Meine Eltern

[8] Bevor ich das Eheleben und die sonstigen Verhältnisse unserer Familie schildere, will ich die lieben Leser und Leserinnen bitten, mir vorerst zu gestatten, etwas aus dem Leben meines Vaters in gedrängter Kürze zu erzählen. Denn es ist zu interessant, um ohne Weiteres darüber hinwegzugehen.

Ich kehre also zu meinem Vater zurück. Wir haben ihn verlassen, als er sich als Knecht unter die Bauern verdingt hatte. Die meisten Leser werden das Leben und Treiben dieser Berufskategorie kennen und auch wissen, wie ein Feld gepflügt, das Getreide gesäet und geerntet wird. Ich kann also darüber schweigen, aus eigener Erfahrung könnte ich ja auch nicht belehren, wohl aber mein jüngerer Bruder, der auch ein ziemlich bewegtes Leben hinter sich hat. Dafür will ich einige Erlebnisse meines Vaters zum Besten geben, die aus seiner Dienst- und Militärzeit datieren; es wird sich darin entweder um kuriose Vorkommnisse, Aberglauben, Frauenzimmer oder dumme Streiche handeln. Ich habe diese weggeschnappt, wenn er sich mit unseren Logisherren etwas erzählte; deren hatten wir nämlich immer während meiner Schulzeit drei bis vier in Kost und Logis. Da kauerte ich auf einem Stuhle in der Nähe und stellte mich schlafend, verwandte aber kein Ohr, damit mir ja nichts entging.

Einst diente mein Vater auf dem Rittergut Sommeritz bei Schmölln. An den Wintertagen gibt es bekanntlich in der Landwirtschaft nicht viel zu tun; sodaß allerlei Nebenarbeiten vorgenommen werden können. Da mußten die Knechte eines Tages einen zum Herrenhause gehörigen alten Schuppen reinigen, in dem viel[8] altes Gerümpel mit zolldickem Staube bedeckt herumlag. Unter allerlei Allotria und Unfug wurde das alte Zeug ans Tageslicht befördert. Plötzlich entdeckte mein Vater einen alten Kürbis in einer Ecke. Er blies den Staub herunter, schüttelte und vernahm inwendig ein Rascheln. Der Kürbis schien hohl zu sein und Papiere im Innern zu bergen. Mein Vater warf ihn deshalb zu Boden und trat ihn entzwei. Es kamen richtig beschriebene Blätter zum Vorschein, die sich als Briefe entpuppten, jedoch ziemlich unleserlich waren. Nun weiß ich nicht mehr, hat sie der Pastor oder der Verwalter oder der Lehrer entziffert, aber soviel weiß ich noch, daß es Liebesbriefe vom Marschall Blücher gewesen sind, der in seiner Jugend ein Mädchen liebte, welches sich einige Zeit auf Schloß Sommeritz aufgehalten hat. Ich habe auch den Namen des Fräuleins gewußt, es ist mir aber leider entfallen. Doch die Hauptsache kommt nun erst. An jenem Abend legte sich mein Vater zu Bett, konnte aber nicht schlafen, weil sich an den Lippen ein anhaltendes Jucken bemerkbar machte, das allmählich so lästig wurde, daß er mit den Händen reiben und kratzen mußte. Doch anstatt nachzulassen, steigerte es sich bis zur Unerträglichkeit, trotz der Winterkälte sprang er schließlich aus dem Bett und eilte nur mit dem Notdürftigsten bekleidet in den Hof, wo er eine Zeitlang auf und ab lief. Das Jucken verschwand indes nicht, vielmehr fühlte er außer dem Kribbeln eine immermehr steigende Temperatur; deshalb wühlte er schließlich Mund und Nase in einen Schneehaufen. Endlich bekam er etwas Ruhe und begab sich wieder zu Bette. Am andern Morgen, als er zur Suppe kam – bei den altenburgischen Bauern ist es nämlich heute noch üblich, daß im Sommer um 5, im Winter um 6 Uhr Milchsuppe statt Kaffee gegeben wird – brach plötzlich die ganze Tafelrunde, Knechte wie Mägde, in ein schallendes Gelächter aus. Mein Vater stutzte und als er nach der Ursache ihrer Heiterkeit fragte, bedeutete ihm eine Magd abermals unter Gelächter, den Spiegel zu Rate zu ziehen. Mein Vater gehorchte und mußte wahrnehmen, daß seine Nase völlig in die Breite gegangen war und seine Lippen sich zu einem Rüssel, ganz einem Borstentier ähnlich, geformt hatten. Drei Tage ist er so umhergelaufen, ehe[9] sich die Geschwulst wieder setzte, und was meinen Sie, liebe Leser, was man als Ursache betrachtete? Nun, man gab dem Kürbis die Schuld, nur weil mein Vater Blüchers Briefe zu lesen versucht hätte, habe er sich die rüsselartige Anschwellung zugezogen.

Ein anderes Bild des Landlebens. Mein Vater diente als Großknecht auf Rittergut Schwanditz bei Altenburg, und unterhielt ein Verhältnis mit einer Großmagd im Nachbardorfe, welche er gewöhnlich an zwei Abenden in der Woche traf. Regelmäßig begleitete er sie dann zurück und durfte auch zuweilen seiner Angebeteten beim Schlafen Gesellschaft leisten. Darob waren aber die dortigen Burschen auf ihn wütend, weil er in ihrem Revier zu jagen wagte. Sie sannen darum auf Rache und wollten ihm das Charmieren gründlich eintränken. Eines schönen Tages im Spätherbst, oder vielmehr Nachts, als der Galan der ländlichen Dulcinea wieder einmal bei ihr kampiert hatte und sich recht leise auf den Heimweg begeben wollte, ertönte plötzlich beim Betreten der obersten Treppenstufe heftiges Klirren und Poltern, das durch Kuchenbleche, die auf den Stufen plaziert waren, verursacht worden war. Gleichzeitig war der verliebte Großknecht ins Rutschen gekommen und konnte erst am unteren Ende der Treppe wieder Halt gewinnen. Zu seinem Glück, denn er traf auf ein Hindernis, das ihn in die unangenehmste Situation gebracht haben würde. Eine große Schlachtwanne, bis an den Rand mit eiskalten Wasser gefüllt, war dorthin gestellt worden. Ein weiteres Glück war, daß er nicht gleich die Türklinke fand; denn beim Tasten danach hörte er draußen ein Geräusch und leises Sprechen; es stellte sich heraus, daß da zwei Mann mit Peitschen bewaffnet ihn empfangen wollten. Er erkannte rechtzeitig die Sachlage, schlich behutsam wieder die Treppe empor und suchte bei der Geliebten Hilfe. Diese drängte ihn nach ihrem Kammerfenster, das auf der entgegengesetzten Seite des Gebäudes lag. Die Wand dort war nun glücklicherweise mit Wein bewachsen. Rasch entschlossen schwang sich nun Eduard aus dem Fenster, fußte nach dem Weinspalier und begann den Abstieg. Aber o weh – ein abermaliges Krachen und Brechen, das morsche Spalier hatte nicht standgehalten. Wenn auch etwas unsanft, doch[10] dafür blitzschnell, gelangte mein Vater zu Boden. Langes Besinnen gab es in dieser Situation nicht, bevor die Rächer auf der Vorderseite um das Gebäude herum eilen konnten, hieß es durch den Obstgarten zu flüchten, über einen Zaun zu setzen und das freie Feld zu gewinnen, was auch wider Erwarten gut gelang. Mein Vater hörte nur noch die Flüche und Verwünschungen der Verfolger in der Ferne.

Dann kam das 20. Lebensjahr heran, und mein Vater begab sich in sein Heimatsdorf Reichstädt, um daselbst an der Musterung, oder wie es damals hieß »Losung« teilzunehmen. Von 22 Militärpflichtigen war er der Einzige gewesen, der sich zu den Soldaten gelost hatte. Ostern 1863 trat er in die 4. Kompagnie des altenburgischen Kontingents ein. Von seiner Militärzeit kann ich noch mehr erzählen; auch dieses habe ich mir erst aus den Unterhaltungen, die er mit anderen Leuten gepflogen hat, gemerkt.

Das altenburgische Militär trug russisch-grüne Uniformen mit rotem Einfaß, schwarzen Kragen und Gardelitzen. Da ist einmal an seinem Uniformrock die rote Einfaßschnur defekt geworden, in Ermangelung von neuer Schnur legte mein Vater einen Streifen roten Stoffes um und faßte die Montur damit kunstgerecht ein. Am andern Morgen beim Appell bemerkte sein Hauptmann von Kracht die Veränderung an der Uniform und erkundigte sich nach dem Künstler von der Nadel. Als nun mein Vater sich selbst als den Schneider bezeichnete, wurde der Feldwebel vom Kompagniechef herbeigerufen und auf den Füsilier Bromme deutend, befahl der Chef: »Dieser Mann muß in die Schneiderkommission.« Von dem Tage an war Eduard Bromme zum Kompagnieflickschneider avanciert.

In der Garnison hat auch der Aberglauben eine Rolle unter den Marsjüngern gespielt. Nur ein Vorkommnis davon, das einmal Licht in eine solche Gespenstergeschichte gebracht hat. Eine Zeitlang wurden da die Wachtposten am alten Pulverturm immer um Mitternacht durch eine weiße Gestalt dermaßen erschreckt, daß ihnen die Haare zu Berge gestanden und die Kniee geschlottert haben; zu schießen aber hatte keiner gewagt. Die wohlhabenden Bürger-[11] und Bauernsöhne gaben deshalb lieber etwas aus, um von diesem Posten entbunden zu werden. Da war nun in der Kompagnie ein armer Holzländer (der altenburgische Westkreis, das sind die Bezirke Eisenberg, Roda und Kahla, wird allgemein das Holzland genannt), der seine verwitwete Mutter und seine kleinen Geschwister von der Löhnung noch unterstützte, und sich nebenbei gern einige Groschen verdiente. Für Geld und gute Worte übernahm dieser für die furchtsamen Muttersöhne die Wache am Pulverturm. Es war eine mondhelle Winternacht und gegen 12 Uhr näherte sich richtig der »Geist« wieder. Der Holzländer machte aber kein großes Federlesen, nach dreimaligen schnellen Anruf gab er Feuer und der Geist verschwand. Unmittelbar darauf kam die Ablösung, der Holzländer machte Meldung und mit dem aufführenden Gefreiten suchte er die Stelle ab. Sie sahen in dem Schnee eine große Blutlache und verfolgten die Spur, in einem großem Umwege führte diese nach der Stadt zurück und endete vor einer Mühle. Sie verlangten Einlaß und fanden einen schwer verwundeten Mühlknappen im Bette liegend vor, der die Ladung in seinen hinteren Körperteil bekommen hatte. Es war ein Berliner, der seinem Kollegen gegenüber immerge prahlt hatte, die Altenburger »Malcher« (diesen Spitznamen führt auch heute noch das in Altenburg garnisonierende preußische 153. Regiment) ordentlich zum Narren halten und ins Bockshorn jagen zu wollen. Von der Zeit an spukte es am Pulverturm nicht mehr, und der Posten wurde schließlich dort überhaupt eingezogen.

Auch vom Manöver, oder wie damals der Ausdruck war, von der »Kantonierung« hat mein Vater früher manchmal erzählt. Sie wurden einmal in einem Dorfe einquartiert, nachdem es den ganzen Tag über geregnet hatte, was vom Himmel runter wollte. Am andern Morgen, einem Sonntage, sollte Gewehrappell stattfinden und der Lauf seiner »Knarre« zeigte inwendig zahlreiche Rostflecken. Er hatte die Reinigung bis zur letzten Minute aufgeschoben und einen Pfropfen in den Lauf gepreßt, den er nicht wieder herausbrachte, kurz entschlossen ging er nach dem Garten, schob eine Patrone ein und drückte die Zündnadel ab. Der Lauf war spiegelblank. Zwar[12] wurde nach dem Schuß geforscht, aber entdeckt wurde der Täter nicht. Mein Vater hat später im Kriege noch einen unvorsichtigen Schuß abgegeben, da war aber die Geschichte gefährlicher. Ich komme vielleicht darauf noch zurück.

Im Sommer 1864 kam er nach der Leuchtenburg bei Kahla auf Wachkommando; denn zu jener Zeit wurde diese alte Burg als altenburgisches Landeszuchthaus benutzt. Heute ist sie das Ziel zahlreicher Ausflügler, mit angenehmen Restaurationsräumen und prachtvoller Rundsicht. Vor einigen Jahren bin ich selbst einmal dagewesen, und ein Grauen kam über mich, als ich die alten Burgverließe besichtigte. Auch eine Kammer wird gezeigt, die mit mittelalterlichen Folterinstrumenten und sonstigen Marterwerkzeugen angefüllt ist. Da kann man auch den 150 Meter tiefen Brunnen sehen den die Sträflinge in den Felsen gegraben haben; es muß eine äußerst schwierige und gefahrvolle Arbeit gewesen sein. Das Pumpwerk wird alle 14 Tage einmal geölt, zu welchem Zwecke ein Mann auf eingemauerten eisernen Leitern hinabsteigen muß. Bei der Besichtigung wird eine Sturmlampe auf eine kleine Förderschale gestellt und hinabgeleiert. Ist sie am Grunde angekommen und still gestellt, so sieht sie aus, als wenn ein weggeworfenes Streichholz noch weiter glimmt.

Mein Vater hat mir erzählt, daß auch Revolutionäre von 1848 da geschmachtet haben. Zur Zeit seiner Anwesenheit war ein gewisser Roland, Fleischergeselle aus Altenburg, ein Hüne von Gestalt, dort interniert, welcher schon verschiedene aufsehenerregende Vergehen in seiner von 1849 bis 1851 währenden Militärzeit begangen und später den Altenburger Ratskellerwirt erschossen hatte. Dafür war er zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt worden. Von diesem er zählte mein Vater einmal, daß nach einem Gottesdienst, als der Pastor seine Predigt beendet und das Gebet und Amen gesprochen hatte, Roland plötzlich dem Geistlichen zurief: »Na, 's wärd Zeit, doß de mit Deiner Quatterei ufhörst, ich habs schun lange sott.« Ein anderer Gefangener Namens Grau, der sogenannte »reiche Schneider« aus Ehrenhain, pflichtete dem mit den Worten bei »Ja Freund, Du hast auch meine Meinung gesagt«.[13]

Für diese Störung erhielten beide je 25 Stockhiebe zudiktiert. Roland hielt sie aus, ohne mit der Wimper zu zucken und ohne einen Laut von sich zu geben. Er meinte noch nach Empfang der Lektion zum reichen Schneider: »Na, mein Freund, wenn sie Dir so gut bekommen wie mir, kannste zufrieden sein.« Der reiche Schneider aber stürzte zu Boden und starb an den Folgen der Prozedur.

Um die Leuchtenburg herum führt ein schmaler Pfad. Dort sind damals die Soldaten abends spazieren gegangen und haben allerlei Unfug und Jux getrieben. Dort zeigte mir mein Vater auch eine Stelle, wo eine Steinbank und zwei Pfeiler stehen, und erzählte, daß auf diesen Pfeilern früher ein großer Mühlstein als Tisch geruht hat und einige Zeit vorher sich einige Soldaten den Spaß erlaubt hätten, diesen Stein herabzuwälzen. Der Stein sei aber ins Rollen gekommen, den steilen Berg hinab und in dem am Fuße des Berges liegenden Dorfe Seitenroda durch eine Scheune hindurchgesaust, um endlich noch die Wand eines Bauerngehöftes zu demolieren.

Im Herbst 1864 ist mein Vater wieder nach Altenburg zurückgekommen. In dem benachbarten Kotteritz hatte er sich eine Geliebte angeschafft, deren Vater ein großes Bauerngut besaß und sehr reich gewesen sein soll. Ich habe meinen Vater erzählen hören, daß er von diesem Mädchen Schinken, Butter, Wurst und Geld erhalten habe, so viel er gewollt hat. Ganze Speckseiten hätten in seinem Kasernenspind gehangen.

Damals ist ihm auch eine andre spaßhafte Geschichte passiert. Im »Preußischen Hof« zu Altenburg ist einmal Bauernball gewesen, den auch der Vizegefreite Eduard Bromme mit seiner angebeteten Bauerstochter besuchte. Als sie den Heimweg antraten und am Ausgang angekommen waren, bemerkte plötzlich die Geliebte, daß sie ihr Umschlagtuch vergessen hatte, sie eilte deshalb zurück, um es zu holen. Es war so finster in jener Nacht, daß man kaum die Hand vor den Augen erkennen konnte. Mein Vater wartete am Eingang und nach einigen Minuten kam seine Angebetete zurück, faßte ihn unter den Arm und flüsterte: »Na komm.« Er entgegnete darauf: »Du hast aber lange gebraucht.« Als sie nun die Stadt hinter sich hatten und er am Wege nach Kotteritz einbiegen[14] wollte, hält sie ihn plötzlich zurück und sagt: »Wo willst Du denn hin, hierüber geht es.« Beim Klang der Stimme stieg ein merkwürdiger Verdacht in dem Soldaten empor. Schnell flammte ein Streichholz auf, ein Leuchten nach dem Gesicht und richtig: es war eine Falsche. Enttäuscht und wütend hat er die Unbekannte stehen gelassen und sich fluchend nach der Kaserne begeben.

Noch etwas von einem furchtsamen Soldaten. In jenem Winter nahm er einmal Urlaub nach Hause. Eisenbahn gab es noch nicht dorthin, und aus dem Grunde mußte er 3 1/2 Stunden auf Schusters Rappen reiten. Abends mußte er wieder nach der Garnison zurück. Es war sehr kalt und die Straßen hart gefroren. Er hatte u. a. auch eine halbe Stunde durch den Pröhnaer Wald zu laufen – heute ist er freilich nicht mehr so groß, da braucht man kaum zehn Minuten – und aus Angst vor einem etwaigen Begegnis hatte der Vaterlandsverteidiger das Seitengewehr gezogen; zudem war es auch wieder stockfinster. Plötzlich prallte er an einen Gegenstand und stürzte zu Boden – kliiiing – rutschte das Seitengewehr auf der Straße entlang. Zunächst wurde unser Marsjünger gewahr, daß er über einen Steinhaufen weggestolpert war. Doch das mochte ja noch gehen; aber wo war nun das herzogliche Faschinenmesser hingekommen? Eine volle Stunde hat er mit den Händen umhertasten müssen, ehe er es wieder gefunden hat. Jetzt wurde es in die Scheide geschoben. Die Furcht war vorbei.

Im März 1865 kam die Zeit der Entlassung. Meinem Vater hatte jedoch das Soldatenleben gefallen, und er beschloß zuerst, »dabei zu bleiben«. Doch damals scheint es mit dem »kapitulieren« nicht so geschäftsmäßig zugegangen zu sein als heute. Als nämlich die Kameraden in die Heimat abgereist waren, gefiel es dem Bromme nicht mehr, auch hatte er seinen besonderen Ärger, weil er noch nicht zum Gefreiten befördert worden war. Er eilte darum zum Feldwebel, machte seinem Herzen diesem gegenüber Luft und forderte seine Entlassung. Die Kompagniemutter wies ihn zum Hauptmann, bedeutete ihm aber, zu eilen, weil der Herr Hauptmann denselben Tag noch einen sechswöchentlichen Urlaub nach Schleswig-Holstein antreten würde. Der Füsilier Bromme lief deswegen[15] – nein sprang vielmehr gleich nach dem Bahnhofe, bald darauf kam auch schon der Gestrenge. Mein Vater nahm die vorschriftsmäßige Haltung ein und brachte seinen Wunsch vor, ebenfalls in Urlaub entlassen zu werden. Auf die Frage des Herrn Hauptmanns nach diesem plötzlichen Gesinnungswechsel entdeckte sich ihm der Kapitulant. Der Kompagniechef äußerte demgegenüber: »Nun, ich kann Sie doch nicht gleich zum Stabsfourier machen,« genehmigte aber im übrigen die Entlassung.

Den folgenden Sommer hat dann mein Vater in einer Ziegelei gearbeitet. Im Herbst aber ging er wieder zu den Bauern und vermietete sich auf Rittergut Münsa. Er sollte jedoch hier sein Dienstjahr nicht abschrauben, denn Anfang Juni des Jahres 1866 wurde er nach erfolgter Mobilmachung zur Reserve einberufen.

Nach dem Kriege, in dem mein Vater nicht viel mehr als im Manöver erlebt hat, nahm er in Kotteritz einen Dienst an und suchte seine reiche Liebste wieder auf. Doch das Dorfleben sagte ihm nicht zu, und in Zukunft mal ein Bauer zu werden, hatte er auch keine Lust. Er ließ deshalb das Mädel sein und wollte seinen schon lange gehegten Wunsch, an die Eisenbahn zu gehen, in Erfüllung bringen. Aufs Geradewohl fuhr er nach Zwickau, wo ihm auch Beschäftigung gewährt wurde, und zwar mußte er in der dortigen Staatswerkstätte Lokomotiven reinigen. Man nannte diese Arbeit Putzerei. Es wird ungefähr dieselbe Verrichtung gewesen sein, welche Karl Fischer in der Abkocherei der Osnabrücker Staatsbahnwerkstätte1 getan hat. Nur wurde zu jener Zeit die Arbeit besser bezahlt, und mein Vater hat da zwei und dreimal mehr wöchentlichen Verdienst zu verzeichnen gehabt als Fischer. Da war ein Maschinenverwalter H., ein Schwabe von Geburt, bei dem die Arbeiter viel Geld verdienten. Der fragte ganz einfach die in Frage kommenden Putzer »Wasch wolle Schie habe für die Maschine«, gewöhnlich hieß es dann »acht Taler« und die Antwort war darauf: »Ich gebe Ihne schieben.« Der Lohn wurde dann abgemacht. Die Putzer ließen dann den Schlossern einige Liter Bier anfahren, worauf es diese[16] dann mit dem Reinigen nicht so genau nahmen. Der Maschinenverwalter ist aber bald entfernt und sogar bestraft worden, weil er den Staat betrogen hat und zwar durch Unterschleife in Kohlen, mit denen er schwunghaften Großhandel betrieb.

Meinem Vater gefiel trotzdem die Putzerei nicht; er wollte zum Fahrpersonal und wurde schließlich auch als Hilfsbremser eingestellt. Er fuhr aber nur Kohlenzüge, d. h. er mußte die gefüllten Steinkohlenlowrys aus den einzelnen Gruben zusammen holen, und dann fuhren sie sie nach Leipzig, Glauchau und Chemnitz. Dabei wäre er in Zwickau bald einmal zum reichen Manne geworden. Er mußte eines Tages kurz vor dem Abgang seines Trains auf dem Zwickauer Bahnhof den stillen Ort aufsuchen; als er die Türe dort öffnet, plumpst plötzlich von innen etwas Schweres dagegen. Da bemerkte mein Vater einen Riemen oben an der Türecke, er holt ihn herunter und hat eine schwere Geldtasche in den Händen. Am andern Tage prangte am Fundbrett die Inschrift »Eine Geldtasche mit 7000 Talern Inhalt, in Gold, Silber und Papier ist gefunden worden«. Sechs Wochen lang stand das am Brett, und niemand hatte sich gemeldet, da ist eines Tages ein Glauchauer Fabrikant angekommen, hat die Anzeige an der Tafel gelesen und die Tasche als sein Eigentum reklamiert. Er soll dabei gesagt haben; »Ich wollte kein Aufhebens machen, weil ich sie an dem Ort vergessen hatte und glaubte auch, den Verlust nicht wieder zu bekommen, ich hatte mich auch bereits darüber hinweggesetzt.« Die beiden Finder haben nicht einmal Schön dank als Lohn für ihre Ehrlichkeit erhalten; ob der Verlierer etwas in der Expedition zurückgelassen hat, haben sie nie in Erfahrung bringen können.

In Zwickau hätte nun mein Vater lange Kohlen fahren müssen, bevor er avanciert wäre; er beschloß deshalb, auf gut Glück nach Dresden zu gehen und sich dort um eine bessere Stelle zu bewerben. Er hatte jedoch falsch gedacht, es wollte und wollte nicht klappen. Zwei Monate war er schon da und noch immer keine Aussicht, auf Anstellung rechnen zu können. Muße hatte er genug gehabt und Elbflorenz innen und außen kennen gelernt, hatte sich die sächsische Schweiz bis nach Bodenbach hinunter angesehen; Königstein, Lilienstein,[17] Schreckenstein und alle möglichen Steine bestiegen, das konnte ihn aber nicht satt machen und seine Ersparnisse zeigten bereits ganz beträchtliche Lücken; darum beschloß er endlich, nach Leipzig zu gehen und dort sein Glück zu versuchen.

In Leipzig bekam er Beschäftigung, zwar auch nur als Rangierer und Hilfsbremser, aber sie war doch immerhin nicht so eintönig, wie das Kohlenfahren in Zwickau. Leider sollte ihm eines Tages ein schweres Unglück widerfahren. Es war die Weihnachtszeit des Jahres 1869. Der Schnee ballte sich an die Stiefeln und lag auf den Trittbrettern der Wagen und beim Rangieren einer Anzahl Personenwagen rutschte mein Vater ab und geriet mit dem linken Fuß unter die Räder. Man transportierte ihn ins St. Jakobshospital, in dem er fünfzehn Monate lang an den Folgen des Unfalles gelegen hat. Anfangs sollte gleich der Fuß amputiert werden, das hat aber mein Vater nicht zugegeben. Auf die Erwiderung des Arztes, daß er dann vielleicht sterben müsse, erfolgte die lakonische Antwort »Besser noch, als Krüppel zu werden«. Der Professor versuchte nun auf andere Art und Weise, den Fuß wieder gebrauchsfähig zu machen und zwar wurden die verletzten Knochen bloßgelegt, es ergab sich, daß diese zerbrochen waren. Sie wurden genau in ihre natürliche Lage gebracht und die Operationswunde vernäht. Dabei wurde zum ersten Male ein neuer englischer Verband, der sogenannte Listersche Verband angewendet. Man brachte da den Fuß in einen eigens dazu angefertigten Holzkasten, an der Sohle wurde er eingegipst, ein Glasfenster bildete die obere Seite, das konnte beliebig geöffnet werden. Der Verband bewährte sich jedoch nicht. Es bildete sich eine Art Brand oder vielmehr das Fleisch an der Operationswunde wurde faulig, sodaß täglich eine Wenigkeit weggeschnitten werden mußte; aber die Wunde wollte und wollte nicht heilen. Der Professor Thiersch motivierte es damit, daß sich keine neue Knochenhaut gebildet habe und dadurch das Fleisch nicht anwachsen konnte. Er ordnete deshalb eine neue Operation an, in welcher nunmehr die Knochen herausgebrochen werden sollten. Eines Abends wurde mein Vater vom Assistenzarzt in Kenntnis gesetzt, daß am andern Vormittag die Anordnung ausgeführt[18] werde. Er solle deshalb wegen des Chloroformierens früh nichts essen. Das Chloroformieren hatte der Assistenzarzt auszuführen. Am andern Morgen ließ sich dieser aber gar nicht sehen und 1/2 9 Uhr wurde mein Vater auf einer Tragbahre in den Operationssaal gebracht, ohne narkotisiert zu sein. Man legte ihn auf den Tisch und die Studenten umringten ihn. Die Assistenzärzte legten die Instrumente zurecht und als der Professor eintrat, ging er unverzüglich an seine Tätigkeit. Professor Thiersch hatte Eile, weil er als Generalstabsarzt der sächsischen Armee nach dem Kriegsschauplatz beordert war. Bei der Operation zeigte es sich, daß die Knochen wieder regelrecht verwachsen waren und zwar so fest, daß sie bei der Entfernung nicht einmal an der alten Bruchstelle gebrochen sind. Über die Vorgänge während der Operation habe ich noch einige Einzelheiten im Gedächtnis behalten, so hat ein Student meinem Vater ein Stück Holz in den Mund gesteckt, auf das er im Falle des Erwachens beißen sollte. Beim Brechen der Knochen wäre ihm der Schmerz nicht nur durch Mark und Bein gegangen, sondern in jedem einzelnen Haar habe er die nicht zu schildernden Schmerzensempfindungen gefühlt. Das Stück Holz sei in Atome zerbissen worden. Am andern Tage besuchte ihn Professor Thiersch noch einmal vor seiner Abreise, erkundigte sich nach dem Befinden und ob er sich übergeben habe. Letzteres verneinte mein Vater, worauf Herr Thiersch äußerte, das wundere ihn sehr, nach Chloroform breche man doch gewöhnlich. Als da nun der berühmte Chirurg hörte, daß der Kranke die Operation in völlig wachem Zustande ausgehalten, war das Erstaunen am ersteren; in seinem Amtseifer hatte er nichts davon gemerkt, daß der Mann nicht in der Narkose liegt. Die Schuld daran trug natürlich der Assistenzarzt meines Vaters.

Endlich kam die Zeit der Entlassung aus dem Hospital: ein und einviertel Jahr war indessen verflossen, aber voll gebrauchsfähig war der Fuß immer noch nicht; es war noch ein Knochensplitter drin, weshalb die Eiterung gar nicht weichen wollte. Darum fand noch eine Öffnung der Wunde statt. Der Splitter wurde aber nicht gefunden. Später ist er von selbst ans Tageslicht gekommen. Die[19] Zehen waren vollständig steif geblieben und sind heute noch unbeweglich.

