Arbeitskollegen und Andere

[199] Als ich noch mit Pantoffelnageln beschäftigt wurde, kam fast täglich ein langer schwächlicher Bursche, der eine scharfe Brille trug und stets zu Scherzen und Dummheiten aufgelegt war, zu uns an den Arbeitstisch und half die Schnapsflaschen der Schuster mit leeren. Er gab dafür gewöhnlich einige Kunststücke zum Besten, machte Handstände auf den Schemeln, verrenkte die Glieder rückwärts oder balancierte einen Hammer oder eine Mütze oder ein Streichholz auf der Nase und Stirne. Der wurde nun vom Schell einmal bitterlich angeführt. Alle, die priemten, hatten den ausgekauten Priemtabak von einer Woche sammeln müssen und dann war Wasser darauf gegossen worden. Diese Brühe wurde dann in eine Schnapsflasche gefüllt und sah so sauber und klar wie reinster Nordhäuser aus. Als Brüger – so hieß er – wieder einmal kam, wurde eine Wette mit ihm eingegangen, er solle die Flasche ohne abzusetzen leeren, was er natürlich ohne Bedenken annahm. In einem Zuge ließ er das Zeug laufen, um dann schleunigst fluchend davon zu laufen, dorthin, wo auch höchste Herrschaften sich ganz allein aufzuhalten pflegen. Im übrigen war er aber ein sehr vigilanter Arbeiter. Er wickelte meistens Drahtmausefallen und runde Korbfallen. Der Draht wird dabei mit ganz seinem Wickeldraht an dem Geripp befestigt, und das machte Brüger mit einer solchen Virtuosität, daß man gar nicht so schnell sehen konnte, wie er es ausführte. Die Finger spielten dann um die Falle herum. Allein er hatte kein Sitzefleisch. Wenn er eine Stunde gearbeitet hatte, dann bummelte er wieder zwei, was ihm leicht möglich war, denn es ging alles im Akkord,[199] und ihm sagte deshalb niemand etwas; dann kam er zu uns und sagte: »Mich ekeln die Fallen ordentlich an.« Montags kam er überhaupt selten zur Arbeit. Erst Dienstag zum Frühstück trat er gewöhnlich an; dann kam er und es wurde erst beraten, was zum Frühstück gegessen wurde. »Was frißt mer nu heute?« war sein gewöhnliches Wort. Dann holte er sich gehacktes Rindfleisch, Sardellen, saure Gurken, Eier und Bier, denn Geld hatte er immer. Sonntags und Montags tippte er regelmäßig, so wurde das Dreiblattspiel, das jetzt verboten ist, benannt. Auch an den Wochentagen Abends hatte er Gelegenheit. Er wohnte neben dem Gasthaus zum Löwen, dort saß allabendlich ein Musterzeichner, der ein gutgehendes Geschäft hatte und wartete auf Kartenspieler. Gewöhnlich war es Brüger, der kam, und der in den 30er Jahren stehende verheiratete Mann tippte mit dem Burschen und ließ sich von dem manchmal gleich 20 Mark an einem Abende abnehmen. Es war dann natürlich kein Wunder, daß Brüger immer bei Kasse war, aber Schulden hatte er trotzdem und nicht zu wenig. Bei jedem Konkurs war er unter den Schuldnern. Gewöhnlich bekamen die Leute nichts. Zum Roßmarkt, der alljährlich im März in Ronneburg stattfindet, wurde früher, als das Tippen noch erlaubt war, sehr stark gekartet. Im Fürstenkeller allein standen da über 100 Spieltische, die manchmal sämtlich besetzt waren. Das Hauptkontingent stellte natürlich die Landbevölkerung. Nur hier und da saßen Städter darunter. Brüger war natürlich auch dabei und rupfte die Bauernknechte gehörig; denn er konnte Karten packen und Volte schlagen. Er hat einmal 17 Mark in 1 1/2 Stunden gewonnen. Während aber im Saal und der Gaststube für 15, 30, und höchstens 60 Pfennige Einsatz gespielt wurde, ging es in den oberen Räumlichkeiten um 1,50 und 3 Mark Stamm. Hier saßen die Gutsbesitzer und selbständigen Handwerker. Dort sah ich auch einmal »Talertippen« zu und erlebte, wie ein bekannter Lohnkellner sich an den Tisch setzte, mit »zustammte«, in 10 Minuten bei einmaligem Herumspielen 12 Taler gewann und dann wieder – seelenvergnügt natürlich – wegging, um die Gaste weiter zu bedienen. Das war natürlich ein besonders Schlauer, aber ebenso[200] durchtrieben war auch Brüger. Es war leider kein Vater mehr da, sein älterer Bruder stand in Posen bei der Fußartillerie, die Mutter hatte keine Macht über den Bengel und der stürmte nun in sein Leben hinein. Früh am Morgen ging er erst aus den Kneipen nach Hause. Gewöhnlich schlief er vor dem Bierglas im Wirtshause. Aber auch sonst stürmte er in seine Natur. Im Winter frühstückte er gewöhnlich in der Trockenkammer, das war ein Raum, in dem von unten bis oben hinauf ringsum an der Wand Dampfrohre herumliefen. Vor diesen Dampfrohren standen drei Regale mit vier Etagen. In diese wurden im Winter die Pantoffel-Erlenhölzer zum Trocknen gestellt. Am Anfang kam auch Buche hinein, doch hatte man da mehr Schaden davon, weil diese in der Wärme schnell reißt. Brüger legte sich nun auf die oberste Etage, mitten in diese drückende Hitze und wenn er sein Frühstück verzehtr hatte – frönte er der Onanie, ohne sich im geringsten vor den manchmal mitanwesenden jüngeren Leuten zu verbergen. Erst geraume Zeit später kam auch er zur Einsicht von der Schädlichkeit dieser abscheulichen Unsittte. Trotzdem war er einer der besten Reckturner in der Stadt. Freilich Kraftübungen waren seine schwache Seite, aber in Schwungübungen trat er mit jedem an. Einen Saltomortale vom Reck lieferte er, wie er im Buche steht. Sogar im Zirkus Börno, der einige Male zum Schützenfest in Ronneburg war, produzierte er sich, außer der Vorstellung natürlich, indem er seinen Körper durch die Sprossen einer Treppenleiter wand. Die Artisten wollten ihn sofort als Schlangenmenschen und Jongleur ausbilden, aber er war zu kurzsichtig dazu. In der Fremde ist er auch einmal gewesen, aber nur 2 Wochen lang, und nur bis Chemnitz und zurück hat er sich durchgefochten. Wegen des Blaumachens erhielt er auch einige Male seine Entlassung aus der Fabrik, wurde aber nach einiger Zeit stets wieder eingestellt. Sonst konnte man sich eben gut mit ihm vertragen. An einem ersten Pfingsttag hatten wir einen Morgenspaziergang verabredet. Nebst mir, meinem Vater und zwei andern, wollte auch Brüger teilnehmen. Den letzteren mußten wir freilich aus dem Bett holen; denn er hatte sich erst eine halbe Stunde vorher niedergelegt. Wir[201] liefen über Paitzdorf nach dem Reußer Berge. Dort verzehrten wir jeder ein Glas Milch, 2 Flaschen Weizenbier und eine Portion Schinkenbrot, dann spielten wir vier Mann am Bergabhange Schafskopf, während Brüger, von der Sonne beschienen, fest eingeschlafen war. Nach etwa zwei Stunden brachen wir auf, um nicht zu spät zum Mittagsessen zu kommen. Wir gingen gleich hinter der Mühle einen Wiesenrain entlang, als plötzlich der Müller nachgesprungen kam. Freund Brüger hatte nicht bezahlt. Wir setzten unsern Weg fort, während er mit dem Müller zurückblieb. Als er uns nachkam, meinte er: »Verlangt das Rindvieh von Wirt bloß das Glas Milch bezahlt, das ich vergessen hätte, und von den 2 Flaschen Bier und der Portion Schinkenbrot erwähnt er nichts. Ich habe natürlich auch nichts gesagt.« So ein Bruder war das. Später hat er eine Verwandte in Dresden geheiratet. Dort soll er jetzt in einer Glashütte arbeiten, vier oder fünf Kinder haben und in recht gedrückten Verhältnissen leben. Auch er hätte es besser haben können.

Ein andrer meiner Mitarbeiter und zugleich Vorgesetzter war Eduard Meinel. Der »Tulut« wurde er beim Spitznamen unter den Arbeitern genannt. Er arbeitete an der Kreissäge, an der Dikten-Hobel- und Abrichtmaschine, am Bohrbock und an der Rundierbank. Außerdem lag noch der Verkauf des Abfallholzes in seinen Händen; denn er war der Schwiegersohn des Chefs und hatte dessen älteste Tochter, eine stark untersetzte, üppige Brünette, zur Frau. Als ich ihn kennen lernte, war er 33 Jahre alt, groß und stark, sogar mit einem Ansatz zum Bäuchlein und von frischer roter Gesichtsfarbe. Vorher hatte er in Gera ein Restaurant betrieben, bei dessen Verkauf er einige tausend Mark verdient hatte, und war damit nach Ronneburg gezogen. Vom Schwiegervater erhielt er 20 Mark Lohn; dazu kamen die Zinsen, die er hatte – was konnte er eigentlich noch mehr verlangen? Die Nagler nannten ihn auch im Anfange den Mausefalleninspektor. Früher hatte er auf dem väterlichen Gute in Raust die Landwirtschaft betrieben. Im Umgange war der »Tulut« gemütlich. Allein er kannte nur vier Unterhaltungsthemen, erstens über die Pferde,[202] zweitens über die Schweine, drittens über die Landwirtschaft im allgemeinen und viertens über die Weiber. Das letztere Thema war ihm das liebste. In meinem Leben habe ich keinen Menschen wieder getroffen, der so schweinische und unsittliche Redensarten geführt hat, als er. Dabei genierte er sich nicht im geringsten, ob das beim Holzverkauf war, wo verheiratete Frauen oder ledige Mädchen und Kinder dabei standen, oder beim Sägespäneverkauf, kurz jede Gelegenheit wurde benutzt, und bei jedem dritten Worte hatte er sein Thema. Gewöhnlich mußte ich ihm beim Holzverkauf helfen und dann war er froh; dann sprach er mit mir und nicht mit den Käufern. Seine Reden hier wiederzugeben, ist einfach unmöglich, und oftmals kam seine Frau dazu, schimpfte und fragte ihn, ob er sich nicht vor den Kindern schäme. Einmal waren wir auch am Abfallholzhaufen beschäftigt, als seine Frau, die ihre Eltern fast täglich besuchte, hinzukam. Da, mit der gleichgültigsten Miene von der Welt, fragte er mich, ob ich mal mit der schlafen möchte. Ich schämte mich natürlich und die Frau auch. Sie sagte nichts und ging weg und der »Tulut« lachte sich eins. Er berührte sie auch oft vor den jüngeren Arbeitern unsittlich, was natürlich stets einen Heidenspuk ihrerseits zur Folge hatte, aber so wollte er es haben. Seine Hauptleidenschaft indes war der »Nordhäuser«. Das war sein liebstes, sein alles, sein Element. Brüger hat ihm einmal in einem Tage für 16 Groschen davon geholt. Gleich früh, bevor die Arbeit begann, schickte er einen Burschen mit der Flasche weg. Halb acht Uhr, wenn ein Junge Frühstück holte, kam die Flasche wieder mit, die war aber um acht Uhr schon wieder leer, so daß der Junge gleich noch den Frühstückstrank holen mußte. Bestand das in einem Glas Bier, so kam aber bei ihm unbedingt auch noch eine Flasche Schnaps dazu. Ich hatte mir es ja auch angewöhnt, zum Frühstück für 5 Pfennige Schnaps und zum Vesper ein Glas einfaches Bier zu trinken. Als ich jedoch geheiratet hatte, nahm ich zum Frühstück Kaffee mit, auch nach Gera, wo ich später 6 Jahre gearbeitet habe, und der Schnaps fiel weg. Doch das Glas Bier zum Vesper habe ich während der Fabrikarbeit bis heute haben müssen, sonst fühle ich mich einfach[203] nicht wohl und bin diese letzten Arbeitsstunden nicht leistungsfähig. Der Körper hat sich daran gewöhnt, und die köstlichste Milch vermag den Appetit nach meinem Glas Bier nicht zu vertreiben. Nun war ich aber auch früher nie ein Schnapstrinker. Ich trank stets nie mehr als für 5 Pfennige Wacholder oder Kümmel mit Rum, der »Tulut« aber trank Nordhäuser blank und mit Rum. Nach dem Frühstück mußte ein Akkordarbeiter, meist Brüger, noch einen »Schluck« holen. Mittags besorgte er sich sein Quantum selbst und Nachmittags kamen gewöhnlich seine beiden Knaben, ein fünf- und ein siebenjähriger, zu ihm zu Besuch. Der fünfjährige wußte schon ganz genau Bescheid. Der nahm die Flasche, steckte sie ein, und ließ sie nie vorm Großvater oder vor einer Tante sehen. Er ließ die Flasche füllen und steckte sie im Mausefallenlager hinter eine vorher dazu bestimmte Kiste. Sein Vater ließ den Knaben dann auch einmal ordentlich trinken. Eine Stunde später erfolgte dann eine neue Mission. Manchmal war er schließlich so »fett«, daß er die Holzleisten, die er durch die Hobelmaschine laufen lassen wollte, gar nicht fassen konnte. Sobald er eine in die Hand genommen hatte, fiel sie wieder zu Boden. Dann stand manchmal der alte Schwiegervater in der Mausefallenwerkstatt vor der Türe und schaute sich durch die darin befindlichen Glasscheiben seinen besoffenen Schwiegersohn an. Dann fluchte und schimpfte er zwar mörderlich, aber im übrigen änderte er doch nichts daran; denn frei ins Gesicht konnte er dem »Tulut« seine Meinung nicht sagen. »Alte besoffene Sau, alter besoffener Hacksch« im Vorbeigehen, das war alles, höchstens setzte er noch hinzu: »Der erste Hund, der wieder für den Schnaps holt, der fliegt aus dem Betrieb naus.« Tief hinein ging das aber nicht. Eines Sonnabends als ich aus dem Kontor trat und meinen Lohn geholt hatte, stand er in der Haustürschwelle und setzte gerade die volle Flasche an. Er wollte mir zutrinken, ich lehnte indes dankend ab, da ließ er sie sich vollends in den Mund laufen. Gerade während dieses Vorganges trat seine Frau in den Fabrikhof und sah es mit an. »Gul, gul, gul, gul,« rief sie ihm zu, »Du bist ein altes sauf'ges Luder.« Der zärtliche Gatte aber gab ihr einen[204] Kuß und klopfte ihr einige Male tätschelnd an die Brust, und da waren sie wieder einig. Im Sommer 1896 wurde der »Tulut« krank, spuckte Blut und schlich nur noch ganz sachte im Hofe herum. Es wurde da gerade ein Anbau ausgeführt, da rief ihm ein Maurer zu: »Na höre mal alter Freund, halt' die Ohren steif, Du siehst gerade aus als wenn Du der Leichenfrau ausgerissen wärst.« Im Hochsommer desselben Jahres traf den alten Chef ein Herzschlag und kaum 5 Wochen später, da begruben wir auch den »Tulut«. Der Alkohol hatte in den Tuberkelbazillen gute Helfershelfer bekommen. In einem verhältnismäßig kurzen Zeitraum war das Zerstörungswerk vollbracht.

Während eines Frühstücks, als Brüger wieder einmal nicht wußte, was er essen sollte, sagte ein Arbeiter vom Lande: »Na, Du sollste meine sei, ich wullte Dich schun assen lerne, meine Kenger (Kinder) müssen alle Äppelmonke zu ihr'n Bemm' asse.« Davon hatte der Alte den Namen »Äppelmonke« bekommen und er hat ihn auch bis auf den heutigen Tag behalten, höchstens, daß er in »Monke« abgekürzt wird. Die »Monke« war nun von jeher ein vielbeschäftigter Mann. Er kürzt Pfosten mit ab, hohlt Pantoffel mit aus, schleift die dürren Hölzer ab, fräst die Nagelreifen in Schuh- und Pantoffelhölzer, hohlt an den Gummischuhhölzern die Absätze aus, verkauft, seitdem das Schuhgeschäft in andern Besitz überging, das Abfallfeuerholz, sieht die genagelten Pantoffel nach, besorgt den Versand und hat auch noch das Lager über. Ich glaube, darin wird sich in den sieben Jahren, seitdem ich aus dem dortigen Betrieb fort bin, nicht allzuviel geändert haben, er wird das meiste davon heute noch ausführen. Er war ein besonderer Freund vom Erzählen, und während des Einpackens und der Lagerarbeiten, die ich immer mit ihm besorgte, wurde von allem Möglichen erzählt. Wir politisierten nicht nur, sondern wir sprachen auch über »Wandern und Reisen«. Er hatte nämlich eine Anzahl Brüder, die viel gereist waren, und die meisten von ihnen haben sich schließlich auch in der Fremde niedergelassen. Auch seine Söhne sind diesem Beispiele gefolgt, allerdings erst später, denn damals war sein Ältester erst in die Lehre, als[205] Schneider, eingetreten. Er ist aber weit herumgekommen, hat erst in deutschen Großstädten, dann in Zürich, Genf, Nizza, Cannes gearbeitet und jetzt ist er in Paris, vor kurzem erst hat er seinen Vater nach langen Jahren zum erstenmal besucht. Dieser interessierte sich also wie gesagt für alles. Früher war er herrschaftlicher Kutscher gewesen und aus dieser Zeit holte er auch gern seinen Gesprächsstoff hervor. Mir behagte das freilich nicht so recht; ich wollte nicht wissen, wieviel dieser und jener Rittergutsbesitzer Acker Feld hat und welcher Fabrikant in Gera am reichsten sei; denn nicht nur bei feudalen Grundbesitzern, sondern auch bei dieser Bourgeoisie hat er Livree getragen und kannte die Verzweigungen ihrer Verwandtschaften ganz genau, vom Farbmillionär Hirsch an bis zum Webmillionär Färber. Als ich heiratete, warnte er mich: »Heiraten ist kein Pferdekauf«, sagte er zu mir. Ich solle mir den Schritt reiflich überlegen. Ich würde ihm dankbar gewesen sein, hatte er in meiner Angelegenheit ein Machtwort zu sprechen gehabt. Leider trieben mich andere Faktoren der Heirat und somit dem Unglück in die Arme. Denn für einen Arbeiter und eine Arbeiterin wird die Ehe fast immer zu einem Unglück. Der »Äppelmonke« muß ich aber trotzdem für ihre wohlgemeinte Warnung noch heute danken.

Ein andrer hieß mit seinem Spitznamen der »Tuitam«. Und zwar deshalb, weil er jeden Tag einige Male mit einem merkwürdigen Wortspiel seinen Kollegen imponieren wollte. Er rief dann: »Sching-schagn-galt-buritoun-tui-tusche-schup-ship-psia-krew.« Namentlich wenn ein neuer Arbeiter angetreten war, krähte er diesen Spruch unzählige Male am Tage. Sinn liegt ja nicht in dem Gekohle, aber das war ja auch nicht notwendig und gar nicht seine Absicht. Es war ein kräftiger, starkknochiger Mann in den vierziger Jahren, der eine Unmasse Bier und Spirituosen vertilgen und die schwersten Zigarren rauchen konnte, ohne daß ihm jemals etwas gefehlt hätte. War es ihm danach einmal nicht so richtig um den Leib herum, so wandte er sein Universalmittel an, das in einer Flasche Rum mit einigen Lot gestoßenem weißen Pfeffer bestand; dann war er wieder hergestellt. Er rauchte, priemte, schnupfte, liebte und trank, hatte also alle Untugenden. Arbeiten[206] konnte er wie kein zweiter; da kam ihm niemand nach, dabei lieferte er auch noch gute Arbeit. Er war gelernter Schuhmacher, und schon einigemal selbständig gewesen. Solange er seine erste Frau noch hatte, war er auch einigermaßen angesehen, denn er verdiente wie gesagt den höchsten Lohn, dennoch hatte auch er Schulden en masse. Bis an die Ohren reichten sie ihm gewöhnlich. Eines Tages kam er in Streit mit dem Chef und er verlor seinen Zuschneiderposten. Bald darauf zog er nach Schmölln, bekam aber in seiner Branche keine Stellung und arbeitete deshalb einige Zeit als Anbohrer in einer Knopffabrik. Hier aber starb ihm seine 19jährige, bildhübsche Tochter, und ein halbes Jahr später auch seine Frau, letztere an einem Unterleibsleiden. Es blieb ihm nur noch eine 10jährige Tochter, die er zu seiner Schwiegermutter gab. Er selbst ergab sich dem Trunke und sank nun von Stufe zu Stufe. Schließlich ging er auf die Tippelei. In Leipzig und Dresden arbeitete er als Steineträger, dann an einem Bahnbau und in verschiedenen Ziegeleien. Zwei Jahre später im Spätherbst stand er wieder eines Tages unten vor unserer Fabrik, und frug nach Arbeit an. Er wurde als Schuhnagler eingestellt. Geld verdiente er sofort wieder und so wurde nun wieder lustig gelebt, nachdem vorher eine »Kluft« auf Abzahlung in Gera geholt worden war. In der folgenden Zeit verschlang er unheimliche Mengen von Schnaps und Bier, oft 36 Glas an einem Sonntage. Ich erinnere mich, daß einmal zum Schützenfeste, als ich über den Festplatz schlenderte, vor einem Bierzelte ein Auflauf entstand; plötzlich kam der »Tuitam« dort herausgestürzt, warf die ihm im Wege stehenden Leute links und rechts zur Seite und übergab sich mitten auf dem Platze. Gleich einer Fontäne oder vielmehr gleich einem artesischen Brunnen strömten die genossenen Getränke empor. Bald darauf ging er wieder auf Freiersfüßen und hielt sich zu diesem Zweck solid. Seine Zukünftige hatte zwar auch 2 Kinder, die schon die Schule besuchten, war aber 18 Jahre jünger und bald noch stärker als er, noch nicht verheiratet gewesen und, was die Hauptsache war, im Besitze von ungefähr tausend Talern Geld. Es wurde also geheiratet. Ich selbst fungierte dabei als Trauzeuge. Jedoch[207] Freund Friedrich hielt sich nun abermals nicht mehr; er bekam Zank mit dem Fabrikanten und machte Schicht. Bald darauf etablierte er sich wieder als Schuhmachermeister. Geld war ja da, was hatte es da noch für Not? Meistens kaufte er sein Leder in Gera ein. Er brauchte aber jedesmal beinahe soviel für seine Gurgel, als wie für die Schäfte und Sohlen. Arbeit hatte er dennoch genug. Sogar auf den benachbarten Dörfern erwarb er sich Kundschaft und lieferte wieder nur gute Arbeit. Wenn er sich ordentlich gehalten hätte und nicht getrunken und gewüstet, so wäre er wohl schön durchgekommen und hätte ein ruhiges und zufriedenes Leben führen können. Seine zweite Frau war seelensgut, sie sagte ihm nie ein unrechtes Wort, auch wenn er noch so spät des Nachts nach Hause kam. Aber gerade das war ein Fehler von ihr gewesen. Sie hatte energisch auftreten und ihm die Zügel nicht locker lassen, sondern straff anziehen müssen. Nach kaum zweieinhalbjähriger Ehe hatten sie drei Kinder, von denen das erste wieder starb, inzwischen war auch seine erste Schwiegermutter gestorben. Sein Mädchen erster Ehe wurde aber um diese Zeit konfirmiert und ging in Dienst. Er änderte sich aber nicht. Wenn er Geld hatte, so bezahlte er für andere mit. Obgleich er von schnell erregbarem Charakter war (mit meinem Vater ist er während der Arbeit unzählige Male zusammengefahren), so war er doch ebensoschnell wieder beruhigt. Beim Bierglas konnte man ihn überhaupt selten aus der Ruhe bringen. Nur bei der Arbeit in der Fabrik lief ihm manchmal schon nach zwei Worten die Laus über die Leber. Zumal wenn er kein Geld mehr hatte, sah er mürrisch und griesgrämig drein, sprach die ganze Woche kein Wort, sondern wühlte und schuftete, um eine große Lohnzahlung zu machen. Wie er als Meister zu Hause bei der Arbeit gewesen ist, kann ich freilich nicht beurteilen. Eines Tages, als er seiner zweiten Frau ihr Geld alles verwürgt hatte, war er plötzlich verschwunden und hat sich bis heute noch nicht wieder sehen lassen. Er soll wieder an Bahn- und Brückenbauten arbeiten. Mich dauerten vor allem die zwei kleinen Kinder, die er hierließ. Seine Frau mußte wie früher wieder in die Spinnerei gehen und wieder zu[208] ihrer Mutter, einer alten griesgrämigen Witwe, ziehen. Diese hatte nun die Kinder in ihrer Obhut. Nach kurzer Zeit schon starb das jüngste, später auch das andere. Auch die neue Nachkommenschaft »Tuitams« lag wieder auf dem Friedhof.

Im Sommer 1894 mußte ich nach Schmölln zur Generalmusterung. Ich wurde wieder zurückgestellt. Wie es bei solchen Gelegenheiten zugeht, weiß jeder. Die Hauptsache ist Bier, Bier und nochmals Bier, vielleicht auch dann und wann etwas Saures, und einen Schnaps dazwischen hinein. Letzterer verfehlt dann selten seine Wirkung. Meistenteils wird Jungdeutschland sternhagelvoll davon. So ging es auch uns. Wir machten nach dem Mittagsessen einen Ausflug über die Berge. Ich als eingeborener Schmöllner hatte die Führung übernommen. Einige liefen trotzdem an der Tete und als wir einen Kirschberg passierten, konnten sie es nicht unterlassen, sich einige Hände voll der gerade reisen Früchte zu pflücken. Ich machte mir damals nichts aus Obst, um aber die Mode mitzumachen, streckte auch ich den Arm aus und hatte mir mit den Nägeln des Daumens und Zeigefingers zwei Kirschen abgeknipst. Kaum war das aber geschehen, als auch schon eine Stimme hinter mir donnerte: »Das kostet eine Mark.« Ich zuckte ob dieser Stentorstimme sichtlich zusammen und wandte mich um. Dort stand ein Schmöllner ehemaliger Knopfmacher Namens Rüdiger, der jedenfalls die Kirschen gepachtet hatte. Ich entgegnete dem erzürnten Manne: »Ich habe keine Mark mehr. Wir fahren mit dem nächsten Zuge bereits nach Hause und Geld im Überfluß habe ich überhaupt nicht bei mir gehabt.« »Dann lassen Sie Ihre Uhr da« »Die gehört nicht mir, die habe ich von meinem Bruder geborgt,« log ich ihm wieder vor. »Na, ich kenne Sie, Sie waren doch früher in Schmölln; hier kommen Sie nicht durch.« »Aber warum sagen Sie denn zu den andern nichts, die haben die Kirschen Händevoll abgerissen und wegen diesen 2 Stück machen Sie solches Aufhebens. Ich will Ihnen für Ihre lumpigen 2 Kirschen einen Groschen geben!« Unmittelbar nach diesen Worten warf ich ihm die 2 Kirschen vor die Füße. »Na, ich will noch einmal Gnade für Recht ergehen lassen und darauf eingehen.« –[209] Ich suchte nun in meinen Taschen herum, fand aber keinen Groschen, mein Begleiter, der das Gespräch mit angehört, hatte auch keinen und die übrigen hatten inzwischen den Ernst-Agnes-Aussichtsturm bestiegen. Nur noch 2 Fünfzigpfennigstücke hatte ich bei mir. Ich reichte eins davon dem Kirschpächter, der gab mir zwanzig Pfennige wieder. »Aber hören Sie mal,« sagte ich darauf, »wir haben doch einen Groschen ausgemacht.« »Ach, ich könnte alles behalten und brauchte Ihnen gar nichts zurückzugeben,« erwiderte mir der Wortbrüchige. Darüber war ich empört, für so schofel hätte ich den Kerl nicht gehalten. Als dann die übrigen Kameraden vom Aussichtsturm herabgestiegen waren, erzählte ich ihnen den Vorfall. Kurz entschlossen nahm mir darauf ein Fleischer meinen Hut vom Kopfe und sagte: »Für die übrigen zwei Groschen werden Kirschen geholt.« Wir verfügten uns nach der Kirschbude, in der eine alte Frau in altenburgischer Bauerntracht als Verkäuferin fungierte. Der mit meinem Hut verlangte für 20 Pfennige Kirschen mit dem Bemerken, daß diese schon an den Pächter selbst bezahlt seien. Die alte Marche entgegnete zwar: »Ihr huttet doch 'naufgelangt.« Sie gab aber ohne Weiteres einen Liter Kirschen in den Hut hinein. Ich bekam auch nicht eine davon, die Kameraden haben sie alle gegessen. Wir begaben uns dann den Berg, »Singerhäuschen« genannt, hinab und wollten nach dem Schießhaus. Als wir hinter den ersten Häusern vorbeiliefen, hörten wir plötzlich zwei den Berg herabspringen. Nichts Gutes ahnend, wollte ich auf sie warten, aber die Kollegen drängten mich durch den nächsten Hof in ein Haus mit dem Bemerken, ich solle mich verstecken und später ins Schießhaus kommen, sie wollten schon mit den Kerlen fertig werden. Ich unterhielt mich in dem Hause etwa eine halbe Stunde lang mit einem alten Manne und schlich mich dann nach dem Schießhaus. Dort wurde ich vertröstet, sie hätten den beiden die Wahrheit gehörig gezeigt. Wir gingen dann noch in eine andere Kneipe, in der allerhand komische Vorträge gemacht wurden. Darunter markierte auch einer einen Geistlichen, hatte einen weichen Hut verkehrt auf, einen Mantel umgehängt, als Bäffchen benutzte er zwei Zeitungsstreifen, kurz,[210] er sah aus wie ein echter Jesuitenpater und hielt folgende Predigt, die ich vom Munde weg auswendig konnte: »Im Namen des Fuchses und im Namen der Weiber, mit Fruchtschippen und Schiebekarren zusammengeladen, vernehmet das Wort des Herrn, wie es geschrieben steht im Schuster blauen Montage und von der ersten Haustüre bis zum elften Dachfenster also lautet (hier schlug der Vortragende ein Buch auf): Und es begab sich zu der Zeit da die Elbe brannte und die Bauern bellten und die Hunde Stroh herbeischleppten, um das Feuer zu löschen. Es war gerade zu der Zeit, da ich wanderte und ich kam über einen Fluß, wo keine Brücke hinüberführte, in ein Dorf, wo keine Häuser standen und aus dem ersten Hause linker Hand kamen drei Jungfrauen, die erste war nackend, die zweite hatte keine Kleider an und die dritte war barfuß bis an den Hals und diejenige, welche keine Kleider anhatte, griff in ihre linke Westentasche, gab mir einen Taler und sprach: Nimm hin, denn Deine Stimme verrät, daß Du ein Besenbinder Deines Landes bist. Hierauf setzte ich mich auf einen ledernen Eckstein und fuhr davon und kam auf einen hohen Berg, auf dem eine porzellinerne Kapelle stand und ein lederner Pfaffe eine große Messe aus Schmalzkuchen vorlas. Allda wurde auch geopfert, mancher opferte einen Groschen, mancher deren zwei, wie er es eben hatte. Ich aber stahl mir einen Taler und es sah eines Hohenpriesters Knecht, welcher keinen Kopf hatte und sein Gesicht in der linken Westentasche trug und doch sah der Schelm, daß ich mir einen Taler gestohlen hatte und er zog sein Schwert aus der Scheide und stieß es mir in die Brust, daß mir das Blut weiß wie Buttermilch herausfloß. Ich aber kletterte auf einen Maulbeerbaum, riß einen Ast ab und schlug ihm so auf den Kopf, daß sein rechter Backenzahn zum linken Stiefelabsatz hinausfuhr. Hierauf setzte ich mich auf meinen ledernen Eckstein und fuhr bis ans blaue Meer, darauf schwamm ein Schiff, welches keinen Boden hatte, dahinein setzte ich mich und fuhr bis ans Ende der Welt. Amen.« Der zweifelhafte Künstler machte eine kurze andächtige Pause und fuhr dann fort: »Eine christliche Danksagung ist noch zu tun für ein altes Hökerweib, welches mit 6 Rohrstühlen und[211] einem Klapptisch glücklich zu Hause angekommen ist, ferner wird noch eine Amme gesucht, die einen Knecht von 88 Jahren stillen kann, sobald er den ersten Backenzahn bekommt, erhält sie eine wohlriechende Belohnung. Amen.« Es folgten dann noch eine Anzahl Couplets und Gassenhauer, und so war die Zeit zur Abfahrt schneller herangerückt, als man dachte. Wir begaben uns nach dem Bahnhof. Dort empfingen uns zwei Gendarmen, die fragten nach Bromme-Friedrichshaide. Ich entgegnete ihnen, der sei mit dem Rad nach Hause gefahren Das war am Freitag gewesen. Am darauffolgenden Dienstag kam der Ronneburger Gendarm Petzold zu mir in die Fabrik und frug mich, was ich in Schmölln ausgefressen habe, es sei gegen mich daselbst eine Anzeige wegen Betrugs ergangen. Ich erzählte ihm nun den Sachverhalt. Er meinte darauf, ich solle nur meine Zeugen angeben, dann müßte ich unbedingt freigesprochen werden. Überhaupt, wenn ich nicht zurückgestellt worden, wäre kaum eine Untersuchung eingeleitet worden. Ich erhielt dann auch bald darauf eine Anklageschrift zugestellt. Als Zeugen fungierten der Obstpächter selbst und die alte Marche1, seine Schwiegermutter. Ich suchte nun meine Genossen auf und wollte diese auf ihr Zeugnis aufmerksam machen. Doch da sollte ich etwas von Mannesmut zu hören bekommen Es waren fünf Mann dabei gewesen, die zur Garde ausgehoben waren. »Ach gib uns nur nicht an, wir verlieren sonst womöglich gar unsere Garde und müssen bei der Linie dienen,« jammerten und bettelten die nun. Ich altes dummes Tier ließ mich auch erweichen und fuhr, ohne Zeugen anzugeben, an einem Tage im August nach Schmölln zur Hauptverhandlung. Es war Feriengerichtszusammensetzung. Die Schöffen bildeten ein Bauer und ein alter Materialwarenhändler, bei dem ich früher als Knabe unzählige Male aus- und eingegangen war. Doch war ich mit dem Ronneburger Amtsrichter Dr. Schubert, der nach Altenburg reiste, in einem Coupé gefahren und dem hatte ich mein Herz ausgeschüttet. Er hatte darauf den Kopf geschüttelt und sich gewundert,[212] daß ich deswegen vor den Strafrichter zitiert würde. Ein Strafmandat wäre eine ausreichende Sühne für das Vergehen gewesen. In der Verhandlung wurde natürlich den Zeugen mehr geglaubt als mir. Der Obstpächter beschwor, mit mir nichts ausgemacht zu haben; daß er sich mit einem Groschen zufrieden stellen wollte, habe er nicht erklärt. Die alte Marche beschwor, daß sie nicht gesagt habe: »Ihr huttet doch nuff gelangt.« Sie gebärdete sich ganz außer dem Häuschen, als ich das Gegenteil behauptete. Ich wurde wegen Betrugs (dabei hatte nicht ich, sondern der Fleischer Risser die Kirschen von der Alten verlangt) zu einem Tag Gefängnis und Tragung der Kosten verurteilt; weil ich noch unbescholten sei, wäre auf die niedrige Strafe erkannt worden. Auf die Frage, ob ich etwas gegen das Urteil einzuwenden habe, behielt ich mir die Revision dagegen vor, und im übrigen gab ich den Ausspruch Dr. Schuberts zum Besten und wandte mich zum Gehen. Aber da kam mir ein junger Referendar nachgesprungen und frug, wer dieser Dr. Schubert sei. Ich gab ihm Bescheid. Darauf meinte er, daß ich ihm dann die Sache falsch berichtet habe. Nach meiner Rückkehr suchte ich meine Zeugen auf und teilte ihnen mit, daß sie unbedingt Zeugnis ablegen müßten. Doch da gaben sie mir wieder himmlische gute Worte, ich sollte doch die Sache auf sich beruhen lassen Ein Tag sei doch schnell vergangen und es sei doch keine Schande, mein Vergehen sei ja leichtester Art gewesen. Und so ließ ich die Berufungsfrist gedankenlos verstreichen. Im Oktober kam dann eines Nachmittags, als wir gerade auf dem Holzplatze buchene Stämme in die Schneidemühle transportierten, der »Tulut« zu mir hinter und rief mich, ich solle einmal nach vorn kommen, aber gleich einen Hebebaum mitnehmen; denn der Gerichtsvollzieher wolle mich sprechen Es gab mir einen Stich durch und durch. Er wollte die Gerichtskosten haben. Ich hatte aber kein Geld. Vorschuß wollte ich auch nicht gern nehmen und mein junger Chef meinte im Kontor zu mir: »Sind Sie doch nicht so dumm, lassen Sie sich doch ruhig auspfänden, Sie haben doch nichts Pfändbares!« Ich teilte dem blankknöpfigen Exekutor meine Mittellosigkeit mit, worauf er mich aufforderte, ihn nach meiner Wohnung[213] zu begleiten und dort meine Sachen zu zeigen. Tief beschämt und ärgerlich, anderer Leute wegen mich so erniedrigen zu müssen, folgte ich ihm. Die Kollegen aber riefen und lachten zu den Fabrikfenstern heraus. Nun nahm ich die Sache auch von der humoristischen Seite auf. Ich zeigte meinen Anzug. Der Überzieher gehörte meinem Bruder, als er danach fragte. Einen Anzug hatte ich erst vor kurzem ausnahmsweise von einem Ronneburger Kleiderhändler Unglaub auf Abzahlung genommen, ihn konnte der Vollstrecker also auch nicht mitnehmen, weil er noch dem Händler gehörte. Ich zeigte meine Stiefeletten und sagte ihm gleichzeitig, daß ich in Holzpantoffeln nicht zur Kirche gehen könne. In dem Augenblick kam auch mein Vater gestürzt, auf meinen Koffer deutend, schrie er den Gerichtsvollzieher an: »Der Koffer ist mein Eigentum.« Dieser entgegnete: »Nun, wo nichts ist, da hat der Kaiser sein Recht verloren.« Jetzt wurde ich dreist und zeigte ihm meinen 4 bis 5 Zentimeter Durchmesser haltenden Spazierstock, den ich immer zum Theaterspielen benutzte, den lehnte der Mann aber ab und auch Roberts – meines Freundes – Reserverock, eine Bäckermontur des 4. Armeekorps, den ich ebenfalls öfter zum Theater gebraucht hatte. Aber im November erhielt ich eines Tages die Mitteilung, bis zu einem gewissen Termin meine eintägige Gefängnisstrafe im Amtsgerichtsgefängnis Ronneburg abzusitzen. Ich beschloß, am Sonnabend vor dem Kirmesfest gleich nach Arbeitsschluß die Strafe anzutreten. Ich hatte mir Priemtabak mitgenommen, einige Zigarren in die Stiefelschäfte gesteckt, ein Stück Schinken, Wurst und Brot, und eine ganze Menge Lesestoff. Glücklicherweise wurde ich keiner Leibesvisitation unterzogen. Aber ich kann trotzdem niemanden die seelischen Qualen schildern, die mich während dieses Tages im Gefängnis heimsuchten. Jetzt war ich also in Zukunft vorbestraft, wenn ich in irgend eine Angelegenheit verwickelt werden sollte! Die Pritsche war knochenhart. Ich trank die Flasche Kümmel mit Rum und eine Flasche Bier aus, um mich zu betäuben. Alles umsonst. Ich konnte nicht einschlafen. Jede halbe Stunde, die ganze Nacht hindurch, hörte ich trotz meiner Schwerhörigkeit die Uhr vom Kirchturm schlagen. Ich dachte an[214] meine Mutter. Wenn sie das wüßte, daß ich im Gefängnis sei! Den Kopf auf die Pritsche gedrückt, weinte ich bitterlich. Zu frieren brauchte ich Gott sei dank nicht; denn die Frau des Gefangenmeisters hatte ein tüchtiges Feuer vom Korridor aus im Ofen angeschürt. Endlich nach ungezählten Minuten war es Tag. Welches Glück. Den Kaffee, den mir die Frau hereingab, trank ich und aß mein Brot und die Wurst dazu. Am Abend vorher hatte ich nichts essen können. Hierauf zündete ich mir eine Zigarre an und begann Schillers berühmte Trilogie »Wallenstein« zu lesen. Ich trank die zweite Flasche Bier und rauchte eine zweite Zigarre. Die Asche putzte ich sorgfältig in den Zimmerkübel. Immer las ich eifrig weiter. Gegen Mittag wurde mir ein Topf Kartoffelstücken mit Talggriewen angeboten. Ich ließ ihn unberührt stehen. Das Essen widerte mich an. Ich hatte auch keinen Appetit, der wurde durch Schiller gestillt. Gegen 3 1/2, Uhr, ich hatte erst vor wenigen Minuten das Buch beendet, und dachte noch über die Giftszene mit der Gräfin Terzky und über den verliehenen Fürstentitel des Octavio Piccolomini nach, rasselte plötzlich der Schlüsselbund an meiner Tür. Der Gefangenmeister rief mich auf den Korridor und nahm mein Signalement auf. »Es ist ein lumpiger Tag,« sagte er, »aber das Gesetz verlangt es nun einmal so. Sie wollen doch auch zur Kirmse gehen, sind also entlassen.« Er hatte mir noch 2 1/2, Stunden geschenkt. Ich packte meine Bücher zusammen und rückte ab, In der Tür stieß ich mit einem Freund zusammen, der brachte eine halbe Wurst und einen tüchtigen Krug Bier, den haben wir gleich in Gemeinschaft mit dem Gefangenwärter geleert, die Wurst steckte ich zu mir und fünf Minuten nach 1/2 5 Uhr schwenkte ich bereits mit meiner Emma den ersten Walzer auf dem Kirmesball.

Ich hatte mir nämlich damals auch eine Braut angeschafft. Das war ganz von selber nach einem Sommervergnügen, einem Plantanz auf bloßem Waldboden, gekommen. Ich hatte mit einer ehrsamen Bürgerstochter, Anna mit Namen, viel getanzt. Nach dem Tanz waren wir in das nahegelegene Schanklokal, die Fasanerie, gegangen, und ich hatte mich da in der Gaststube zu einem[215] Spiel Schafkopf verleiten lassen, dem einzigen Kartenspiel, an dem ich mich beteiligt habe. Im Handumdrehen war es 11 Uhr geworden. Wir machten mit dem Spielen Schluß und gingen wieder ins Freie. Allein die Mehrzahl der Festteilnehmer war schon nach Hause gegangen, darunter auch mein Liebchen. Ein Friedrichshaidaer Mädchen stand noch da, und von der erfuhr ich, daß die Anna unwillig gewesen sei, weil ich gespielt habe, und darum sich von einem andern habe heimbegleiten lassen. Halb aus Ärger und halb zum Trost begleitete ich nun die Erzählerin nach Hause, und bestellte sie auch für den folgenden Donnerstag Abend zu einem Spaziergang. Aus diesem einen wurden mehrere, und bald »ging ich mit ihr«. Aber ich habe lange Zeit mit ihr nur harmlos und völlig tugendhaft verkehrt. Ich brachte es gar nicht anders fertig, und – ich sage das ohne Übertreibung – auch den andern Mädchen gegenüber überschritt ich die sittlichen Grenzen nie. Da sagte mir auch in jenen Tagen einmal ein Mädchen: »Du bist ganz anders wie die andern. Die stellen jedesmal gleich unsittliche Anträge. Das gefällt mir an Dir, daß Du nicht auch so bist.« Schließlich wurde auch unser Verhältnis, d. h. zwischen der Friedrichshaidaer Emma und mir, ganz selbstverständlich ein intimeres Wenn mir aber an jenem Abend, da ich sie eigentlich rein zufällig und nur als Ersatz von der Fasanerie heimbegleitete, prophezeit worden wäre, daß sie bald meine Braut sein würde, den hätte ich laut ausgelacht. So wenig dachte ich damals ans – Heiraten.

Unter jeder Herde gibt es räudige Schafe. Es ist bekannt, daß unter den Fabrikanten, die weibliche Arbeitskräfte beschäftigten, Leute vorhanden sind, die nicht nur deren Arbeitskraft, sondern auch den Leib für sich in Anspruch nehmen möchten und die neidisch auf die früheren Vorrechte der feudalen Besitzer blicken, welche sich ein jus primae noctis leisten konnten. Am liebsten wäre es ihnen, wenn auch für sie wieder ein solches Recht eingeführt werden könnte. In vielen Fällen haben sie das aber gar nicht nötig, weil sie kraft ihrer Autorität nicht auf Widerstand stoßen; es kommt aber auch sehr häufig vor, daß manche Proletarierin ein derartiges Anerbieten ganz entschieden zurückweist. So war auch einmal einer[216] meiner Chefs auf eine junge Arbeiterin wie versessen. Er war mit der Arbeiterin manchmal bei der Arbeit alleine und machte dann Spaß mit ihr. Sie verstand solchen und machte mit; als aber das Herrchen weiter gehen wollte, wehrte sie entschieden ab, und als er sich handgreifliche Zutraulichkeiten erlaubte, stieß sie ihn zurück und sagte ihm energisch ihre Meinung; als er aber sein Ziel gar mit Gewalt erreichen wollte, gab sie ihm ein paar komplette Ohrfeigen. Dafür suchte er sich nun zu rächen. Eines Tages lasen wir Filzabfälle auf dem Lager aus. Die Arbeit wurde von mir und jener Arbeiterin unter Aufsicht des jungen Chefs selbst ausgeführt. Ein riesiger Filzhaufen in der Mitte des Lagersaales zeugte davon, daß wir fleißig gewesen waren. Angeblich aus Anerkennung mußte ich dann einige Male Schnaps und Likör holen, bis mir die Absicht klar wurde. Das Herrchen wollte das Mädchen betrunken machen. Er erreichte seinen Zweck so vollkommen, daß diese sogar sinnlos betrunken wurde. Sie hatte nicht gemerkt, wo das alles hinaus wollte, oder sie war zu schwach gewesen, zu widerstehen. Ich mußte das Weib oben anfassen und der Herr nahm die Beine; dann wurde sie auf den Filzhaufen geworfen und völlig entblößt, woran ich mich aber freilich nicht beteiligte. Ich schaute nur zu. Während dieses Aktes kam eine erwachsene Schwester des jungen Chefs hinzu, die entsetzt zurückprallte. Der Bruder aber gebot ihr, zu schweigen, holte noch einen Freund hinzu und riegelte dann ab. Das Mädchen wurde nicht mißbraucht, aber sie wurde doch in der unflätigsten Weise berührt und von allen Seiten untersucht. Die jungen Herren ärgerten sich nur, daß sie keine photographischen Apparate zur Hand hatten. Schließlich wurde doch von ihr abgelassen. Sie schlief ihren Rausch aus und ging dann nach Hause, ohne zu wissen, was mit ihr vorgegangen war.

Ein anderes Bild. Wir waren im April 1895 zum Fleischer Fuchs gezogen. Schon beim Einzug war mir das Dienstmädchen desselben, ein dralles, für ihre 14 Jahre äußerst stark entwickeltes »Dirndel« aufgefallen. Diese hatte offen in mir ihren Narren gefressen. In den ersten Wochen freilich fielen zwischen uns nur gleichgültige Worte. Dann aber fiel es mir auf, daß jeden Abend,[217] wenn ich von der Arbeit kam und mich in meiner Bodenkammer wusch, auch das Mädel in der ihrigen, die dicht neben der meinigen lag, das Gleiche tat. Sie hatte dabei nie die Türe verschlossen, stets stand sie sperrangelweit offen; ihr Hemd war vorn geöffnet, so daß ihr voll entwickelter Busen meinen Blicken preisgegeben war, und sie lachte mich dann nur treuherzig an. Mich aber stieß die leichtfertige Preisgabe ihrer körperlichen Reize ab und ich dachte an meine Braut, die ich damals fast allabendlich besuchte. Sie war mir viel begehrenswerter, weil sie nicht einmal die Jacke vor meinen Blicken wechselte, sondern dabei hinter die Türe trat. Als das Mädchen nun sah, daß ich auf diese kleinen Winke nicht reagierte, wurde sie zudringlich. Sie kam, nur mit Hemd und Unterrock bekleidet, in meine Kammer, legte sich ganz ungeniert auf mein Bett, schmiegte sich an mich und machte allerlei Bemerkungen. Ich fuhr sie dafür aber nur grob an und drängte sie hinaus. Sie ließ aber nicht nach Erst viel später habe ich mir genau überlegt, daß mich das Mädchen wirklich rasend geliebt haben muß. Als sie sah, daß alles Kokettieren fehl schlug, sagte sie es mir frei heraus. Jeden Abend kam sie zu mir beim Waschen und sagte und bettelte: »Gehen Sie doch heute nicht zu Ihrer Braut, bleiben Sie doch einmal bei mir, oder kommen Sie in mein Bett, wenn Sie nach Hause kommen. Ich lasse die Türe auf.« Das war jeden Abend derselbe Text. Einmal packte sie mich kurzer Hand an und wollte mich aufs Bett ziehen. Aber mich ekelte dieses Prostituieren wirklich an. Ich packte sie beim Hemdkragen und warf sie regelrecht zur Türe hinaus, ihr ein für allemal verbietend, meine Kammer wieder zu betreten. Sie hat es dann auch nur noch einmal riskiert. Was aus ihr geworden sein mag?[218]

1

Marchen werden die Weiber in Altenburgischer Bauerntracht genannt.

Quelle:
Bromme, Moritz Th. W.: Lebensgeschichte eines modernen Fabrikarbeiters. Frankfurt a. M. 1971, S. 199-219.
Lizenz:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Der Weg ins Freie. Roman

Der Weg ins Freie. Roman

Schnitzlers erster Roman galt seinen Zeitgenossen als skandalöse Indiskretion über das Wiener Gesellschaftsleben. Die Geschichte des Baron Georg von Wergenthin und der aus kleinbürgerlichem Milieu stammenden Anna Rosner zeichnet ein differenziertes, beziehungsreich gespiegeltes Bild der Belle Époque. Der Weg ins Freie ist einerseits Georgs zielloser Wunsch nach Freiheit von Verantwortung gegenüber Anna und andererseits die Frage des gesellschaftlichen Aufbruchs in das 20. Jahrhundert.

286 Seiten, 12.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon