großen historischen und sozialökonomischen Prozeß unserer Zeit aufmerksam machen wollte, so verstanden sie mich nicht. Es gab wohl einige, die sich über die Bedeutung der modernen Arbeiterbewegung völlig klar waren und die innerlich mit mir sympathisierten. Aber sie hielten sich ängstlich von allem zurück, was nur irgendwie mit dem Sozialismus in Verbindung gebracht werden konnte. Sie hatten Furcht vor Unannehmlichkeiten. Verächtlich und lächerlich ist mir immer jenes Philister- und Pharisäertum vorgekommen, das in einer ihm nicht genehmen politischen Gesinnung einen persönlichen Makel erblickt. Solche Elemente sind mir vielfach auf meinem Lebenswege entgegengetreten, auch in persönlichen Beziehungen. Wie ich sie abschätze, ist für sie weit weniger schmeichelhaft, als es für mich ist, wie sie mich abschätzen.

Alles dies empfand ich weiter gar nicht, denn ich hatte mich in die sozialistische Bewegung und Organisation, sowie in die Arbeiterwelt vollkommen eingelebt und eine neue Heimat gefunden. In der bürgerlichpolitischen Welt hatte mich ein öder Stillstand abgestoßen. In dem engen Verkehr mit den Arbeitern, in den zahlreichen Versammlungen, bei Kundgebungen[201] und Festlichkeiten der Partei und Gewerkschaften, da vernahm ich das Wehen und Rauschen des neuen Geistes, der die Volksmassen vorwärts bewegt. Ich fand bestätigt, was der berühmte und vielverfolgte Nationalökonom Bruno Hildebrand, seinerzeit Professor an deutschen Hochschulen, im Frankfurter Parlament gesagt hat, und zwar am 17. Februar 1849:

»So wie in der Naturwelt alles Große von unten aus der Erde herauswächst, so geht auch in der Geschichte jede große Bewegung, jeder große Fortschritt der Zivilisation von der Masse des Volkes aus. Jene verachteten niederen Schichten der Gesellschaft sind die geheimen Werkstätten des menschlichen Geistes. Hier werden die Genies und großen Reformatoren geboren; hier wird die Weltgeschichte produziert und jede Zivilisation verfault und stirbt ab, die nicht aus dem Boden jener Schichten neue Nahrung empfängt

Dies ist das größte Wort, das im Frankfurter Parlament gesprochen worden ist.

Wie viele mögen noch am Leben und wo mögen sie sein, die zahlreichen Arbeiter und Parteigenossen, mit denen ich damals Freundschaft schloß! Und wie vergnügt waren wir auf den Arbeiter- und Parteifesten, die zahlreich aufeinander folgten!

Ueber diese Festlichkeiten sei hier einiges bemerkt. Man kann oftmals in der bürgerlichen Presse lesen, daß es doch ein auffallender Widerspruch sei, wenn in den sozialistischen Blättern von der Not der Massen gesprochen werde, während doch zugleich dort zahlreiche Arbeiterfeste angezeigt seien. Aber die herrschenden Klassen und die Proletarier haben einen verschiedenen Begriff von einem Fest. Die ersteren verbinden damit Wein und Braten, gewöhnlich auch Sekt. Der klassenbewußte Proletarier dagegen findet seinen Hauptgenuß in dem geistigen Inhalt seiner Feiern: die materiellen Genüsse sind bei ihm auf das geringste Maß beschränkt und ein Fest verursacht ihm kaum mehr Ausgaben, als wenn er sonst am Sonntage mit seiner Familie ausgeht.

Mit dem Wachstum der Partei wuchs auch das Unbehagen, welches die bevorrechteten Klassen seit dem Erscheinen dieser neuen Bewegung empfanden. Früher hatte man ihr, solange sie klein und in sich gespalten war, weniger Beachtung geschenkt; man hatte es den Gerichten und der Polizei überlassen, ihre Schriftsteller und Redner zu verfolgen und ihre Vereine zu drangsalieren. Jetzt richtete sich die Aufmerksamkeit der Staatsmänner auf die Sozialdemokratie. Man muß es übrigens Bismarck lassen, daß er die Bewegung von vornherein beobachtete. Er hatte auch Versuche gemacht, sie für sich zu gewinnen, aber diese Versuche, die übrigens auch möglichst ungeschickt unternommen wurden, mißlangen kläglich. Der natürliche Haß gegen die Sozialdemokratie, den Bismarck als Junker, Agrarier und Reaktionär in sich trug, wurde durch diese Abweisung ins Maßlose gesteigert. Bismarck versuchte mehrfach Verschärfungen des Strafgesetzbuches beim Reichstage durchzusetzen, um die Sozialdemokratie[202] mit schwereren Strafen heimsuchen zu können. Aber diese Absicht scheiterte am Widerstande der liberalen Parteien, welche befürchteten, die verschärften Strafbestimmungen möchten gelegentlich auch gegen sie angewendet wer den. Von da ab lauerte Bismarck auf eine Gelegenheit, der Sozialdemokratie einen vernichtenden Schlag beizubringen. Die Gelegenheit sollte denn auch kommen.

