die häuslichen Einrichtungen.

[70] Wir nannten Ordnung und Pünktlichkeit die Hauptpfeiler des Hauswesens; und in der That, ohne diese würden auch die ideellsten Eigenschaften des Geistes und Herzens nicht genügen, um das häusliche Leben zu einem erfreulichen zu gestalten. Eine dritte Eigenschaft aber muß sich zu ihnen gesellen, um das Bestehen des Haushalts zu sichern: die Sparsamkeit.

Es gibt vielleicht keine zweite so relative Tugend wie die Sparsamkeit. Was bei dem einen sich als solche darstellt, ist bei einem anderen Geiz, bei einem dritten Verschwendung. Die richtige Sparsamkeit, das genaue Regeln der Ausgabe nach der Einnahme, das Sparen am richtigen Fleck und zur rechten Zeit ist deshalb nichts Leichtes.

In den meisten Familien erhält die Hausfrau ein den Mitteln des Mannes entsprechendes Wirtschaftsgeld. Sie hat die Höhe desselben vielleicht selbst berechnet, und doch, wie viele Frauen sind es, denen es bis zum Letzten des Monats reicht? Wir fürchten, es wird die Minorität sein. Zuweilen liegt die Schuld an ungewöhnlichen Ausgaben, sehr oft aber an dem Mangel richtiger Sparsamkeit.

Der erste Grundsatz derselben ist: in einem Haushalt[70] darf nichts umkommen. Das Verwerten der Lebensmittel ist eine Kunst, die nicht jede Hausfrau versteht, noch weniger jede Köchin. Bemerkt die erstere diesen Mangel an der letzteren, so hat sie sie darin zu unterweisen. Sie muß wissen, welche Vorräte sich im Hause befinden und dafür sorgen, daß nicht neue geschafft werden, ehe die alten verbraucht sind. Ohne kleinliches Kargen, ja ohne zu den verpönten Frikandellen ihre Zuflucht zu nehmen, die mehr Weißbrot als Fleisch unter ihrer schönen braunen Hülle bergen, wird eine gute Haushälterin doch alles zu verwerten wissen. Eine Wirtschaft, in welcher vergessene Speisereste in den Ecken der Schränke verschimmeln, ist eine schlecht geleitete, und der größte Reichtum kann diese Art von Verschwendung nicht rechtfertigen.

Richtige Sparsamkeit ist es auch, zumal in einem größeren Haushalt, diejenigen Lebensmittel, welche fortwährend gebraucht werden, nicht einzeln, sondern en gros zu kaufen. Das Kilogramm stellt sich immer billiger als vier viertel Kilogramm, und letztere kosten vier Wege statt des einen! ... Besonders unpraktisch ist dies en détail Kaufen in Bezug auf den sogenannten kalten Aufschnitt, der abends häufig zum Thee gegeben wird. Die Hausfrau hat es freilich jetzt so leicht, die Delikatessenläden liefern alles, was das Herz – respektive der Magen – begehrt, per Gramm; aber eine Familie mit diesen feingeschnittenen Portiönchen von Schinken und Wurst sättigen zu wollen, kann nur einer sehr unpraktischen Hausfrau einfallen. Die sparsame kauft diese Sachen in größeren Quantitäten oder läßt sie im Hause selbst bereiten.

Als eine falsche Sparsamkeit aber müssen wir es bezeichnen, wenn die Nahrungsmittel in Qualität oder Quantität ungenügend sind. Die Gesundheit der Familie beruht zum großen Teil auf ihrer Ernährung; die Kinder zumal,[71] im Wachsen begriffen, würden ernstlich gefährdet werden durch den Mangel an kräftiger und reichlicher Nahrung. Statt der langen Wassersuppen, des ausgekochten Fleisches oder der liliputanischen Beefsteaks hätte man die beste Bouillon, die trefflichsten Braten haben können für die Summen, die man später an Doktor und Apotheker zu zahlen hat. Jede Hausfrau sollte die Chemie der Küche, den Nährwert der Nahrungsmittel studieren, sollte, wenn sie irgendwo abziehen muß, lieber die Toilette einfacher herstellen, als die Ihrigen hinsichtlich der Kost verkürzen.

In einem Haushalt aber, den jene drei Tugenden: Sparsamkeit, Ordnung und Pünktlichkeit, regieren, wird es sich gut leben lassen. Eleganz, Pracht können ohne sie bestehen; wirkliches Behagen, Gemütlichkeit nicht. Wie die äußere Atmosphäre immer auf die Entwickelung der Wesen, die in ihr existieren, einwirkt, so werden die Familienglieder sich auch in diesem Ebenmaß des täglichen Lebens harmonischer entwickeln als in einem Hause, wo Unregelmäßigkeit und Willkür herrschen.

Die Abschnitte dieses täglichen Lebens regulieren sich nach den Mahlzeiten. Die Kultur hat das Naturbedürfnis, das Essen, zu einem Mittel geselligen Verkehrs gestaltet, und wenn die größere oder geringere Annehmlichkeit dieses letzteren auch zumeist von der Individualität der daran teilnehmenden Personen abhängt, so trägt doch die Regelmäßigkeit und Anordnung der Mahlzeiten viel zur Behaglichkeit des Familienlebens bei.

Das Frühstück vereinigt die verschiedenen Glieder zuerst. Nur ernstliches Unwohlsein sollte eines derselben von diesem ersten gemeinschaftlichen Mahle zurückhalten und es veranlassen, im Bett zu frühstücken; die Hausfrau zumal darf sich nur im äußersten Notfall dazu verstehen. Sie sei die erste am Platz, halte aber auch darauf, daß die[72] anderen pünktlich erscheinen. Wie die Tagesordnung überhaupt, wird auch diese Mahlzeit sich hinsichtlich der Zeit in erster Linie nach dem Hausherrn richten; führt ihn sein Beruf früh aus dem Hause, nun, so muß sie eben früh eingenommen werden, nie aber sollte das eine Ursache sein, ihn allein frühstücken zu lassen. Besondere Veranlassungen, wie Reisen und dergleichen, mögen natürlich Ausnahmen zulassen; daß aber die Glieder der Familie je nach ihrem Belieben einzeln zum Frühstück kommen, dieses so und so oft warm gestellt und wieder geholt wird und schließlich den halben Morgen über im Eßzimmer figuriert, ist eine Unsitte, die in keinem Hause geduldet werden sollte. In großen Familien bedient man sich wohl einer Glocke, um die einzelnen Angehörigen zu den Mahlzeiten zu rufen; das ist, besonders wenn dieselbe ein ganzes Haus bewohnt, eine sehr zweckmäßige Einrichtung, nur muß die Glocke auch mit strenger Pünktlichkeit gehandhabt werden.

Das deutsche Frühstück ist, mit dem englischen verglichen, ein sehr einfaches; gewöhnlich besteht es nur aus Kaffee, Weißbrot und Butter. Höchstens bekommt der Hausherr, der vielleicht den Morgen über keine Gelegenheit zu einem zweiten Imbiß hat, noch eine Zugabe von kaltem Fleisch oder Eiern; dann sollte man die Kinder nicht gewöhnen, etwas davon mithaben zu wollen, und die Schwäche des Papas, der den Kleinen so gern einen leckeren Bissen zusteckt, halten wir für gar nicht dienlich. Kinder müssen wissen, daß nicht alles, was auf den Tisch kommt, für sie bestimmt ist und, überzeugt, daß die Eltern ihnen gern alles geben, was ihnen zuträglich ist, sich mit dem begnügen, was ihnen zu teil wird. Statt des Kaffees werden sie bis nach dem siebten Jahre Milch bekommen; auch nachher sollte diese noch möglichst lange den Hauptbestandteil ihres Frühstücks ausmachen.[73]

Die Anordnung des Tisches ist, wie das Frühstück selbst, eine einfache; doch sei sie stets eine nette, gefällige. Ein mit Kaffeeflecken beschmutztes Tischtuch, Kannen ohne Henkel, Tassen, von denen der obere Teil nicht zu dem unteren paßt, sind Dinge, die auch in dem einfachsten Hause nicht geduldet werden sollten. Wir verzichten gern sowohl auf Vergoldung wie auf das Zwiebelmuster, aber nicht auf reinliches, unzerbrochenes, zusammengehöriges Porzellan! Indessen haben wir nichts dagegen einzuwenden, wenn man jedem Familienglied eine ihm speciell gehörende Tasse gibt; am hübschesten ist es, den Namen eines jeden darauf malen zu lassen, dann können sie im übrigen gleich sein.

Den Anspruch, welchen wir an den Tisch stellen, sauber und nett auszusehen, stellen wir auch an alle, die an ihm Platz nehmen. Wir betonten dies schon bei Besprechung der Haustoilette der Herrin; diese hat, wie in allem, auch hierin das Beispiel zu geben. Nachlässige Kleidung, ungemachtes Haar, ungewaschene Hände dürfen bei keiner, auch bei dieser ersten Mahlzeit nicht erscheinen.

Indem wir nun zu dem Hauptmahle des Tages, dem Mittagessen, übergehen, kann ich mir die Frage nicht versagen, ob es wohl zweckmäßig ist, daß wir immer noch an der alten Gewohnheit festhalten, dasselbe in die Mitte des Tages zu legen? Die meisten Kulturvölker dinieren um sechs oder sieben Uhr; wir sind, mit Ausnahme einiger Großstädte, nur von dem mittelalterlichen zwölf zu ein oder zwei Uhr fortgeschritten.

»Glücklicherweise!« entgegnet die Hausfrau, »denn dinierten wir um sechs oder sieben Uhr, so wäre ein umständliches Gabelfrühstück um zwölf Uhr nötig, und man hätte den ganzen Tag zu kochen.«

Ich bestreite das Jenes Gabelfrühstück, also das englische »Luncheon«, bietet ungefähr dieselben Bestandteile[74] wie unser Abendbrot, das natürlich wegfällt. Das Zehn-Uhr-Brot und der Vier-Uhr-Kaffee aber fallen auch damit weg; es bleibt nichts als das freilich etwas substantiellere erste Frühstück, das Gabelfrühstück um zwölf Uhr und das Diner – also drei Mahlzeiten statt unserer fünf! ... Man wirft uns Deutschen vor, fortwährend zu essen; wenn wir aber ins Ausland gehen, wissen wir uns sehr wohl an die meist dort herrschenden mäßigeren Sitten – wenn auch nur mäßiger in der Anzahl der Mahlzeiten – zu gewöhnen. Unser Magen ist also nicht anders beschaffen als der jener Ausländer und würde es sich auch wohl daheim gefallen lassen, nur dreimal täglich berücksichtigt zu werden.

Das späte Essen brächte uns unbestreitbar einen Gewinn an Zeit, zumal im Winter, wo die hellste Zeit des kurzen Tages dem Mittagsbrot gewidmet wird. Der Maler z.B. muß diese Mahlzeit alsdann verlegen, obgleich er als Ausnahme sich und den Seinen alle möglichen Unannehmlichkeiten dadurch zuzieht; und für den Kaufmann, den Beamten, den Schriftsteller ist es auch nicht angenehm, seine Beschäftigung mitten am Tage auf so lange zu unterbrechen, um sie dann mit dem »vollen Magen, der nicht gern arbeitet«, wie der aufzunehmen. Wie zweckmäßig das späte Essen für die Schuljugend wäre, die dann nur einmal statt zweimal zur Schule zu gehen brauchte, wie viel Zeit dadurch für die Arbeit wie für das Haus gewonnen würde, das haben tüchtige Pädagogen schon zu wiederholten Malen dargelegt.

Und ist unser Mittagessen etwa gemütlich? ... Der Hausherr setzt sich zerstreut zu Tisch, er hat den Kopf noch voll von der Arbeit des Morgens, die unterbrochen, aber nicht abgeschlossen wurde. Die geringste Verspätung, welche die Köchin sich zu schulden kommen läßt, bringt ihn außer[75] sich, da sie eine Verspätung in den Geschäften des Nachmittags nach sich zieht. Die Kinder, die um zwei Uhr wieder in der Schule sein müssen, essen ebenfalls in Hast; die arme Hausfrau hat nur dafür zu sorgen, daß alle so schnell wie möglich ihr Mahl einnehmen und dann expediert werden. Von einem ruhigen Beisammensein, einem traulichen Aussprechen ist da nicht die Rede.

Wie anders das späte Diner! Ein jeder hat des Tages Last und Hitze getragen; mit freiem Geiste, einer freien Zeit entgegensehend, setzt man sich zum Essen nieder. Und wenn man die Speisen mit Behaglichkeit genießt, knüpft sich auch leicht eine gemütliche Unterhaltung daran. Man teilt sich die Ereignisse des Tages mit, die Kinder geben ihre Schulerlebnisse zum besten. Das Mahl wird wirklich von der einfachen Befriedigung eines Bedürfnisses zu einem geselligen Vergnügen erhoben.

Hat man aber beim Schein der Lampe – denn wir sprechen nur vom Winter – das Diner eingenommen (ein deutsches Wort müßte man erst dafür schaffen), hat der Hausherr danach in ungestörter Ruhe seine Cigarre über seinen Zeitungen und seiner Tasse Kaffee genossen, während die Hausfrau mit gutem Gewissen auf ihren Lorbeeren ruht, so sind beide weniger geneigt, das traute Heim zu verlassen, als wenn dies vor unserem Abendbrot geschieht. Die Weinstuben und Restaurants sind für den Mann weit weniger lockend, wenn der Magen befriedigt ist; die Hausfrau aber läßt den Mann nicht gern allein zu Hause, zumal es ohnehin für ein richtiges Damenkränzchen zu spät geworden ist!

So würde unserer Ansicht nach das Sechs- oder Sieben-Uhr-Diner im Winter ein entschiedener Gewinn für das häusliche Leben sein. Welche Vorteile es für das gesellige Leben hätte, werden wir an der betreffenden[76] Stelle noch besprechen. Natürlich aber ist es für den einzelnen unmöglich, eine derartige Neuerung vorzunehmen, er würde dadurch in Kollision mit allen bestehenden Einrichtungen geraten! Deshalb setzen wir uns auch in der von uns besprochenen Familie nach alt hergebrachter Sitte um ein Uhr zu Tisch.

Hoffentlich bietet er einen einladenden Anblick. Zeigt er auch nicht den Glanz der Tafel, die für Gäste bestimmt ist, so darf doch dem Mittagstisch wie dem Frühstückstisch die Zierde der Reinlichkeit und Harmonie nicht fehlen. Die kleineren Kinder sind noch ungeschickt, beflecken das Tischtuch so leicht; gut, man lege an ihrem Platz ein helles Wachstuch auf, das man täglich abwaschen kann, nicht aber eine schmutzige Serviette, die sie den Schmutz als etwas Selbstverständliches betrachten lehrt! Im übrigen befindet sich auf jedem Platz ein flacher Teller, Messer und Gabel auf einem Messerböckchen rechts daneben, der Löffel quer unter den oberen Rand des Tellers gelegt. Ein Stückchen Brot, ein gefülltes Wasserglas sollten bei keinem Couvert fehlen; beides haben die Kinder während des Essens nötig, und es ist umständlich, es erst dann herumzureichen. Die Serviette liegt auf oder neben dem Teller, für die kleinen Kinder zum Umbinden eingerichtet, jede aber in einem Ring oder Band steckend, das entweder den Namen des Besitzers oder sonst ein Kennzeichen trägt, so daß sie nicht verwechselt werden können.

Vor dem Essen wird in den meisten Familien ein kurzes Gebet gesprochen. Besteht dieselbe nur aus Erwachsenen, so genügt eine stumme Pause, in der jeder für sich dem Geber alles Guten für seine Gaben dankt; oder aber der Hausherr spricht einen kurzen Segen. Nehmen Kinder an der Mahlzeit teil, so ist ein laut gesprochenes Tischgebet vorzuziehen, das meist von einem der Kleinen[77] vorgetragen wird. Natürlich haben die Eltern zu sorgen, daß es nicht gedankenlos geschieht.

Wer von den beiden Eltern vorlegt, ist Sache des Uebereinkommens, der Gewohnheit. Gewöhnlich fällt das Tranchieren des Bratens dem Vater zu, während die Mutter die Suppe austeilt. Zu diesem Zweck sind die Suppenteller vor ihr aufgeschichtet, die sie dann, gefüllt, durch das aufwartende Mädchen verteilen läßt. Ist ein solches nicht vorhanden, so versieht wohl die älteste Tochter dies Amt, oder man reicht die Teller einander zu; bei kleinen Kindern aber ist das letztere nicht ratsam, da die Suppe zu leicht verschüttet wird.

Hier wäre nun der Platz, von den Manieren beim Essen, der Art und Weise, wie die verschiedenen Gerichte verspeist werden sollen, zu sprechen; da wir dieses Thema aber bei Gelegenheit des geselligen Verkehrs unter dem Titel »Die Kunst des Essens« ausführlich zu behandeln gedenken, so machen wir hier nur auf einige Unarten aufmerksam, die gerade bei Kindern häufig zu tadeln sind. Und zwar möchten wir dies in der Form thun, die eine Tante für ihre Nichten und Neffen sich ausgedacht hat: der gereimten Form; vielleicht daß sie mehr Eindruck macht als die Ermahnungen in Prosa, welche man den lieben Kleinen nur zu oft wiederholen muß!


Ihr lieben Kinder, lasset mich euch sagen

Und gebet Achtung wohl auf meine Lehr':

Bei Tische euch manierlich zu betragen,

Das ist mit gutem Willen gar nicht schwer.


Kurz vor der Tischzeit eilet euch zu seifen

Gesicht und Hände, doch mit Gründlichkeit!

Dann werdet ihr die Bürste wohl ergreifen,

Das Haar zu glätten; nun seid ihr bereit.
[78]

Man bringt die Mützen niemals mit ins Zimmer

Und schlägt nicht so gewaltig mit der Thür!

Auf seinem Platze sitzt man ruhig immer

Und auch hübsch grade – sorgt ihr wohl dafür?


Den Kopf zu stützen gilt für ungezogen,

Mit Brot zu spielen fällt wohl niemand ein!

Legt ja nicht auf den Tisch die Ellenbogen,

Jedoch die Hände wird erlaubt euch sein.


Die Serviette dürft ihr nicht vergessen,

(Man bindet sie euch um, seid ihr noch klein),

Das Brot müßt ihr nicht vor der Suppe essen

Und bei dem Beten mäuschenstille sein.


Mit eurem Löffel dürft ihr nicht so klappern,

Daß man euch essen hören kann von fern;

Der kleine Mund darf auch nicht ewig plappern,

Still und bescheiden sieht man Kinder gern.


Zum Essen niemals, stets nur zum Zerschneiden

Nimmt man das Messer in die rechte Hand;

Die Knochen legt, um Vorwurf zu vermeiden,

Statt auf den Tisch, man auf des Tellers Rand.


Die Gabel dient zum Essen, nicht zum Kämpfen,

Das sei besonders euch ans Herz gelegt!

Beim Sprechen müßt ihr hübsch die Stimme dämpfen,

Wenn, bittend, ihr bescheidne Wünsche hegt.


Die Finger möchten euch so gerne nützen,

Beim Essen helfen, doch das ist nicht sein!

Mit Brot dürft ihr die Gabel unterstützen,

Will 'mal ein Bissen widerspenstig sein.


Sollt' ein Gericht einmal euch nicht recht schmecken,

Eßt euren Teil nur auf, wird's euch auch schwer.

Doch schmeckt's, dürft ihr den Teller nicht belecken

Mit Brot, als ob er aufgewaschen wär'!
[79]

Wie, Hans, du trinkst gar mit dem vollen Munde?

O, schäme dich, mein Bübchen; schickt sich das?

Sieh alle Gläser an hier in der Runde,

Keins ist so trüb und schmutzig wie dein Glas!


Teil' die Kartoffel durch! Du wirst ersticken,

Steckst du sie so auf einmal in den Mund.

Du hustest, alle Augen nach dir blicken,

Du siehst, 's ist peinlich und auch ungesund.


So, nun ist wohl die Mahlzeit eingenommen,

Steckt die Servietten in den Ring hinein.

Nun dürft ihr aufstehn. Mag's euch wohl bekommen,

Und meine Lehren präget hübsch euch ein!


Der Nachmittagskaffee ist selten ein gemeinsames Mahl, da die verschiedenen Familienglieder um die Zeit desselben durch ihren Beruf oder die Schule oft vom Hause fern gehalten werden. Dagegen sollte das Abendbrot alle wieder vereinen, mit Ausnahme der kleinen Kinder – etwa unter neun Jahren –, für welche die späte Stunde, wie früher schon erwähnt, nicht zuträglich ist. Den übrigen aber, besonders dem Gatten, sollte die Hausfrau diese Mahlzeit so behaglich machen, daß sie nur ungern von derselben fern blieben.

In vielen Häusern hat der Thee sich als Abendbrot eingebürgert, besonders ist er bei den Damen beliebt. Auch gibt der summende Kessel – denn man bereitet ihn meist und am besten im Zimmer – und die vor der Hausfrau aufgepflanzten Tassen dem Tisch etwas Behagliches, während die dazu gehörende »kalte Küche« leichter zu beschaffen ist als ein warmes Abendbrot. Zieht der Mann letzteres[80] indessen vor, so wird die Hausfrau sich natürlich danach richten; wird er ohnehin doch in den meisten Fällen kein Freund des chinesischen Trankes sein, sondern seine Flasche Bier sich nicht nehmen lassen.

Bei der erwähnten kalten Küche, die oft aus Fleischresten vom Mittagsbrot besteht, möchten wir darauf aufmerksam machen, daß diese Fleischreste nicht auf der, gewöhnlich mit geronnenem Fett bedeckten Schüssel, oder die Butter auf einem mit den Teilen derselben beschmierten Teller serviert werde. Kommt dann zufällig ein Fremder hinzu, so muß rasch dies oder jenes entfernt, versteckt werden, oder die Hausfrau hat sich deshalb zu entschuldigen. Nein, bei jeder Mahlzeit sollte, wie Geschmack und Geruch, auch das Auge nur angenehme Eindrücke erhalten. –

Nachdem wir die hauptsächlichen häuslichen Einrichtungen nun betrachtet, kehren wir zu den Kindern zurück. Sind sie bis zur Zeit der Konfirmation in einer gebildeten, reinen Atmosphäre, unter wohlthätigen Einflüssen aufgewachsen, so dürfen die Eltern hoffen, daß


Quelle:
Calm, Marie: Die Sitten der guten Gesellschaft. Stuttgart 1886, S. 70-81.
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