Sieben Jahre Kulturverlag in Leipzig

[24] Die eigentliche Verlagstätigkeit setzte also erst ein Jahr nach der offiziellen Gründung im Sommer 1897 in Leipzig ein. Das erste Jahr in Italien bestand mehr aus Vorarbeit und in innerer Verarbeitung von Eindrücken. Der junge Buchhändler der heutigen Zeit kann sich schwer vorstellen, wie friedlich es noch damals im buchhändlerischen Konkurrenzkampf aussah. Werbungsprobleme existierten überhaupt nicht, man lebte in festgefügter Tradition. Jeder Verlag hatte seine überkommenen Autoren und seine Richtung, die ihm niemand streitig machte. Neuausgaben älterer Literatur waren noch nicht im Gesichtskreis der Möglichkeiten, Übersetzungen aus ausländischer Literatur begannen aus dem Nordischen durch den Verlag S. Fischer und aus dem Französischen durch den Verlag Albert Langen den ersten Erfolg zu haben. Schuster und Löffler hatten gerade den ersten Erfolg mit ihrem Eintreten für die moderne realistische Dichtung von Liliencron, Gustav Falke u.a., nachdem der Leipziger Verleger Friedrich an ihr bankrott gegangen war. Stefan George hatte bereits bei Bondi einen kleinen Kreis mit den »Blättern für die Kunst« um sich gesammelt. Bis dahin hatten Emanuel Geibels[24] Gedichte, Scheffels Trompeter und anschließend Baumbachs Butzenscheibenpoesie das Interesse für Lyrik beherrscht. Die Gestalt Seidels »Leberecht Hühnchen« erweckte das Behagen aller Kleinstadtmenschen-auch die Großstadt war damals noch Kleinstadt – und die revolutionären Geister des Schabeltitzschen Verlages in Zürich, Carl Henckel, John Mackay u.a. las man nur im engen Kreis der Literaten. Da schlug Gerhart Hauptmanns »Vor Sonnenaufgang« wie eine Bombe ein. Der Naturalismus, von den Franzosen und speziell von Zola ausgehend, wurde Programm, man wollte die Wirklichkeit erfassen. Ibsen war der vorbildliche Realist. Was lag für mich näher, als mich gleichfalls in die neue naturalistische Richtung verlegerisch hineinzubegeben.

Aber ich hatte ein ganzes Jahr im Lande der romanischen Form intensiv gelebt, hatte die individualistische Selbstherrlichkeit des Renaissancemenschen in Florenz und anderen Städten Oberitaliens in mich hineingetrunken. Weniger den modernen italienischen Diesseitsmenschen des Mittelmeeres, als jenes germanisch-romanische Mischblut alter Zeit, das in stolzem Selbstbewußtsein gotisch-trutzige Rathäuser und Paläste erbaute. Jenes Geschlecht, das zu Gott mehr im Verhältnis eines trotzigen Lehensmannes stand und auch sich nicht scheute, seinem Ketzertum der Papstkirche gegenüber sichtbaren Ausdruck zu geben, wie im Tempel zu Rimini. Auf der Gegenseite desselben Kreises stand aber die Naturnähe und die Menschheitsbruderschaft des heiligen Franz von Assisi. Der Marzocco des Donatello in Florenz, den ich als Verlagswappen gewählt hatte, war mir Symbol meines Wollens-kein äußerer Schmuck, sondern eine Verpflichtung.

Er war mir letzthin auch eine Verpflichtung zur metaphysischen Haltung meines verlegerischen Werkes. Ich empfand mich selbst als neuromantischen Verlag. Dieses Wort bedeutete für mich weniger bewußte Anknüpfung an die Ziele der alten Romantik vor hundert Jahren, sondern Universalität der Welterfassung. Und wenn ich heute nach reichlich dreißig Jahren auf mein Lebenswerk zurückblicke,[25] so meine ich, ich habe mein Ziel durchgehalten. Es ist fast noch schwerer als Verleger vielseitig zu sein, denn als Künstler, denn immer zwingt das schöpferische Gestalten jenen zu seiner notwendigen Begrenzung in sich. Daß mir verlegerische Universalität gelungen ist, betrachte ich weniger als eigenes Verdienst, denn als gütiges Schicksal. Hätte ich ein Jahrzehnt früher mit dem Verlegen begonnen, ich wäre unfehlbar bankrott gegangen. Und würde ich heute einen so vielseitigen Verlag beginnen, er ginge nicht nur geldlich, sondern auch geistig mangels einer Tradition vor die Hunde. Ich möchte mit einem gewissen Stolz behaupten, es gab weder vor mir in der deutschen Verlagsgeschichte einen ähnlich universalen Verlag – auch Cotta oder Perthes waren nicht so vielseitig-, noch wird es ihn nach mir geben. Es war im deutschen Kulturleben das nur in der Zeit eines Vorfrühlings möglich. Seine Vorbedingung war das Herauskommen des Unterstroms des Irrationalen im Anlauf gegen die Herrschaft des Materialismus und Intellektualismus. Es erhob sich eben schon um die Jahrhundertwende ein leises Ahnen der kommenden metaphysischen Einstellung des deutschen Geistes, seiner eigentlich religiösen Aufgabe. Ich wäre der letzte, von einem wirklichen Geistesfrühling jener Zeit oder gar von den Früchten meiner Arbeit zu reden. Es wird erst die Zeit kommen, da alles sich erfüllen wird. Uns bleibt nichts anderes übrig als unverzagt weiterzuarbeiten- und auf Gnade demütig zu warten.

Kulturverleger sein heißt nicht dieses und jenes wichtige und schöne Buch verlegen, sondern unbeirrt von augenblicklichem Erfolg und dementsprechend unbekümmert um Tagesmode verlegen und an den Sieg der Idee glauben. Ein Glaube, der sich zu bewähren hat, setzt richtigen Instinkt voraus. Ich kann nur bekennen, das Wissen kam mir immer erst nach dem Tun und durch das Tun. Ich habe immer aus dem Verhältnis zum Irrationalen meines Wesens verlegt. Es klingt paradox; stand man in den vergangenen dreißig Jahren gegen die herrschende Zeitströmung, so half einem das Leben erst recht.[26]

Es hat mir nie an Verlagsangeboten gefehlt, nämlich solchen, auf die es ankommt (andere stellten sich außerdem noch in Überzahl ein). Es kamen zu mir alle, die sonst von anderen Verlegern mit der Motivierung abgelehnt wurden: »Ihr Buch ist gut, infolgedessen findet es kein Publikum und wir können es zu unserem Bedauern nicht bringen.« Und doch müssen gewisse Menschen aus ihrem inneren Muß schreiben. Die Universalität des Verlages kam einfach ohne jedes Programm aus der Absicht, dem Leben zu dienen und Geburtshelfer am schöpferisch Neuen zu sein. Denn es regte sich bereits seit der naturalistisch-literarischen Revolution um 1890 allerlei Neues in Deutschland, dem sich dann die Revolution auf dem Gebiet des Kunstgewerbes um 1895 anschloß.

Also ich zog nicht hinter den im voraus gangbaren Tagesgrößen her, sondern betreute die noch Unbekannten. Aber ich ging auch manch eigenen Weg durch Aufträge, denn ein Verleger, der keine Bücher anzuregen weiß, ist von vornherein nicht zum Verlegen geboren. Nach dreijähriger Arbeit in Leipzig versandte ich im Januar 1900 zur Jahrhundertwende folgendes schön in Morrisgotisch auf altertümlichem Bütten gedruckte Programm an den Buchhandel:


Zur Jahrhundertwende!


Als führender Verlag der Neuromantik möchte ich betonen, daß diese nicht mit der Dekadenzrichtung in der Literatur zu verwechseln ist. Nicht das Primitive, nicht eine weltfremde Träumerei bevorzugt die neue Geistesrichtung, sondern nach dem Zeitalter des Spezialistentums, der einseitigen Verstandeskultur will sie die Welt als etwas Ganzes betrachten und gestalten. Indem sie das Weltbild wieder intuitiv faßt, überwindet sie die aus der Verstandeskultur hervorgegangenen Erscheinungen des Materialismus und Naturalismus. Die Romantiker am Anfang des 19. Jahrhunderts bekämpften die kalte Glätte der Antike und glaubten im Mittelalter, zu dem sie Sang und Sage zurückbrachte, eine natürlichere Menschheit zu finden. Wir Modernen suchen aber unsere Ideale in der Zeit,[27] wo die Volkskraft sich in den ungebrochenen Naturen des humanistischen Zeitalters entfaltete. Auf diesem Wege sollen meine Monographien zur deutschen Kulturgeschichte einen Markstein bilden, und in wenigen Jahren wird die Zeit des 15. und 16. Jahrhunderts nicht bloß in den Köpfen der Gelehrten, sondern auch in denen des Volkes wieder einen Platz haben. Die Altromantiker strebten nach viel Wissen, nach Universalmenschentum, und indem sie ihre Ideale nicht bloß zu denken, sondern auch zu leben trachteten, beseelten sie ihre Kenntnisse. Auf gleichem Weg wird auch die Neuromantik wandeln, wenn sie wieder an die Natürlichkeit, Ursprünglichkeit, Kunst und Daseinsfreude der Menschen aus dem Zeitalter des Paracelsus und Dürer anknüpft. Sie wird den von Nietzsche mit Recht gebrandmarkten Bildungsphilister, der sich nur mit den Lappen der Kultur behängt hat, überwinden und zur künstlerischen Kultur des 20.Jahrhunderts erziehen. Die Sehnsucht der Seele nach etwas, das dem Leben Sinn und Inhalt gibt, führt zuerst zur innerlichen Vertiefung. Aus dieser heraus entwickelt sich der Mensch nach Goethes Beispiel zum Einklang mit der Umgebung; denn das mit Bewußtsein-Leben führt zur Ausbildung vorhandener Kräfte und Anlagen, zu dem gesunden fröhlichen Menschen, dessen eigenes Leben ein unbewußtes Kunstwerk ist. Kein totes Wissen mehr, sondern es soll sich mit der Kunst vereinen, um den Menschen zu formen und ihn zur praktischen Betätigung zu führen. Nur dadurch hat Ruskin der englischen Kultur ihre jetzige einflußreiche Stellung gegeben.

Was ist uns heute Ruskin! Nur wer damals in und mit der Zeit gelebt hat, weiß, daß niemand ihn recht kannte. Aber sein Name hatte den Ruf eines alttestamentlichen Propheten, der hellhörig genug war, um das Reden der Steine von den gotischen Palästen in Venedig zu verstehen. Sein Denken war sozusagen der mystischreligiöse Untergrund der neuen künstlerischen Bewegung.

Ich muß heute über meinen derartig formulierten Glauben an eine kommende künstlerische Kultur, die zwölf Jahre vorher der Rembrandtdeutsche prophezeit hatte, ein wenig lächeln. Der Name[28] Paracelsus hat für mich in dem Augenblick, wo ich mich anschicke, ihn in der Linie Gott-Natur zum zweitenmal herauszubringen und ihn weiter auch noch für die heutige Medizin durch praktische Anmerkungen zum fruchtbaren Anstoß werden zu lassen, eine andere Note. Sie bedeutet: Nicht den Individualismus des Humanismus, sondern das Alleinheits- und Gemeinschaftsempfinden der Gotik.


Ein paar Jahre später, bei der Übersiedlung nach Jena im Frühjahr 1904, gab ich den ersten zusammenfassenden Verlagskatalog als Abschluß meiner Leipziger Verlagstätigkeit heraus, dort ist schon das Verlagsprogramm wesentlich reifer formuliert, denn mit 1902 setzten die ersten Bücher in religiöser Richtung mit Arthur Bonus und Albert Kalthoff im Verlag ein, und 1903 erschien bereits Meister Eckehart.

Es heißt dort:

»Wir befinden uns in einem Zeitalter, das aus der Veräußerlichung der letzten Jahrzehnte heraus will, dem innere Freiheit und schöpferische Individualität wieder als Ideal vor Augen stehen, wir empfinden wieder die Kunst in ihrer Verwandtschaft mit der Religion, wir erkennen als Inbegriff unserer sozialen Idee solche Lebensbedingungen, die in jedem Menschen seine Anlagen ausreisen lassen. So manche Bücher des Verlages suchen bewußt den Weg zu einer neuen deutschen Kultur, andere verbreiten sauerteigartig neue Ideen, aber wenn sie auch meist in die Zukunft weisen, wollen sie doch dem gegenwärtigen Leben dienen. Unsere geistige Entwicklung sucht diese Anknüpfung an die Tradition und will sich nicht mehr begnügen, die ewigen Menschheitsprobleme in zufällig subjektiver Stimmung zu sehen und nur über vergangene Denker etwas zu hören, sondern sie will an den Quellen der Vergangenheit selbst trinken. Die größten Hindernisse für die Entwicklung der Persönlichkeit sind augenblicklich außer der Erstarrung des religiösen Lebens innerhalb der Kirche die Wissenschaft, soweit sie das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dem Leben verloren hat und die Herrschaft der Ideenwelt nicht[29] anerkennt, sowie die deutsche Schule, die mit ihrer ›Methode‹ das selbständige Instinktleben des Kindes tötet und in erster Linie Schuld daran trägt, daß unserer Zeit die Charaktere fehlen. Ich hoffe aber nicht in erster Linie allein Kampfesbücher gegen die Erstarrung der drei Mächte: Kirche, Wissenschaft und Schule in Zukunft zu bringen, sondern Bücher, die zugleich positiv aufbauen und den tief im Menschen liegenden inneren Kräften Nahrung geben. Ja, ich hoffe sogar, daß sich hier in Thüringen ein Kreis von Männern finden wird, die der Frage der Volkserziehung näher treten. Die sich nicht begnügen, fertige Wissensbrocken oder endgültige Urteile hinzuwerfen, sondern die das Schöpferische im Menschen wecken, indem sie seine Phantasie lebendig gestalten lassen. Denn das Gewissen unserer Zeit, das in den Tagen unseres größten geistigen Tiefstandes und der Veräußerlichung sich in Friedrich Nietzsche verkörperte, schlägt jetzt in allen denen, die sich gedrungen fühlen, für eine neue deutsche Kultur ihr Bestes einzusetzen.«

Der Katalog enthielt zwölf Gruppen, jede mit einer besonderen Einführung von einem Autor. Er war kein Geschäftskatalog, sondern ein Bekenntnis zukünftigen Wollens und zugleich eine Abrechnung über geleistete Arbeit. Das Titeldiati hatte Hans Thoma gezeichnet, es stellte einen Sämann auf gepflügtem Acker dar, umgeben von den zwölf Figuren des Tierkreises.

Der Verlag stand jetzt auf zwei, nein, sagen wir zwölf Beinen. Sie nannten sich:


I. Griechische Kultur;

II. Romanische Kultur;

III. Deutsche Mystik;

IV. Deutscher Humanismus;

V. Deutsche Geschichte und Kultur;

VI. Deutsche Romantik und ältere Literatur;

VII. Philosophische Neukultur;

VIII. Friedrichshagener Kreis;

IX. Religiöse Kultur;[30]

X. Soziales Leben, Erziehung und Rassenfrage;

XI. Künstlerische Kultur;

XII. Schöne Literatur.


In Gruppe I, Griechische Kultur, war die Plato-Gesamtausgabe begonnen. Plotin, Epiktet, Marc Aurel schlossen sich an. Seneca und die Vorsokratiker waren als in Vorbereitung angezeigt. Heinrich Gomperz und Karl Joel hatten Bücher über die griechische Lebensauffassung geschrieben. Von Walter Pater lagen zwei Essaybände über die griechische Mythologie und Plato vor.

Gruppe II, Romanische Kultur, umfaßte die Namen Leonardo, Giordano Bruno, Sankt Franziskus, Pico della Mirandola.

Gruppe III, Deutsche Mystik. Erschienen waren bereits Meister Eckehart, die Deutsche Theologie, Comenius und Angelus Silesius. In Vorbereitung waren Tauler und Suso.

Gruppe IV, Deutscher Humanismus. Als erster Vertreter war Paracelsus in zwei Hauptwerken erschienen. Die Gespräche von Erasmus waren in Vorbereitung.

Gruppe V, Deutsche Geschichte und Kultur. Ihr Mittelpunkt waren die zwölf Bände der von G. Steinhausen herausgegebenen, mit alten Holzschnitten reich illustrierten Monographien zur deutschen Kulturgeschichte samt dem großen zweibändigen Bilderatlas »Deutsches Leben der Vergangenheit in Bildern«. Hans Blum, die Revolution 1848 war ja das erste große erfolgreiche Verlagswerk gewesen. Die große illustrierte Geschichte des deutschen Badewesens von A. Martin war in Vorbereitung.

Gruppe VI, Deutsche Romantik und ältere Literatur. Sie gruppierte sich um die Reihe »Erzieher zur deutschen Bildung«. Novalis und Hölderlin waren in ihren gesammelten Werken zum erstenmal wieder herausgegeben. Kein Literarhistoriker hatte bis dahin die allgemeine Aufmerksamkeit auf sie gelenkt. Hölderlin war nur bei Reclam zugänglich, Novalis überhaupt nicht. Christian Günthers Stimme tauchte aus völliger Vergessenheit heraus. Eckermanns Gespräche[31] (Adolf Bartels) und der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe (Chamberlain) waren ebensowenig allgemein zugänglich und wurden darum mit Absicht neu herausgebracht.

Gruppe VII, Philosophische Neukultur. Sie gruppierte sich um Maeterlinck. Leopold Ziegler war mit seinen ersten zwei Werken vertreten, Heinrich Gomperz brachte seine Weltanschauungslehre.

Gruppe VIII, Der Friedrichshagener Kreis, bestand aus den Namen Wilhelm Bölsche, Bruno Wille, Julius Hart und Willy Pastor.

Gruppe IX, Religiöse Kultur, enthielt Bücher neuen religiösen Geistes von Arthur Bonus, Albert Kalthoff, Eugen Heinrich Schmitt. Dazu traten die sozialethischen und theologischen Schriften Leo Tolstois zum erstenmal zu einer stattlichen und sorgfältigen Gesamtausgabe vereint.

Gruppe X, Sozia les Leben, Erziehung und Rassenfrage, zeigte die erste Arbeiterbiographie der von Paul Göhre herausgegebenen Arbeitererinnerungen (Carl Fischer), mehrere Bücher von H. Driesmans zur Rassenfrage und von Arthur Bonus die wichtige Kritik »Vom Kulturwert der deutschen Schule«.

Gruppe XI, Künstlerische Kultur. Sie ging von der fünfzehnbändigen Ausgabe von Ruskins Schriften aus, und es schlossen sich an vier Bücher von Paul Schu!tze-Naumburg, darunter das grundlegende Buch über die Kultur des weiblichen Körpers. Nenne ich nur weiter noch die Namen Peter Behrens, Lothar von Kunowski, Hermann Obrist, Hermann Muthesius, Fritz Schumacher, Isadora Duncan, Rudolf Kautzsch und Max Martersteig, so steht dem, der jene Zeit mit erlebt hat, jene künstlerische Bewegung vor Augen zu Anfang des neuen Jahrhunderts, von der Kunstgewerbe und Architektur noch heute befruchtet sind.

Gruppe XII, Schöne Literatur. Sie umfaßt u.a. die Namen Ferdinand Avenarius, Wilhelm Holzamer, Ricarda Huch, Kurd Laßwitz, Carl Spitteler, von dem schon alle vier Bände des Olympischen Frühlings vorlagen, Helene Voigt-Diederichs, Leopold Weber.[32] Nicht zu vergessen: Jens Peter Jacobsen, Stendhal und die Russen: Tolstoi, Gorki und Tschechow in gesammelten Werken.

