Die Lehrjahre in der Kaufmannschaft.

[48] Ich stand zur Confirmation bereit, als eines Tages in unserer Klasse verkündet wurde, daß in einer Buchhandlung in Bonn ein Lehrling gesucht werde: ob etwa einer der Confirmanden Lust zu der Stelle trüge. Ein rascher Entschluß trieb mich an, mich dafür zu melden; ein noch rascherer Entschluß trieb mich nachher aus der kaum angetretenen Stelle wieder heraus: beide Schritte waren meinen Nächsten in Schule und Haus ein vollkommenes Räthsel, weil sie mit dem Verborgensten meines Phantasielebens zusammenhingen, das Niemand mit mir theilte. Nur aus ihm läßt sich dies Unerklärliche, aus ihm aber zu vollständiger Genüge erklären. Der Zwang der Schule war mir allezeit zuwider geblieben, und ich sehnte mich nun schon langeher nach der ersten Gelegenheit der Erlösung, nach der Zeit der Confirmation. Aus dem mit wahrer Liebe ertheilten griechischen Unterrichte konnte ich merken, wie leicht ich bei den Studien wäre zu fesseln gewesen; aber der Schlendrian alles übrigen Unterrichtes langweilte mich; der Gedanke des Studirens war in mir erloschen. Wie gerne mich wohl die Mutter im Pfarrerbeffchen gesehen hätte, bei dem Vater stießen die Gelehrtenpläne mehr auf Entmuthigung, und ihr hielt von Seiten der Lehrer keine Ermuthigung das Gegengewicht. Auch dies kann seltsam scheinen, obwohl es zu begreifen ist. Wohl geschah es, daß[48] bei einer der letzten Monatcensuren, als die Klassenlehrer der Secunda über mein schamroth gesenktes Haupt ihr Lob ergossen, der alte Rector die Worte sprach: »Nun, das ist schön! Ja, solche Leute muß man zum Studiren ermuntern!« Aber jede weitere Ermunterung blieb doch aus; und als ich später dem Subrector meinen Austritt anzeigte, billigte er gradezu meinen Entschluß, weil mir doch für den Beruf des Geistlichen schon mein Organ, meine verdrückte Stimme, ein Hemmniß sein werde. Es schien, als ob die Gleichgültigkeit, die ich immer gegen Lehrer und Schule bezeigt, mir nun mit Gleichgültigkeit vergolten werden solle. Vorzudrängen hatte ich mich nie verstanden; bei aller Strebsamkeit war ich ohne jeden Ehrgeiz, bei allem Fleiße ohne jede Beflissenheit, bei aller Auszeichnung ohne jede Eitelkeit: in dieser Eigenschaft fürchte ich, oder hoffe ich ein ächter Sohn meines Volkes zu sein. Die ordnungsmäßige Pflichterfüllung war ich ja stets gewöhnt zu üben, ohne ein Lob damit verdienen zu wollen; ich lebte in eine Be, scheidenheit, ja in eine Blödigkeit zurückgetreten, die auf meine Fähigkeiten eher einen Schatten als ein Licht warf, die mir wohl selbst als Geistesblödigkeit gedeutet wurde: denn ich weiß es von Jugendgenossen, die mir in der Schule ferne standen, nachher aber meine vertrautesten Freunde wurden, daß auch sie mich damals für trocken, nüchtern und nichtsversprechend angesehen hätten. Auf solch ein Naturell nun konnte die gleichgültige Nichtbeachtung von Seiten der Lehrer begreiflich nicht spornend zum Verbleiben in der Schule wirken, obwohl es auch nicht zum Gegentheil wirkte; fern von aller Grübelei, Empfindlichkeit und kranker Reflexion, wie ich war und allezeit blieb, habe ich diese Nichtbeachtung selbst nicht einmal beachtet; sie erregte mir weder Verstimmung noch Mangel an Selbstvertrauen; sie trug nicht unmittelbar zu dem Entschlusse meines Austritts bei, aber sie half den Weg dazu ebnen. Mich einem praktischen Lebensberufe zu widmen, mich zum Kaufmann zu machen, war mir durch die Grundsätze meines Vaters von jeher[49] nahe gelegt, näher noch durch die Verwandtschaft mit dem Kaufhause auf dem Markt, wo sieben Söhne, von denen zwei in intimerem Verkehr mit mir waren, fast alle ausgezeichnete Begabung und ausgesprochenen Hang zu diesem Berufe hatten. Hart neben diesen Hinneigungen operirte dann in mir das ganz Entgegengesetzte: meine poetischen Phantasien, die mich am stärksten an den Schranken der Schule rütteln machten, die dunkel nach einer neuen Anreizung und Beschästjgung meiner Kräfte drängten. So war die unbestimmte, schwankende Lage meiner Seele, als die Verkündigung jener Buchhändlerstelle Statt hatte. Plötzlich schien mir der rechte Beruf gefunden, der zwischen den beiden Richtungen meines Wesens, der praktischen und der geistigen, eine Art von Brücke schlug. In dieser bestimmten Form zwar stellte ich diese Betrachtung damals nicht an, wohl aber bot sich mir der Gedanke in einer anderen, noch viel bestimmteren, obwohl völlig phantastischen Gestalt entgegen. Was lockte doch da im Hintergrunde für eine reizende Aussicht, wenn ich reisend und fortschreitend neben meinem Büchergeschäft, wie bis dahin neben der Schule, meine Geistesarbeiten fortsetzte! wenn ich einmal meine künftigen Werke, deren Reihe in meinem Kopfe unübersehbar lag, meinem Principale (warum nicht eben so gut wie Herrn Julius Körner?) zum Verlag anbot! wenn ich dereinst die vollendetsten für meinen eignen Verlag vollendete?! Diese Gedanken gegen irgend jemanden als meinem vertrautesten Mitautor verlauten zu lassen, ließ ich mir freilich – so klug und nüchtern war ich immer – nicht beikommen: so hatte denn mein Vater keinen Grund, dem ihm willkommenen Wunsch ein Hinderniß in den Weg zu legen. Er selber begleitete mich im Sommer 1819 über Mainz den Rhein hinab zu Yacht nach Bonn und lieferte mich in die Buchhandlung Marcus ab.

Aber ein eisigeres Sturzbad der Prosa und Wirklichkeit ist wohl niemals auf die Fieberhitze schwärmender Einbildutg gefallen. Die Universität Bonn war durch eine Stiftungsurkunde vom Herbst[50] des vorigen Jahres eben erst erneuert; die Buchhandlung war in Erwartung der Aufblüthe der neuen Schule neu gegründet worden. Von diesen Verhältnissen aber wußte ich nichts. Ich fand das Geschäft in einer Anfangs-und Ausnahmslage, die ich aber für den normalen Stand ansehen mußte, da mich Niemand darüber belehrte. Da war nun ein Laden und ein Comptoir, aber nichts von einem Geschäfte; kaum daß Jemand je die Thüre öffnete: so daß ich mich der wenigen Personen noch sämmtlich zu erinnern glaube, die während meiner kurzen Versuchszeit über die Schwelle kamen. Die junge Familie bestand aus dem arbeitsamen und schweigsamen Kaufherrn, der für seinen Lehrling irgend ein ungeschäftliches Wort nicht hatte; aus seiner Frau, die mit einer alten Mutter und einem jungen Kinde genug zu thun hatte, um sich mit mir nicht weiter als etwa bei Tische abzugeben; im Geschäfte Niemand sonst als ein Ausläufer, der sich mir mit seiner unebenbürtigen Gesellschaft unwillkommen nahe drängte. Da war denn der junge Feuerkopf, der aus einem so poetisch gewürzten Leben mit so vielen theuren Schulgenossen herkam, in eine qualvolle Einsamkeit versetzt, die ihm, wenn er nur Beschäftigung gefunden hätte, sehr leicht geworden wäre, in diesem eintönigen, mechanischen mehr Nichtsthun als Beschäftigtsein aber peinlich zu ertragen war. Die sonst so reichlich ausgefüllte Zeit des Tages war mir durch keine Zerstreuung und Veränderung gekürzt. Die Thätigkeit, die mir auferlegt wurde, stieß mich ehrenrührig ab. Da war eine kleine Leihbibliothek aufgestellt, wie zu Hause im Erdgeschoß bei Meister Ollweiler; hier aber waren es wirklich Tantalusfrüchte, die ich ein seltenes mal an Andere zu überreichen hatte, an die ich selbst nicht denken durfte zu rühren. Zuweilen sollte ich mich mit dem Ausläufer in die Arbeit theilen Bücherpackete auszutragen: zu den gelehrten Herren, denen ich mich selber einmal so nahe zu reihen dachte! Auf dem Comptoir erhielt ich Bücher vorgelegt, die ich mit rother Dinte zu liniiren hatte; das war durch die langen Tage hindurch meine ganze[51] Beschäftigung, die all den wühlenden Gedanken und Misstimmungen breiten Spielraum ließ! Ich war nach den ersten drei Tagen bereits entschlossen, nicht zu bleiben, und ich schrieb es nach Hause, um nicht ungemeldet zu kommen, sicher wie ich war, daß ich auch verbeten kommen würde. Der Gedanke, daß man mich des Heimwehs zeihen und verlachen würde, machte mich nicht irre. Diese Schwäche in dem Charakter, in dem sie wohl gewöhnlich auftritt, als eine Rückiehnsucht nach den familiären Gewöhnungen und Verwöhnungen, wäre mir wohl ganz fremd gewesen; uns war unter der väterlichen Zucht nicht so behaglich gebettet, daß uns die größere Freiheit in der Fremde nicht vielmehr angelockt hätte, die uns ja so früh schon selbst zum Ausreißen verlockt hatte! Wohl aber hatte in der letzten Zeit mein heimisches Leben so viel von äußerer Ausbreitung und innerer Vertiefung gewonnen, daß mir der schreckliche Abstich der leeren Gegenwart von der jüngsten, reichen Vergangenheit mit einer Gewalt auf die Seele fiel, der nicht zu widerstehen war. Der geistige Verkehr mit Nodnagel war zuletzt zu immer größeren Genüssen gestiegen; das sollte nun mit allen den schwindelnden Hoffnungen, die sich daran geknüpft, um solche Preise verloren sein! Der Umgang mit den andern Freunden hatte seinen höchsten Flor in dem Bunde gehabt, den ich sie beschworen hatte nicht aufzugeben; aber für mich in der Ferne wäre er so gut wie verloren gewesen! Zu diesen Verlusten meines Gemüthes waren dann in der letzten Zeit meines Aufenthaltes zu Hause noch andere Erschütterungen gekommen, die mich mit einer ganz neuen Weichheit durchdrungen hatten, von der bisher in meinen ausgelassenen Tölpeljahren auch nicht eine Spur zu finden war. Die letzten Wochen meiner Confirmation hatten mir mit einer großen Macht in die Seele gegriffen. Nach längerer Vorbereitung in dem Gymnasium erhielten damals die Confirmanden in Darmstadt in den letzten Wochen eine Anzahl Stunden von allen drei Geistlichen der Stadtkirchen, was in jener rationellen Zeit so möglich und fruchtbar war,[52] als es heute undankbar oder furchtbar zu denken wäre. Die größere Zahl dieser Stunden gab uns Knaben der Pfarrer Ludwig. Die Vorbereitungen in der Klasse hatten mich gänzlich kalt gelassen; die Vorträge dieses salbungslosen Geistlichen von etwas schwerer Zunge hatten mich dagegen sogleich aufs stärkste gepackt. In einer gewissen Mitte zwischen geistlicher Würde und einem heitren Humore, der aber dem Ernste der Sache nirgends Eintrag that, sprach er in einer schlichten, schmuck losen, gesunden Weise, die auf die Natur der Knabengemüther zu wirken vortrefflich geeignet war. In der Beichtwoche ließ er dann den Anstrich von Wohllaune in seinen Vorträgen vor der Weihe der Zeit und des Gegenstandes ganz zurücktreten, und nun schwellte mir der weich-ernste Ton, in dem der sonst ganz unempfindsame Mann in diesen Abschiedstunden zu den Herzen der Knaben sprach, die Brust mit einer Flut von unbekannten und neuen Empfindungen; es war, als ob seine ernste Milde wie unmittelbar in meine Seele übertreten wollte, die sich allen Eindrücken mit so verschwenderischer Hingebung überließ, Eine neue Region des inneren Lebens war mir plötzlich aufgegangen, die Welt der Gefühle, die dem Knaben in seinen Tobjahren verschlossen ist. Wohl hatte sich mir ihr Dasein schon früher bei meinen einsamen Kirchengängen in Gesang und Orgelspiel in einem unbegriffenen Dunkel offenbart; die Vorträge dieses Geistlichen schlugen das Licht in dieses Chaos und zeigten, praktisch, seelenkundig und ganz ethischer Natur wie sie waren, der neu geweckten Seelenkraft zugleich faßliche, bestimmte Gegenstände. Im Augenblick des Abschieds aus dem elterlichen Hause hatte dann diese veränderte Seelenstimmung noch eine unerwartete Anregung erfahren. Als ich von der Mutter Abschied nahm, drückte sie mir einen Kuß auf die Wange und sagte mir weinend mit ihrer rührenden Stimme die wenigen Worte: Adieu, Georg, bleibe brav und gut! In dem trocknen Stile unseres Familienlebens war mir eine ähnliche Scene nie vorgekommen; das Liebeszeichen eines Kusses hatte ich, so weit meine Erinnerung[53] reichte, niemals erhalten; daß mich die Mutter für brav und gut hielt, hatte ich nicht gewußt und füglich nicht wissen und kaum erwarten können. Diese Worte warfen wie eine Schranke zwischen mir und den Eltern nieder und zündeten Gefühle einer kindlichen Pietät, von denen ich früher wenigstens kein Bewußtsein hatte. Alle diese frischen, wonnigen Erinnerungen nun umgaukelten mich die ausgelängten Tage über meinem erschlaffenden Liniirgeschäste. Des Nachts sogar sollte mir keine Ruhe vor ihnen gegönnt sein. Ich hatte meine Comptoirgeschäfte stehend zu verrichten; ungewöhnt wie ich dessen war, wurde ich nach einigen Tagen allnächtlich von einem schmerzhaften Wadenkrampfe befallen, der mich nicht schlafen ließ. Das zu bekennen und einen Sitz zu verlangen gestattete der Knabentrotz nicht; ich hatte also alle die vielerlei Rückerinnerungen an dies warme, volle Leben, dessen Verlust mich peinigte, noch durch die durchwachten Nächte zu schleppen, um sie des Morgens wieder mit wüstem Kopfe an den Liniirpult zu tragen. Und daneben war Umgebung und Gegenwart so vollständig kalt und öde und leer, daß ich nicht zu bestehen vermochte.

Aus diesen qualvollen Zuständen erklärt sich mein rascher und fester Entschluß, diese Stellung sofort aufzugeben, ehe ich mich nach überstandener Probezeit für Jahre band. Ich erhielt Briefe von Haus, die mir die Rückkehr auszureden suchten, ohne sie mir zu untersagen. Mein Vater gab einen neuen Beweis seiner genauen Kenntniß des Sohnes. Verdrießlich wie ihm mein Rücktritt war, mußte er doch aus dem Inhalt meines Briefes gemerkt haben, daß es sich hier nicht um eine flache und kindische Anwandlung handle. Ich schnallte also mein Bündel, ging zu Fuße nach Coblenz, schiffte mich dort wieder auf die Yacht ein, die stromaufwärts nach Mainz zwei Tage brauchte und in Caub Nachtlager hielt. Von Mainz ab machte ich den Weg wieder zu Fuß und ward, nach Hause kommend, mit Nachsicht empfangen und mit Ruhe gehört.

Was aber nun? Ich stürmte zu meinen Freunden, überglücklich,[54] dem Bunde wieder anzugehören; ich suchte die Verwandten auf dem Markte auf, mit denen ich den gewohnten Verkehr wieder anknüpfte, und neben dem Umgang mit den alten Genossen begannen sich von jetzt an noch neue Verbindungen mit Karl und Wilhelm Sell, Vettern aus zwei hochachtbaren gebildeten Familien, und mit Karl Lanz zu knüpfen, Freundschaften, die weiterhin selbst meine früheren Verbindungen in den Hintergrund drängten. Hatte aber der übertriebene Verkehr mit meiner zahlreichen Kameradschaft schon immer zuvor, wo ich wenigstens meinen regelmäßigen Pflichten daneben oblag, zu Hause mishagt, so misfiel er noch weit mehr nun, wo ich eine Weile unthätig herumlotterte. Der Vater hatte daher bald alles Ernstes die Frage an mich gerichtet: Was nun? Die Mutter mochte ihm im Ohre gelegen haben, daß er mich an meiner ersten Absicht zu studiren nie hätte beirren sollen: er bot mir an, ob ich nicht das Gymnasium wieder besuchen wolle. Aber das zu thun hätte mich vielleicht schon falsche Scham zurückgehalten, wenn ich auch nicht noch jetzt die Abneigung gegen die Schule festgehalten hätte. Traurig gescheitert an dem Traume, einmal Schriftsteller und Verleger in Einer Person zu werden, oder gescheitert zunächst an dem ersten Versuche, einen Buchhändler aus mir zu machen, fiel ich, immer am selben phantastischen Gewebe fortspinnend, ganz folgerecht auf den Gedanken, das entgegengesetzte Ende anzufassen und mich stracks zum Autor aufzuwerfen, um nach der Art der jungen deutschen Schreiberwelt gleich zu lehren ohne gelernt zu haben. In meiner geheimnißvollen Verschämtheit sagte ich dem Vater, er solle mir einige Zeit gönnen, bis ich ihm die Antwort auf einen Brief vorlegen könne, den ich im Begriff sei abzusenden, und der über meine Zukunft entscheiden solle. Er ließ den wunderlichen Jungen auch jetzt gewähren, dessen Seltsamkeiten er schon oftmals langmüthig ausgewichen war. Was war nun das für ein Orakel, das ich in Aussicht stellte? Nun, ich wandte mich an einen der Heroen unserer Literatur mit der kindischen Zumuthung, einen[55] Schicksalsspruch über mich auszusprechen; ein Thorenstreich, für den ich einst in gerechtester Vergeltung reichlich büßen sollte, als mir selber, nachdem ich eine Art literarischer Autorität geworden war, von jungen Dichterlingen dieselbe Zumuthung bis zur Verzweiflung oft und unaufhörlich wieder gestellt ward. Ich schrieb an Joh. Heinr. Voß, ob ich ihm nicht meine Theseide, das Epos, das allein bis dahin meiner vernichtenden Selbstkritik widerstanden, zur Ansicht schicken dürfe: nach der er entscheiden möchte, ob ich mich dem Poetenberufe hingeben solle oder nicht. Der Mann that, was ich ihm später in der gleichen Lage häufig nach gethan habe: er antwortete nicht. So verwehte denn auch die zweite Hälfte meines Luftschlosses in eitles Nichts. Ich fühlte mich von einer tiefen Beschämung ergriffen. Auch meine theuren Hexameter wanderten nun ins Feuer. Und selbst mein Homer ward mir nun für eine Weile verleidet oder entfremdet. Mein Vater, als ob er alle Vorgänge meiner Seele belauschte, ergriff geschickt den Moment dieser Stimmung, nun einmal wieder die Sprache auf meine Zukunft zu bringen. Er that es im besten Humor. Er fragte mich scherzend, aber ohne jede Bitterkeit und Spott: ob er rathen solle, worüber ich brüte? ob ich ein Poet werden wolle? Das müßte ich wohl wissen, daß sich das nicht erlernen lasse, und wenn sich das Talent versagen sollte, so führe das in Dachstuben und zu trocknem Brode. Hätte er zu mir in anderer Zeit, in anderer, herberer Weise so gesprochen, so hätte er nur Trotz in mir aufgeregt; in diesem richtig erfaßten Momente sprach er zu meinem gesunden, nüchternen Verstande, der all meinen Verrücktheiten zwischendurch immer einmal die Wage halten mußte. Ich sah, daß ich bei dem einmal ergriffenen Stande aushalten müsse; ich erklärte mich bereit, in eine andere kaufmännische Lehrstelle zu treten. Der Eine meiner neuen Freunde, Karl Sell, der gleich mir selbst nicht ohne höhere sittlich-geistige Bedürfnisse war, gleich mir sich nur mit Widerstreben für den kaufmännischen Stand bestimmen ließ, ging eben nach Regensburg, wohin ich durch eine Reihe von Jahren[56] fleißig mit ihm Briefe wechselte; innigere Beziehungen, die das ganze Leben durchdauern, knüpften sich damals auch mit meinem Vetter Georg Zöppritz, der nun gleichfalls in diesen Beruf eintrat; das erleichterte mir den gleichen Schritt. Nur wollte sich sogleich nicht wieder eine Stelle finden. Ueber dem langen Hinwarten war es mir selbst nicht behaglich, wie dem Vater. Wir ergriffen also das erste beste, was sich bot. Ein Bekannter meines Vaters, der Inhaber einer ansehnlichen Langwaarenhandlung in Darmstadt selbst, Ludwig Schwab, erbot sich, mich in sein Geschäft zu nehmen. Noch nicht 15 Jahre alt trat ich mit dem Jahre 1820 in dasselbe ein.

Es war nicht zu befürchten, daß sich die Bonner Dinge hier wiederholten. Nach den feineren Empfindungen und Rücksichten, die ich seit jenem Abschiede zu meiner Mutter trug, war es mir jetzt eine Freude, ihr durch die dauernde Zufriedenstellung des Vaters eine Sorge vom Herzen nehmen zu können. Mit den alten Freunden blieb ich eine Weile noch auf dem alten Fuße; als sich aber nach einiger Zeit der Bund zu meiner größten Betrübniß auflöste, konnte ich mich, unbehinderter nun von inneren Abziehungen, der neuen Thätigkeit um so hingegebener widmen. Dem Umgang mit den neu gewonnenen Freunden hatte ich Abends nach geschlossenem Geschäfte Muße obzuliegen. In dem Kaufhause selbst war das Tagewerk weit anders als in Bonn, von vielzerstreuender Natur. Der Prinzipal war ein gebildeter, verständiger, durchaus honetter Geschäftsmann, der seine heftigen Launen haben konnte, im gewöhnlichen Gang der Dinge aber heiter und mittheilend war; der mit seinen Lehrburschen ein Gespräch über seine eigenen Angelegenheiten oder über das Neueste der Zeitungen zu führen nicht verschmähte; der mich wohl schon um seiner persönlichen Bekanntschaft mit meinem Vater willen mit nicht gewöhnlicher Rücksicht behandelte. Daneben eine vortreffliche, stets gleichmüthige milde Hausfrau, der man gut sein mußte, mit einer Anzahl verschiedenaltriger Kinder; in Laden und Schreibstube noch andere männliche und weibliche Gehülfen;[57] ein lebhaftes Geschäft, das den ganzen Tag in Rührigkeit hielt; eine Menge neuer Verhältnisse, die meine Wißbegierde reizten; die Unmasse nie gesehener Verkaufsgegenstände, mit denen ich mich bekannt zu machen, die Unmasse Menschen, mit denen man zu verkehren hatte; die Verbindungen nach innen und außen, die Quellen des Kaufs, die Kanäle des Verkaufs, diese ganze Welt von neuen Dingen, in denen ich mich zurecht zu finden hatte, ließ allen Grillenfängereien, die durch die letzten Erfahrungen ohnehin so gedämpft in mir waren, nicht Raum noch Nahrung. Von diesen nächsten Verhältnissen ganz abgesehen aber gab es in meinem persönlichen Wesen wie in der Natur des angetretenen Berufes genug ganz allgemeiner Gründe, die mich bei ihm festzuhalten im Stande waren. Mein Prinzipal, bei dem ich fast fünf Jahre verbrachte, pflegte lange Jahre nachher, als ich in die gelehrte Laufbahn längst eingeschossen war, in stets gleicher und fester Ueberzeugung von mir auszusagen, daß ich eben so wohl ein rechter Kaufmann als ein Gelehrter geworden wäre. Und er hatte ganz Recht. Es war von der praktischen Natur meines Vaters ein so gutes Erbtheil auf mich übergegangen, daß ich, ganz mir selbst überlassen, ohne jede Nachhülfe und ohne jede Reflexion dem Getriebe des kaufmännischen Lebens eine Seite abgewonnen hätte. Nun aber waren von meinen neuesten Freunden jene beiden Sell ganz reflectirende, von allem Rechenschaft gebende und fordernde Naturen; der Vetter Georg auf der anderen Seite war einer jener sieben Brüder, die aus vollem Instincte, mit der ganzen Kraft der Neigung Kaufleute waren und stolz waren es zu sein, und Er im Besonderen war es von Jugend auf in einem weitsinnigen, über die Enge des Standes hoch wegsehenden Geiste. Es wäre daher unmöglich gewesen, daß unter uns gelbschnäbeligen Philosophen, die langeher über alles, was ihren Gesichtskreis traf, zu denken und zu reden gewohnt waren, nicht auch der Berufsfrage, der wichtigsten, die uns betreffen konnte, eingängliche Erwägungen wären gewidmet worden. Ich hätte damals schwerlich viel tiefsinnige[58] Weisheit über den Stand und Beruf des Kaufmanns auslegen können; gleichwohl gab es frühe eine Ansicht, oder sage ich ein Gefühl, eine Witterung in Bezug auf diesen Stand in mir, die mich zu einer der ältesten Reflexionen geführt hat, welche ich mich überhaupt erinnere angestellt zu haben. Ich habe diesen Stand immer als den Repräsentanten einer gewissen menschlichen Durchschnittsbildung angesehen, die die Eigenschaft der Gesundheit und einfachen Natürlichkeit vor allen anderen Standes-und Berufsbildungen voraus habe. Im äußeren, geselligen Benehmen ist der Kaufmann angewiesen, eine gewisse Feinheit und Vornehmheit zu behaupten, die ohne Unbeholfenheit wie ohne höfische oder junkerhafte Geziertheit ist. In sittlicher Hinsicht ist ihm zu einem soliden Gedeihen eine unverbrüchliche Verlässigkeit und Ehrlichkeit vorgeschrieben, die aus dem festen Bunde guter Grundsätze mit wohlverstandenen Interessen fließt. In politischer Beziehung hat er, nicht für die höchsten Staatsberufe, aber für den Staatshaushalt das ähnlichste Abbild, die passendste Vorschule, den besten Maßstab der Beurtheilung in seinem eignen Haus- und Tagewerke. Und was seine geistige Bildung angeht, so dulden mannichfaltige Berechnungen und Bedenkungen ausgedehnter Geschäfte weder das Beharren in mechanischen Ueberlieferungen, dem der Handwerksbetrieb so ausgesetzt ist, noch die Ausschweifungen der geistigen Speculation. Der Stand, in dem mehr wie in jedem andern der gesunde Menschenverstand und Mutterwitz zu Hause ist, gelangt zu diesem köstlichen Vorrechte eben durch diese mittlere Stellung zwischen zu gemeinem Realismus und zu flüchtigem Spiritualismus; er ist dem Herabziehen in das Banausische des Bauern- und Handwerkerstandes nicht ausgesetzt und nicht dem Versteigen einseitiger Geistesthätigkeit des gelehrten Standes. Der Geist ermattet nicht über zu großer körperlicher, der Körper nicht über zu großer geistiger Anstrengung. Der Großhändler, der Lage, Bedürfniß, Besitz und Mangel aller Welttheile überschaut und überrechnend auszugleichen sucht, hat einen[59] stolzen, großartigen Beruf. Was die furchtsame Götterschen des Alterthums, was der bigotte Aberglaube der spanischen Hierarchie, was der Ritterneid im Mittelalter für Verbrechen erklärte: das Meistern an der Schöpfung, den Eingriff und die Nachhülfe an den Werken und Einrichtungen der Natur, das hat der Unternehmungsgeist weitumblickender Kaufleute in der neueren Zeit zu einer der größten Aufgaben der Menschheit erhoben; und mit Recht mögen sie sich daher auf der Höhe der menschlichen Gesellschaft und ihrer Berufsleistungen fühlen. Davon hatte ich im Beginne meiner kaufmännischen Laufbahn die bestimmte Einsicht, die ich hier ausspreche, allerdings nicht; eine dunkle Ahnung hatte ich wohl davon. Und es ist meine eigene Ueberzeugung, daß ich dem ergriffenen Berufe würde treu geblieben sein, wenn ich in ein Geschäft von solch einem größeren Zuschnitte gekommen wäre, das mich auf die Länge in Athem gehalten, das mir größere Gegenstände zur Beschäftigung gegeben, weitere Gesichtskreise geöffnet, das mir durch den Umfang der Geschäftsbeziehungen imponirt hätte.

Das fand sich nun freilich in der Ausschnittshandlung, in die ich gerathen war, nicht. Auf irgend welche abliegenden Zweige, Bankgeschäfte u. dergl., ließ sich der Chef nicht ein; die Buchhaltung, im einfachsten zeitsparendsten Stile geführt, ging über Strazze, Fremdenbuch und Hauptbuch nicht hinaus; die Hauptthätigkeit war dem Verkaufe gewidmet. Auch dieser Kleinhandel übrigens hat seine anziehenden und nützlichen Seiten, ja er hat, in dem besonderen Zweige des Langwaarengeschästes grade, Eine bildungsreichste Seite selbst vor allem Großhandel voraus. Ich glaube nicht, daß es für den Erwerb allseitiger Menschenkenntniß, für die Erkennung der Charaktertypen, für die Beurtheilung der verschiedenartigsten menschlichen Natur in Individuen, Klassen und Ständen eine so belehrende und zugleich für den Beobachter so unschädliche und gefahrlose Schule gibt, wie den Kaufladen, wo der Käufer seinen Bedarf nicht holen läßt, sondern selber holt, wo er ihn selber wählen und nach dem[60] alten, dawalo üblichen Kramerstile darum handeln und markten muß. Eine solche Schule der Menschenkenntniß ist überall geöffnet, wo sich Menschen zusammendrängen, aber sie ist dann meist weder vielseitig, noch ist sie gefahrlos. Die Universität, die Studentenverbindung, die Caserne sind solche Sammelplätze; aber man dreht sich in ihnen nur unter Gleichaltrigen und Gleichartigen herum und ist den Gefahren der eignen Entartung und Entsittlichung, dem Verkommen in Formen, dem Geiste unbilliger Aburtheilung und Ausschließlichkeit ausgesetzt. In den Sälen der sogenannten guten Gesellschaft erscheint der Mensch nur in dem Firniß der Convenienz, unter dem die wahre Natur herauszufinden, wenn es anders eine unter ihm gibt, schon einen Meister, nicht einen Schüler der Menschenkunde verlangt. Die Kneipe auf der andern Seite gilt für einen Lehrsaal der Menschenkenntniß, wo sich die Leute um so natürlicher geben sollen, wenn der Spruch anders wahr ist von der Wahrheit im Weine; allein auch dort bewegt man sich gemeinhin nur unter Menschen der gleichen Klasse und Bildung, und wenn der Wein erst, die Hülle des Anstands abstreifend, die Temperamente und Leidenschaften aufdeckt, so ist der Beobachter vielleicht selbst nicht mehr in der Lage klar zu sehen. Wie unermeßlich groß und und günstig der Abstand des Kaufladens von allen diesen und ähnlichen Unterrichtsplätzen ist, überdenkt man nicht leicht. Denn es ist wohl wahr, und es ist auch gewiß sehr gut: weit die meisten Verkäufer und Verkäuferinnen werden in gedankenloser Gewöhnung um diese Schule, um diese Gelegenheit, sich einen beneidenswerthen Vorzug anzueignen, betrogen. Ist einem aber erst dieser Staar der Unachtsamkeit gestochen, ward einmal durch eigne Erfahrung oder durch einen Wink von außen die Aufmerksamkeit auf diesen Punct gelenkt, dann ist ein Feld für endlose Beobachtung geöffnet, auf dem das Interesse für die Menschen sich an der Einsicht in ihr Wesen, und diese Einsicht sich an jenem Interesse gegenseitig zu steigern vermag zu einer außerordentlichen Umfänglichkeit und[61] virtuosen Sthärse. Denn die Menschen jedes Ranges und jeder Stufe, jedes Geschlechtes und jedes Alters, jeder Begabung und jedes Charakters begegnen sich an dieser Stätte, an der sie sich, ohne Wissen und Willen, vielleicht in größerer Wahrheit offen legen als bei irgend einer anderen Gelegenheit. Die Fürstin und Gräfin, die ihrem eignen Bedarfe nachzugehen zu stolz wäre, läßt sich doch herab, für die Zwecke irgend einer wohlthätigen Anstalt einen ostentiösen Gang dahin zu thun; das Marktweib löst sie ab, das für den Ertrag der Nahrungsstücke ihres Korbs sich ein Kleidungsstück anschafft. Die vornehmsten Staatsdiener und ihre Frauen erscheinen und wählen aus und lassen ihre Meßrechnungen anwachsen, die ihre Mägde und Bedienten kommen zu bezahlen. Der freiherrliche Theaterintendant kündigt gnädig eine große Bestellung für die neue Oper an, der Garderobemeister trifft in cordialerem Stile die Auswahl, der Theaterschneider läßt in der jovialsten Weise für die Statisten abmessen und sieht, wohl wissend warum, über Schäden und Basel hinweg, während die Prima Donna, wenn sie kommt den geeigneten Staat für sich auszuwählen, nichts glänzend und kostbar genug kann finden. Die Militärcommission sucht ein Tuch für die Leibgarde aus, dann schicken die Oberofficiere ihre Schneider, der hochnasige Lieutenant aber kommt selbst und hat an allem auszusetzen. In der Meßwoche drängt sich Alles vom Lande zu, von der ärmsten Frau, die sich ihre Bedürfnisse halb erbetteln möchte, bis zu der reichen Landwirthfamilie, die großthuerisch die Aussteuer für die Tochter wählt. In den Adventswochen drängt sich Alles aus der Stadt zusammen, um Winterbedarf und Weihnachtsgeschenke anzuschaffen: es gibt keine Menschengattung, die dann nicht die Revue passirte. Sie thun das aber nicht stumm und leidend; sie thun es, ist man einmal auf die Zuschauerrolle gerüstet, wie irgend in einem reichsten Stegreifspiel auf der Weltbühne. Das innerste Wesen der Menschen kommt hier unwillkürlich und nach allen möglichen Richtungen hin zu Tage. Man lernt den Käufer kennen[62] nach Temperament und Bildung von Seiten seiner geselligen Natur: wie er den Verkäufer unter oder über oder neben sich sieht, wie er ihm grob oder artig, steif oder traulich, hochmüthig oder menschlich begegnet. Man lernt ihn bei der Auswahl, die er trifft, von seiner ästhetischen Seite kennen: wie er sich zu den wechselnden Moden verhält, ob er seinen Geschmack von ihnen bestimmen läßt oder nach seinem Geschmacke sie beurtheilt, selbständig, oder nach Anderer Anleitung; Conservatismus und Neuerung, Putzsucht und Solidität, angeborener Schönheitsinn und zweifelnde Wählerischkeit, das kreuzt sich alles in der seltsamsten Weise; und die Naivetät und Unbefangenheit, in denen sich die Geschmacksrichtung der Naturkinder vom Lande äußert, die ein gemeinheitliches Wohlgefallen auf ein Zeugmuster für eine Weste oder eine Haube werfen, kann nicht größer sein als die der feinsten Dame, die sich aus einem Blick in die Pariser Modejournale ihrer Sache vollkommen sicher weiß. Wo aber die Unwillkürlichkeit des Selbstverraths der Charaktere am größten und zugleich weit am aufschlußreichsten ist, das ist der Geldpunkt. Ich habe den Geizigen gesehen, der sich nicht scheut, in seiner schmutzigsten Gestalt zu erscheinen, wie er kommt und geht, in jedem Worte beleidigendes Mistrauen zeigt, Schandgebote thut und sich fast hinauswerfen läßt, um zuletzt doch wieder zu kommen; ich habe een Verschwender gesehen, der dagegen mit blindem Vertrauen, mit überraschter Zufriedenheit über Waaren und Preise, mit einer unverwüstlichen Börse prahlt; ich habe den Vertreter einer dritten Klasse gesehen, die diese beiden widersprechendsten Züge gleichsam vereinigt: den bedrängten Staatssöldner, einen schlechten, späten, wenn auch ehrlichen Zahler, den die Noth knickerig und mistrauisch machen sollte, den die Noth aber vertrauend und verschwenderisch macht, wenn er sich fügsam die größten Preise muß auferlegen lassen, auf die die Zinsen für die langausstehenden Schuldenposten im Voraus geschlagen sind. Dies sind Carricaturen: in dem gewöhnlichen Schlage der Menschen aber kehren die Farben,[63] die sie tragen, in feineren und feinsten Mischungsverhältnissen unaufhörlich wieder. Nichts achtbareres als jene stehenden Kunden, die den Kern der Abnehmer eines solchen Geschäftes bilden, zumeist gebildete Beamten-Familien, die sich zu dem Kaufherrn in ein Verhältniß freundschaftlichen Vertrauens setzen und ihm vielleicht ans Herz legen, die Pflicht der Sparsamkeit, die ihnen obliegt, bei Auswahl, Empfehlung und Notirung der Waaren an ihrer Statt zu erfüllen; und nichts ekleres dagegen, als wenn der Mann der höheren Stände, seine Bildung und Stellung verleugnend, seine guten oder schlechten ökonomischen Verhältnisse bergend, von dem Einem Hause zum andern wandert, wechselnd bei dem Einen und Andern borgt und zahlt und die Aussicht einer guten Kundschaft geben möchte und den Verdacht einer schlechten erweckt. Nichts anständigeres als der zwischen dem Bezieher und Verkäufer oft vermittelnde Handwerksmann, wenn er sich dieses Mäklergeschäftes ohne Makel, uneigennützig, klar und ehrlich annimmt; nichts niedrigeres, als wenn er es mit jedem kleinsten und gemeinsten Mittel zu seinem Vortheile auszubeuten sucht. Nichts rührenderes als das arme Bäuerchen, das sich aus einem ersparten Pfennig ein neues Wamms kauft und aus schmutzigem Lederbeutel die einzelnen Kreuzer mit harter Hand, aber mit heiterer, billiger Miene für den langersehnten Erwerb dahinzählt. Nichts widerwärtiger auf der andern Seite als der hartherzige reiche Müller, der mit dem Geld in der Tasche klappert und in zähem Feilschen die filzige Natur hinter übermüthiges Anstellen und schlechte Späße versteckt. Und so schichten sich die Erfahrungen in unzähligen Abstufungen und Spielarten auf-und durcheinander bei dieser Art von Beobachtung, bei der man in die innersten Falten der verschiedenst gearteten Menschenwesen hineinzublicken Gelegen heit hat, bei der man nicht nur intellectuell bereichert, sondern selbst sittlich aufs mächtigste angeregt wird durch die abschreckenden und anziehenden Charakterbilder, die sich abwechselnd in ihrer ächtesten Gestalt, ohne[64] Gesellschaftsschminke und ohne leidenschaftliche Ueberspannung, vor uns vorüberbewegen.

Ich habe später meine Kaufmannsjahre langehin als eine verlorene Zeit betrachtet und oft bitter beklagt. In Wahrheit aber sind sie für mich, wie meine Natur nun einmal beschaffen war, und für die Richtung, die meinen Studien durch eben diese Natur gegeben wurde, von einem ganz unschätzbaren Werthe gewesen. Sie haben mir Eigenschaften gegeben oder entwickelt, die mir kaum auf einem anderen Wege zu Theil geworden wären. Natürliches Benehmen, Unverschrobenheit der Denkweise, gesunde Sinne, einfache von aller Kleinmeisterei entfernte Betrachtung der Dinge, praktischen Blick für die Vorfälle im öffentlichen und privaten Leben, Einweihung in die Formen und Weisen der verschiedensten Menschenkreise, ihre Sitten und Eigenheiten, Vorzüge und Schattenseiten, Interesse an allen ihren verschiedenen Interessen, kurz eben diese Menschenkenntniß, die sich hier spielend erlernt und ungesucht ergibt und sich mehr dem Instinct und Divinationsvermögen einnistet, als daß sie aus bewußter Beobachtung stamme, hätte mir die Schule und Universität nicht angeeignet; ja die Bildungsweise der ganzen Zeitepoche war nicht darauf gestellt, sie mir oder irgend Jemanden leicht aneignen zu können. In der Geschichte der deutschen Cultur war in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts eine Zeit gewesen, wo die Menschenkenntniß eine Art Gemeinstudium und Gemeinbesitz wenigstens in dem gebildeten Theile des Volkes war. In jenen Jahren, wo man Sterne und die englischen Humoristen bei uns einbürgerte, wo die Hippel und Thümmel von diesen Vorbildern den Hang zur mikroskopischen Untersuchung der menschlichen Natur überkamen, wo ein Lichtenberg und Lessing ihr Auge auf die unverkünstelte Gestalt des Menschen gerichtet hielten, wo Lavater seine Physiognomik darauf anlegte, die Menschen aus dem Aeußeren in das Innere blicken zu lehren, wo man die unverfälschte Darstellung des ächtesten Menschenwesens bei Homer[65] und Shakespeare aufsuchte und der Nation zugänglich machte, wo die großen Schauspieler vor und nach Schröder die naturalistische Schauspielkunst aufs höchste trieben, wo Göthe's grade gerichteter Geist eine nationale Dichtung heraufzauberte, die eine gesunde Lebensschule eröffnete, da war es jedem leicht gemacht, in dem Geistesauge, dem eine gute Anlage gegeben war, den Blick in das verwickeltste Triebwerk des menschlichen Wesens zu schärfen. Allein dies glückliche Verhältniß kehrte sich ganz in das Gegentheil um, seitdem die Naturphilosophen anfingen die Wissenschaft, die Teutonen den Volks- und Vaterlandssinn, die Romantiker die Dichtung zu karrikiren, indem sie in Roman und Drama die menschliche Natur verzerrten und fremder Zeiten und Völker fremdartige Dichtungen übertrugen, die keine Beziehung zu uns hatten; während im großen Gegensatze hierzu die Masse der schöngeistigen Literatur, zum Handwerk geworden, das Land mit einer Flut von seichten Darstellungen aus der platten und verbildeten Gesellschaftswelt überschwemmte. Unter der Alleinherrschaft dieser wuchernden Belletristik ward nun jeder junge Mann von Geist unwillkürlich versucht, all seine Bildungsmittel aus diesem unter faule stehende Wasser gesetzten Gebiete zu entnehmen, alle seine Geisteskräfte ihm wieder zu widmen, den Inhalt der vorhandenen Dichtung wiederzukauen und nur die ausgesogenen Nahrungsstoffe mit widernatürlichen Reizmitteln zu würzen, das Leben in der Dichtung vorwegzunehmen, den Quell der Poesie in den Poesien selber zu suchen, nicht in den Tiefen der eignen Erfahrung oder in der Breite des äußern Weltlebens, das ein halbes Jahrhundert nach den französischen Kriegen in träger Ruhe stagnirte. Die natürliche Folge dieser unnatürlichen Verhältnisse war, daß die Philosophie dieser Folgezeit den Bezug auf das praktische Menschenleben aufgab, die Theologie und Philologie ihren seelsorgerischen und pädagogischen Beruf aus den Augen verlor, die Rechtswissenschaft ihren Verband mit dem öffentlichen Staatsleben lockerte, die Geschichtschreibung sich zum großen Theile in[66] Arbeiten und Methoden hielt, für die der psychische Theil ihrer Aufgabe Nebensache war, daß das Zeitalter in keiner Gattung von Wissenschaft größer geworden ist als in den Naturwissenschaften, die von des Menschen sittlich-geistiger Seite ganz abgekehrt sind, In dieser Einen Beziehung nun, von der ich rede, die für meinen schließlichen Beruf unstreitig eine der wesentlichsten und wichtigsten sein mußte, ist der Gang meiner Bildung, der sonst in so strengem Einklange mit den allgemeinen Richtungen der Zeitperiode war, ein ganz besonderer und eigenthümlicher geworden; und wenn und wo ich mich später im Gegensatze zu der Zeit befunden habe, wird es sich vielfach auf diese Abweichung in dem Verlaufe meiner geistigen Entwicklung zurückführen lassen. Gewiß aber hatte ich die stärksten Gründe, für diese eigne Fügung meiner Schicksale dankbar zu sein. Denn das Zeitalter wirkte wie mit seinen normalen Tendenzen, so auch mit seinen beirrenden Mächten, mit seiner ungesunden Literatur, mit seinem krankhaften Geschmacke, mit seiner überreizten Geistesthätigkeit nur zu gewaltig auf meine junge Seele ein; auf eine Seele, die zum Widerstand nichts gehabt hätte, als die noch schwache Unterlage hellenischer Schule, wenn nicht nun in den Vordergrund meiner Beschäftigungen dieser praktische Menschenverkehr getreten wäre, das einzige Element in meinem neuen Leben, das der Geistesgesundheit (wenn mir deren etwas angeboren war) eine kräftige, stärkende Nahrung geben konnte; jener köstlichsten aller Gaben, aus der nach dem alten Dichter »der Allen theure, allersehnte Segen« fließt.

So lange das Leben, in das ich nun versetzt war, meiner Neu- und Wißbegierde Stoff bot, so lange ich mich mit neuen Verhältnissen und Erfahrungen zurecht zu setzen hatte, so lange mit meiner äußeren auch meine innere Arbeitsamkeit in Anspruch genommen war, so fesselte mich die neue Thätigkeit; ich gab mich meinen Beschäftigungen willig und eifrig hin; es währte nicht lange, so gingen sie mir flink von der Hand; ich leistete wirkliche[67] Dienste und fand dafür billige Anerkennung. In einzelne Theile der Buchführung kam durch meine Hülfe eine Ordnung, die früher glaube ich nicht darin war; eine oder die andere Einrichtung, die ich in dem Hause des Onkels Zöppritz abgesehen hatte, ward von mir angegeben; bald war ich in gewissen Zweigen, wenn der Prinzipal auf der Messe oder im Bade abwesend war, fast mehr der Herr im Geschäfte als der Lehrling. Es ging hier genau wie in der Schule; bis auf die üble Handschrift nach allen Seiten hin die besten Zeugnisse; nach allen Seiten hin auch wahrer Eifer und ersprießliche Leistungen: nur als der enge Kreis der Erfahrungen durchlaufen war, als nun Alles ein tägliches Einerlei, ein gedankenloser Mechanismus, ein hinschleppender Schlendrian für mich ward, als ich nichts mehr fand, wo ich fördernd eingreifen konnte, was meinen Ehrgeiz stachelte und spornte, da sank meine Theilnahme allmälig herab, und bald war die frische Luft zur Sache ganz dahin. Mitten in der geräuschvollen Beschäftigung des Tages fühlte ich mich in einer peinvollen, tiefen Vereinsamung. Noch entschädigten mich eine Weile die abendlichen Unterhaltungen bei meinen neuen Freunden. Als aber die Zeit kam (Ostern 1822), wo Wilhelm Sell und die Jugendgenossen nach einander zur Universität abzogen, wurde meine Lage um vieles schlimmer. Wo ich sie auswandern sah zur hohen Schule der Geistesreifung, da fühlte ich mich zurückbleibend in einer Armuth und Dürftigkeit des inneren Lebens, die mir so drückend ward, daß ich wie von dem Gefühle eines schweren Unglücks erfaßt war. Noch ehe Wilhelm Sell die Universität bezogen hatte, bekümmerte ich ihn, der wie alle meine Freunde in mir immer zuvor nur einen heitren Gesellen von unverwüstlichem Frohsinn gekannt hatte, durch das trockne Geständniß, daß meine Gemüthslage die bedauernswertheste sei, daß mein Geist sich krank fühle in dem Widerwillen gegen meinen Beruf. Und an Karl Sell in Regensburg schrieb ich um diese Zeit: wenn ich mein Leben mit dem Kaufmannstande verhunzen sollte, so müßten erst keine Kugeln mehr[68] gegossen werden. In dem dauernden Briefwechsel mit diesem Freunde fand ich all diese Zeit einigen sympathischen Trost, aber keine Beruhigung. Er war in sehr ähnlicher Lage wie ich; auch in ihm entwickelte sich, vielleicht mehr aus dem Unbehagen, das er unter dem Patronate seines heftigen Oheims und Kaufherrn einsog, eine Abneigung gegen den Kaufmannstand, gegen »Mercurs saubere Zunft«, die er nicht von der besten Seite kennen lernte. Er fand, daß er gefehlt, daß er zu bereuen habe, nicht ein Theologe geworden zu sein; er meinte, es sei ein Volkslehrer an ihm verloren worden; er rühmte damals an seinen Briefen mit Recht, daß seine Geister Stoffe und Auswege nach allen Richtungen fänden, wo in mir alles öde war. Auf die wenigen, einsilbigen, stumpfen Worte meiner Briefe antwortete er mir in Strömen mannichfaltiger Mittheilungen, auf seltene Ausbrüche meiner guten Laune und Neckerei mit den eingänglichsten, ernstesten Beredungen, auf spärliche Freundschaftsbezeugungen mit rührenden Ergüssen einer innigen Anhänglichkeit. Er, dem es ein »wonniger, felstragender Gedanke war«, ein warmes, mitfühlendes Herz in mir zu besitzen, war ein Schwärmer grade nur in diesem Freundschaftsverhältnisse, in dem ich es ohne persönliche Berührung weniger zu sein vermochte; in allem übrigen verfocht er mir gegenüber mehr die kalte Betrachtung der wirklichen Dinge, redete zu dem nüchternen Sinne in mir, uns ritterlich durch die Welt zu schlagen wie sie ist, und durch die Lage, in die wir nun einmal gesetzt waren, dabei aber von nützlichen Künsten und Wissenschaften zu erhaschen soviel wir vermöchten. Nur dieser Rath verfing bei mir. Ich fiel in verstärkter, in einer krampfhaften Leidenschaft in die alte Lesemanie zurück. Alle freien Abende und Sonntage wühlte ich mich in die Biicher. Wenn nach Weihnachten und Pfingsten, nach beschafftem Winter- und Sommervorrath, die Geschäftsflut in Ebbe zurücksank, stand ich oder saß ich bei oder auf dem Ladentische, versenkt in meine Lectüre, die ich bei jeder geschäftlichen Anforderung unverdrossen bei Seite legte und nach[69] ihrer Erledigung wieder unverdrossen zur Hand nahm. Ich fuhr mit den leidigsten Gegenständen fort, bei denen ich mit Freund Nodnagel stehen geblieben war, mit den Zeitschriften, Romanen und Dramen des Tages, und verbreitete mich von da rückwärtsschreitend in die ältere Literatur des 18. Jahrhunderts. Was die Masse der deutschen Literatur angeht, der klassischen wie der banausischen, Prosa wie Dichtung, so gelangte ich in diesen Jahren zu der ausgebreiteten Belesenheit und Uebersicht, die mir später bei der Ausarbeitung meiner Geschichte der deutschen Dichtung außerordentlich zu Statten kam. Es wäre eitle Mühe, wenn ich alle die Werke und Autoren aufzählen wollte, die ich in meiner neu geweckten Schlingsucht durchraste; das meiste hatte für mich langehin keine innere Bedeutung und auch keinen eigentlichen Reiz; ich las, um zu lesen, um meine innere Leere auszufüllen, um meine Misstimmung zu betäuben, um der Prosa um mich her ein Gegengewicht zu halten. Indessen konnte es nicht wohl fehlen, daß ich, unter so vielem umschweifend, bald auf irgend etwas fallen mußte, was zu der leidenden, gedrückten, schwermüthigen Seelenstimmung, in der ich war, in einen lebendigen Bezug zu treten geeignet war. Und plötzlich sah ich mich an einen Pol getrieben, der jenem anderen, welcher in meinen kräftigen Knabenjahren mein Augenziel geblieben war, vollständig entgegen lag: ich ward von Homer zu dem erklärten Gegner des klassischen Alterthums, zu Jean Paul, verschlagen. Und es war wohl erklärlich, daß ich mich in dies andre Extrem jetzt in derselben verschwenderischen Hingebung vertiefte, wie einst in das entgegengesetzte. Die Frische jener ersten Kinderexistenz war mir zergangen, der Schmelz der vollen, zukunftfrohen Bestimmbarkeit war durch die Prosa des ergriffenen Berufes abgestreift; das harmonische Gleichgewicht der körperlichen und geistigen Kräfte war zerstört; die Gesundheit begann zu wanken, seitdem ich mich dem sonst so gewohnten Leben in der freien Natur entwöhnte; ich stand in einer neuen Lebenssphäre, die ich nicht mehr instinctiv durchlebte,[70] die ich zu überdenken begann, und wo ich mit der Frucht der Erkenntniß den ersten Seelenschmerz zu erndten hatte; das selige Paradies der ersten Jugend war verloren. Auf alle diese Güter blickte ich in schmerzlicher Trauer, in empfindsamer Sehnsucht zurück; neben mir sah ich keinen Ersatz für so viele Verluste und vor mir in der Zukunft keinerlei Aussicht. Diese sentimentale Stimmung war Jean Paul ganz geschaffen mit einem mächtigen Griffe zu fassen und zu einer krankhaft phantastischen Höhe in mir zu steigern. Niemand hat die Contraste zwischen Prosa und Schwärmerei, zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen Enthusiasmus und Nüchternheit, zwischen der niederen, gemeinen Außenwelt und der überschwenglichen inneren Welt der Einbildungen, wie sie der Schuljugend eigen sind, schärfer und greller dargestellt, als Jean Paul: eben dies aber traf den eigentlichen wunden Fleck meiner ganzen damaligen Existenz. Jean Paul, mit einer riesigen Phantasie ausgestattet, aber in einer leeren Umgebung aufgewachsen, hatte wie kein Anderer gelernt, das innere Stillleben der menschlichen Seele zu belauschen, die träumerischen Empfindungen dieser räthselhaften Zeit aus ihrem Nebel zu entschälen: das fügte sich meinen Zuständen so enge an und zeigte mich mir selber so oft in dem schärfsten Spiegel. Poetische Schilderungen voll epischer Thatenfülle wie Homer's würden mich jetzt erdrückt haben; in Jean Paul's Romanen dagegen, in denen die Thatsachen, die »frische Historie« arm und gering, die Welt des innern Gedankenlebens in breiter Behaglichkeit geschildert ist, konnte ein Leser, der selbst nichts anderes besaß, als solch ein Gedankenleben, wenn nicht kräftigen Muth, doch verzärtelnden Trost sich suchen. Ein solcher Leser fühlt sich hier wechselnd beschwichtigt durch den verachtenden Stolz, mit dem auf alles Erdenleben überhaupt als auf eine leere Eitelkeit herabgeblickt wird; fühlt sich gehoben durch den Nachweis des Glückes in den Beschränkungen des heimlichen, inneren Lebens; fühlt sich aufgerichtet durch die Wichtigkeit, die dem gesteigerten Seelenleben, dem gespannten Empfindungszustande,[71] dem sublimsten sittlichen Gefühle, der überreizten Menschenliebe geliehen wird, auch wo sie sich nicht bethätigen, sich in nichts als in der bloßen Gesinnung bewähren. Wie viele seine Anlässe, sich selbst zu gefallen, mußte nicht ein unmündiger Mensch in meiner Lage in jener Verehrung der Geistmüden und Gedrütkten finden, »die das Leben kleiner finden als sich«, die aus der geträumten Nichtigkeit des äußeren Lebens eine geträumte Wichtigkeit des inneren folgern! Wie viele subtile Schmeicheleien konnte ich mir aus einzelnen halbwahren, halb schiefen Bemerkungen ziehen, an denen Jean Paul so reich ist! Ich weiß, wie es sich mir ins Gedächtniß nistete, wenn Jean Paul einmal im Hesperus sagt: es sei ein Zeichen des Genies, wenn ein Mensch in der Jugend warm an der Religion festhalte; und ein andermal im Quintus Fixlein: das Genie studire wohl ohne Plan und Kummer und ohne Facultät! Auf diese Weise konnte sich der Bettler im Reichthum fühlen! Der Realismus, mit dem dieses ideale Kleinleben bei Jean Paul geschildert ist, die unschonende Wahrheit, mit der oft beschämend, oft erhebend, immer treffend und immer mild das Lächerliche, das Närrische und Thörichte der Jugendschwärmerei zugleich mit ihrem Rührenden, Reinen und Edlen aufgedeckt wird, hielt zwischen allen Ueberspanntheiten doch wieder auf einigem natürlichen Boden fest und war für den unsicher tastenden, nur halb verstehenden jungen Leser die stärkste Gewähr der Wahrheit dieser Poesie, der Aechtheit dieser Lebensweisheit des seltsamen jugendlichen Alten, des greisen Jünglings, des ungereiften Autors und seiner ungereiften Werke. Das von Grund aus Erschlaffende und Ermattende dieser verschwommenen Lectüre ward das kränkelnde Gemüth nicht gewahr, dem es wohl that, in den eigenen Leiden zu schwelgen, da ihm alles Andere mangelte, an dem es sich hätte aufrichten mögen.

Im Titan steht ein inhaltschwerer Satz, den ich später als die selbstausgesprochene Verdammniß der ganzen Lebens- und Schriftstellerrichtung J. Paul's habe bezeichnen müssen: »Nur Thaten[72] geben dem Leben Stärke, nur Maß ihm Reiz.« Dieser Satz ist mir in meinen späteren Jahren (als ich das deutsche Volk sich abmühen und abmüden sah, in trägen Schritten und in thörichten Wagesprüngen wechselnd, zu einem staatlichen und nationalen Leben zu gelangen) als der weiseste Wahlspruch erschienen, den ein strebsamer Mensch sich bei seiner Lebensarbeit vorschreiben könnte. Es hat mich noch in einem Alter, wo man über abergläubische Anwandlungen hinweg ist, seltsam berührt, als ich einmal zum Erinnerungsbuch eine »Chronik« (Frankfurt, Neumann's Buchdr.) mit einer trefflichen, aus gesundem, kräftigem Geiste gewählten Spruchsammlung zum Geschenke erhielt, in der eben jener Spruch auf meinen Geburtstag eingetragen war; allein auch damals schon, in jener abgesunkensten Periode meines jungen Lebens, enthielt dieser Satz einen Stachel für mich, in einer Lage, die mich am unempfindlichsten für seinen Inhalt hätte machen sollen. Man würde es mehr als begreiflich finden, wenn ich damals, in mein Schneckenhaus eingeengt, die Fühlhörner so eingezogen gehalten hätte, daß mich die Vorgänge der großen äußeren Welt gar nicht berührt hätten, wenn die Seite meiner Natur, mit der ich den Einwirkungen des Zeitgetriebes offen stand, jetzt wäre verknöchert gewesen, so empfindlich und reizbar sie angelegt war. Und doch, so war es nicht; und darin lag gegen die erschlaffenden Einflüsse meiner schöngeistigen Lectüre ein kleines, wenn auch wenig energisches Gegengift. Mit meinem Eintritt in den Kaufmannstand hatte natürlich doch die alte Mehrseitigkeit meiner Neigungen nicht plötzlich verwischt werden können; die Flamme des abenteuernden Knabensinnes war doch nicht mit einem Male ganz in Asche versunken und verkühlt. Der Bund hatte ja noch eine Weile in meine kaufmännische Zeit hinein bestanden; die Auswanderungsideen hatten in einzelnen Köpfen immer fortgewuchert; wir hatten etwas von der Colonie der Harmoniten in Indiana aufgeschnappt; in mir vor den Anderen hatte die Robinsonische Ader wieder stärker geschlagen über der Lectüre[73] von Stolberg's Insel; ich half mir über die Gegenwart weg mit den Ausmalungen einer paradiesischen Zukunft in fernen Welttheilen; ich verhandelte darüber mit dem bedächtigeren Karl Sell in Regensburg, den ich noch kurz vor Schluß in den Bund hatte aufnehmen lassen; und meine Schwärmerei riß ihn in der ersten Unzufriedenheit mit seiner Lage und seinem Berufe hin, in diese Träumereien einzugehen, Ihn, der in der glücklichsten Familie der edelsten Eltern, der besten Geschwister und Verwandten stand, »deren innigste Liebe an sein Pflichtgefühl pochte«. Sich aus solch einem seltenen Kreise gewaltsam loszureißen, war ein Gedanke, der nur in jenen Zeiten der inneren Verstimmungen in Deutschland, der äußeren Revolutionen in der übrigen Welt, der allgemeinen Unsicherheit aller Zustände entstehen konnte. Sell folgte diesen politischen Bewegungen in Europa stetig nach und hielt, wenn es dessen bedurft hätte, meine Aufmerksamkeit darauf in seinen Briefen wach. Ich selbst aber war seit meiner neuen Berufsthätigkeit ein regelmäßiger Leser der Zeitungen geworden, die mir in dem Geschäfte offen lagen, die im Anfang meiner ersten Emsigkeit sogar meine ausschließliche Lectüre gewesen waren. Die Zeitereignisse, die mit dem Tage meines Eintritts in meinen neuen Stand von Cadiz aus über den Süden Europa's hereingebrochen waren, die Revolutionen in Spanien, Portugal und Neapel hatten die Bundesglieder aufs lebhafteste beschäftigt; von den traurigen politischen Zuständen der Heimath hatten wir die peinliche Witterung; wir nannten sie türkisch und fanden die Luft im Vaterlande verpestet; schon im Jahre 1820 war unter uns Cosmopoliten die Rede darauf gefallen, daß, wenn uns nicht in Amerika oder Australien Ruhe zu finden bestimmt sei, wir sie in dem Kampfe für eines der nach Freiheit ringenden Völker sinden möchten. Die Erhebung Griechenlands (1821), die auch ältere, ruhigere Gemüther durch den ganzen Welttheil aufregte, rüttelte dann diese fortsprudelnden Blasen des knäbischen Ehrgeizes zu stärkeren Wallungen auf. Es war noch ganz im Anfange dieser[74] Bewegung gewesen, als ich an Karl Sell auf Anlaß einer der häufigen Beregungen der Berufsfrage unter uns die Getheiltheit und Vielseitigkeit meiner Hänge noch in der naiveren Schärfe aussprach, daß ich ihm die Worte schrieb: »Ich kann Alles werden. Wollen wir uns associren? wir könnten glücklich leben. Wollen wir nach Amerika gehen? Du weißt, daß ich dabei bin. Wollen wir Rebellion abwarten, nach Griechenland, nach Spanien gehen, so werden wir Soldaten. Ist nichts anderes übrig, so werden wir Schauspieler!« Bald aber sondirte ich ihn genauer auf die griechischen Dinge hin, die mich quälend beschäftigten. Ich hätte früher wonnige Entwürfe über die Bahn meiner Jugend gesponnen, sie seien zerronnen; ich sähe mich als den Letzten, mit dem Wahne unter den Ersten sein zu können. Ehe ich mich aber durch ein ödes, wüstes Dasein durchschleppen sollte, auf einer Bahn, auf der ich doch nichts leisten würde, wolle ich lieber für das Volk, dem wir alle Bildung zu danken hätten, das Leben aufopfern. Ja, den kaltblütigen Freund fing noch einmal das Feuer des Schwärmers; er erklärte sich bereit: »die Sache ist so sehr Angelegenheit der ganzen Erde«, schrieb er, »daß es Schimpf und Schande dem bringe, der halbwegs fort kann und thät's nicht«. Aeltere Schulgenossen von mir, die sich mit dem Plane trugen, sich den philhellenischen Schaaren einzureihen, die sich 1821 in der Schweiz, in Deutschland und Frankreich zu sammeln begannen, theilten mir ihre Absichten mit; ich wälzte den Gedanken an diese Erlösung lange im Kopfe herum. Aber ohne einen Genie- und Gewaltstreich war da nichts zu machen; bei dem Vater war ja an eine Einwilligung zu solch einem vagabundischen Kreuzmg gegen seinen verehrten Großtürken nicht zu denken. Dennoch wollte ich es in meinen Zweifeln wieder auf ein Orakel ankommen lassen. Freiherr F.L. v. Dalberg, gewesener Landwehrhauptmann in den Befreiungskriegen, ließ aus Aschaffenburg (5. Aug. 1821) eine Erklärung ergehen, daß er sich den Philhellenen anzuschließen bereit sei, die sich nach Griechenland[75] einschiffen wollten; er wünschte, Gagern möchte sich dafür interessiren, daß Offenbach zu einem Sammelplatz der angemeldeten Freischärler geöffnet werde. Schon am 12. Aug. schrieb ich an Dalberg im Auftrage einiger meiner willigen Freunde um gewisse Aufklärungen, theilte ihm zugleich meine persönliche Lage mit und bat ihn um Entscheidung. Seine Antwort auf diesen persönlichen Theil meiner Fragen war diese: »Ihre Zuschrift hat mich aufs Neue von der Wahrheit überzeugt, daß unsere hochherzige deutsche Jugend zum Ruhme geboren ist. Allein gegen den Willen der Eltern zu handeln, bringt kein Gedeihen. Unsere Sache ist rein und offen. Zudem muß jeder Freiwillige mit einem Passe seiner Regierung nach Triest versehen sein, und dessen Name öffentlich in den Zeitungen aufgerufen werden. Inzwischen Ihre Offenherzigkeit und warmer Eifer hat mich recht gerührt. Vielleicht gelingt es Ihnen, Ihre guten Eltern, in deren Adern ja deutsches Blut wallt, zu bestimmen. Ihr aufrichtiger Freund Dalberg. Aschaffenburg, 14. Aug. 1821.« Aus diesen Zweifeln nun erlösten bald die Verhältnisse, über die wir keine Macht hatten. Die deutschen Regierungen sperrten die bewaffnete Unterstützung, zu der selbst Dalberg nur in der Vermuthung des Ausbruchs eines Krieges der Mächte gegen die Pforte aufgerufen hatte. Bald verstummten die philhellenischen Sympathien in den deutschen Blättern, und mein Interesse fiel nun auf Spanien zurück. Und da es sich hier, wo die neue Ordnung drei Jahre friedlich bestand, nicht um thätliche Beihülfe handelte, so drängte mich dies Interesse auf das Studium der Geschichte und Literatur dieses Volkes. Ich erlernte mit allem Eifer die spanische Sprache, erst an den Abenden mit Wilh. Sell, dann für mich allein; ich umgab mich mit Cancionero's, mit Don Quixote und der Araucana, mit Calderon und Lope, und beschleunigte meine Uebersicht der spanischen Literatur durch das Lesen laller mögichen übersetzten Werke; ich lernte Cervantes bis in seinen Persiles und Calderon bis in seine Autos sacramentales kennen.[76] Ich umgab mich mit den Portraits der Ercilla, Quevedo, Garcilaso, Argensola, Lope, Mendoza, Cervantes, die mir Freund Lucas, der Maler, in sauberen Bleistiftzeichnungen copirte; ich übersetzte eine Reihe lyrischer Gedichte aus den Blumenlesen und begann auch größere Stücke zu übertragen, die Gatomachie, die Araucana, ohne damit zu Ende zu kommen; wie ich auch Ehre, Macht und Liebe von Calderon in Prosa übersetzte, ohne ans Versisiciren zu gelangen. Ein besonderes Lieblingsstudium machte ich aus den Romanzencyklen und versuchte mich in freien Nachbildungen dieser Form über den Gegenständen von Ines de Castro und Robert Guiscard, wie ich mich über dem Studium Homers in Hexametern versucht hatte. Es war eine ernstere, solidere, gründlichere Thätigkeit, die meiner übrigen Schnellleserei ein heilsames Gegengewicht hielt; denn ich trieb die Sache mit dem ganzen Aufgebot meiner Kraft, so daß ich eine Weile bei meinen Freunden ganz berüchtigt war mit meiner Hispanomanie. Bis nach Südamerika schweifte meine Freude an den spanischen Dingen hinüber. Ich folgte den dortigen Kämpfen mit einer partheilosen, ungetheilten Theilnahme. Und da ich über die dortigen Vorgänge keine ausführlichen Werke austreiben konnte, so machte sich mein Interesse in anderer Weise Luft: ich begann einzelne Scenen der Freiheitskriege zu dramatisiren; untergegangene Versuche, aus denen mir nichts mehr erinnerlich ist, als daß in einem derselben der spanische General Le Torre eine Rolle zu spielen hatte.

So kam ich unter dem sichtlichen Einfluß der Gestaltung der öffentlichen Verhältnisse, die seit der Unterdrückung der politischen Bewegungen in Südeuropa ganz auf die innere Existenz anwies, allmälig wieder zum Schreiben und Poetisiren zurück, obgleich ich durch die längere Pause in meinem geistigen Leben stoffloser als je geworden war. Das entfremdete mich denn meinem kaufmännischen Berufe immer mehr. Nur daß diese Entfremdung zur Zeit noch eines sehr langsamen Schrittes ging, da ich jetzt (1822–23),[77] abgetrennt von den meisten Schulgenossen, mir allein überlassen und ohne jeden äußeren Antrieb war. In dieser Lage aber sollte in kurzem eine Veränderung eintreten, die für die nächsten Wendungen meiner Schicksale von entscheidendem Einflusse wurde. Ich denke es war Nodnagel, der mich um die Zeit seines Abganges zur Universität bei einem jungen Manne einführte, der von meiner Verehrung Jean Paul's und ich weiß nicht welchen sonstigen pikanten Thorheiten meiner Laufbahn gehört hatte und mich kennen zu lernen wünschte. Die Bekanntschaft wurde gemacht und steigerte und vertiefte sich in kurzer Zeit zu einer Freundschaft, die uns durch das ganze Leben verbunden hielt. Friedr. Max Hessemer, so hieß der neue Freund, war der Sohn eines Baumeisters in Darmstadt. Fünf Jahre älter als ich war er mir in der Schule weit aus den Augen vorausgewesen; sein erster Jugendlauf hatte den meinigen an genialer Romantik weit überflügelt. Er war misleitet im Knabenalter gewesen, wo man ihn für träge und talentlos hielt, weil er auf der Schule nicht grade zu den musterfleißigen Schülern gehört hatte. Er war dann in das Soldatenleben gestoßen worden, wo es ihn doch bei der gemeinen und eitlen Umgebung nicht duldete; dann widmete er sich der Kunst seines Vaters und machte seine Studien in Gießen in der höchsten Blütezeit der Burschenschaft, wo er den demagogisch-teutonischen Idealismus und Freiheitsschwindel mit den Follen und Aehnlichen voll austobte, mit deren Liedern die seinigen in den studentischen Sangbüchern jener Tage neben denen der Arndt und Körner zu lesen sind. Jetzt machte er in Darmstadt seine praktische architektonische Schule bei seinem Oheim Moller, der, zwischen Liebe und Aerger, zwischen Lob und Tadel getheilt, gerne einen tüchtigen Baumeister aus seinem Neffen gemacht hätte, dessen glänzende Anlagen ihm alle Hoffnung gaben, dessen Zerstreuung auf tausend Nebendinge aber ihn voller Befürchtungen ließ. Er war ein Künstler durch und durch, und diese Ganzheit seiner Natur war es, die mir sein Wesen, das zu dem meinigen in keinem größer[78] denkbaren Gegensatz hätte stehen können, von Anfang an so anziehend machte, wie es mir fremd war. Er beherrschte die schöne Literatur in einem großen Umfange, er war eingeweiht in sämmtliche Künste: in die Baukunst durch seinen Beruf; in die Malerei und Bildhauerkunst durch seinen Umgang mit Schilbach, Lucas, App, Sandhaas, Scholl, den jungen Darmstädter Künstlern dieser Zweige; in das Theater durch fleißigen Besuch und gelegentliche dilettantische Uebung; in die Poesie durch lange Praxis, in der er ganze Bände voll Gedichte niedergeschrieben hatte, die er reimgewandt und formgefällig nur so aus den Aermeln schüttelte; er spielte die Flöte und war der zierlichste Tänzer in der Stadt; in seiner geselligen Weise war er rasch, beweglich, beredtsam, leicht, geistreich witzig, zwanglos frei, für mein schüchternes, eckiges Wesen ein anzustaunendes Wunder. Eine Gesellschaft zu würzen durch Geistesspiele oder Taschenspiele, durch alle die anmuthigen Gaben, die bildenden Künstlern so häufig eigen sind, war er im höchsten Grade geschickt. So gewann er sich leicht das Wohlwollen der Menschen und ließ sich das seinige leicht abgewinnen; nicht wenigen Frauen und Mädchen gelang es (ehe es der Rechten gelang, ihn dauernd zu fesseln), plötzliche und lebhafte Eindrücke auf ihn zu machen. Die jungen Männer in seiner Umgebung bestach er nicht ganz so ausnahmslos. Manchem meiner Freunde war eine gewisse gespreizte Ziererei an ihm auffällig, eine selbstgefällige Eitelkeit misfällig; ich sah darüber hinweg, weil von gröberer Selbstsucht in keinem Menschen weniger war als in ihm, weil ich kaum Jemandem wieder begegnet bin, der so gänzlich ohne alles Falsch war. In seiner nächsten Umgebung und Verwandtschaft gab es erfahrene Männer, die ihn strenger beurtheilten; die ihm abmerkten, daß ihn die künstlerische, die poetische Spielerei an einer verständigen Regelung seines Lebens hinderte; denen es nicht Bewunderung, sondern Bedenken erregte, daß die Tonleiter seines ganzen Wesens um eine gute Octave höher gestimmt war als bei anderen Menschen. Es ist mir wahrscheinlich, daß er von früh[79] auf an einem organischen Herzleiden krankte, das die Eigenheiten dieses Wesens zum großen Theile wird erklären müssen. Dies Leiden ward zwar erst in späten Jahren bei ihm erkannt, als es sich in lebenbedrohendem Grade entwickelte; nicht ohne Bewegung aber lese ich in einem Briefe aus seinem 24. Jahre eine Stelle, die mir deutlich zu sagen scheint, daß sich schon damals die Erkennzeichen des Uebels kund gegeben haben. »Meine Adern, schrieb er, schlagen, als sollten sie Mühlräder treiben, oder als hätte ich einen Eisenhammer in Pacht, oder als arbeiteten die Kyklopen oder der Satan in mir. Sie sind so dick und voll; ich muß Blut lassen. Ich bin nicht gesund; es steckt ein arger Quälteufel in mir, der sich bald als brennendes Kopfweh, bald als beklemmendes Herz- und Seitenstechen meldet, eine dumpfe Schlaflosigkeit behaftet mich, die mich mitunter so krittelig uud sentimental stimmt, daß gar nicht mit mir auszukommen ist.« Diese psychischen Wirkungen waren in der That im täglichen Leben an ihm zu bemerken; mir waren sie nicht auffällig oder nicht lästig; seine Empfindsamkeit war von einem neckischen Humore ganz überdeckt; seine Reizbarkeit war mir ganz neu, als ich nach Jahren des Verkehres zum erstenmale davon zu leiden hatte. Im Anfange unseres Zusammenlebens, das in erhöhtem Maße auf- und angeregt war wie meine früheren Freundschaften, konnte ich davon nichts gewahr werden. Wir hießen bald im Kreise der Familienbekannten die Unzertrennlichen. Er riß mich schnell in die Theilnahme mit all seinem Thun und Treiben hin, er ging ebenso rasch in meine Schnurrpfeifereien alle ein. Sein Flötenspiel trieb mich an, Guitarre und Gesang zu erlernen, was auf mein aufgelockertes Gemüth ungemein wohlthuend, aber noch mehr verweichlichend wirkte; er seinerseits trieb mir zu Gefallen das Spanische mit und begann mit mir das Englische; ein einbändiger, zierlicher Shakespeare, den ich mir noch aufbewahre, gehörte in jener Zeit zu den ersten Grundlagen meiner kleinen eignen Bibliothek. Unsere poetische Production steigerte sich in gegenseitigem[80] Wetteifer. Mich beschäftigten vor Allem die Uebersetzungen aus den beiden betriebenen Sprachen. Es war dies das einzige, wo der erfahrungslose Poet, da ihm hier der Stoff gegeben war, möglicherweise etwas leisten konnte. Auch war dies die einzige unter meinen poetischen Uebungen, die den Spruch bestätigte, daß kein ernstes Bestreben ganz verloren gehe; sie sollte mir noch im Alter eine ganz unverhoffte Frucht tragen. Meine Uebersetzungen der Händel'schen Oratorientexte, die durch die gebotene Anschmiegung an die Melodie, die nothwendige Beachtung gehäufter Cäsuren, die unerläßliche Nachbildung vorschlagend betonter Worte und Sätze in Rhythmus und Silbenzahl der Uebersetzungskunst weit die schwierigste aller Aufgaben stellen, hätten ohne die Vorschule jener Jahre nie entstehen können. Daß ich in Voß, in Schlegel und Gries so wohl bewandert war, sollte mir auf diesem Gebiete zu Gute kommen. Ich hatte später Gelegenheit, mich ohne Willen mit den Meistern in dieser Kunst zu messen, und glaubte mich einigermaßen mit ihnen messen zu dürfen. Ich hatte Milton's Allegro nach Händel's Tonsätzen musikalisch zu übertragen, und meine Arbeit schien mir trotz dieser ungemeinen Erschwerung an poetischer Färbung, an formaler Glätte und selbst an Treue der Voß'schen Uebersetzung vorzuziehen; sehr bald nach meinen damaligen Versuchen nach spanischen Originalen gab ich, in Heidelberg arabisch treibend, einer Reihe von Gedichten aus der Hamasa, von denen ich im Anhang I zu diesem Bande einige erhaltene Stücke mittheile, poetisches Gewand; und auch diese scheinen mir, als die Jugendarbeit eines Neulings in der orientalischen Sprache, selbst mit Rückerts später erschienenen Meisterübersetzungen verglichen, nicht verwerflich. So mögen auch manche der verzettelten Uebersetzungen spanischer Gedichte nicht ohne Colorit gewesen sein, wenn auch, wie ich glaube, ohne Gewandtheit und Feile. Alles Andere, was der neue Geistesverkehr von eigener Production anregte, mußte nothwendig kläglich hohler Unsinn gewesen sein, und gewiß war es von Hessemer eine schädliche und überfreundschaftliche[81] Nachsicht, daß er mich in diesen eitlen Spielereien bestärkte, statt zu entmuthigen. Vers und Prosa, Lyrik, Roman und Drama sollten wieder aufgegriffen werden; eine Johanna von Neapel, besonders ein Heinrich IV beschäftigten mich lange Zeit, und bei dieser Gelegenheit kam ich zum erstenmal zu einem vergleichenden Studium geschichtlicher Quellen, indem ich die Chronisten der fränkischen Kaiserzeit durchstöberte und dabei mein verblaßtes Latein etwas auffrischte. Die Baustücke zu diesen Dramen sind frühe vernichtet worden; die Selbstkritik war wenigstens so erstarkt, daß ich bei diesen verfrühten Unternehmungen nicht mehr wie sonst bis zur Vollendung aushielt. Die ganze Lage meines Innern rang auch in der That weit mehr nach einem poetischen Leben als grade nach poetischer Production. Und so gestaltete sich denn ein neuer schwärmerischer Freundesverkehr, dessen Ueberspannungen der so viel ältere Genosse fröhlich theilte. Wir waren uns in der gleichen Verehrung Jean Pauls zuerst entgegen gekommen; wir lasen uns dann so in seine Werke und seine Weise hinein, daß wir ihn gleichsam nachlebten, so ganz realistisch, wie ich früher mit meinen Schulfreunden die homerischen Gedichte nachgelebt hatte. Unsere Umgebung rubricirte sich in die stehenden Charaktere der J. Paul'schen Romane. Hessemers Vater, ein Podagrist von einer unzerstörbaren Scherzlaune, war einer der J. Paul'schen Humoristen; meine Mutter, die der alte Herr in gesunden Tagen zuweilen besuchte, um sich mit ihr im Gespräche über mich zu ergehen, den er ganz wie einen Sohn behandelte, war eine der eingezogenen Frauen seiner stilllebigen Idyllen; uns selbst fanden wir in Vult und Walt, den Helden der Flegeljahre, aufs sprechendste abkonterfeit: den gewandten, geriebenen, leichtfüßigen Flötenspieler, der den Bruder für die rauhe Welt zuschleift, den träumerisch-schüchternen Gesellen mit dem Kopfe voller Hirngespinste, dessen plattes Wochenleben nur wie eine leidige Vorbereitung war für die seligen Freuden der gemeinsamen Sonntagsfreiheit. Gerne hätte Hessemer gewollt, daß wir uns auch wie ein[82] anderes Freundpaar bei J. Paul, wie Leibgeber und Siebenkäs, einander ähnlich gesehen hätten. Wie Vult und Walt zusammen einen Roman schreiben wollten, so dachten wir einmal die Flegeljahre zusammen fortzusetzen; aber es wollte nichts werden. Vult-Hessemer stellte sich wie die Hebamme zu den schriftstellerischen Geburten des guten Walt, die sich nur schwer aus Tageslicht rangen; höchstens gelang einmal eine verrückte Vision in J. Paul'scher Manier oder eine Reihe Streckverse, der Gattung Walt'scher Erfindung.1 Wir erlebten eine Fälle von Scenen, kleinen Thorheiten und Wunderlichkeiten, die in die halb empfindsame, halb komische Welt der J. Paul'schen Romane zwanglos könnten eingetragen werden. So hatten wir uns nach des Autors Anleitung angewöhnt, in zusammengesetzten Wörtern das Bindungs- s ausfallen zu lassen. Einmal nun, da Hessemer in Gießen beschäftigt stand, lud er mich ein, mit ihm in Frankfurt zusammenzutreffen; der anberaumte Sam(s)tag nahm sich nun in der Schrift vollkommen wie Sonntag aus; und wie ich mich voll inneren Jubels einstelle, habe ich den ganzen peinlichen Tag vergebens auf den Freund zu warten, wie er Tags zuvor auf mich. Zu unseren größten Wonnen gehörte das Schwelgen in der freien Natur. Der Herrgottsberg war auch unter uns Beiden das häufigste Ziel der Wanderungen. Wir saßen da bei dem Quell, auf den Felsen, in den alten Bäumen auf der Höhe plaudernd, träumend, lesend, dichtend, wie es kam. Wir sahen die Stätte ganz wie unser Eigenthum an und dachten durch eine Inschrift gleichsam Besitz davon zu ergreifen. Der junge Bildhauer Scholl sollte die Anfangsbuchstaben unserer Namen in einen Granitfels links bei dem Weiher einhauen, auf dem wir besonders gern gelagert waren; über der Arbeit gingen ihm aber so[83] viele Meißel an dem harten Steine zu Grunde, daß es bei dem G. verblieb, das wohl noch heute als ein Zeuge unserer damaligen Besuche zu lesen steht. Die wenigen freien Sonntage genügten uns nicht zu unseren Wallfahrten; die Sommernächte wurden hinzugenommen. Einmal zogen wir Abends mit dem talentvollen (nachher ganz verkommenen) Maler Sandhaas aus; wir saßen im Mondscheine auf jenem Felsblocke zusammen; um Mitternacht verlangte es Hessemer nach der Bettruhe; wir Beiden andern ließen ihn gehen, streckten uns auf das harte Lager zum Schlafe aus und hörten aus der Ferne das Flötenspiel des abziehenden Freundes, den wir am Morgen zu neuem Ausfluge abholten. Wie ungemein waren mir diese theuren Naturgenüsse jetzt vertieft durch die schwermüthige Seelenstimmung, durch den herben Kummer, der mich langeher heimlich drückte, der sich jetzt in der reiferen Freundschaft mit dem neuen Gefährten Luft machen durfte, in dessen anschmiegsamem Gemüthe und Geiste er die vollste Verständniß und Theilnahme fand. Die Seltenheit dieser Freuden erhöhte mir ihren Werth nochum Vieles. Es waren Ausnahmsfälle von unvergeßlichen Eindrücken, als ich einmal mit meinem Bruder, ein anderesmal mit Hessemer einen festtäglichen Ausflug nach Heidelberg machte. Die Freiheit, die ich dann für die Weile genoß, jenes schmerzlich zurückersehnte, theuerste meiner ersten Jugendgüter, das mir jetzt so kärglich zugemessen war, die Freiheit war es, was mir in solchen Tagen den Genuß der Natur und Freundschaft zum Rausche steigerte, was mir Heidelberg im ersten Momente mit dem großen Zauber umkleidete, den es nie für mich verlieren sollte.

Das neue träumerische Hinleben in wunderlichen Phantasmen gipfelte damals in einem Verhältnisse, das mich in seinen Entwicklungen ernüchternd aus meinem prosaischen Berufe und aus meinem poetischen Schwindel zugleich erlösen sollte. Ich fand mich unmerklich in eine seltsame Leidenschaft verirrt, von der ich schwer zu sagen wüßte, wo in ihr die Grenze von Wahn und Wahrheit, von[84] ächter und angetäuschter Empfindung gewesen wäre; denn gemischt war sie aus Beiden. Ich hätte nicht jung und nicht von Fleisch und Blut sein müssen, wenn ich in jener Zeit, bei der ersten Reise des Körpers, in der Blüte der Einbildungskräfte, in dem täglichen Verkehre mit Frauen aller Art nicht von dem natürlichen Zuge zu dem schönen Geschlechte hätte erfaßt werden sollen. In der neuen Jean Paul'schen Epoche aber sollte dieser Hang nun in eine ganz besondere, visionäre Richtung einlenken, wie sie den Eindrücken entsprach, die ich aus den Werken unseres Lieblingsautors empfing. Ich war immer ein fleißiger Besucher des Theaters geblieben. Unter dem Personale fesselte mich schon seit 1820 eine Therese Grüner, deren Spiel ohne eigentliche künstlerische Bedeutung, aber von einer großen naiven Anmuth und schuldloser Lieblichkeit war: nicht auf mich allein, selbst auf einen so kaltblütigen, verständigen Menschen, wie mein Wilhelm Sell war, machte ihre Erscheinung auf dem Theater die gleichen starken und wohlthuenden Eindrücke. Bald setzte sich die Neigung zu der Künstlerin so fest, daß ich nun das Schauspiel fast immer besuchte, wenn sie mitwirkte; bald auch trug sich das Wohlgefallen von der Künstlerin auf des Mädchens persönliches Wesen und Wohlgestalt über, und nun verließ mich ihr Bild des Nachts und Tags nicht mehr. Das Gefühl für sie, die mir nach unsern beiderseitigen Lagen in einer ganz unnahbaren Ferne stand, verdichtete sich in eine Gedankenliebe von mehr sinniger als sinnlicher Art; wie in dem Träumer Walt spann sich ein ganz einseitiger Roman in meiner Phantasie an, zu einer Zeit wohl schon, da ich die Flegeljahre noch nicht gelesen hatte. Die Geschichte dieser Neigung in allen den nichtig-wichtigen Einzelheiten zu erzählen, die solch einer Leidenschaft eigen sind, würde mir heute, bei dem großen Abstand der Jahre und der Sinnesweise, bei einem Gegenstande, der einer faßlichen Darstellung in sich so sehr widerstrebt, kaum möglich sein, Die vita nuova zu schreiben, die diese Liebe nun neben dem alten Prosa (eben in mir entwickelte, das[85] verlangte eines Dante Erfahrungstiefe und hohe Naivetät und dazu das jugendliche Zeitalter, in dem er lebte. Denn diese heutige, praktisch gewordene Zeit, die das Phantasieleben in der Jugend als eine sinnlose Verirrung lieber ganz unterbände, als zu so üppigem Schusse treiben möchte, deren Beruf auch in der That auf ganz anderen Wegen liegt, als wo ihn jene Periode der romantischen Verzerrungen in Deutschland suchte, diese Zeit würde sich mismuthig abwenden von solch einer inneren Aushölung, von solch einer eitlen Verdunstung der geistigen, gefühligen und psychischen Kräfte. Ich begnüge mich mit den Andeutungen, daß all mein Denken und Sinnen auf das halbverschwommene Bild des Mädchens gerichtet war, das mir das weibliche Geschlecht wie in ein Licht der Verklärung rückte. Eine Begegnung mit ihr außer dem Theater war ein Ereigniß, das mich auf Tage beleben und erheben konnte; der Moment, wo ich zum erstenmal in unserem Geschäfte mit ihr in Gespräch und Berührung kam, ward wie eine heilige Zeit in meiner Seele lange gefeiert. Ich fand in diesem Herzensleben voll räthselhafter Regungen die Quelle eines inneren, wenn auch schmerzlichen Glücks; es galt mir für eine Reinigung und Läuterung meines ganzen menschlichen Wesens. Es war in allen Theilen die Kehrseite jener Zeit meiner Flegeljahre, wo ich die knäbische Tobsucht ausgelebt hatte; ein Zug von gemüthlicher Versenkung, von stiller Wehmuth legte sich über mein Wesen; ich gefiel mir in diesem Schwelgen in einer heilig geglaubten Empfindung, in dieser aussaugenden Selbstquälerei mit einer dunkeln, halb gegenstandlosen Sehnsucht, die mich elend machte, wenn irgend woher auf meine Träume ein geträumter Schatten fiel. Hatte einst meiner Mutter mein fahrendes und ausfahrendes Knabenwesen Sorge gemacht, so härmte sie jetzt der verborgene Kummer, den sie mir ablauschte. Eines Abends überraschte sie mich, wie ich einsam auf meiner Stube weinend saß, und fragte mich um die Ursache meiner Thränen. Ich konnte ihr nur mit heftigerem Weinen antworten. Sie wußte, daß ich mit[86] meinem Berufe zerfallen war; was in mir sonst vorging, konnte sie schwer ahnen. Aber sie forschte auf Umwegen so nahe, als ob sie auf ein Geheimniß meines Herzens riethe. Das schlug mich nur mit so größerer Stummheit. Sie nahm die Thürklinke in die Hand und sagte in dem Tone der rührendsten Bekümmerniß: »Gott, wer könnte gegen eine Mutter so verschlossen sein!« Und langsam und leise ging sie hinaus. Mir hätte das Herz brechen mögen. Ich knirschte vor Schmerz, daß wir Kinder nie zu den Eltern in so traulich offener Berührung gestanden, die mir eine Aussprache meiner freilich so schwer aussprechlichen Leiden möglich gemacht hätte; in mir selber drängte Alles, ihr um den Hals zu fallen und Alles zu sagen, was mich drückte; aber in der Starrheit der Gewöhnung an einen einsilbigen Hausverkehr fand das Herz nicht den Weg auf die Zunge, und ich blieb verlassen mit meinem Harme allein. Ganz verschließen ließ sich indessen dies stille Feuer, wenn es nicht ganz nur eingebildete Glut war, doch nicht. Dem Freunde Hessemer gegenüber fand ich in passender Stunde die Worte zu der Herzensergießung, die mir vor der Mutter versagten. Da erfuhr ich denn, daß auch Er unter die Bezauberten gehört hatte, obwohl er jetzt in resignirter Kälte, wenn auch mit Schmerz von seiner Neigung sprechen konnte. Das stachelte mich vielleicht nur mehr, meinerseits nicht so leicht zu entsagen. Ich setzte mich in meinem Gefühle so fest, daß ich nun selbst den beiden Sell Eröffnungen darüber machte. Den Regensburger verwunderte diese Innenkehr des ausstrebenden Auswanderers, diese gegensätzliche Laune des Freundes, »der sich jüngst erst um einer ziemlich verschiedenen Idee willen von Vater, Mutter und Bruder absagte«; Er wie der ernstere Wilhelm mahnten mich, mein Gemüth nicht ganz an dies Eine Gefühl zu hängen, nicht in ein kraft- und thatenloses Phantasieleben zu versinken: es gebe noch höhere Interessen als die der Liebe. Auch dies mochte mich nur mehr in den wahnwitzigen Gedanken treiben, aus dem Platonismus dieser Liebe hinauszustreben, Theresen[87] kennen zu lernen, ja sie besitzen zu wollen. Dazu gab es nur Einen denkbaren Weg: selbst Schauspieler zu werden.

