Drittes Kapitel.
[33] Mein Debut. – Kinderkomödien vor Goethe. – Maskenzeug. – Konditorlehrjahre. – Napoleons Flucht.

Ich hatte bereits in verschiedenen Stücken, wo Kinderstatisten vorkamen, mitgewirkt, am liebsten tat ich es aber in den »Hussiten vor Naumburg«, denn außer dem Spielgroschen, den ich bekam, gehörte zur Handlung des Stücks auch die Verteilung sehr schöner Milchbrötchen, und wer einige Frechheit besaß, konnte deren auch zwei erlangen. Bei mir war eben kein Mangel dieser Eigenschaft vorhanden, und außerdem drückte auch der Requisiteur, welcher als grimmiger Hussit die Milchbrote auf der Szene zu verteilen hatte, ein Auge zu, da der Papa des frechen Jungen Regisseur war.

In meinem elften Jahr wurde ich zum ersten Male mit einer Rolle betraut, mit dem Kellnerjungen im »Porträt der Mutter«, der im Namen seines Vaters den Rekau zu mahnen hat. Ich tat das mit so ungeheurer Keckheit, daß das Publikum lachte und applaudierte; auch der Papa schmunzelte und schien nicht ganz unzufrieden mit seinem Söhnchen zu sein. Das machte mich natürlich immer kühner, und als ungezogener Schuljunge in »Das Dorf im Gebirge« kannte meine Ausgelassenheit keine Grenzen. Der Papa hatte mir schon auf der Probe mehrere Male zugerufen: »Schlingel, übertreibe nicht!« Ja, da war aber alles umsonst, an meinem Künstlereifer ging jede Warnung spurlos vorüber. Als die Vorstellung aus war, eilte ich im Gefühl meiner Vollkommenheit nach der Garderobe meines Vaters; auf dem Wege dahin begegnete mir die berühmte Wolff und sagte: »Junge, du warst unausstehlich!« Mit einem verachtenden Blick ging[33] ich an ihr vorbei, denkend, mein Vater sei ein gerechterer Mann, und trat in seine Garderobe; mit einem gewittervollen Gesicht jedoch empfing er mich und sagte: »Du hast deine Sache so gut gemacht, daß ich dich selbst applaudieren muß,« und dabei gab er mir eine tüchtige Ohrfeige. Die freundliche Ansprache der Wolff und meines Vaters Donnerkeil, der auf mein armes Gesicht gefallen war, hätten eigentlich meinen Theaterenthusiasmus etwas abkühlen sollen, aber ganz das Gegenteil trat ein, und da ich von nun an nur wenig Gelegenheit hatte, mein Talent öffentlich zu zeigen, so wurde ein bedeckter Altan in unserm Hause zu einer Bühne eingerichtet, und meine Spielkameraden, zu denen vorzugsweise Christian Lobe (später Professor in Leipzig) gehörte, klebten und malten mit mir so lange, bis wir etwas, was Dekorationen ähnlich sah, zu stande gebracht hatten. Nun war keine Oper und namentlich kein Ritterstück mehr vor uns sicher. Außerdem ging ich noch jeden Abend ins Theater; kurz, ich lebte und webte in der Kunst.

Goethe liebte Kinderkomödien. Er hatte schon im Jahre 1805 sich eine solche zu seinem eigenen Amusement vorspielen lassen, und zwar: »Die beiden Billets«, worin meine Schwester den Jörgen, Heinrich Becker, ein Sohn des Regisseurs Becker, den Schnaps, und Corona Becker, Tochter der unvergeßlichen Neumann, das Röschen spielte. Er ergötzte sich schon bei der Probe, die er selbst abhielt, an dem Ernst der Kinder, mit welchem sie die Sache behandelten. Die Vorstellung, zu der eine kleine Gesellschaft von seiten Goethes eingeladen worden war, fand bei vollständiger Beleuchtung des Theaters statt. Den Kindern ward reicher Beifall gespendet, am Schlusse wurden sie gerufen und Goethe sagte: »Man reiche ihnen als Lohn ein Glas Punsch!« –[34] Im Jahr 1810 ließ er sich ebenfalls eine Kinderkomödie vorspielen: »Blind geladen« von Kotzebue, worin ich und mein Freund Christian Lobe auch mitwirkten; letzterer gab den Rittmeister und ich den Hauptmann. Bei der Probe ging alles trefflich von statten. Lobe und ich schossen aufeinander wie Helden. Bei der Vorstellung aber hatte Lobe im Eifer des Spiels vergessen, den Hahn zu spannen. Mein tödliches Geschoß war schon auf ihn abgefeuert, aber er drückte vergebens. Ich konnte mir denken, wo der Knoten steckte, sprang auf ihn zu, spannte den Hahn und lief wieder zurück an meinen Platz; denn das Stürzen ohne Schuß wäre mir gräßlich gewesen. Es knallte und ich überschlug mich wie ein Seiltänzer. Ein Bravo ertönte aus Goethes Loge, was meiner Geistesgegenwart so gut als meiner Plastik gelten konnte.