Daß ich an dieser Stelle sozusagen eine Bestandsübersicht meines Verlages bei Beginn meiner Jenaer Tätigkeit gebe, hat den Zweck, klarzulegen, was in einer ganz bestimmten kulturellen Zeitepoche in Deutschland seitens meines Verlages geschah. Der Literarhistoriker von heute und mit ihm der Zeitungskritiker sieht in der Regel auf ein paar literarische Namen, wenn er die Zeit um die Jahrhundertwende schildert, und weiß nur oberflächlich um die anderen geistigen Strömungen um die Jahrhundertwende Bescheid. Denn in der Regel hat er sie noch nicht miterlebt, und dann fehlt auch noch das Werk, das die geistigen Tendenzen jener Zeit zusammenfaßt. So kommt es auch, daß der dreißig oder vierzig Jahre alte Buchhändler von heute oft zu glauben pflegt, die Entwicklung modernen Denkens setze mit seinen Erinnerungen ein. Je jünger aber er ist, desto mehr glaubt er, vor der Existenz seines Ichs sei einfach ein Vakuum.

Die älteren Buchhändler werden sich aber noch gut erinnern, welches gewaltige Aufsehen mein im Herbst 1897 erschienenes Verlagswerk Hans Blum, »Die deutsche Revolution 1848«, machte oder der durch Melchior Lechter so seltsam ausgestattete »Schatz der Armen« von Maeterlinck. »Gut frisierte« statt autorisierte Ausgabe hatte ein Kritiker gelesen. Wilhelm Bölsches »Liebesleben«, Maeterlincks »Leben der Bienen«, Jens Peter Jacobsen und Tolstoi waren in meiner Leipziger Zeit die Bücher eines ausgesprochenen Erfolges. Weniger gut ging es verlegerisch mit den Monographien zur deutschen Kulturgeschichte, die fast mein ganzes, nicht allzu großes Barvermögen schon im zweiten Verlagsjahr verschlungen hatten. Hatte ich doch etwa 4000 Klischees für 24 Bände im voraus angefertigt. Es war ein mühseliges persönliches Sammeln an allen deutschen Kupferstichkabinetten vorhergegangen. Ich kam erst bei ihnen nach fünfzehn Jahren auf meine Kosten. Dadurch war ich genötigt, meinen Verlag fast nur auf Kredit aufzubauen, was nur dadurch möglich[33] war, daß man erst nach einem Jahr zur Ostermesse seine Rechnungen an die Lieferanten zu bezahlen brauchte. O gute, alte Zeit!

Solange ich in Leipzig lebte, hieß es entweder dort, oder in München, oder in Berlin, der Diederichs ist nächstens Pleite, trotzdem ich meine O.M.-Rechnungen immer pünktlich bezahlte. Der Grund war der, meine Buchausstattung stach so vom Allgewohnten ab und nahm so gar keine Rücksicht auf den Geschmack des breiten Publikums, daß es klar war-es mußte mit mir schief gehen.

Daß ich über meine neuen Grundsätze in der Buchausstattung einmal in jener Zeit Leipziger Kollegen einen Vortrag hielt, brachte mir kürzlich eine Schülerin von dem Professor der Kunstgeschichte an der Frankfurter Universität, Rudolf Kautzsch, in Erinnerung. Jener hatte dem Vortrag mit beigewohnt, denn er war damals Leiter des dortigen Buchgewerbemuseums. »Der Diederichs ist ein toller Kerl«, hatte er zu ihr gesagt. »Wie hat er das begründet?« fragte ich. Er hatte ihr von jenem Vortrag erzählt und gesagt: »Denken Sie sich«, er schloß nach anderthalb Stunden mit den Worten: »Und dann, meine Herren, man kann bei diesen künstlerischen Grundsätzen sogar geschäftlich verdienen.« »Ein toller Kerl«, mit diesen Worten hatte Kautzsch nochmals das Gespräch geschlossen.

