Meine Großeltern

In den niederen Volksschichten ist es schon eine Seltenheit, wenn man etwas von seinen Urgroßeltern zu erzählen weiß. Die Meisten wissen nur von ihren Großeltern, viele aber haben auch diese kaum oder gar nicht gekannt, und zu diesen Leuten gehöre auch ich. Nur die Großmutter mütterlicherseits ist mir persönlich bekannt gewesen. Der väterliche Großvater ist 1867 58 Jahre alt, die Großmutter fünf Jahre später gestorben. Ich kann also von diesen nur das wenige erzählen, was ich von meinen in dieser Beziehung sehr wortkargen Vater gehört habe.

In dem ansehnlichen altenburgischen Dorfe Reichstädt und zwar in der etwas abseits gelegenen, sich schon mehr an das Nachbardorf Frankenau lehnenden, »die Talhäuser« benannten Häusergruppe, hat die Wiege meines Vaters gestanden. Dort wurde er am 27. August 1843 als fünftes von neun Geschwistern geboren.

Die »Talhäuser« sind 11 oder 12 in einer Reihe errichtete, einstöckige niedrige Arbeiterhäuser. Wie damals, so auch heute noch, arbeiten die Leute meistenteils auf dem Rittergut Reichstädt, wo die Löhne zu den niedrigsten in der Umgegend gehören. So weiß ich von dem Manne einer Kousine, der im letzten Winter dort beschäftigt war, daß er für den Tag 1,25 Mark ohne Kost erhielt. Wie sich da die Bauern noch wundern können, warum die jungen Leute mehr nach den Städten ziehen, ist einfach unverständlich. Sie sagen aber meistens: »Heitzutage will s' Gesinge blus mieh Luhn hobe, un nischt mache.« Doch das nur nebenbei.

Zu jener Zeit, da mein Vater im Kindesalter gestanden hat,[1] sind die Verhältnisse viel trauriger gewesen. Seine eigenen Worte waren auf meine Frage nach seiner Jugendzeit: »Wir haben eine traurige Kindheit durchlebt, Hunger und bitterste Not war bei uns täglich zu Gaste, wir mußten sogar die Schule versäumen, um betteln zu gehen.« Ich erinnere mich, daß er oft erzählt hat, daß sie beim Krämer für zwei Pfennige Häringslake holen mußten und zu Hause die Kartoffeln hineingetunkt haben. Kartoffeln ist die ausschließliche Nahrung gewesen, und das alte Sonneberger Lied »Vater, Sohn und heil'ger Geist, Kartoffeln in der Früh', des Mittags in der Brüh', des Abends mit samt dem Kleid, Kartoffeln in alle Ewigkeit«, ist schon in jenen Jahren für die armen Leute des lieben deutschen Vaterlandes maßgebend gewesen. Brot haben die Kinder bei den Bauern betteln müssen. Meistenteils war das die Sonntagsbeschäftigung, aber wenn Not an Mann war, mußte eben die Schule versäumt und während dieser Zeit der Bettelgang getan werden. Die übrige Zeit wurde bei den Bauern gearbeitet, natürlich ziemlich umsonst. Oft sind diese Bettelkinder vom Gendarmen ertappt worden; aber zu jener Zeit waren auch diese Beamten schlecht dran, und haben wohl oder übel die allgemeine Bettelei armer Leute Kinder dulden müssen; denn Hunger tut weh und die Jahre 1846 und 1847 sind Hungerjahre in des Wortes wahrster Bedeutung gewesen. Das weiß ich von meiner Mutter und die war eine Bauerstochter, also besserer Leute Kind als mein Vater. Freilich, Schmalhans ist auch bei ihnen Küchenmeister gewesen, obgleich sie das größte Gut im Dorfe gehabt haben. Doch darauf komme ich noch, zunächst endlich etwas über die väterlichen Großeltern.

