Schweizerreise

[105] Im Jahre 1873 konnte ich nicht in meine liebe Fusch gehen, denn die Blattern waren dort in diesen versteckten Erdenwinkel eingeschleppt worden. Gewohnt, allsommerlich einige Wochen im Hochgebirge zu verleben, ging ich mit Ignaz und Onkel Brüll in die Schweiz. Ich überlasse die Beschreibung aller gesehenen Herrlichkeiten dem sehr verläßlichen Herrn Baedeker und etabliere mich vorläufig auf Rigischeidegg, wo ich drei Wochen zubrachte. Ich genoß auf der Reise dahin all die Schönheit und[105] Großartigkeit der Schweiz. War es die Gewohnheit oder doch die tieferen Ursachen, die Fusch konnte sie mir aber nicht ersetzen. Der Rigi hat 6000, die Fusch nicht ganz 4000 Fuß Meereshöhe. (Die Meterangaben sind mir nicht geläufig.) Man hat zunächst auf dem Rigi nicht das Gefühl, sich der Natur so intim an die Brust zu legen, sie mit allen Organen gewissermaßen in sich aufzunehmen, wie in der Fusch. Und das hat seine natürliche Erklärung. Man befindet sich auf dem Rigi in hoher, reiner Luft, aber von keinerlei Vegetation umgeben; man spürt – auf einer Bergspitze – keinen Waldesduft, keinen Gras- und Erdgeruch, keine erquickenden, stürzenden Wasserfälle, die lusterseischenden Gletscher sind weit weg. Will man Bewegung machen, muß man in die Tiefe, statt in die Höhe, während man in der Fusch direkt von der Haustüre ab rechts oder links bis auf 10.000 Fuß sich erheben kann. Auf den Bergen rings ums Hochplateau ist schöner Waldbestand, bis auf 7000 Fuß zwischen Matten und Wiesen hinan, allüberall von duftigem Thymian überzogen. Legt man ein Taschentuch aufs Gras, hebt man es mit diesem Duft parfümiert auf.

Klimatisch betrachtet ist eine Höhe von 6000 Fuß gegen eine von nur 4000 allerdings im Vorteil; aber das Plus wird durch die angegebenen Vorzüge auch hygienisch mehr als aufgewogen.

Betrübten Herzens empfanden wir bald den Unterschied, auch gesellschaftlich. In der Fusch waren wir eine geschlossene, intime Gesellschaft voll Fröhlichkeit und heiteren Lebensmutes. Bergtouren wechselten mit heiteren Spielen aller Art. Hier in dieser fremden, internationalen Gesellschaft von Engländern, Russen, Franzosen, Norddeutschen lebt jeder für sich wie auf einer Insel. Eine Hotelnummer wie alle anderen. Aber es kam bald anders.

Setzte sich Ignaz Brüll aus Klavier, so verwandelte sich das Klavierzimmer alsbald in einen Konzertsaal, der die ganze[106] Gesellschaft versammelte. Sein herrliches Spiel entzückte, enthusiasmierte, die Musik verbannte nach und nach allen herrschenden Zwang und die Menschen, die sich tagsüber fremd und respektvoll auswichen, traten sich näher; die nationalen Unterschiede waren verwischt, man schloß Bekanntschaft – es wurde gemütlich. O heilige Musika! –


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Wie jede große Schweizer Pension hat auch Rigischeidegg für die Engländer seinen protestantischen Sonntagsgottesdienst. Der Pastor probte mit den Damen der Gesellschaft (Engländerinnen) die Lieder und Choräle für den Sonntag. Brüll assistierte am Klavier. Sonntag gingen wir in die Kapelle, der Gottesdienst nahm seinen Verlauf, Orgel oder Harmonium gab es nicht. Nach der Rede und dem Gebet des Pastors setzte der Damenchor ein, aber – o Unglück! um eine Terz zu hoch. Der Sopran konnte nicht in die Höhe, es war ein greulich falsches Gekrächze und Geschrei – eine Weile, dann ging's nicht weiter und wurde mitten drin abgebrochen. Es war peinlich. Aber unser lieber Reverend ließ sich nicht aus der Fassung bringen, drehte sich um mit den Worten: »Once more« (nochmals). Brüll gibt ihnen den richtigen Ton an und flott ging's weiter – once more.