Wie war ich zu solch ketzerischen Anschauungen und entsprechendem Tun gekommen? Ich kann nur bestätigen: Nicht aus geschäftlicher Kalkulation, sondern aus innerem Muß stellte ich mich gegen meine buchhändlerische Umwelt. Ich schöpfte aber mein Vertrauen weniger aus einem selbstbewußten Gefühl der Originalität als aus der einfachen Tatsache, daß in der Welt der jüngeren Künstlergeneration ein neuer Geist aufgestanden war, der sich bereits auf anderen Gebieten auswirkte. Peter Behrens, Eckmann, Pankok u.a. hatten bereits kunstgewerblich einen wohlbegründeten Ruf, als der Buchhandel noch völlig schlief.

Als ich mit Verlegen anfing, war die Situation in der Buchausstattung im Buchhandel folgendermaßen: Der führende moderne[34] Verlag von S. Fischer druckte in der damals üblichen Weise teilweise auf Holzpapier, Albert Langen fing an, mit seinen Simplizissimuszeichnern effektvolle Umschläge zu gestalten, Schuster Löffler ging auf Anregung von Otto Julius Bierbaum den gleichen Weg, um das Innere des Buches kümmerte sich noch niemand. Der Insel-Verlag setzte aber erst 1901 mit seinem damaligen Leiter Rudolf von Pöllnitz konsequent ein, der mir bis dahin in meinem Verlag treu als Helfer zur Seite gestanden hatte (es gab vorher nur ein paar Vorversuche, bei denen Bierbaum Pate stand). Die beiden Gedichtbände von E.R. Weiß und das Gedichtbuch »Stimmen und Bilder« von Avenarius, mit »Buchschmuck« von J.V. Cissarz, waren die ersten Vorboten meiner Buchausstattung. Cissarz hatte auch einen symbolischen Umschlag zu Hans Blum gezeichnet, der so »außergewöhnlich« war, daß die Polizeibehörde einer sächsisch-thüringischen Stadt verbot, ihn in Plakatform anzukleben.

Da hielt Peter Jessen im Herbst 1898 im Leipziger Buchgewerbehaus für alle Buchhandelsangehörigen, Chefs, Angestellte und auch Buchdrucker zahlreich besuchte Vorträge mit Lichtbildern über die ältere deutsche Druckkunst. Ich erinnere mich noch deutlich, es lag wie eine Feiertagsstimmung über den Zuhörern, soviel nicht Gewußtes und Schönes ging ihnen auf. Im Schlußvortrag, in dem Peter Jessen bis zur Gegenwart kam, zeigte er zuletzt die Druckseiten zweier Bücher meines Verlages mit dem Lichtapparat an der Wand: »Julius Hart, Stimmen in der Nacht«, mit Schmuckstücken von Bernhard Pankok und »Maeterlinck, Schatz der Armen«, in Ausstattung von Melchior Lechter. »Hier, meine Herren, haben Sie die ersten Bücher der Neuzeit, die das erfüllen, wovon ich zu Ihnen spreche«, waren die begleitenden Worte.

Schon bei Beginn der künstlerischen Bewegung hatten wir in Deutschland entdeckt, was England in den letzten Jahren durch William Morris und Walter Crane in der Wiederanknüpfung an die mittelalterliche Druckkunst geleistet hatte. Nichts lag näher, als den gleichen Weg zu gehen oder auch nachahmend an die deutsche Druckkunst[35] des 16. Jahrhunderts anzuknüpfen. Was etwas anderes ist, als das gedankenlose äußerliche Ausgraben der Renaissanceschmuckleisten in Parallele zu den nachgeahmten Renaissancemöbeln jener Zeit.