Unterdessen aber kam im Jahre 1876 – im August – der zweite Parteikongreß zu Gotha, welcher beschloß, das Zentralorgan der Partei nach Leipzig zu verlegen und den »Volksstaat« unter dem Namen »Vorwärts« zum Zentralorgan zu erheben. Dies rief noch einmal einen Zwist zwischen Lassalleanern und Eisenachern hervor. Hasselmann sollte in die Redaktion des Zentralorgans eintreten, aber er lehnte ab und gründete ein neues Blatt als Zentrum einer Fronde gegen die Parteileitung. An seiner Stelle trat Hasenclever in das neue Zentralorgan ein. Mit dessen Ausscheiden aus der Redaktion des »Hamburg-Altonaer Volksblatt« ward in dieser erst die Geschlossenheit definitiv.[203]

Für die bevorstehenden Reichstagswahlen wurden vierzig Wahlkreise als »offiziell« erklärt, das heißt als solche, in denen die Partei Aussicht auf Erfolg hatte. In diesen Kreisen sollte von Partei wegen in den Wahlkampf eingegriffen werden. Die Kandidaten wurden für diese vierzig Kreise vom Kongreß ernannt. Der Kongreß übertrug mir die Kandidatur für Reuß älterer Linie, welcher Kreis für offiziell erklärt worden war, da die Sozialdemokratie dort gute Aussichten hatte. Sie war 1874 erst in der Stichwahl überwunden worden.

Noch im Herbst 1876 trat ich meine erste Wahlreise in dem kleinen, aber mir bis dahin gänzlich unbekannten Fürstentum an. Mein immer für mich tätiger Freund Geib hatte die Wahlreise vorbereitet, indem er gleich nach dem Gothaer Kongreß, auf dem ich nicht anwesend war, eine Volksversammlung in Greiz abgehalten und dort meine Kandidatur proklamiert hatte.

Das Fürstentum Reuß älterer Linie (Reuß-Greiz) bildete einen der kleinsten Reichstagswahlkreise und zählte nur etwa 10000 Wähler. Die damaligen Zustände in diesem »Reiche«, dessen Fürst Heinrich XXII. war, wurden mir einmal von einem Bauern trefflich charakterisiert, der zu mir sagte: »Sie sprechen immer von unserem Staate; das ist aber kein Staat; das ist nur ein großes Rittergut.« – Die Hälfte der großen Waldungen des Landes ist fürstlicher Domanialbesitz. Die sehr starke Textilindustrie, die ihre billigen Arbeitskräfte zum größten Teil vom Lande bezog, hatte ein der Sozialdemokratie sehr zugeneigtes Proletariat geschaffen; auch waren die Bauern vielfach unzufrieden mit der ihnen ungünstigen Ablösung der Feudallasten. Die Revolution von 1848 hatte in den reußischen Fürstentümern ziemlich heftig getobt; einer der reußischen Fürsten, Heinrich LXXII. von Reuß-Lobenstein-Ebersdorf, war von ihr hinweggefegt und sein Gebiet mit Reuß jüngerer Linie vereinigt worden.4 Die Dynastie von Reuß ä. L. war antipreußisch, namentlich die Mutter Heinrichs XXII, die bis 186« für ihn die Vormundschaft führte und bis 1866 zu Oesterreich hielt, die bekannte Karoline, die so oft vom »Kladderadatsch« verhöhnt wurde. Die in Greiz sehr starken Nationalliberalen wurden vom Fürsten als »Bettelpreußen« grimmig gehaßt und hatten es nicht gut; der Redakteur der nationalliberalen »Greizer Zeitung« wurde, weil er beim Abdruck einer fürstlichen Verordnung das Wort »geruhte« in Gänsefüßchen gesetzt, zu einer horrenden Gefängnisstrafe verurteilt. Dafür suchten die Nationalliberalen den Fürsten auf ihre Weise zu ärgern. Von seiner Tafel im Parkschlosse blickte der Fürst durchs Fenster über die Elster hinüber gerade auf die Tür eines Bierkellers. Auf Veranlassung der Nationalliberalen wurde diese Tür schwarz-weiß angestrichen, um dem Monarchen während der Tafel durch den Anblick der verhaßten preußischen Farbe den Appetit zu verderben. Das scheint erreicht worden zu sein, denn alsbald wendete sich die fürstliche Regierung an[204] den Gemeinderat mit dem Ersuchen, die Tür schwarz anzustreichen; da durch das grelle Weiß die Pferde scheu werden könnten. Der Gemeinderat und später der Landtag, beide in ihrer Mehrheit nationalliberal, lehnten das Ersuchen ab und diese Krisis fand dadurch ihr Ende, daß man eines Morgens die Tür dick mit Teer überschmiert fand.

Die erste Wählerversammlung hielt ich in dem reußischen Dorfe Fraureuth ab, welches an der sächsischen Grenze nahe bei Werdau liegt. Ein Werdauer Parteigenosse begleitete mich, um den Vorsitz zu führen. Die Versammlung war gut besetzt. Die reußische Polizei war drei Mann hoch vorhanden und dabei der Herr Oberwachtmeister von Greiz, eine sich sehr imposant dünkende Persönlichkeit, Mitte der Sechzig, hochgewachsen, mit martialischem Schnurrbart und mit ungeheurem Sarras ausgestattet. Er nahm mich gleich auf die Seite und bedeutete mir, daß ich nichts sagen dürfe, was gegen das Gesetz verstoße. Meine sehr geringschätzige Aufnahme dieser überflüssigen Mahnung muß den Mann gereizt haben, denn während meiner Rede rasselte er öfters mit dem Sarras. Der Vorsitzende gebot Ruhe und da außer dem Oberwachtmeister niemand die Ruhe gestört hatte, so nahm dieser die Sache krumm und erklärte, er werde die Versammlung auflösen, wenn der Vorsitzende weiter amtiere, da dieser ein Ausländer sei. Ich suchte den Oberwachtmeister zu belehren, daß der Vorsitzende als Sachse im Deutschen Reich kein »Ausländer« sein könne. Allein der Gestrenge blieb dabei, daß in Reuß älterer Linie ein Sachse ein Ausländer sei, und wir mußten nachgeben, um die Auflösung der Versammlung zu vermeiden. Ein »Eingeborener« übernahm den Vorsitz. Das Rasseln mit dem Sarras hörte aber auf.

Nach dieser Probe des in den behördlichen Regionen des Fürstentums herrschenden Geistes machte ich mich auf allerlei Schikanen gefaßt, aber es kam nicht so schlimm. Der Oberwachtmeister mußte alle meine Versammlungen überwachen und mir auf alle Dörfer folgen. Für diesen alten Polizeihengst bestand die Politik aus lauter böhmischen Dörfern und erst durch meine populär gehaltenen Wahlreden bekam er einen Begriff davon. Durch das häufige Beisammensein kamen wir einander menschlich näher, namentlich wenn wir auf Eisenbahnstationen oder auf entlegenen Dörfern warten mußten, und ich erwarb mir seine besondere Gewogenheit dadurch, daß ich mir das Opfer auferlegte, seine rührende Geschichte von den zwei unzertrennlichen Papageien, die er oft zum besten gab, immer wieder unverdrossen anzuhören. In Hamburg, wohin er einen Verbrecher verfolgte, hatte er die niedlichen Tierchen gekauft und sie nach Greiz mitgenommen. Hier starb das eine, das andere war traurig und folgte ihm bald nach. Dieser alte Polizeisoldat empfand nie ein Fünkchen Mitleid mit einem Verbrecher und kam nie auf den Gedanken, daß die Verbrechen ihren Ursprung in der Unvollkommenheit und Verkehrtheit gesellschaftlicher Einrichtungen haben. Kam er aber auf die unzertrennlichen Papageien zu sprechen, so verwandelte sich seine Polizeiseele sogleich in eine Butterseele und es fehlte wenig, daß er Tränen vergoß.[205]