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Eines Tages suchte ich ein Buch in der kleinen Hausbücherei und fand den Schillerschen Tell. Ich setze mich ins Freie – die Berge im Sonnenglanze – und lese.

Allmählich und unbewußt werde ich von der mir so wohlbekannten Dichtung mehr und mehr, ja in ganz ungewöhnlicher Weise ergriffen. Endlich werde ich mir des so starken Eindrucks[107] bewußt; es war der in der Phantasie mitspielende Anblick der wirklichen, realen Lokalität, der hier geschilderten und hier sich abspielenden Vorgänge. Die großartige Szenerie aufgerollt und mit einem Blick umfaßt; zu meinen Füßen der Vierwaldstättersee, links der mächtige Urirotstock, am Fuße desselben die Axenstraße, Tellskapelle, Rütli, weiterhin im Tale Flüelen, Altdorf usw.

Es war mir, als hätte die Schillersche Dichtung selbst in dieser Form in ihrer Gänze sich hier zugetragen, als hätten diese Personen hier gelebt, als wären diese Worte hier gesprochen worden. Man glaubt die wirklichen Gestalten der Handlung und diese selbst leibhaftig an Ort und Stelle zu sehen. Und wie ganz anders, wie mächtig wirkt hier die Schilderung der großen Alpenwelt in ihrer überwältigenden, unmittelbaren Anschaulichkeit? Nicht wie sonst in einem Reisebericht oder auf den Brettern im Rampenlicht – im Zusammenhang mit der poesievollen, freiheitatmenden Dichtung und gleichsam in ihrer Urheimat! Wie fließen hier diese beiden starken Empfindungen – Dichtung und erhabene Szene – sich gegenseitig vergrößernd, in eins zusammen!

Wie mächtig verbindet sich hier die Dichtung mit der Örtlichkeit! Und überall die spannende Handlung eingebettet in diese Täler und Berge, die Volksbewegung, die freiheitdürstende Sprache, der Schwur auf dem Rütli – aus unmittelbarer Realität – wie klingen diese Verse, alles veranschaulichend, in einem Vollklang berauschend und begeisternd hier herauf! Es war der stärkste dekorative, die Dichtung vertiefende, vergrößernde Eindruck, den ich je erfahren.


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Vom Rigi ging's hinab über Altdorf, die Gotthardstraße längs der wilden Reuß (Eisenbahn gab's noch nicht) durchs Urnerloch ins weltvergessene Urserental, über die Furka, einen[108] schmalen Felsgrat, kaum für zwei Wagen Raum, der, eine Schlucht überbrückend, zwei Felswände verbindet. Von hier auf schöner Kunststraße hinab zum Rhimegletscher. Welch ein großartiger Anblick! Eine Gletschermasse, im Halbkreis zwischen hohen Felsen eingebettet, fließt vom Weisberge (12.000 Fuß) herab in dieses Becken. Sein ansteigender oberer Rand baut sich – wie bei einem Eisgang – in mächtigen, übereinandergeschobenen Spitzen auf; die Eisfläche in hunderte von blauen Eisspalten zersprungen. Am Fuße dieser mächtigen Eismasse, die vorne wie mit einem Messer abgeschnitten ist, steht hundert Schritte davon entfernt das Hotel. Unter diesem Gletscher fließt ein Bächlein hervor – es ist der Ursprung der Rhône.


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Schon bei dem ersten Anblick des Gletschers auf der in die Tiefe fahrenden Straße verließ ich den Wagen und stieg am Rande des Gletschers aufwärts, um den Gesamteindruck von oben zu haben. Ich setzte mich auf einen Stein, um zu schauen und zu genießen. Da mit einem Male umfließt mich ganz harmlos ein Wölkchen. Ich sehe nichts mehr vor mir. Solche Wölkchen an solchen Orten sind gefährlicher als sie aussehen. In dem plötzlich dichten Nebel, in dem man die Hand vor den Augen nicht sieht, ist man verloren, wenn es diesem Wölkchen einfällt, sich hier für längere Zeit häuslich niederzulassen, wie man es im Hochgebirge so häufig beobachten kann, daß ein solches Nichts oft tagelang an einer Stelle picken bleibt. Links der aufragende Fels, rechts der Abgrund, konnte ich mich nicht von der Stelle rühren. Doch glücklicherweise besann mein Wölkchen sich noch rechtzeitig und gab mich frei, ich hätte sonst wohl die ganze Nacht hier sitzen können. Im Hotel angelangt, fragte mich ein Walliser Führer, ob ich nicht Luft hätte, den Gletscher zu[109] überqueren, es sei sehr interessant. »Gut,« sagte ich, »überqueren wir.« Wir betraten zunächst mit brennenden Lichtern in Händen eine ins blanke Eis gehauene Kapelle. In den durchsichtigen Wänden rieselten die Wässerchen, und allerlei kleines Gestein war eingebettet. Dann stiegen wir auf das Eis. Ich bemerkte gleich das ganze Eisfeld mit Sand überstreut. Auf meine etwas naive Frage, ob das für den Fremdenbesuch hingestreut würde, meinte der Führer lachend, da hätte man viel zu streuen. Das fließende und erstarrende Eis bringt ihn mit sich herab, dann schmilzt die Oberfläche bei warmer Sonne und der Sand bleibt zurück.

Wir mußten eine große Reihe von Spalten überschreiten oder auch überspringen. Da kam eine breite Spalte. Der Führer stieß seinen Bergstock hinein, es dauerte eine gute Weile, bis ihn das Wasser herausschleuderte, so tief senkte sich der Grund. Und über diesen Spalt sollte ich hinüberspringen? Ohne Anlauf, da ja hinter uns wieder Spalten waren. Darauf war ich nicht eingerichtet, das lag nicht in meiner musikalischen Erziehung und Richtung – ich streikte. Was tat mein guter Walliser? Er stieg in den Spalt, spreizte, stemmte seine dicken, nägelbeschlagenen Schuhe rechts und links in die Eiswände, so daß der halbe Oberkörper herausragte. »Nun geben Sie mir die Hand, steigen Sie mit einem Fuß auf meine Schulter, mit dem anderen hinüber.« Und über diese lebende Brücke ging's weiter.

Drüben am Rande des Gletschers befanden sich Sandhügel, von rückwärts ungefähr einen halben Meter hoch, von vorne zwei bis drei Meter, hoch im Abfall. Indem ich die hier so sonderbare Erscheinung der Sandhügel noch betrachtete, faßte mich mein wackerer Führer fest unter dem Arm. »Erschrecken Sie nicht, wir steigen da hinaus.« Gesagt, getan. Aber noch kaum getan, waren wir auch schon wieder unten – es war ein dicht[110] mit Sand bestreuter Eisblock, auf den wir stiegen, aber kaum den Fuß darauf gesetzt, schossen wir auch schon, den Sand vor uns schiebend, blitzschnell hinunter. Es sind die gleichen sandbestreuten Eishügel, die Payer auch im hohen Norden fand und in seiner Nordpolreise beschreibt; er nennt sie dort »Humocs«. Nachdem die erste Abrutschung vorüber war, fand ich an diesem Sport Vergnügen, und wir rutschten, fest aneinandergeschlossen, wohl über zehn solcher »Humocs« talabwärts.


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Merkwürdig war der Temperaturunterschied in und außerhalb des Hauses infolge der großen Nähe des Gletschers1. Streckte man spät abends die Hand zur Haustüre hinaus, hatte man das Gefühl des Erfrierens oder Verbrennens. Eine weitere Folgeerscheinung war, daß die Wände des Speisezimmers buchstäblich schwarz von großen Fliegen waren, so daß ein Kellner vor dem Abendessen (Diner) mit Fackeln die Fliegen an den Wänden verbrannte. Wäre dies nicht geschehen und hätte diese Fliegenmasse, durch die Speisen angelockt, uns überfallen, wir hätten flüchten müssen.

Anderen Morgens ging's zu Pferd auf die Maienwand. Wu ritten unserer vier – ein junger Engländer hatte sich zu uns gesellt – einen sehr schmalen, steilen Bergpfad am Rande des Gletschers auf der entgegengesetzten Seite unserer Ankunft im richtigen Pferdegänsemarsch, einer hinter dem anderen, hinan. Da mit einem Male machten unsere Mietgäule von selbst, wie auf Kommando: halbrechts! Wir standen erstaunt alle vier in[111] Front und – ein helles Gelächter ging los. Was war geschehen? Es war die Aussichtsstelle auf den Gletscher und die Pferde führten diese Evolution gewohnheitsmäßig schon von selbst aus.


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Über Gletscherschliff (vom Eis befreite, glattgeschliffene Steinplatten) gelangten wir aufs Grimselhospiz. Ein einsames Haus – 8000 Fuß Höhe, mit meterdicken Mauern. Vom Innern durchs Fenster gesehen, gleichen diese Mauern kasemattierten Festungsschießscharten. Diese Stärke war hier wegen der furchtbaren Winterstürme und Schneelasten notwendig. In früheren Zeiten ging hier ein Handelsweg nach Italien und auch wintersüber hausten zwei Knechte hier. Eine schauerlich-öde Steinwüste, ringsum auf allen Höhen, auch zu unseren Füßen kein Grashalm sichtbar. Vor dem Hause zwei kleine Seen, jetzt, Mitte August, gefroren. Hier oben verloren 1809 die Österreicher eine furchtbare Schlacht gegen die Franzosen.

Von hier ging's nun zu Fuß an dem interessanten Handegfall vorüber nach Meiringen hinab. Im Fremdenbuche daselbst fand ich Felix Mendelssohn-Bartholdy eingeschrieben.

Von Interlaken hinauf auf die Wengernalp. Auf dem Wege dahin genoß ich ein gar merkwürdiges und seltenes Konzert. Auf einer weiten Bergwiese, in der Entfernung einer viertel oder kleinen halben Stunde, weideten ungefähr tausend Kühe – der Gesamtauftrieb von vielleicht hundert Besitzern. Wohl jede zehnte Kuh hatte eine Glocke von schönem Klang. Diese hundert rein und ungleich gestinunten Glocken in immerwährender sanfter Bewegung aus weiter Ferne verursachten eine schöne, unendlich melancholische Stimmung, eine orchestrale Wirkung, wie sie kaum leicht zu erreichen ist.[112]

Wie schade! denkt wohl mancher moderne Komponist – der mit mir im Hotel vor der Jungfrau übernachtet. Das Donnern der Lawinen die Nacht hindurch ließ mich nicht vergessen, wo ich mich befand. Mit dem mächtigen Eindruck dieser überlebensgroßen Riesenjungfrau mit ihren Begleitern Mönch und Eiger verließ ich die Schweiz über Grindelwald, Basel usw. heim zu den Penaten.

Fußnoten

1 Dies war im Jahre 1873. Jetzt (1911) sah ich Photographien dieses Tales; das Hotel steht weit ab vom Gletscher, dieser scheint sich sehr zurückgezogen zu haben.


Quelle:
Goldmark, Karl: Erinnerungen aus meinem Leben. Wien, Berlin, Leipzig, München 1922, S. 113.
Lizenz:

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