Auf Reisen

auf Reisen.

[354] Reisen! Das Wort schon macht manche Brust höher klopfen. In unserer Zeit des Dampfes steht ja selbst dem nur mäßig Bemittelten die ganze Welt offen. Da ist es denn nicht zu verwundern, daß, sobald der Frühling ins Land rückt und die Erde wieder im grünen Kleide prangt, auch die Reiselust im Herzen erwacht, und wer nicht allzufest an die Scholle gebunden ist, ausfliegt nach Nord und Süd, nach Ost und West.

Vorher aber werden die Atlanten, die Reise- und Kursbücher zu Rate gezogen, um Ziel und Weg zu bestimmen. Die Herren wissen darin meist gut Bescheid und übernehmen diese Sorge für ihre Damen; da aber viele der letzteren jetzt allein reisen, so sollten diese sich mit jenen Büchern auch vertraut machen, um die Vorteile, welche sie bieten, zu genießen. Wahrhaft verwunderlich ist es, wie viele Damen weite Reisen machen, ohne das doch eigentlich unentbehrliche Reisekursbuch bei sich zu führen; sie fragen dann alle Welt nach dem Abgang und der Ankunft der Züge und werden schließlich doch oft unter Irrtümern[354] zu leiden haben. »Ich kann mich nicht darin zurecht finden,« behaupten sie gewöhnlich; natürlich aber bedürfte es nur eines ernstlichen Bemühens, um diese gar nicht schwierige Kenntnis zu erlangen.

Eine große Erleichterung und Ersparnis bei den Reisen gewähren die Rundreisebillets. Im Besitz eines solchen hat man nichts weiter am Schalter zu thun, sondern läßt den betreffenden Abschnitt jedesmal vom Kondukteur abreißen. Seit kurzem kann man sich auch selbst solche Rundreisebillets zusammenstellen, doch müssen sie früher beschafft werden und erfordern natürlich genaue Kenntnis der betreffenden Routen. Einfacher, besonders für Damen, sind die ersteren, zumal die letzteren auch kein Freigepäck gewähren.

Der nächste Gegenstand der Ueberlegung ist das Gepäck. Hier gilt es, praktisch zu sein, denn man will sich nicht mit vielen Sachen belästigen und doch auch nichts Notwendiges entbehren. Im Frühjahr und Herbst ist das nicht leicht: das Wetter kann recht warm, kann aber auch noch oder schon ganz winterlich kalt sein, man muß sich also auf beide Fälle richten. Im Sommer ist es schon leichter, da genügen zwei Anzüge für Herren, zwei bis drei für Damen. Die Wäsche kann man ja überall waschen lassen, braucht sich also mit diesem ohnehin schweren Artikel nicht allzu reichlich zu versehen. Die richtigen Touristen, welche sich nur tageweise an einem Orte aufhalten, richten sich am besten so ein, daß sie ihr Gepäck bei sich behalten können; selbst Damen verstehen sich darauf, mit einer Plaidrolle und einem Handköfferchen (zu dessen Transport sie ja stets Träger an den Stationen finden) auszukommen. Verweilt man aber längere Zeit an einem Orte, sei es in der Stadt oder auf dem Lande, so scheue man nicht die Ausgabe für einen Koffer; es ist sowohl bei Freunden, wie im Hotel[355] oder in einer Pension, wo man schließlich auch Bekanntschaften anknüpft, doch unangenehm, gar zu beschränkt hinsichtlich der Toilette zu sein. Gerade in der Fremde werden die Menschen nur nach Aeußerlichkeiten beurteilt; dort also bedürfen wir dieser Kleider, welche, »Leute machen«, mehr als daheim, wo man uns kennt.

Indessen ist die Quantität der Reisetoilette von weniger Belang als die Qualität. Wir sollten auf Reisen nur gute und zweckmäßige Kleidungsstücke mitnehmen. Für das Fahren selbst ist ein dunkelfarbiger – aber nicht schwarzer – Anzug zu empfehlen, der den Staub nicht zeigt und (für Damen) nicht leicht zerdrückt wird. Statt des Cylinders trägt der Herr einen weichen Hut oder eine Reisemütze, statt des Stockes einen starken Regenschirm. Sehr verkehrt ist es, wenn Damen alte, ehemals elegante Kleider auf der Reise auftragen wollen; sie sehen darin natürlich »schäbig« aus, ja, sie laufen Gefahr, wenn sie allein reisen, für »nichts Rechtes« gehalten zu werden. Ein einfach gemachtes leichtes Wollkleid mit dazu passendem Umhang, der Hut – ein gut schützender von sogenannter englischer Façon – mit derselben Farbe ausgeputzt, wenig Schmuck, dauerhafte und hübsche Schuhe und Handschuhe, ein starker Entoutcas – das ist gewöhnlich die zweckmäßigste Ausrüstung für eine Dame. Auf die Fußbekleidung ist besonders zu achten: sie sei außer dauerhaft und hübsch auch bequem, selbst auf die Gefahr hin, daß die Schönheit darunter leide. Es gibt nichts Peinlicheres, als auf Reisen, wo man recht viel sehen will, am Gehen behindert zu sein! Besonders vermeide man auch die hohen Absätze, welche beim Ein- und Aussteigen schon oft Unheil angerichtet haben.

Sehr praktisch erweisen sich die schon erwähnten Plaidrollen, die man aber von dunklem, derben Stoff anfertigen[356] und nicht durch bunte Stickereien zu einem Luxusartikel machen sollte. Nicht nur das unterwegs meist unentbehrliche Plaid (Herren freilich ziehen meist eine Reisedecke vor) findet darin Platz, sondern alles, was für die Nacht und für das Toilettemachen nötig ist. Eine Dame sollte nicht versäumen, einen offenen Morgenrock (dressing-gown) hinzuzufügen, der außerordentlich nützlich ist, besonders in deutschen Hotels, wo der Kellner morgens das Frühstück in die Schlafzimmer bringt statt der netten Schweizer Kellnerin. – Während die Plaidrolle also alle jene Gegenstände aufnimmt und selbst kein Gewicht hat, wie die lederne Reisetasche, dient sie im Waggon zugleich als Schlummerrolle oder Fußkissen und kann nach jeder Reise gereinigt werden.

Der Herr ist gewöhnlich der Schatzmeister und trägt die verschlossene Geldtasche über der Schulter hängend, oder versieht sich, bei längeren Reisen, mit Anweisungen auf Bankhäuser. Sehr große Summen bei sich zu tragen, ist nicht rätlich. – Damen, welche allein reisen, nähen sich die Scheine oder das Gold wohl in ein Täschchen ein, das sie in einer Tasche im Unterkleid aufbewahren.

Natürlich ist das Geld, wie in der Welt überhaupt, auf Reisen erst recht der nervus rerum, und man sollte sich möglichst reichlich damit versehen. Es bieten sich stets unerwartete Veranlassungen zu Ausgaben dar, und nichts ist peinlicher, als unterwegs, unter Fremden, in Geldverlegenheit zu geraten, oder auch nur zu ängstlich berechnen zu müssen. Mag man daheim einen Groschen zweimal umdrehen, ehe man ihn ausgibt, auf Reisen kann man das nicht, oder es würde doch das Vergnügen daran gründlich verderben. Es hat sich ja freilich ein jeder nach seinen Verhältnissen zu richten; allein die zu Hause lobenswerte Sparsamkeit läßt sich auf Reisen nicht beobachten, und es[357] macht einen sehr unangenehmen Eindruck, Personen bei jeder Droschke, die sie engagieren, bei jeder Tasse Kaffee, die sie bestellen, sich vorher genau nach dem Preise erkundigen oder wohl gar daran feilschen zu hören.

Das Portemonnaie mit der Tageskasse tragen Damen am besten in einem Ledertäschchen, das umgehängt oder an einem Gürtel umgeschnallt wird. Dasselbe hängt dann an der linken Hüfte und wird vom linken Arm geschützt, ist also dort sicherer, als in der Kleidertasche. An der Außenseite dieses Ledertäschchens befindet sich ein kleiner Behälter für das Reisebillet und den Gepäckschein; man kann diese daraus räscher hervorholen, als wenn man sie im Portemonnaie trägt. Hinsichtlich des Gepäckscheins möchten wir noch darauf aufmerksam machen, daß man sich stets die darauf verzeichnete Nummer seines Gepäcks merken sollte; ebenso ist es ratsam, bei jeder Droschke, jedem Träger, deren man sich bedient, auf die Nummer zu achten. Für den Fall einer Verwechslung, eines verlorenen oder vergessenen Gepäckstücks ist das sehr zweckmäßig.

Viel Handgepäck ist lästig für den, der es zu tragen hat sowohl wie für alle Mitreisenden. Herren pflegen sich mit einem Handköfferchen, Schirm und Reisedecke zu begnügen, Damen aber leisten in Handgepäck zuweilen Erstaunliches. Zu den genannten Gegenständen kommt da noch der Proviantkorb, die Hutschachtel, der Sonnenschirm, vielleicht ein Kistchen, das die mitzubringenden Herrlichkeiten enthält und, nicht zu vergessen, ein oder mehrere Bouketts! Der erstgenannte Gegenstand freilich, der Proviantkorb, ist bei längeren Fahrten nicht überflüssig. Bei Schnellzügen zumal ist es oft schwer, eine Erfrischung zu erlangen, das Aussteigen ist lästig, die Eßwaren sind nicht immer nach Geschmack; da thut ein solches leicht transportables und mit einem Deckel versehenes Körbchen gute Dienste. Ist[358] es in praktischer Weise gefüllt: etwa mit gesalzenem Fleisch oder Wurst, die sich mehrere Tage frisch erhalten, mit hart gekochten Eiern, etwas Obst und einem Fläschchen starken Wein, so kann ein solches Proviantkörbchen oft sehr angenehm sein.

Die Hutschachtel dagegen wird unbarmherzig gestrichen, da die Koffer meist Raum dafür bieten, das Kistchen mit den Geschenken für ein paar Groschen als Passagiergut aufgegeben, und das Boukett – nun, meine Gnädige, ich verstehe vollkommen, daß Sie die von lieber Hand dargebrachten Blumen schätzen, weshalb Sie sie auch so sorgfältig in das Gitter oben gesteckt haben, obgleich Sie dadurch des Vergnügens, es zuweilen an Ihre Nase zu führen, beraubt sind; aber die armen Dinger auf ihren Drähten sind jetzt schon welk, und morgen liegt der große Dreimarkstrauß mitsamt seiner Spitzenmanschette vergessen in einem Winkel des Waggons oder auf einem Tisch des Hotelzimmers.

Gewiß, es ist ganz hübsch, abreisenden Damen Blumen zu geben, und Herren zumal können ihr Lebewohl nicht gut mit etwas anderem begleiten (nahe Stehende geben statt dessen wohl Konfekt); lästig aber ist das Tragen dieser Bouketts immerhin, und wenn die betreffenden Damen sich aufs Gewissen fragen, warum sie sich diese Last dennoch gern auferlegen, so müssen sie antworten: »weniger, weil uns der Duft der Blumen im Waggon angenehm ist, als weil es unserer Eitelkeit schmeichelt, diese Beweise der Verehrung, die wir genießen, zur Schau zu tragen.« Nun, meine Gnädige, wenn Sie deshalb die Mühe auf sich nehmen, so habe ich nichts dagegen!

Wir sind nun glücklich ausgerüstet und können unsere Reise antreten. Natürlich suchen wir einen guten Platz zu erlangen, womöglich an einem Fenster und auf dem[359] Rücksitz, wo wir weniger von dem Staub und den so gefährlichen umherfliegenden Stückchen Ruß zu leiden haben. Auch gibt dieser Platz uns das Recht, das daneben befindliche Fenster nach Belieben offen oder geschlossen zu halten. Selbstverständlich aber nehmen wir dabei Rücksicht auf die Mitreisenden, in erster Linie auf unser Visavis, das dieses Recht mit uns teilt. Wir werden also, wenn wir eine Aenderung in dem status quo besagten Fensters vornehmen wollen, uns nach den Wünschen dieses Visavis erkundigen, auch wohl ältere Damen, die in dem selben Koupee sitzen, fragen, ob ihnen das Oeffnen resp. Schließen des Fensters genehm ist. Auf Reisen, wie überall, wird der wirklich gebildete Mensch sich durch Höflichkeit auszeichnen; das prätentiöse Auftreten, das rücksichtslose Sich-breit-machen sind untrügliche Zeichen des Emporkömmlings, der mit äußeren Gütern die höheren geistigen nicht gewonnen hat.

Die Rücksichtnahme auf die Mitreisenden verlangt:

daß wir mit unseren Sachen nicht mehr Raum einnehmen, als uns zukommt;

daß wir kein Gepäck in den Weg zwischen die Sitze stellen;

daß wir keine starken Parfüms bei uns führen, auch keine stark riechenden Eßwaren (wie Käse oder Heringe);

daß zusammengehörende Reisende nicht untereinander flüstern, so daß die anderen denken können, jene machten Bemerkungen über sie. Letzteres wirklich zu thun ist natürlich ganz unstatthaft. Es kommt vor, daß wir mit Ausländern zusammen reisen, die unter sich eine fremde Sprache reden; diese Personen dann in unserer Sprache zu kritisieren, ist nicht nur unpassend, sondern auch gefährlich, da sie uns möglicherweise verstehen können.

Zuweilen sieht man, kurz vor Abgang des Zuges, einen Nachzügler verzweifelt die Waggons entlang eilen,[360] um noch einen Platz zu erlangen. Da ist es ein Werk der Menschenliebe, wenn in unserem Koupee noch ein solcher frei ist, den Betreffenden – und besonders die Betreffende! – darauf aufmerksam zu machen. Möglich, daß unsere Reisegefährten, die gewöhnlich, wenn der Schaffner hereinsieht, sich möglichst breit machen, uns darüber scheel ansehen; der Dank der glücklich untergebrachten Person wird uns dafür entschädigen.


Auf Reisen

Herren haben besondere Rücksichten hinsichtlich des Rauchens zu nehmen. In Deutschland gibt es ja nur ausnahmsweise Koupees für Nichtraucher, während in anderen Ländern, wo diese Passion nicht so allgemein ist, nur hier und da ein Koupee für Raucher sich in dem Zuge befindet. Es ist also für Damen nicht immer möglich, ein solches Nichtraucher- oder Frauenkoupee zu erlangen, und deshalb erfordert es die Höflichkeit, daß der Herr in einem gewöhnlichen Waggon sich erkundigt, ob die Mitreisenden das Rauchen vertragen können, ehe er seine Cigarre anzündet. Die Antwort wird meist bejahend ausfallen, da niemand gern den anderen in seinem Vergnügen stören mag; bittet aber eine Dame, es nicht zu thun, weil, vielleicht bei schlechtem Wetter und geschlossenen Fenstern, der Tabaksrauch sie belästigt, so zeige der Herr keinen Verdruß und lasse die etwa schon brennende Cigarre sogleich ausgehen.[361]

Ob man eine Unterhaltung mit den Reisegefährten anknüpfen soll, hängt von Neigung und dem besonderen Fall ab. Im allgemeinen ist es nicht rätlich, in den Eisenbahnwagen viel zu sprechen, da das Geräusch des Fahrens eine Anstrengung der Lungen nötig macht, die auf die Dauer peinlich ist. Eine Dame wird nie ein Gespräch mit einem fremden Herrn beginnen; thut dieser es aber in höflicher Weise, so liegt kein Grund vor, weshalb sie nicht darauf eingehen sollte. Zudringlichkeiten wird sich kein anständiger Mann erlauben; wenn Damen über solche zu klagen haben, tragen sie gewöhnlich einen Teil der Schuld selbst, indem sie es an der Zurückhaltung fehlen ließen, die alle Damen, besonders aber jüngere, fremden Herren gegenüber beobachten sollten.

Herren, welche unterwegs Bekanntschaft mit Damen angeknüpft haben, werden diesen manche kleine Dienste leisten können. Sie werden sich erbieten, ihnen beim Halten des Zuges eine Erfrischung zu besorgen, werden ihnen beim Umsteigen das Handgepäck tragen helfen u. dgl. m. Dies Gepäck einer aussteigenden Dame zu reichen, einer Einsteigenden behilflich zu sein, sollten die im Wagen Sitzenden, seien es Herren oder Damen, nie versäumen.

Bei längerem Zusammensein bietet man den Mitreisenden, mit denen man sich unterhalten hat, auch wohl von dem Inhalt des oben erwähnten Proviantkorbes an. Obst und Konfekt zumal eignen sich dazu; Kinder wird man leicht durch solche Gaben erfreuen und auch die Mütter dadurch gewinnen. – Daß letztere besonders streng auf das gute Verhalten ihrer Kleinen zu achten und ihnen jedes Belästigen der Mitreisenden zu untersagen haben, bedarf wohl keiner Erwähnung.

Ob man bei längerem Verkehr auf Reisen die Namen austauscht, hängt von dem Belieben der betreffenden Personen[362] ab. Der Held in Vischers originellem Roman »Auch Einer« stimmt nicht dafür; er meint, es sei gut, daß zuweilen der Mensch nur zum Menschen rede, unbeeinflußt durch Namen oder Titel. Wir teilen diese Ansicht. Es scheint uns, daß man sich oft freier, offener gegen einen ganz Fremden ausspricht, den man aller Wahrscheinlichkeit nach nie im Leben wiedersieht, als gegen ein Glied unserer Gesellschaft. Durch das Vorstellen aber reihen wir ihn und uns gewissermaßen in diese Gesellschaft ein, wir können, wenn uns der Name auch fremd ist, uns nach ihm erkundigen, er kann über uns erfahren, was er will. So würden wir im allgemeinen das Inkognito vorziehen. Nennt aber einer von den zufällig zusammen Reisenden seinen Namen oder überreicht den anderen seine Karte, so haben diese natürlich die Höflichkeit zu erwidern.

Bei Gesprächen mit den Reisegefährten sollte man alles Persönliche vermeiden. Die Fragen nach dem Woher? Wohin? zu welchem Zweck? sind indiskret; teilt der andere uns diese Dinge nicht von selbst mit, so müssen wir unsere Neugier bezähmen. Die Landschaft, die Orte, welche wir passieren oder woher wir kommen, bieten gewöhnlich den nächstliegenden Stoff für die Unterhaltung.

Wir haben noch zu bemerken, daß bei den jetzigen Reiseeinrichtungen auch junge Damen recht gut allein reisen können. Sie werden in der Heimat von ihren Angehörigen in das Eisenbahnkoupee gebracht, vielleicht dem Schaffner oder Kondukteur empfohlen und am Orte ihrer Bestimmung von den Freunden in Empfang genommen. Man kommt sich bei dieser Art zu reisen fast wie ein Gepäckstück vor und ist auch nicht viel mehr Gefahren ausgesetzt, als ein solches.

Der beste Platz für eine allein reisende Dame ist ein Frauenkoupee zweiter Klasse. In der ersten Klasse läuft sie[363] Gefahr, ein Tête-à-tête mit irgend einem vornehmen oder reichen Herrn zu bestehen zu haben, während die Gesellschaft in der dritten Klasse meist allzu zahlreich und zu gemischt ist. Ueberhaupt müssen wir uns zu einer Abneigung gegen diese dritte Klasse bekennen, trotz der jetzt darin eingerichteten Frauenkoupees. Bei kleinen Touren und in größerer Gesellschaft lassen wir sie uns gefallen; für längere Strecken aber ziehen wir, selbst bei heißem Wetter, die dann verpönten weichen Polster den harten Bänken und oft gardinenlosen Fenstern der dritten Klasse vor. Ohne hypersein oder übermäßig aristokratisch zu sein, wird sich eine allein reisende Dame in der dritten Klasse immer unbehaglich fühlen. –

Nun aber sind wir wohl am Ziele, wenigstens dem vorläufigen, unserer Reise angelangt und kehren ein


Quelle:
Calm, Marie: Die Sitten der guten Gesellschaft. Stuttgart 1886, S. 354-364.
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