Als meine erste Wahlreise zu Ende ging, bemerkte ich, daß der Alte etwas auf dem Herzen hatte, und richtig, in einem Wirtschaftsgarten zu Cossengrün offenbarte er mir, was ihn bedrückte. Der Bericht an den Herrn Landrat! Das war eine schwierige Sache, der er sich nicht gewachsen fühlte. In seiner Not entdeckte er sich mir, über dessen »umstürzlerische Tätigkeit und staatsgefährliche Umtriebe« er berichten sollte. Er legte mir den Entwurf seines Berichtes vor. Ich machte aus dem Blödsinn etwas Lesbares und verfehlte nicht, mich in das beim Landrat vorteilhafteste Licht zu rücken. Der muß an einem so netten Sozialdemokraten seine helle Freude gehabt haben!

Auf dieser Reise lernte ich zuerst das merkwürdige Völklein der Weber näher kennen. Die mechanische Weberei hatte längst im Fürstentum ihren Einzug gehalten. Die Mehrzahl der Weber »machte mechanisch«, wie man damals zu sagen pflegte; die Löhne waren elend und die Arbeitszeit sehr lang. Lange Kolonnen von bleichen, abgehärmten, übermüdeten und sichtlich abgearbeiteten Menschen strömten abends aus den Fabriken. Aber noch weit schlimmer waren die Handweber daran, die es damals noch in Menge gab. Die »Gartenlaube« hatte eben einen Artikel gebracht: »Fünfzehn Ellen für fünfzig Pfennig!« Das war nicht übertrieben. Und dabei mußte der arme Weber riskieren, daß der »Faktor«, welcher die gefertigte Ware zu prüfen und den Lohn zu berechnen vom Unternehmer beauftragt war, die Ware wegen eines geringen wirklichen, angeblichen oder vermeintlichen Fehlers nicht annahm!

Ich habe viele Hütten und Höhlen der Handweber besucht. In der Mitte des Zimmers – mehr als eines hatten sie fast nie – stand der alte, von den Vorfahren ererbte Webstuhl wie ein gefräßiges Ungeheuer, was er in der Tat war, denn er fraß das Fleisch und sog das Blut der Familie. Den Tag über saß die Frau im Webstuhl, die Nacht hindurch der Mann. Kinder vom zweiten Jahr an spulten am Boden. Die Kleidung von alt und jung war äußerst dürftig. Manche besaßen ein Stückchen Garten- oder Ackerland; damit konnten sie ihre traurige Lage um ein weniges verbessern.

Ich ging einst mit einem Weber von Kleinreinsdorf, der »mechanisch machte«, durch den Wald zu einer Versammlung. Er erzählte mir, daß er alle vierzehn Tage zwölf Mark nach Hause bringe.

»Damit können Sie aber mit Ihrer Familie doch unmöglich bestehen!« sagte ich.

»Nun,« meinte er, »wir haben von unserem kleinen Acker einige Kartoffeln und können ab und zu ein Schweinchen fett machen.«

»Aber das langt doch auch nicht!« sagte ich.

Da sagte er: »Dann muß eben der himmlische Vater weiter helfen.«

Der Mann war der Führer der Sozialdemokraten in seinem Orte. Ich hatte keine Veranlassung, ihm seinen Glauben nehmen zu wollen.

Die Weber sind durchweg Leute, die viel über politische, religiöse und soziale Probleme nachdenken. Vielleicht werden sie heute durch den Fabriklärm[206] darin gestört, aber die Handweber hatten Gelegenheit dazu, wenn das Schiffchen so einförmig hin und her flog. Heinrich Heine hat wohl schwerlich jemals die Hütte eines Handwebers besucht, aber sein Dichtergeist vermochte sich in die zugleich resignierte und revolutionäre Stimmung dieser »armen, schwitzenden Menschenhäupter« zu versenken. In seinem viel angefeindeten »Weberlied«:


»Im düstern Auge keine Träne,

Wir sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne« usw.


hat er diese Stimmung drastisch, aber richtig geschildert, was allerdings die empfindlichen Nerven der höheren Gesellschaftskreise nicht vertragen.

In die Parteiorganisation konnte man diese Weber nur schwer bringen, denn sie konnten weder Beiträge leisten, noch auch das Abonnement einer Zeitung bezahlen. Aber unsere Reden und Flugblätter zündeten hier überall. Als die Wahl herannahte, suchten Geistliche, Beamte und reiche Privatleute durch gesteigerte Wohltätigkeit die Weber von der Sozialdemokratie abzubringen. Die Weber nahmen die gespendeten Lebensmittel, die alten Hosen, Röcke, Hemden, Schuhe, Strümpfe usw. an, aber sozialdemokratisch wählten sie doch.

Das Fürstentum Reuß älterer Linie besteht aus drei Teilen, die voneinander räumlich getrennt sind; zwischendurch erstrecken sich Gebietsteile von Reuß jüngerer Linie. Wo die Grenzen über die Chaussee liefen, waren Schlagbäume errichtet, die kein Fuhrwerk passieren konnte, ohne das übliche Chausseegeld erlegt zu haben. Manchmal fielen mir dabei Heines Verse ein:


»Das mahnt an das Mittelalter so schön,

An Edelknechte und Knappen,

Die tief im Herzen trugen die Treu

Und auf dem Hintern ein Wappen.«


Das Land um die beiden Städte Greiz und Zeulenroda herum war vorwiegend industriell; der dritte Teil, der Kreis Burgk, im Volke nur »die Burg« genannt, hatte eine überwiegend bäuerliche Bevölkerung. Dieser weltferne Strich mußte auch von mir bearbeitet werden. Mit zwei Webern von Zeulenroda, die des Weges kundig waren, brach ich nach Schleiz auf und von dort stiegen wir zu »der Burg« empor, die auf den nördlichen Ausläufern des Fichtelgebirges liegt. Die ganze Tour im Gebirge mußte aus Sparsamkeitsrücksichten zu Fuße gemacht werden, was ich gerne tat, um die Reize der oft sehr romantischen Gegend besser genießen zu können. Wir wurden in den Bauerndörfern gut aufgenommen. In einem ganz abgelegenen Nest aber konnten wir kein Quartier kriegen und machten uns bereit, in einer elenden Spelunke auf dem Fußboden zu übernachten. Da fuhr noch spät ein Landauer vor und der Eigentümer erbot sich, als er unsere Not sah und meinen Namen hörte, uns mitzunehmen. Er habe, sagte er, einige Stunden von da einen Gasthof, wo wir[207] bequem übernachten könnten. Wir nahmen das freundliche Anerbieten mit Freuden an und erreichten in stockfinsterer Nacht ein einsames Haus. Eine Frauenstimme antwortete auf den Peitschenknall des Fuhrherrn aus einer Mansarde; wir wurden eingelassen und konnten uns noch mit schlechtem Bier und Käse vergnügen. Der Wirt flüsterte lange mit seiner Frau, welche verschwand. Bald darauf wurde uns angekündigt, daß wir auf dem Heuboden schlafen müßten. Wir waren zufrieden, wenn auch etwas enttäuscht. Der Wirt gab mir eine Laterne und sagte: »Gehen Sie nur hinauf, aber seien Sie vorsichtig mit dem Licht! Ihr Quartier ist rechts, eine Treppe hoch!« Darauf verschwand er mit sonderbarem Gelächter. Wir sahen uns erstaunt an, erstaunten aber noch mehr, als wir bemerkten, daß die Treppe, die wir hinaufstiegen, äußerst sein und geschmackvoll mit Messing eingelegt und verziert war. Eine Treppe hoch rechts ging eine Flügeltür in einen großen und kostbar möblierten Salon, in dem große Spiegel unsere Gestalten gespenstig zurückstrahlten. Auf der einen Seite war ein Gemach mit zwei Betten, auf der anderen Seite ein kleineres mit einem Bett; hier befand sich sogar eine kleine Schlafzimmer-Bibliothek, in der ich unter anderm auch Wielands »Oberon« sah. Die beiden Weber wußten nicht, was sie sagen sollten. Ich meinte lachend, der »Heuboden« gefiele mir gar nicht übel und wir wollten es uns so bequem wie möglich machen. Nach einiger Zeit kam der eine Weber herein zu mir in das kleine Zimmer, wo ich im Bette las, und meinte, es sei ihm etwas unheimlich zumute; man glaube hier wie in einem verzauberten Schlosse zu sein. Ich beruhigte ihn.5

Am anderen Morgen klärte sich das Rätsel auf. Die Wirtin, eine sehr intelligente Frau, die Tochter eines verarmten Advokaten aus dem nahen Ebersdorf, er zählte uns, ein früherer Fürst Reuß habe seiner Geliebten vor langer Zeit hier ein Heim errichtet; was wir gesehen, seien die Reste früherer Herrlichkeit; man habe mir eine kleine Ueberraschung bereiten wollen. Gegenüber lag auf einer Anhöhe ein prächtiges Reußenschloß, von dem man eine sehr schöne Aussicht auf einen Fluß hatte, der sich in tiefeingeschnittenem Tal um den Berg herum wand. Die Wirtin erzählte uns von 1848 und von Lola Montez, die, bevor sie nach München ging, bei dem »Prinzipienreiter« Heinrich LXXII. als Maitresse war, von diesem aber verabschiedet wurde, als sie mit ihrer Reitpeitsche harmlose Bauernmädchen traktierte. Wir verabschiedeten uns von unseren freundlichen Wirten und besuchten die ehemalige Residenz Ebersdorf, wo ich mir den Schauplatz jener Tragikomödie ansah. Hier empfing ich die Anregung zu dem schon genannten Roman; die Ausführung folgte aber erst zwanzig Jahre später.

Da mein Geburtstag in diese Zeit fiel, so bewirtete ich meine Begleiter mit einer Flasche Wein, wofür sie aber kein Verständnis hatten, denn sie hatten noch niemals in ihrem Leben einen Tropfen Wein gekostet.[208]

Diese Agitation, bei der ich etwa zwei Dutzend öffentliche Versammlungen hielt, trug auch bei den Gebirgsbauern gute Früchte.

Von 1874 bis 1877 hatte Dr. Oppenheim den Wahlkreis vertreten. 1848 hatte er die Berliner Revolution – als Redner, nicht als Barrikadenkämpfer – mitgemacht und hatte mit Arnold Ruge die republikanische »Berliner Reform« herausgegeben; 1849 hatte er sich als Journalist an der badischen Revolution beteiligt. Später hatte er sich nach dem Vorbild von Ludwig Bamberger allmählich zum Nationalliberalen durchgemausert. Von ihm rührt das Wort »Kathedersozialisten« her.

Ein dritter Kandidat war ein konservativer Landrat.

Es versteht sich von selbst, daß mich die nationalliberalen und die Amtsblätter mit den üblichen Schmähungen überschütteten. Dabei verfielen sie auf allerlei Mätzchen. Ein nationalliberaler Journalist, der sich für geistreich hielt, führte in seinem Blatte ständige Redewendungen wie folgende ein: »Ein Spitzbube expropriierte gestern in einem Hotel ein Paar Stiefel.« Er fühlte natürlich nicht, wie er sich mit diesem fehlerhaften Stil blamierte. Ein anderer Sozialistentöter schrieb, ich sei ein examenflüchtiger Student. Diesem stieg ich aber auf die Bude und zwang ihn, in seinem Blatte die Berichtigung zu bringen, daß ich niemals ein Staatsexamen habe machen wollen, also auch aus keinem habe flüchten können.

Zuletzt nahm der Wahlkampf eine große Heftigkeit an. Meine Parteigenossen hielten sich sehr tapfer; auch wurde ich von den beiden Gebrüdern Treu ter, die einer wohlhabenden Familie angehörten, nachdrücklichst unterstützt.

Am Vorabend der Wahl, die auf den 10. Januar 1877 angesetzt war, fanden in Greiz zwei große Versammlungen statt; in der einen sprach Dr. Oppenheim, in der anderen ich. Als ich zu Ende war, kam eine Botschaft aus der Oppenheim-Versammlung, daß dort eine lebhafte Diskussion stattfinde. Ich wurde dringend aufgefordert, dahin zu kommen. Obschon ich dies nicht gerne tat, ließ ich mich doch überreden. Dr. Oppenheim hatte soeben mit den damals gewöhnlichen Erdichtungen und Uebertreibungen die »Greuel« der Pariser Kommune geschildert und hinzugefügt, so würden es die Sozialdemokraten auch machen, wenn die von ihnen so dringend gewünschte Revolution eintreten sollte. Darauf nahm ich das Wort und stellte kurz die historische Wahrheit bezüglich der Pariser Kommune fest. Dann sagte ich, wir hätten noch keine Revolution gemacht, aber es gäbe in diesem Saale einen Mann, der 1848 die Berliner und 1849 die badische Revolution mitgemacht habe; in Baden habe er sogar das offizielle Organ der revolutionären Regierung redigiert und sei von seinem Posten zurückgetreten, weil ihm die Regierung nicht weit genug gegangen sei. Dieser Mann sei Dr. Oppenheim! Das schlug ein. Diese Tatsachen waren den guten Greizer Bürgern, die hier versammelt waren, sorgfältig verschwiegen worden; man hatte den Dr. Oppenheim für das Muster eines reichstreuen, ordnungsliebenden Untertanen gehalten. Jetzt erwiderte er verlegen, die Revolutionen von 1848 und[209] 1849 seien »etwas anderes« gewesen. Die Versammlung war von dieser Rechtfertigung nicht erbaut; es erschollen einige starke Pfiffe. Jedenfalls wurden dem Dr. Oppenheim an diesem Abend nicht wenige Stimmen entzogen.

