Elfte Wahrnehmung.

[316] Die Menschen – so sehr verschieden sie auch durch Erziehung, Himmelsstrich, Gotteslehre und bürgerliche Verfassung an Leib und Seele, an Geist und Herzen, an Kentnissen, Fertigkeiten, Neigungen und Abneigungen geworden sind – haben[316] doch noch alle mehr oder weniger etwas von sittlichem Gefühl, diesen schönen Nesten edler und reiner Menschheit, welche ihnen anerschaffen war, übrig behalten. Um sich hievon aus dem kürzesten Wege zu überzeugen, darf man nur die Menschheit in ihrem tiefsten geistigen und sittlichen Verfalle beobachten, wo sie auf der einen Seite an das vernunftlose Thier und auf der andern an teuflische Bosheit gränzt. Die größten sittlichen Ungeheuer, welche dem ganzen menschlichen Geschlechte, ja der Vorsehung selbst den Krieg angekündiget zu haben schienen, äußerten gleichwol mitten unter den gräßlichsten Frevelthaten doch noch häufig Sinn für Recht, Ordnung, Treue, Erkenntlichkeit, Nachsicht und Großmuth; und der Welt-umsegler Byron fand bei den allerarmseligsten menschlichen Geschöpfen, welche die Küsten der magellanischen Meer-enge bewohnen, bei Leuten, deren Seele an menschlichem Gefühle so sehr abgestumpft war, daß eine Mutter unter ihnen ihr Kind von der Brust riß, um es gegen ein paar Glaskorallen zu vertauschen, doch noch Aeußerungen von Bescheidenheit, Mäßigung, Gutmüthigkeit und Dankbarkeit, welche ihn und seine Gefährten in die angenehmste Rührung versetzten. Es ist also Erfahrung, daß die uns angebornen Anlagen zur Sittlichkeit nie ganz verwüstet werden können, sondern in allen Menschen sich eben so, wie alle die[317] übrigen wesentlichen Keime der Menschheit, in gewissem Grade wenigstens, nothwendig entwickeln müssen. Wäre dieses nicht, hätte der Schöpfer die Grund- empfindungen aller Sittlichkeit, um sie vor einer gänzlichen Zerstörung zu sichern, nicht so tief in das innerste Wesen der Menschheit gelegt: wie wäre es möglich, daß bei so vielen gesellschaftlichen Einrichtungen, welche geradezu darauf abzwecken, uns zu verschlimmern, von guten Menschen noch gehört würde, halbgute Menschen wirklich so häufig noch zu finden wären? Dis allein, daß die Menschen nirgends ganz Teufel geworden sind, welche immer leiden und immer Leiden machen, da doch bei unsern fehlerhaften Einrichtungen jeder Art so vieles daraus abzweckt, solche unselige und verworfene Wesen aus ihnen zu machen, ist der sicherste Beweis, daß der Stoff, aus dem wir geformt sind, ausnehmend gut und einer gänzlichen Verderbniß nie unterworfen sein müsse.

Man darf also, dieser Erfahrung zufolge, mit Sicherheit darauf rechnen, bei allen Menschen, ohne Ausnahme, wenigstens einige Ueberreste vom sittlichen Sinne vorzufinden, wodurch sie, auch bei dem größten eigenen Verderben, sich gezwungen fühlen, dem, was sittlich gut, schön und edel ist, wo nicht Liebe, doch wenigstens Achtung zu erweisen. So ungern lasterhafte Menschen der Tugend diesen Zoll[318] unwillkürlicher Verehrung entrichten: so können sie doch nicht umhin es zu thun; sie fühlen sich von ihrer Natur dazu gezwungen. Aber weil ihr Stolz und das Gefühl ihrer eigenen Unwürdigkeit sich dagegen sträuben: so bemühen sie sich, so sehr sie können, die sie drückenden Tugenden und Verdienste der bessern Menschen, durch Andichtung falscher Bewegungsgründe, durch Verrückung des Gesichtspunktes, durch Entstellung und schiefe Darstellung der Thatsachen, erst in ihren eigenen, dann in Anderer Augen zu schmälern und von ihrer Höhe herabzuziehn. Das ist der gewöhnlichste Ursprung der Verläumdung. Man sieht daraus, daß auch dieses Laster, wie alle andere, wenn man es bis zu seinem Ursprunge verfolgt, aus einer guten Quelle – nämlich aus einem Ueberreste von sittlichen Gefühle bei unsittlichen Menschen – abfließt. Denn hätten diese Menschen den Sinn für das Schöne und Gute ganz und gar in sich erstickt, so würden sie auch ganz und gar keine Achtung mehr dafür haben; so würde auch ihre Selbstsucht (Egoismus) und ihr Neid dadurch nicht weiter angefochten werden; so würden sie auch keinen Vortheil mehr beim Verläumden haben, und die Verläumdung hätte ein Ende. Man sieht hieraus zugleich ebnen so deutlich ein, was für eine Art von Menschen dem Laster der Verläumdung am meisten ergeben sind; nämlich solche, die bei eigener Verderbtheit, doch noch so viel gesunden Verstand und noch so viel sittlichen Sinn[319] übrig behielten, als dazu erfordert wird, die ihnen fehlenden Tugenden zu würdigen, und an Andern zu beneiden;2 eine Bemerkung, die denn auch von der Erfahrung, wenigstens von der meinigen, vollkommen bestätiget wird.


Dis sind, so viel ich sehe, die allgemeinsten Karakterzüge, die, schwächer oder stärker gezeichnet, sich an allen Menschen befinden. Jetzt laß uns einige der feinern Verschattungen, wodurch die Menschen der sogenannten gesitteten und höhern Stände sich von denen der ungebildeten Volksklassen auszeichnen, gleichfalls aufsuchen. Aber um hiebei niemand Unrecht zu thun und von niemand, auch von dir selbst nicht, mißverstanden zu werden, laß mich folgende drei Einschränkungen vorausschicken, die du beim Lesen des folgenden Abschnitts stets vor Augen behalten mußt.
[320]

1. Wenn ich von den Menschen der gesitteten und höhern Stände rede, worunter man gewöhnlich den gebildeten Theil der bürgerlichen Welt und den Adel, die Fürsten mit eingeschlossen, versieht; so habe ich keinesweges Alle und Jede, welche unter dieser allgemeinen Benennung begriffen werden, sondern nur diejenigen von ihnen im Auge, welche in, mit und nach der sogenannten großen Welt leben, welche sich die Eigenthümlichkeiten derselben ganz zugeeignet haben, und welche an den üppigen Zerstreuungen und Vergnügungen derselben, nicht weil ihre Lage sie nun einmahl dazu zwingt, sondern vielmehr aus Neigung und Bedürfniß einen vollen Antheil nehmen. Hüte dich also, auf jeden gebildeten Menschen oder auf jede Standesperson überhaupt zu deuten, was hier nur von dem verderbteren Theile derselben, den verfeinerten und üppigen Weltleuten, gelten soll.


2. Aber selbst von diesen begehre ich hier nicht im Allgemeinen und ohne Anerkennung mancher Ausnahme in manchem Betracht zu reden. Ich bekenne vielmehr gern und laut, daß ich selbst in diesem engern Ausschusse der verfeinerten Weltmenschen, mehr als Eine, noch im Grunde gute und treffliche Seele gekannt und geliebt habe, deren geistige und sittliche Ansicht von verschiedenen Zügen des Bildes, welches ich jetzt entwerfen werde, eine liebenswürdige Ausnahme[321] machte; und um die es herzlich zu beklagen war, daß sie durch ein ungünstiges Schicksal auf einen Boden verpflanzt wurden, wo sie ihre edlen Keime nur sehr dürftig entwickeln konnten. Hüte dich also, daß du nicht an der Möglichkeit verzweifelst, auch unter denen von ihnen, mit welchen die göttliche Vorsehung dich etwan in Verbindung bringen wird, manche ähnliche Ausnahme zu finden!


3. Ungeachtet, so weit meine Beobachtung reicht, bei weiten die meisten verfeinerten und üppigen Menschen, die nach dem Ton und auf den Fuß der großen Welt aus Neigung leben, die meisten Züge meines Bildes an sich tragen; so zeichnen sie sich doch durch stärkere oder schwächere Schattenmischung, durch eine gröbere oder feinere Auftragung der Farben merklich von einander aus. Bei einigen schimmern die Grundzüge, womit ich diese Menschenklasse jetzt bezeichnen werde, entweder weil sie bei ihnen wirklich feiner, als bei Andern, gezogen sind, oder weil man sie geschickter zu übertünchen wußte, nur so schwach hervor, daß das geübte Auge eines Menschenkenners erfodert wird, um sie bei ihnen wahrzunehmen. Bei Andern hingegen fallen sie, trotz der Bemühung, die man anwendet, sie zu verbergen, so stark und plump ins Auge, daß sogar der Neuling sie nicht verkennen kann. – Hüte dich also, daß du nicht[322] alle Menschen dieser Art für gleich verderbt haltest; aber hüte dich auch, daß du nicht gleich bei dem ersten Anscheine einer Abweichung von der Regel eine von jenen seltenen Ausnahmen gefunden zu haben glaubest, die zwar, wie ich schon zugegeben habe, sich wirklich finden lassen, die aber doch – erst gesucht sein wollen. Oft ist ein Schade um desto größer und unheilbarer befunden worden, je versteckter er war.

Dis zur Verwahrung gegen Mißdeutungen: und nun zur Sache!

2

Bei Vielen kommt freilich noch die Ursache hinzu, daß sie, wegen großer Beschränktheit am Geiste nichts Anziehendes zu sagen wissen, und doch aus Eitelkeit und um nicht ganz eine Null in der Gesellschaft vorzustellen, gern etwas Anziehendes sagen möchten. Diese werfen sich daher in die Verläumdung, als das einzige ihnen übrig gelassene Mittel, sich einige Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Quelle:
Campe, Joachim Heinrich: Vaeterlicher Rath für meine Tochter. Braunschweig 1796 [Nachdruck Paderborn 1988], S. 316-323.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Gellert, Christian Fürchtegott

Geistliche Oden und Lieder

Geistliche Oden und Lieder

Diese »Oden für das Herz« mögen erbaulich auf den Leser wirken und den »Geschmack an der Religion mehren« und die »Herzen in fromme Empfindung« versetzen, wünscht sich der Autor. Gellerts lyrisches Hauptwerk war 1757 ein beachtlicher Publikumserfolg.

88 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon