Bereit zum Verlegerberuf?

[19] Überblicke ich meine berufliche Entwicklung bis zur Selbständigmachung, so möchte ich heute sagen, ich hatte mich als Gehilfe eigentlich fast nur auf das Sortiment in meinem Bildungsgang eingestellt. Das, was ich in dem mit zwei Gehilfen arbeitenden Verlag von Eugen Strien gelernt hatte, erstreckte sich hauptsächlich auf Kontenführung und Ballenpacken. Die wenigen Korrekturen las der Chef selbst und von den Briefen an Druckerei und Autoren bekam man keinen einzigen, nicht einmal in der Registratur, zu sehen. Das war alles Geschäftsgeheimnis. Als Jungbuchhändler habe ich mir dann hauptsächlich Universitätsstädte als Tätigkeitsbezirk ausgesucht und mancherlei Vorlesungen zumal während meiner Hallenser Lehrzeit mit angehört. Es war mir auch darum zu tun, möglichst viel mit Studenten zu verkehren. Das ausgedehnte Ansichtsversenden, die damit zusammenhängenden Remissionswochen in der Ostermesse empfand man stark als hemmende Last, um so lieber bediente man die Käufer und hatte mit ihnen literarische Aussprachen. Der Sortimenter kann nie genug von gewissen Kunden lernen, die sich freuen, von solchen Büchern zu reden, die sie ergriffen haben. Eigentlich lebt man mit den Büchern aber erst als Antiquar in engem Verhältnis, der Blick erweitert sich durch sie über die Gegenwart zur Vergangenheit, zum Verständnis für die Buchindividualität vergangener Zeitepochen.[19] Man hat beruflich die Ruhe der Einsamkeit, die im Ladenverkehr fehlt, man liest mit gutem Gewissen dieses und jenes Buch an, denn man soll ja seinen Wert für den Katalog formulieren. Das Gefühl für die Zugkraft des geeigneten Buchtitels verstärkt sich.

Ich muß sagen, eigentlich kam ich zu meiner Verlegertätigkeit als Außenseiter und war völlig unbelastet von Geschäftsroutine. Gott sei Dank, ich mußte meinen verlegerischen Weg aus mir selbst heraus gestalten und selbst erst aus meinen Erfahrungen den Verlegerberuf erlernen.

Aber auch menschlich war ich noch nicht für ihn reif. Ich hatte weder literarische Bekanntschaften noch irgendein bestimmtes Ziel, auf das ich verlegerisch lossteuern wollte. So begann ich geschäftlich denkbar ungeschickt mit den beiden Weißschen Gedichtbänden, bei denen ich es im Laufe der nächsten Jahre auf einen Absatz von je dreißig Stück brachte. Ich glich dem Menschen, der mit einem Plumps ins Wasser sprang: Jetzt lerne du schwimmen!

Zwar lebte ich geistig in der Spannung zwischen Literatur und Kunst, zwischen Philosophie und Antike, in der Spannung zwischen deutscher, französischer und romanischer Art, in der Spannung der Landschaft zwischen Mitteldeutschland und den Alpen. Auch darüber hinaus bis zu den Beduinen am Wüstenrand und bis zu den Pyrenäen und den blauen Wogen am Strand von Biarritz. Aber noch war nichts in mir zu Form geworden, denn ich war eine spät sich entwickelnde nordische Natur, die erst im Schwabenalter zur Reise kommt. Von meiner Familie glaubte niemand an mein Können, als ich mich selbständig gemacht hatte. Am letzten glaubte ich selbst daran, und ich schwankte noch in Rom, ob ich nicht doch zu guter Letzt trotz Verlagsgründung nach einer Südseeinsel auswandern und damit dem Lebenskampf ausweichen sollte. Nicht des Träumens wegen, nein, ich stand manchmal in tiefster Depression vor der Frage Hamlets: Sein oder Nichtsein.

Es lastete auch damals in Italien das fortgesetzte Aufnehmen von Eindrücken auf mir, ohne die Möglichkeit, sie wieder direkt zu verarbeiten.[20] So schrieb ich Reiseskizzen für die Gazetta di Numburgo, wie ich den Italienern gegenüber mein heimatliches Naumburger Kreisblatt nannte, natürlich ohne Honorar. Es erspart alles Reden über mein damaliges Empfinden, wenn ich eine kurze Probe von einer Plauderei aus dem Seebad Viareggio hierhersetze. »Es ist Sonntagmorgen. Ich liege lang hingestreckt am Meeresufer, zu den Füßen plätschern stoßweise die Wellen; ein plötzlicher Ruck, der weiße Schaum kommt bis dicht an die Füße. Doch des Strudels Kraft reicht nicht aus, mich zu vertreiben; das Wasser weicht zurück und läßt nur eine glatte, feste, leicht geneigte Sandfläche hinter sich. Stets von neuem treiben die Wellen ihr Spiel; aber noch die gestrige Nacht war der Meergott gar nicht zum Scherzen aufgelegt. Der Schirokko wehte, auf hohen Wellenrossen ritt er aus dem Süden einher, brausender Gischt spritzte an dem Hafendamm hinauf, vor seiner heulenden Stimme, vor seinen Gestikulationen waren die sonst so zahlreichen Spaziergänger geflohen, nur ein Liebespaar saß unbekümmert in einem trockenen Winkel. Über den scharfgezackten Graten der benachbarten karrarischen Marmorberge leuchtete es unaufhörlich, bald lagen ihre Konturen nicht erkennbar in tiefem Dunkel, bald hob sich deutlich die ganze Bergkette von dem rotglühenden Himmel ab. Wie frisch es heute nach der Schwüle der vergangenen Tage ist, man glaubt bald, man wäre in der Heimat. Jetzt mögen wohl die Kirchenglocken klingen, mögen die Straßen reingefegt sein und die Leute in extra weißem Hemd und neuen Kleidern auf der Straße gehen...

Was ist Wahrheit? Eine alte, ewige Frage, die vor und nach Pilatus unzählig oft erötert worden ist. Es gibt eine ewige Wahrheit, sagte mir mein Tischnachbar in der Pension, ein zukünftiger römischer Prälat, und die lehrt unsere Kirche. In welcher Zeit lebt jener, daß er nicht weiß, daß jeder Tag neue Wahrheiten herausbringt und daß die Wahrheit von gestern heute schon Lüge ist und überwunden werden muß! Überblicke ich den blauen Meeresspiegel, bis dahin, wo er mit dem Himmel in eins zusammenfließt, so unergründlich tief,[21] so unbezwungen, so trotzig stark gegenüber jeder Menschenhand, heute ruhig und heiter, morgen Tod und Verderben bringend, deucht es mir, dem Leben selbst, der Allmutter Natur ins Auge zu blicken. Seit wann hätte das Leben, von dem schon Heraklit, der Dunkle, sagte, daß »Alles fließt«, sich an menschliche Satzungen gekehrt! Predigt nicht das Meer, wenn es stürmt: Laß dich nicht brechen und sei stark in deiner Persönlichkeit, laß das große Meer deines unbewußten Lebens nicht in enge Schranken schlagen?! Laß es stürmen, auf Sturm folgt Ruhe, folgt der Friede, weiße Möwen schweben dann wieder über den blauen Wassern, Palmen spiegeln sich in der blanken Flut, umkost von linden Winden, die dem stürmischen Brausen gefolgt sind, und im Sand liegen buntfarbige Muscheln. – In der Ferne zeigen sich die Segel einiger Schiffe, die nach unbekannten Ländern segeln. Auch den Menschen treibt es immer vorwärts in das Ungewisse hinaus, wie eine ferne Küste liegt hinter ihm die Vergangenheit, nur vorwärts in die Zukunft hinein, nach unserer Kinder Land!«

Ich sah zwar kein bestimmtes Ziel vor mir, aber doch stellte ich mir eine Aufgabe. Diese Aufgabe war aber nicht, möglichst viel Geld zu verdienen, denn das ist überhaupt keine Aufgabe, es ist nur die Sucht nach Sattsein, nach Behagen – sondern die, die dunklen Mächte in mir zu überwinden. Zur Sehnsucht auch den Willen zu fügen, der Idee zu dienen, indem man, um sie in Wirklichkeiten umzusetzen, organisatorisch hilft und damit allem Schöpferischen zur Seite steht. Dazu gehört, in Demut an Kräfte in sich zu glauben, die man noch nicht kennt. Vor allem zum Opfer bereit sein und von anderen Menschen nichts pharisäerhaft fordern, aber fordernd gegen sich se!bst sein. Ibsen und Nietzsche hatten damals großen Einfluß auf mein Denken, ich verstand auch so gut das Anspringen Nietzsches gegen sein periodisches körperliches Versagen.

Ich muß mich noch heute wundern, daß damals der bedächtige und kritische Avenarius ohne mich zu kennen bereit war, seine Bücher mir anzuvertrauen, einem Menschen ohne jede sichtbare Leistung[22] bis dahin, einem unbeschriebenen Blatt. Ich weiß keine andere Erklärung, als daß der Unterton des ersten Briefes, den ich an ihn schickte, ihn zu mir zog. Ich erklärte ihm, er würde nur in die beste Gesellschaft mit seinen Büchern kommen. Wie anders reagierte später der Philosoph des Idealismus Rudolf Eucken, als ich ihm nach meiner Übersiedlung nach Jena nahelegte, ob er nicht auch mal bei mir verlegen wolle. Ich bekam gar keine Antwort, hörte aber dann von einem gemeinsamen Bekannten, daß er zu ihm gesagt hatte: Ich sei ihm zu sehr Idealist und die machten in der Regel Bankrott. Darum ginge er lieber zu einem Geschäftsverleger.

Ich bin Avenarius für die ersten Verlagsjahre großen Dank schuldig, gar manchmal fuhr ich um Rat und Auskunft zu ihm nach Dresden. Nicht daß ich mich von seinem Urteil abhängig gemacht hätte, er war z.B. durchaus dagegen, daß ich Maeterlinck nahm. Aber mein literarisches Urteil reiste an dem seinen, ihm allein hatte ich z.B. die Verbindung mit Carl Spitteler und auch das literarische Verständnis dieses Schriftstellers zu verdanken, der bis dahin noch nie in die Lage gekommen war, Honorar zu verdienen.

Mein zweites literarisches Fußfassen geschah zu gleicher Zeit an einer anderen Stelle im Friedrichshagener Kreis von Bölsche, Julius Hart und Bruno Wille. Man ging miteinander spazieren, feierte Feste, und ich logiertegar manchmal bei Freund Julius auf dem Sofa, das auch Peter Hille öfters zur Unterkunft gedient hatte. »Eugen mit den Gespensteraugen« nannte mich damals Julius Hart, es lag zuviel Gewaltsamkeit im Mit-Sich-Fertigwerden in ihnen. Später gingen Harts Wege wieder fort von mir, und ich hielt es nach zwölf Jahren einmal für geraten, einen Honorarvorschuß für ein nicht geliefertes Buch einzuklagen, der Ordnung halber. Wir standen eines Tages gegenüber vor Gericht. Als ich mein Recht bekommen hatte, nahm mich Julius untern Arm und sagte in alter freundschaftlicher Weise: »Was geht uns das an, was die Advokaten miteinander verhandeln, jetzt wollen wir gemütlich eine Flasche Wein zusammen trinken gehen.« Es war ganz in meinem Sinne.[23]

Der Verleger hat überhaupt drei Gemeinschaften zu pflegen. Zuerst mit seinen Autoren; ich verstehe weniger darunter die auf das Honorar zugespitzte Interessengemeinschaft, als daß man in persönlichem Verkehr deren innere Entwicklung in allen Lebensperioden miterlebt.

Die zweite Gemeinschaft ist die mit seinen Lesern. Man darf die Käufer seiner Bücher nie enttäuschen, indem man lobpreist, was nichts taugt. Man muß ihr Vertrauen gewinnen.

Die dritte Gemeinschaft resultiert aus der Verbindung mit dem allgemeinen Leben ohne Zweck auf den Beruf. Sie schützt vor dem einseitigen In-der-Bücherwelt-Leben und verlüngt.

Zuerst galt es also, dem Verlag Inhalt und Form zu geben und sich trotz mangelnder Reise und Tradition zu bewähren.

Quelle:
Diederichs, Eugen: Aus meinem Leben. Jena 1938, S. 19-24.
Lizenz:

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