An diesem Tage machten sich die Wirkungen der Wahlbewegung auch im fürstlichen Schlosse bemerkbar. Seine Durchlaucht Heinrich XXII. geruhten ihren Hofstaat feierlich zu versammeln und eine Ansprache zu halten.

»Drei Kandidaten haben wir,« sprach der Fürst, »und von diesen ist mir der konservative, der auch die Spezialinteressen unseres Landes vertritt, natürlich der liebste. Der nationalliberale Kandidat will das Land in den Besitz Preußens überführen und ich hoffe, daß ihn niemand wählen wird, der seiner angestammten Dynastie nicht den historischen Rechtsboden unterhöhlen will. Da ist auch noch ein Sozialdemokrat. Ich wünsche dessen Wahl natürlich nicht. Aber wenn ihn jemand wählen will, so werde ich es ihm nicht nachtragen.«

Ein Lakai, der mir seine Stimme gab, hat mir von dieser Szene als Augenzeuge berichtet.

Am Wahltage fuhr ich nach Hamburg zurück. Dort empfing ich anderen Tages die telegraphische Nachricht, daß ich mit 4052 Stimmen im ersten Wahlgang zum Reichstagsabgeordneten für Reuß älterer Linie gewählt worden sei. Die Wahlkosten betrugen etwa 600 Mark.[210]

Fußnoten

1 In seiner Gedichtsammlung »Grüße des Werdenden« ist das Gedicht »Korinthiaka« an mich gerichtet und war bestimmt, mich über einen mir sehr widerwärtigen Streit in der Partei zu trösten.


2 Diesen Vergleich mit der bekannten alt-mazedonischen Schlachtordnung gebraucht auch Audorf in seiner Arbeitermarseillaise. Dieses Lied, obwohl formell an einigen Mängeln leidend, erfreute und erfreut sich noch einer großen Popularität, weil es den richtigen Ton getroffen hat. Darum sind alle Versuche, es durch andere Gesänge zu ersetzen, gescheitert. Namentlich die Eisenacher haben sich seinerzeit vergeblich darum bemüht; ihren Führern sagte der lassalleanische Inhalt des Gesanges nicht zu. Aber die Masse hielt daran fest.


3 Ewer heißen die Boote, die den Güterverkehr auf der Elbe vermitteln.


4 Heinrich LXXII hieß »Der Prinzipienreiter«; seinen Sturz habe ich in meinem humoristisch-satirischen Roman »Der Prinzipienreiter« (2. Aufl. Vorwärts-Verlag 1912) behandelt.


5 Er lebt noch und ich sende dem alten Franz Rei chelt in Zeulenroda einen Gruß.


Quelle:
Blos, Wilhelm: Denkwürdigkeiten eines Sozialdemokraten. 2 Bde, 1. Band. München 1914, S. 211.
Lizenz:

Buchempfehlung

Kleist, Heinrich von

Robert Guiskard. Fragment

Robert Guiskard. Fragment

Das Trauerspiel um den normannischen Herzog in dessen Lager vor Konstantinopel die Pest wütet stellt die Frage nach der Legitimation von Macht und Herrschaft. Kleist zeichnet in dem - bereits 1802 begonnenen, doch bis zu seinem Tode 1811 Fragment gebliebenen - Stück deutliche Parallelen zu Napoleon, dessen Eroberung Akkas 1799 am Ausbruch der Pest scheiterte.

30 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon