In Ronneburg, den neuen Heimat

[168] Mit unserer Wohnung konnten wir zufrieden sein. Eine herrliche Aussicht bis auf den Ronneburger Forst und die dahinter gelegene Reußer Windmühle, die allerdings jetzt durch die Bismarcksäule ersetzt ist, bot sich von den Fenstern aus. Nur einen Fehler gab es, der sehr unangenehm war – ungezählte Wanzen. In Leipzig in Bauers Brauerei hatte ich auch Schwaben kennen gelernt; aber Wanzen sind doch viel ekliger. Am besten ist, man weiß von beiden nichts. Unsere Wohnung bestand aus zwei Stuben und 2 kleinen Kammern mit abgeschlossenem Korridor. Sie war also für 40 Taler Miete verhältnismäßig billig. Ich hatte die eine kleine nach dem engen Hofe zu gelegene Kammer inne, die ich mir mit allen Arten von Makulaturbildern ausgeschlagen und so freundlich als möglich ausgestaltet hatte. An den Sonntagen besuchte ich wieder an den Abenden die Jünglingsvereinsversammlungen, die dicht neben unserer Wohnung vom Diakonus Klein abgehalten wurden, während ich tagsüber entweder im Forste oder im »Bornholz«, so wird der an das Bad angrenzende Kurpark im Volksmunde genannt, spazieren ging. Ich hatte zunächst nur wenig Bekanntschaft, und ich kann nicht sagen, daß ich mich deshalb unglücklich gefühlt habe. In den Abendstunden las ich meist Bücher. Wir hatten uns auch wieder einen Quartierburschen angenommen, einen Fabrikweber Kühn aus Pausa i. V. Er las freilich einen Schundroman, den »Athanasios, den Fürsten der Berge«. Damals war der Überfall jenes türkischen Räubers bei »Tscherkeskio« erfolgt und wenige Wochen später war schon der »Roman« erschienen. Ich las in jenen Tagen die Lebensbeschreibung[168] des englischen Generals Gordon und die Kriegsgeschichte von 1870. Manchmal unterhielt ich mich auch mit dem Diakonus Klein in dessen Wohnung. Es war ein sehr jovialer und menschenfreundlicher Mann. Er freute sich über die Frömmigkeit meiner Mutter, und bot alles mögliche auf, auch mich fest und fester an den evangelischen Jünglingsverein zu ketten. So war ich eines Sonntags mit zu einem Missionsfest nach Großenstein gekommen, an dem ein aus Ostindien zurückgekhrter Tamulenmissionar seine Erlebnisse zum Besten gab. Er hatte, wenn ich nicht irre, in vier Jahren mehr als ein Dutzend zu Christen gemacht. Ich erwähne das, weil ich viele Jahre später in Partei- oder Gewerkschaftsversammlungen diesen Missionar oft als Beispiel zitierte und die Kollegen aufforderte, daß jeder in einem Jahre 3 Mitglieder für den Verband gewinnen solle. Auf jenem Missionstage war auch einer meiner Chefs mit zur Stelle, der Kaufmann Schettler. »Aber das freut mich, daß Sie auch hier sind,« sagte er zu mir, indem er mir kräftig die Hand schüttelte. Ohne daß ich's beabsichtigt hatte, wurde mir das bald darauf von einem gewissen Vorteil.

Unsere Holzschuh- und Pantoffelfabrik führte die Firma: Thomas und Comp. und hatte drei Teilhaber: den erwähnten Kaufmann Schettler, den früheren alleinigen Inhaber Julius Thomas und den Zimmermeister Trömmel. Es wurden aber nicht nur Holzschuhe und Pantoffeln, sondern auch Waschbretter, Kleiderbügel, Bienenhäuser und vor allen Dingen Ratten- und Mäusefallen fabriziert. Deshalb heißt diese Fabrik heute noch die »Mausefalle« und wird so wohl auch in alle Ewigkeit heißen.

Von dem eigentlichen Pantoffelgeschäft verstanden die Chefs damals wohl noch so viel wie nichts. Da war nun Wilhelm Tismer als Werkmeister Hans Dampf in allen Gassen. Er stolperte mit seinem lahmen Bein die Treppen hinauf zur Zuschneiderei, Stepperei oder zum Nagelsaal, um in der andern Minute auch schon wieder im Parterre zu sein, wo die Dampfhölzerschneiderei mit Horizontalgatter, 2 Bandsägen, der Fräs- und Schleifmaschine eingerichtet war. Die Lederlieferanten aus Weida und Neustadt donnerte er an, als ob er selbst Chef wäre. Zu einem Weidaer Herrn,[169] der recht schlecht gegerbtes Kipsleder geliefert hatte, das man ruhig im warmen Wasser liegen lassen konnte und es dennoch nicht weich brachte, sagte er gleich in Gegenwart von uns Arbeitern: »Sie packen wohl Ihre Häute gleich beim Schinder in und schicken sie uns her?« Ich sehe den Mann noch heute zusammenzucken. Aber ebensowenig scherte er sich auch um die Chefs selbst und machte sich bei diesen immer unbeliebter. Eines Tages war er von dem an den Schleifscheiben beschäftigten Arbeiter herbeigeholt worden, der ihm zeigte, wie der Antriebriemen oben an der Deckenkleidung anschliff, wodurch der Riemen bald durchgescheuert sein könnte. Die Schleiferei lag neben der Schneidemühle und empfing den Antrieb von einer Scheibe, die über dem Pappendach der Schleiferei angebracht und durch einen Kasten verdeckt war. In diesen Kasten war nun daraufhin Tismer gestiegen, obgleich das Werk im Betrieb war und zeigte von dort aus dem unten im Schleifraum stehenden Arbeiter, wo und was er mit der Baumsäge von der Deckenverkleidung absägen sollte, damit der Riemen nicht mehr scheuerte. Während dieser Anweisung war jedoch Tismer der Transmission zu nahe gekommen, und der Keil, mit dem die Riemenscheibe an dieser befestigt war, ergriff seine Bluse und wickelte diese sofort ganz zusammen. Als Tismer die Gefahr, in der er schwebte, erkannt, stemmte er sich mit aller Kraft gegen die Kastenwand und hielt sich so von der Transmission ab. Wer die Verhältnisse kannte, hielt es einfach für unmöglich, daß dieser am Bein verkrüppelte Mann eine so riesige Körperkraft hatte. Er war mit einer neuen Hamburger Lederhose, mit einem neuen Leinenhemd und mit einer neuen festen Bluse bekleidet, und alles dieses feste Zeug hat er sich durch den Keil vom Leibe wickeln und reißen lassen, ohne selbst nachzugeben. Allerdings waren auch die unter den Armen gewachsenen Haare mitsamt der Haut abgerissen worden. Splitternackt kam Tismer schließlich oben zum Kasten heraus. »'N paar Hosen, 'n paar Hosen!« war das einzige, was er her-ausbrachte. Die eben im Hofe befindlichen Töchter des Herrn Thomas sprangen entsetzt ins Haus. Frau Thomas schickte ein paar abgelegte Hosen ihres Mannes hinüber. Auf dem Dache zog[170] er die Unaussprechlichen an und humpelte dann die Leiter herunter. Im Nagelraum, oben bei uns, kühlte er darauf mit in Karbolwasser getränkter Watte die offenen Stellen unter seinen Armen, wo Haut und Haare fehlten. Dabei schleppte er sich hin und her und sang dazu: »O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter.« Man sollte ihm den Schmerz nicht anmerken. Nach etwa 3 Wochen war er wieder hergestellt. Danach verlangte er von den Herren Ersatz für den ihm verursachten Schaden. Da ließen ihn die Herren rufen, zahlten ihm 25 Mark für den Schaden und 54 Mark als 14tägigen Lohn und entließen ihn sofort. Noch am selben Abend wurde der Modellzeichner und Anreißer Karl Michaelis als Werkmeister angestellt. Und an seine Stelle wurde nun meine Wenigkeit bestimmt. Ich mußte also die gemütliche oder doch nie langweilige Nagelarbeit aufgeben und wurde hinfort in der Hölzerschneiderei beschäftigt. Im Anfange freilich noch gegen den alten Wochenlohn von nur 9 Mark. Einige Wochen später verlangte ich aber mehr und erhielt von da an 11 Mark wöchentlich. Das Anreißen war mir bald in Fleisch und Blut übergegangen und ich mußte nach einem halben Jahre schon mit Fräsen und Aushohlen eine sehr gefährliche Maschinenarbeit verrichten. Bisher hatte das Friedrich Weise, der ehemalige Weber gemacht, mit dem ich im Anfange zusammen logiert hatte. Außerdem hatten wir beide noch Pfosten abzukürzen; und auch das ist eine ziemlich schwere Arbeit. Wir mußten da die schweren Erlen- und Buchenpfosten, je nachdem wir sie in der Stärke brauchten, auf dem Holzplatze aussuchen, auf den Hof fahren und dann an der großen Kreissäge in kurze Stücke schneiden, je wieder nach der Länge der fertigzustellenden Schuh- oder Pantoffelhölzer. Als nach etwa einem Jahre Weise abging, mußte ich das alles sogar allein tun, ohne mehr zu erhalten. Das Anreißen selbst ist zwar nicht gerade schwere Arbeit (wenn man das Zufahren der abgekürzten Pfosten nicht in Betracht zieht), muß aber dafür äußerst schnell gehen und bedarf einer gewissen Intelligenz. So darf z. B. der »Kern« des Stammes niemals an der Sohle eines Holzes sein, weil er dort gewöhnlich reißt oder das Holz leicht zum Brechen[171] bringt, auch faule Äste müssen wegfallen, oder doch wenigstens an die Trittflächen des Holzes kommen, denn dann wird es wenigstens noch ein gefütterter Pantoffel, weil der darüber zu klebende Filz die Aste verdeckt; kurz, ein solcher Arbeiter kann seinen Arbeitgeber jährlich, ohne daß er es will, um hunderte von Mark schädigen, wenn er das Holz nicht auszunutzen versteht. Das Abfallholz wird zwar als Heizmaterial verkauft, aber da kostet der Korb voll 45 Pfennige, es ist zwar auch noch Geld genug, aber wenn fertige Pantoffelhölzer daraus werden können, ist der Nutzen doch größer. Ich kann mich nun rühmen, daß ich das Holz bis aufs äußerste auszunutzen verstand. Das müssen mir meine Mitarbeiter von damals alle zugeben und das haben auch die Chefs gewußt. Der Bandsägenschneider Kranzritter wird kaum wieder einen solchen »Anreißer« gefunden haben als mich. Gleichwohl hat er sich gegen mich nicht als guter Mensch erwiesen. Er hatte Mucken und betrug sich als alter verheirateter Mann mir gegenüber manchmal dümmer als ein 14jähriger Junge und schlimmer als ein altes Waschweib. »Grob und dumm, wie die Bauern sind,« habe ich ihm da manches Mal gesagt. Er spuckte und schneuzte z. B. stets auf seine neben der Säge liegenden Holzabfälle. Wie oft habe ich mich ihm gegenüber deshalb beschwert! Denn ich mußte diese Holzabfälle in einem Karren auf den im Hofe liegenden Feuerholzhaufen fahren. Wenn ich dann die Hölzer mit der Hand in die Karre warf und ich griff dann in so einen Auswurfballen hinein, so ekelte ich mich derartig, daß es mir danach noch beim Essen schlecht wurde, so oft ich daran dachte Und niemals änderte sich das, trotz aller Vorhaltungen, die ich ihm in guten und bösen Worten gemacht habe, deshalb soll es auch hier niedergeschrieben sein. Wie ekelhaft, gemein und vor allem wie gesundheitsgefährlich eine derartige Schweinerei ist, war sich dieser indifferent ländliche Arbeiter gar nicht einmal bewußt. Er wollte mich einfach ärgern, und außerdem paßte es ihm so, da brauchte er sich nicht erst umzudrehen, er konnte so geradeaus spucken. Aber auch sonst nahm er keinerlei Rücksicht auf mich. Wenn ich da solche Abfälle wegräumte, so warf er immer neue von seiner Bandsäge herunter. Ganz gleich, ob die[172] mir auf Hand oder Kopf fielen und dadurch die Sägespähne in den Nacken rutschten. Einmal warf er ein ganzes großes Stück herunter und traf mich mit aller Wucht an das linke Schienbein. Es bildete sich an der Stelle ein Grind, der nie abfiel. Fast ein Jahr später stieß ich mich an derselben Stelle auf dem Trömelschen Zimmerplatze, auf den ich damals gerade abkommandiert war, an einen eichenen Pfosten. Das schmerzte ungeheuer und verursachte nach einigen Tagen ein heftiges Kribbeln. Ich hielt es nicht mehr aus. Als ich zum Arzt kam, hob der mittels einer Lanzette den Grind ab und drückte eine braune Brühe heraus. Er meinte, es sei die höchste Zeit gewesen, daß ich zu ihm gekommen sei, die Sache sei doch schon alt. Und es wäre Knochenfraß geworden, wenn ich noch länger gezaudert hätte. Ich mußte dann noch ein volles Vierteljahr lang Tag für Tag zu diesem Arzt. Er brannte die Wunde täglich mit Höllenstein aus. Ich habe auf der Stelle heute noch eine Narbe und einen großen schwarzbraunen Fleck in der Haut.

Während es mir anfangs im neuen Wohnort an Bekannten gemangelt hatte, sollte ich deren bald mehr als zu viel besitzen. Meine Kollegen Michaelis und Weise hatten mich schon mehrere Male aufgefordert, Mitglied im »Allgemeinen Turnverein« zu werden. Ich hatte immer gezögert, als sie aber erzählten, daß ein Theaterabend stattfinden würde, für den Michaelis die Regie übertragen war und an dem ich als Souffleur mitwirken müsse, meldete ich mich an einem Sonnabend Mitte November an. Was wir während der Proben verzehrten, wurde vom »Fürstenkellerwirt« angekreidet und später vom Verein bezahlt. Zur Aufführung gelangten die Einakter »Schneider Fips«, »Ein Fuchs im Taubenschlag« und »Wie man sich irren kann«, sämtlich aus dem Theaterverlag Bloch-Berlin. Es wären nun vielleicht weit weniger Proben nötig gewesen, wenn nicht ein Umstand hinzugekommen wäre, der uns in die größte Verlegenheit brachte. Es hatten 4 Damen mitzuwirken und nur 2 blieben uns treu, während wir die andern beiden dreimal wechseln mußten. Selbstverständlich gab es dann stets wieder Proben und so waren allmählich 26 Mark zusammengekommen, die der Verein für uns bei dem Wirt zu bezahlen hatte. Was[173] es da für einen Krach in der folgenden Versammlung gab, brauche ich wohl nicht zu erzählen. Da wurde sich darüber aufgehalten, daß fast nach jeder Probe von den männlichen Mitgliedern eine Portion Sülze auf Vereinskosten verzehrt wurde, dann wieder, daß sich Michaelis nach der Generalprobe Gänsefettbemmchen geleistet habe. Er hätte sein Abendbrot doch von zu Hause mitnehmen können usw. Nichtsdestoweniger wurde beschlossen, am 3. Weihnachtstag eine neue Abendunterhaltung zu veranstalten und Michaelis wurde wiederum mit der Regie betraut. Die Proberei ging also trotzdem weiter.

In diesem Winter, und zwar zu Neujahr 1892, wechselten wir auch unsere Wohnung der Wanzen wegen. Mein Vater hatte in einem Hause des Baderteichdammes eine Parterrewohnung gemietet. Es war ein großer Fehler gewesen. Die neue Wohnung lag zu ebener Erde und nur sechs Meter davor begann der große Baderteich. Sie war also feucht und dumpfig. Die einzige Stube und die Kammer waren bedeutend niedriger als bei Jurascheck, und mein Kämmerchen war gar ungedielt, das Fenster war direkt über der Düngergrube, so daß ich beim Öffnen desselben – wie ich schon erwähnte, schlafe ich des Nachts gern bei offenem Fenster – die übelsten Gerüche einsog. Das Häuschen hatte nur noch ein Stockwerk, das ein Fabriksnachtwächter bewohnte. Dessen Frau war nun eine Xantippe im wahrsten Sinne des Wortes. Nicht nur, daß sie die Leute schlecht machte und verklatschte, tat sie auch ihnen noch alles mögliche zum Hohn. Wenn z. B. meine kränkliche Mutter waschen wollte, so konnte sie darauf rechnen, daß sie den Waschkessel nicht leer vorfand. Das richtete jene schon so ein, daß sie dann auch waschen wollte. Hatte meine Mutter ihre Wäsche aufgehängt, so vergingen keine 10 Minuten, bis dieselbe mit dem Aschekasten ankam und ihre Asche recht hoch herabfallen ließ, damit soviel als möglich davon von dem Luftzug an unserer Wäsche haften blieb. Dann holte sie sich noch einen Reisigbesen und fing an, den Hof zu kehren. Das letztere ging sie eigentlich gar nichts an, denn sie war gleich uns Mieter. Die alte Hexe verstieg sich sogar soweit, meiner Mutter zuzurufen: »Krank will sie sein: Faul ist sie[174] nur!« Ihr erwachsener unehelicher Sohn unterstützte sie dabei nach Kräften. Auch mich wollte er fassen, und zwar im Turnverein, der mich als Zeugwart gewählt hatte. Aber er flog dort ab; die Vorturner nahmen alle meine Partei. Dieser Sohn war so brutal, daß er eines Mittags seinem alten Stiefvater einige Schneidezähne einschlug, so daß dieser zu uns herunter kam und sein Leid klagte. Mutter und Sohn waren einander wert.

Ich selbst fühlte mich schon seit Weihnachten krank. Ich wußte auch den Anlaß: ich hatte mich im Souffleurkasten des kalten Fürstenkellersaales bei den Theaterproben erkältet. Den ganzen Monat Januar hindurch schleppte ich mich noch zur Arbeit. Aber eines Tages im Anfang Februar ging es nicht mehr. Ich hatte nur etwa 350 Meter von der Fabrik nach Hause und dazu ging der Weg auch noch bergab. Aber an dem Tage konnte ich mich nur noch Schritt für Schritt fortbewegen. Bei jedem Atemzug erhielt ich einen Stich in der Brust, so daß ich hatte laut aufschreien mögen, und doch nicht konnte. Aller zwei Schritte mußte ich stehen bleiben, und ich brachte zu dem Heimweg, den ich sonst in 3 Minuten zurücklegte, eine volle Stunde zu. Der Arzt konstatierte Lungenentzündung, und 14 Tage lang mußte ich alle 2 bis 4 Stunden kalte Brustumschläge machen. Im Anfang konnte ich nur Milch und Zitronenwasser genießen, dann aber mußte ich Eier essen und der Arzt verordnete mir auch auf Kosten der Krankenkasse eine Flasche Tarragonawein. Dank der aufopfernden Pflege meiner Mutter war ich in vier Wochen wieder hergestellt. Sie hatte mich zum letzten Male gepflegt. Während meiner Krankheit hatte ich mir das Bett ans Fenster stellen lassen; von da aus betrachtete ich mit Interesse die gesunden Jünglinge und Jungfrauen der besseren Gesellschaft, wie sie sich auf dem festgefrorenen Baderteich durch Eislaufen vergnügten. Aber noch eine andre Augenweide hatte ich in dieser Zeit die Wiedergenesung, während der ich übrigens den großen deutschen Bauernkrieg von Zimmermann und Morgans »Urgesellschaft« las. Unsere »Passionsblumen« blühten nämlich, was nur alle fünf Jahre geschah. Wir besaßen fünf Töpfe davon. Früher in Schmölln kamen, wenn sie blühten, alle Pflanzenfreunde, namentlich[175] Lehrer, gelaufen und betrachteten sich die seltenen Blüten. In Ronneburg war es noch nicht bekannt, sonst hätten wir sicher auch Besuche erhalten. Diese Blumen blühten nachts 12 Uhr auf Die Blütezeit dauerte etwa 4 Wochen. Die Blüten erreichten die Größe einer Untertasse und zeigten weiße Blätter, violett-blaue Staubfäden; der Stengel sollte das Dreieinigkeitszeichen darstellen, Ein herrlicher Geruch strömte aus den Staubfäden, und Morgans Studien über die indianischen Gens konnten mich oft nicht so fesseln, als diese Blumen. Leider sind sie von der Stiefmutter später ins Aschenloch geworfen worden Hätte ich heute nur noch einige dieser groß entwickelten Stöcke.

Eines Abends Ende Februar – ich war schon fast gesund – kam plötzlich mein Bruder aus Leipzig nach Hause. Ein merkwürdiger Drang, dem er nicht widerstehen konnte, hatte ihn auf dem Wege zur Fortbildungsschule erfaßt, nach Hause zu fahren. Es gibt doch eigentümliche Augenblicke im menschlichen Leben, die trotz aller atheistischen Überzeugungen auf eine höhere Kraft schließen lassen Denn was veranlaßte eigentlich meinen Bruder, nach Hause zu reisen? Er selbst hatte sich das »Warum« nicht erklären können. Am andern Morgen ist er dann wieder zurückgefahren; er war aber doch noch einmal zu Hause gewesen. Er hatte die Mutter noch einmal gesehen, ohne es zu wissen, daß es das letzte Mal gewesen war. Kaum 14 Tage später erhielten wir dann von ihm eine Karte aus Halle mit der Nachricht, daß er auf die Wanderschaft gegangen sei und hier in Halle am Tage nach der Abreise über Nacht bleibe. Diese Nachricht kam uns wie ein Blitz aus heiterm Himmel. Der Vater tobte, und die Mutter ärgerte sich bitterlich. Am nächsten Tage mußte sie krankheitshalber das Bett aufsuchen. Sie sollte es nur als Leiche wieder verlassen. Freilich, niemand von uns ahnte damals schon, wie schlimm es um sie stand. Sie sah ja noch gerade so aus, wie die langen Jahre vorher. Aber bisher hatte sie nie lange im Bett gelegen. Jetzt kam auch aller 14 Tage ihre Schwester, die Tante Ernestine aus Meuselwitz, einmal zu ihr, meistens, ohne daß ihr Mann davon etwas wußte. Denn der war kein Philanthrop.[176]

Nach 14 Tagen erhielten wir einen Brief meines Bruders aus Röbel bei Waren, Mecklenburg-Schwerin. Er schrieb, daß ein Altersgenosse Namens Kunze aus Altenburg, der in einem Nachbarhause in Leipzig in der Sternwartenstraße ebenfalls als Arbeitsbursche beschäftigt gewesen war, ihn veranlaßt habe, mit auf die Walze zu gehen. Sie hätten verschiedene Bücher gelesen und hätten zur See gewollt. Von Halle aus seien sie nach Bitterfeld, Cöthen, Nienburg, Zerbst, Schönebeck, Magdeburg, Burg und Genthin gelaufen. Auf der Herberge der letzteren Stadt sei ihm der Pfandschein auf seine Uhr, die er im Leipziger Leihhause versetzt habe, gestohlen worden. Darüber tobte der Vater nun noch mehr; denn die Uhr stammte von ihm und hatte 28 Mark gekostet. Dann seien sie über Brandenburg, Werder, Potsdam nach Berlin gewandert. Hier sei allen beiden das Geld ausgegangen, und sie hätten die »Palme«, d. h. das Asyl in der Oranienburgerstraße benützen müssen. Dann seien sie auf einen kostenlosen Arbeitsnachweis aufmerksam gemacht worden. Diesen hätten sie benutzt und während Kunze zu einem Fischer nach Wilsnack geschickt wurde, sei mein Bruder in eine Ziegelei nach Röbel am Müritzsee im Mecklenburgischen gewiesen worden. Er habe Kontrakt bis 24. Oktober und erhalte für die ganze Sommerarbeit 60 Mark, sage und schreibe sechzig Mark, und die Kost, aber das Essen sei gut; früh gebe es Suppe und Kaffee, zum Frühstück Brot und Speck, zu Mittag Gemüse und Speck oder Fleisch, Nachmittags Brot und Honig und Abends wieder Speck. Also klagen könne er in dieser Beziehung nicht. Die Arbeit sei allerdings schwer und die Arbeitszeit lang. Im Sommer werde von früh 4 bis Abends 8 Uhr gearbeitet. Er werde mit Steinekarren beschäftigt. Im Übrigen habe er eben gefehlt und leide nun die gerechte Strafe dafür. Er hoffe aber, uns im Winter gesund wiederzusehen. An der Wirkung dieses Briefes merkte ich nun erst den schlimmen Zustand meiner Mutter. »Ach der Junge, nee der Junge!«, jammerte sie den ganzen Tag, und am Abend mußte ich ihm schreiben, daß sie schwer krank sei, er habe ihr schweren Kummer verursacht, ebenso schwer als ich damals durch mein Entlaufen aus der Kellnerstellung. Nun schrieb er wieder und bat[177] um Verzeihung und wir sollten ihm seine Wäsche schicken. Neunzig Pfennige mußte ich auf der Post für das Paket bezahlen. Es sollte dritte oder vierte Zone sein. Einige Tage später aber mußte ich auf Geheiß der Mutter nochmals schreiben, er solle doch nach Hause kommen. Sie wolle ihn noch einmal sehen. Geld könnten wir ihm freilich nicht schicken, weil wir selber keins hatten, aber da sollte er nur soweit fahren, wie sein Geld reiche und die übrige Strecke dann laufen; er solle das nur seinem Herrn sagen und könne nachher wieder zurückkommen. Am nächsten Abend rief sie dann auch mich an ihr Lager und klagte: »Du bekümmerst Dich auch gar nicht mehr um mich, mein Junge!« Aber ich konnte mich nicht bei ihr aufhalten. Mir brach ja das Herz vor Weh! Dabei ging es uns damals auch sonst nicht gut. Der vom Vater verdiente Lohn reichte weder hinten noch vorn. Das Brot kostete 1,10 Mark, nie vorher war es so teuer. Zudem mußte er oft mit Pantoffeln machen, weil nach Weihnachten Holzschuhe nicht mehr gekauft werden. Da war der Lohn dann noch weniger und die Not noch größer. Zwei oder drei Betten hatte ich damals schon nach Altenburg und Gera aufs Leihhaus bringen müssen. Deshalb mußte auch, obgleich die Mutter die gallopierende Schwindsucht hatte, mein kleines siebenjähriges Schwesterchen Elsa mit ihr in einem Bette schlafen. Ich selbst schlief damals auch mit in der Kammer, wo die Eltern lagen, und wurde manchmal Nachts munter. Da sah ich öfter, wie sich mein Vater in seinem Bett aufrichtete und nach der Mutter schaute, ob sie vielleicht seiner bedürfe. Die aber lag meist wach und merkte das sofort. Und mißtrauisch und boshaft, wie oft Schwindsüchtige sind, pflegte sie dann gewöhnlich zu sagen: »Du siehst wohl, ob ich schon tot bin?« Selbstverständlich schnitt das dem Vater ins Herz. Wenn wir in diesen Tagen nicht die Tante Ernestine gehabt hätten, wäre es ganz traurig mit uns bestellt gewesen. Was konnte bei dem tiefen seelischen Schmerz, bei den schlaflosen Nächten mein ohnehin selbst fortwährend kränkelnder Vater in der Fabrik leisten? Der Verdienst betrug oft kaum 7 oder 8 Mark. Da mußte die Tante auch noch mit Geld helfen, und sie hat es ihrer Schwester zur Liebe redlich getan. Ihr Mann durfte freilich davon[178] nichts wissen. Manchmal brachte sie eine Flasche Wein mit, aber die Kranke nahm gar nichts mehr außer der Arznei, Milch und etwas Himbeersaft. So ging es schnell dem Ende entgegen. Der erste Mai 1892 war angebrochen. Ein Sonntag war es wohl, aber kein Maien-, kein Frühlingstag! Es schneite, man mußte draußen knietief im Schnee waten. Die Mutter aber jammerte und stöhnte auf ihrem Lager. Sie war jetzt zum Skelett abgemagert. »Ach der arme Junge. Nun läuft er draußen herum, im Schnee!« Ich glaube, der Gedanke an meinen Bruder hat sie noch einige Stunden länger am Leben erhalten. Gegen Mittag hatte die kleine Elsa noch für einen Groschen Himbeersaft geholt. Sie war aber kaum zur Tür herein, als die Mutter uns alle rief. Wir sollten von ihr Abschied nehmen. Die Gefühle dabei kann ich nicht beschreiben. Und bald danach, mit durch den Schmerz schrecklich entstellten und verzerrten Gesichtszügen, unter drei schrecklich verzerrten Atemzügen hauchte sie ihr Leben aus. 38 Tage hatte sie ihren 50. Geburtstag überlebt. Wir warfen uns über ihr Bett und weinten. Dann eilte ich zum Arzt Dr. Fritsche und meldete diesem den Tod. Ich fragte ihn auch: »Nicht wahr, Herr Doktor, meine Mutter ist an Tuberkulose gestorben?« »Woher wissen Sie das,« rief mich der Arzt da an, »woher kennen Sie diesen Ausdruck?« So eine Frage! Ich war ganz perplex. Ich wußte nicht, was der eigentlich von unsereinem dachte. Vom Arzt eilte ich zu Diakonus Klein und meldete diesem den Tod. »Schade,« sagte er, »daß ich diese Woche nicht im Dienst bin. Ich hatte Ihre Mutter von Herzen gern begraben.« Am Nachmittag kam sein Kollege Bergner und sprach uns Trost zu.

Der Todesfall kostete nun Geld, und mein Vater hatte keins. Er borgte sich zwar 50 Mark von seinem Schwager, aber das langte doch nicht. 32 Mark kostete das Begräbnis und 25 oder 30 Mark der Sarg. Die Mädel mußten schwarze Kleider haben. Auch sonst gab es noch eine ganze Anzahl unvorhergesehene Ausgaben. Da war es nun ein großer Segen, daß mein Vater organisiert war. Von der Schuhmachergewerkschaft erhielt er 75 M. Notfallunterstützung. Und das half ihm über das Schlimmste hinweg.[179]

Mein Bruder Felix war noch nicht erschienen. Und am Dienstag erhielten wir von ihm einen Brief, in dem er uns mitteilte, daß er nicht fort könne. Er habe Kontrakt und bekäme vom Ziegler weder Urlaub noch Vorschuß. Ob es denn so schlimm stehe mit der Mutter? Sie solle es ihm nicht übel nehmen. Er wünsche baldige Besserung. Jetzt konnten auch wir sagen – der arme Kerl. Am nächsten Tage würde die Mutter begraben und er würde es noch nicht einmal wissen. Denn meinen Brief, den ich ihm gleich nach dem Todeskampfe schrieb, würde er erst am übernächsten Tage erhalten. Zum Begräbnis waren die Geschwister, darunter Bruder Hermann, der das Gut besaß, erschienen. Auch die Reichstädter Schwester meines Vaters, die uns regelmäßig besuchte, war gekommen, und Paul Bauer hatte von seinem Hauptmann zum Begräbnis seiner Pflegemutter sofort Urlaub erhalten. Die Rede des Geistlichen war trostreich angelegt. »O Tod, wie bitter bist Du!« lautete das Thema seiner Predigt. Mein Vater war untröstlich. Die Verwandten mußten ihn stützen und halten, sonst wäre er ins Grab gefallen. Dann kehrten wir heim ins leere Haus. Eine Nachbarin, Frau Häufig, hatte unterdessen alles aufgeräumt, und ich begab mich mit den Onkels und Bauer nach dem Felsenkeller, wo wir ein Glas Bier tranken. An jedem Maifeiertag aber fällt ein bittrer Wermutstropfen in meine Festesfreude. Der erste Mai ist kein reiner Feiertag mehr für mich, seitdem er auch der Sterbetag meiner Mutter geworden ist.[180]

Quelle:
Bromme, Moritz Th. W.: Lebensgeschichte eines modernen Fabrikarbeiters. Frankfurt a. M. 1971, S. 168-181.
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