Ich rechne es mir als ein besonderes Verdienst an, daß ich jeden Gedanken an Nachahmung von vornherein ablehnte. Es kam mir darauf an, den jungen Kräften der Bewegung Aufgaben zu stellen, an denen sie sich entwickelten. Es war gemeinsam mit ihnen ein mühevolles Tasten, denn sogar jede Broschüre sollte originell sein, bis ich dann hauptsächlich durch die Mitarbeit von F.H. Ehmcke, der 1903 sein erstes von ihm gestaltetes Buch, die Portugiesischen Sonette der Elisabeth Browning, bei mir veröffentlichte, in die Bahn bestimmter Buchtypen kam. Es zeichneten außer den oben genannten Pankok und Lechter noch Julius Diez, Otto Eckmann, Robert Engels, Paul Haustein, Rudolf Koch, Erich Kuithan, Ernst Kreidolf, W. Müller-Schönefeld, E. Orlik, Horst Schulze, Ernst Schneidler, Hans Thoma, Otto Ubbelohde, Heinrich Vogeler, E.R. Weiß u.a. in der Leipziger Zeit und in den folgenden Jahren für meinen Verlag. Die meisten Bücher stattete in den Anfangsjahren J.V. Cissarz aus.

Auch alle Fakturen, Rechnungszettel usw. wurden künstlerisch gestaltet, und die Remittendenfakturen zu O.M. trugen aktuelle Verse. Es wurden auch Versuche mit farbigem Letterndruck gemacht. Aber bald kam der Buchschmuck in Verruf und Otto Julius Bierbaum protestierte zuerst gegen diesen »Buchschmutz«, wie er ihn nannte. Denn die Gießereien hatten eine neue Mode gewittert und überschwemmten nun die modern werden wollenden Verleger mit den geschmacklosen Nachahmungen der Originalkünstler durch ihre Zeichner. Zuletzt kam dann hauptsächlich durch van de Veldes Einfluß der sogenannte Jugendstil auf.

Bald wandte sich aber die Bewegung durch die vorbildlichen Leistungen der Gießerei Klingspor in Offenbach in die künstlerisch rechte Bahn durch das Zeichnen neuer Schriften seitens der Künstler. 1900[36] druckte ich das erste Buch in der neuen Eckmanntype (Martersteig, Der Schauspieler). Als nächster schnitt dann Peter Behrens eine neue monumentale Schrift und verdrängte damit die Morris-Gotisch, die aus England eingeführt war. Gestaltung eines geschlossen wirkenden Satzbildes verbunden mit richtiger Stellung auf der Papierseite und damit allerhand typographische Wirkungen waren jetzt die Folge. Die Bewegung war auf dem Umweg über das Extrem des Jugendstils jetzt auf die rechte Bahn gekommen.

Was den Einband betrifft, so ging seine künstlerische Entwicklung langsamer. Der Verleger war gewöhnt, diese Frage seinem Buchbinder zu überlassen, der ihm mehrere Muster vorzulegen hatte. Der Buchbinder legte aber den Hauptwert auf möglichst viel Gold, die Qualität und Farbe des Kalikos war Nebensache. Die Zeichnungen besorgten angestellte Zeichner in Nachahmung nach älteren kunstgewerblichen Verlagswerken. Man war der Meinung, das Publikum wolle nichts anderes haben, und es bekam ja auch nichts anderes zu kaufen.

Darum war die erste Sorge der modernen Bewegung, die entsprechende Naturleinwand in schönen Farben aus England zu beziehen und den Künstler, der die Innenausstattung besorgte, auch zum Einband heranzuziehen. Farbiger Aufdruck auf schönem Material bedeutete allein schon Geschmacksrevolution. Und nun gar Ganzleder- und Ganzpergamentbände-die Haare der Vertreter des altbewährten Geschmackes sträubten sich. Aber es half ihnen nichts, das Publikum war mit dem neuen Aussehen der Bücher sehr zufrieden. Es war die beste Werbung, die mir ungewollt in den Schoß fiel, meine Verlagswerke stachen jahrelang von allen anderen Büchern im Laden ab. Und dann noch die Neuerung einer Buchbinde mit Text, die abnehmbar war, und Fadenheftung statt Stahlklammern. Und dann das englische Alfapapier. Ja, was später alles selbstverständlich war, es mußte erst ausprobiert und sozusagen durchkämpft werden.[37]

Quelle:
Diederichs, Eugen: Aus meinem Leben. Jena 1938, S. 24-38.
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