Wie ich herausbekommen habe, war der Großvater Lohngärtner und der einzige »Selbständige« in den Talhäusern. Er trieb Handel mit einer kleinen Baumschule, veredelte den Bauern die Obstbäume, richtete ihre Gemüsegärten her, verputzte im Herbst die Weinstöcke und hatte außerdem Obst gepachtet. Sein Verdienst soll aber, nach meines Vaters Aussage, so schlecht gewesen sein, daß sie buchstäblich nur das nackte Leben hätten fristen können und in weit schlimmerer Lage gewesen seien als die Hofarbeiter. Über[2] meines Vaters Mutter weiß ich noch weniger. Sie wird mit 9 Kindern jedenfalls viel Ungemach gehabt, viel Kummer und Sorge erlebt haben. Eine alte Photographie von ihr ist mir noch dunkel in Erinnerung, daher weiß ich, daß sie eine »Marche« gewesen ist, d. h. altenburgische Bauerntracht getragen hat. Alle acht Geschwister meines Vaters habe ich nicht kennen gelernt. Das älteste Kind ist ein Mädchen Namens Jette gewesen, die später in Chemnitz verheiratet war und deren Nachkommen noch heute dort leben. Die zweite war Auguste, die einen Brunnenbauer in Crimmitschau genommen hat. An diese erinnere ich mich ganz besonders, denn sie handelte mit Obst und Gemüse, und von Schmölln aus habe ich sie als Junge oft besucht, und manche Tasche voll Früchte von ihr erhalten. Dann folgte ein Bruder, ein Maurer, der 24jährig in Chemnitz starb und mir unbekannt geblieben ist. Nun kam wieder eine Schwester, die Mine, welche ich sehr gut kennen gelernt habe. Ihr erster Mann hieß Göthe und hat eine Zeitlang in Schmölln die Herberge gehabt; später pachtete er den, namentlich den Geraer Lebemännern gut bekannten »Gasthof zum goldenen Stern« bei Thränitz, eine vielbesuchte Animierkneipe. Als erwachsener Mensch habe ich dann später erfahren, daß darin die Kellnerinnen schon seit langer Zeit ein sehr unsauberes Gewerbe ausüben. Der Onkel starb auf dem »Stern« und »Mine« heiratete einen Schneider aus Klosterlausnitz, einer in neuerer Zeit sehr bekannt gewordenen Sommerfrische im Altenburger Westkreise, wo sie noch heute lebt. Es folgte mein Vater Eduard; dann Ernestine, die heute noch als Witwe Lorenz in dem Geburtshause zu Reichstädt lebt, und endlich wieder ein Bruder Franz, der sich in Bocka bei Frohburg ein Heim gegründet hat, in den Plottendorfer Tonwerken als Heizer beschäftigt ist und von mir erst gekannt wurde, als ich 30 Jahre zählte, wo er eines Sonntags per Rad, zum ersten Male, soweit ich mich erinnern kann, meinen Vater besucht hat. Ich aber bin auch bei ihm nicht gewesen.

Mein Vater trat mit 14 Jahren bei einem Schuhmacher in die Lehre. Doch weil er da keinen Pfennig Geld in die Hände bekam, hatte er es bald satt und lief nach einem halben Jahre davon,[3] um als Knecht bei den Bauern in Dienst zu treten. Wer aber meinen Vater kennt, der meint, daß er nicht nur Schuhmacher, nein auch Sattler, Schneider, Tischler, Schlosser oder sonst noch was gelernt haben muß, denn er kann einfach alles. Eine Arbeit einmal sehen – und sofort macht er sie nach. Er ist ein sogenannter »Bastler«, wie man im Volksmunde zu sagen pflegt. Was er alles angefertigt und gebaut hat, werde ich im Laufe meiner Schilderungen später sagen. Jetzt wollen wir ihn ruhig bei den Bauern als Knecht dienen lassen und vorerst einstweilen die mütterlichen Familienverhältnisse kennen lernen.