Zum Geburtstag der Herzogin Louise hatte Goethe einen großen Maskenzug bei Hofe arrangiert. Der Prologus, Minister von F..., konnte doch unmöglich auf dem platten Boden des Parketts stehen, es mußte also eine Erhöhung herbeigeschafft werden; einen Stuhl hinzustellen, um ihn zu besteigen, wäre zu prosaisch gewesen, darum wurde aus dem Theater ein gemalter Marmorwürfel requiriert und ich zum Träger desselben von Goethe erkoren. Goethe war der Kommandierende des Ganzen, und mein Vater sein treuer Adjutant. Ich sehe beide noch vor mir; Goethe als Tempelherr sah prachtvoll aus; mein Vater ging als Sarmate, sein Anzug war der Theatergarderobe entnommen und stach gewaltig ab gegen die reichen Kostüme des Adels. Alles strahlte in glänzenden Gewändern, mit Perlen und Diamanten übersäet, nur unsere Herzogin Louise saß in ihrem einfachen schwarzseidenen Kleid mit weißer Spitzenhaube und Kragen auf ihrem Thronstuhl und sah sich die Sache mit an. Erst ging der Zug einmal an ihr vorüber, dann stellte er sich auf. Der Prologus bestieg den Marmorblock,[35] und der rhetorische Teil begann. Der Zug setzte sich langsam wieder in Bewegung und schritt in voriger Ordnung abermals vor der Herzogin vorbei, nur daß diesmal jede Maskengruppe vor der hohen Geburtstägerin stehen blieb, bis die Verse, welche die Bedeutung jeder Gruppe erklärten, gesprochen waren. An Schüchternheit litt ich durchaus nicht, und sobald der Ball eröffnet wurde, war ich einer der ersten, welcher sich mit in die Reihen mischte.

Als ich mein vierzehntes Jahr erreicht hatte, wurde ich konfirmiert. Ich glaubte nach diesem feierlichen Akte ein gemachter Mann zu sein und nun meine künstlerische Laufbahn ganz nach Neigung verfolgen zu können. Wie wurde ich aber durch eine Unterredung mit meinem Vater aus allen meinen Himmeln gerissen!

Er fragte mich eines Tages, was ich werden wolle. »Nun,« antwortete ich keck, »natürlich Schauspieler!« – »Warum nicht gar!« erwiderte er. »Du hast keine Spur von Talent und sprichst abscheulich durch die Nase.« »Aber ich will Schauspieler werden,« rief ich trotzig. »Siehst du, Junge,« sagte der Papa, »ich breche dir alle Knochen im Leibe entzwei, wenn du den dummen Gedanken nicht aufgibst!«

Ich fragte schluchzend, was ich denn lernen solle. »Ein Metier sollst du lernen,« herrschte mich der Vater an; »entweder Uhrmacher oder Goldschmied; du kannst auch Kaufmann werden. Ich sage dir, mein Sohn, ein schlechter Schauspieler ist schlimmer daran als ein Steinklopfer.«

Der Vorschlag mit dem Kaufmann war nicht so übel, von wegen der Rosinen und Mandeln; ich dachte nach. Da fiel mir ein Spielkamerad ein, der in der Hofkonditorei dies edle Metier erlernte; da gab es ja noch bessere Sachen als Rosinen und Mandeln, und keck sagte ich: »Konditor will ich werden!« Der Entschluß wurde vom Vater mit dem Bemerken[36] angenommen, daß ich es mir nochmals reiflich überlegen sollte, denn wäre ich erst einmal dabei, so müßte ich ohne Gnade auslernen, sonst bliebe es bei dem Knochen zerbrechen. Mein Entschluß blieb wirklich fest, denn die Aussicht auf all die Süßigkeiten war ja gar zu lockend, und so wurde ich denn Lehrjunge in der Schloßkonditorei.

Da der Chef des ganzen Hofhaltes, der geheime Hofrat Kirms, ein intimer Freund meines Vaters war, ging es mir sehr gut; das ganze Personal, Knechte, Mägde, Gehilfen, hatten Nachsicht sowohl mit meiner anfänglichen Ungeschicklichkeit, als auch mit meinen tollen Streichen. Im übrigen war ich auch fleißig und aufmerksam, und die anstrengende Arbeit machte aus dem kleinen Knirps in Jahr und Tag einen langen, kräftigen Bengel.

Obgleich mir mein Geschäft ganz wohl gefiel, war doch das Theater mein stetes Ideal, und jeden Abend war ich dort zu finden. Ich war nun in dem Alter, wo der Knabe zum Jüngling wird, und aus dem heiseren Diskant entwickelte sich eine ganz leidliche Baritonstimme. Da erschallten denn zur Arbeit alle möglichen Opernarien. Beim Eismachen, das eine sehr langwierige und ebenso langweilige Arbeit ist, wurde öfter auch ein Stück von Schiller vorgenommen, und während ich die Büchse drehte, rezitierte ich dazu: »Ich zählte zwanzig Jahre, Königin!« oder: »Durch diese hohle Gasse muß er kommen!« War der Befehl gegeben, Champagnereis zu machen. so wurde natürlich »Treibt der Champagner alles im Kreise« gesungen und mit der Tat bekräftigt, indem ich einige Gläser dieses Nektars hinunterschlürfte. – –