Danach war mein Vater noch drei Monate krank in seiner früheren Wohnung. Von der Bahn erhielt er weder Unterstützung noch Beschäftigung, sodaß seine sämtlichen Ersparnisse darauf gingen, und außerdem beim Logiswirt noch 28 Taler Schulden angewachsen waren. Er ist mehrmals auf dem Bahnhof vorstellig geworden, aber stets mit den Worten »Sie haben uns genug Geld gekostet«, abgewiesen worden. Das aber durften die Beamten sagen, weil er noch nicht festangestellt war! Nun wohnte in dem Hause, wo mein Vater logiert, ein alter Rechtsanwalt Namens Müller, der aber nicht mehr praktizierte. Von diesem erbat mein Vater Rat und Beistand. Der alte Advokat meinte, daß die Bahn unbedingt verpflichtet sei, sich seiner anzunehmen. Er solle nur gleich einmal an die richtige Schmiede, das sei die Generaldirektion in Dresden, gehen, sich aber auf keinen Fall von den Bureaubeamten abspeisen lassen. Der freundliche Herr lieh zu diesem Zwecke dem Verunglückten 2 Taler und dieser fuhr, den einen Fuß mit dem Stiefel, den andern mit einem Filzschuh bekleidet, nach der sächsischen Residenz zur höchsten Bahnbehörde. Im Vorzimmer wollten ihn, wie der alte Müller ganz richtig vermutet hatte, einige Unterbeamte abfertigen. Mein Vater war aber standhaft und verlangte unbedingt, dem Generaldirektor vorgestellt zu werden. Wenige Minuten später sah er sich denn auch dem Gestrengen, einem Herrn von Nostitz-Schenkendorf gegenüber und erläuterte diesem seine Krankheitsgeschichte. Er hatte Erfolg und die Bahnverwaltung in Leipzig erhielt die Anweisung, den Bromme zu unterstützen und in geeignete Beschäftigung zu nehmen. Zunächst bezahlte die Bahn die Schulden beim Quartierwirt; die geopferten Ersparnisse aber nicht. Dann bekam er für die Woche 4 Taler, und einen Portierposten zugesichert. Da stellte sich wieder ein Hindernis ein und zwar in Gestalt eines zweijährigen Kehlkopfleidens, das aber später von selbst wieder verschwunden ist. Da war es also auch nichts mit dem Portier. Nun war er eine Zeitlang genötigt, Nachtwächterdienste zu tun, bis er eines Tages oder vielmehr in einer Nacht mit dem[20] kranken Fuß über die Schienen gestolpert ist. Am andern Tage erstattete er Meldung und blieb nun wieder zu Hause. Eines Tages war er wieder wegen Beschäftigung vorstellig geworden, da hatte der Inspektor gesagt: »Ja, was soll ich mit Ihnen machen, mit dem Portier ist es bei solcher Heiserkeit nichts, aber warten Sie mal, fahren Sie doch Personenzüge mit als Bremser, da haben Sie doch weiter nichts zu tun, das bißchen Anleiern geht allemal.« So fuhr mein Vater als Bremser auf der Linie Leipzig-Hof und zwar meist nur Schnellzüge. Er wurde bald darauf angestellt, ohne vorher untersucht zu werden, weil die Bahn in folge seiner in ihrem Dienste erlittenen Halbinvalidität zur Anstellung verpflichtet war.

Wie mein Vater meine Mutter kennen gelernt hat, ist mir unbekannt geblieben. Im Anfang des Jahres 1872 haben sie geheiratet. Dabei will ich gleich noch das wenige vorausschicken, was mir von meiner Mutter Jugendzeit bekannt geworden ist. Trotzdem meiner Mutter die Sprache sehr geläufig war, erzählte sie höchst selten von ihrem eigenen Leben, ausgenommen abergläubische Spuk- und Drachengeschichten. Mit diesem Unsinn, von dem mir noch eine ganze Menge in Erinnerung ist, will ich indes die lieben Leser verschonen. Nur einige Beispiele sollen hier Platz finden. Die »Herrenfrau« von Prößdorf, eines kleinen Ritterguts in der Nähe Luckas, hatte nach ihrer Meinung den »Drachen«. Sie litt es niemals, daß eine Magd beim Kühemelken ihren Schemel benutzte; sie übte nämlich die Beschäftigung des Melkens selbst mit aus, weil sie Gefallen daran hatte. Nun war sie eines Tages verreist und verbot zuvor noch der Magd, ihren Schemel zum Melken zu benutzen; diese übertrat das Verbot und zur Strafe hatte sie richtig Blut gemolken. Dann war meine Mutter einmal eines Abends von ihrer Schneiderbeschäftigung aus Lucka erst gegen 1/2 12 Uhr nachts weggegangen. Als sie nun an einem Friedhof vorbeigegangen war, sei ihr plötzlich zur Rechten eine menschlichte Gestalt zu Gesicht gekommen, die auf allen Vieren kroch und erst als sie die Luckaer Flur verlassen und auf dem Terrain ihres Heimatsdorfes gelaufen, sei die Gestalt verschwunden. Später sei sie einmal bei einer Familie über Nacht geblieben. Als sie sich in der Bodenkammer zur Ruhe begeben und[21] eben erst ins Bett gelegt habe, sei plötzlich etwas in Holzpantoffeln bis vor ihr Bett gekommen und habe sich ihr auf Brust und Leib gelegt. Das sei das sogenannte »Albdrücken« gewesen. Am andern Morgen wäre eine alte Frau gekommen und habe von ihr sofort etwas genäht haben wollen. Sie habe sie aber abgewiesen, da das die Albdrückerin gewesen sei. Von dieser Zeit ab habe sie dann stets die Schuhe mit den Spitzen betteinwärts gesetzt. Das wäre nämlich das einzige Mittel, um sich vor dem Albdrücken zu schützen. Dann wieder habe manchmal meine Mutter bei einer Familie genäht, die den reichen Drachen hatte, – der reiche Drache trägt nämlich zu und der arme schafft weg, (ich glaube, da besitze ich den armen Drachen heute noch), da habe sie eines Abends vor dem Fenster gestanden und plötzlich sei ihr vor dem Fenster ein Bock ähnliches Geschöpf mit geringelten Hörnern erschienen – das war natürlich der Drachen. Später, im Sommer 1884, war der Sohn einer Kousine Namens Wilhelm Syrbe aus Lobstädt, der in Borna als Schlosser gelernt hatte, zu uns ins Quartier gekommen. Der paßte darin auch zu meiner Mutter. Von den beiden wußte immer eins mehr zu erzählen als das andere. Da war dessen Meistersvater, der alte Schlosser Schramm, der Ökonomie besaß, mit dem Wagen nach dem Frohburger Grund gefahren. Er hatte vergessen, eine Zeremonie vorzunehmen und war deshalb »fest gemacht« worden. Sie hätten sich mühen können, wie sie wollten, die hinteren Räder seien nicht vorwärts gegangen. Bis sie ein des Weges kommender alter Schäfer frei gemacht hatte. Dann wieder war Syrbe von Lobstädt nach Borna gelaufen. In der Nähe des Ottoschachtes ist ihm ein dreibeiniger Hase begegnet. Er hat mit dem Stock nach ihm geschlagen und 9 Tage später – die 9 spielte stets eine große Rolle bei diesen Erzählungen – sei sein Vater in den Schacht gestürzt und hätte den Hals gebrochen. Hätte er aber nicht nach dem dreibeinigen (Drachen) Hafen geschlagen, so lebte sein Vater heute noch.

Doch ich will von meiner Mutter reden. Also ihre Hauptbeschäftigung war Damenschneiderei, oder, wie es im Altenburger Lande heißt, sie war »Nähtern«. Außerdem konnte sie ausgezeichnet kochen[22] und verstand auch mit wenigen Mitteln etwas Schmackhaftes herzustellen. Ferner war sie sehr fromm und gottesfürchtig, im Gegensatz zu meinem Vater, der eher zum Atheismus neigt. Sie verstand aber auch etwas von Krankenpflege, und in meinem Leben ist mir keine Frau wieder begegnet, die sich darin mit ihr messen konnte. Die Leser werden das später bei meiner Kindheitsgeschichte näher erfahren. Sie kannte alle einheimischen Teearten, und war Meisterin im Einmachen von Früchten und Aufsetzen von Kräutern, und Künstlerin in der Herstellung von Puddings. Bei der Schneiderei hatte sie sich in ihren Jugendjahren 600 Taler gespart. Da sie in ihrem Beruf meist bei besserer Kundschaft tätig war, so hatte sie sich auch etwas gesellschaftlichen Schliff angeeignet, wie man so zu sagen pflegt. Ja, sogar ein wenig Französisch und Englisch verstand sie, deren Kenntnis sie sich wahrscheinlich in einer Pastorenfamilie erworben hat, bei der sie einige Zeit in Stellung gewesen ist. Ich konnte darum auch bereits in französischer Sprache bis fünfzig zählen, noch ehe ich die Schule besuchte, wie ich überhaupt schon mit 5 Jahren das ganze große und kleine deutsche Alphabet schrieb. Wie ich dann noch aus ihren Erzählungen vernommen habe, hatte sogar ein Arzt um ihre Hand angehalten und einen Korb bekommen, was sie später vor unseren Ohren oftmals bereut hat. Bei ihrer Verheiratung zählte sie 30, mein Vater 29 Jahre.

Am 15. Juli 1873 wurde ich in der Körnerstraße zu Leipzig geboren, aus dem Grunde bekam ich auch den Namen Theodor mit als Vornamen. Moritz William Theodor ist mein voller Name. Später bin ich oftmals gefragt worden, warum mein Vater mich nicht Wilhelm genannt hat. Ich glaube aber, daß der William von meiner Mutter gewählt worden ist. Im fünften Stock habe ich das Licht der Welt erblickt. Später hat mir meine Mutter erzählt, daß ich sehr gutartig gewesen sei, nicht viel geschrien und auch keine Gummihütchen in den kleinen Mund genommen habe, und nur durch die Leckereien meiner Tante, der jüngeren Schwester meiner Mutter etwas verwöhnt worden sei, die mir diese allwöchentlich gebracht habe.

Inzwischen war meinem Vater wieder mal ein kleiner Unfall[23] passiert, an dem ein voreiliger Lokomotivenführer die Schuld trug. Da wickelte er als Bremser die Signalleine oben auf den Wagen auf, als plötzlich der Lokomotivenführer abfuhr, bevor mein Vater das Zeichen mit der Pfeife gegeben hatte. Die Schnur kam dadurch ins Rollen, mein Vater hielt aber das Ende fest, wodurch ihm der Daumen bis auf den Knochen durchschnitten wurde und abgerissen worden wäre, wenn der Vorfall nicht rechtzeitig bemerkt und der Zug zum Stehen gekommen wäre. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Kurz vor Weihnachten 1872 widerfuhr ihm ein noch größeres Unglück. Er fuhr den 4 Uhr-Morgens-Schnellzug nach Hof. Er hatte einem Kollegen, dem Schaffner Mahn, im Dienstkoupee Gesellschaft geleistet und war kurz vor Hof, etwa zehn Minuten oberhalb der Saalbrücke, im Begriffe auszusteigen und seinen Posten an der Bremse einzunehmen. Das Trittbrett war aber unglücklicherweise mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Der Vater stürzte ab und fiel die Böschung hinab in den Schnee. Erst nach Ankunft des Zuges in Hof wurde er von seinen Kollegen vermißt. Es war noch dunkel und gegen 7 Uhr Morgens. Sogleich erfolgte Befehl zur Absuchung der Strecke. Als man diesem eben nachkommen wollte, traf man auf einen Bahnwärter, welcher die Meldung brachte, daß oberhalb der Saalbrücke ein Mann im Schnee liege, es hätte nur der Pelz noch herausgesehen, also wäre es jedenfalls eine Leiche. Man fuhr infolgedessen mit einer Arbeitslowry hinaus, lud den Toten auf und fuhr ihn nach Hof. Erst nachdem ein herbeigerufener Arzt die Untersuchung beendet hatte, konstatierte dieser, daß noch Leben vorhanden sei. Es wurde ein Telegramm an die Frau abgeschickt, daß diese infolge plötzlicher Erkrankung ihres Mannes mit einer Droschke zum Bahnhof kommen solle. Jetzt war mein Vater wieder einen Monat zu Hause. Zum Glück war bei dem Sturze nur der Arm ausgekugelt, der sofort von dem Arzte in Hof eingerichtet worden war. Im übrigen war er unverletzt, also gut weggekommen. Er nahm deshalb den Dienst wieder auf, aber nur 14 Tage waren vergangen, da mußte er von neuem zu Hause bleiben. Jetzt zeigten sich erst die Folgen des Sturzes und nun war er über ein Jahr krank und konnte nie wieder Fahrdienst tun. Er[24] wurde deshalb Bahnwärter und nach Breitingen, einem kleinen sächsischen Orte zwischen Altenburg und Leipzig versetzt. Dort war es infolge des Zugverkehrs bei Tag und Nacht indes zu aufreibend für meinen Vater. Meine Mutter hat mir manchmal erzählt, daß es dort immer einen Extrahappen für sie gegeben habe, indem mein Vater des Morgens beim Tragen der Nummer zum Nachbarkollegen, was gleichbedeutend mit Absuchung der Strecke ist, sehr oft Rebhühner gefunden habe, die sich in der Dunkelheit die Köpfe an den Telegraphendrähten eingerannt hatten, außerdem habe sie einen starken Kater gehabt, der sogar manchmal Hafen angeschleppt habe. Diesen haben sie aber nicht gegessen. Meine Mutter hat überhaupt fast gar kein Fleisch gegessen, ich werde damals auch soviel wie nichts davon verspeist haben, also hat mein Vater da gut leben können. Zum Beispiel hat er einmal zu Weihnachten bei der Großmutter ein Schwein gekauft und zu Ostern ist nichts mehr davon vorhanden gewesen; also hat er dies fast allein verzehrt. Dort ist auch einem Nachbarkollegen ein schreckliches Unglück widerfahren. Dieser hatte in der Nacht geschlafen und ist beim Pfeifen der Lokomotive ganz kopflos heraus und direkt auf das Geleis vor dem Schnellzug gestürzt, der ihn sofort zermalmte. Aus diesem Grunde sind dann Barrieren vor den Bahnwärterhäuschen an gebracht und der Eingang zu diesen an der Rückseite gemacht worden.

Ein Jahr später wurde mein Vater nach Zwenkau, an die Linie Meuselwitz-Gaschwitz-Leipzig versetzt. Ich mag da im dritten Jahre gestanden haben. Von dorther datieren meine ersten Erinnerungen. Die erste war, daß mir ein Brüderchen, unser Felix geboren wurde, von dem ich noch manchmal sprechen werde, und der trotz seiner Jugend ein ziemlich bewegtes Leben hinter sich hat. Aus meinem dritten Jahre stehen Eindrücke noch ganz lebendig vor mir. Eines Abends oder vielmehr eines Nachts ist unsere Mutter mit uns Kleinen nicht schlafen gegangen, sondern hat uns in der Stube behalten. Sie saß da und weinte bitterlich. Es war im Hochsommer und eine helle, warme und windstille Nacht, und konnte so gegen 4 Uhr Morgens sein. Der kleine Bruder war eingeschlafen, da nahm mich die Mutter bei der Hand und ging mit mir auf die Suche nach dem[25] Vater. Ihre Vermutung, ihn in einem Gartenrestaurant zu finden, war richtig. Er saß dort mit vier Männern in einer Laube und sie spielten beim Schein einer Lampe Karten. Es gab zunächst zwischen meinen Eltern eine Auseinandersetzung, jedenfalls weil mein Vater in kurzer Zeit schon mehrmals so lange weggeblieben war. Ich habe natürlich davon noch nichts verstanden; aber in Zukunft ist mein Vater nicht wieder so spät nach Hause gekommen.

Wir wohnten bei dem Korb- und Kinderwagenfabrikanten Meier, an dessen gleichaltrigen Sohn Albert ich mich noch ganz gut erinnern kann. Ein gewisser Franz Kahl und der Sohn des Hauswirts waren meine ersten Spielkameraden, und ich habe manchmal bei ersteren, dessen Mutter eine verwitwete Waschfrau war, Semmel und Wurst bekommen und bei letzteren des Nachmittags Kaffee und Kuchen verzehrt. Auch einige Arbeiter von Meiers kann ich mir noch vorstellen. Da war z. B. ein Geselle Rudolf, der mir mein erstes Taschenmesser geschenkt hat.

Meines Vaters Posten lag etwas außerhalb der Stadt auf einem kleinen Hügel. Dort habe ich mich fast täglich einige Stunden umhergetummelt und die ersten Eindrücke von der Mutter Natur bekommen. Ich weiß heute noch, wie ich staunend die Fische im Bächlein betrachtete und wie ehrfurchtsvoll ich die Blumen auf den Wiesen gepflückt habe. Auch aus der Familie ist mir aus jener Zeit noch ein Krankheitsfall in Erinnerung geblieben, der mein kleines Brüderchen Felix betraf. Es hatte sich ein Karfunkel in seiner rechten Seite gebildet, und der Arzt war Willens, ihn zu schneiden, weshalb meine Mutter in großer Angst um ihren Kleinen war. Eines Tages war sie mit ihm beschäftigt und um seine Wiege in Ordnung zu bringen, hatte sie ihn einstweilen auf ihr Bett gelegt. Sie brauchte da noch etwas, was sich in der andern Stube befand und entfernte sich einen Moment. Sie hatte indes kaum den Rücken gewendet, als sie einen Fall hörte, dem unmittelbar darauf fürchterliches Geschrei folgte. Der Felix hatte sich strampelnd auf die andere Seite gewälzt, dabei das Gleichgewicht verloren und war herunter gekollert. Meine Mutter war halbtot vor Schreck. Aber es zeigte sich ihr, daß auch dieser Fall von der Vorsehung geschickt sei; denn er hatte[26] das Gute gehabt, daß der Karfunkel aufgegangen war. Das war nun noch ein Glück für den Kleinen geworden. Der Eiter ging gut ab und als am andern Tage der Arzt sein Messer herausnahm, hatte er das Nachsehen.

Zu Ende des Jahres 1877 trat wieder ein Wohnungswechsel bei uns ein. Die Linie Gaschwitz-Meuselwitz wurde in eine Sekundärbahn umgewandelt, wodurch man die Bahnwärter sparte. Jetzt wurde mein Vater nach Schmölln in Sachsen-Altenburg versetzt, an die Linie Glauchau-Gera. Im Frühjahr 1878 siedelten wir nach dort über und nahmen Wohnung bei einem Kohlenhändler am Bahnhof, der den siebziger Krieg als Markedenter mitgemacht hatte und dabei reich geworden war. Hier muß ich nun die lieben Leser etwas länger verweilen lassen, weil ich von dort vieles zu erzählen habe.[27]

1

Vergl. Denkwürdigkeiten und Erinnerungen eines Arbeiters, Band II, Eugen Diederichs Verlag, Jena.

Quelle:
Bromme, Moritz Th. W.: Lebensgeschichte eines modernen Fabrikarbeiters. Frankfurt a. M. 1971, S. 8-28.
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