Im Schwabenland

So war ich nach zwölf Jahren, die ich in Mittel- und Nord-Deutschland verbracht, wieder im Schwabenland angelangt. Hier hatte ich zunächst einen herben Verlust zu überstehen.

Karl Marx, dessen freundschaftliche Neigung zu mir immer mein Stolz gewesen, hatte den Tod seiner edlen Lebensgefährtin nicht lange überleben können; er war am 14. März 1883 gestorben.

Wie nahe mir dies ging, brauche ich nicht erst zu schildern; ich gab meinem Schmerze Ausdruck bei der Totenfeier, die bald darauf in gemeiner Versammlung zu Stuttgart im »Königsbad« stattfand.

Es mag hier festgehalten werden, was Friedrich Engels am Grabe des großen Denkers gesagt hat – nach dem Bericht des Züricher »Sozialdemokrat« vom 22. März 1883:

»Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte: die bisher unter ideologischen Überwucherungen verdeckte einfache Tatsache, daß die Menschen vor allen Dingen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion usw. treiben können; daß also die Produktion der unmittelbaren materiellen Lebensmittel und damit die jedesmalige ökonomische Entwicklungsstufe eines Volkes oder eines Zeitabschnitts die Grundlage bildet, aus der sich die Staatseinrichtungen, die Rechtsanschauungen, die Kunst und selbst die religiösen Vorstellungen der betreffenden Menschen entwickelt haben und aus der sie daher auch erklärt werden müssen – nicht wie bisher geschehen, umgekehrt. Damit nicht genug. Marx entdeckte auch das spezielle Bewegungsgesetz der heutigen kapitalistischen Produktionsweise und der von ihr erzeugten bürgerlichen Gesellschaft. Mit der Entdeckung des Mehrwerts war hier plötzlich Licht geschaffen, während alle früheren Untersuchungen, sowohl der bürgerlichen Ökonomen wie der sozialistischen Kritiker, im Dunkeln sich verirrt hatten. Zwei solcher Entdeckungen sollten für ein Leben genügen. Glücklich schon der, dem es vergönnt ist, nur eine solche zu machen. Aber auf jedem Gebiete, das Marx der Untersuchung unterwarf, und dieser Gebiete waren sehr viele und keines hat er nur flüchtig berührt – auf jedem, selbst auf dem der Mathematik, hat er selbständige Entdeckungen gemacht.«

Daß ein solcher Geist von welthistorischer Bedeutung mir persönlich so freundschaftlich entgegengekommen ist, mag es erklären, daß ich für manchen vorlauten Epigonen jüngster Zeit, der mich über »Marxismus« belehren will, nur ein kühles Lächeln übrig habe.[63]

Es sei hier erwähnt, daß die Freundschaft zwischen Heinrich Heine und Karl Marx eine viel engere gewesen, als weiterhin bekannt. Heine ist von Marx auch geistig beeinflußt worden und zwar sehr stark, was beiläufig auch Arnold Ruge berichtet. Heine wurde von Marx bewogen, seinen Witz und seine Ironie weit mehr als früher auf das politische Leben und Treiben seiner Zeitgenossen anzuwenden. Aus diesen Anregungen entstanden zum guten Teil die politisch-satirischen Gedichte im letzten Drittel von Heines Leben, namentlich das Wintermärchen, welches Heine offenbar in Erinnerung an die empfangene Anregung, dem Freunde mit einem langen Briefe übersandte.

Auch Ferdinand Freiligrath empfing von Marx viele Anregungen. Anlehnung an Marxsche Gedankengänge und poetische Gestaltung von solchen findet man vielfach in den revolutionären Dichtungen Freiligraths aus der Zeit, wo er der Redaktion der »Neuen Rheinischen Zeitung« angehörte, deren Chefredakteur Marx in den Revolutionsjahren 1848/49 war.

Vergessen sei nicht, daß Marx auch auf journalistischem Gebiete Hervorragendes leistete. Die von ihm geleitete »Neue Rheinische Zeitung« war im Gegensatz zu fast der gesamten Presse von damals ein vollständig modernes Blatt und ihrer Zeit voraus, namentlich mit den technischen Einrichtungen. Viele Artikel lesen sich heute noch so frisch, als wären sie erst gestern geschrieben.[64]

Schon zu Marx' Lebzeiten wurden seine Theorien auch innerhalb der Partei verschieden beurteilt, und es knüpften sich daran allerlei Streitigkeiten, worüber Marx sich einst scherzhaft geäußert haben soll: »Ich bin durchaus kein Marxist.« Es bildete sich eine Gruppe, die ein besonderes und tieferes Verständnis seiner Ideen für sich in Anspruch nahm. Die anderen, denen man dieses Verständnis nicht zutraute, wurden als »Vulgärmarxisten« bezeichnet.

Die Bezeichnung »Vulgärmarxisten« – hergeleitet von dem von Marx öfters gebrauchten Wort Vulgärökonomen, also soviel wie Marxisten gewöhnlichen oder untergeordneten Schlages – kam erst später in Gebrauch. Zum Beweise ihrer niedrigen Qualifikation wurden sie beschuldigt, daß sie die Umgestaltungen in der Weltgeschichte ausschließlich als Klassenkämpfe aufzufassen wüßten, während doch noch andere Dinge dabei wirksam seien. Das letztere ist eigentlich nicht so gar schwer zu begreifen, und es wird dabei manchem anderen genau so wie mir gegangen sein.

Denn als ich zum ersten Male im Kommunistischen Manifest den lapidaren Satz las, daß alle historischen Kämpfe nur Klassenkämpfe seien, so dachte ich mir sogleich, daß bei der Entscheidung dieser. Kämpfe außer dem Klassencharakter auch noch andere Dinge mitgewirkt haben. Ich hatte dabei nicht die Empfindung, eine besondere Denkarbeit mit dieser Erkenntnis verrichtet zu haben.

An den aus diesem Gegensatz hervorgegangenen Streitigkeiten habe ich mich nicht beteiligt und werde ich mich nicht beteiligen, da ich mich für keine Kapazität in diesen Dingen halte. Wenn mich jemand zu den »Vulgärmarxisten« zählen will, so sei ihm dies unbenommen.

Nur möchte ich darauf aufmerksam machen, daß es mit solchen Schlagwörtern seine Bedenklichkeiten hat. Unter denen, die sich in dieser Sache streiten, will natürlich niemand »Vulgärmarxist« sein. Und da kommt es zu sonderbaren Erscheinungen.

Vor mir liegt die Nr. 7 des Jahrgangs 1913 der Zeitschrift »Der abstinente Arbeiter« mit einem Leitartikel: »Karl Marx und die proletarische Abstinenzbewegung.« Dort heißt es:

»Marx kannte die Alkoholfrage im heutigen Sinne nicht, und er konnte sie auch nicht kennen. Im Kommunistischen Manifest tut er die bürgerlichen Mäßigkeitsvereine mit anderen sozialen Quacksalbereien mit wenigen Worten ab ... Wir Arbeiterabstinenten müssen uns aber mit besonderem Stolz als Marxisten bezeichnen. Wir sind gerade durch unsere Propaganda Nachfolger des großen Denkers. Die Grundsätze, die Karl Marx entwickelt, wenden wir auf ein neues Gebiet an. Wir benutzen neue Entdeckungen und Feststellungen der Naturwissenschaft zu besserer Erkenntnis der gesellschaftlichen Erscheinungen.«

Nun, auch andere verkennen die »Verbindung von Natur- und Gesellschaftswissenschaft« nicht. Aber es heißt dann in jenem Organ der Abstinenten weiter:[65]

»Es wird so oft von Vulgärmarxisten gegen uns als Einwand erhoben: Ihr faßt die Entwicklung nicht vom Standpunkte des historischen Materialismus auf, ihr seid doch Ideologen. Die sozialen Verhältnisse müssen geändert werden, dann hört auch das Trinken auf« usw. Dann wird ein Satz von Engels zitiert, der mit Abstinenz und Alkohol gar nichts zu tun hat.