Die Zeit war herangekommen, wo der kleine französische Korporal dem russischen Riesen zu Leibe ging. Wir bekamen ungeheuer viel Durchmärsche und Einquartierung. Die Kriegsereignisse[37] wurden eifrigst verfolgt. Nicht ohne Schrecken hörten wir von dem immer weiteren Vordringen der französischen und dem Zurückweichen der russischen Armee. Da kam eines Tages, noch ehe die Katastrophe in Moskau und die schauerliche Flucht der Franzosen bei uns bekannt war, ein einfacher Schlitten, worin zwei Männer dicht in Pelze eingehüllt saßen, vor die Post gefahren, die dem Schloß und den Fenstern der Konditorei damals gerade gegenüber lag. Den Schlitten begleiteten mehrere sächsische Dragoner, und nachdem die Pferde gewechselt waren, ging die Reise im schnellsten Jagen weiter. »Aha,« sagte ich, »da wird ein Gefangener transportiert.« Wie erstaunten wir aber, als man uns kurze Zeit darauf erzählte, daß es Napoleon gewesen sei.

Da fuhr er hin, der Sieger von Jena, der vor vier Jahren auf dem Schlachtfeld daselbst, zum Hohn aller deutschen Stämme, eine Hasenjagd anbefohlen hatte; er selbst jetzt ein armer gehetzter Flüchtling.

So kam das Jahr 1813 heran. Im Anfang desselben wurde ich in meinem Geschäft losgesprochen, d.h. ich hatte ausgelernt. Es war nun aus dem Lehrjungen ein selbständiger Konditor geworden, mit dem Prädikat eines Gehilfen, nicht Gesellen; diese gab es nicht bei dem edlen Metier der Konditorei. Vorläufig blieb ich dabei und erhielt monatlich vier Taler Besoldung.

Der Jubel über die Niederlage der Franzosen wurde sehr abgeschwächt, als die Nachricht kam, daß Napoleon sich wieder gewaltig rüste und daß an einen Frieden gar nicht zu denken sei. Auch sollten wir bald erfahren, daß diese Kunde richtig gewesen war. In Weimar entfaltete sich abermals ein aufregendes, kriegerisches Leben, und Napoleon selbst sahen wir noch einmal an der Spitze einer Armee. Das Souhamsche Korps, ungefähr 10060 Mmn, rückte in[38] die Stadt ein; am 27. April kam Napoleon selbst und fuhr sogleich ins Schloß, wo ihm der Herzog und die Herzogin bis zur untersten Treppe entgegen kamen. Kaum hörte ich diese Nachricht, so lief ich rasch nach einer Nische, die neben der großen Haupttreppe war und von wo aus ich mir den großen Helden recht in der Nähe betrachten konnte. Achtspännig kam er daher gefahren; sein Mameluk Rustan saß auf dem Bock, und als der Wagen hielt, sprang er herab, riß den Schlag auf und half Napoleon heraus, ihm Zobelpelz und Mütze abnehmend und dafür den dreieckigen Hut reichend. Diesen setzte der Kaiser aber nicht auf, sondern er begrüßte erst die Herzogin mit einem Kuß auf die Stirn, bot ihr dann den Arm mit einem bezaubernden Lächeln und führte sie die Treppe hinaus. Von dem Herzog nahm er gar keine Notiz. Nach zwei Stunden ungefähr kam er mit dem Herzog herab; beide stiegen zu Pferde und ritten über die Sternbrücke der Straße nach Naumburg zu; eine Menge Generale in reich gestickter Uniform folgte ihm. Er, der Allgewaltige, trug seine einfache Jägeruniform, worauf nur das Ritterkreuz der Ehrenlegion zu sehen war, während sein Gefolge in Sternen und Orden strahlte. Da zog er hin, der Mann mit dem gelben Marmorgesicht, von dem das bezaubernde Lächeln jetzt ganz verschwunden war; nur zwei dunkle Sterne blitzten aus den steinernen Zügen hervor. Da ritt er hin, der Heros, vor dem die ganze Welt gezittert hatte und noch zitterte. Es war uns allen wie ein Traum, daß derselbe Mann vor noch nicht sechs Monden vor eben diesem Schloß als Flüchtling, nur von wenigen Soldaten begleitet, vorbeigejagt war und jetzt an der Spitze von 120000 Mann stand, die er wie aus einem Nichts hervorgezaubert hatte.

Drei Tage dauerten die Durchmärsche und Einquartierungen. Wie war der Freiheitsjubel verstummt, der noch vor kurzem in den Straßen Weimars erklungen war! Jetzt[39] sah man nur trübe und ängstliche Gesichter, und wie steigerte sich diese Niedergeschlagenheit, als die Nachricht kam, daß bei Lützen eine Schlacht stattgefunden, in der die Franzosen Sieger geblieben wären!

Quelle:
Genast, Eduard: Aus Weimars klassischer und nachklassischer Zeit. Erinnerungen eines alten Schauspielers. Stuttgart 1919, S. 33-40.
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