Meine Mutter war ein Jahr älter als mein Vater und 1842 als Tochter des Gutsbesitzers Michael Blüher in Breitenhain bei Lucka geboren. Der Ort ist historisch bekannt; denn auf diesen Fluren haben am 31. Mai 1307 die meißnischen Markgrafen Friedrich der Gebissene und Diezmann, das an Zahl weit überlegene Heer des Kaisers Albrecht ziemlich aufgerieben. Der Großvater ist, soviel ich weiß, gestorben, als seine Tochter Pauline 4 Jahre alt war. Die Großmutter hat dann später des Vaters Bruder geheiratet, der die vier Kinder sehr streng erzogen hat. Auf dem Anwesen sind immer drei Pferde und etwa zehn Kühe gehalten worden. Es war nächst der herzoglichen Domäne die größte Wirtschaft des Dorfes. Die Großmutter, im Jahre 1816 geboren, hatte das Besitztum von ihren Eltern geerbt. Durch einen Kauf- und Lehnschein vom Jahre 1802, der sich noch in meinen Händen befindet, ersehe ich, daß mein Urgroßvater mütterlicherseits Johann Christoph Pöhner geheißen hat. Wie ich schon bemerkt habe, hatte meine Mutter noch drei Geschwister. Das älteste Kind hieß, ebenso wie meines Vaters älteste Schwester, Jette, welche in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als Gattin eines Schuhmachermeisters in Lucka gestorben ist. Dann folgte meine Mutter, hierauf die Ernestine, welche einen gegenwärtig als Agent und Villenbesitzer in L.stadt lebenden, ehemaligen Barbier Clauß heiratete, mit diesem früher in Groitzsch lebte und vor 6 Jahren in der altenburgischen Kohlenstadt Meuselwitz verstarb. Das jüngste Kind war der Bruder Hermann, späterer Besitzer des Gutes. Vor etwa fünf Jahren trat er[4] es an seinen Sohn Paul ab, der es indes bald verkaufte, um ein Mühlenunternehmen bei Altenburg zu betreiben.

Von meiner Großmutter weiß ich, daß sie sehr fromm und gottesfürchtig war, viele Teearten und sonstige Heilkräuter eintrug und eine gute Krankenpflegerin war, ja sogar Krankheiten »versprechen« konnte, welche Eigenschaften sie auch auf meine Mutter übertragen hat. Außerdem war die Großmutter eine Geschichten- und Märchenerzählerin für uns Kinder, wie ich sie in meinem Leben nicht wieder angetroffen habe. Rotkäppchen, Dornröschen, Aschenbrödel, Struwelpeter, Gartenliesl, Käsemarthl, die Geschichte vom Däumling, die Robinsonaden und eine Unmenge andre, deren Titel ich inzwischen vergessen habe, hatte sie immer auf dem Repertoire, und im Erzählen wurde sie niemals müde. Wir Kinder freuten uns königlich, wenn es hieß, Großmutter kommt, oder wenn wir sie besuchten. Von ihrem Stiefvater hat mir meine Mutter nur erzählt, daß er sehr streng gewesen und immer auf Ordnung gesehen hat. Jedes Ding im Hause mußte stets an seiner bestimmten Stelle stehen. Er war einfach und mäßig, nur in Tabak gestattete er sich eine Extravaganz, aber das regelmäßige Quantum wurde auch hier eingehalten. Jede Woche ein halbes Pfund wurde der Pfeife geopfert. Sein Todesjahr kann ich nicht genau angeben, ich glaube es war 1860, werde es auch schwerlich erfahren können, denn meine Mutter ist bereits zwölf Jahre tot und von ihrem noch lebenden Bruder weiß ich jetzt nicht einmal den Aufenthalt.

Ich erinnere mich noch oft aus den Jahren meiner frühesten Kindheit, daß wir die Großmutter in Breitenhain besucht haben. Zwar hatte damals schon der Bruder das Gut übernommen, und die Großmutter saß auf dem »Altenteil«, aber darum kümmerten wir Kinder uns ja nicht, die Hauptsache war für uns, daß es Kuchen und Obst gab. Gewöhnlich waren auch Claußens aus dem nahen Groitzsch mit ihren Kindern da, und wir tummelten uns dann im Garten und auf den Wiesen umher, daß es eine Luft war. Namentlich zum Erntefest kam gewöhnlich die ganze Freundschaft zusammen. Da gab es im Garten einen Kornapfelbaum, welche Sorte um die Ernte schon zu reisen beginnt; auf diesen hatten wir[5] es immer ganz besonders abgesehen. Der Kousin Paul schleppte dann eine Wäschestütze herbei und das Schütteln begann. Wenn dann der Onkel oder die Tante dazu kam, gab es allemal Schelte, die aber bald wieder vergessen war. So war das eine Reihe von Jahren gehalten worden bis plötzlich das gute Einvernehmen unter den Geschwistern in die Brüche gehen sollte und nie wieder ordentlich hergestellt wurde. Und das kam so. Ende Oktober 1880 kam meine Großmutter zu uns nach Schmölln auf Besuch. Während der ersten Tage ihrer Anwesenheit ist meine Schwester Flora geboren worden. Wir drei Brüder freuten uns ganz besonders über die schönen Geschichten, die uns die Großmutter in jenen Tagen erzählte und ahnten dabei nicht, daß es das letzte Mal sein würde. Kränklich war die Großmutter schon, als sie kam, es wurde auch nicht besser, sondern der Kräfteverfall nahm immer mehr zu. Sie klagte besonders über rheumatische Schmerzen und Schlaflosigkeit. An einem Novemberabend war sie besonders schlimm dran. Mein Vater sagte deshalb zu ihr: »Ich lege Dir einen Hammer auf den Tisch, wenn Du munter wirst und noch etwas verlangen willst, so pochst Du damit auf den Tisch, bis ich aufgestanden bin.« Gegen Morgen wurde ich plötzlich durch einen lauten Aufschrei der Mutter aus dem Schlummer geweckt. Ich schlief mit meinem Bruder Felix zusammen in einem Bett, bald nach dem Erwachen legte uns die Mutter den kleinen zweijährigen Bruder Viktor mit ins Bett. Ich wagte nicht, nach dem Grunde ihrer Tränen zu fragen, weil ich glaubte, daß sie sich mit dem Vater gezankt und dieser ihr eine Ohrfeige gegeben hatte, was nämlich, zu meinem Leidwesen muß ich es gestehen, dann und wann bei Anlaß eines ehelichen Zwistes vorkam. Ich wollte später, als ich so 14 bis 15 Jahre zählte, manchmal dazwischen fahren und habe mich tief über solche Auftritte gegrämt. Meine Mutter dauerte mich sehr, aber immer kam es von dem verdammten Mammon her, der nicht reichen wollte, wie das auch in meiner Ehe schon oft der Fall gewesen ist; doch geschlagen habe ich meine Frau nie.

Nun zurück zu jener Nacht. Wir Kinder neckten uns gegenseitig im Bett, als ich plötzlich meine Mutter in der Stube sagen[6] hörte »Telegraphiere einfach, – Mutter tot«. Nun wußte ich trotz meiner sieben Jahre alles. Es war also der armen Großmutter nicht vergönnt gewesen, in ihrem Heimatsdorfe zu sterben. Wie dann meine Mutter erzählte, soll sie Todesahnungen gehabt haben. Am Abend ihrer Ankunft soll sie zu meiner Mutter gesagt haben: »Meine Pauline, Du sollst mir meine Augen zudrücken, ich fühle es, daß es mit mir alle wird, den ewigen Streit mit Hermann habe ich satt; jeden Bissen muß ich ihm erst abverlangen, neulich hat er mir nasses Brennholz hinaufgeschickt. Ich habe gefroren wie ein Hund; wo sie mich ärgern können, tun sie es; aber an allem trägt seine Frau die Schuld; sie macht die Bolzen und er muß sie verschießen.« Ihr Wunsch war also in Erfüllung gegangen. Ein Herzschlag hatte ihrem Leben ein Ende gemacht. Sie starb 64 Jahre alt und liegt in Schmölln begraben. Bei der Erbschaftsregulierung brach nun die Uneinigkeit unter den Geschwistern aus. Die Großmutter hatte meinen Eltern verschiedenes gesagt und ihnen die Schlüssel ausgehändigt. Als dann diese nachsahen, waren die Sachen verschwunden. Der Mann der Schwester und der Bruder, die sollen beide die Tür aufgebrochen, Federn aus den Betten genommen und verschiedenes andere auf die Seite gebracht haben. Wenn ich nicht irre, bekam noch jedes Kind 300 Taler.[7]

Quelle:
Bromme, Moritz Th. W.: Lebensgeschichte eines modernen Fabrikarbeiters. Frankfurt a. M. 1971, S. 1-8.
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