Hier haben wir es also unmißverständlich schwarz auf weiß: Wer kein Abstinent ist, der ist Vulgärmarxist.

Die ganze ungeheure Menge der Parteigenossen, die weder Säufer noch Abstinenten sind, wird von diesem Bannstrahl getroffen. Zwar wäre es für das genannte Blatt leicht, Marx selbst und Engels dazu auch zu »Vulgärmarxisten« zu stempeln, denn aus dem Briefwechsel zwischen Marx und Engels, sowie aus der letzteren bekannten Schrift »Preußischer Schnaps im deutschen Reichstag«1 geht hervor, daß beide im Sinne strenger Abstinenten »Alkoholiker« waren. Aber heute, da beide stumm sind, lohnt es sich besser, sie zu Vorläufern der Bewegung für strenge Abstinenz zu stempeln.

Nun, für gewissenhafte Genossen ist es ein schweres Schicksal, bei jedem Schluck Wein oder Bier oder gar Likör, den sie zu sich nehmen, sich mit dem »durchbohrenden Gefühl« des Vulgärmarxismus bepackt zu wissen! Aber man muß solch Unglück eben mit Würde tragen.

Solch Unheil richten oft Schlagwörter an. –

Man sagt dem Schwabenlande nach, daß ein Nichtschwabe dort nicht leicht richtig »warm werden« könne. Nachdem ich etwa drei Jahrzehnte in diesem Lande verbracht, muß ich bekennen, daß es sich in der Tat so verhält und daß die wenigen Ausnahmen nur die Regel bestätigen. Obschon ich »nicht weit her«, das heißt gleich über der Nordgrenze Württembergs zu Hause bin, habe ich mich doch nur langsam in manche schwäbische Eigenart hineingelebt. Das hat mich nicht gehindert, die vielen und großen Vorzüge des Landes und Volkes zu erkennen und zu würdigen. Die Schwaben sind ein im allgemeinen tüchtiges, im besonderen arbeitsames und unternehmendes Volk, das mit Recht sehr stolz auf seine schöne und mit vielen romantischen Reizen ausgestattete Heimat ist.

Aber mit der »politischen Freiheit«, die am Schwabenlande so oft gerühmt wird, hat es seine eigene Bewandtnis. Gewiß – die Schwaben haben mit ihrem sich durch Jahrhunderte hinziehenden Kampf um ihre alte Verfassung, den Tübinger Vertrag von 1514, den anderen deutschen Ländern ein rühmliches Vorbild gegeben. Aber es kommt eben nicht auf den Buchstaben eines Gesetzes, sondern auf die im Lande herrschenden materiellen Machtverhältnisse und auf dessen geistige Verfassung an. Darum sind auch viele der hervorragenden Geister, an denen Württemberg so reich und auf die es mit Recht so stolz ist, den absolutistischen Gelüsten[66] verschiedener Landesfürsten, sowie der Unduldsamkeit des Mucker- und Schreibertums2 zum Opfer gefallen. Die lange Reihe dieser Opfer fängt bei Frischlin an und geht über Johann Jakob Moser, Schubart, Schiller, Uhland und List bis auf Friedrich Theodor Vischer, Hermann Kurz, Robert Mayer, Georg Herwegh und Ludwig Pfau.

Merkwürdigerweise herrscht in dem Lande, das so viele Dichter und Denker hervorgebracht und dessen berühmter Sohn Uhland einst stolz einen preußischen Orden verschmähte, eine kleinliche Titelsucht, welcher durch eine ins Unendliche gehende Verleihung von Titeln Vorschub geleistet wird. Man könnte Württemberg das Land der Hofräte nennen.

Der Fremde, der heute in Württemberg das Land der Uhland, Hauff, Kerner und Schwab suchen wollte, würde arg enttäuscht werden. Diese Erscheinungen konnten nur auf einem kleinbürgerlichen und kleinbäuerlichen Boden gedeihen. Heute rollt die Walze einer gewaltig auftretenden Industrie über das Schwabenland hinweg. Der Kleinbürger ringt in aussichtslosem Kampf mit dem Großkapital und der Bauer mit der Lederhose wird von den Fabrikanten dezimiert. Nicht Dichter und Philosophen sind heute die Größen des Landes, sondern Papier-, Hut-, Filz-, Maschinen- und Zichorienfabrikanten. Unter diesen Verhältnissen ist die schwäbische Poesie, verglichen mit derjenigen früherer Zeiten, heute ein verkrüppeltes, kümmerliches Geschöpf geworden.

Auch die politischen Verhältnisse haben sich entsprechend geändert. Die Industrie mit ihrem Wachstum hat den Boden für eine moderne Arbeiterbewegung bereitet. Die alte Demokratie, die einst als »Volkspartei« sich dem ganzen Volke widmen wollte, bleibt heute innerhalb des engbegrenzten Gebietes bürgerlicher und kapitalistischer Interessen stehen. Ihre Erbschaft hat die Sozialdemokratie übernommen, die in energischem Klassenkampf für die Interessen des Proletariats eintritt, um auf diesem Wege zur Abschaffung der Klassenvorherrschaft überhaupt zu gelangen.

In den letzten Jahren ist die württembergische Sozialdemokratie in ihrer Weiterentwicklung durch höchst ärgerliche Streitigkeiten gestört worden. Die dadurch entstandenen Schwierigkeiten werden mit der Zeit überwunden werden.

Als ich nach so langer Abwesenheit in Norddeutschland mich wieder zu dauerndem Aufenthalt in Süddeutschland niederließ, heimelte mich zunächst alles an, was mir früher lieb gewesen, mir aber im Norden aus dem Gesichtskreis entschwunden war. Welch ein Vergnügen, als ich das erste Herbstfest mitmachen konnte! Die schwäbischen Herbstfeste gefielen mir nicht so wie jene in meiner fränkischen Heimat, die mir aus meiner Jugend erinnerlich waren. Zu Wertheim besaß eine meiner Tanten Weinberge am rechten Mainufer oberhalb der Stadt. Zur Zeit der Weinlese fuhr[67] man auf festlich geschmückten bewimpelten Schiffen dahin und konnte sich einmal tüchtig an Trauben erlaben. Unten am Ufer bei den Schiffen standen die mächtigen Kufen, in denen die Trauben aufgehäuft wurden. Sie wurden von Knechten und Mägden »ausgetreten«3; die Knechte taten dies in hohen Stiefeln, die vorher am Flusse sorgfältig abgewaschen wurden; die Mägde hob man mit bloßen Füßen in die Kufen hinein, nachdem sie die Füße im Flusse gebadet. So wurde damals das Auspressen der Trauben besorgt und niemand nahm Anstoß daran. Des Abends fuhr man mit den Schiffen fröhlich den Main hinab nach der Stadt, wobei Raketen stiegen, Schüsse krachten und lustige Weisen gespielt, sowie entsprechende Lieder gesungen wurden. Die schwäbischen Herbstfeste trugen einen anderen Charakter; aber auch bei ihnen spielten Musik und Tanz eine Hauptrolle.

Der süddeutsche Wald, den ich so sehr geliebt, erschien mir nun nicht mehr großartig wie früher; ich hatte im Norden, namentlich in Schleswig-Holstein, im Oldenburgischen und am Harze. Waldungen gesehen, die üppiger waren als die süddeutschen. Um so mehr freute ich mich, wieder nach Belieben auf Berge steigen zu können, nachdem ich so lange in der Ebene gelebt.

In Württemberg und Baden war inzwischen eine neue Generation herangewachsen; von den alten Verwandten, Bekannten und Freunden waren viele gestorben; bei vielen anderen hatten die Sozialdemokratie und das Sozialistengesetz eine unübersteigbare Scheidewand zwischen ihnen und mir aufgerichtet, was ich bei den wenigsten bedauerte. Auf dem Friedhof zu Ladenburg am Neckar stand ich am Grabe des einstigen Pfarrers von Ziegelhausen, Christoph Schmezer; er war bei aller »Feuchtfröhlichkeit« zweiundachtzig Jahre alt geworden. Das Pfarrhaus am Neckar, das so lange der Mittelpunkt einer Welt von Fröhlichkeit. Humor und Poesie gewesen, war nun seines Reizes verlustig gegangen.

Der Name dieses bedeutenden Mannes, dessen astronomische Arbeiten einst in wissenschaftlichen Kreisen viel Beachtung und auch in Unterrichtsanstalten Verwendung fanden, ist heute nur noch wenig bekannt. Aber seine populäre Melodie zum »Herrn von Rodenstein« und zum »Enderle von Ketsch« erschallen heute noch überall, wo sich fröhliche Deutsche zum »löblichen Tun« des Altmeisters Goethe versammeln. Trotzdem hat ihn kein Konversationslexikon gewürdigt. Dagegen verfolgte ihn ultramontaner Haß noch zwanzig Jahre nach seinem Tode. Der »Pfälzer Bote« schrieb im April 1902 aus Ziegelhausen: »Die Jubiläumsfeier ist geeignet, einige geschichtliche Remiszenzen wachzurufen. Es war in den Revolutionsjahren, als auch ein großer Teil der Ziegelhäuser unter Führung des damaligen protestantischen Pfarrers revoltierten. Der damalige katholische Pfarrer und spätere Domdekan Weickum wurde sogar tätlich mißhandelt wegen seines loyalen Verhaltens und[68] seiner Treue zu dem angestammten Herrscherhaus. – Damals ereignete es sich auch, daß abends ein jugendlicher, von den Revolutionären verfolgter Flüchtling in das ehemalige Forsthaus, jetzt katholisches Pfarrhaus, kam, um daselbst die Nacht zuzubringen. Schon in aller Frühe, vor Tagesanbruch, wurde derselbe von einem braven Mann, dem alten Waldhüter Schmitt über den Neckar gefahren, worauf er auf dem anderen Ufer seine Flucht fortsetzte. Der damalige Flüchtling feierte dieser Tage sein 50jähriges Regierungsjubiläum, es ist Se. Königl. Hoheit der Großherzog.« – Wenns wahr ist! Aber Christoph Schmezer war immer ein loyaler Staatsbürger.

In einem bürgerlichen Bekanntenzirkel wurde ich sauersüß empfangen und mußte es den Leuten noch zu ihren Gunsten anrechnen, daß sie sich dazu überhaupt aufschwangen. Als ich schied, begleitete mich einer ein Stück und frug sehr eindrücklich nach der Geheimorganisation der Sozialdemokratie. Ich tat erst, als hörte ich nicht; da er aber durchaus nicht nachließ, so frug ich endlich, warum er sich denn so sehr für diese Sache interessiere. Der Biedermann – ein Postbeamter – erwiderte darauf, er wolle die Sache der Regierung anzeigen; das sei seine Pflicht und diene zum Besten des Vaterlandes. Tief angeekelt wendete ich mich von so viel »Gesinnungstüchtigkeit« und – Schlauheit ab. –

In Cannstatt, resp. in Stuttgart, wohin ich nach anderthalb Jahren übersiedelte, arbeitete ich für den Dietzschen Verlag, namentlich für die von Bruno Geiser redigierte Zeitschrift »Neue Welt«. Auch bei der »Neuen Zeit, die damals in Stuttgart gegründet und wie jetzt, so auch damals von Karl Kautsky redigiert wurde, war ich längere Zeit ständiger Mitarbeiter. Bald ward auch der in Hamburg untergegangene »Wahre Jakob« wieder aufgetan, dessen Redaktion ich in den ersten Jahren allein und selbständig führte. Später übernahm der Verleger Dietz die Redaktion selbst, und ich blieb Mitarbeiter. Meine pekuniären Verhältnisse verbesserten sich von da ab beständig, da viel Mitarbeiterschaft für andere sozialistische Blätter hinzukam. Mit dem Falle des Sozialistengesetzes gestaltete sich mein Einkommen so, daß es für meine Bedürfnisse so ziemlich genügte.

Die Sozialdemokratie tat damals schwer im Schwabenland, wie man dort sagt. Die Bewegung war auch noch sehr klein. Der Reichstagswahlkreis Cannstatt, der 1912 den Sozialdemokraten Wilhelm Keil mit mehr als 20,000 Stimmen gewählt hat, gab 1884, als ich dort als Zählkandidat proklamiert war, 597 Stimmen für mich ab. Das Sozialistengesetz wurde im allgemeinen nicht so streng gehandhabt im Schwabenland, wie es anderwärts üblich; immerhin gab es eine große Anzahl von Verboten. Konfiskationen und Verhaftungen; an Verurteilungen wegen verbotener Schriften und wegen Geheimbündelei fehlte es auch nicht. Aber in Württemberg hatte die Sozialdemokratie mit einem äußerst rückständigen Spießbürgertum zu kämpfen, namentlich bei der »deutschen Partei«, wie sich die Nationalliberalen bescheiden getauft hatten. Die[69] Dickköpfigkeit und Gehässigkeit dieses Spießbürgertums ließ es nicht erkennen, daß die Sozialdemokratie nicht eine »von Agitatoren künstlich gemachte«, sondern naturgemäß aus den Verhältnissen hervorgewachsene Bewegung ist. Die Organisationen, die politischen und die gewerkschaftlichen, waren in der Hauptstadt und im Lande noch klein, und ich habe damals durch zahlreiche Versammlungen in allen Landesteilen zu deren Stärkung und Ausbreitung mein Teil beigetragen.

Die Gegensätze zwischen »Eisenachern« und »Lassalleanern« waren überwunden. Dagegen gab es eine Menge anderer Differenzen. Übrigens kam es damals nur selten vor, daß sich die Differenzen innerhalb der Partei zu direkten persönlichen Feindschaften auswuchsen. Dies blieb mehr einer späteren Zeit vorbehalten.

Die »Neue Zeit« und die »Neue Welt« blieben von der Polizei unbehelligt. Dagegen war die sozialdemokratische (»farblose«) Lokalpresse in Stuttgart mehrfach von der Polizei unterdrückt worden. Erst dem Buchdrucker Georg Baßler gelang es, im »Schwäbischen Wochenblatt«4 ein Lokalorgan zu schaffen, dessen Bestand von Dauer war. Baßler, ein wohlbegabter und unternehmender Mann, hat der württembergischen Sozialdemokratie in den gefährlichsten Zeiten des Sozialistengesetzes große Dienste geleistet. Seine originelle urschwäbische Art ermöglichte ihm, mit seiner Propaganda in Kreise einzudringen, die anderen verschlossen waren. Auch verstand er sehr gut die Polizei zu täuschen, was damals sehr nützlich war.

Eine sehr interessante Persönlichkeit innerhalb der württembergischen Sozialdemokratie war der Patriarch von Untertürkheim, Albert Friedrich Benno Dulk. Ich hatte ihn auf dem Gothaer Kongreß von 1875 kennengelernt, wo er die Errichtung einer sozialdemokratischen Akademie beantragte, was abgelehnt wurde. Dulk stammte aus der »Stadt der reinen Vernunft« und war ursprünglich Apotheker; später studierte er noch Medizin und Naturwissenschaften. Seine politische Rolle begann er 1845 als Student in Leipzig, wo er am Grabe der Opfer des Gemetzels vom 12. August 1845 – auch Robert Blum und Wilhelm Jordan sprachen dort – eine feurige Ansprache hielt. Er ward aus Leipzig ausgewiesen und in Halle auf kurze Zeit verhaftet. In Breslau, wo er sein Doktorexamen bestand, wurde ihm nicht gestattet, an der Universität zu lesen. Er kehrte ins väterliche Haus nach Königsberg zurück und beschäftigte sich mit lyrischen und dramatischen Dichtungen. Johann Jacoby, Ludwig Walesrode, der damalige revolutionäre Demokrat Wilhelm Jordan, Robert Schweichel und verwandte Geister gehörten zu seinem täglichen Umgang. In diesem Kreise fand sein revolutionäres Drama »Orla« viel Anerkennung.[70]

Es war während der Aufführung von Dulks Drama »Lea«5 im Königsberger Stadttheater Ende Februar 1848, als die Nachricht von der Revolution in Paris eintraf. »Die Sturmglocken der Freiheit läuten«, rief Dulk am Schluß der Vorstellung ins Publikum, das mit brausendem Jubel antwortete.

Dulk stürzte sich mit Leidenschaft in den nun auch in Deutschland sich erhebenden revolutionären Strudel. Er gründete ein Arbeiterblatt: »Der Handwerker«, das aber nur fünf Nummern erlebte. Die bald kommende Reaktion vertrieb ihn aus Deutschland. Er ging erst nach Ägypten und lebte dann, seinem Hange zur Einsamkeit folgend, sechs Monate in einer Höhle am Sinai, sich religionsphilosophischen Betrachtungen hingebend. Er war schon im Jahre zuvor aus der Kirche ausgetreten.[71]

Nach Deutsch land zurückgekehrt6, verließ er die Heimat wieder, nach dem er sich verheiratet, und lebte acht Jahre in einem von ihm angekauften einsamen, hoch über dem Genfersee gelegenen Bauernhause, wo er sich mit dramatischen Arbeiten und philosophischen Studien beschäftigte. 1858 gab er die Einsamkeit auf und ließ sich in Stuttgart nieder. Er bewegte sich in den Kreisen der in Württemberg wieder einflußreich und mächtig werdenden bürgerlichen Demokratie. Nach und nach wurde er in Württemberg eine sehr populäre Persönlichkeit. Es umgab ihn ein romantischer Hauch, wie er heute kaum mehr vorkommt. Für die Schwaben blieb er aber immer ein exotisches Gewächs, und sie spannen ihn in eine Menge von Legenden ein. Am meisten angefeindet wurde er von dem in Schwaben so zahl- und einflußreichen Muckertum wegen seines Atheismus.

Zu seiner Popularität trugen auch Dinge bei, die weder mit Politik, noch mit Religion, noch mit Literatur zu tun hatten. Dulk war ein Natur- und Kraftmensch, der im strengen Winter im Flusse badete; so ist es erklärlich, daß ihn die Kraftleistung Byrons, der in einer Stunde und zehn Minuten die engste Stelle des Hellespont überschwommen, zur Nachahmung reizte. Im Sommer 1805 schwamm Dulk über den Bodensee an dessen breitester Stelle von Romanshorn nach Friedrichshafen, ohne das ihn begleitende Boot nur einmal zu benützen. Er schwamm sechseinhalb Stunden, und die Kraftleistung Byrons blieb sonach hinter der seinen weit zurück. Die Sache machte Aufsehen in den weitesten Kreisen7; sie ist auch heute noch in Schwaben nicht vergessen. Wo man hierzulande von Dulk sonst nichts mehr weiß, erzählt man doch noch davon, daß er den Bodensee durchschwommen hat.

Den stärksten romantischen Schimmer warf auf Dulks Lebenslauf sein Verhältnis zu den Frauen. Dulk war ein entschiedener Gegner der Einehe. Er nannte sie »eine Beschränkung der ihm innewohnenden Liebesfähigkeit, einen Käfig, der bloß aus Gittern von anderen, von Menschenhand geschmiedet«. Er wollte sich in den Käfig »nicht gutwillig einsperren lassen«, und er zerbrach seine Gitter. Er fand die Frauen, die auf seine Wünsche eingingen und mit ihm zusammenlebten. Eine Menge Legenden gingen über diese Sache im Volke um; einfältige Leute erzählten sich, der König habe ihm die Vielehe ausdrücklich erlaubt, was doch gar nicht in dessen Macht lag. Indessen kümmerte sich die Polizei, welche doch in Schwaben so eifrig auf Veranlassung der Mucker die Wahrung »bürgerlicher Moral« beitreibt, nicht um das Dulksche Familienleben, welches,[72] so lange Dulk zur bürgerlichen Demokratie gehörte, lediglich ein Gegenstand des Kaffeee- und Wirtschaftsklatsches blieb. Als aber später Dulk zur Sozialdemokratie übertrat, änderte sich die Sache. Sein Familienleben gewann eine politische Bedeutung. Das Spießbürgertum hatte von jeher der Sozialdemokratie Vielweiberei und Weibergemeinschaft angedichtet; nun hieß es, wenn Dulk bei einer Wahl kandidierte, in den gegnerischen Zeitungen und Flugblättern: »Da sieht mans ja; das Zukunftsideal der Sozialdemokratie hat Dulk bereits verwirklicht!« Es ist nicht zu bestreiten, daß die Sozialdemokratie in ihrer Propaganda dadurch vielfach gehemmt worden ist, so sehr Dulk auch bemüht war, durch eine eifrige Tätigkeit in Wort und Schrift die Arbeiterbewegung zu fördern.8

Nach der Begründung des Deutschen Reiches ließ sich Dulk dauernd in Unterdürkheim bei Stuttgart nieder.9 Von da aus suchte er bald die Waldeinsamkeit auf, bald ging er auf Reisen, wie nach Norwegen und Lappland. 1873 trat er offiziell zur Sozialdemokratie über und zwar zu den Lassaleanern im Allgemeinen deutschen Arbeiterverein.

Sein Lebensgang vor dieser Zeit ist so ausführlich wiedergegeben, weil er den damaligen Parteigenossen wenig bekannt war und weil man seine Geistesarbeit zu wenig gewürdigt hat.

Er beteiligte sich nunmehr eifrig an der sozialdemokratischen Agitation, die ihn mehr befriedigte, als die Tätigkeit bei der bürgerlichen Demokratie, von der so viele bei der Reichsgründung zu den Nationalliberalen übergegangen waren. Aufsehen erregte seine Disputation mit dem Sozialistentöter Pfarrer Schuster 1875 in der Liederhalle zu Stuttgart.

Es kam die Zeit des Sozialistengesetzes. Dulk wurde kurz vor dessen Erlaß wegen eines Flugblattes, das er als Reichstagskandidat für Stuttgart herausgegeben, zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, welche Strafe er in Heilbronn verbüßte.

Theobald Kerner erzählte mir, daß Dulk, als er aus dem Gefängnis kam, bei ihm erschienen und gesagt habe: »Jetzt haben wir das Sozialistengesetz; es bleibt uns nichts übrig, als eine neue Religion zu stiften.« Darauf habe er (Kerner) geantwortet: »Wenn Du es tun willst, so tu' es allein; ich mache nicht mit.« Es ist bekannt, daß Kerner gerne[73] allerlei Witze machte, bei denen es mit der Wahrheit nicht so genau genommen wurde; unmöglich ist aber die Sache nicht. Als bald darauf der Freidenkerbund gegründet wurde, trat Dulk diesem bei, und unter seiner Leitung bildete sich die erste freie Gemeinde in Württemberg zu Stuttgart, der er sich mehr widmete, als der Partei.

Von Cannstatt, wo ich mich niedergelassen, kam ich oft mit ihm in Versammlungen zusammen; in seine Familie kam ich nicht, da ich viel ab wesend war und er schon 1884 starb.

Einen großen Teil der Zeit meines Aufenthalts in Schwaben habe ich in Cannstatt verbracht. Ein Hauptgrund war, weil es dort nicht so heiß und leichter eine billige Wohnung zu bekommen war, wie in Stuttgart. Sonst hatte die Stadt ihre Reize verloren, die sie früher zu einem berühmten Badeort und Sommeraufenthalt gemacht.10 Als ich im Jahre 1867 Cannstatt zum ersten Male sah, stand das Badeleben noch in der Blüte, und in der Saison tummelte sich eine fröhliche Menschenmenge bei den Klängen der Badekapelle auf der Insel im Neckar und im Kurgarten. Die aufblühende Industrie hat bald die Bedeutung Cannstatts als Badeort beseitigt. Immerhin blieb Cannstatt für die Fremden merkwürdig durch die beiden Königsschlösser Rosenstein und Wilhelma und den Kurgarten. Für die Einheimischen hat es noch eine besondere Anziehungskraft durch den roten Wein, der auf den steilen und sonnigen Anhöhen auf dem rechten Neckarufer wächst und »Zuckerle« genannt wird, was nicht bei allen Jahrgängen zutrifft.

Mich interessierte am meisten das Denkmal von Ferdinand Freiligrath auf dem Uffkirchhof. Der prächtige Kopf des »Trompeters der Revolution« ist von Donndorf meisterhaft wiedergegeben. Hierher pilgerte ich oft, wenn meines Lebens Bedrängnisse mich gar zu hart anfaßten, und schöpfte neuen Mut, wenn ich daran dachte, wie tapfer der Dichter in den »Fährten und Nöten« seines bewegten Erdenwallens sich gehalten. Sechs Jahre zuvor war er aus dem Leben geschieden, und ich bedauerte tief, daß ich zu spät gekommen, um noch den Zauber seiner Persönlichkeit auf mich wirken zu lassen. Hier hatte sich im »jungen Hasen«, wo Freiligrath wohnte, das lustige »trinkbare« Kleeblatt zusammen gefunden, dem »die drei Räte«, nämlich der Hof rat Theobald Kerner, der Oberbaurat Morlock11 und Freiligrath angehörten und welches durch den Oberamtsrichter und Dichter Ganzhorn von Neckarsulm vierblättrig wurde. In Freiligraths Gelegenheitsgedichten spiegelt sich das interessante Treiben dieser Tafelrunde, bei der auch Scheffel,[74] Schmidt-Weißenfels und Ludwig Walesrode erschienen. Letzterer sagte immer, wenn die Rede auf Freiligrath kam, dieser habe bis zuletzt an seinen sozialistischen Anschauungen festgehalten. Bekanntlich wird heute noch, namentlich von literarischen Schulmeistern in Sachsen, bestritten, daß Freiligrath jemals der sozialdemokratischen Partei angehört. In den Nachschlagebüchern wird darüber zum mindesten mit Schweigen hinweggegangen. Von anderem abgesehen bildet die Tatsache, daß Freiligrath neben Marx und Engels dem Redaktionsstab der »Neuen Rheinischen Zeitung« angehört hat, einen unanfechtbaren Beweis für seine Zugehörigkeit zur Sozialdemokratie. Diese Zugehörigkeit hat der Dichter nirgends abgeschworen, wenn er auch später vom politischen Leben sich zurückzog. Seine sechs Zeitgedichte von 1870 enthalten, wie ich an anderer Stelle dargetan12, nirgends eine Verleugnung seiner sozialdemokratischen Überzeugungen.

Als Freiligrath starb, erfuhr das behäbige Bürgertum von Cannstatt zum Teil erst, welch ein berühmter Mann am Platze gewohnt, als die Stadt Detmold ihren großen Sohn herausverlangte. Es wurde aber dann durchgesetzt, daß er in Cannstatt begraben wurde.

In Cannstatt setzte das Spießbürgertum der sozialdemokratischen Bewegung einen noch größeren Widerstand entgegen, als in Stuttgart. Besonders reaktionär zeigten sich trotz ihrer manchmal so traurigen Lage die Weingärtner (Wingerter), die schon 1848 wie ein Bleigewicht an der Volksbewegung hingen und dem Demokraten Ludwig Pfau wegen eines Gedichts in seinem Witzblatt »Eulenspiegel« bewaffnet in die Wohnung fielen und sie demolierten. Andere rückständige Elemente gab es unter den angesessenen Geschäftsleuten und Rentiers, die im ganzen Lande verschrien waren und daher einen aus alter Zeit überkommenen Spitznamen trugen.13

Zu Cannstatt gab es eine nicht unbedeutende bürgerliche Demokratie, die mehrmals das Reichstagsmandat eroberte. Die Demokraten lasen gerne das sozialistische »Schwäbische Wochenblatt« wegen dessen freimütiger Kritik der lokalen Verhältnisse; aber nicht alle wagten es zu abonnieren und so übernahm dessen Austeilung die behäbige Wirtin zum Rößle, die mehr Courage hatte, als die bei ihr verkehrenden demokratischen Philister. Ihr Mann, eine sehr lustige Persönlichkeit, war der Gegenstand jenes bekannten humoristischen Bildes, das sich auf die Kapitulation von Paris im Jahre 1870 bezieht. Das Bild wurde an Bismarck geschickt, der es aber nicht annahm, weil es nicht vorher angemeldet worden. Es[75] erhielt alsdann durch den Lahrer »Hinkenden Boten« eine weite Verbreitung.14 Dieser Witz war ungleich besser als jener, den sich der »Hinkende Bote« früher mit Bismarck leistete. 1865 hatte er dessen Bild gebracht mit der Unterschrift: »Das ist Er!« und 1866. nachdem Süddeutschland besiegt war, brachte er es wieder mit dem Sprüchlein: »Exzellenz, wir haben nicht gewußt, daß in Ihrer Brust ein so großes deutsches Herz schlägt.«

Aber es gab auch noch andere Demokraten, die sich nicht vor der Polizei fürchteten und entschlossen waren, die Sozialdemokratie in ihrem Kampfe gegen die übermächtige Reaktion zu unterstützen. Die Sozialdemokratie konnte bei der damaligen Handhabung des Sozialistengesetzes keine öffentliche Organisation bilden. Eine Anzahl radikaler bürgerlicher Demokraten bildete nun den »Neuen Volksverein«, und in diesen trat die Sozialdemokratie, die in Cannstatt einen Kern tüchtiger und politisch geschulter Arbeiter gesammelt hatte, ein. So blieb der Verein bestehen, und[76] die tapfere Gesinnung jener Demokraten, die meist kleine Geschäftsleute waren und viel riskierten, muß unbedingt anerkannt werden, um so mehr, als die Sozialdemokraten im »Neuen Volksverein« kein Titelchen von ihren Prinzipien aufzugeben brauchten.

Der »Neue Volksverein« war wesentlich das Werk von Menrad Glaser, einem sehr begabten und eifrigen Schriftsetzer, welcher die sozialistische Bewegung in Cannstatt leitete und in der Folge mit mir befreundet wurde. Glaser, der sich die Eroberung des Cannstatter Landtagsmandats zum Ziel gesetzt hatte, suchte namentlich die zahlreiche Arbeiterschaft der »Reparatur«, der großen, in Cannstatt befindlichen Eisen bahnwerkstätte, für die Sozialdemokratie zu gewinnen. Die »Reparatur«, die bisher überwiegend nationalliberal gewählt hatte, auf diesem status quo zu erhalten, war der dort angestellte Arzt, Medizinalrat Dr. Blezinger, tätig, als Mensch und Arzt gleich vortrefflich, aber damals überzeugt, daß das Sozialistengesetz eine vortreffliche Einrichtung sei. Später dachte er anders, wie er mir oft gesagt hat. Dieser interessante Kampf zwischen Medizinalrat und Schriftsetzer endete mit dem völligen Siege des letzteren. Glaser wurde 1895 in den württembergischen Landtag gewählt, wo er erfolgreich wirkte. Leider wurde dieser verdienstvolle Sozialdemokrat und lautere Charakter, der das Vertrauen der Arbeiter in außerordentlichem Maße besaß und durch seine volkstümliche, echt schwäbische Art auch außerhalb der Partei viel Entgegenkommen fand, schon mit 43 Jahren vom Tode dahingerafft. Das Hinscheiden dieses mutigen Mitkämpfers, der mit seinem gesunden Menschenverstand das Richtige oftmals weit eher traf, als manch »gelehrtes Haus«, ward in der württembergischen Arbeiterschaft schwer empfunden.

Kaum war ich vom Kopenhagener Kongreß nach Cannstatt zurückgekehrt, als sich auch schon die Polizei regte. Ein sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter und noch dazu ein Ausgewiesener, von dem »eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung« – laut polizeilicher Bescheinigung »zu besorgen«, im Ort – dem konnte der löbliche Oberbürgermeister nicht so ruhig zusehen. Ich erhielt eine Vorladung aufs Stadtschultheißenamt. Dort fand ich einen kleinen Mann vor, dem man das erhebende Bewußtsein, der »Oberbürgermeister« eines Städtchens von 20,000 Einwohnern zu sein, schon von weitem ansah. Er trat recht schneidig auf und begann alsbald mit der Vorlesung der drei Ausweisungsbefehle, welche die Polizeibehörden von Hamburg, Altona und Harburg mir nach Cannstatt nachgesandt hatten. Die Ausweisung konnte nämlich nur auf ein Jahr verhängt werden und wurde jedesmal nach dem Ablauf dieser Frist erneuert, worauf zu bescheinigen war, daß ich die Urkunde zugestellt erhalten. Die Vorlesung erfolgte mit großem Nachdruck, und bei dem Satze, daß ich eine Persönlichkeit sei, von der man »eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung« besorgen müsse, erhob sich die Stimme des Stadtoberhauptes zur höchsten obrigkeitlichen Feierlichkeit.[77]

Nachdem das erste Aktenstück erledigt, sagte ich:

»Die Mühe des Vorlesens können Sie sich ersparen; ich kenne diese Schriftstücke sehr genau.«

»Sooo!«

»Es handelt sich«, fuhr ich fort, »um drei Unterschriften. Diese zu geben bin ich jederzeit bereit. In künftigen Fällen aber bitte ich Sie, mir die Urkunden durch einen Polizisten in meine Wohnung zu senden.«

»Wenn Sie vorgeladen werden, haben Sie zu erscheinen«, sagte er mit vieler Würde.

»Gewiß«, antwortete ich. »Aber wenn der Reichstag in Sitzung oder vertagt ist, brauche ich mich um polizeiliche Vorladungen nicht zu kümmern.«

»Das weiß ich«, knurrte er unwirsch.

Aber die Ausweisungsbefehle wurden mir von da ab ins Haus geschickt.

Damit hatte ich es mit dem Stadtgewaltigen verdorben, und er verfolgte mich mit allerlei Schikanen, wobei er indessen meist den kürzeren zog.

Trotz des Sozialistengesetzes war damals in Stuttgart, Cannstatt und Umgebung die sozialdemokratische Agitation eine sehr lebhafte. Sie war mit Gefahren verknüpft, denn viele Zusammenkünfte mußten geheim abgehalten werden, namentlich wenn es sich um Abrechnungen, Verbreitung des Züricher »Sozialdemokrat« oder dergleichen handelte. Es kam vor, daß die Landesversammlung der württembergischen Sozialdemokratie, die gewöhnlich hier im Zentrum des Landes stattfand, im Walde auf dem Kappelberg, zwischen Fellbach und Untertürkheim, abgehalten werden mußte. »In des Waldes tiefsten Gründen« fanden überhaupt viele Parteiversammlungen statt, wobei die Frauen einen eifrigen und zuverlässigen Wachtdienst versahen. Bei sehr vielen geheimen Versammlungen, die in Wirtschaften stattfanden, mußte der Wirt, wenn er nicht im Einverständnis war, über den Zweck der Zusammenkunft getäuscht werden, woraus sich, wenn die Versammlung von der Polizei gestört wurde, nachher je nach Umständen komische oder tragikomische Differenzen mit dem Wirt ergaben. Die jüngere Generation hat keine Ahnung von den Schwierigkeiten dieser Agitation. Wenn die Mitglieder des in Eßlingen längere Zeit tagenden Landes-Komitees eine Sitzung abhalten wollten, mußten sie sich einzeln in den Garten des Wirtshauses »zur Traube« schleichen, wo an der Gartenmauer ein Ecktürmchen mit einem kleinen Gemach stand. Dort berieten sie. Im übrigen zeichnete sich die schwäbische Polizei nicht durch Scharfsinn aus. So fand einst in Stuttgart eine geheime Versammlung behufs Abrechnung statt. Alle kompromittierenden Papiere, betr. die Beiträge zur verbotenen geheimen Verbindung und die Verbreitung verbotener Drucksachen, waren vorhanden. Wenn sie der Polizei in die Hände fielen, konnte sie uns tüchtig hineinlegen. Wir tagten im Saal einer bekannten Wirtschaft mitten in der Stadt. Vorsichtshalber war ein großes Faß Bier aufgelegt und darauf wollten wir für den Fall der polizeilichen Störung die Ausrede begründen, daß wir[78] den Abschied eines Parteigenossen feierten, der eine längere Gefängnisstrafe anzutreten hatte. Ich sprach gerade, als die Tür aufgerissen wurde und der wohlbekannte, speziell mit der Sozialistenverfolgung betraute lange Fahnder-Fourier, von uns das »Leiden Christi« genannt, mit sechs anderen Ordnungsrettern hereinbrach. Sowie ich ihrer ansichtig wurde, änderte ich meine Rede mitten in dem Satze in einen Trinkspruch auf den ins Gefängnis gehenden Parteigenossen um. Der Fahnder-Fourier trat heran und frug mich nach dem Zweck der Versammlung und ich antwortete mit sicherer Überlegenheit: »Wir feiern den Abschied unseres Freundes So und So!«, wobei mir aber gar nicht wohl war, denn wenn wir nun durchsucht würden, so konnten wir uns darauf gefaßt machen, auf längere Zeit hinter die schwedischen Gardinen spediert zu werden. Der Vertreter der heiligen Hermandad sah mich erst scharf an, dann wurde er, als ich keine Verlegenheit verriet, unschlüssig, und endlich zog er sich in eine Ecke zurück. Wir schlossen die gefährliche »Abschiedsfeier« baldmöglichst und trugen das Belastungsmaterial ungestört nach Haus. Nachher erhielten wir eine Ordnungsstrafe von 30 Mark wegen unangemeldeter Versammlung.

Es gab auch Polizeibeamte, die so etwas wie ein demokratisches Gewissen hatten, die das Sozialistengesetz überhaupt nicht billigten und uns durchschlüpfen ließen, wo sie konnten. So kam es vor, daß bei einer in Eßlingen geheim stattfindenden Landesversammlung plötzlich ein Polizeikommissär unter uns erschien und sagte: »Etzel ischt's aber gnua!«, worauf wir uns schleunigst zerstreuten. Es kam weiter nichts nach. Zu Cannstatt saßen wir eines Abends, etwa zehn Mann, wegen Abrechnung in einem Zimmer des oberen Stockwerks einer Wirtschaft. Die Fenster waren der sommerlichen Hitze wegen offen. Da ertönte auf der Straße eine Stimme sehr laut:

»Etzet werd i des Nescht do obe emol ausnemme!«

»Der Polizeikommissär!« rief einer, und wir stürzten eiligst hinab in die Wirtschaft, denn wir hatten verstanden. Zehn Minuten später traf die Polizei ein und fand uns gemütlich beim Bier sitzend.

Um diese Zeit kam der in jener Zeit schier unglaubliche Fall vor, daß ich in dem alten Hohenstaufenstädtchen Waiblingen den Rathaussaal zu einer Wahlversammlung erhielt. Wie das zuging ist nicht uninteressant.

Die Waiblinger Spießbürgerschaft war nach der Revolution von 1848 musterhaft reaktionär geworden. Als 1850 der von Waiblingen gebürtige Wilhelm Binder, Redakteur des demokratischen »Neckardampfboot« in Heilbronn, vierfach wegen Preßvergehen angeklagt, vor den Geschworenen erscheinen mußte, war im »Schwäbischen Merkur« zu lesen:

»Verwahrung. Waiblingen. Der von hier gebürtige Wilhelm Binder, welcher in vier Kriminalprozesse vor dem Schwurgericht verwickelt ist, wohnt schon seit neun Jahren nicht mehr hier15 und hat die[79] ihm angeschuldigten Handlungen auch nicht hier begangen. Den 18. Febr. 1850. Der Gemeinderat

Der Bösewicht kam auf den Asperg und hat seinen dortigen Aufenthalt in einer sehr interessanten Broschüre beschrieben, was die Waiblinger jedenfalls in ihrer Auffassung von seiner unheilvollen Verderbtheit bestärkt hat.

Ob sie nunmehr, nachdem inzwischen drei Jahrzehnte vergangen, sich schon von ihrem Schreck vor dem Rötlichen genügend erholt hatten, weiß ich nicht; es traten aber Umstände ein, welche sie bewogen, in einem Moment voll Selbstverleugnung sich dem ganz Roten zuzuwenden. Und das kam so.

Bald nachdem ich nach Cannstatt gekommen, wurde ich als Zählkandidat für den zweiten württembergischen Reichstagswahlkreis bestimmt. Es sollte nunmehr auch in Waiblingen, wo noch niemals eine sozialdemokratische Kundgebung stattgefunden, eine Wählerversammlung einberufen werden. Als nun ein Parteigenosse sich nach einem Saal umsah, erhielt er von zwei Waiblinger Bürgern die überraschende Mitteilung, daß wir für unsere Versammlung den Rathaussaal haben konnten; wir brauchten nur eine Eingabe an den Gemeinderat zu machen. Die überwältigende Mehrheit des Gemeinderates stehe nämlich mit dem Stadtschultheißen dermaßen »überzwerch«, daß sie aus reiner Bosheit und nur, um das Stadtoberhaupt zu ärgern, für die Überlassung des Rathaussaales stimmen würde.

Natürlich wurde die Eingabe gemacht, und richtig wurde uns der Rathaussaal bewilligt, trotzdem sich der Stadtschultheiß wie rasend geberdete, weil nun die Agitation der »Umsturzpartei« gleichsam offiziell auf dem Rathause gefördert werden sollte. Er wollte schlau sein und die Sache hintertreiben, indem er uns den Beschluß des Gemeinderates so spät mitteilte, daß der in der Eingabe gewünschte Termin für die Versammlung nicht mehr eingehalten werden konnte. Da kannte er uns aber schlecht, denn wir wiederholten einfach die Eingabe, verlangten einen anderen Termin, der Gemeinderat stimmte wieder zu, und so kam die Versammlung an einem Sonntagnachmittag zustande.

In Waiblingen gab es damals noch keine Industrie, einige Ziegeleien ausgenommen, die meist fremde Arbeiter beschäftigten, von denen wir nicht wußten, wie sie sich verhalten würden. Es begleitete mich daher etwa ein Dutzend Parteigenossen aus Cannstatt, denn es war schon oft vorgekommen, daß unsere Redner an solchen, von unserer Agitation noch unberührten Orten mit den »geistigen Waffen« gewisser Gegner, nämlich mit Prügeln bedroht oder wirklich traktiert worden waren. Als wir in Waiblingen ankamen, erfuhren wir sogleich, daß von den dort wohnhaften Arbeitern keiner zur Versammlung kommen würde, denn die Versammlungen auf dem Rathause seien »nur für die Herren«. In der Tat fanden wir, als wir den Rathaussaal betraten, die Hautevolee des Städtchens dort versammelt, nämlich die Beamtenschaft und einige Kaufleute, die[80] mit überaus ernsten und strengen Gesichtern in den ersten Reihen saßen; hinter ihnen saß neugierig das mittlere und Kleinbürgertum. Arbeiter waren gar keine da; von den Gemeinderäten, die uns den Saal verschafft, machte sich auch keiner bemerkbar. Der Stadtschultheiß tat sich durch eine besonders strenge und grimmige Miene hervor. Es herrschte eine unheimliche Stille in dem dicht besetzten Saal. Man sah es den »Honoratioren« der Waiblinger an, daß sie uns als Verbrecher betrachteten und hofften, daß die Gelegenheit nun kommen werde, uns moralisch zu vernichten.

Ich konnte kaum das Lachen verbeißen und beschloß, mit diesen Philistern mir einen Spaß zu machen.

Glaser eröffnete die Versammlung, stellte mich als den Reichstagskandidaten der sozialdemokratischen Partei vor, und ich begann meine Rede, die während ihrer ganzen Dauer lautlos angehört wurde. Ich habe niemals bei meinem öffentlichen Auftreten die Ziele der Sozialdemokratie verschleiert, aber ich habe auch nie verfehlt, die uns angedichteten Absichten der allgemeinen »Verungeniererei« eben so entschieden abzulehnen. Hier, das sah ich, war absolut nichts zu gewinnen. Ich verschleierte zwar nichts von unseren Grundanschauungen, aber ich vermied jeden etwa verletzenden Ausdruck, jede schärfere Kritik, stellte die sozialpolitische Entwicklung in unserem Sinne als etwas ganz Selbstverständliches hin und erreichte damit für meine Rede eine so glatte und »maßvolle« Form, daß die Waiblinger Philister ganz irre wurden. Ihre Gesichter wurden immer länger. Ich hatte ganz richtig kalkuliert; diese Leute, die nur den »Schwäbischen Merkur« oder ihr Amtsblättchen lasen, hatten erwartet, vom »Umsturz«, vom »Teilen«, von der »Zerstörung der Ehe und Familie« und von der »Weibergemeinschaft« zu hören, und nun hörten sie etwas ganz anderes, sie sogar oft recht sympathisch Anmutendes, worauf sie gar nicht vorbereitet waren. Da war es nichts mit der »moralischen Vernichtung«. Als ich geendet, entstand erst ein Schweigen der Verlegenheit und Glaser sagte mir lachend ins Ohr: »Das war ja so aalglatt, daß es keiner anfassen kann.«

Allein die politische Ehre der Waiblinger Bürgerschaft erforderte doch eine Erwiderung, und ein alter Schulmeister entschloß sich dazu. Man konnte wohl sehen, wie sauer es ihm wurde. Der Sinn seiner Rede war, daß, was ich gesagt, »nicht ohne« sei, daß man mich aber trotzdem nicht wählen könne, weil ich eben zur Sozialdemokratie gehöre. Man sah der Versammlung an, daß sie diese Erwiderung sehr schwach fand.

Nach Schluß der Versammlung kam der Stadtschultheiß zu mir und sagte: »Wenn ich nur die Wahl hätte zwischen dem demokratischen Kandidaten und Ihnen, so wurde ich Sie wählen.« Diese Äußerung wurde aufgeschnappt und als »hochbedeutsam« im demokratischen »Beobachter« veröffentlicht, woran sich eine Polemik knüpfte, die auch recht spassig war.[81]

Fußnoten

1 In dieser Schrift findet sich sogar der überaus ketzerische Satz, daß Länder, wo Wein wächst, mehr zu revolutionären Bewegungen geneigt seien, als andere.


2 Schreiber nennt der schwäbische Volksmund die Bureaukraten.


3 »Traubentrippler«.


4 Als auf dem Kopenhagener Kongreß die »farblosen« Parteiblätter von einigen Wichtigtuern als »Wurstblätter« bezeichnet wurden, sagte Baßler: »Mir hent au so e Wurschtblättle, wo i der Oberwurschtler bi.« Diese selbstgewählte Titulatur blieb dauernd an ihm hangen.


5 »Lea«, eine Dramatisierung der Hauffschen Novelle »Jud Süß«, ist die einzige dramatische Arbeit von Dulk, welche aufgeführt wurde.


6 Dulk, eine männlich schone, stattliche Erscheinung, diente dem berühmten Maler Kaulbach als Modell zu dem Shakespeare auf dem Bilde: »Das Zeitalter der Reformation« im Treppenhause des Neuen Museums zu Berlin, sowie zu einer Beduinengestalt, die zu einer anderen Freske dort gehört.


7 Am Ufer von Friedrichshafen erwartete ihn Theobald Kerner, mit dem er befreundet war. Dulk wälzte sich auf der Erde und klagte sehr über Schmerzen, die ihm die gewaltige Anstrengung verursachte. Darauf antwortete der allezeit witzige Kerner: »Ja, lieber Dulk, warum bischt denn eigentlich über de Bodesee gschwomme?«


8 Eine eingehende und von tiefem Verständnis zeugende Würdigung von Dulks Dichtungen, seiner philosophischen Gedankenarbeit und seiner politischen Tätigkeit enthält sei ne Biographie von Ernst Ziel, welche der von diesem veranstalteten Ausgabe von Dulks sämtlichen Dramen (Stuttgart, J. H. W. Dietz. 1893) voransteht. Hier ist auch das Liebes und Familienleben Dulks in seiner und zarter psychologischer Vertiefung dargestellt. Diese vortreffliche Arbeit ist um so wertvoller, als ein gewisses Banausentum tat, als könne man Dulk überhaupt nicht ernst nehmen. Solch Banausentum gibt es nur zu viel. So hörte ich die Tochter eines bekannten demokratischen Politikers sagen, Ludmilla Assing sei eine lächerliche Persönlichkeit gewesen, weil sie einen altmodischen Hut getragen. Und doch war Ludmilla Assing, die sich der Freundschaft und Verehrung von Alexander von Humboldt, Varnhagen, von Ense und Lassalle erfreute, eine der geistreichsten Frauen ihrer Zeit.


9 Der Eßlinger Gemeinderat überließ ihm eine Blockhütte oberhalb Eßlingen, wo er sich oft aufhielt.


10 Balzac war einer der ersten Badegaste gewesen.


11 Der Schöpfer des einst so berühmten Stuttgarter Bahnhofs. Er erzählte mir Scheffel habe ihn nach seinem Landhaus Mettnau bei Radolfzell eingeladen. Dort habe man erst »scharf gezecht«, und als der Gast sich im Turmstübchen zur Ruhe begeben, sei noch spät jemand die Treppe hinaufgepoltert. Das sei Scheffel gewesen, der dem Gast noch einen großen Krug Seewein als »Nachttrunk« gebracht. Da sei es auch dem »trinkbaren« Oberbaurat zu viel geworden, und er habe sich am anderen Morgen baldmöglichst davongemacht.


12 Neue Zeit 1910, Die Freiligrath-Legende.


13 Man nannte und nennt sie »Felbenköpfe«, nach dem verdickten oberen Teil des Stammes der Weide (Felbe). – Noch in jüngster Zeit kam es vor, daß einem Wirt in Cannstatt von Angehörigen der bürgerlichen Intelligenz der Boykott angedroht wurde, weil er an einer von bürgerlichen Wirten errichteten Genossenschaftsbrauerei beteiligt war. Das dort gebraute Bier galt jener Intelligenz einfach als »Genossenbier«.


14 Das Bild vom Rößlewirt vor Paris ist neu erschienen im Verlag der Hofbuchhandlung von R. Reitzel in Cannstatt.


15 In der Anklageschrift hieß es, Binder sei in Waiblingen wohnhaft.


Quelle:
Blos, Wilhelm: Denkwürdigkeiten eines Sozialdemokraten. 2 Bde, 2. Band. München 1919, S. 83.
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