Daß ich vor diesem Einfalle nicht erschrack, das lag doch nicht allein an dieser Liebe zu der Schauspielerin. Der Gedanke lag freilich nahe genug, und meine Freunde sahen es alle so an, daß nur sie allein der Beweggrund sei, der mich bestimmen konnte, über die Ergreifung des Schauspielerstandes in ganzem Ernste nachzusinnen; und Wilhelm Sell, mein allzeit strenger Censor, tadelte es gradaus, daß ich mir durch meine Liebe den Lebensberuf wolle vorzeichnen lassen, eine zu wichtige Sache, um die Wahl in solcher Weise abhängig zu machen. Indessen hing dieser Einfall vielleicht mit den eigensten Eigenschaften meines ganzen Wesens zusammen; auch bewegte er mich, wie eine vorhin mitgetheilte Briefstelle beweist, schon zu einer Zeit, da die Neigung zu Therese Grüner noch ganz stille geborgen in meinem Innern lag. Die nach außen gerichteten Triebe meiner Natur waren in dieser Zeit bis ins Unkennbare zusammengeschwunden, aber sie waren doch nicht erstorben; da mir jede andere Aussicht ihnen nachzuleben abgeschnitten war, sollte es nicht durchaus natürlich gewesen sein, daß der dunkle Drang, der nicht zum Handeln gelangen sollte, sich anfing an dem Schein des Handelns, an der theatralischen Action zu erfreuen? Und von einer ganz entgegengesetzten Seite: meine poetischen Erzeugnisse ließen mich, und es war nur zu begreiflich, nach allen Seiten unbefriedigt bei all dem Drange zur geistigen Production, der eben so wenig in mir absterben wollte; war es nicht eben so natürlich, daß es mich trieb, die poetischen Werke Anderer wenigstens ins Leben einführen zu helfen? Wenn ich so, in der Sehnsucht aus meiner Prosa erlöst zu werden, aus ganz inneren Antrieben in diese neuen Entwürfe gedrängt wurde, so kam dann allerdings der weitere Impuls hinzu, der in der Leidenschaft zu dem Künstlermädchen gelegen war; zu diesem aber wieder die mächtigsten äußeren Anregungen, die in den öffentlichen Verhältnissen meiner Vaterstadt[88] gelegen waren. Darmstadt war in jenen Jahren in einer frischen Aufblüte begriffen, die dem jungen, emporwachsenden Geschlechte von außerordentlicher Forderung war. Der alte Großherzog Ludwig I war ein Mann, an dem die Zeit der geistigen Erhebung Deutschlands nicht eitel vorübergegangen, und dem es genehm war, seinem kleinen Lande und seiner Residenz an dem Aufschwung des Gesammtvaterlandes nach mannichfaltigen Richtungen hin seinen guten, selbständigen Antheil zu gönnen. Er hatte die leidige Zeit des Rheinbundes, neben dem badischen Karl Friedrich am wenigsten vordringlich unter den deutschen Fürsten, benutzt, seine arme Landgrafschaft in ein stattlicheres Großherzogthum auszudehnen. Das neue Land, das sich in seinen neuen Bestandtheilen zum großen Theile selber fremd war, kam gleichwohl bald in eine lebendige politische Strömung. Darmstadt und Gießen waren seit der Restauration bekannte Herde des vaterländischen Freisinns und der constitutionellen Gesinnung. Die Agitation um die Ausführung des § 13 der Bundesacte, deren Seele der Advocat H.C. Hoffmann war, zwang den alten, in diesen politischen Beziehungen halb willigen, halb eigenwilligen, läßigen und schlecht bedienten Regenten zur Gewährung einer Verfassung. Ein Tribun wie der Commerzienrath E.E. Hoffmann gab dem ständischen Institute hier gleich anfangs Würze und Schmack. Das Großherzogthum erfreute sich in seiner innern Organisation frühe einer Reihe verständiger Einrichtungen, die in manchem Nachbarlande erst in den 30 er Jahren errungen wurden. Die erste entgegenkommende Hand zu dem Projecte des Zollvereins ward Preußen von Darmstadt geboten. Die Hauptstadt selbst nahm erst seit jenen Jahren der Befreiung Deutschlands ihre jetzige Gestalt und Umfang an; die geldarme Stadt wurde damals ihrer Baulust wegen als die steinreiche bespöttelt; was der fremde Reisende jetzt gemeinhin allein als Darmstadt sieht und kennen lernt, ist fast Alles erst seit meiner Gedenkzeit entstanden. In allen Richtungen des geistigen Lebens konnte man sich hier[89] frisch angeregt fühlen. Die Eintracht des religiösen Lebens unter der Vorherrschaft eines Geistes rationeller Billigkeit trug ihre humanen Früchte in der Vereinigung der evangelischen Bekenntnisse und in den willigen Beisteuern der protestantischen Bevölkerung für den Bau einer katholischen Kirche. Die Oeffnung der Bücher-Kunst- und Naturaliensammlungen im Schlosse war von einer großen Bedeutung für die Stadt. Auch ohne besondere Pflege des Schulwesens war doch ein Bildungstrieb nach allen Seiten in allen Ständen rege. Ich darf nur die Namen der in dem wissenschaftlichen Leben Deutschlands öffentlich bekannt gewordenen Männer nennen, die alle meine Zeit-, Stadt- und Schulgenossen, ja persönlichen Freunde waren, um dem Leser den Begriff von dem Geistesflore in dem damaligen Jugendgeschlecht Darmstadts zu geben. Außer den früh gestorbenen und daher weniger bekannten Nodnagel und Lange war der Zoolog Kaup einer unserer Bundesgenossen gewesen; Lang, Röth, Kriegk, Flegler sind in sehr verschiedenen Richtungen in Geschichte, Ethnologie, Geographie u.s.f. thätig gewesen; die Namen der Brüder Wilhelm und Karl Sell, Nöllner, Röder, der die juristischen Ergebnisse der Krause'schen Philosophie dem Ausland vermitteln half, sind den Rechtskundigen nicht fremd. In den schönen Künsten erweckten die jungen Männer, die ich neben Hessemer genannt habe, die schönsten Erwartungen; die Brüder Felsing, der Kupferstecher und Kupferdrucker, sind über Europa hin bekannt; der Name Liebig's allein würde für Darmstadts damalige Bedeutung zeugen. Des Großherzogs persönliches Interesse aber ging vorzugsweise auf Musik und Theater. Er übte selber dem Orchester und den Sängern die Opern ein; der fürstliche Capellmeister setzte die Geduld seiner Geiger wohl mit hundert Proben auf die Probe und die seines abonnirten Adels mit zehn Wiederholungen derselben Oper; aber diese Sorgfalt gab dann den Vorstellungen, die sich auch den Gegenständen nach in stets würdiger Höhe hielten, jenen anerkannten Werth, der allsonntäglich Massen von[90] Frankfurter Gästen in Darmstadt versammelte. Das Schauspiel hielt er in seinen Mitteln beschränkter; verhältnißmäßig war es gleichwohl eine Weile bedeutender als die Oper. Dies war das Verdienst des Regisseurs Franz Grüner, des Vaters meiner Angebeteten. Er war neben Aug. Wolf der specielle Schüler Göthe's in Weimar gewesen, und er hatte sich so in Weise und Wesen seines verehrten Meisters eingelebt, daß wer Göthen persönlich nicht kannte, sich in vielen Beziehungen an seinem Schüler eine Vorstellung von dem Dichter bilden konnte. Grüner's ganze Persönlichkeit war von einer imponirenden, überlegenen Art; der Ausdruck seines Gesichtes (von dem ich einen vortrefflichen Umriß (b) von Sandhaas diesen Blättern beilege, weil er werth ist nicht verloren zu gehen,) war von einer martialischen Kraft, Festigkeit und Sicherheit; und so war sein Urtheil überallhin bestimmt, klar und scharf umrissen, seine Menschenkenntniß so tief wie weit, seine Natur für eindringlichen Ernst so wohl gestimmt wie für den heitersten Humor. Von dem verschwenderischen häuslichen Leben des verschuldeten Mannes gingen in der Stadt viele mythische Erzählungen um, die ihm die sittliche Gunst des Publikums entzogen; seine ästhetische Gunst erzwang der geniale Künstler gleichwohl, so oft er auftrat. Sein Spiel war ganz Kraft und gesunde Natur; ihn lesen zu hören, einfach und ohne jede theatralische Manier, war ein Genuß ohne Gleichen. Sein Galotti und Paul Werner, sein Wallenstein und Tell, sein Götz und Alba, sein Brutus, sein König in Leben ein Traum, sein Doge im Fiesco u.a. waren Meisterstücke der Bühnenkunst; und so selbst viele Rollen aus Dramen geringen Werthes: sein Friedrich II in Töpfer's Tagesbefehl sollte den Großherzog, der den alten Fritz gesehen hatte, so lebendig an den großen Todten erinnert haben, daß er erschüttert das Theater verließ. Diese Kunstleistungen des Vaters nun hatten mich allezeit ganz anders gefesselt als die der Tochter; und noch waren sie vielleicht die kleinere Seite seiner Verdienste. Er hatte mit kleinen Mitteln hauszuhalten, um[91] nur eine Truppe im Durchschnitt mittelmäßiger Spieler um sich zu sammlen; es waren ihm manche unbedeutende Persönlichkeiten auferlegt, die er sich schulen und bilden mußte, weil von ihm Vieles und Alles zu lernen war, weil aus seiner Heftigkeit ein trefflicher Ernst um die Sache sprach, der zur Nacheiferung erwärmen nmßte. Seine Leseproben waren die eigentliche Schule seiner Truppe, in deren Mitte sich Mitglieder fanden, die literarisch und gesellig sein gebildet, fern von den leidigen Eitelkeiten des Standes, in ihren häuslichen Verhältnissen geordnet, in ihrem Berufe von ächtem Kunstsinne beseelt, fleißig, eifrig, eifersuchtslos genug waren, dialogische und trilogische Scenenproben für sich zu halten: auf diesen Wegen gelangte man zu einem Zusammenspiel, das ich nur auf einer englischen Bühne später wieder gesehen habe. Ich habe, mit Hessemer um die Wette schwelgend, die meisten Stücke von Lessing und Schiller, Göthes Egmont, Götz und Clavigo, Shakespeare's Romeo und Cäsar, Calderon's Leben ein Traum, das laute Geheimniß, den Arzt seiner Ehre, die Dame Kobold, dann die Brüder von Terenz und Holberg's Erasmus Montanus und Viel Geschrei und wenig Wolle (denn zu solchen Wagnissen ging Grüner mit besonderer Vorliebe voran) in einer Vollendung und Abrundung aufführen sehen, die mir später fast allen Theaterbesuch verleidet hat. So gab es denn unter allen geistigen Anregungen, die mir in meiner Umgebung erreichbar waren, keine mächtigere als die des Schauspiels; und es war daher keineswegs zu verwundern, daß ich zu der Zeit, wo ich, noch in dickem Dunkel tastend, einen Ausgang aus meinem Gefängniß suchte, zuerst auf diesen Ausweg zum Theater fiel. Von den Freunden war es nur Hessemer, der mich in dieser Neigung bestärkte. Der gesund gerichtete Lanz beobachtete ein wie es schien absichtliches Schweigen darüber. Karl Sell fühlte sich wie irre geworden an mir und brauchte alle Mittel, mich von dem Irrwahne abzubringen. Er schmeichelte meinen Talenten, die mich zu etwas Besserem hinwiesen, er rief mir ein [92] Sei deiner werth! zu mit einer Ansprache an mein Sittengefühl und einer Schilderung aller verführerischen Mächte der Bühne. Am höchsten griff Wilhelm Sell die Frage. Er schrieb mir darüber (3. Juni 1822) in ausführlicher Weise, und so daß er den kranken Freund zu schonen, aber doch zu heilen versuchte. »Eine reiche selbstbildende Phantasie, waren seine Worte, Lesen der Schriften großer Geister, Vereinigung der in ihnen gefundenen Gedanken und Gefühle mit Deinem Wesen und das, was die feurige Phantasie am meisten ergreift: bildliche Darstellung dessen, was Dich in todten Buchstaben schon angezogen, mögen wohl Deinen Hang zur Schauspielkunst erweckt, genährt und gestärkt haben. Was soll das Theater sein? Eine öffentliche, für das gesammte Volk bestimmte Anstalt, durch welche das, was im Leben Schönes, Edles und Großes gefunden wird, als eine Stimme des Besseren, was im Volke lebt, in ausdrücklichen Worten zum Herzen gesprochen und, was noch wirksamer ist, durch Beschäftigung, Spannung und Anziehung aller in dem Menschen sich bewegenden Thätigkeiten tiefer in das Innere des Menschen eingeprägt wird. Es hat also den großen Zweck ›den Menschen zum Menschen zu bilden.‹ So trug bei den Griechen das Theater zur Entwicklung der großen Volksideen der Freiheit, des Vaterlands, des Gemeingeistes, der Religiosität bei, so könnte auch bei uns das Theater eine sittliche Anstalt werden. Aber steht es noch in dieser seiner eigentlichen Würde?« Diese Frage glaubte er verneinen zu müssen, und auch die andere, ob es in unserer Macht stehe, das Schauspielhaus aus seiner Versunkenheit zum gemeinen Belustigungshause wieder emporzuheben zu jener ächten Bestimmung. Er sei überzeugt, schrieb er, daß die Schaubühne mir keinen angemessenen Wirkungskreis für meine Kräfte biete. Die Zeit, in der wir lebten, sei zu ernst; sie ziehe unsere Blicke auf den großen Schauplatz des politischen Lebens, wo die höchsten Interessen der Menschheit im Kampfe begriffen seien. – Diese Vorstellungen waren mir in keiner Weise fremd, sie waren oft mündlich[93] unter uns zur Rede gekommen. Der Mahnruf, auf den sie ausliefen, griff in eine der vollsten Saiten meiner Natur mit Absicht ein, aber sie hing nun schlaff und gab keinen Klang. Das öffentliche Leben in Deutschland gab jetzt keinen Resonanzboden ab, der Lust gemacht hätte, eben diese Saite zu stimmen und auf ihr zu harfen. Jeder Hebel hätte mir gefehlt, um auf diesem Gebiete eine Kraft anzusetzen. So blieb ich, den Warnungen der Freunde horchend, aber nicht gehorchend, auf dem alten Wege, mich von den Geschicken tragen und treiben zu lassen, ohne sie gewaltsam erzwingen, ohne ihnen gewaltsam widerstehen zu wollen.

Ich hatte (um Herbst 1822) die Bekanntschaft mit Schauspieler Fischer, einem der eingebürgertsten Günstlinge des Darmstädter Publicums, gesucht, dem ich zuerst von meinem Wunsche sprach, zu seiner Fahne zu treten. Auch Hessemer lernte ihn hernach kennen. Er war ein liebenswürdiger Gesellschafter, ein vielbelesener Mann, der Besitzer einer auserlesenen Bibliothek; auf der Bühne spielte er vorzugsweise den Humoristen und schulte sich dazu an Jean Paul, der sein Lieblingsschriftsteller war, was denn ein Band mehr zwischen uns knüpfen mußte. Im Frühling des nächsten Jahres war es, daß ich meinen Freunden von dem Entschlusse sprach, die Bekanntschaft mit Grüner zu suchen, um zu einem Entschlusse über meinen Berufswechsel, ja zu einer Erklärung gegen Therese zu drängen. Wilhelm Sell rieth mir (Mai 1823) zu; nichts sei ermattender für Geist und Gefühl, nichts quälender als dieses Schwanken zwischen Hoffnung und Furcht, dem Steigen bis zum höchsten Grad der Entzückung und dem Niedersinken in melancholischen Schmerz. Aber er bereitete mich zugleich vor, mich durch keinen Ausgang meiner Wagnisse niederschmettern zu lassen! er sah kalt die Erfolge voraus, mochte aber eine Katastrophe für wünschenswerth halten, die mich erprüfe und bestimme. Im Sommer ging Grüner mit der Tochter zur Kur nach Schlangenbad. Ich wollte mit Hessemer dahin, dort die Bekanntschaft einzuleiten. Wir ließen uns von[94] Fischer eine Einführung geben und reisten an einem Sonnabend (5. Juli 1823) ab. Es war einer der seltenen Ausflüge auf mehrere Tage, wo ich der Ungebundenheit, der Natur, der Freundschaft, dem geistigen Verkehre ganz leben durfte; und er war diesmal gewürzt durch die Aussicht auf die zukunstvolle Bekanntschaft, wie ich sie dachte, mit der Königin meines Herzens. Wir gingen über Wiesbaden und Schwalbach nach unserem Bestimmungsort und machten Montags früh unseren Besuch bei dem stattlichen Herrn, der uns in der kräftig vornehmen Haltung, die ihm eigen war, aber mit gewinnender Herzlichkeit aufnahm und unterhielt. Wir waren schon im Begriff zu gehen und auf den Haupttheil der gehofften Wonnen zu verzichten, als Therese noch im Bademantel erschien und überrascht den jungen Besuchern freundliche Begrüßung gab. Wir sahen dann Beide noch über Tisch und erbaten und erhielten beim Aufbruch die Erlaubniß von Grüner, ihn auch in Darmstadt zu besuchen. Man denkt sich, mit wie gehobener Brust wir dann die Hügel und Wälder dort durchstreiften, wie wohlig uns zu Muthe war, als wir am andern Morgen, ehe wir die Gegend verließen, auf der Terrasse in Schlangenbad, den Fenstern der Verehrten gegenüber, eine Flasche Champagner auf ihr Wohl tranken und bei der Gelegenheit dem alten Herrn noch einmal begegneten. Sobald die Familie aus dem Bade zurückgekehrt war, besuchten wir sie. Freund Wilhelm schrieb mir im Tone der Verwunderung, als diese Eroberung gemacht war; er hatte wohl weder meinem Kunsttriebe noch meiner idealen Liebe so vielen Realismus zugetraut. Es knüpfte sich nun ein behaglicher Umgang an, den ich weit mehr hätte ausbeuten können, wenn ich nicht stets, besonders so oft Therese anwesend war, in einer namenlosen Befangenheit und Verlegenheit gewesen wäre. Indessen theilte ich Grüner meinen histrionischen Plan mit, zugleich mit all den Schwierigkeiten, die in meinen häuslichen Verhältnissen gelegen waren. Er hörte mich theilnehmend an; er zeigte alle menschenkennende Rücksicht auf[95] diese Hindernisse; er sah mich auf den Entschluß an sich selber ernstlich an; er ließ sich durch meine Eckigkeit und Blödigkeit nicht irren; er äußerte in aller Bestimmtheit, der Bühne sei ein Nachwuchs unerläßlich, dem es mit Kunst und Bildung ein heiliger Ernst sei. Er erkannte durch alle Phantasterei hindurch, daß es an diesem Hauptpuncte bei mir nicht fehle, der ich von Läuterung der Kunst und Veredlung der Bühne schwärmte und von dem Gedanken bewegt war, schon jetzt für die Darmstädter Bühne ein Dramaturg und kritischer Lenker zu werden. Grüner erbot sich also in bereitwilligem Eifer, sobald mir meine Lage freie Bewegung gestatte, mit dem alten Freunde und Factotum des Großherzogs, dem Geh. Cabinetsrath Schleiermacher, zu sprechen und mir den Zutritt zur Bühne zu öffnen. Inzwischen wollte er doch prüfen. Er sprach wiederholt mit Hessemer und mir, er hoffe uns einmal ein paar klassische Scenen aufführen zu sehen. Eines Abends (Nov. 1823) ordnete er die Lectüre von Hermann und Dorothea an; er las den ersten, sein College Steck den zweiten, Hessemer den dritten, ich den vierten, Therese den fünften Gesang; es war für mich ein gespannter, aber ein seliger Abend. Nicht lange nachher war Grüners Geburtstag; wir kamen auf den Gedanken, ihm zu dem Abend (20. Jan. 1824) etwas vorzuspielen; wir wählten eine elende Kotzebue'sche Posse (der schelmische Freier), die mir Gelegenheit bot, mich in vier verschiedenen Rollen zu zeigen. Steck studirte uns ein, Hessemer karrikirte die alte Tante im Stücke, eine jüngere Schwester Theresens spielte das Kammermädchen. Kaum weiß ich, wo ich den Muth hernahm, vor dem strengen Richter und seiner verzaubernden Tochter in so naher Nähe zu spielen, aber es geschah. Bei jenem Vorlesen, bei diesem Spiele enthielt sich Grüner alles Lobes und Tadels; er persiflirte uns nur: er hätte im geringsten Falle gehofft, eine Scene aus Faust, eine Scene aus Calderon in spanischer Sprache zu hören, und nun diese Misere! Aber er begütigte zugleich, er wisse ja wohl, warum es geschehen sei. Indessen mußte die Prüfung[96] doch bestanden worden sein. Grüner sprach zu seinen Kunstgenossen davon. Nicht lange, so suchte ein neu angestellter, talentvoller Künstler, Becker, unserer Beider Bekanntschaft, die mit der Zeit sehr vertraut und im besten Sinne des Wortes eine Künstlerfreundschaft wurde. So ernst, so gewissenhaft, so sinnig ist wohl selten über die Schauspielkunst in ganz praktischen Zwecken verhandelt worden wie in diesem kleinen Kreise. Wir lasen zusammen, wir studirten mit aller Genauigkeit und Kenntniß, die wir austreiben konnten, die Rollen zusammen ein, in denen Becker auftrat; sein Romeo, sein Clavigo, sein Roderich (in Leben ein Traum), der Arzt seiner Ehre u.a. sind solche Rollen, die in dieser Esse geschmiedet wurden; und das Publicum hatte Ursache, sich des Zusammenschusses von so viel Fleiß und Eifer zu erfreuen. Grüner selber zog uns immer beachtungsvoller heran. Er gab sich dazu her, uns einzelne Stücke oder Charaktere, die uns grade interessirten, zu analysiren; er ließ von Hessemer zur Einführung des Erasmus Montanus einen Prolog schreiben; er ließ uns veraltete Bühnen arbeiten stylistisch feilen, um sie wieder zu beleben; er ließ sich meine Uebersetzung von Ehre, Macht und Liebe vorlesen, um das Stück auf seine Aufführbarkeit anzusehen. In Bezug auf meine Bühnenabsichten wiederholte er mir seine Anerbietungen mit der Aufforderung, zum Schlusse zu kommen: wenn die Mutter ihren Sohn erst geputzt und beklatscht auf der Bühne sehe, so werde sie sich zufrieden geben, der Vater freilich –! Der weltkundige Mann täuschte sich in der Mutter, die sich höchstens mit meiner Zufriedenheit zufrieden gegeben hätte; in Bezug auf den Vater errieth er den Stand der Dinge vollkommen. Ich sollte das alsbald erfahren, was ich voraus wissen konnte. Der Ruf von unserm Verkehr mit der ganzen Gruppe der bedeutenderen Schauspieler fand seinen Weg sehr bald in die Gaststuben, zu dem Vater. Von der Mutter aufmerksam gemacht auf meine trüben Stimmungen, wohl gewahr, daß ich mit der ersten Hingebung längst nicht mehr an dem[97] kaufmännischen Berufe hinge, brachte er einmal die Rede auf mein Unbehagen, auf meine Sonderbarkeiten, mein zerstreutes Leben, meinen neuen Verkehr und Umgang. Willst du etwa Schauspieler werden? fragte er mich; das hoffe ich nicht, daß du das deiner Familie zu Leide thust! Zu diesem Ausspruch war der Ton und besonders der Zeitpunct nicht so gut getroffen wie damals bei der Unterredung über den Poeten, wo das Orakel bereits gesprochen hatte. Ich setzte keinen Trotz gegen die väterliche Meinung, aber ich drängte nun auch in dieser Berufsfrage zu einem Götterspruch, und die Göttin meines Herzens sollte ihn sprechen. Das sah ich wohl, daß ich ohne ein bitteres Zerwürfniß mit meinen Eltern die Laufbahn der Bühne nicht betreten könnte: für dieses schwere Opfer verlangte es mich wenigstens, wenn ich mich denn entschließen sollte, nach einem Ersatze. Grüner reiste mit Theresen im Sommer auf Gastrollen aus. Er dachte unter Anderem in Regensburg zu spielen. Ich schickte ihm dorthin einen Brief mit einer Einlage an Therese, den mein dortiger Freund Karl Sell (8. Juni) übergab. Es war die Krone, aber auch so ziemlich das Ende all meiner jugendlichen Ueberspannungen: in Jean Paul'schem Nebel und Schwulst eine Erklärung meiner Gefühle für sie, von deren Aufnahme die Entscheidung über mein künftiges Loos abhängen solle. Es war zu viel seiner Rücksicht, daß ihr der Alte gestattete, mir zu antworten, mir mit milder Zurechtweisung eine Ablehnung zu schicken.

So war nun auch dieses Luftschloß zerflossen, wie das poetische früher. Die Katastrophe würde schlimmer gewesen sein, als sie war, wenn nicht auch jetzt der Grundstock guter und verständiger Natur bei mir vorgehalten hätte, die mir bei allen meinen Verirrungen den Blick in mich selbst und in meine Umgebung gesund erhielt. Ich hätte den poetischen Lebensplan früher so leichtfertig nicht verlassen, wenn ich nicht das Gefühl tief in mir getragen hätte, daß auf diesem Gebiete meine Talente nicht lagen. Ich hätte die schauspielerischen Entwürfe nicht so ruhig aufgegeben, hätte ich[98] nicht erkannt, daß auch in diese Richtung meine Fähigkeiten nicht deuteten. Ich hätte, selbst hoffnungslos, die Neigung zu Theresen nicht so bald verloren, wenn ich nicht bei der persönlichen Annäherung schon etwas wäre erkältet gewesen, Von einem sittlichen Makel war während der ganzen Dauer unseres Zutritts in der Familie an dem liebenswürdigen Wesen keine Spur zu entdecken, das auch im Hause denselben Eindruck einer schuldlosen Unverdorbenheit wie auf der Bühne machte; nur ihre geistige Begabung schien uns sehr gering; das kam bei Anlässen, wie sie jener Leseabend bot, auch für uns Schwärmer unverkennbar zu Tage. Darum freilich war der Verlust nicht schmerzlos. Ich erinnere mich, daß ich das Theater eine Weile vermied, daß ich mich in der ersten Verbitterung so sehr selber verlor, einen augenblicklichen Haß auf Grüner zu werfen, mit einer Art Grimm auf die Bosheiten zu hören, die man im Publikum über ihn ausstreute. Das ging vorüber und wich schnell den besseren, würdigeren Gefühlen. Ich trieb Hessemer, die Bekanntschaft fortzupflegen; ich machte wieder Grüner's Vertheidiger gegen ungerechte Verleumdungen; die alte Liebe zu dem Theater ließ sich nicht ersticken; der künstlerische Verkehr mit Becker ward näher und traulicher fortgesetzt als zuvor. Was die eigentlich schwere, nicht verwindliche Seite der Katastrophe war, das war der hoffnungslose Rücksturz in die Prosa des Geschäftes, wo ich für das Jahr noch gebunden war; es war die neue Aussichtslosigkeit selbst für die Zeit, wo diese Verbindlichkeit aufhörte. Je länger das Leben mit Hessemer und mit all der Kunstwelt, die er mir aufschloß, nun schon dauerte, desto ausgemachter, desto selbstverstandener galt es bei ihm und bei allen meinen Freunden, daß ich nicht bei dem Kaufmannstande aushalten könne und dürfe. Schon um Pfingsten 1824 hatte mir Wilhelm Sell, bange um die damals noch ausstehende Entscheidung aus Regensburg, aus seinem Studienaufenthalte Heidelberg geschrieben, mich dringend eingeladen zum Besuche in der reizenden Gegend, »wo der Glück liche Steigerung[99] seines Glückes fände, der Traurige Linderung seines Grams, der Unruhige Ruhe aus der allbelebenden Natur trinken könne, an den Ort, wo auch Du, so hoffe ich, künftig länger sein wirst.« Sobald dann der Schlag gefallen war, schrieb er mir wieder und traf vortrefflich den Ton mich aufzurichten. Er sprach mir (23. Juni 1824) von Schlossers Darstellung Dante's, der aus ungestillter Liebessehnsucht Dichter geworden und für den Verlust der Geliebten Ersatz in seinem reichen Busen gesucht habe; dann schloß er: »Mein ganzes Innere wurde tief angeregt; ich dachte über mich und meine Bestimmung nach; der Wunsch ward in mir rege, ich möchte die Kraft besitzen, mein Leben dem Berufe zu weihen, der auf dem Gebiete der Dichtung und Geschichte das Wahre und Schöne im Menschen sucht. Jetzt denke ich mir das Bild Deines Geistes: und der Gedanke wird lebhaft in mir, daß Du nur in einem solchen oder ähnlichen Berufe Deinen Lebenszweck erfüllen, für das Verlorene einigen Ersatz finden kannst. Das Leben hat auch seine Rechte, und wir müssen leben und wirken. Wohl dem, der das äußere Wirken mit seinem inneren Leben zu verbinden weiß. Das wirst Du am leichtesten durch die Wahl eines solchen Berufes. Als Lehrer der Geschichte und Aesthetik wirst Du mehr wie in jedem anderen Fache Dich selber wiederfinden und Trost für das, was Dir zu finden nicht beschieden war. Kaufmann kannst Du nicht bleiben!« Er bat mich, darüber in Offenheit mit meinen Eltern zu sprechen; die Wege Gottes, wenn sie mir jetzt auch räthselhaft erschienen, werde ich erkennen lernen. Indeß auch jetzt – da mir die Frist meiner Verpflichtung in dem Geschäfte noch gegeben war – wollte ich nichts übereilen. Zu den Studien zurütkzukehren stand mir als eine große Sache vor Augen. Ich fürchtete, bei dem Heidelberger Freunde über meinen Kleinmuth verkannt und verachtet zu werden; er aber, meinen Schmerz achtend, fand es (August 1824) natürlich, daß ich in meiner Spannung und Aufregung zu einem umfassenden Entschluß noch nicht zu kommen[100] vermöge. Zu Hause selber schien man übrigens auf diesen Entschluß zu warten. Meinem Bruder war es längst klar, daß ich die Kaufmannschaft aufgeben müsse. Der Vater war nicht unvorbereitet. Wenn mich seine Freunde auf der Straße sahen, die Mütze in der Hand, wie ich mich in den Knabenjahren gewöhnt hatte, barhaupt im langen, lockigen Haar, so sagten sie ihm im absprechendsten Tone: der wird sein Lebtag kein Kaufmann! Die Mutter hätte mich aus meinem still geborgenen Kummer gern um jeden Preis erlöst gesehen. Alle meine Freunde schoben mein leidendes Aussehen auf das Beharren in dem verhaßten Berufe. Es war kaum Einer, der mich damals nicht für schwindsüchtig angesehen hätte. Vater Hessemer consultirte, eigenmächtig über mich verfügend, seinen alten Verwandten, den berühmten Wedekind, über meinen Gesundheitsstand. Auf meinem Gesichte (c), wie es Freund Sandhaas damals hinwarf (ich zweifle, ob so glücklich wie das Bild von Grüner), ruhte, wie man sich aus dem Blatte überzeugen kann, ein schmerzlicher Zug, der mehr von innern als äußern Leiden zu zeugen scheint. Meine Lage drohte schlimmer zu werden, als Hessemer im Herbste auf die Dauer nach Gießen versetzt ward. Da traf es sich glück lich, daß ich in dem gesteigerten Umgange mit der Familie Beckers einen anregenden, lebendigen Ersatz erhielt. Beckers Frau war aus einer ehrbaren, bürgerlichen Familie aus Oppenheim; sie hatte in Darmstadt noch eine jüngere an einen Beamten (Franck) verheirathete Schwester, in deren Hause ich gleichfalls eingeführt ward. Beide rheinländische Schwestern, besonders die jüngere, waren gewandte, wohl und gern redende, heitere, lebensfrohe Frauen, von leichten geselligen Formen, dabei aber einfache Naturkinder von gesundem Mutterwitze und neckischem Humore, im höchsten Grade geeignet, einen jungen Mann wie mich, an dessen Bildung und Schicksalen sie durch meine Beziehungen zu Becker einmal Antheil zu nehmen begannen, was man sagt ins Leben einzuführen, mich gesellschaftlich zuzustutzen und mir so eine Seite der Welt zu erschließen, die mir weder der[101] entfernte, oberflächliche Verkehr mit den Käuferinnen in dem Geschäfte, noch der gespannte Verkehr mit den Töchtern im Hause Grüner hatte eröffnen können. Trotz meinem jahrelangen Menschenverkehr hatte ich doch weder meine Schüchternheit ablegen, noch gewandte Umgangsformen annehmen gelernt. In dem Geschäfte war der Stil der Kaufverhandlungen nichts weniger als beflissen oder gar kriechend, er war kaum zuvorkommend gewesen. Der Prinzipal, in der Regel wohl höflich, konnte peinlichen Käufern gegenüber bis zur Grobheit unartig werden, und das war für die Fremden und Jungen kein Beispiel grade, um sein, geschweige servil zu machen. So fehlte mir zu der inneren Freundlichkeit, mit der ich mich in dem neuen, mir äußerst reizenden Verhältnisse zu den beiden verschwägerten Familien bewegte, die äußere Glätte und Manierlichkeit ganz: die beiden Schwestern fanden einen, »neuen Frauenlob« in mir aus, der aber erst zugerichtet werden müsse. Diese Schule erhielt dann etwas ungemein Pikantes durch die wechselnd offensive und defensive Haltung, die die Schwestern bei ihren Operationen gegen den ungehobelten jungen Hausfreund einnahmen. Sie waren Kunden unseres Geschäftes gewesen, und ihren guten Augen war schon vor unserer näheren Bekanntschaft nicht entgangen, wie ich bei meiner Verkaufsthätigkeit auch sonst noch innerlich beschäftigt mit meinen Käufern war; sie mochten dann aus meinen gemeinschaftlichen Rollenstudien mit Becker gehört haben, daß ich in Fragen der Menschenbeurtheilung zuweilen nicht ganz unebene Bemerkungen vorbringe; sie waren daher von Einer Seite her auf ihrer Hut vor mir und lagen beobachtend auf der Lauer, während sie auf der anderen Seite gegen meine Linkischkeit, Einsilbigkeit und ungeselligen Formlosigkeiten im höchsten Vortheile standen, aus dem sie denn auch nicht versäumten, wie zum Zweck der Austilgung aller meiner Unarten, ihre Ausfälle und Angriffe bei jeder Gelegenheit zu machen. Ehe man sich gegenseitig ganz auskannte, führten diese Kämpfe oft zu ungemein drolligen Scenen. Meine Verlegenheit[102] spielte nie stärker, als wenn fremde Welt mit zur Gesellschaft war; meine stockige Stummheit konnte dann ins Weiteste gehen. Wo man mich so waffenlos hatte und in der mir so furchtbaren Umgebung mich hätte angreifen können, litt es natürlich die Großmuth und Schick lichkeit nicht; verzog sich aber der fremde Schwarm. so erfolgte ein unbarmherziger Ueberfall und Ausfall auf meine steife Ungezogenheit, aber das freilich erst in dem Augenblicke, wo ich Verscheuchter aus allen meinen Verstecken wieder vorbrechen konnte. In solchen Augenblicken grade war es mir gegeben, aus der thörichtesten Blödigkeit in den wohligsten Muthwillen überzuspringen; und nichts war komischer, als wenn die beiden Freundinnen nun, in ihren übermüthigen Attaquen durch meine Gegenangriffe verblüfft, sich anfingen stutzig in ihre beobachtenden Stellungen zurückzuziehen. Wären übrigens diese neckischen Begegnungen die einzige Würze dieses Umgangs gewesen, so würde er mein wundes Gemüth bald abgestoßen haben. Aber die Seele der neuen Verbindung war doch ein natürliches, gegenseitiges Interesse der würdigsten Art: mit Becker die gemeinsamen künstlerischen Studien, bei den Frauen die herzliche Theilnahme an meiner inneren und äußeren Lage, deren Druck und Unnatur sie, wenn nicht durch mich, durch die Männer im ganzen Umfange kannten und begriffen. Dadurch wurde mir dieser Frauenverkehr, der mir in dieser Weise so neu und ungewohnt war, von doppeltem Reize und Werthe. Allabendlich fast, wenn Becker nicht zu spielen hatte, kam ich nach erledigten Geschäften wenigstens auf einen Sprung in das Haus, wohin ich seit Hessemers Entfernung allein meine Leiden und Freuden tragen konnte Mit meinen Leiden war ich gegen Niemanden freigebig, mit mei nen Freuden desto williger. Eines Tages (25. Oct.) kam ich zu dem Ehepaare zu ungewohnter Morgenstunde hin. Sie fragen mich erstaunt um den Grund des unvermutheten Besuches. »Sehen Sie mir keine große Veränderung an?« fragte ich mit ruhigen aber strahlenden Blicken. Was ist geschehen? »Ich bin[103] aus meinem Kerker erlöst! Ich habe lauter Freitage, und keine Dienstage mehr!« Man forschte nach Vorfall und Anlaß. Der reine Zufall hatte ihn verhängt. Es war über ein kleines Versehen eines zweiten Commis, der beim Abreißen einiger Ellen Zeugs in das Stück hineinriß, zu einem heftigen Auftritt gekommen, der den reizbaren Prinzipal im Eifer zu einer Aufkündigung trieb. Die ärgerliche Ungerechtigkeit verleitete mich, mich zu Gunsten des Collegen in den Zwist zu mischen, worauf ich den zornigen Bescheid erhielt, auch ich könne gehen, wenn ich wolle. Diesen Ton hatte ich nie gehört. Er war mir genug, die Mütze zu nehmen und davon zu gehen. Und nun hätte mich auch keine Gewalt der Erde wieder zurückgeführt. Das freudige Wortspiel, in dem ich das Geschehene bei Beckers verkündigte, kam durchaus charakteristisch aus der befreiten Brust des lange Gefesselten, dessen Freiheitssucht langeher die Freunde gerührt und gehärmt hatte, die mich von jetzt eine Weile nur den »Freiherrn« nannten.

Quelle:
G. G. Gervinus Leben. Von ihm selbst. 1860, Leipzig 1893, S. 48-104.
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