C. Auf spiegelndem Parkett

[294] Jetzt wird es ernst, liebe Freunde. Wir begeben uns im Bewußtsein gewachsener Sicherheit auf spiegelndes Parkett, worunter auch solches verstanden sein soll, das von mehr oder weniger weichen Teppichen bedeckt ist. Ein wenig vorsichtig noch, immerhin – wir begeben uns (um mit Werner Finck zu sprechen).

Wir werden daselbst vermutlich allerlei hochmögenden Leuten begegnen, und es wäre doch schön, wenn uns eben diese hohen Herrschaften nett, gut erzogen, höflich und formvollendet fänden.

Zunächst gilt es, keine Angst zu haben. Auch jene anderen sind Menschen. Das Leben hat sie nur auf andere Plätze gestellt als uns. Sie erfüllen dort ihre Aufgaben mit dem gleichen Ernst wie wir die unseren. So haben wir nicht den geringsten Grund zu klopfendem Herzen.

Natürlich werden die Regeln des gesellschaftlichen Spieles »oben« genauer eingehalten als »unten«. Dennoch sind sie im Prinzip die gleichen. Vor allem – sie sind erlernbar. Auch dann, wenn man nicht das Glück hatte, von Jugend auf langsam in sie hineinzuwachsen. Voraussetzungen sind eigentlich nur guter Wille, Verständnis für die Notwendigkeit und ein im richtigen Takt schlagendes Herz. Wir begeben uns also unter die


Spitzen der Gesellschaft – jene Kreise, die im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen und durch Verantwortung, Stellung und Leistung aus der bescheidenen, nichtsdestoweniger ebenso fleißigen und honorigen »breiten Masse« herausragen (wobei sie selbst sich nicht selten ziemlich unglücklich fühlen). Von ihnen erwartet man auf dem Gebiete der Etikette die gleiche Vorbildlichkeit, mit der sie ihre verantwortungsvollen beruflichen Aufgaben mehr oder weniger vollkommen lösen. Wenn wir ihnen gesellschaftlich begegnen, ist es an uns, nicht aus dem Rahmen zu fallen. Nicht etwa, weil sie uns das übelnehmen würden, sondern weil auch wir jene Vorbildlichkeit anstreben, die uns eines Tages befähigen kann, ebenfalls »oben« Platz zu nehmen. Außerdem werden ja dort zumeist jene vollendeten Formen gepflegt, die letztlich das durchaus erstrebenswerte Ideal bilden, weil [294] sie keineswegs übertrieben sind, sondern nur von innerer und äußerer Kultiviertheit zeugen. Wenn sie uns zuweilen übertrieben vorkommen, so nur, weil wir selbst ihre wahre Bedeutung noch nicht erfaßt haben.

Greifen wir aus jenen Kreisen, die man als »Tete« zu bezeichnen pflegt, einige heraus. Wenn wir wissen, wie wir ihnen zu begegnen haben, dann werden wir auch auf dem glattesten Parkett nicht ausrutschen. Voraussetzung für eine solche Begegnung ist zunächst einmal, daß wir wissen, wer wer ist und wie man ihn anzureden hat. Also:


Wie tituliert man wen? Beginnen wir mit der hohen Regierung und damit mit dem Staatsoberhaupt.


Es wäre für uns »Herr Bundespräsident«, während Ausländer das deutsche Staatsoberhaupt mit »Exzellenz« oder, ganz offiziell, mit »Euere Exzellenz« anreden.

Erinnern wir uns hier noch einmal, daß das Prädikat Exzellenz in Deutschland im Jahre 1919 abgeschafft wurde. Vor diesem Zeitpunkt stand es hohen Beamten und Offizieren – vom Wirklichen Geheimen Rat, Generalleutnant oder Vizeadmiral an aufwärts – zu. Heute werden in Deutschland außer jenen Persönlichkeiten, die bereits vor 1919 Exzellenz waren, nur die fremden Missionschefs (Botschafter und Gesandte) und die katholischen Bischöfe so tituliert. Natürlich wird man einem prominenten Ausländer, etwa einem Regierungschef, einem Parlamentspräsidenten, einem Minister, einem Staatssekretär oder einem General gemäß internationaler Gepflogenheit ebenfalls das Prädikat Exzellenz geben.

Regierungschef ist der »Herr Bundeskanzler«.

Die Bundesministerien werden von den Bundesministern geleitet, die offiziell auch mit »Herr Bundesminister« angeredet werden. Ihnen untersteht der »Herr Staatssekretär«, und diesem wiederum sind die Abteilungsleiter, Stellvertretenden Abteilungsleiter und Referenten zugeordnet, die mit ihrem jeweiligen Titel, also »Ministerialdirektor«, »Ministerialdirigent«, »Ministerialrat«, »Oberregierungsrat« und »Regierungsrat« anzusprechen sind.

Nur im Auswärtigen Amt sind die Bezeichnungen andere. Hier entsprechen dem Ministerialrat der »Vortragende Legationsrat« (im Ausland heißt er »Botschaftsrat« oder »Generalkonsul«), dem Oberregierungsrat der »Legationsrat I. Kl.« (im Ausland »Gesandtschaftsrat I. Kl.« oder »Konsul I. KL«), dem Regierungsrat der »Legationsrat« (im Ausland »Gesandtschaftsrat« oder »Konsul«). Hinzu kommt noch der »Legationssekretär« (im Ausland »Vizekonsul«).

Unerwähnt darf nicht bleiben das Parlament, der »Deutsche Bundestag«, der sich aus den gewählten Volksvertretern aller Bundesländer zusammensetzt. Sein [295] Präsident ist der »Präsident des Deutschen Bundestages«, dem die Anrede »Herr Bundestagspräsident« gebührt. Die Mitglieder des Bundestages werden offiziell mit »Herr Abgeordneter« angeredet.

Aus den Mitgliedern der Regierungen der Länder setzt sich der Bundesrat zusammen. An seiner Spitze steht der »Präsident des Bundesrates«, der »Herr Bundesratspräsident«.

Der Präsident des Bundesrates wird in jedem Jahr aus dem Kreise der Regierungschefs der einzelnen Länder neu gewählt, ist also in den meisten Fällen


C. Auf spiegelndem Parkett

[296] Ministerpräsident. Ausnahmen bilden die Städte Berlin, Hamburg und Bremen. In Berlin heißt der Chef der Regierung »Regierender Bürgermeister von Berlin«, während die Minister »Senatoren« sind. In Hamburg und Bremen lautet der Titel des Regierungschefs »Präsident des Senats, Erster Bürgermeister ...«. Auch hier heißen die Minister »Senatoren«. Unter Ministern verstehen wir hier Staatsminister, so wie sie in den einzelnen Ländern die Ministerien leiten.


Rund um die Spitze der Bundesregierung gruppieren sich eine Anzahl Gerichte und Höfe als letzte Berufungs- und Kontrollinstanzen. Es sind dies das Bundesverfassungsgericht, der Bundesgerichtshof für Zivil- und Strafsachen, der Bundesrechnungshof, der Bundesfinanzhof, das Bundesverwaltungsgericht und das Bundesarbeitsgericht. Ihnen allen stehen Präsidenten vor, die Anspruch auf diese Anrede haben.

Mit diesen Kenntnissen der Titulatur rund um die Bundesregierung können wir uns nun ganz beruhigt in die einzelnen Länder unseres föderativen Staates begeben und daselbst reichlichen Gebrauch machen. Denn der Aufbau der Länderregierungen ähnelt dem der Bundesregierung. Der »Herr Ministerpräsident« eines Landes, den wir auch so ansprechen wollen, versammelt um sich die »Herren Minister«, zu denen wir nicht »Herr Landesminister« sagen dürfen, aber »Herr Staatsminister« sagen können. Und so wie der Bundestag seinen Bundestagspräsidenten hat, haben die Landtage, die Volksvertretungen in den Ländern, ihren Landtagspräsidenten, den man auch so anspricht.

»Woraus – alles in allem – zu ersehen wäre, daß man mit einem höflichen »Herr Präsident« auf den Lippen formvollendet durch die deutschen Gaue kommt.


Bleiben wir noch ein wenig in der Nähe der Bundesregierung, denn dort befindet sich auch das Diplomatische Korps. Und da dessen Mitglieder nun die Etikette bis in ihre letzten Details beherrschen, wollen wir uns schnell ins Gedächtnis rufen, wie wir sie anreden. Es sind ja ausnahmslos Ausländer, denn unter »Diplomatischem Korps« versteht man in einem Lande nur die Chefs und Mitglieder der ausländischen diplomatischen Vertretungen (Missionen), nicht aber die Mitglieder des eigenen auswärtigen Dienstes oder gar die landeseigenen Politiker.

Zunächst einmal: Wir sprechen sie deutsch an, denn sie beherrschen in den überaus meisten Fällen unsere Sprache besser als wir die ihre.

Die Chefs der Missionen, also die Botschafter und Gesandten (nicht aber die Geschäftsträger), sind im internationalen Sprachverkehr »Exzellenzen«. Immerhin kann man sie auch mit »Herr Botschafter« oder »Herr Gesandter« anreden. Die Mitglieder der einzelnen Missionen setzen sich zusammen aus Botschaftsräten, Gesandtschaftsräten und Botschafts- oder Gesandtschaftssekretären. Letztere [297] heißen zuweilen »Erster, Zweiter oder Dritter Sekretär«. Hinzu kommen die Attachés, die nicht mit ihrem Titel angesprochen werden, und schon gar nicht, wenn sie Militär-, Marine- oder Luftfahrtattachés sind, da sie als solche ja einen militärischen Dienstgrad haben.

An den Botschaften großer Länder führt der 1. Botschaftsrat häufig den Titel »Ministre-Conseiller«. Dann würden wir ihn mit »Herr Gesandter« anreden.

Unsere eigenen Botschafter und Gesandten aber werden nur von Ausländern mit »Exzellenz«, von uns dagegen mit ihrer Amtsbezeichnung angesprochen. Wir sagten schon, daß die einzigen »Exzellenzen«, denen wir außer Ausländern vielleicht noch begegnen könnten, solche sind, denen dieses Prädikat schon vor dem Jahre 1919 zustand. Daneben tragen diesen Titel nur die katholischen Bischöfe sowie der Apostolische Nuntius, der ja diplomatischer Vertreter des Heiligen Stuhles und damit Missionschef ist und zum Diplomatischen Korps gehört.

Zahlreiche Länder haben in den größeren Städten der Bundesrepublik Generalkonsulate bzw. Konsulate errichtet. Die daselbst amtierenden Generalkonsuln und Konsuln werden mit dieser ihrer Amtsbezeichnung angesprochen.


Heillose Verwirrung scheint in vielen Kreisen über die korrekte Anrede der Mitglieder der Adelshäuser zu herrschen. Daran mag einerseits die übertrieben wörtliche und daher mißverstandene Auslegung einer Gesetzesbestimmung der Weimarer Verfassung schuld sein, die das Adelsprädikat zu einem »Pars nominis«, zu einem »Teil des Namens« machte, worauf Übereifrige die erste Fürstlichkeit, der sie begegneten, munter mit »Herr Fürst« anredeten und vielleicht auch zu einem Mitglied des Hohenzollernhauses »Herr Prinz« gesagt hätten, wenn sich diese Gelegenheit geboten hätte. Die häufig auch in Büchern, die sich mit dem guten Ton befassen, vertretene Auffassung, daß ein Baron grundsätzlich mit »Herr Baron« zu titulieren sei, ist falsch. Sie gilt nur für das Personal. Wir aber wollen es tunlichst vermeiden, da wir ja weder auf spiegelndem Parkett auszurutschen noch uns in freiherrlichem Hause um eine Stelle zu bewerben gedenken.

Merken wir uns daher für den Umgang mit hochgeborenen Herrschaften folgendes:


Monarchen werden mit »Majestät« bzw. »Kaiserliche Majestät« (danach sollte man sich im Einzelfalle erkundigen) angeredet.

Was uns hier in Deutschland – theoretisch – passieren könnte, wäre ein Zusammentreffen mit Mitgliedern des ehemaligen deutschen Kaiserhauses. Sie werden gesellschaftlich aus Courtoisie mit »Königliche Hoheit« tituliert. Der Chef des Hauses Preußen (Hohenzollern) ist zur Zeit der älteste Sohn des verstorbenen [298] Kronprinzen, Prinz Louis Ferdinand von Preußen. Das »Genealogische Handbuch des deutschen Adels« (Fürstliche Häuser) gibt ihm das Prädikat »Kaiserliche und Königliche Hoheit«.

»Königliche Hoheit« war z.B. auch der kürzlich verstorbene Chef des Hauses Wittelsbach, der älteste Sohn Ludwigs III., Kronprinz Rupprecht von Bayern.


Aus dem bereits erwähnten »Genealogischen Handbuch« ist auch ersichtlich, ob Prinzen, Fürsten und Herzöge nach Adelsbegriffen »Königliche Hoheit«, »Hoheit« oder »Durchlaucht« sind. Grundsätzlich empfiehlt sich beim Gebrauch dieser Anreden eine gewisse Vorsicht, da man nur allzuleicht zuviel des Guten tun könnte. Aus dem Munde einer älteren Dame oder eines älteren Herrn etwa wäre »Prinz Schreckenstein« oder »Fürst Schreckenstein« vollauf genügend.


Grafen werden normalerweise auf gesellschaftlich gleicher Ebene mit ihrem Adelsprädikat und dem Namen angesprochen, also »Graf Felseneck«. Doch auch hier eine mögliche Ausnahme: Wer als sehr junger Mensch einen sehr alten Herrn mit »Herr Graf« anredet, wird deshalb keineswegs für devot und unsicher, sondern nur für gut erzogen gehalten werden. Angestellte sagen grundsätzlich »Herr Graf«.


Freiherrn spricht man mit »Herr von ...« an. Man kann ebensogut auch »Baron ...« sagen, was vielfach üblich ist, muß dann aber das »von« weglassen. Im übrigen gibt es nur ganz wenige Familien, die den Namen »Baron von ...« tatsächlich führen. Die Mehrzahl sind »Freiherrn von ...«.

Überhaupt wird das »von« zwischen dem Barontitel und dem Namen in der Anrede weder schriftlich noch mündlich angewandt. Man wird also als gesellschaftlich Gleichgestellter zum Freiherrn Herbert von Winkelried immer nur »Herr von Winkelried« oder »Baron Winkelried« sagen. Eine Ausnahme bildet nur die Anschrift auf einem Briefumschlag, den man ganz korrekt an »Herrn Herbert Freiherr von Winkelried« zu adressieren hätte.

Das alles hört sich ein bißchen kompliziert an. Wenn man aber die Spielregeln kennt, ist es gar nicht so schlimm. Wer damit rechnen muß, in einer Gesellschaft einer Anzahl von Mitgliedern verschiedener Adelshäuser zu begegnen, wird natürlich gut daran tun, zuvor noch einen Blick in den früheren »Gotha«, den Adelskalender, der jetzt »Genealogisches Handbuch des deutschen Adels« heißt, zu werfen. Da steht ganz genau verzeichnet, wer seit wann was ist. Im übrigen heißt es, bei der Vorstellung die Ohren spitzen. Das ist ja der Vorzug einer gut organisierten gesellschaftlichen Veranstaltung, daß man sich nicht selbst bekannt zu machen braucht, sondern vorgestellt wird. Und ein vollendeter Hausherr bzw. die Hausfrau werden diese Vorstellung schon so vornehmen, daß man sich [299] hinsichtlich Rang und Titel des anderen keine Sekunde im unklaren bleibt. Immerhin könnte es theoretisch ja vorkommen, daß sich ein gutaussehender junger Mann leicht vor uns verbeugt und verbindlich lächelnd sagt: »Preysing«. Dann wäre es natürlich nicht sonderlich angenehm, wenn wir im Verlaufe eines nun begonnenen Gespräches etwa sagten: »Sagen Sie mal, mein lieber Herr Preysing, wie denken Sie eigentlich über die Tendenz der Engländer, den zweireihigen Anzug abzuschaffen?« und der Hausherr in diesem Augenblick zu uns träte und fragte: »Stimmt es übrigens, Graf Preysing, daß Sie die nächste Mille Miglia mitfahren wollen?« (Sie überlegen, lieber Leser, wie man sich nach diesem kleinen Malheur verhalten sollte? Nun – ich würde vorschlagen: nicht rot werden und sich nicht entschuldigen, sondern in der Unterhaltung ganz ungezwungen fortfahren, nun jedoch »Graf Preysing« sagen.)

Vielleicht liegt darin sogar ein gewisser Reiz des Spiels auf spiegelndem Parkett, daß man zwar durch Dritte mit Rang und Würden vorgestellt wird, sich selbst aber – falls das notwendig werden sollte – nur mit dem blanken Namen vorstellt. Kein Adliger von Welt käme auf die Idee, sich in der Gesellschaft mit »Fürst Lessenberg« vorzustellen. Er würde »Lessenberg« sagen – nicht mehr. Kein Universitätsrektor würde sich mit den Worten »Gestatten Sie – Professor Dr. Helmberg« verneigen. »Helmberg« – weiter nichts. Und wer uns in die Augen sieht und »Hahn« sagt, gibt uns ein nettes Rätsel auf – kann sich doch hinter diesem Namen z.B. ein Nobelpreisträger, ein Großkaufmann oder der Leiter eines der berühmtesten Internate der Welt verbergen.

Wenn dagegen jemand schlicht »Preußen« sagt, dann sollten wir wissen, daß wir vor einem Mitglied des Hauses Preußen (Hohenzollern) stehen und uns in Sekundenschnelle darüber klarwerden, daß es sich vermutlich um eine »Königliche Hoheit« handelt.


Kirchliche Würdenträger haben Anspruch auf die ehrende Höflichkeit eines jeden kultivierten Menschen, gleich welchen Glaubens. Der tiefe Ernst, mit dem sie sich dem ausschließlichen Dienst an der Kirche verschrieben haben, gebietet Achtung und Ehrfurcht auch dann, wenn wir selbst nicht streng gläubig sind und einer anderen Religionsgemeinschaft angehören.

An der Spitze der katholischen Kirche steht der Papst, der mit »Heiliger Vater« oder »Euere Helligkeit« angesprochen wird.

Höchste Würdenträger nach dem Papst sind die Kardinäle, die im Range eines königlichen Prinzen stehen und mit »Euere Eminenz« tituliert werden. (Die Kardinalsinsignien sind Brustkreuz, Mitra und Ring.)

Bischöfe stehen an der Spitze eines Bistums. Mehrere Bistümer bilden ein Erzbistum mit dem Erzbischof als höchstem kirchlichem Herrn – Erzbischöfe und [300] Bischöfe sind »Erzbischöfliche Gnaden« und »Bischöfliche Gnaden«, werden jedoch im allgemeinen mit »Exzellenz« angesprochen. Gebräuchlich, wenn auch nicht ganz so ehrerbietig, ist die Anrede »Hochwürdigster Herr« für einen Bischof. Richtig dagegen ist sie für Prälaten, Äbte und Domherren.

Alle anderen katholischen Geistlichen spricht man mit »Hochwürdiger Herr« oder, ebenso korrekt, mit »Hochwürden« an.

Außer den Priestern gibt es nun noch Ordensangehörige. Diese Laienbrüder und -schwestern, die Mönche und Nonnen also, wird man mit »Ehrwürdiger Bruder« oder »Ehrwürdige Schwester« anreden und damit ihre freiwillig übernommene Mission taktvoll gewürdigt haben. Die Oberin eines Ordens ist »Ehrwürdige Mutter«, eine Äbtissin »Hochwürdige Frau Äbtissin«.

Weniger kompliziert sind die Anreden evangelischer Geistlicher, die man je nach Ortsgebrauch mit »Herr Pfarrer«, »Herr Pastor« oder »Herr Prälat« ansprechen kann. Selbst ein Superintendent, dessen Wirkungsbereich etwa der Diözese eines katholischen Bischofs entspricht, wird uns die Anrede »Herr Superintendent« nicht verübeln.


Mit Wirtschaftsführern, die in leitender Stellung stehen, maßgeblichen Anteil am wirtschaftlichen Geschehen haben, für Tausende von Angestellten und Arbeitern verantwortlich und mit ihrem Namen in aller Mund sind, ist es einfach, sobald wir Angehörige ihres Betriebes sind. Wir schulden unseren Chefs selbstverständlich gebührende Achtung und werden sie nur mit dem üblichen »Herr Direktor« oder gar »Herr Generaldirektor« titulieren.

Anders dagegen sieht es aus, wenn sich diese hohen Herren in Gesellschaft begeben. Dann wird Herr Generaldirektor Lehmann vom weltberühmten Lehmann-Mammut-Konzern zumindest gegenüber der Damenwelt und gleichaltrigen, gesellschaftlich gleichrangigen Herrschaften schlicht zum »Herrn Lehmann«. Andererseits klänge es doch wohl etwas seltsam, wenn der 25jährige cand. ing. Schulze auf einem Bankett, auf das ihn sein würdiger Onkel geführt hat, zu eben dem weltberühmten Lehmann sagen wollte: »Herr Lehmann – ich war neulich zufällig dabei, als Ihr neuester Hochofen angeblasen wurde ...« Ich könnte mir vorstellen, daß die Chancen des jungen Schulz, nach erhaltenem Diplom eine Ingenieurstellung im Lehmann-Konzern anzutreten, mit dieser Anrede ziemlich gesunken wären. Nicht anders ginge es möglicherweise einem blutjungen Diplom-Volkswirt, der auf spiegelndem Parkett die große Ehre hat, einem Herrn Müller vorgestellt zu werden, von dem er weiß, daß er einst Jura studierte, seinen Referendar und auch den Assessor, nicht aber den Doktor »baute«, ins Bankfach übertrat und sich in zwei Dutzend Jahren an die Spitze eines Bankkonzerns emporarbeitete, dessen Präsident er nun ist. Wäre unser junger Volkswirt nicht sehr unklug, wenn er den Bankpräsidenten fragen würde: [301] »Herr Müller – halten Sie es für möglich, daß die deutsche Währung noch in diesem Jahre frei konvertierbar wird?« Natürlich wäre es unklug – und sowohl er als auch der angehende Diplom-Ingenieur werden sich hüten, gesellschaftliche Regeln so ungeschickt auszulegen. Und der Generaldirektor wird selbstverständlich »Herr Generaldirektor«, der Bankpräsident der »Herr Präsident« bleiben. Hier muß, wie auch sonst so oft, das Gefühl dem einzelnen sagen, was richtig ist. Wer jung ist, wird Älteren gegenüber mit so häufig vorkommenden Titeln wie »Direktor« und »Präsident« nicht allzu grobe Schnitzer machen können. Rein interne Stellungsbezeichnungen dagegen wie etwa »Pressechef«, »Werbeleiter«, »Abteilungsleiter« und »Prokurist« werden auf dem spiegelnden Parkett nicht benutzt, es sei denn, sie würden erklärend im Rahmen einer Vorstellung erwähnt. Und in der Unterhaltung zwischen dem Volontärarzt eines Krankenhauses und dem Abteilungsleiter eines großen Industriekonzerns wird der Arzt den anderen auch dann nicht mit »Herr Abteilungsleiter« anreden, wenn er weiß, daß besagter Industriemann ein Monatsgehalt bezieht, das etwa doppelt so hoch ist wie sein eigenes Jahreseinkommen. Dagegen ist es sehr gut möglich, daß der Abteilungsleiter, der als wohlerzogener Mann um den Doktortitel des Jüngeren nicht herumkommt, seinerseits das »Herr« wegläßt, einfach »Doktor« sagt und damit die Jugend des anderen ebenso dezent andeutet wie die Höhe des eigenen Einkommens. (Und im übrigen auf dem Heimweg endgültig beschließt, seien eigenen Sohn nicht studieren zu lassen.)


Das gleiche Fingerspitzengefühl, von dem wir oben sprachen, wird uns auch in kleineren »gesellschaftlichen Gemeinden«, also etwa in Kleinstädten, den rechten Ton und mit ihm die rechte Anrede finden lassen. Bekanntlich spielen in diesen zahlenmäßig begrenzten gesellschaftlichen Zirkeln – deren Etikette nicht selten ungewöhnlich streng ist – die »Honoratioren« mit ihrem Anhang die maßgebende Rolle. Zu den Honoratioren (vom lateinischen honoratos = geehrt) gehören zumeist der »Herr Bürgermeister«, der »Herr Doktor«, der zuweilen sogar noch »Herr Sanitätsrat« ist, der »Herr Apotheker«, der »Herr Pfarrer«, der »Herr Lehrer« und diverse andere Persönlichkeiten wie Geheim-, Kommerzien-, Hof-und andere Räte. Hier hat die Etikette ein wenig andere Formen, die zu belächeln jedoch ungerecht wäre, denn auch hier besteht ein ehrliches Streben nach Kultiviertheit der Lebensäußerung. Wer in diese Kreise aufgenommen werden will, weil er dort leben muß, der hüte sich zu lächeln – trotz des beim Kaffeekränzchen graziös von der Tasse weggestreckten kleinen Fingers der rechten Hand. Er bekäme sonst »kein Bein auf die Erde« – wie der Berliner Mißerfolge so bildhaft zu bezeichnen pflegt.


Weisen wir schließlich noch darauf hin, daß Universitätslehrer, soweit sie Professoren sind, dienstlich und gesellschaftlich auf diesen Titel Anspruch haben. Solange sie an der Spitze einer Universität stehen, also das Amt eines Universitätsrektors versehen, gebührt ihnen brieflich und offiziell die Anrede »Magnifizenz«.


[302] Und die dazugehörigen Damen? Grundsätzlich sind verheiratete, aber auch ältere unverheiratete Damen »gnädige Frauen«. Das ist kaum falsch und wird in Zweifelsfällen immer passen. (Was mir einmal passierte, gehört wohl zu den Seltenheiten: Ich sprach eine nachweislich 69 Jahre alte unverheiratete Kommerzienratsschwester, Haupt einer alten Kaufmannsdynastie, mit »Gnädige Frau« an, worauf die Dame mir huldvoll lächelnd die Hand bot und sagte: »Fräulein, bitte! Ich bin sehr stolz darauf!« Ich hätte der Dame, die trotz ihrer fast 70 Jahre noch immer die einstige außergewöhnliche Schönheit ahnen ließ, gern gesagt, daß das eigentlich gar kein Grund zum Stolz, sondern vielmehr ausgesprochen schade sei – doch fiel mir die für dieses Kompliment erforderliche Form nicht rechtzeitig ein.)


Das »gnädige Fräulein« dagegen hört man nicht mehr so häufig wie früher. Trotzdem ist es aus dem Munde eines Herrn noch immer richtig und formvollendet. Wann es durch die weniger förmliche Namensanrede »Fräulein Berger« ersetzt werden kann, muß der Entscheidung des Herrn überlassen bleiben, die dieser wiederum nach der Glätte des jeweiligen Parketts treffen wird.

Die junge unverheiratete Dame spricht die ältere verheiratete mit »Gnädige Frau« an. Auch bei verheirateten Frauen wird die wesentlich jüngere die andere »Gnädige Frau« nennen. Dagegen wäre es übertrieben, wenn eine 50jährige unverheiratete Ministerialrätin eine jungverheiratete 25jährige Ehefrau mit »Gnädige Frau« anreden wollte. Vielmehr wäre es da umgekehrt, falls es die junge Frau nicht vorzöge, »Frau Ministerialrätin« zu sagen, was ebenfalls korrekt ist.

Ehefrauen haben – wenigstens formell – keinen Anspruch auf den Titel ihrer Männer, sofern sie ihn nicht ebenso erworben haben. Die Frau des Ministerialrats Dr. Berg ist also »Frau Berg« und somit »gnädige Frau«, und das gleiche gilt für die Ehegefährtin des Universitätsprofessors. Dagegen könnte die Frau des Arztes Dr. Schneider recht gut »Frau Doktor« sein, wenn sie nämlich Medizin studiert und Staatsexamen gemacht hat.

Trotzdem sei hier nochmals erwähnt, daß es nichts schadet, wenn man alten Damen, die aus früheren Zeiten noch eine Anrede wie »Frau Hofrat«, »Frau Kommerzienrat« oder »Frau Geheimrat« gewöhnt sind, in den letzten Jahren ihres Lebens die Sachlichkeit der formlosen Ansprache erspart und sie auch weiterhin so verbindlich tituliert.

Eine Ausnahme übrigens gilt in diesen Titeldifferenzen zwischen Titelträgern und ihren Ehefrauen: die »Exzellenz«. Wir begegnen zwar nur mehr wenigen deutschen Exzellenzen, da ja der Titel vor fast vierzig Jahren abgeschafft wurde. Wer ihn jedoch noch aus der davorliegenden Zeit trägt, darf erwarten, daß auch seine Frau mit »Exzellenz« angesprochen wird.


C. Auf spiegelndem Parkett

Die weiblichen Adelstitel entsprechen den männlichen, desgleichen die Anreden. Die Ehefrau eines Herzogs ist »Herzogin«, eines Fürsten »Fürstin«, eines Prinzen »Prinzessin«.

Die Gräfin ist »Gräfin Felseneck«. Nur bedeutend jüngere Menschen beiderlei Geschlechts können »Frau Gräfin« sagen, wenn sie es nicht vorziehen, ihre höfliche Erziehung ebenfalls durch ein »verehrte Gräfin Felseneck« zum Ausdruck zu bringen. Seitdem das Prädikat »Graf« zum Bestandteil des Namens geworden ist, wird die unverheiratete Tochter eines Grafen nicht mehr mit »Komtesse«, sondern ebenfalls mit »Gräfin« angeredet.

Sinngemäß verfährt man bei der Ehefrau eines Barons, die nicht etwa »Baronesse«, sondern »Baronin« ist. Da sie in den meisten Fällen aber nicht »Baronin«, sondern »Freifrau« sein wird, ist die Anrede »Gnädige Frau« absolut korrekt. Die unverheirateten Töchter werden heute mit »Gnädiges Fräulein« oder »Fräulein von ...« angesprochen. Die Bezeichnung »Baronesse« oder »Freiin von ...« ist kaum noch gebräuchlich, was jedoch nicht ausschließt, daß das Personal eines Grafen oder Freiherrn von den unverheirateten Töchtern als »Komtessen« oder »Baronessen« spricht. Der »Freiin« könnte man vielleicht auf einer Visitenkarte begegnen, auf der es möglicherweise heißt »Maria Gräfin von Schreckenstein, geb. Freiin von Winkelried«.

Ehefrauen in Geschlechtern, die lediglich ein »von« ohne sonstigen Adelstitel vor dem Namen führen, werden grundsätzlich mit »gnädige Frau« angeredet wie andere Damen auch, was für Kavaliere richtiger ist als etwa »Frau von ...« sagen zu wollen. Letzteres werden nur Damen, nicht aber Herren tun.

Und damit dürfen wir die Herren mit dem Damenflor getrost allein lassen, denn sie haben, selbst wenn ihnen der Kopf schwirren sollte, immer noch den Rettungsanker der »gnädigen Frau«, der auch in stürmischen gesellschaftlichen Wogen zuverlässig hält.


Noch kennen wir uns nicht! Gleich aber werden wir uns kennenlernen. Wenn es eine große »fête« ist, auf der wir noch unbekannt sind, wird man uns »herumreichen«. Nun gilt es! Wir betreten buchstäblich spiegelndes Parkett. Aller Augen richten sich auf uns – wohlwollend, neugierig, kritisch, interessiert, zweifelnd. Es gibt da zahlreiche Möglichkeiten. Wir aber lächeln. Weder siegesbewußt noch verlegen, weder überheblich noch subaltern – sondern sicher und verbindlich. Natürlich ist das auch eine Kunst. Aber die Fertigkeit wächst mit der Gewöhnung an diese Zeremonie, und manche bringen es darin zu wahrer Meisterschaft. Wenn sie durch große Flügeltüren treten, haben sie bereits gewonnenes Spiel. Alle Anwesenden denken (und manche flüstern es sich bereits zu): »Scheinen ganz nette Leute zu sein ...« Auch in dieser Situation spielt eine große Rolle:


[305] Der erste Eindruck! Nach Möglichkeit soll er doch ein recht günstiger sein. Einmal aus grundsätzlichen Erwägungen, denn wir zeigen uns stets von der besten, d.h. wohlerzogenen Seite, zum anderen, weil man nie wissen kann, ob uns nicht gerade dieser erste Eindruck schon recht bald diverse Sprossen auf der Leiter des gesellschaftlichen und mit ihm des beruflichen Erfolges emporführt.

Daß zu der Sicherheit, mit der wir uns gern geben möchten, das Bewußtsein korrekter Kleidung gehört, ist selbstverständlich. Es bedarf also nicht im Moment des Eintritts letzter, kontrollierender Griffe zum Haar, zum Rüschchen oder zur Krawatte. Dafür hingen in Garderobe und Diele diesbezügliche Spiegel.

Wenn uns der Hausherr oder die Hausfrau bereits in Empfang genommen haben und uns vorausgehen, dann erleichtert das unser Entree erheblich. Wir brauchen uns nur anzuschließen und sind somit – wenigstens für dieses Mal – der Schwierigkeit enthoben, die richtige »Marschgeschwindigkeit« zu finden, mit der wir das Parkett betreten. Je größer die Gesellschaft, je größer die Räumlichkeiten, um so weiter sind die Entfernungen! Und da finden gar nicht alle Eintretenden immer das richtige Tempo. Manche stürzen hinein, als wollten sie eine Verspätung gutmachen, anderen sieht man am zögernden Schritt ihre Hemmungen an. Beides sieht nicht sehr glücklich aus.

Dabei bewegen wir uns normalerweise doch nur unter gewöhnlichen Sterblichen. Wieviel Sicherheit erfordert das Betreten einer hochoffiziellen Gesellschaft erst, wenn der Empfang nach strengem Zeremoniell mit Zeremonienmeister erfolgt, wie es zuweilen an fürstlichen Höfen noch der Fall ist! Wenn der Zeremonienmeister in die Tür des Saales tritt, in dem rechts und links die bereits Anwesenden in plaudernden Gruppen stehen, während sich die Gastgeber angeregt unterhalten – dreimal mit seinem Stab klopft und in die einsetzende Stille ruft: »Herr und Frau Meier!« Wenn das Gespräch verstummt und sich alle Blicke auf uns richten. Wenn sich eine Gasse zu bilden scheint, durch die wir hindurch müssen, und wir plötzlich an Weidengerten denken, die als Spießruten einst vorzügliche Dienste leisteten. Wenn unser Lächeln einzufrieren droht. Wenn aus den dreißig Metern bis zur Dame des Hauses dreihundert zu werden scheinen. Dann hilft nur noch, sich alle anwesenden Damen mit Lockenwicklern, alle Herren in langen Unterhosen vorzustellen. Und wie störend Hände sein können! Oft glaubt man, deren zuwenig zu haben – hier aber scheinen selbst zwei zuviel zu sein. Dabei darf man nicht einmal eine einzige in die Tasche stecken.

Aber ganz so schlimm ist das Ganze natürlich nicht, vorausgesetzt, daß wir unserer selbst sicher sind und einigermaßen wissen, was nun kommt:


Vorstellung und Bekanntmachung. Da beides keines wegs dasselbe ist und seine [306] bestimmten Gebote hat, rufen wir uns die Faustregeln noch einmal ins Gedächtnis.

1. Es werden vorgestellt


der Herr der Dame,

die unverheiratete junge Dame der verheirateten Frau,

der Jüngere dem Älteren,

der Rangniedere dem Ranghöheren.


Weil aber ein Spiel, auch das gesellschaftliche, nur dann wirklich Spaß macht, wenn es keine allzu einfachen Regeln hat, gibt es natürlich auch hier ein paar


Ausnahmen: So kann es auch richtig sein, die Dame dem Herrn vorzustellen, wenn der Herr sehr alt und würdig, die Dame dagegen noch sehr jung ist.

Ebenso wird man eine junge Dame, obwohl verheiratet, dennoch einer Unverheirateten vorstellen, wenn diese wesentlich älter ist.

Und auch den Ranghöheren kann man unter Umständen dem Rangniederen vorstellen, dann nämlich, wenn dieser wesentlich älter ist.

2. Es werden miteinander bekannt gemacht


gleichaltrige Personen, sofern sie gleichrangig sind, oder – umgekehrt ausgedrückt –

gleichrangige, wenn sie auf gesellschaftlich gleicher Stufe stehen.


Die Vorstellung der eintreffenden Gäste ist in erster Linie Sache des Hausherrn und der Hausfrau. Nun kann es natürlich vorkommen, daß mehrere Gäste unmittelbar nacheinander eintreffen, so daß die Gastgeber infolge Begrüßung der neuankommenden Gäste am Vorstellen verhindert sind. In diesem Falle werden ein männliches Mitglied der Familie, ein guter Freund oder Untergebener, denen der Gästekreis natürlich bekannt sein muß, die weitere Vorstellung übernehmen. Ein geschickter Hausherr wird – vor allem in größeren Gesellschaften, in denen er einander Vorgestellte bald allein lassen muß, um sich anderen Aufgaben oder Gästen zu widmen – gut daran tun, es nicht bei der bloßen förmlichen Vorstellung zu belassen, sondern den Beteiligten ein paar Stichworte zu liefern, mit deren Hilfe der erste Kontakt leichter fällt. Er wird also mit dem kaum 40jährigen Dr. Brandt zu dem duzbefreundeten älteren Schriftsteller Meiser treten und sagen: »Lieber Kurt, darf ich dir Dr. Brandt vorstellen, der an das hiesige Institut für Luftfahrtforschung berufen ist – Herr Meiser, von dessen neuestem Roman »Bäume tragen Blätter« Sie sicher gehört haben. Und jetzt darf ich die Herren bitten, mich für ein paar Minuten zu entschuldigen ...«

Erst nachdem der Hausherr auch den Namen des Bestseller-Autors genannt hatte, streckte dieser dem Luftfahrtingenieur die Hand entgegen, nicht eher und auch nicht umgekehrt – denn Meiser ist der ältere, und der ältere gibt [307] zuerst die Hand. Und als der Hausherr sich dann den anderen Gästen zugewandt hatte, wußten die beiden wenigstens voneinander, wer und was sie waren. Herr Meiser konnte den »Doktor« nicht für einen Arzt halten und ihn fragen, ob er an dem kürzlich beendeten Chirurgenkongreß teilgenommen hätte, und Dr. Brandt wußte wenigstens, daß der andere nicht mit dem bekannten Kognakfabrikanten gleichen Namens identisch war.

Wenn der Hausherr seinen Gast Dr. Brandt zu dem alten Geheimratsehepaar Krause geführt hätte, würde er – zu Geheimrats gewandt – gesagt haben: »Verehrte gnädige Frau – Herr Geheimrat – darf ich Ihnen Herrn Dr. Brandt vorstellen?«, um sich dann an Brandt zu wenden: »Herr Geheimrat Krause, Frau Krause.« Brandt hätte sich schweigend über die Hand der Frau Geheimrat gebeugt, die diese ihm zuerst gereicht hätte, um dann die dargebotene Hand des Geheimrats zu ergreifen, ebenfalls mit einer dem Alter des anderen entsprechenden Verbeugung.

Nehmen wir an, nun wäre der Herr Amtsgerichtsrat Dr. Listig mit seinem 20jährigen, dem Gastgeber noch unbekannten Sohn erschienen. Dann wären Vater und Sohn auf die Hausfrau zugegangen, Papa hätte sich über deren dargebotene Rechte gebeugt und gesagt: »Liebe gnädige Frau – darf ich Ihnen meinen ältesten Sohn Herbert vorstellen?« Mehr hätte Papa zunächst nicht zu sagen brauchen – vor allem aber nicht den Namen der begrüßten Hausfrau, denn der Zwanzigjährige hätte ohnehin gewußt, daß die von seinem korrekten Vater als erste begrüßte Dame nur die Hausfrau sein konnte. Zum Hausherrn gewandt, der vermutlich neben der Hausfrau gestanden hätte, würde er »mein ältester Sohn« sagen, falls dieser dem Gastgeber noch nicht bekannt war. Hausherr oder Hausfrau hätten beide Neuankömmlinge schließlich nach Bekanntmachung mit den älteren Gästen auch zu Fräulein Schön, der 25jährigen Sängerin, geführt und gesagt: »Fräulein Schön, darf ich Ihnen Herrn Amtsgerichtsrat Dr. Listig vorstellen«, und der listige Amtsgerichtsrat hätte sich – nicht über die Hand der (ja unverheirateten!) jungen Dame gebeugt, sondern als Mann von Welt nur eine nicht allzu tiefe Verbeugung gemacht. Dann hätte die Hausfrau gesagt: »Und das ist Herr Listig junior!«, oder aber Vater Listig wäre ihr mit einem »Und das, gnädiges Fräulein, ist mein Sohn!« zuvorgekommen. Auch dem Junior wäre rechtzeitig eingefallen, daß man unverheirateten jungen Damen nicht die Hand küßt, obwohl er hart in Versuchung war, gute Lebensart zu demonstrieren.

Inzwischen wären neue Gäste erschienen, der 36jährige Freiherr von Winkelried mit seiner Frau. Wie der wären Hausherr oder Hausfrau mit den neuen Gästen auf das würdige Geheimratsehepaar zugesteuert, hätten diesmal aber, zur »Geheimrätin« gewandt, gesagt: »Gnädige Frau – darf ich Ihnen Herrn und [308] Frau von Winkelried (oder Baron und Baronin Winkelried) vorstellen? – Herr Geheimrat und Frau Krause.« Und dann hätten sich die Hände gereicht: die Frau Geheimrat der Baronin, die Baronin dem Herrn Geheimrat, die Frau Geheimrat dem Baron, der Herr Geheimrat dem Baron. Und bestimmt hätte der Baron sich über die Hand der Frau Geheimrat, vermutlich aber auch der Geheimrat, als Kavalier alter Schule, über die Hand der sehr viel jüngeren Baronin gebeugt.

Wenig später trifft auch die ledige Oberärztin Dr. Heil ein, die wie eine Mittzwanzigerin aussieht, soviel weiß wie eine Mittvierzigerin, und Mitte Dreißig ist. Nun träte die aufmerksame Hausfrau in Aktion. Sie wendet sich an die zufällig allein stehende Frau von Winkelried und sagt: »Liebe Frau von Winkelried (der Hausherr würde sagen: »Verehrte gnädige Frau« oder »Verehrte Baronin«) – darf ich Ihnen Fräulein Dr. Heil vorstellen – Frau von Winkelried.« Vermutlich ist Frau von Winkelried jünger – dennoch ist es richtig, ihr die Ärztin und nicht sie der Ärztin vorzustellen. Denn einmal ist Frau von Winkelried verheiratet, zum anderen erschien die Ärztin nach ihr.

Übrigens hätte es durchaus auch sein können, daß die tüchtige Oberärztin als »Frau« Dr. Heil vorgestellt worden wäre, denn sie hat das Recht, sich »Frau« zu nennen.

Als dann kurz darauf Herr v. Winkelried wieder auftauchte und zu seiner Frau trat, die sich mit Fräulein Dr. Heil unterhielt, übernahm es nun die Baronin, die beiden einander vorzustellen, und sie sagte: »Fräulein Doktor, darf ich Ihnen meinen Mann vorstellen? – Fräulein Dr. Heil, die Oberärztin am Städtischen Krankenhaus.«

Währenddessen wären Hausfrau und Hausherr – oder deren Beauftragter für die Vorstellung – natürlich auch weiterhin um die Gäste bemüht gewesen und hätten dafür Sorge getragen, daß sich alle gut unterhielten. Verschiedene Vorstellungszeremonien hätten sie noch leiten müssen. Sie hätten Dr. Brandt mit dem gleichaltrigen Rennfahrer Wulf Hagen zusammengebracht: »Meine Herren, darf ich Sie miteinander bekannt machen – Herr Hagen, der bekannte Rennfahrer – Herr Dr. Brandt, der sich zumeist eine Etage höher bewegt ...«

Die Hausfrau hätte auch blitzartig erfaßt, daß an einem Tisch die Unterhaltung zu stocken drohte, wäre zwanglos hinzugetreten und hätte etwa gesagt: »Übrigens, meine Herrschaften, hat Ihnen der Herr Geheimrat schon erzählt, daß sein Sohn eingeladen worden ist, Vorlesungen an der Universität Ohio zu halten?« Und sie hätte ihrem Mann unauffällig zugeflüstert: »Herbert – kümmere dich doch einmal um Fräulein Schön und frage sie, ob sie singen wird.« Und dann wäre ihr vielleicht siedendheiß eingefallen, [309] daß in der Fülle der Gäste zwei Leute nicht miteinander bekannt gemacht worden waren: Die alte Exzellenz und eben Fräulein Schön! Das hätte sie auch noch nachgeholt und dem alten Erstkriegs-General ins fast taube Ohr hinein gesagt: »Exzellenz – darf ich Ihnen Fräulein Hannelore Schön vorstellen, die erste Sopranistin der Städtischen Oper. Wir hoffen, daß sie uns heute noch mit ein paar Liedern erfreuen wird.« Exzellenz hätte sich vor Hannelore Schöns Schönheit verbeugt und gesagt: »Wie schade – daß ich nicht mehr so gut höre und daher um den sicherlich großen Genuß kommen werde!« Und nicht einmal die versierte Hausfrau hätte dem noch immer markanten Gesicht angesehen, daß Exzellenz dachten: Da sieht man wieder, wofür Taubheit gut sein kann ...

Überhaupt, die Gute hätte ja ihre Augen überall gehabt. Und dennoch wäre ihrem strahlenden Gesicht nichts von der Sorge darüber anzumerken gewesen, die auch die vollendetste Hausfrau in einem so großen Kreis nie los wird, daß nämlich doch hier und dort etwas schiefgehen könnte. Aber darüber sprechen wir später noch.

Hier wollen wir zu dem Grundsätzlichen über das Problem der Vorstellung und der Bekanntmachung noch einiges hinzufügen.


Da wäre einmal die Frage: Wer steht bei der Begrüßung auf?

Zunächst einmal alle Herren! Auch wenn es nur Herren sind, die sie da begrüßen wollen, sollen oder müssen. Und bei Damen allen Alters – aber das ist wohl keine Frage!

Auch Damen erheben sich – wenn sie nämlich Geschlechtsgenossinnen begrüßen, die älter, würdiger oder verheiratet sind. Oder wenn sie einem um viele Jahrzehnte älteren Herrn vorgestellt werden. Selbst bei Begrüßung einer gleichrangigen, annähernd Gleichaltrigen sieht es immer besser aus, aufzustehen, als unter Umständen im falschen Augenblick sitzenzubleiben.

In kleineren Gesellschaften, bei denen die Anwesenden bereits zwanglos Platz genommen haben, werden alle Herren sofort aufstehen, sobald eine Dame – ob mit oder ohne Begleitung – den Raum betritt.

Das ist nur richtig, denn die älteren unter ihnen werden ohnehin zuerst bekannt gemacht und den Jüngeren, die als letzte bei der Vorstellungszeremonie drankommen, schadet es nichts, wenn sie ein paar Minuten stehen.

In großen Gesellschaften taucht diese Frage nur selten auf, da ohnehin zumeist das Eintreffen aller Gäste abgewartet wird, ehe man Platz nimmt, und die bereits Anwesenden solange in zwanglosen Gruppen beieinanderstehen.


Und wie ist es, wenn man sich selbst vorstellen muß?

[310] Das kann, zumeist allerdings nur auf großen Gesellschaften, schon einmal vorkommen. Sei es, daß die Gastgeber nirgends zu sehen sind, sei es aber auch, daß man eingeladen wäre, ohne überhaupt jemanden zu kennen. Hat man also keinen Bekannten, an den man sich mit der Bitte um Weiterreichung und Vorstellung wenden könnte, dann sucht man sich ein passendes Opfer: einen Dritten, als männliches Wesen einen etwa gleichaltrigen Mann, als Frau eine Dame in annähernd gleicher Alterslage.

Als Herr würde man sich dann verbeugen und etwa sagen: »Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle ...«, und dann folgt der Name. Wohlgemerkt – der blanke Name, ohne Rang und Würde, ohne Titel und Adelsprädikat. Das ist bescheiden, korrekt und entspricht vollendeter Etikette. Und nach dem Händedruck würde man dann noch den neuen Bekannten bitten: »Würden Sie wohl so liebenswürdig sein, mich der Hausfrau vorzustellen?« Und der andere würde natürlich.

Ja – und da ist einmal folgende Geschichte passiert: In eine große Gesellschaft trat ein blendend aussehender Mittdreißiger, sah sich einen Augenblick um, wandte sich dann in der oben beschriebenen Form an einen etwa gleichaltrigen Herrn und nannte nach der üblichen Vorrede seinen Namen: »Lessenberg.« (Natürlich war es ein anderer Name.) Der Herr, dem er sich vorgestellt hatte, entsprach sofort der Bitte und machte Herrn Lessenberg mit allen Anwesenden bekannt, hübsch der Reihe und Entfernung nach. Der Zufall wollte es, daß er erst im zweiten Raum die Hausfrau erblickte. Er schritt mit seinem Schützling – den er über die Rolle der nun zu begrüßenden Dame mit einem Wort aufgeklärt hatte – auf die Gastgeberin zu und stellte vor: »Gestatten Sie, gnädige Frau, daß ich Ihnen Herrn Lessenberg vorstelle?« Und er vermochte sich das ganz leise Rot im Gesicht von Madame gar nicht zu erklären. Die Hausfrau aber, wie alle vollendeten Damen mit einem hervorragenden Gedächtnis begabt, entsann sich blitzartig einer vor drei Tagen während ihrer Abwesenheit abgegebenen Karte mit umgeknicktem rechtem Rand und sagte herzlich: »Es ist reizend, lieber Graf Lessenberg, daß Sie unserer Einladung gefolgt sind!« Und ihr Mann bummelte mit dem neuen Gast durch die Gästegruppen und sagte ein paarmal zwanglos: »Meine Damen und Herren, wie ich höre, haben Sie unseren jüngsten Legationsrat, Graf Lessenberg, bereits kennengelernt ...«, worauf Damenköpfe huldvoll lächelnd nickten und die Herren nochmals eine leise Verbeugung andeuteten. Damit war das kleine Malheur repariert. (Daß der hoffnungsvolle Legationsrat außerdem noch drei Doktortitel führte, erfuhr man erst später.)

Die Moral? Nun – ein wenig Schuld hatte jener von dem Legationsrat um Vorstellung gebetene Herr natürlich auch. Er hätte nämlich den neuen Gast [311] schnurstracks zur Dame des Hauses führen müssen, dann wäre der Arme nicht erst einmal ringsherum »blank« vorgestellt worden. Nun geht das natürlich nicht immer. Und da ich selbst Derartiges schon mehrfach erlebt habe, verfahre ich als »Vorsteller« folgendermaßen: Ich frage ganz höflich und bemühe mich dabei um mein entwaffnendstes Lächeln, etwa so: »Herr Burgdorf – was darf ich den Herrschaften sonst noch sagen?« Dann wird mich der Betreffende [312] vielleicht fragend und erstaunt ansehen, aber ich lasse nicht locker: »Sehen Sie, Herr Burgdorf – Deutschland ist bekanntlich titelfreudig und neugierig. Führen Sie vielleicht Titel, oder hat Ihr Name partes, mit denen wir den Anwesenden eine Freude machen könnten?« Und dann werden die meisten lächelnd mit dem herausrücken, was sie zu bieten haben.

Grundsätzlich aber: Immer auf dem kürzesten Wege zur Hausfrau!


C. Auf spiegelndem Parkett

Auch Damen können in die Verlegenheit kommen, sich selbst vorstellen zu müssen. Sie tun dies (außer im Geschäftsleben) nur anderen weiblichen Wesen gegenüber. Auch die Dame wird sich einen weiblichen Gast in etwa gleichem Alter aussuchen und dann aber – nicht nur den Nachnamen nennen: »Ich bin Maria Schön – darf ich mich mit Ihnen bekannt ma chen?«, so etwa würde sie sagen, wenn sie schon wer wäre – wie etwa unsere Opernsopranistin. Bescheidener klänge: « ... darf ich mich Ihnen vorstellen?«

Zu dieser Form wäre zu raten, wenn Maria mit weiblichem Scharfblick erkannt hätte, daß die solchermaßen Angesprochene verheiratet ist. Was sie auf keinen Fall sagen würde, wäre: »Ich bin Fräulein Maria Schön!« Wäre Maria Schön bereits verheiratet, verwitwet oder geschieden, dann müßte es heißen: »Ich bin Frau Maria Schön.«

Eine unverheiratete Dame gesetzten Alters in Rang und Würde könnte sich – im Gegensatz zur Herrenwelt – getrost mit einem ihrer Titel vorstellen: »Ich bin Frau Ministerialrat Klug.« Einmal hat sie sich das ehrlich verdient, zum anderen ist es nur fair, wenn man die anwesenden Männlichkeiten rechtzeitig auf das Nahen eines scharf geschliffenen weiblichen Geistes aufmerksam macht und ihnen Gelegenheit gibt, sich zu wappnen. (Wir werden nicht gern überrumpelt.)


Ach, die »Gattin« ist's, die teure!

Natürlich haben Sie recht, liebe Leserin. Es ist tatsächlich die Gattin aus Schillers »Glocke«. Das berechtigt Sie, verehrte Freundin, aber keineswegs dazu, von Ihrem Gatten als »mein Gatte« zu sprechen! Ebensowenig dürfen Sie von Ihrem Herrn Gemahl als »mein Gemahl« oder »mein Herr Gemahl« erzählen! Denn für Sie ist Ihr Mann schlicht und einfach »mein Mann«. Nichts anderes! Unter gar keinen Umständen! Lassen Sie sich niemals zu einer dieser beiden grundfalschen Formulierungen hinreißen – auch dann nicht, wenn Sie Ihr Gesprächspartner zu einer solchen Wendung geradezu herauszufordern scheint, etwa durch die Frage: »Wie geht es eigentlich Ihrem Herrn Gemahl, gnädige Frau?« Dann sagen Sie grundsätzlich: »Ach, Herr Huber, seit mein Mann die Auslandsabteilung seiner Firma übernommen hat, pendelt er immer zwischen Düsseldorf und Buenos Aires hin und her ...« und nicht etwa: »Mein Gemahl ist sehr häufig im Ausland ...«

[313] Wenn Sie sich dagegen mit einer anderen Dame unterhalten und sich nach dem Befinden des Mannes Ihrer Gesprächspartnerin erkundigen wollen – dann sieht es anders aus.

Ist besagte Dame viel älter und auch viel »höher« als Sie (so daß Sie sie mit »Gnädige Frau« anreden würden), dann werden Sie sagen: »Gnädige Frau – wie geht es Ihrem Herrn Gemahl?« Wenn Sie sich schon mehrfach gesehen haben, sich schon näher kennen, ohne daß Sie deshalb allerdings die Schranken der Ihnen als der Jüngeren gebotenen Form durchbrochen hätten, dann könnten Sie auch sagen: »Gnädige Frau – wie geht es übrigens Ihrem Gatten?« Ich persönlich finde – und ich stehe mit dieser Meinung keineswegs allein da – die Ausdrücke »Gatte« und »Gattin« scheußlich und betrachte die angelsächsische Gewohnheit, von dem Ehepartner als »Herr ...« oder »Frau ...« zu sprechen, als durchaus nachahmenswert.

Ist die andere Dame dagegen nicht viel älter als Sie und mit Ihnen schon recht gut bekannt, dann werden Sie selbstverständlich fragen: »Übrigens, meine Liebe, was macht Ihr Mann?«

Bringen Sie, liebe gnädige Frau, die Regeln dieses Spiels so schnell wie möglich auch Ihrem Mann bei! Ich darf doch schon »Ihr Mann« sagen – wir kennen uns doch bereits einige Zeit, nicht wahr? Auch er darf von Ihnen (trotz Ihres Charmes) niemals als von »meiner Gattin«, »meiner Gemahlin« oder »meiner Frau Gemahlin« sprechen!

Und wenn man ihn fragt, wie es denn seiner »Frau Gemahlin« oder »seiner Gattin« ginge, dann wird er auch immer nur seufzend sagen dürfen: »Meine Frau leidet von Jahr zu Jahr stärker unter dem Föhn!«

Wenn er – Ihr Ehepartner – mit bekannten Herren von deren Ehefrauen spricht, dann hat er ebenfalls die Möglichkeiten der drei Höflichkeitsstufen. Er wird also zum Senatspräsidenten sagen: »Herr Präsident, wie ich soeben höre, war Ihre Frau Gemahlin so liebenswürdig, meiner Frau ein ganz neues Spargelrezept zu verraten ...« Seinem Hausarzt gegenüber klingt es bereits eine Stufe vertraulicher: »Lieber Doktor – es ist eigentlich erstaunlich, wie gut sich Ihre Gattin nach der schweren Krankheit erholt hat!« (So würde er sich ausdrücken, falls er das Wort »Gattin« schön fände.) Und zu seinem Freund Werner dürfte er sagen: »Werner, ich glaube, du bist ein vorbildlicher Ehemann – deine Frau wird von Tag zu Tag jünger ...«


Der Handkuß war einst selbstverständlich, dann wurde er seltener, und jetzt ist er wieder modern. Es wird augenblicklich zu viel handgeküßt, und zwar ziemlich wahllos, so daß man glauben möchte, es sei der Befehl ergangen, alle in den letzten 20 Jahren unterlassenen Handküsse nachzuküssen.

[314] Nun demonstriert der Handkuß aber keineswegs immer gute Lebensart. Er kann im Gegenteil sogar durchaus beweisen, daß der solchermaßen Schein-Höfliche in Wirklichkeit nicht die geringste Ahnung davon hat, nach welchen Regeln Hände geküßt werden dürfen. Diese Regeln lauten:

Zunächst einmal – ein korrekter Handkuß ist gar kein Kuß auf die Hand, sondern nur die Andeutung eines solchen! Der Herr neigt sich über die Hand der Dame, ohne die Lippen auf den Handrücken zu drücken! Die Neigung als solche endet also einige Millimeter oder gar Zentimeter über der Hand. Woraus klar hervorgeht, daß es »lange« Handküsse nicht gibt.


C. Auf spiegelndem Parkett

Handküsse erfolgen nur in geschlossenem Raum – nicht unter freiem Himmel! Auf der Straße also eine Dame mit Handkuß zu begrüßen, bereitet dieser Dame, wenn sie wirklich eine ist, nicht etwa Freude und Genugtuung, sondern Enttäuschung. (Nur im Film liest die Hauptdarstellerin aus einer solchen Geste statt mangelnder Erziehung das schüchterne Eingeständnis aufkeimender Liebe heraus.) Erinnern wir uns hier jedoch noch einmal daran, daß der Garten einer Privatgesellschaft als geschlossener Raum gelten darf.

[315] Nur verheirateten oder älteren Damen gebührt der Handkuß! Auch hier verderben schlechte Filme gute Sitten. Schließlich ist er in erster Linie eine Andeutung der Verehrung, nicht aber eine Liebeserklärung. Und wer einem jungen Mädchen jeden Alters, mag es noch so hübsch oder würdig sein, die Hand küßte, darf mit Sicherheit damit rechnen, daß ihm die anwesenden älteren Damen diese Geste ziemlich verübeln würden. Es sei denn, die Dame wäre eine Monarchin oder aber – und das wäre, vielleicht, die zweite Ausnahme, die in dieser ansonsten strengen Regelung gestattet werden könnte – seine offizielle Verlobte.

Wir haben vorhin daran erinnert, daß der Handkuß nur angedeutet wird. Das ist insofern wichtig, als es Leute gibt, die auf dem Standpunkt stehen, man dürfe die behandschuhte Rechte einer verheirateten Dame nicht küssen. Diese hygienische Begründung klänge einleuchtend, wenn – aber wir küssen sie ja gar nicht, sondern neigen uns nur über die Hand. Wenn Sie also auf einen großen Ball gehen, auf dem die Damen fast ausnahmslos im großen Abendkleid erscheinen – zu dem ja wiederum lange Handschuhe gehören –, dann beugen Sie sich, meine Herren, auch über die solchermaßen verhüllten Hände!

Vielleicht dürfen wir auch noch erwähnen, daß es neben der einzig richtigen äußeren Form des Handkusses – bei der sich der Herr über die Hand der Dame beugt – noch eine andere gibt, der man gar nicht selten begegnet.

Vor allem in Kreisen der Salonlöwen (zoologisch leo salonis). Leo schreitet mit Siegerlächeln auf die Dame zu, bleibt hochaufgerichtet stehen, ergreift ihre Rechte, hebt sie sich vor das Gesicht und placiert einen langen Kuß – seine Linke umfaßt dabei noch zärtlich das Gelenk des so innig verehrten Mädchens, während ein feurig vertrauter Blick unter buschigen Brauen von flammender Sehnsucht erzählt. An sich wäre das nur komisch. Leider aber werden von Zeit zu Zeit erstklassige Schauspieler von zweitklassigen Regisseuren gezwungen, dieses drittklassige Benehmen in viertklassigen Filmen als beispielhaft vornehm vorzuexerzieren.

Meine Herren, bitte reißen Sie die Hand der Dame nicht zu sich empor.

Und Sie, meine Damen, werden gut daran tun, Ihrem Grußpartner Ihre Rechte nicht fordernd vor die Nase zu halten. Sie werden im Augenblick des Händedrucks unschwer merken, welche höflichen Absichten Ihr Gegenüber hat. Wenn er Ihre Hand zu heben beginnt, dann folgen Sie ihm. Nur dann, wenn dieser so netten Höflichkeitsregel eine beschwingte, natürliche Grazie anhaftet, wird sie auch für Dritte ein reizvoller Anblick sein. Das aber soll sie doch!

Der Handkuß auf männliche Hände ist im allgemeinen nicht mehr üblich. Nur der gläubige Katholik erweist seinem Kirchenfürsten diese Ehre. Er beugt sich [316] über die Hand, die den Papst- oder Bischofsring trägt, und küßt den Ring, nicht die Hand. Früher küßten auch Kinder ihren Eltern die Hand, und zwar nicht nur der Mutter, sondern auch dem Vater. Aber das findet man heute kaum noch, obwohl es keine unschöne Geste war und manche Väter es sicherlich verdient hätten.


Und etwas für junge Damen: Auch Sie, liebe junge Freundin, haben durchaus die Möglichkeit, Ihrer auffälligen Verehrung alten Damen gegenüber sichtbaren Ausdruck zu verleihen. Es schadet nichts, wenn Sie sich ebenfalls über die Hand einer mütterlichen Freundin beugen, die Ihnen ein halbes Jahrhundert an Alter und Erfahrung voraus hat. Selbst dann nicht, wenn auch Sie bereits glückliche junge Mutter wären.

Sie können statt des Handkusses auch einen graziösen Knicks andeuten. Der muß keineswegs nur Herrscherhäusern vorbehalten sein. Wenn Sie eine alte Dame in einer solchen Form ehren, heißt das durchaus nicht, daß Sie ein Stück Ihrer Persönlichkeit oder Ihrer Würde preisgeben. Ihre kleine höfliche Ehrung aber wird wie ein wärmender Sonnenstrahl in den Lebensabend des alten Mütterchens fallen – und Ihnen ein Herz gewinnen.


Wir sind ja eigentlich immer noch im Begriff, einander vorgestellt zu werden und uns somit kennenzulernen. Daß wir uns über diese Begrüßungszeremonie so eingehend unterhalten konnten, beweist nur, wie viele Gesichtspunkte auch hier der Beachtung wert sind. Immer um jenes ersten Eindrucks willen, den wir auf andere machen, und der doch nach Möglichkeit recht vorteilhaft sein soll. Dieser erste Eindruck, den wir bereits von der äußeren Erscheinung, vom Auftreten, vom Gesichtsausdruck her hinterlassen, wird wieder beeinflußt durch die ersten Worte, die wir wechseln.

Fangen wir dabei ganz von vorn an, wörtlich bei den allerersten Worten.

Da lernen wir also mit Hilfe des Hausherrn einen anderen Gast kennen. Wir wissen ja, wie das geht: »Meine Herren – darf ich Sie bekannt machen? Herr Weber – Herr Busch.« Und zu jedem der Namen fügt er noch etwas Erklärendes hinzu, damit beide einen Gesprächsstart haben. Nun lächeln sich aber – in der Praxis – die beiden nicht nur an und schütteln sich mit leichter Verbeugung die Hände, o nein, zumindest einer tut noch ein übriges. Während er die Hand des anderen drückt, murmelt er, für alle Fälle, nochmals: »Busch!« Sein Gegenüber bleibt stumm, dennoch fügt Busch hinzu: »Sehr erfreut!« oder auch »Sehr angenehm!« Und er meint es gut, er freut sich wirklich, den Weber kennenzulernen, diesen ausgezeichneten Journalisten, der so interessant und klug über Amerika geschrieben hat. Aber er wundert sich im stillen, daß dieser so sympathisch aussehende Mann nicht einmal ein »Ganz meinerseits!« für nötig hält.

[317] Ja, so sieht es im Kopf von Herrn Busch aus. Dabei hätte er nicht den geringsten Grund dazu. Der Journalist Weber ist nämlich trotz seiner Klugheit keineswegs eingebildet oder betont selbstbewußt – er hat sich nur lange genug auf glattem Parkett bewegt, um genau zu wissen, wie er sich bei der Vorstellung zu verhalten hat. Er weiß zwar, daß die Hälfte aller Leute auch trotz der Vorstellung durch Dritte glaubt, ihren Namen selbst nennen zu müssen. Er weiß ferner, daß es jeder zweite nicht fertigbringt, sich mit einem Lächeln und einem stummen Händedruck zu begnügen, sondern zusätzlich versichert, daß es ihm zumindest »angenehm«, wenn nicht gar »sehr angenehm« sei. Trotzdem verzichtet der wohlerzogene und routinierte Weber auf das erwartete »ganz meinerseits!«, denn er weiß schließlich auch, daß diese Sitte eine Unsitte ist, die in guter Gesellschaft keineswegs gepflogen wird.

Dabei hätte es Busch doch sehr einfach gehabt. Der Hausherr hatte ihm bei der Vorstellung das Stichwort »Journalist« geliefert. Folglich hätte er sagen können: »Oh, Herr Weber, ich freue mich, Sie kennenzulernen. Ich habe Ihre letzten Amerikaberichte mit großem Interesse gelesen und kann Sie jetzt noch einmal persönlich fragen, wie denn nun eigentlich ...« Und schon wären beide mitten im Gespräch gewesen, Weber hätte Busch für parkettreif gehalten, und Busch wäre keinen Augenblick auf die Idee gekommen, Weber sei arrogant. Natürlich kamen beide trotzdem ins Gespräch, nur hatten sie sich gegenseitig in falschem Verdacht. Allmählich aber konnte sich auch Weber davon überzeugen, daß Busch im Prinzip gar kein ungehobelter Kerl war, sich eben nur dann und wann in Kleinigkeiten als nicht ganz sattelfest erwies.


Die Unterhaltung. Aus den ersten Worten entwickelt sich alsbald ein zwangloses Gespräch, und das zwanglose Gespräch wird allmählich zu einer je nach Thema ernsthaften oder heiteren Unterhaltung.

Nun ist es ja eine alte Erfahrungstatsache, daß nicht wenige Leute sich selbst am liebsten reden hören. Dabei kann es durchaus sein, daß sie fesselnd zu erzählen verstehen und all das, was sie sagen, Hand und Fuß hat. Nur werden sie von ihrer eigenen Erzählerkunst nicht selten so fortgerissen, daß sie kein Ende mehr finden, ehe nicht auch die gesellige Veranstaltung zu Ende ist. Worauf zwei Dutzend nach Hause gehen – beeindruckt zwar von dem Gehörten, doch mit dem Gefühl, daß der Abend weniger ein zwangloser Gedankenaustausch gewesen sei als vielmehr der Vortragsabend eines einzelnen. Und sie stellen ein wenig betrübt oder auch verärgert fest, daß sie selbst gar nicht zu Worte gekommen seien und nicht einmal Gelegenheit gefunden hätten, sich mit Herrn X. zu unterhalten, um dessentwillen sie eigentlich in erster Linie hingegangen waren.

Besser – halten wir uns an die bewährte Regel: Die beliebtesten Gesellschafter sind nicht die, die reden, sondern jene, die zuhören, das heißt schweigen können. [318] Natürlich soll derjenige, der etwas zu sagen hat und aufgefordert wird zu erzählen, sich nicht lange bitten lassen. Er wird aber gut daran tun, in nicht allzu großen Abständen auch andere zu Wort kommen zu lassen. Nur wenn er ganz sicher ist, daß auch der letzte der Anwesenden keinen anderen Wunsch hat, als nur ihm zu lauschen, dann mag er sich zu längerem Bericht verleiten lassen.

Auch die Wahl des ersten Gesprächsstoffs in kleinen Gruppen ist eine Kunst, die nicht jeder beherrscht. Einen Stoff gibt es, der absolut tabu ist, das sind abwesende Dritte! Es sei denn, man diskutiert ernsthaft ihre guten Seiten und positiven Fähigkeiten. Ansonsten aber lassen wir die Finger davon. Es macht keinen guten Eindruck, hinter dem Rücken Abwesender über sie zu lästern. Zudem weiß man nie, ob nicht einer der Zuhörer mit eben jenen, die da durchgehechelt werden, bestens bekannt ist. Nicht zuletzt aber zeugt die Wahl eines solchen Gesprächsstoffes von beachtlicher Einfallslosigkeit.

Es gibt genügend neutrale Themen. Von Theater über Musik, Literatur und andere Kunstzweige bis zu Tages- oder allgemeinwissenschaftlichen Fragen. All das kann so gehalten werden, daß jeder dem Gespräch zu folgen vermag. Wenn Experten anwesend sind, so werden sie sich zweckmäßigerweise mit ihren Ausführungen in verständlichen Bahnen halten, ohne das eigene Wissen so deutlich zu demonstrieren, daß alle anderen, die da Laien sind, zwischen Langeweile und Minderwertigkeitskomplexen hin- und hergerissen werden, weil ihnen die nur für Spezialistenohren verständlichen Ausführungen Hekuba sind.

Ein außerordentlich gefährlicher Explosivstoff der Unterhaltung kann möglicherweise die Politik sein. Ihn sollte jeder geschickte Gastgeber bereits im Keime ersticken, selbstverständlich mit liebenswürdiger Eleganz. Aber das diplomatische Geschick, dessen es hierzu häufig bedarf, lohnt sich in jedem Fall. Denn bei politischen Gesprächen sind es erfahrungsgemäß die Männer, die zu Hyänen werden.

Der erfahrene Gesellschaftsmensch versteht es, eine gemeinsame Gesprächsebene zu ertasten. Er weiß auch sehr rasch, ob er besser daran tut, an der Oberfläche zu schwimmen, oder ob er getrost einige geistige Tauchversuche unternehmen darf. Immer aber wird er es vermeiden, sich in sein eigenes Spezialgebiet zu verlieren, in das ihm kaum einer folgen kann. Der Kunsthistoriker wird der Inhaberin einer Fabrik für Wäschemaschinen nicht hartnäckig zu erklären versuchen, inwieweit Lucrezia Borgia während ihrer letzten Jahre am Hofe zu Ferrara die geistige Entwicklung des Philosophen Bembo beeinflußte. Perlon wäre da doch ein neutraleres Thema. Und der Luftfahrtsachverständige sollte eine Kunstgewerblerin nicht mit Machscher Zahl und Tragflächenbelastung in müdes Erschrecken versetzen, auch wenn die Deutsche Lufthansa bereits wieder fliegt.

[319] Die Kunst der verbindlichen Unterhaltung besteht also letztlich in der Fertigkeit, die Lieblingsthemen eines jeden Partners möglichst schnell und unauffällig zu erfassen. Und das ist gar nicht schwer, vorausgesetzt daß wir – ihn reden lassen.


Wir machen Besuch

Bevor wir uns näher mit den verschiedenen Besuchsformen befassen, wäre noch an Grundsätzliches zu erinnern, das in unmittelbarem Zusammenhang mit diesem Kapitel steht und teilweise in Vergessenheit geraten ist. Dazu gehört zunächst die Frage der


Besuchszeiten – strenggenommen: Früher galt als offizieller Besuchstag der Sonntag, die Zeit lag entweder zwischen 12 und 13 oder zwischen 17 und 18 Uhr. Das hat sich inzwischen geändert, und nur in ländlichen Gemeinden mit dem streng konservativen »Honoratiorensystem« wird auch heute noch daran festgehalten. Ansonsten aber ist verschiedenes anders geworden. Teils liegt das daran, daß erste Besuche am dritten Ort, etwa im Geschäft des Besuchten, vorgenommen werden – wo der Betreffende dann auch tatsächlich vormittags zu erreichen ist. Andererseits hat es sich allmählich herumgesprochen, daß im Zeitalter der Managerkrankheit nicht wenig Leute großen Wert darauf legen, sonntags nach eigener Fasson selig zu werden und möglichst fern von jeder Etikette zu leben – so etwa, wie es die Engländer tun.

Immerhin gilt die Zeit zwischen 12 und 13 Uhr noch immer als offizielle Besuchszeit. (Auf dem Lande und in Kleinstädten ist der Zeitraum von 11 bis 12 Uhr praktischer, da man hier erfahrungsgemäß früher zu Tisch geht.) Wer also ein gesellschaftlich bunt bewegtes Leben führt und wochentags nicht zu Hause ist, darf sich nicht wundern, wenn es sonntags kurz nach 12 Uhr bei ihm an der Tür klingelt und irgendwer seinen offiziellen Antrittsbesuch machen will. Der Besuchte und seine Frau haben nun zwei Möglichkeiten: Entweder sie sind um diese Stunde grundsätzlich empfangsbereit, oder aber sie empfangen nicht – selbst wenn sie zu Hause sind. Dazu sind sie nämlich nicht verpflichtet, wenn der oder die Besucher unangemeldet kommen. Allerdings dürfen sie dann zu dieser Stunde niemanden empfangen – auch nicht einen guten Freund, der fünf Minuten später erscheint, prompt eingelassen wird und wenige Tage darauf beiläufig eben jenen »Abgewiesenen«, die er zufällig kennt, von seinem Besuch erzählt.

Also – zwischen 12 und 13 Uhr und nach Möglichkeit nicht sonntags. Damen können übrigens ihre Besuche auch zwischen 17 und 18 Uhr abstatten. Wenn sie allerdings klug sind, verstehen sie es, sich vorher zu versichern, daß sie willkommen sind.

Wie aber, wenn es uns nun tatsächlich passiert, daß wir klingeln, ein blitzsauberes [320] Mädchen öffnet und auf unsere Bitte, uns den Herrschaften zu melden, erwidert: »Die Herrschaften sind nicht zu Hause.« Dann sind wir weder empört noch beleidigt, denn – das ist alles völlig korrekt und auch strengster Etikette gemäß. Schließlich haben wir uns ja nicht angemeldet! Das alles gilt für Deutschland. Im Ausland empfiehlt es sich, die ortsüblichen Zeiten und Gepflogenheiten rechtzeitig zu erkunden.

Und nun beginnt das Spiel mit der Besuchskarte. Weil man dabei aber sehr viel falsch machen kann, zünden wir uns jetzt eine Zigarette an – um Gottes willen nicht dort oben vor der Tür, sondern hier unter uns! – und lassen seufzend ein


kleines Kolleg über Visitenkarten über uns ergehen. Es muß sein! Selbst wenn sich da sehr viel gelockert hat, ist es doch gut, wenn man weiß, wie so etwas im Ernstfall aussehen muß. Zumal es uns ja jeden Tag passieren kann, daß andere das Spiel mit uns spielen, und dann sollten wir wenigstens wissen, was mit uns gespielt wird.


Aussehen, Gestaltung und Beschriftung der Besuchskarte gestatten scharfen Augen einen ersten Rückschluß auf die Persönlichkeit ihres Inhabers.


Die Größe der Visitenkarte des Herrn beträgt 9 × 5 cm, die der Dame 7,5 × 4,5 cm, die der Tochter 7 × 4 cm. Natürlich sind das Größenangaben, die nicht sklavisch eingehalten zu werden brauchen. Immerhin empfiehlt es sich, sie nicht nennenswert zu unter- und schon gar nicht zu überschreiten.


Als Material wird mattglänzender oder stumpfer weißer Karton verwandt.

Die Ränder sind glatt geschnitten.


Was die Aufschrift angeht, so müssen wir zwischen geschäftlichen und privaten Besuchskarten unterscheiden. Die geschäftliche Besuchskarte enthält alle für berufliche Zwecke notwendigen Angaben.


C. Auf spiegelndem Parkett

[321] Baulustige ebenso wie Lieferfirmen und Behörden wissen hier genau, mit wem sie es zu tun haben.

Als Schrifttypen wird man für die Geschäftskarte eine klare, deutlich lesbare, unkomplizierte Blockschrift wählen (eine Grotesk), deren Typen in Größe und Weite der Bedeutung der einzelnen Zeilen entsprechend gesetzt werden. Als Druckverfahren verwendet man gewöhnlich Buchdruck.


Gegenüber der Geschäftskarte ist die private Besuchskarte in den Angaben schlichter, in der Ausführung jedoch eleganter gehalten. Sie enthält entweder nur den Namen, gegebenenfalls mit dem akademischen oder Amtstitel darunter, und trägt keine Adresse. Das ist zwar korrekt, hat aber den Nachteil, daß der Empfänger einer solchen Karte außer dem Namen nichts weiter erfährt. Deshalb ist es heute vielfach üblich, auch die Adresse anzugeben. Im Gegensatz zur Geschäftskarte, die nach sachlichen Gesichtspunkten gestaltet ist, soll bei der privaten Besuchskarte die Mitte des unteren Randes keine Beschriftung tragen. Man könnte also theoretisch die Anschrift auf die linke oder rechte untere Seite verteilen. Zweckmäßiger ist es jedoch, die gesamte Adresse in die rechte untere Ecke zu setzen, damit die linke Seite für Vermerke frei bleibt.


C. Auf spiegelndem Parkett

oder


C. Auf spiegelndem Parkett

[322] Als Schrifttype ist die englische Kursivschrift am gebräuchlichsten. Natürlich kann man auch andere Schreibschriften wählen. Wesentlich ist, daß keine wuchtige Blockschrift den eigentlichen Charakter einer Visitenkarte zerstört, die ja gewissermaßen Ersatz für eine handschriftliche Notiz ist, die der Besuchende dem hinterläßt, den er besuchen wollte, aber nicht antraf.

Wer seine Karte wertvoller gestalten will, wird sie lithographieren lassen. Und geprägt ist sie natürlich am wertvollsten. Aber entscheidend ist das nicht. Ein Stahl- oder Kupferstich macht noch keinen Herrn. (Nur dann, wenn dieser Stich – außer dem an der häuslichen Wand – der einzige bleibt, den der Herr hat.)


Und nun die Privatkarte der Dame, zunächst der Ehefrau. Sie ist in der Ausführung gleich, im Format etwas kleiner. Hinsichtlich der Aufschrift hat die verheiratete Dame nicht weniger als drei Möglichkeiten:


Charlotte Meyer

geb. Bergmann


Die Angabe des Geburtsnamens ist im Ausland nicht üblich. Auch in Deutschland kann man ihn fortlassen, muß dann aber zwecks Angabe des Familienstandes vor den Namen ein »Frau« setzen:


Frau Charlotte Meyer


Schließlich aber kann sie auch schreiben:


Frau Leopold Meyer


Das ist bei uns zwar nicht sehr gebräuchlich, jedoch völlig einwandfrei. Im übrigen entspricht es der internationalen Sitte. Sowohl in Frankreich als auch in angelsächsischen Ländern darf auch auf der Karte der Ehefrau nur der Vorname des Mannes stehen. (Überhaupt sind dort die Bräuche im Visitenkartenspiel viel strenger als bei uns. Wenn man das alles wissen müßte! Nur ein Spezialstudium könnte da helfen. Ein »kleines Kolleg« täte es keinesfalls. Das mag jene trösten, die jetzt schon ungeduldig werden. Müßten sie doch beispielsweise in England wissen, daß die Adresse links unten steht, wenn man in London wohnt, dagegen rechts unten stehen muß, wenn man seinen Wohnsitz auf dem Lande hat. In Frankreich müßte die Dame wissen, daß »Madame« vor dem Namen ihres Mannes unbedingt auszuschreiben wäre. Und vieles, vieles mehr.)


Seltener trifft man die gemeinsame Karte eines Ehepaares, die nur mehr diejenigen dringend benötigen, die in sehr exponierter, etiketteabhängiger Stellung leben oder im diplomatischen Dienst tätig sind. Ansonsten tun es die getrennten Karten auch.

Auf der gemeinsamen Karte müßte stehen:


Herr und Frau Leopold Meyer


[323] Was dagegen nicht auf der Karte stehen dürfte, wäre: »Herr und Frau Professor Meyer«. Wenn wir aber eine schmalere Karte in die Hand bekommen, auf der zu lesen steht


Maria Schön


dann wissen wir sofort, daß es sich um eine unverheiratete Dame handelt, die selbstverständlich nie und nimmer ein »Fräulein« vor ihren Namen setzen wird. Dagegen kann sie – wie jede Dame übrigens – eines tun, wenn sie überkorrekt sein will: Adressenangabe und vor allem das Telefon weglassen, um jedem, aber auch jedem Verdacht, mag er noch so unbegründet sein, vorzubeugen.

An dieser Stelle darf ich für alle Visitenkarteninhaber noch einen praktischen Hinweis geben: Lassen Sie sich für Ihre Karten passende neutrale weiße Kuverts anfertigen, mit deren Hilfe Sie die Karten auch verschicken können. Auch das geht nämlich unter bestimmten Umständen. Und dann sähe es doch ein wenig unglücklich aus, wenn sich die verhältnismäßig kleine Karte in einem großen normalen Briefkuvert fürchtet!

Ich weiß, lieber Leser, es hat ziemlich lange gedauert, immerhin – wir haben jetzt unsere Besuchskarten, und zwar die richtigen.


Was fangen wir nun damit an? Sehr einfach – wir besuchen! Bitte nicht protestieren! Wir haben uns nun einmal auf das spiegelnde Parkett begeben, folglich wird auch geschlittert. Was wir mit den Karten im einzelnen machen, darüber unterhalten wir uns eingehend im übernächsten Abschnitt (»Der Antrittsbesuch«).

Hier merken wir uns als goldene Regeln zunächst ein paar Zahlen.

Bei Besuchen geben ab:


Ein unverheirateter Herr

bei Besuch unverheirateter Herren oder Damen1 Karte

bei Besuch eines verheirateten Herrn2 Karten

ein verheirateter Herr in Begleitung seiner Frau

bei Besuch eines unverheirateten Herrn1 Karte von sich

bei Besuch einer unverheirateten Dame1 Karte von sich

und 1 Karte

von seiner Frau

bei Besuch eines verheirateten Herrn2 Karten von sich

und 1 Karte von

seiner Frau

oder 1 Karte von sich

und 1 gemeinsame

Karte (»Herr

und Frau X«)


[324] Wer dieses fröhliche Zahlenspiel zum erstenmal hört, wird vielleicht ausrufen:

»Darauf einen Kognak!«

(Aber lassen Sie die Flasche in Reichweite stehen, es geht nämlich gleich weiter.)

Damit Sie nun, lieber Leser, vor allem meine lieben jungen Freunde, eine Antwort auf die in der Luft liegende Frage finden, was denn der ganze Unfug solle – warum insbesondere das Ehepaar seine Karten nach so merkwürdigen Gesichtspunkten verteile, lassen Sie mich eines feststellen: Es ist gar nicht so sinnlos und willkürlich, wie es im ersten Augenblick erscheinen mag.

Wollen wir einmal gemeinsam überlegen:

Wenn ein Verheirateter einem Unverheirateten einen Besuch abstatten oder einen solchen erwidern will bzw. muß, dann ist es nur sein Besuch, weil eine Dame im privaten Leben einem Herrn keinen Besuch abstattet – folglich gibt der Ehemann eine Karte von sich ab.

Wenn beide dagegen eine einzelne Dame besuchen, besucht auch die Ehefrau offiziell, denn eine Dame kann sie natürlich besuchen – folglich gibt der Ehemann je eine Karte von sich und seiner Frau ab.

Wenn beide schließlich ein anderes Ehepaar besuchen, gilt der Besuch des Ehemanns dem Herrn sowohl als auch der Dame des Hauses, während seine Frau nur die Hausfrau besucht – also gibt der Herr entweder zwei Karten von sich (für Hausfrau und Hausherrn je eine) und eine Karte seiner Frau (für die Hausfrau) oder aber eine Karte von sich (für den Hausherrn) und eine gemeinsame Karte (für Hausherrn und Hausfrau) ab. Letztere enthält dann gleichzeitig seine zweite noch fällige Karte für die Dame des Hauses.

Ja, und da Sie nun doch aufmerksam gefolgt sind, fällt Ihnen natürlich auf, daß wir einen Fall vergessen haben: Was gibt eine einzelne Dame ab, wenn sie privat Besuch macht? Nun – im allgemeinen die gleiche Kartenzahl wie ein unverheirateter Herr, mit einer Ausnahme: Wenn sie ihrerseits nämlich einen unverheirateten Herrn besucht: Dann gibt sie keine Karte ab. Nein, bestimmt nicht! Warum? Nun, weil eine einzelne Dame einem einzelnen Herrn gar keinen Besuch abstattet.

Wir sagten vorhin, als wir uns über die Beschriftung der Besuchskarten unterhielten, daß die Anschrift zweckmäßig rechts unten stehen solle, damit die linke untere Ecke für Vermerke frei bleibt. Merken wir uns daher gleich, solange die Kognakflasche noch nicht leer ist, welcher Art diese Vermerke sein können.

[325] Man bedient sich bei uns, soweit man von dieser Möglichkeit Gebrauch macht, der internationalen Form, die – nicht nur in Frankreich, sondern auch in anderen Ländern – französische Abkürzungen verwendet. So bedeutet also:


p.c. pour condolerum Beileid auszudrücken

oder p.p.p. pour prendre partum Beileid auszudrücken

p.f. pour féliciterum Glück zu wünschen

p.f.n.a. pour féliciter nouvel anum Glück zum neuen Jahr zu wünschen

p.p. pour présenterum vorzustellen

p.p.c. pour prendre congéum Abschied zu nehmen

p.r. pour remercierum zu danken


Es ist zweckmäßig, die französischen Abkürzungen zu wählen, da es andernfalls leicht zu Mißverständnissen kommen kann. Nicht jeder wird sofort wissen, ob z.B. mit der deutschen Übersetzung »U.A.z.n.« gemeint ist »Um Anteil zu nehmen« oder »Um Abschied zu nehmen«.

Was aber tun wir, wenn wir Visitenkarten mit einem dieser Vermerke erhalten? Prägen wir uns folgendes genau ein – es ist gar nicht so kompliziert, da es logisch ist:

1. Visitenkarten mit den Vermerken »p.c.«, »p.p.p.« oder »p.f.« werden durch Visitenkarten mit dem Vermerk »p.r.« erwidert – unbedingt und sofort, denn wir müssen uns ja für Anteilnahme oder Glückwünsche bedanken.

2. Eine Visitenkarte mit dem Vermerk »p.f.n.a.« würden wir, solange es sich nicht um einen im Rang höher stehenden Absender handelt, mit einer Karte mit dem Vermerk »p.r.p.f.« beantworten, was soviel heißt wie Dank und Erwiderung der Glückwünsche. Höflicher wäre es jedoch, sofort selbst eine Karte mit der Aufschrift »p.f.« oder »p.f.n.a.« zu senden, womit man den Eindruck erweckt, als habe man von sich aus daran gedacht, dem Empfänger ein glückliches neues Jahr zu wünschen.

3. Vorsicht bei Verwendung des Vermerks »p.p.«! Man gebraucht ihn nur, wenn man einen anderen, nicht aber sich selbst vorstellen will. Nehmen wir ein Beispiel: Polizeipräsident Meyer gedenkt den ihm zugeteilten Regierungsrat Kersten einzuführen. Dann wird er in diesem Falle (da es sich hier meistens um Bürobesuche handelt) gestatten, daß Herr Kersten seiner eigenen Karte eine »p.p.«-Karte des Polizeipräsidenten beifügt. Diese Karten dürfen ausnahmsweise im Briefumschlag übermittelt werden. Keinesfalls darf die »p.p.«-Karte bei einem persönlichen Besuch überreicht werden – es sei denn, der Polizeipräsident käme auch persönlich mit. Erwidert wird nur die Karte des Regierungsrates Kersten.

4. Karten mit den Vermerken »p.p.«, »p.p.c.« und »p.r.« werden nicht erwidert. [326] Und damit wissen wir nun bereits dreierlei über die kleinen weißen Kärtchen: wie sie aussehen sollen, wieviel man davon jeweils abgeben muß und mit welch geheimnisvollen Abkürzungen man sie versehen kann. Eigentlich könnten wir jetzt Besuch machen. Aber halt – da fehlt noch etwas, was dann und wann unbedingt benötigt wird: Blumen!


Blumen: Wann, wem, welche, wie? Die erste Frage ist schnell beantwortet. Blumen werden immer Freude machen. Jede echte Frau liebt diese duftenden Aufmerksamkeiten, die kleinen und bescheidenen nicht weniger als die großen und prunkvollen. Kein Wunder also, wenn sich auch die Kavaliere unserer Tage wieder mit winzigen Sträußchen oder gewaltigen Duftbesen bewaffnen, um damit Zärtlichkeit und Liebe oder Dank und Verehrung zum Ausdruck zu bringen. Immer aber wird der Dank der Empfängerin aus ehrlichem Herzen kommen, mag es nun die heimlich Angebetete, die verehrte mütterliche Freundin oder gar – die eigene Frau sein. So sind uns denn, womit auch die zweite Frage ihre Antwort hat, im Schenken von Blumen grundsätzlich keine Schranken gesetzt, sofern wir nicht gerade der jungen und hübschen Frau unseres Chefs ausgerechnet ... Ein Hinweis allerdings: Zu einem offiziellen Antrittsbesuch erscheinen wir natürlich ohne! Und auch zur Kondolenzvisite passen Blumen nur dort, wo es ortsüblich ist.

Doch nun weiter ... sofern Sie nicht gerade die liebreizende Gattin Ihres Vorgesetzten anläßlich einer jeden Einladung regelmäßig mit roten Rosen bedenken. Rote Rosen sprechen eine eigene Sprache, die von schönen Frauen unschwer enträtselt, von ihren Ehemännern jedoch nur allzu leicht mißverstanden wird. Vorsicht also mit roten Rosen! Sie lassen den unter Umständen voreiligen Schluß zu, daß die solchermaßen Beschenkte einmal die Ihre werden könnte, sofern sie es nicht schon ist. Und deshalb schenken Sie rote Rosen in erster Linie – Ihrer eigenen Frau!

Nelken sind in dunkelroter Ausführung übrigens von der Bedeutung jener roten Rosen nicht allzu weit entfernt. Da ich nun selbst zu jenen gehöre, die sehr wohl wissen, wie schön rote Nelken sind, andererseits aber auch nur sehr ungern mißverstanden werde, pflege ich derartige Sträuße zu »neutralisieren«, indem ich eine weiße Nelke in die Mitte binden lasse. Das lockert auf, sieht farblich sehr hübsch aus und spricht nicht mehr aus, als es soll – Dank und Verehrung.

Wenn Sie im kleinsten Kreise zum Tee oder Essen erscheinen, dann sind pastellfarbene Nelken eine vollendete Aufmerksamkeit gegenüber der Gastgeberin.

Aber nichts wäre falscher, als behaupten zu wollen, nur so und nicht anders ginge es. Alles, was da duftet, bunt und hübsch aussieht, dürfen Sie schenken.

[327] Und wenn Sie rechnen müssen, dann genieren Sie sich nicht, ein kleines buntes Feldsträußchen oder ein paar Maiglöckchen zu überreichen. Wesentlich ist nicht, was, sondern wie Sie es schenken.


C. Auf spiegelndem Parkett

Allerdings: Da die blumenfreudige Menschheit nun einmal seit undenklichen Zeiten ein erstaunliches Vergnügen daran gefunden hat, nicht nur in die Farben, sondern auch in die einzelnen Blumenarten selbst tiefere Bedeutungen hineinzugeheimnissen, wollen wir uns auch da merken, was zuweilen für »grundsätzlich« gehalten wird.

[328] So gibt es ganz mißtrauische Ehemänner, die selbst dem schlichten kleinen, bescheidenen Veilchenstrauß mit innerlich gerunzelter Stirn begegnen, wenn er ihrer Frau von dritter Seite überreicht wird. Heute seien es Veilchen – so befürchten sie –, und morgen könnten es schon rote Rosen sein.

Aus anderen Erwägungen heraus vermeiden Sie, auch der bezauberndsten Frau gegenüber, ihr Lilien zu schenken. Sie gelten, genau wie Immortellen, Astern und Calla, als Totenblumen.

Und rufen Sie sich rechtzeitig die Bedeutung der Farben ins Gedächtnis: Rot symbolisiert sehr herzliche Gefühle, weshalb Leute, die nichts falsch machen wollen, sogar vor dem harmlosen Klatschmohn zurückschrecken. Blau ist bekanntlich die Treue, so daß ein Kornblumenstrauß – je nach Lage der Dinge – Bitte oder Versprechen sein kann. Und sogar das winzige Bündel Vergißmeinnicht wird zuweilen als kategorischer Imperativ verstanden. Eine Omama aber soll, las ich kürzlich, die Erfahrung gemacht haben, daß Lila zu Mißverständnissen führe, Gelb ein Zeichen der Falschheit sei und Violett Trauer ankündige. Berücksichtigt man dann schließlich noch, daß von Kastanien ein ganz deutliches »Ich finde dich abscheulich!« abzulesen sein soll, dann gerät man fast in Versuchung, in das nächste Geschäft zu gehen und – Konfekt zu kaufen.

Mit der Größe des Straußes halte man sich in den dem Anlaß entsprechenden Grenzen. Weniger ist hier sehr häufig mehr. Natürlich sind Chrysanthemen sehr offiziell, und wenn Sie sehr hoch achten oder sehr tief verehren wollen, dann mögen sie auch stimmen. Ansonsten aber fragen Sie Ihre Fingerspitzen – dort muß nämlich das Gefühl dafür sitzen, ob nicht Tulpen oder Gladiolen, Schwertlilien oder Flieder richtiger sind. Ein Spötter hat einmal behauptet, einem Chrysanthemenstrauß sähe man fast immer an, daß er von der Sekretärin telefonisch bestellt, vom Chauffeur abgeholt und von der Steuer bezahlt worden sei. Aber, wie gesagt, der Mann war ein Spötter.

Wer aus festlichem Anlaß seine eigene Frau höchstpersönlich schmücken will, darf getrost auf die Idee kommen, ihr zum Anstecken eine Orchideenblüte zu überreichen, denn die Orchidee ist nun einmal eine Königin unter den Blumen – warum sie immer nur anderen schenken?

Herren schenken grundsätzlich nur Schnittblumen! Insbesondere dann, wenn sie die blühende Aufmerksamkeit persönlich zu überreichen gedenken. Topfpflanzen als Geschenk aus Männerhand sind nicht sehr glücklich.

Dagegen könnte es sehr gut sein, daß sich ein einsamer Junggeselle irgendwann einmal bei der Frau seines Freundes, in dessen Haus er ständig verkehrte, ohne sich mit Einladungen revanchieren zu können, für diese Gastfreundschaft mit einer kleinen Aufmerksamkeit bedanken möchte. Dann kann er, etwa aus Anlaß eines Feiertages, ohne weiteres eine Blumenschale schicken, ein hübsches Gebilde, [329] in dem vielleicht in moosiger Füllung Alpenveilchen oder Vergißmeinnicht, Stiefmütterchen oder Maiglöckchen, von pastelligem Farnkraut umgeben, wurzeln.

Topfpflanzen werden im allgemeinen nur von der Weiblichkeit an ebensolche überreicht, zur Bereicherung der Blumenfenster. Doch werden auch das nur gute Freundinnen untereinander tun, denn irgendwie ist der Blumentopf nun einmal, mag er auch noch so schön aussehen, nicht festlich.

Das Überreichen der Blumen erfolgt bei Paaren immer durch den Herrn! Die Papierhülle ist vorher zu entfernen. Man tue das rechtzeitig, am besten bereits im Wagen oder vor der Tür. Das Papier hat nichts im Hausflur zu suchen! Notfalls lasse man es in der Tasche verschwinden. Vor dem Druck auf den Klingelknopf jedoch muß man zur Überreichung bereit sein, denn es kann durchaus vorkommen, daß an Stelle des Personals (sofern solches überhaupt vorhanden) die Dame des Hauses höchst persönlich öffnet. Und dann wäre es doch schon recht peinlich, wenn man nun erst anfangen würde, das duftende Präsent zu enthüllen.

Nun ist es nicht jedermanns Sache, die Blumen persönlich zu überreichen. Die einen fürchten, ihnen könne bei der Übergabe ein so herrliches Bonmot entschlüpfen wie »Die Blume der Blume!«, der andere zieht es vor, auch Aufmerksamkeiten so dezent und unauffällig wie möglich zu erweisen. Wo immer die Gründe liegen mögen – es gibt ja Visitenkarten! Und Boten gibt es auch. Folglich läßt man die Blumen schicken – mit einer Visitenkarte, die man in ein Kuvert steckt, das man mit der Anschrift versieht. Hier ist z.B. schon ein Fall, bei dem das zur Visitenkarte gehörige Kuvert gute Dienste leistet.

Das kann man vor oder nach der Einladung tun. Wenn man die Blumen vorher schicken läßt, wird man das Geschäft so frühzeitig beauftragen, daß die blühende Aufmerksamkeit spätestens zwei Stunden vor Beginn der Festlichkeit eintrifft. Dann hat die Hausfrau noch rechtzeitig Gelegenheit, für dieses Geschenk einen entsprechenden Platz auszusuchen. Sendungen, die nach dem Abend geschickt werden, sind so zu disponieren, daß sie etwa zur Mittagsstunde des kommenden Tages eintreffen.

Vorher schickt man Blumen zu kleinen Einladungen sowie, was sich von selbst versteht, zu Geburtstagsfeiern.

Nachher sendet man sie, wenn man an großen, offiziellen Privatgesellschaften teilgenommen hat und sich noch einmal bedanken will.

Was aber schreibt man auf die Karte?

Auch da hat man die Möglichkeit der Wahl zwischen unförmlich und hochoffiziell.

Bei dem vorher zu schickenden Geburtstagsstrauß kann man, je nach Verhältnis zum Geburtstagskind, einen handschriftlichen Glückwunsch anfügen, der auf der [330] Vorderseite der Visitenkarte oben stehen muß, nicht auf der Rückseite! Er trägt keine Unterschrift. Statt ihrer gilt ja die Kartenaufschrift. Ein solcher Geburtstagsgruß hätte dann schon eine persönliche Note. Man kann es aber auch ganz offiziell und hoch korrekt machen, indem man in die linke untere Ecke der Visitenkartenvorderseite lediglich die beiden Buchstaben »p.f.« setzt. (Sie sind ja gar nicht so geheimnisvoll, wie sie aussehen. Wir wissen, daß sie bedeuten »pour féliciter – um Glück zu wünschen«, und können nur hoffen, daß es der Empfänger auch weiß.) Merken wir uns also noch einmal, daß wir Blumengrüße zu Geburtstagsfeiern, auf denen wir Gäste sein werden, aber nicht mit Blumen in der Hand erscheinen wollen, in jedem Falle vorher schicken müssen.

Blumensendungen zu anderen Veranstaltungen tragen, sofern sie vorher geschickt werden, weder Fußnote noch handschriftlichen Vermerk, da man ja nicht gut vorher für einen Abend Dank sagen wird, der einem noch bevorsteht. Schickt man die Spende jedoch nachher, dann kann sie entweder – bei näheren gesellschaftlichen Beziehungen – eine handschriftliche Notiz tragen wie »Mit aufrichtigem Dank ...« oder aber den offiziellen Vermerk »p.r.« (pour remercier – um zu danken).

Aber nicht nur als Dank für Einladungen oder als Geburtstagsgruß sind Blumen geeignet. Immer, wenn es gilt, Aufmerksamkeiten zu erweisen, können wir uns eines Straußes bedienen – ob nun der Freundessohn sein Examen bestanden hat, der Großonkel sein vierzigstes Jubiläum als Vereinsvorsitzender begeht, die Cousine einen Sohn bekommt oder die Frau des Direktors im Krankenhaus liegt. Auch wenn wir uns auf eine längere Reise begeben, können wir in einem Haus, in dem wir ständig verkehrten, mit Blumen adieu sagen. Und selbst die Anteilnahme im Todesfall wird mancherorts mit einer weißen Blumenspende zum Ausdruck gebracht.

Erhalten wir z.B. zum Geburtstag ein Blumenangebinde, dem eine Visitenkarte mit dem Vermerk »p.f.« beigefügt ist, dann gilt es, für diesen Glückwunsch zu danken. Wir werden unseren Dank jedoch nicht auf eine »p.r.«-Karte beschränken, sondern auf unsere Visitenkarte über den Namen zumindest so etwas schreiben wie: »Für die Glückwünsche und die herrlichen Nelken dankt herzlich ...« Ebensogut können wir uns natürlich zu einem richtigen kurzen Dankesbrief aufraffen.

Eines wollen wir uns in puncto Blumen noch mer ken: Anläßlich einer offiziellen Einladung bringt man keine duftenden Aufmerksamkeiten mit! Dabei ist es gleichgültig, ob wir zum Frühstück, zum Cocktail, zum Tee oder zum Abendessen eingeladen sind. Abgesehen davon, daß »man« es nicht tut – stellen Sie sich einmal vor, die Hausfrau bekäme innerhalb weniger Minuten (die Gäste [331] sind ja pünktlich) zehn bis zwanzig Blumensträuße! Was sollte die Ärmste damit anfangen? Wer der Hausfrau eine Aufmerksamkeit erweisen will, schickt die Blumen in der Form, wie wir sie bereits kennengelernt haben.


Nun wissen wir also Bescheid – mit Blumen und mit Visitenkarten. Zunächst brauchen wir nur die letzteren, denn: Wir machen einen Antrittsbesuch. An und für sich ist der persönliche Antrittsbesuch, vor allem in der Großstadt, nicht mehr sehr verbreitet. Ursprünglich war er ein Akt der Höflichkeit. Denn ein »Neuer« trat in einen unbekannten Kreis und hielt es für seine Pflicht, den anderen zu verraten, wer er sei, was er wäre, wie er aussähe und woher er käme. Darüber hinaus bedeutete die Antrittsvisite so etwas wie die fragende Bitte: Ich möchte mit euch verkehren! Nehmt ihr mich auf? In diese Überlegungen haben sich in unserer modernen Zeit, die ja infolge ihrer Hast und ihres Übermaßes an Arbeit nur mehr wenig beschaulich ist, auch berufliche Motive gemischt.

So werden ein Arzt oder ein Anwalt, die sich in einer kleinen Stadt niederlassen, natürlich ihren daselbst bereits seßhaften Kollegen einen Besuch abstatten.

Ähnlich wird ein Geschäftsmann verfahren. Denn je kleiner der Ort, um so geringer zwangsläufig die Distanz zum Nachbarn oder Konkurrenten. Was also läge näher, als sich hier rechtzeitig die Basis eines gutnachbarlichen, kollegialen Verhältnisses zu schaffen!

Doch auch der leitende Angestellte wird nicht umhin können, durch die Chefsekretärin vorfühlen zu lassen, ob und wann es angenehm sei, sich mit seiner Ehefrau der – soweit vorhanden – Frau des Chefs zu präsentieren. Diese Vorstellung erfolgt dann natürlich in der Privatwohnung des Chefs, denn seinem Höchsten hat er ja ohnehin schon im Büro einen offiziellen Besuch abgestattet.

Diese Form der Vorstellung ist im internationalen gesellschaftlichen Leben selbstverständlich.

Es kann nun auch vorkommen, daß man jemanden, dem man einen Antrittsbesuch abzustatten gedenkt, zuvor an einem dritten Ort, etwa auf einer Gesellschaft, kennengelernt hat. Dann kann man die Gelegenheit beim Schopf ergreifen und sich erkundigen, ob und wann man Besuch machen dürfe.

Wenn es ortsüblich ist, persönliche Antrittsbesuche zu machen, so hält man sich an die ortsüblichen Besuchszeiten. Im allgemeinen liegen diese zwischen 12 und 13 oder 17 und 18 Uhr. Allerdings – das sagten wir schon – kann es durchaus passieren, daß man uns nicht empfängt. Aber auch das ist ja in Ordnung. Der Besuch gilt trotzdem als abgestattet – der Form ist Genüge getan.

Aber nehmen wir an, die zu besuchenden Herrschaften seien zu Hause.

Unser Anzug ist von gedeckter Farbe. Am zweckmäßigsten ist der schwarzgraue [332] Marengo. Der Herr trägt weiße Wäsche, grauen Binder, schwarze Schuhe, Schirm und graue oder beigefarbene Handschuhe. Die Dame wählt ein Jackenkleid. Auch sie trägt Hut und Handschuhe.

Blumen haben wir nicht. Aber die Besuchskarten sind griffbereit. Wieviel es jeweils sein müssen, hängt von den Umständen ab. Erinnern wir uns noch einmal: Wenn wir als Ehepaar ein anderes Ehepaar ohne Schwiegermütter oder erwachsene Kinder im Hause besuchen, dann sind es entweder zwei Karten von uns (zwei »männliche«) und eine unserer Ehefrau (eine »weibliche«) oder aber eine eigene und eine gemeinsame (»Ehepaarskarte«).

Wenn sich auf unser Klingeln die Tür öffnet und ein dienstbarer Geist nach unserem Begehr fragt, dann bitten wir, uns den Herrschaften zu melden. Nun wird uns besagter gutgeschulter Geist – sofern wir vertrauenerweckend genug aussehen – in den Vorraum bitten (wenn die »Herrschaften« empfangsbereit sind) oder aber bedauernd flöten, die Herrschaften seien »leider nicht anwesend«. Im letzteren Falle können wir den rechten Rand der Visitenkarten nach oben umbiegen, bevor wir sie dem Hausgeist überreichen. Wir sagen freundlich »Auf Wiedersehen!«, und der Besuch liegt hinter uns.

Der rechte Rand – da gibt es den »Trick mit dem Knick«. Wenn man nämlich irgendwo vorspricht, den zu Besuchenden aber nicht antrifft, dann kann man seine Visitenkarte mit umgeknicktem rechtem Rand abgeben. Das heißt soviel wie: Ich war persönlich hier. Man hüte sich jedoch, statt des Randes die rechte obere oder untere Ecke umzuknicken, da das u.U. zu peinlichen Mißverständnissen führen kann. Die Bedeutung der umgeknickten Ecke ist in einzelnen Ländern verschieden. Die ganze rechte Seite dagegen – in einer Breite von ungefähr 1 cm – ist immer ungefährlich und kann nicht mißverstanden werden. Gelingt es uns, bis in die Diele vorzudringen, dann wird uns das Mädchen spätestens jetzt fragen: »Wen darf ich melden?«, worauf wir ebenfalls unsere Karten abgeben, mit denen Anna prompt verschwindet. Nach einer Minute wird sie wieder erscheinen und etwa sagen: »Die gnädige Frau läßt bitten!« Vielleicht fügt sie von sich aus hinzu: »Möchten die Herrschaften nicht ablegen?« Dieser Aufforderung kommt nur der Herr nach, der Mantel, Hut, Schirm und eventuell getragene Überschuhe ablegt. Die Dame hingegen läßt lediglich ihren Regenschirm sowie gegebenenfalls die Überschuhe in der Garderobe. Eine Ausnahme bildet höchstens ein nasser Regenmantel, unter dem sie dann ein Jackenkleid tragen wird.

Sollte nun das Mädchen – wider Erwarten – nur auf eine Tür deuten, ohne sie uns zu öffnen, dann machen wir sie selbst auf, und zwar ohne anzuklopfen. Und dahinter kommt uns spätestens jetzt die Hausfrau entgegen, strahlt, findet, daß es ganz reizend von uns wäre, daß sie sich außerordentlich freue, daß sie[333] schon viel Interessantes von uns gehört hätte – und was der liebenswürdigen Unwahrheiten mehr sind. Wir revanchieren uns mit ähnlich kühnen Behauptungen, machen die unerläßlichen geistreichen Bemerkungen über das Wetter und greifen dabei dankend zum einzigen, was man uns anbietet – der Zigarette. Wenn aber der Hausherr zum Getränkeschrank marschiert und uns ein Gläschen Madeira oder einen trockenen Wermut kredenzt, dann nicken wir verbindlich über den Glasrand, nehmen einen Schluck und denken innerlich befreit: »Na, viel Ahnung haben die auch nicht ...« Und damit hätten wir recht, denn angeboten wird auf Antrittsbesuchen – außer Zigaretten – nichts.

So vergeht die Zeit im Fluge, außerdem – zehn Minuten sind ja gar keine Zeit, nicht wahr? Dann nämlich dürfen wir uns schon wieder verabschieden. Sobald jedoch fünfzehn Minuten verstrichen sind, müssen wir es tun. Länger geht es auf keinen Fall!

Und in dieser Kürze, finde ich, liegt einer der wesentlichsten Reize der »Anstandsvisite« – sofern sie überhaupt welche hat.

Vielleicht erwähnen wir hier eines noch, obwohl es eigentlich selbstverständlich ist: Wenn uns, was ja durchaus vorkommen kann, die Dame des Hauses selbst öffnet, bleiben die Visitenkarten natürlich schön in der Tasche – an ihre Stelle tritt dann die persönliche Vorstellung.

Man kann sich Antrittsbesuche auch noch einfacher machen – mittels der Visitenkarte. Das ist internationaler Brauch.

Es hat sich neuerdings eingebürgert, Visitenkarten in solchen Fällen mit der Post zu schicken. Das ist ebenso üblich wie unkorrekt. Und deshalb sollte es jeder unterlassen, der wirklich auf gute Formen hält. Vielmehr wird er sich möglichst seinen eigenen oder einen Mietwagen nehmen, sich mit einer Besuchsliste und dem notwendigen Paket Visitenkarten bewaffnen, reihum vorfahren und die jeweils erforderliche Kartenanzahl bei dem dienstbaren Geist abgeben, ohne um Empfang zu bitten. Sollte niemand öffnen, dann wandern die Karten in den Briefkasten.

Der Besucher kann aber auch im Wagen sitzenbleiben und die Karten durch den eigenen, den Mietchauffeur oder einen anderen freundlichen Helfer abgeben lassen. Der oder die solchermaßen Besuchmachenden dürfen dabei aber nicht nur im Wagen sitzenbleiben – falls ein anderer die Karten für sie abgibt –, sondern darüber hinaus auch die Kartenränder umknicken, denn diese Form des Besuches gilt als »persönlich«, auch wenn sie es, genaugenommen, nicht ist.

Läßt man die Karten dagegen nur durch einen Boten schicken, ohne selbst unten zu warten, dann werden die Ränder nicht geknickt.


Wem nun die Ehre, das Vergnügen oder auch das Mißgeschick eines solchen Antrittsbesuches [334] widerfuhr, der muß ihn erwidern. Er macht also Gegenbesuch. Grundsätzlich gilt hier die Regel, daß ein Besuch in jedem Falle erwidert werden muß! Ihn völlig zu übersehen, ist eine in keinem Falle gerechtfertigte Ungezogenheit.

Normalerweise erfolgt die Erwiderung in der gleichen Form wie der Antrittsbesuch. Hat der bei uns persönlich zum Antrittsbesuch Erschienene uns – sei es nun infolge Abwesenheit oder aber, weil wir ihn nicht empfangen wollten – nicht angetroffen, so müßten wir dennoch mit persönlichem Besuch erwidern.

Nur wenn der oder die Besuchende noch jung oder »untergeben« waren, dann werden wir uns die Erwiderung einfacher machen und unsere Karte durch einen Boten abgeben lassen.

Hat der Besucher dagegen ohnehin nur vom Auto aus mittels »persönlich« abgegebener Karte Besuch gemacht, dann wird auch der Besuchte so verfahren und nicht persönlich erscheinen.

Die Erwiderung eines Besuches muß in irgendeiner der genannten Formen im bürgerlichen Leben spätestens innerhalb von acht Tagen erfolgen. Diplomaten nehmen es da wesentlich genauer und erwidern nach 24 Stunden.

Für den Gegenbesuch gelten bezüglich der Art und Anzahl der abzugebenden Visitenkarten die gleichen Regeln wie beim Antrittsbesuch. Wenn also der unverheiratete Dr. X. bei Herrn und Frau Y. zwei Karten abgegeben hat, erwidert natürlich nur Herr Y. mit seiner Karte, die er durch einen Boten schicken, aber nicht umknicken darf.

Wenn übrigens außer dem Gegenbesuch auch nach geraumer Zeit von seiten des Erstbesuchten kein weiteres Lebenszeichen kommt, dann – ja dann hätte man sich den ganzen Antrittsbesuch ersparen können, denn jeder Besuchte wird einen Antrittsbesucher einmal einladen. Es sei denn, er lege keinen, aber auch schon gar keinen Wert auf erneutes Wiedersehen.

Und da wären wir noch einmal bei dem, was wir vorhin schon sagten: Ein Antrittsbesuch ist so etwas wie eine Bitte um gesellschaftliche Aufnahme. Man wird also bei der Auswahl derer, denen man Antrittsbesuch macht, sehr sorgfältig überlegen, ob eine solche Kontaktaufnahme überhaupt erwünscht ist und Aussicht auf Vertiefung hat.

In diesem Zusammenhang darf auch nicht vergessen werden, daß es sich in jedem Falle empfiehlt, Antrittsbesuche schön der Reihe nach von oben nach unten zu machen und bei den »Höchsten« anzufangen.

Noch etwas: Sollten wir von jemandem eingeladen werden, dem wir noch [335] keinen Besuch gemacht haben, dann werden wir dies natürlich durch sofortige Kartenabgabe nachholen!


»Wir schauen vorbei« – so ungefähr könnten wir es nennen, wenn wir gute Freunde und Bekannte zwanglos und unangemeldet besuchen. Selbst hier natürlich nicht zu unpassenden Essens- oder Schlafenszeiten. Im übrigen gibt es ja ein Telefon, da ruft man vorsichtshalber zuvor an. Freundschaftsbesuche haben einen großen Vorzug – man kann dem anderen auch ohne weiteres sagen, daß sein Erscheinen im Augenblick aus irgendwelchen Gründen nicht sehr glücklich wäre. Ein guter Freund von mir pflegt in solchen Fällen stets anzurufen: »Auch das noch? Also gut, eine Zigarettenlänge, nicht mehr! Dein Gesicht paßt nicht in mein heutiges Weltbild ...«

Aber derartig freimütige Formulierungen vertragen nur sehr dicke Freundschaften.


Besonderen Takt erfordert der Kondolenzbesuch. Es ist nicht jedermanns Sache, seinen Schmerz über den Verlust eines nahen Angehörigen gegenüber Dritten zu zeigen. Andererseits bedürfen Hinterbliebene nicht selten tröstenden Zuspruchs und herzlicher Anteilnahme. Je nach dem Verhältnis, das uns mit dem Verstorbenen verband, werden wir also entscheiden müssen, in welcher Form wir unser Mitgefühl zum Ausdruck bringen.

Andererseits ist es auch nicht jedem gegeben, einem anderen Trost zuzusprechen. Sensible Naturen, insbesondere Frauen, werden sich häufig im Gespräch mit den Hinterbliebenen selbst von ehrlichem Schmerz übermannen lassen und damit ungewollt an frische Wunden rühren. Hier müssen Herz, Verstand und Takt uns das rechte Maß finden lassen. Auf jeden Fall soll man vorsichtig zu ermitteln versuchen, ob der Kondolenzbesuch erwünscht ist.

Wenn wir glauben, uns zu persönlichem Erscheinen entschließen zu können, dann seien wir uns darüber klar, daß unsere Aufgabe nicht so sehr darin liegt, unser Mitgefühl zum Ausdruck zu bringen, als vielmehr im Trost und in der Aufrichtung. Was die Hinterbliebenen an dem Dahingeschiedenen verloren haben, wissen sie selbst. Was sie aber im Schmerz des Augenblicks verständlicherweise vergessen, sind die Aufgaben, die ihrer nun harren. Wer hier von der Natur mit der Gabe des Tröstens versehen wurde, wer es versteht, taktvoll und behutsam den Blick der Leidtragenden vorwärts, auf das Leben, auf die Kinder oder andere Angehörige zu lenken, wird auch tiefstes Leid unmerklich mildern können.

Größere Häuser, die naturgemäß auch einen größeren Bekanntenkreis haben, den sie im Trauerfall unmöglich empfangen können, werden vielleicht in einem würdig ausgestatteten Raum auf einem schwarz gedeckten Tisch vor einem Leuchter mit brennenden Kerzen ein Buch auslegen, in das sich alle Kondolierenden [336] eintragen. Die Hinterbliebenen sind während dieses Empfangs im Trauerhause in dem betreffenden Raum nicht anwesend.

Die Eintragung der Kondolenzbesucher erfolgt nur mit dem Namen ohne weitere Beileidsworte. Die Kleidung anläßlich eines Kondolenzbesuches entspricht der Trauerkleidung, wie sie für Beerdigungen üblich ist. Hochoffizielle Beileidsbesuche erfordern Cut mit schwarzem Binder und steifem Haarzylinder mit Trauerflor. Sonst wird man dunkle, zumindest gedecktfarbige Kleidung mit schwarzen Schuhen, schwarzer Krawatte, schwarzem oder dunkelgrauem Hut und dunklen, möglichst schwarzen Handschuhen wählen.

Wenn ein Blumenstrauß ehrendes Gedenken an den Toten bezeugen soll, wird man nur weiße Blumen wählen.

Die Dauer des Kondolenzbesuches ist gewöhnlich kurz. Wenn man jedoch sicher ist, daß der Hinterbliebene uns gern noch ein wenig um sich haben möchte, vielleicht eine diesbezügliche Bitte äußert, dann wäre es natürlich falsch, sich diesem Wunsch zu verschließen. Hören wir auch hier in erster Linie auf unser Herz.

Wer mit seiner Anteilnahme mehr einer selbstverständlichen Pflicht als einem inneren Bedürfnis folgt – weil ihn mit dem Trauerhaus nur sehr lose Beziehungen verbanden – wird sein formelles Beileid in einem Brief ohne schwarzen Trauerrand oder, noch offizieller, mit Hilfe einer Visitenkarte zum Ausdruck bringen, die er mit dem Vermerk »p.c.« oder »p.p.p.« versieht. Die Anzahl der hierbei abzugebenden Karten richtet sich nach den bereits geschilderten Regeln.


Ein ganz besonderes Kapitel sind Krankenbesuche. Stellen wir uns einmal vor, wir lägen im Krankenhaus. Zwischen Furcht und Hoffnung schwebend, schwach, nervös, verzagt. Plötzlich gäbe es an der Tür einen polternden Knall. Wir führen zusammen, es gäbe uns einen Stich, vor allem in der frischen Operationsnarbe. Blitzartig überlegen wir: Seltsam – hier kann doch eigentlich gar kein Gerichtsvollzieher erscheinen.

Es ist – Freund Hugo. Seine nervige Rechte knallt die Tür ins Schloß. Mit jovialem Grinsen und ausgebreiteten Armen stürzt er an unser Bett und ruft: »Na, alter Junge, nun mach mal keinen Blödsinn. – Du weißt, ich habe jetzt kein Geld für Kränze.« Und dann schüttelt er uns die Hand. Wir wollen uns nicht blamieren und unterdrücken einen schmerzhaften Aufschrei. Er sieht nichts von dem unregelmäßigen Auf und Ab der Fieberkurve über dem Bett. Er handelt doch mit Südfrüchten. En gros. Aber alles an Hugo ist en gros. Er hat uns sogar einen großen Korb mitgebracht, einen ganzen Querschnitt durch die Großmarkthalle. Ein wenig wehmütig denken wir daran, daß der Chefarzt uns sagte, vielleicht dürften wir in drei Tagen mal ein bißchen Grießbrei [337] essen – wenn alles gut ginge. Doch diese Überlegung wird von Hugos schäumendem Temperament unterbrochen.

»Mußte dir doch schnell noch guten Tag sagen und alles Gute wünschen. Fahre morgen für vier Wochen nach Spanien. Zur Erholung. Völlig mit den Nerven fertig. Ja, hat eben jeder sein Päckchen zu tragen. Apropos Päckchen – Zigarette kann ich doch wohl rauchen? Du darfst wohl nicht, wie? Na ja, nun mach dir mal keine Sorgen, wird schon wieder werden. Sieh mal, die Medizin kommt ja jeden Tag einen Schritt weiter. Und daß an deiner Krankheit im vorigen Jahr noch jeder Fünfte gestorben ist, das heißt gar nichts! Erstens mal nur jeder Fünfte – da sind ja immer noch vier dazwischen, und dann – voriges Jahr! Die schlafen ja auch nicht, nicht? Aber – was wollt' ich gerade sagen? Richtig, nach Spanien. Habe lange überlegt. Ist ja ein ziemlicher Schlauch. Aber im Juni zieht es mich immer nach dem Süden. Und jetzt mit meinem Dampfer werde ich's schon schaffen. Eigentlich beneide ich dich um deine himmlische Ruhe – ha, ha, meine natürlich irdische Ruhe! Weißes Bett, nette Bedienung, alles schleicht auf Zehenspitzen, kein lautes Wort. Ja, und dann werde ich mal wieder! Muß den Wagen noch abschmieren lassen und so – na, du weißt ja, wie das so ist. Starte ganz früh, will morgen noch bis nach Genf. Wenn ich rechtzeitig ankomme, flitze ich abends noch 'rüber nach Evian. Kleines jeu machen. Übrigens ein tolles Kasino. Also, altes Haus, laß es dir gut gehen! Hals- und Beinbruch! Und wenn ich wieder zurück bin, dann begießen wir uns gründlich die Nase. So long!«

Dann schließt sich die Tür geräuschvoll, und Hugo ist wieder fort. Auf dem Weg nach Spanien.

Und während wir nachdenklich dem Zigarettenduft nachschnuppern, während wir spüren, daß das Fieberthermometer in einer halben Stunde wieder 39,9 anzeigen wird, während wir still an die Decke starren und auf dem weißen Viereck über uns das Bild des Hafens von Barcelona erstehen sehen, während wir ganz bescheiden hoffen, daß es uns wenigstens vergönnt sein möge, vielleicht schon im September täglich eine Stunde auf einer Bank im Krankenhausgarten zu sitzen, während Sehnsucht und Hoffnung ineinander verschmelzen – lächeln wir: denn Hugo ist ein prächtiger Kerl. Eine Seele von Freund. Mit einem großen und guten Herzen. Nur ist dieses Herz ein wenig viereckig. Und dafür kann Hugo nichts.

Damit wir uns nicht mißverstehen: Nicht jeder, der nach Spanien fährt, handelt en gros, und nicht jeder, der en gros handelt, heißt Hugo, und nicht jeder, der Hugo heißt, hat ein viereckiges Herz. Wir haben uns, hoffe ich, verstanden: Kranke sind nicht selten empfindlich – körperlich und seelisch. Und deshalb konzentrieren wir uns bei dem Krankenbesuch, damit wir nicht versehentlich stören, kränken, erregen.

[338] Bemühen wir uns, Ruhe und Zuversicht auszuströmen und heiter-besinnliche Freude zu bringen, und dafür die Sorgen zu nehmen. Hüten wir uns davor, unerfüllbare Wünsche zu erwecken, vermeiden wir alles, was dem Kranken die Schwierigkeit seiner Lage noch schwerer machen könnte. Versuchen wir, ihm eine kleine Freude zu bereiten – mit ein paar dezenten Schnittblumen (keinesfalls mit Blumentöpfen!) und einem guten Buch.

Und all das mit jener unaufdringlichen Behutsamkeit, die auch Hugo noch lernen wird. Man muß es ihm nur einmal sagen.


Wenn jemand Geburtstag hat oder ein festliches Jubiläum begeht, aber im Kreise seiner Familie zu feiern gedenkt, andererseits ein Mann mit großem Bekanntenkreis ist und daher gewisse Verpflichtungen hat, dann wird er vielleicht einen kurzen Empfang geben – oder auch nicht. Wir aber müssen davon in irgendeiner Form Kenntnis nehmen. Folglich treten wir an zur Gratulationscour. Wir kleiden uns also entsprechend, etwa so, als wollten wir einen Antrittsbesuch machen – bewaffnen uns mit einer geeigneten Aufmerksamkeit, die aus Blumen oder einer anderen Gabe bestehen kann, und erscheinen im Hause des Jubilars. Zeit: später Vormittag. Wir klingeln, lassen uns melden, legen die Garderobe ab (die Damen auch hier nur Schirm, eventuell nassen Regenmantel und Überschuhe), gratulieren, überreichen, rauchen eine Zigarette, trinken einen Schnaps (dürfen wir diesmal), wünschen nochmals alles Diesbezügliche und verabschieden uns wieder. Dauer: fünfzehn Minuten. Allen Einladungsversuchen widerstehen wir mit charmanter Hartnäckigkeit. Sie sind nur liebenswürdige Höflichkeit, vielleicht sogar aus etwas schlechtem Gewissen geboren, jedoch keinesfalls ernst zu nehmen.

Sind die Beziehungen nicht so eng, daß eine persönliche Gratulation angebracht ist, dann beschränken wir uns darauf, Blumen oder eine hübsch verpackte Aufmerksamkeit zu senden, wobei wir einige freundliche Zeilen oder eine Visitenkarte mit dem Vermerk »p.f.« beifügen. Letzteren Weg werden wir natürlich nur bei Fernerstehenden wählen, denen wir kein Geschenk machen, sondern lediglich Blumen schicken.


Und noch eine Besuchsform gibt es, den Abschiedsbesuch. Wir sind ihn allen denen schuldig, in deren Haus wir lange verkehrt und gesellige Stunden verbracht haben. Es wäre undankbar, sich infolge Fortzuges oder langer Abwesenheit ohne ein Wort des Abschieds zurückzuziehen. Aus einem solchen Verhalten sprächen Mißachtung und fehlende Manieren. Auch junge Leute dürfen sich getrost an diesen Brauch halten und sollten nicht maulen, wenn sie vor Abreise an die Stätte ihrer Lehre oder in die Universitätsstadt von ihren auf gute Formen bedachten Eltern in die Runde geschickt werden.

Wer älter ist und einen großen Bekanntenkreis hat, muß mit dieser Verabschiedungstour [339] rechtzeitig beginnen – am besten jedoch unter vorheriger Verabredung –, sonst wird die Zeit knapp und er übersähe einen oder müßte gar zum Telefon greifen. Beides wäre nicht sehr glücklich.

Was er dagegen machen kann – Sie wissen schon, nicht wahr? Visitenkarte – linke untere Ecke: »p.p.c.«


Offizielle Festlichkeiten

Das Parkett wird immer spiegelnder! Aber mit dem, was wir jetzt wieder frisch im Gedächtnis haften haben, bewegen wir uns geradezu traumhaft sicher auf den einzelnen Geselligkeiten, die uns im Laufe der Zeit möglicherweise erwarten. Deren gibt es nun eine ganze Menge. Wir haben sie willkürlich in »offizielle« und »zwanglose« eingeteilt. Irgendeinen Anhaltspunkt müssen wir ja schließlich haben. Im Prinzip hat das aber nur zu bedeuten: dort geht es oft sehr förmlich zu – hier dagegen macht man es sich auch äußerlich ein wenig bequemer (was nicht heißt, daß wir in Hemdsärmeln dasitzen dürfen). Wenn wir aber alles wissen, was man dort und hier so wissen sollte, dann kann gar nichts passieren. Was nachfolgend unter »offiziell« rangiert, kann durchaus gemütlich sein, während Sie sich möglicherweise auf einer »zwanglosen« Geselligkeit in entsprechend großer Umgebung sehr wohl einigen Zwang auferlegen müssen. Und sicherlich hätten Sie sich auf einem »zwanglosen« Jagdfrühstück vermutlich wesentlich mehr zu konzentrieren, als wenn ich das Vergnügen hätte, Sie bei mir zu einem »offiziellen« Abendessen (mit wohldimensionierter Bockwurst und Salat) begrüßen zu dürfen.


Nicht nur der Tag des gewöhnlichen Sterblichen beginnt mit dem Frühstück. Auch ein Gastgeber, der kulinarische Attentate auf Freunde (oder solche, die es werden sollen) und Bekannte (vor allem diejenigen, die es leider schon sind) vorhat, kann zu einem Frühstück einladen. Es ist die früheste nahrhafte Einladung, die uns auf den Tisch flattern kann. Und da gibt es nun Optimisten. Kommt also eines Tages ein Brief, den Madame öffnet. Darin steht zu lesen: « ...würden sich freuen, Herrn und Frau ... am ... zum Frühstück ... begrüßen zu dürfen ...« Mittags kommt der Familienvorstand nach Hause. Und Frauchen berichtet: »Du, Werner, am 24. sind wir zu Direktor Busch zum Frühstück eingeladen!« Worauf Vater nachdenklich sagt: »Dann habe ich also noch genau zehn Tage Zeit, um mir zu überlegen, wie ich denen beibringen kann, daß ich keine weichgekochten Eier mag, und im Glas schon gar nicht!« Aber die Gattin hat die Einladung ganz aufmerksam gelesen. Ihr ist nicht entgangen, daß da stand: « ...zum Frühstück um 13 Uhr ...« Und das sagt sie dann dem erstaunten Ehegefährten. Der seufzt daraufhin laut und vernehmlich: »Soviel steht fest – wenn ich erst Direktor bin, dann stehe ich auch erst so spät auf!«

[340] Woraus eindeutig hervorgeht, daß zumindest dieser Herr noch nicht wußte, was es mit einem gesellschaftlichen Frühstück auf sich hat.

Wenn Sie also irgendwo zum Frühstück erwartet werden, dann steht Ihnen ein Mittagessen bevor, das Form und Ausmaß eines kleinen Abendessens hat. Sich moralisch auf Becher oder Gläser mit Eiern vorzubereiten, wäre ebenso verkehrt wie die Erwartung von morgendlichen Getränken wie Kaffee, Tee oder Kakao. Statt dessen wird man Sie – vielleicht – erfreuen durch:


Krebsschwänze auf Artischockenböden

Tournedos

Obstsalat


(Ich finde allerdings, daß sich unter diesen Umständen die Eier ganz gut verschmerzen lassen.)

Ein »Frühstück« ist also nichts anderes als eine Mahlzeit, die man im bürgerlichen Leben schlicht Mittagessen nennen würde.


Die Engländer nennen es Lunch, während man es in Frankreich Déjeuner nennt. In diesem Zusammenhang sei gestattet, eine Lanze zu brechen: Irgendwer hat einmal die Behauptung aufgestellt, daß ein Snob sei, wer im Deutschen von diesem Frühstück als »Lunch« spreche. Dazu darf ich sagen, daß ich seit langen Jahren das ausgesprochene Vergnügen habe, einen Mann sehr gut zu kennen, der das genaue Gegenteil eines Snobs ist, bildlich ebenso wie wörtlich.

(Snob ist bekanntlich aus der Abkürzung »s. nob.« = »sine nobilitate« = »ohne Adel« entstanden, mit der man an den englischen Universitäten Studierende kennzeichnete, die aus nichtadeligem Hause stammten. Zu dieser Kennzeichnung griff man ursprünglich nur, weil sich der englische Adelstitel erst nach dem Tode des Vaters auf den ältesten Sohn vererbt, der bis zu diesem Zeitpunkt einen bürgerlichen Namen trägt. Ursprünglich also war »s. nob.« nichts anderes als eine sachliche Feststellung. Etwa, daß »John Smith s. nob.« bürgerlich sei und in alle Ewigkeit auch bleiben werde, während sich hinter »Jimmy Brown« möglicherweise ein künftiger Earl verbarg. Nun benahmen sich aber manche dieser jungen Herren »s. nob.« auf Grund des finanziellen Hintergrundes ihrer Väter so, als seien ihre Familien schon Tausende von Jahren alt. Als sich daher immer mehr »Jonnys« reihenweise vorbeibenahmen, weil ihnen das väterliche Geld hierzu die Möglichkeit bot, entstand der »Snob« als Inbegriff eines Mannes, der äußerlich vielleicht wie ein Gentleman aussieht, innerlich aber keiner ist.)

Doch zurück zum »Lunch«. Dieser Mann also, von dem ich erzählte, bekannt als Ornithologe, Forscher, Maler, Schriftsteller und Landwirt, ein international geschätzter Gastgeber, der sechs Sprachen fließender spricht als so mancher eine einzige – dieser Mann pflegt regelmäßig zu seinen Freunden und Bekannten zu sagen: »Kommen Sie doch morgen zum Lunch!«

[341] Erstaunlich, aber er sagt »Lunch« und nicht »Frühstück«. Natürlich käme er nie auf die Idee, auf eine schriftliche Einladung »Lunch« zu schreiben. Aber sagen tut er es schon. Und noch keinem seiner Freunde ist je eingefallen, ihn für einen Snob zu halten, und zwar nicht nur, weil er gar nicht »sine«, sondern »cum nobilitate« ist und in Eton erzogen wurde.

Natürlich werden wir auch weiterhin »Frühstück« sagen. Aber wenn uns wirklich jemand einmal zum »Lunch« bitten sollte, nicht gerade »Lönsch« sagt, und dieses Frühstück auch nicht im Dorfgasthof »Zum brummenden Eber« gibt, dann braucht er deshalb noch nicht unbedingt ein Snob zu sein. Vielmehr wäre eher eine solche Behauptung versnobt.

Die Kleidung zum Frühstück richtet sich nach dem Grad der offiziellen Skala. Hochoffiziell wäre der Cut mit grauem Seidenbinder und grauer oder auch schwarzer Weste. Doch das wird im Zweifelsfalle besonders vorgeschrieben. Normalerweise genügt der dunkle Straßenanzug, ebenfalls mit weißer Wäsche und »Silberschlips«. Und vielfach tut es der gedeckte Straßenanzug auch, auf jeden Fall aber mit schwarzen Schuhen.

Im übrigen horchen kluge Leute bei derartigen Einladungen grundsätzlich erst einmal herum und erkundigen sich nach Anlaß und Kleidung. Dann werden sie weder over- noch underdressed erscheinen und die anderthalb Stunden dieses mehr oder weniger festlichen Schmauses – länger dauert er im allgemeinen nicht – mit behaglicher Gelassenheit überstehen.


Der Fünfuhrtee–so ziemlich die einzige Veranstaltung, deren Name nicht irreführt. Sie steigt tatsächlich Punkt siebzehn Uhr. Und Kaffee oder Schokolade gibt es auch nicht.

Auch wenn es sehr gemütlich und zwanglos zugeht, ist der Fünfuhrtee doch eine offizielle Veranstaltung, zu der mehr oder minder rechtzeitig, im allgemeinen etwa acht Tage zuvor, eingeladen wird. Im Englischen heißt er bekanntlich »Five o'clock tea«. Und mit dieser englischen Bezeichnung, die auch im Deutschen geläufig ist, wollen wir vorsichtig sein. Wenn Ihnen also jemand beiläufig erzählt, Krauses hätten ihn gestern zum »Five o'clock« geladen, haben Sie das moralische Recht, zusammenzuzucken. Wenn er dagegen berichtet, er sei daselbst zum »Tee« gewesen, dann – dürfen Sie sich ärgern, daß man Sie offensichtlich übersehen hat.

Der Tee ist also eine recht gemütliche Angelegenheit – oder kann es doch sein, wenn es die Hausfrau versteht, ihn zu einer solchen zu machen.

Wenn es da also kleine, nette Tischchen gibt, auf die hauchdünne Teetassen gestellt werden können – wenn die Hausfrau sich so placiert, daß sie all ihre Schäfchen im Auge behält – wenn neben ihr ein Anrichtetischchen steht, auf [342] dem sie den Tee, vielleicht sogar mit Hilfe eines Samowars, selbst zubereitet, einschenkt und weiterreicht, falls dies nicht die Tochter, eine gute Bekannte oder der dienstbare Geist besorgen – wenn die gefüllten Teetassen auf einem kleinen, möglichst silbernen Tablett gereicht werden – wenn der dazugehörige Mittelteller eine kleine Serviette trägt – wenn auf dem Tablett auch gleich Zucker, Sahne und hauchdünne Zitronenscheiben bereit sind – wenn zum Würfelzucker statt eines Löffels die richtige Zuckerzange nicht fehlt (sollte sie doch fehlen, dann nehmen wir den Zucker mit den Fingern, nicht etwa mit dem eigenen Löffel aus der Schale!) – wenn die Hausfrau in kleinem Kreis von der unteren Etage des Teetisches Platten mit appetitlich angerichteten Schnittchen und kleinem Salz- oder Käsegebäck, das ausgezeichnet zum Tee paßt, hervorzaubert – wenn sie vielleicht für Leckermäuler noch ein paar Süßigkeiten (Petits fours und Teegebäck, nicht etwa riesige Torten- und Kuchenstücke) bereit hält – wenn es weder an Zigaretten noch Zündhölzern und genügend Aschenbechern fehlt – wenn die Sessel bequem sind – wenn die Anwesenden in ihren eleganten Nachmittagskleidern und dunklen Anzügen einen erfreulichen Anblick bieten – wenn die Hausfrau Charme hat und auf je drei Gäste einer mit Geist und Humor kommt – dann, liebe Freunde, ist so ein Fünfuhrtee eine reizende Angelegenheit. Und jeder wird um 18.30 Uhr denken: »Wie schade – die Zeit verging wie im Fluge!« Und das dürfen Sie der Hausfrau sogar sagen. Aber gehen müssen Sie trotzdem. Punktum 18.30 Uhr.


Während sich der Fünfuhrtee durch beschauliche Ruhe auszeichnet, liegt der Reiz einer Cocktailparty in der Bewegung. Zwei ineinandergehende Räume, in die kein Mensch mit reinem Gewissen mehr als zwölf Personen gleichzeitig stecken würde, fassen im Verlaufe einer dieser immer beliebter werdenden Veranstaltungen vierzig und mehr Leute. Denn man kommt, wann man will. Sitzgelegenheiten gibt es nur wenige. Alles steht zwanglos in Gruppen herum und plaudert.

Hausherr und Hausfrau halten sich anfänglich in der Nähe des Eingangs zum Empfangsraum auf, um die Gäste zu begrüßen. Später pendeln sie umher, wobei die Hausfrau ein wachsames Auge auf die leiblichen Genüsse haben wird, die entweder vom Personal oder den Kindern des Hauses auf Platten gereicht werden oder aber auf einem weißgedeckten Büfett bereitstehen. (Alsdann obliegt den Herren die Pflicht, die Damen zu bedienen.) Auf diesem Büfett gibt es Mittelteller, kleine Servietten (die hier aus Papier sein dürfen) und – falls kalter Braten, Salate und dergleichen geboten wird – kleine Bestecke. Bei den üblichen Cocktailparties zwischen 18 und 20 Uhr ist das jedoch nicht erforderlich.

Zweckmäßiger, einfacher und dennoch vollauf genügend ist es, Platten herumreichen zu lassen, auf denen kleines Käsegebäck, winzige Bratwürstchen (auf [343] Zahnstocher gespießt!), kleine Schnittchen (Canapés oder Sandwiches) und vielleicht auch Süßigkeiten (Petit fours) offeriert werden. Darüber hinaus gibt es noch unzählige leckere Sachen, die man bei dieser Gelegenheit anbieten kann – Bedingung ist jedoch stets, daß sie klein genug sind, um auf einmal in den Mund gesteckt werden zu können. Diese kategorische Forderung hat einen sehr realen Hintergrund. Man hat vermutlich schon ein Glas in der Hand. Damen haben außerdem noch ihre Handtasche bei sich. Wie sollte man nun, sofern einen Bekannte begrüßen, Teller und Besteck jonglieren?

»Wir sprachen eben von »Canapés«. Das sind nicht etwa Sitzgelegenheiten. Vielmehr handelt es sich um kleine, dünne Weißbrotscheiben ohne Rinde, die Form und Größe eines Fünfmarkstückes haben und mit allen möglichen Leckereien wie grünen Gurkenscheiben, frischen Tomaten, hartgekochtem Ei (Vorsicht – es kann unangenehm riechen!), Schinken, Wurst, Lachs, Krebsschwänzen etc. belegt sein können.

Sandwiches dagegen sind hauchdünne, zusammengelegte Weißbrotschnitten ohne Rinde, die eckig geschnitten, aber nicht zu groß sein dürfen. Als Aufstrich wählt man Kräuterbutter, Eierbutter, Pain oder ähnliches.

Natürlich fehlt es weder an Salzmandeln, Zigaretten und genügend Aschenbechern.

Und nun zu dem Getränk, das der Party ihren Namen gibt.

Bei einem kleinen Gästekreis wird der Hausherr derjenige sein, der die Cocktails nach Wunsch der Gäste mixt. Wenn er Glück hat, werden zumindest die männlichen Gäste Verständnis und Mitleid mit ihm zeigen und sich auf einfache Sachen beschränken, die es dem Ärmsten gestatten, den Mixbecher wenigstens dann und wann aus der Hand zu stellen. Sie begnügen sich vielleicht mit eisgekühltem Cola und einem Schuß Gin oder Kognak darin. (Wenn der Hausherr gerade Zeit und Lust hat, wird er diese bekömmliche, erfrischende Mischung noch schnell mit einer Zitrone abspritzen.) Aber für die Damenwelt wird der Herr des Hauses um das »Shakern« nicht herumkommen. Und die dazugehörigen Utensilien – sowohl die Flaschen mit dem richtigen »Stoff« als auch Gläser, Spritzflasche, Strainer (Sieb), Strohhalme, Zucker, Zitrone – dürfen nicht fehlen und müssen griffbereit stehen. Ja – und zwei oder drei Rezepte muß er natürlich auch im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Handgelenk schütteln können.

(Wer da keine Erfahrung hat, beschränke sich auf Bewährtes, das einfach ist, keine besonderen Mixkenntnisse verlangt und in Sekundenschnelle kredenzt werden kann: Wermut, Madeira, dazu etwas zum »Strecken« – mit Rücksicht auf die anwesenden Autofahrer!)

[344] Doch selbst wenn wir den Gastgeber seinen Mixbecher schwingen und das so Ermixte geschickt durchseihen sehen, wollen wir ihn niemals durch ausgefallene Cocktailwünsche in Verlegenheit bringen! Und deshalb sollte auch die entzückendste Frau nach dem dritten Glas nicht auf die Idee kommen, zu dem weißhaarigen Hausherrn zu treten, der da um der intimeren Atmosphäre willen auf einen Mixmeister verzichtet hat und selbst tapfer mit Sherry, Cointreau, Champagner, Whisky, Gin, Angostura, Zitronen, Kirschen, Eis und Zucker herumhantiert, um ihm mit neckischem Augenaufschlag zu sagen: »So, Direktorchen, jetzt wünsche ich mir von Ihnen einen liebevoll zubereiteten Love's Reviver!« Direktorchen weiß natürlich, daß ein »reviver« ein »Gläschen zur Stärkung« ist, und da er schon diverse graue Haare hat, kann er sich denken, was es bedeutet, wenn davor noch »love« steht – aber von dem Rezept hat er keine Ahnung. Aber selbst wenn er hätte – allein die Vorstellung, Generaldirektor Busch ein rohes Ei aufschlagen und das Eigelb vom Eiweiß trennen zu sehen (damit fängt dieser Liebestrank nämlich an), ist absurd. Außerdem brauchte er dann noch Sekt, Maraschino (wird übrigens »Maraskino« gesprochen!) und Kirschwasser. Und schütteln dürfte er das Ganze auch nicht.

Deshalb fragen wir den Hausherrn stets: »Was gibt es Schönes?« oder »Was würden Sie uns empfehlen?« Und dann kann der geplagte Gastgeber das reichen, dessen Herstellung ihm am leichtesten fällt.

Selbstverständlich werden bei einem großen Gästekreis einige Cocktails schon vorher gemixt worden sein, die dann von einem dienstbaren Geist auf einem Tablett angeboten werden – zusammen mit Sherry, Tomaten- und Fruchtsaft, denn nicht jeder, der eine Cocktailparty besucht, muß notwendigerweise gern Cocktails trinken.

Ein Wort noch zur Frage der Begrüßung. Selbstverständlich begrüßt man unmittelbar nach Eintritt in den Empfangsraum die Gastgeber. Das genügt vorerst einmal. Es ist weder üblich noch notwendig, dann sofort reihum zu gehen und den anderen guten Tag zu sagen bzw. sich Unbekannten vorzustellen. Nur wenn man zu einer Gruppe tritt, deren Mitglieder man noch nicht sämtlich kennt, wird man sich vorstellen lassen.

Da nun allein schon der Name Party so festlich klingt, ziehen wir uns auch entsprechend an: Die Damen wählen vielleicht das eigens für diesen Zweck geschaffene Cocktailkleid, während die Herren im dunklen Anzug erscheinen. Sein Hütchen behält alles, was weiblich ist, auf dem Kopf. Auch die Handschuhe werden in der Hand behalten. Viel Vergnügen, meine Damen! Sie müssen nun nämlich das Kunststück fertigbringen, mit Ihren zwei kleinen Händen folgendes gleichzeitig zu tun: Handschuhe, Glas und eventuell auch Teller und Serviette zu halten, außerdem aber den Gästen noch die Rechte zu reichen. Vorsorgliche [345] Gastgeberinnen kommen aus diesem Grunde auf die brillante Idee, überall kleine Abstellmöglichkeiten zu schaffen.

Und die Zeit dieser netten Veranstaltung, mit der man ebensogut vierzig Einladungen erwidern wie sich vierzig neue auf den Hals laden kann? 18 Uhr bis 19.45 Uhr. Innerhalb dieser knappen zwei Stunden können Sie kommen, wann es Ihnen paßt. Gehen allerdings sollten Sie spätestens nach guten dreißig Minuten. Sonst wird der Platz zu knapp. Zuvor aber verabschieden wir uns dankend, zunächst von der Hausfrau, anschließend vom Hausherrn.


Wer eine Abendgesellschaft geben will, muß zuvor wissen, daß er die für derartige anspruchsvolle Veranstaltungen unerläßlichen Voraussetzungen zu erfüllen vermag. Dazu gehören in erster Linie die entsprechenden Räumlichkeiten sowie ein gut geschultes und zahlenmäßig ausreichendes Personal. Vor allem dann, wenn ein offizielles Abendessen geplant ist.

Die zwei bis drei Wochen vor dem Termin verschickte Einladung, auf der links unten steht »Frack« oder »Smoking«, verpflichtet, weil sie Hoffnungen erweckt. Nur wer sie auch erfüllen kann, der wage sich an ein derartiges gesellschaftliches Meisterstück heran.

Vor allem aber stelle man den einzuladenden Gästekreis sorgfältig zusammen und mache rechtzeitig eine Tischordnung, um zu gewährleisten, daß alle Gäste auch wirklich zueinander passen und jeder genügend geehrt werden kann. Man will ja Freude bereiten und Zurücksetzungen vermeiden. Dabei ist zu bedenken, daß nur vier eigentliche »Ehrenplätze« vorhanden sind – rechts und links vom Hausherrn und der Hausfrau. Diese Plätze werden vermutlich durch zwei Ehepaare belegt sein. Es empfiehlt sich also nicht, mehrere Persönlichkeiten gleichen oder ähnlichen Ranges einzuladen, da dann mit Sicherheit Verstimmungen auftreten.

Wer zu einer solchen Veranstaltung 24 Personen laden will, der mache sich rechtzeitig klar, daß das nicht nur ein Sündengeld kostet, einen vollen Keller und eine gut geführte Küche verlangt, sondern auch die erforderlichen Räume und das entsprechende Personal zur Voraussetzung hat.

Man muß also ein Eßzimmer haben, in dem man 26 Personen – wir haben ja 24 eingeladen – an einen Tisch setzen kann. Die »Sitzbreite« pro Person beträgt etwa 70 Zentimeter. Dann ist ein Empfangsraum erforderlich, in dem nach Tisch bequem 26 Personen sitzen können, während sie vor Beginn des Essens ebenda zwanglos herumstanden.

In diesem Raum empfangen die Gastgeber wie üblich und machen die Gäste miteinander bekannt. Ein dienstbarer Geist bietet auf einem Tablett »Drinks« an (Sherry, Wermut, Cocktails und alkoholfreie Getränke wie Orangen-, [346] Grapefruit- und Tomatensaft). Er kann entweder die mit den verschiedenen Getränken gefüllten Gläser reichen oder aber, mit leeren Gläsern auf dem Tablett, jeden Gast nach seinem Wunsch fragen, den dann ein zweiter Helfer erfüllt.

Auch Zigaretten können – eventuell von den Gastgebern – angeboten werden.

Und das erforderliche Personal? Zunächst einmal muß jemand dasein, der die Tür öffnet und den Gästen beim Ablegen behilflich ist. Dieser oder die Hausgeister können später natürlich auch servieren.

Für je 6-8 Personen benötigt man ein »Service«, also einen Bediensteten, der Fleisch und Soße anbietet, einen zweiten, der Kartoffeln, Gemüse oder Salat reicht. Bei nichtoffiziellen Veranstaltungen kann letzteres neben die ranghöchste Dame gestellt werden, die es dann von Hand zu Hand weitergehen läßt.

Ja – und dann benötigt man noch wenigstens einen Bediensteten, der die Getränke einschenkt.

Nicht wahr – je länger man darüber nachdenkt, um so nachdenklicher wird man!

Taucht also die Frage auf: Was tun, wenn diese Vorbedingungen nicht erfüllt sind und man dennoch eine größere Anzahl netter Menschen um sich vereinigen möchte oder muß?


Nun – da gibt es glücklicherweise die »zwanglose Abendgesellschaft«, auf der den Gästen statt eines Diners mit einem »kalten Büfett« recht beachtliche Gaumenfreuden bereitet werden können. Dort, wo sonst im Eßzimmer der lange Eßtisch stehen müßte, kann getanzt werden, und die »Anrichte« darf ihren Namen endlich wieder einmal zu Recht führen. Auf ihr lädt das kalte Büfett zu fröhlichem Schmaus, wobei auch diesmal wieder die Herren den Damen mit Geschmack und Liebe die schönsten Leckerbissen zusammenstellen und bringen werden.

Besonders glücklich ist es, wenn die Räumlichkeiten eine Trennung von Tanz und Essen gestatten. Vielleicht grenzt an die eigentlichen Veranstaltungsräume ein kleines Zimmer an, in dem die Hausfrau alles, was an Speisen geboten wird, zu bequemer Selbstbedienung hergerichtet hat. Die Gäste werden bald nach ihrem Eintreffen mit dieser Stätte der erlesenen oder auch bescheideneren, auf jeden Fall aber mengenmäßig ausreichenden Gaumenfreuden vertraut gemacht und können sich je nach Belieben und Gusto dorthin zurückziehen. Und es soll tatsächlich Leute geben, die sich in so einem buen retiro schon einen ganzen Abend lang, meistens allein, köstlich unterhalten haben (was jedoch nicht als Vorbild dienen soll).

[347] Wenn wir diese Veranstaltung vorhin »zwanglose Abendgesellschaft« nannten, so sollte das nicht heißen, daß man die Gäste nicht auch bei dieser Einladung um festliche Kleidung bitten dürfte. Man kann auch im Frack formvollendet vor einem Büfett stehen! Und wer da eine Einladung erhält, auf der zu lesen steht: « ...zum Empfang (Kaltes Büfett) ...« oder wie immer es die findigen Gastgeber formuliert haben mögen, der wird vielleicht sogar aufatmen und denken: »Wunderbar – da bekomme ich wenigstens nicht wieder die stocktaube Frau Hofrat als Tischdame!«

Die Kleidung wird auf der Einladung angegeben sein. Da wird also stehen »Frack«, »Smoking«, »dunkler Straßenanzug« oder »Sommeranzug«. Den Vermerk »Abendanzug« sollte man nicht wählen, denn er kann Frack, Smoking oder auch schwarzen Anzug bedeuten und zwingt den Eingeladenen zu nochmaliger Nachfrage bei den Gastgebern.

Übrigens sollten die Anzugsbezeichnungen getrost auch auf den an einzelne Damen verschickten Einladungen vermerkt sein, damit diese wissen, welches Kleid sie zu wählen haben.

Sollte versehentlich keine Bekleidungsvorschrift angegeben sein, dann wird man selbstverständlich zuvor noch einmal anfragen, auf daß man nicht aus dem Rahmen falle.


Manchmal wird das offizielle Essen auch Bankett genannt. Wir wollen jedoch betonen, daß es sich dabei um reinen Sprachgebrauch handelt, da man niemals zu einem »Bankett«, sondern immer nur zum »Frühstück« oder »Abendessen« einlädt.

Die sogenannten Bankette sind meistens hochoffizielle festliche Herrenessen, deren Länge und Reichhaltigkeit in der privaten Wirtschaft zumeist in direkt proportionalem Verhältnis zur Höhe der ausgeschütteten Dividenden steht. Da ihre Speisenfolge eine nicht unerhebliche Länge hat, können diese Veranstaltungen diverse Stunden dauern, worauf aus naheliegenden Gründen dezent hingewiesen sei.

(Ich denke da noch immer mit einer Mischung aus Schrecken und genüßlicher Erinnerung an jene Bankette, die zu meiner Studienzeit der bekannte Schiffs-und Luftschiffbauer Professor Dr. S. in seinem Berliner Haus zu geben pflegte. Sie waren kulinarische und organisatorische Meisterwerke formvollendeter Geselligkeit. Nur stellten sie anormale Ansprüche an die physiologische Struktur der Gäste. Sie begannen um 13.30 Uhr und endeten mit dem Glockenschlag 17.45 Uhr. Der Gastgeber, von der Natur wohl wundersam begabt, nannte das lächelnd »Schulung des gesellschaftlichen Nachwuchses«.)


Sommerliche Feste: Vom offiziellen Abendessen zum sommerlichen Fest ist es ein [348] ziemlicher Sprung. Aber wir machen ihn um so lieber, als wir uns ja nur allzugern auch einmal in die heitere Unbeschwertheit eines fröhlichen Zusammenseins mit gutgelaunten Menschen stürzen, das schon durch die laue Sommernacht, über der sich ein strahlender Sternenhimmel wölbt, einen eigenen Zauber hat.

Den warmen Sommerabend liefert die Natur, die Gastgeber halten Speisen und kühle, sommerliche Getränke bereit – wir aber brauchen uns nur nett anzuziehen und alle gute Laune mitzubringen, die sich auftreiben läßt.

Nett anziehen – nun, für weibliche Wesen ist das Problem um so einfacher, je jünger sie sind. Sommerliche Cocktail- und Abendkleider zaubern begabte Frauen in wenigen Stunden zusammen. Uns Männern bleiben da weniger Möglichkeiten – leider. Wenn dunkler Anzug genügt, dann erscheinen wir eben im dunklen Anzug – auch im Juli! Wenn Smoking gewünscht wird, dann – ja, dann dürften wir, so wir haben, auch das weiße Smokingjackett mit schwarzer Querschleife zur schwarzen Smokinghose wählen. Es ist stimmungsvoll und doch festlich und nicht ganz so streng wie unsere sonstigen Abendanzüge.


Winterliche Ballsaison: Die Zeit des großen Abendkleides und der gepanzerten Hemdbrust! Die Zeit, da wir nicht nur unsere Ehefrauen und uns selbst, sondern auch alle unsere formvollendeten Manieren in die große Manege der Gesellschaft führen. Auf ein Parkett, das strahlend spiegelt und jedes Ausrutschen doppelt peinlich macht, weil Hunderte von Augenpaaren zuschauen. Diese Augenpaare schauen zwar nicht gerade ungeniert, aber immerhin doch keineswegs mehr mit jener Zurückhaltung, die sie in einem kleinen Kreis noch üben würden.

Jetzt betreten wir die große Bühne, auf der jeder Schnitzer von vielen Tausenden von Watt unbarmherzig illuminiert und daher auch bemerkt wird.

Sollte man meinen. Aber dem ist gar nicht so.

Jeder ist hier mit sich selbst und seiner nächsten Umgebung beschäftigt – und so gibt gerade diese riesige Bühne mehr Sicherheit als das intimere Podium einer kleinen Gesellschaft mit lauter bekannten Gesichtern.

Trotzdem – man kann auch hier im Ballsaal nach kurzer Zeit und jeder Richtung hin auffallen. Das aber wollen wir nicht, zumindest nicht nach der negativen Seite hin. Und so exerzieren wir hier in großem Stile das durch, was wir aus unserem Reglement des guten Benehmens beherrschen. Und das ist eine ganze Menge.

In der Kleidung haben wir Männer einmal wenig Gelegenheit, etwas falsch zu machen. Wir wissen, was zum Frack gehört und vergessen nicht einmal, die Stoppuhr rechtzeitig vom Handgelenk zu entfernen.

Aber unsere Damen tun da zuweilen zuviel – oder auch zuwenig des Guten!

[349] Was dies »zuwenig« angeht, so gibt es vereinzelt Evastöchter, die man inständig bitten möchte: Vergeßt erstens nie, daß das Dekolleté spätestens dort aufhören muß, wo der gute Geschmack anfängt, daß zweitens wir Männer – wenigstens bei festlichen Anlässen – viel lieber ahnen als sehen. Es gibt verhältnismäßig wenig Fälle, in denen mehr auch wirklich mehr ist. Hier ist einer.

Aber es ist ja nicht nur die Kleidung. Auch sonst ist die Decke eines Ballsaales keine Tarnkappe. Und deshalb: Muß man hier, gerade hier, die äußere Harmonie, die Beschwingtheit, den Glanz des Festes durch häßliche kleine Flecken unaufmerksamen, um nicht zu sagen schlechten Benehmens trüben?


C. Auf spiegelndem Parkett

Ich weiß nicht, mein Herr, wer Sie waren. Als Sie sich dem Tisch näherten, [350] sahen Sie wie ein Herr aus. Aber nach zehn Minuten wußten alle, daß Sie gar keiner waren. Sie hatten sich nur als solcher verkleidet. Daß Sie nicht grüßten, als Sie an unseren Tisch traten (gewiß, es waren numerierte Plätze, aber immerhin) – daß Sie nicht einmal »Danke« sagten, als wir aufstanden, um Sie vorbeizulassen – sogar der blendend aussehende alte Herr mit seiner sehr, sehr jugendlichen Begleiterin (nicht, daß Sie sein Monokel oder der Siegelring mit der siebenzackigen Krone hätte beeindrucken müssen, nein, aber die guten siebzig Jahre, die kein Geheimnis waren) – daß Sie mir den Aschenbecher, der genau vor mir stand, ohne ein Wort fortnahmen, Ihren brennenden Zigarettenrest hineinwarfen und mir die ganze qualmende Geschichte wieder vor die Nase stellten – daß Sie schließlich allen Ihren Tischnachbarn das seltene Schauspiel eines Frackträgers boten, der laut und vernehmlich rief: »Ober – eingießen!« – das, lieber Mann, veranlaßt mich zu der Befürchtung, daß Sie kaum noch jener Gentleman werden dürften, der es reinen Gewissens für eine Zumutung halten darf, seiner Begleiterin selbst nachschenken zu müssen (zumal der Eiskübel mit Serviette direkt neben Ihnen stand).

Aber lassen wir das. Vergessen wir auch jenes Wesen weiblichen Geschlechtes, das mit einem kleinen frechen Hermelinschwänzchen am Ohr zuerst so apart aussah, nach dem dritten Glas Sekt jedoch prompt den Ballsaal mit dem Sportpalast und sich selbst mit einer Schauspielerin verwechselte und fortan alles mitpfiff, was da gespielt wurde (leider nicht nur laut, sondern auch so, als sei sie Anhängerin der von Schönberg begründeten atonalen Musik). Und reden wir auch nicht von jenen drei befrackten, beschwipsten Männern, die ausgerechnet auf dem glanzvollsten Fest der Saison an einer umlagerten Bar Brüderschaft trinken mußten und anschließend auch noch Küsse austauschten. Es sind Ausnahmen, natürlich. Aber sie geschehen doch noch häufiger, als es zu sein brauchte. Denn in einem Punkte unterscheidet sich auch der glanzvollste Ball nicht im geringsten von einer kleinen, zwanglosen Geselligkeit: Hier wie dort treffen sich Menschen, die in der überwiegenden Mehrzahl guten Willens sind – guten Willens zu guter Laune und gutem Benehmen.


Kostüm- und Maskenfeste: Wir haben sie hier noch erwähnt – als Abschluß der offiziellen Festlichkeiten, obwohl sie keineswegs festlich im Sinn strenger Etikette sind. Wir taten es eigentlich nur, da man zu solchen Veranstaltungen, im Privatleben so liebenswürdig »Budenzauber« genannt, auf jeden Fall rechtzeitig einladen sollte. Natürlich gibt es da begabte Geschöpfe, die am Abend mit einem originellen Kostüm überraschen würden, auch wenn sie am späten Nachmittag von der Einladung noch keine Ahnung gehabt hätten. Aber nicht jeder will improvisieren, und manche Damen lieben es geradezu, sich auf ein derartiges Fest mit größerem Einfallsreichtum vorzubereiten als etwa auf den Presseball.

Auch wir Männer teilen uns da – nach meiner Erfahrung – in zwei Gruppen. [351] Die eine will ganz sicher gehen. Sie weiß, daß Eleganz zuweilen siegt, und wählt aus diesem Grunde konservativ den Frack mit dem Domino darüber. Und das sieht sehr elegant aus, hindert aber die Bewegungsfreiheit erheblich und hat in der zumeist nicht gerade kühlen Temperatur durchtanzter und durchlachter Räume Saunawirkung. Die anderen verlassen sich auf Maskenverleihinstitute und machen dort Jugendträume wahr.

Männlichstes Kostüm ist natürlich die Original-Cowboyausrüstung. (Sie empfiehlt sich besonders für kleine Herren mit betontem Embonpoint ...) Und da muß ich eben einmal ein rundes Vierteljahrhundert zurückblenden.

Auch ich sammelte meine ersten Maskenballerfahrungen in einem Cowboykostüm. Zufällig war es sogar ein ganz echtes, zumindest stammte es aus Amerika. Die weiten Lederhosen mögen gute zwanzig Pfund gewogen haben, was ich jedoch erst nach Mitternacht zu spüren begann. Auch sonst roch alles direkt nach Prärie und unzähmbaren Mustangs. Der Hut hatte gewaltige Ausmaße, die nur deshalb nicht störten, weil ich nicht allzu kurz geraten bin. Und einen herrlichen Gürtel hatte ich auch. Er war bunt und eigentlich das Glanzstück der Ausrüstung. An ihm baumelten – ja, da fing nun die Tragödie an. An ihm baumelten nämlich nicht jene obligatorischen beiden Colts, ohne die ein echter Cowboy bekanntlich nicht einmal in die Badewanne steigt, geschweige denn auf einen Maskenball geht. Natürlich hatte der Kostümbesitzer sowohl das Gehänge als auch zwei echte Colts (er war der Sohn eines großen Waffenhändlers). Aber die wollte er mir nicht geben – was ich heute verstehen kann.

Jeder vernünftige Mensch, der je im Geiste über die Savannen Arizonas galoppiert ist, wird Verständnis dafür haben, daß ein siebzehnjähriger Cowboy bewaffnet sein will. Folglich besorgte ich mir nun das leere Lederfutteral einer riesigen Parabellumpistole und montierte es auf die linke Gürtelseite. Das Futteral hatte eine überfallende Verschlußklappe, so daß man nicht sehen konnte, ob und was sich darin verbarg. Wenn ich ehrlich sein soll – ein Blick in den Spiegel befriedigte mich nicht ganz. Dieser kleine Lederkoffer an der Hüfte war folkloristisch schon ein starkes Stück. Dennoch – ich brachte es nicht fertig, mich von ihm zu trennen. Andererseits – ganz leer durfte er auch nicht sein. Also versteckte ich eine winzige Startpistole in seinen Tiefen und stellte dann plötzlich fest, daß das gesamte Kostüm keine einzige Tasche hatte. Das tröstete mich ein wenig. Nun klapperte wenigstens in der riesigen Pistolentasche nichts mehr, denn oben auf die Startpistole packte ich Taschentuch, Schlüsselbund, Messer, Kamm, Portemonnaie, Zigaretten und Feuerzeug.

In den ersten fröhlichen Morgenstunden geschah es dann: Irgendeine reizende Pierrette forderte mich auf zu schießen – an die Decke. Ich schoß. Nach genau sechs Minuten. So lange dauerte es, ehe ich meinen Pistolenkoffer geleert und den Schlüssel aus der Pistolenmündung gepolkt hatte. Aber es knallte nicht.[352] Ich hatte die Knallplätzchen vergessen. (Seither bin ich nie mehr als Cowboy gegangen.)

Einfachstes Kostüm für Männer ist bekanntlich der Seemann: weite blaue Hosen, blau- und weißgestreiftes Matrosenhemd mit kurzem Ärmel, roter Backenbart, Schiffermütze, Pfeife und wiegender Gang. Fertig. Und da fällt mir noch eine andere Geschichte ein.

Ein bekannter Maler gab in seinem ziemlich großräumigen Atelier ein Kostümfest unter dem Titel »Irrfahrten des Odysseus«, zu dem vierzig Personen erschienen. Allen war, dem Motto gemäß, eine bestimmte Rolle mit entsprechendem Kostüm vorgeschrieben. Das Atelier war völlig ithakisch ausgestattet, da gab es Masten und Segel, die Zyklopen, Szylla und Charybdis, und ein Raum stand sogar unter Wasser. Da tanzte Odysseus nach zehn Jahren wieder mit seiner Penelope, da gab es Sirenen und Circen, Äolus machte Wind, die Zauberin Kalypso bezauberte, Alkinoos unterhielt sich mit Telemach – das Ganze war auferstandene griechische Sage, begeistert gespielt von neununddreißig Gästen. Gegen Mitternacht erschien der vierzigste. Man hatte vergessen, ihm seine Rolle mitzuteilen. Er hatte in der Eile das Motto von den Irrfahrten rein navigatorisch aufgefaßt und erschien in einer blütenweißen, hocheleganten – Kapitänsuniform.

Nun haben wir ganz verabsäumt, über Etikette auf Kostümfesten zu sprechen. Aber – ist das eigentlich nötig? Wenn wir so sind, wie wir sein sollen, werden uns auch niedrige Schranken nicht zu unverantwortlichen Sprüngen verführen. Wir tragen fremde Masken – das ist kein Grund, die eigene Maske fallenzulassen. Laßt uns daher heiter, von Herzen fröhlich und ausgelassen sein. Und wenn wir am Morgen des Aschermittwochs uns und allen anderen frei und offen ins Gesicht sehen können – dann wird nichts die schöne Erinnerung an beschwingte Stunden trüben.


Zwanglose Geselligkeit

Damit ist nun nicht etwa eine Form des Zusammenseins gemeint, zu dem man das gute Benehmen zu Hause lassen darf. Das tragen wir immer, aber auch immer bei uns. Nein, es sind jene gemütlichen Nachmittage oder auch Abende, deren Reiz in der Improvisation liegt. Sie werden zumeist kurzfristig beschlossen und ebenso rasch durchgeführt. Man hängt sich also ans Telefon und bittet etwa zu einem


Teenachmittag, bei dem die Hausfrau ihre Gäste nicht weniger aufmerksam und charmant persönlich bedient als auf dem offizielleren Fünfuhrtee. Nur geht es, wie gesagt, nicht ganz so förmlich zu, und außerdem sind auch in der Kleidung größere Freiheiten erlaubt. Was natürlich weder Hosen für die Damen noch Pullover für die Herren bedeutet. Aber »heller« darf es schon sein.

[353] Oder die Hausfrau trägt dem Geschmack ihrer Freundinnen Rechnung und lädt telefonisch rasch zu einer


Kaffeestunde, die gegenüber dem Teenachmittag den Nachteil hat, daß sie hier nicht um einen weißgedeckten Tisch herumkommt. »Sets« tun es beim Kaffee nicht.

Auch Männer können auf Freunde und Bekannte liebenswürdige Attentate verüben, etwa in Form einer Bitte zum


Frühschoppen mit einigen Gläschen Wein oder auch, vor allem in Süddeutschland, mehreren »Maß«. Wenn sie zu sich einladen, dann werden sie ihre Ehegefährtin, die sich zumeist nicht sehen läßt, bitten, einige kleine herzhafte Happen bereitzustellen. Dafür versprechen sie ihr, die Freunde auch bei größter Gemütlichkeit spätestens um 12.30 Uhr sanft, aber nachdrücklich hinauszukomplimentieren.

Ebenso zwanglos kann man auch zu einem


Spielabend laden, zu dessen Vorbereitung wir ja bereits im letzten Abschnitt des ersten Kapitels einige Hinweise gaben.

Wenn wir hier noch einmal das


Atelierfest erwähnen, so deshalb, weil man natürlich auch dort herrlich improvisieren kann. Man ruft ein paar Freunde beiderlei Geschlechts an und versichert sich nicht nur, daß sie kommen, sondern daß auch jeder seinen Teil zu den leiblichen und geistigen Genüssen des Abends beisteuert.

Zumeist wird man die Damen bitten, etwas Nahrhaftes mitzubringen, während die Herren für gefüllte Flaschen verantwortlich sind. Vorsorglich weist man noch darauf hin, daß für Tabakwaren jeder selbst zu sorgen hat. Wenn das alles klar ist, bittet man telefonisch die beiden besten Freunde zu sich und stellt die Bude buchstäblich auf den Kopf (allerdings nur unter der Bedingung, daß diese beiden hoch und heilig versprechen, spätestens am nächsten Abend mitzuhelfen, alles wieder auf die Beine zu stellen).


Schließlich bedarf es noch der Erwähnung einer gesellschaftlichen Veranstaltung, die zwanglos und offiziell zugleich, aber fast ausgestorben ist, der Jour fixe. Es ist oder – besser gesagt – war dies der »feste Tag«, den Damen, die ihrer Stellung entsprechend noch so etwas wie einen »Salon« führten, einmal wöchentlich, vierzehntäglich oder monatlich veranstalteten. Eine diesbezügliche Mitteilung erging nur an jene, die von der Existenz dieses festen Tages noch keine Ahnung hatten, von der Gastgeberin aber gern gesehen worden wären. Ihnen schneite vielleicht eines Tages die Visitenkarte einer solchen hohen Dame ins Haus, die den Vermerk trug »Mittwoch zu Hause«. Das hieß soviel wie:

[354] »Am Mittwoch, zwischen 17 und 18.30 Uhr, sind einige Leute bei mir. Es geht zwanglos zu, Sie können kommen und gehen, wann Sie wollen, und sind im übrigen herzlich willkommen.« Es ging also ähnlich zu wie auf einer Cocktailparty. Eine solche Mitteilung ist auch heute keine Einladung im eigentlichen Sinne und braucht weder befolgt noch beantwortet zu werden. Ersteres ist jedoch, wenn irgend möglich, anzuraten, denn derartige Salons sind Mittelpunkt, von denen aus nicht selten Fäden gesponnen werden – ohne daß die Veranstalterin deshalb eine Spinne zu sein braucht. Die Herren tragen dunklen Straßenanzug, die Damen Jackenkleid mit Hut.

Und damit, liebe Freunde, hätten wir so ziemlich alles erwähnt, wozu Sie eingeladen werden oder selber einladen könnten. Eines vielleicht werden Sie fragen – ob es nämlich nicht auch Veranstaltungen gäbe, die am Nachmittag beginnen und sich vielleicht bis in den späten Abend hinein ausdehnen. Nun, praktisch werden Sie ihnen kaum begegnen, von Hochzeiten abgesehen. Doch könnte es sein, daß Mütter ihren dreiviertel flüggen Töchtern zuliebe muntere Jugend zu einem nachmittäglichen Tänzchen bitten. Das wäre also eine Art Tanztee. Man kann statt seiner aber auch zum


Tanztee mit Schleppe einladen. Es kommt kaum noch vor. Nur der kuriose Name ist vielleicht noch bekannt. Weil er aber darauf hinzudeuten scheint, daß hier die weibliche Jugend in großen Abendkleidern mit langer Schleppe erscheinen müsse, dürfen wir richtigstellen: Er heißt so, weil er sich, je nach Stimmung der Mama und den eventuellen Heiratsaussichten der Töchter, gegebenenfalls über einen improvisierten kalten Imbiß bis in die Nacht hinein erstrecken kann. Woraus hervorgeht, daß seine zeitliche Ausdehnung letztlich in den Händen der anwesenden jüngeren Herren liegt.


Wir bitten zum Tanz

Neulich sah ich in einer Wochenschau Aufnahmen von einer nationalen Jitterbug-Meisterschaft. Sie wurde bezeichnenderweise in einem Zirkus ausgetragen, und das war eigentlich das Erfreuliche an ihr. Denn als Tanz – ich glaube, wenn der alte Herr Zeus diese Einrichtung geahnt hätte, wäre er der Mnemosyne, der Göttin des Gedächtnisses, gegenüber zurückhaltender gewesen. Man begeht ja keine Indiskretion, wenn man feststellt, daß Zeus oder – wie ihn die Römer nannten – Jupiter der Don Juan der griechischen Mythologie war. Seine Pflichten als Erhalter der Ordnung, als Schirmherr des Gastrechts und sinnigerweise auch der Familie nutzte er zu zahlreichen Dienstreisen aus, denen Hera, sein göttlich Weib, nicht zu Unrecht mit gerunzelter Stirn entgegenzusehen pflegte. Denn – auch das ist kein Geheimnis – auf jeder dieser Fahrten bereicherte er den an sich schon nicht gerade geringen Personenkreis der antiken Sagenwelt um weitere Gestalten. Eines Tages nun muß er auf einer streng [355] dienstlichen Reise die Gedächtnisgöttin Mnemosyne getroffen haben. Auch sie kapitulierte vor dem Temperament des olympischen Charmeurs. Als Zeichen ihrer tiefen Verehrung schenkte sie ihm nicht weniger als neun Töchter – die Musen. Eine von ihnen war Terpsichore, die Muse des Tanzes. Ihrer wollten wir nur kurz in wehmütiger Erinnerung gedenken, zumal sie weder für Jitterbug und Samba noch für Raspa und ähnliches verantwortlich ist.

Wenn wir von der gesunden Überlegung ausgehen, daß der Gesellschaftstanz nicht nur den Tanzenden Freude, sondern auch den Zuschauern einen erträglichen Anblick bieten sollte, dann ergibt sich daraus die Notwendigkeit, auch hier das möglicherweise noch vorhandene Temperament zugunsten des guten Geschmacks zu zügeln. Tänze mit akrobatischem Einschlag gehören nun einmal nicht auf das Parkett eines großen Ballsaales. Das heißt keineswegs, daß man der Jugend gram sein sollte, wenn sie sich aus ehrlicher Lebensfreude regelmäßig trifft und dort, wo es hingehört, ihrer tänzerischen Begabung, ihrer Freude am Rhythmus freien Lauf läßt. Wer Gelegenheit hatte, einmal Gast in einem Hot-Club zu sein und dort die jungen Leute zu beobachten, wie sie sich mit Begeisterung den packenden Rhythmen einer Dixieland-Kapelle hingaben, wird feststellen können, daß dieses häufig mißverstandene Vergnügen recht harmlos ist. Ein in allen erdenklichen Figuren getanzter Jitterbug hat sportmedizinisch vermutlich den gleichen Wert wie ein 1500-m-Lauf, zumal nach meinen Beobachtungen das Wörtchen Alkohol bei den Anhängern dieses sportlichen Vergnügens ganz, ganz klein geschrieben wird – wenn es überhaupt existiert. Aber, wie gesagt, das spielt sich ja in einem Rahmen ab, der außerhalb jener Räumlichkeiten liegt, in denen wir betont nach der Etikette leben. Sobald wir jedoch durch breite Flügeltüren treten, hinter denen sich Abendkleider und Fracks auf spiegelndem Parkett wiegen, wollen auch wir uns vornehmen, einem gemäßigten Rhythmus zu folgen und darauf zu verzichten, der erstaunten Umwelt den lächerlichen Anblick eines Menschen zu bieten, der Parkettakrobatik mit der Inbrunst eines Zwanzigjährigen betreibt, obwohl die Sonne seines Lebensweges bereits im Zenit steht.


Im übrigen, meine Herren – wenn Sie die »soliden Tänze«, Walzer, English-Waltz, Foxtrott, Tango und die elegant-wiegende Beguine, so beherrschen, daß Sie jede Dame gut »führen« können, dann werden Sie Ihren Ruf als vollendeter Gesellschaftsmensch niemals gefährden, selbst dann nicht, wenn Sie sich beim ersten Takt einer allzu rhythmischen Weise vor einer auf Ihre Aufforderung zum Tanz wartenden Dame verbeugen und sagen: »Ich glaube, verehrte gnädige Frau – diese zündende Musik wäre eine gute Gelegenheit zu einem kleinen Ausflug in die Bar ...«

Überhaupt, – wie benehmen wir uns, wenn getanzt wird?

[356] Auf privaten Gesellschaften ergeben sich da gewisse Regeln, die nur allzugern übertreten werden. Zunächst hat einmal jeder anwesende Herr grundsätzlich die Pflicht, alle anwesenden Damen zu betanzen. So verständlich es ist, wenn sich ein einzelner männlicher Gast bevorzugt einer ebenfalls einzelnen, noch dazu schönen Gästin widmen möchte – das geht nicht! Die Gunst ist gleichmäßig zu verteilen! Auch dann, wenn nicht nur Aphroditen geladen wären. (Übrigens war Aphrodite, die Göttin der Schönheit – auch als Anadyomene, die Schaumgeborene, bekannt – ebenfalls eine Tochter des Zeus und somit eine Halbschwester der Tanzmuse Terpsichore. Wer in der griechischen Götterwelt auch nur halbwegs etwas auf sich hielt, hatte Zeussen zum Vater.)

Umgekehrt haben auch keineswegs alle Männer Ähnlichkeit mit dem »Apollinaris« von Belvedere – wie eine hübsche junge Dame einmal versehentlich den Apollo nannte, dessen steinernes Ebenbild von Leochares geschaffen wurde und im Vatikan zu Rom steht. Deshalb, meine Damen, lächeln auch Sie charmant, wenn die Geigen zum Tanze singen und sich vor Ihnen der füllige Herr Lehmann so tief verneigt, daß Sie seinen billardkugelglatten Kopf für einen Augenblick als Spiegel benutzen können. (Für besonders Interessierte hier der Hinweis, daß auch Apoll ein Zeussohn war.)

Mauerblümchen sind die Sorge jeder Gastgeberin! An uns Männern liegt es, ihr die Sorge abzunehmen und mit allen weiblichen Wesen zu tanzen, die da warten. Vor ihnen rangiert nur die Gastgeberin selbst! Sie hat sich Mühe gegeben, uns einen netten Abend zu schenken – danken wir ihr durch Aufmerksamkeit, indem wir auch mit ihr tanzen. Und nicht nur den einen sogenannten Pflichttanz!

Der Hausherr wird seine guten Freunde höchstpersönlich mit der Taktik eines alten Sandkastenstrategen einsetzen. Gute Freunde haben bekanntlich Humor und werden es dem Gastgeber nicht verübeln, wenn er ihnen bereits vor dem Abend die Rolle eines »Kümmerers« zuweist. Spielen Sie diese Rolle mit der selbstverständlichen Eleganz eines Mannes, der Herz und Manieren hat. Fallen Sie Ihrem gastgebenden Freund nicht schnöde in den Rücken, indem Sie sich mit der schönsten Blume der Gesellschaft für längere Zeit auf die Terrasse zurückziehen, um ihr dort auseinanderzusetzen, wie harmonisch die Pastelltöne ihrer Orchidee im Haar zu dem Haselnußbraun ihrer Augen paßten. Sie tauschen für diese Minuten das Wohlwollen anderer Leute ein! Einmal jener Damen, die ganz gern mit Ihnen getanzt hätten, zweitens der Herren, denen Sie Ihre Aphrodite vorenthielten!

Von der Aufforderung zum Tanz bis zu seiner Beendigung wahren wir grundsätzlich korrekte Formen, wie sie dem festlichen Rahmen der Veranstaltung angepaßt sind. Es gibt da Leute, die es fertigbringen, mit der Zigarette im Mund, [357] der Hand in der Hosentasche und einem gelangweilten Lächeln auf den Lippen auf ihr Opfer zuzusteuern, die Zigarette umständlich im Aschenbecher auf dem Tisch der Dame auszudrücken und dabei mit routiniertem Charme zu sagen: »Na, meine Gnädige, dann wollen wir mal ...«, die sich nach dem zweiten Musikstück – während die Umstehenden auf das dritte warten – mit dem Taschentuch über die Stirn fahren und murmeln: »Puh, ist das heiß ...«, die dann ihre Tänzerin zum Platz zurückführen mit den Worten: »So, das hätten wir ...«

Natürlich passiert das nicht alle Tage, und glücklicherweise nur selten in dieser krassen Form. Immerhin sind gerade hier die Manieren der Herren keineswegs immer so gut, wie sie es unschwer sein könnten.

Wenn wir uns dem Platz der aufzufordernden Dame nähern, verzichten wir auf letzte korrigierende Griffe zur Smokingschleife. Wir haben die Hände nicht in den Hosentaschen. Und die Zigarette bleibt in jedem Falle ausgemacht an unserem Tisch zurück. Wir verneigen uns lächelnd, wobei wir ein »Darf ich bitten?« murmeln können, aber nicht müssen. Verbindliches Lächeln allein genügt. Wir sind der Dame beim Erheben behilflich, nehmen ihr eventuell ein Cape ab, rücken ihren Stuhl fort und bieten ihr den Arm – sofern genügend Platz vorhanden ist, um nebeneinander zur Tanzfläche zu schreiten. Andernfalls lassen wir die Dame vorangehen.

Wenn wir unsere Partnerin in den Arm nehmen, so tun wir es mit der Andeutung einer lächelnden Verbeugung, die zeigt, daß wir uns auf den Tanz mit eben ihr freuen – oder so aussehen, als wenn es der Fall wäre. Wer zur Transpiration neigt, nimmt zu Beginn des Tanzes ein blütenweißes Taschentuch (das ganz schwach nach herbem Eau de Cologne duften darf) in seine Linke. Die Dame wird ihm für diese Rücksicht dankbar sein, zumal sie möglicherweise selbst zu feuchten Handflächen neigt, die zwar unschuldig und natürlich, nichtsdestoweniger aber wenig angenehm sind. Und mit seiner rechten Hand bleibt der Herr auch dem verführerischsten Dekolleté fern.

Und dann: Nehmen Sie Ihre Partnerin nicht allzufest in den Arm. Wenn es eine alte und würdige Dame ist, werden Sie ohnehin merken, daß der Tanz – gleich welcher Art – auch in Form eines rhythmischen Spazierganges durchgeführt werden kann. Dazu aber bedarf es keineswegs einer engen Tuchfühlung. Ist Ihre Tänzerin dagegen ein hübsches, junges, schlankes Wesen mit sparsamem Abendkleid, dann – bleiben Sie erst recht auf Distanz. Der Feind sieht mit! Und zum Feind wird jede andere Tänzerin, die ein allzu enges Ineinanderfließen nur allzuleicht mißdeutet. Schließlich sind solche Tanzveranstaltungen ja auch nur selten Turniere, auf denen die Präzision der Bewegung ohne engste Fühlungnahme nicht möglich ist.

[358] Vergessen Sie auch nicht, meine Herren, daß es keine Dame gibt, die nicht tanzen könnte, wenn – ihr Partner tanzen kann und zu führen versteht. Sollte Ihre Tänzerin dennoch vorwiegend mehr auf Ihren Füßen als auf dem Parkett stehen, so ist das gesellschaftlich Ihre Schuld! Und Sie werden sich entschuldigen, obwohl Ihr Fuß der untere war.

Bringen Sie das Kunststück fertig, Ihre Dame rhythmisch richtig zu führen, jede Kollision mit anderen Paaren zu vermeiden und daneben doch noch geistreiche Konversation zu machen! Das erfordert zwar Konzentration, verschafft Ihnen aber den Ruf eines aufmerksamen und guten Tänzers. Hüten Sie sich vor allem, einer ebenfalls tanzenden Dame, mit der Sie viel lieber tanzen würden, durch zwinkernde Blicke zu verstehen zu geben, daß Sie augenblicklich lediglich einer unangenehmen Pflicht Folge leisten, während Sie sich auf den nächsten Tanz mit ihr, der anderen, bereits unbändig freuen. Vergessen Sie niemals, daß jede Frau in Ihrem Gesicht zu lesen versteht – also auch Ihre augenblickliche Partnerin.

Wenn der Tanz beendet ist, dann brauchen Sie auf einer privaten Gesellschaft Ihre Tänzerin durchaus nicht in hastigem Tempo an ihren Platz zurückzuführen. Vielleicht wird man Ihnen dankbar sein, wenn Sie sich auch jetzt noch ein wenig »kümmern«. Und wenn es sich um eine Dame handelt, der die Natur an Stelle reicher äußerer Gaben viel Herz und Verstand verlieh, dann werden Ihnen, meine Herren, nicht zuletzt die Gastgeber und die anderen Tänzer dankbar sein, daß Sie sich in so selbstloser Weise opferten.

Eine kluge Hausfrau berücksichtigt bei der Einladung zu häuslichen Tanzveranstaltungen, daß Tanzen zuweilen nicht nur reines Vergnügen, sondern auch Pflicht ist. Sie wird daher stets mehr Herren als Damen einladen, um sicherzustellen, daß keine Dame, die gern tanzen möchte, sitzenbleibt, weil ein Tanzpartner fehlt.

Wenn Ihnen vor Beginn des Abends eine Dame als Tischpartnerin zugewiesen wurde, so tanzen Sie mit ihr zuerst. Bereits beim zweiten Tanz jedoch sollten Sie den Versuch unternehmen, mit der Hausfrau zu tanzen. Da die anderen Herren, sofern gut erzogen, gleiches im Sinn haben, kann es Ihnen allerdings passieren, daß dieser Versuch diverse Male mißlingt, was jedoch kein Grund ist, die Bemühungen aufzugeben.


Dürfen nun wir Männer Sie, meine Damen, um etwas bitten?

Wenn wir uns Ihnen nähern, uns vor Ihnen verneigen und dann – abgewiesen werden, so kann das heißen, daß Sie einmal aussetzen möchten. Soweit gut. Wenn aber dreißig Sekunden später ein anderer vor Ihnen eine erfolgreiche Verbeugung macht, dann haben Sie uns zu verstehen gegeben, daß wir Ihnen kein erwünschter Partner sind. Und deshalb wäre es nett, wenn Sie sich vornehmen wollten, auf einer privaten Gesellschaft niemals so deutlich kundzugeben, wie [359] wenig wir Ihr Typ sind. Sie zwängen uns durch ein derartiges Verhalten dazu, Ihnen für den Rest des Abends fernzubleiben, was wiederum Sorgenfalten auf die Gesichter der Gastgeber zaubern müßte. Also – wenn Sie einen Tanz ablehnen, dann tun Sie es bitte bei jedem, der Sie auffordert. Dagegen können Sie ruhig einmal lächelnd sagen: »Es tut mir aufrichtig leid, Herr Müller, aber diesen Tanz habe ich vorhin bereits Herrn Lehmann versprochen.«

Das klingt einleuchtend und läßt uns die Möglichkeit zu einem erneuten Versuch offen.

Und eine zweite Bitte: Geben Sie uns frei, wenn der Tanz beendet ist. Natürlich würden wir uns gern noch mit Ihnen unterhalten, aber wir haben ja Pflichten. Und ihre größte heißt: mit der nächsten Dame tanzen. Vergessen Sie also bitte nicht, daß Sie uns in ein schiefes Licht bringen, wenn Sie uns zwingen, uns ausschließlich Ihnen zu widmen – so reizvoll das selbstverständlich auch wäre.

Ganz anders als im privaten Rahmen liegen die Dinge – wenigstens innerhalb unserer Grenzen – an neutralen Tanzörtlichkeiten, etwa im Ballsaal, im Tanzcafé, in der Bar. Hier darf der Herr auch vor unbekannten Damen seine einladende Verbeugung machen. Er wird es, wenn er klug ist, natürlich nur tun, wenn er den Eindruck hat, daß sein Versuch nicht ganz unwillkommen ist. In erster Linie also wird er Damen auffordern, die entweder allein oder in Begleitung älterer Damen sind. Zuvor jedoch muß er sich auf alle Fälle an die ältere Begleitperson wenden und etwa sagen: »Verzeihung – würden Sie gestatten, daß ich mit der Dame tanze?« Sollte der Kühne in dieser Form die Mutter der (zum Tanze) Erwählten angesprochen haben, so darf er sicher sein, den ersten Stein auf dem Weg näherer Bekanntschaft beiseite geräumt zu haben – durch sein gutes Benehmen.

Es ist natürlich auch schon vorgekommen, daß besagte Begleiterin eine zwar ältere, aber noch immer lebensvergnügte Dame war, die sich nach den ersten drei Worten mit einem huldvollen Lächeln – selbst erhob. Dann, meine Herren, kommen Sie nicht auf die ehrliche Idee zu sagen »Nein, mit Ihnen wollte ich gar nicht ...«, sondern beißen Sie in den nicht mehr ganz süßen Apfel. Denn dieser Biß gestattet Ihnen, beim nächsten Tanz die Richtige ohne vorherige Anfrage bei der Begleiterin aufzufordern.

Befindet sich die von Ihnen zum Tanz Erkorene in männlichem Schutz, so werden Sie sich ebenfalls unbedingt zuvor bei dem begleitenden Herrn die Erlaubnis zu diesem Tanz holen. Derartige Aufforderungen jedoch sollte man, wenn überhaupt, nur dann unternehmen, wenn man weiß oder annehmen darf, daß dieser Ausflug nicht in ein offensichtlich fremdes Revier führt. Begleitende Herren können, besonders in der heutigen Zeit, wie der Onkel aussehen, für den Vater gehalten werden und – der Ehemann sein. Was immer er jedoch auch sein [360] mag, stets wird er auf Ihre höfliche Verbeugung ebenso höflich nicken und nicht etwa sagen: »Das möchte ich Ihnen nicht raten!« oder »Da müssen Sie die Dame schon selber fragen!« Diese Entscheidung überläßt er der Dame, die die Aufforderung nun auch nach Belieben annehmen oder ablehnen kann. Im Falle einer Ablehnung werden wir uns nicht beleidigt, sondern mit einem verbindlichen »Verzeihung« zurückziehen, um nicht mehr zu erscheinen – und schon gar nicht, wenn die Dame diesen uns abgelehnten Tanz einem anderen schenkt.

Noch eines übrigens, meine Herren: Wenn Sie in einem öffentlichen Tanzlokal eine Dame zum Tanz bitten, so brauchen Sie sich keineswegs vorzustellen. Das werden Sie frühestens dann tun, wenn Ihnen von Tanz zu Tanz klarer wird, daß ein Wiedersehen nicht nur Ihnen, sondern auch Ihrer Tänzerin (bzw. deren wohlwollend lächelnder Mutter) nicht ganz unangenehm wäre.

Nach diesem Abstecher in die tanzende Öffentlichkeit kehren wir zurück in die private Gesellschaft.

Jede Veranstaltung geht einmal zu Ende. Inwieweit man den Schluß des Abends innerlich bedauert oder begrüßt, hängt davon ab, wie harmonisch das Zusammensein war. In jedem Falle aber hat auch das Ende seine Form.


Aufbruch, Dank und Abschied. Man sollte immer dann Abschied nehmen, wenn es am schönsten ist. Leider gibt es Gäste, die nicht aufzuhören verstehen und den Höhepunkt eines häuslichen Festes ad infinitum ausdehnen möchten. Sie sind gefürchtet, denn – mag ihr ewiges Verweilen auch darauf schließen lassen, daß es ihnen gut gefällt, so zwingt es die Gastgeber doch, auch dann noch lächelnden Gesichtes auszuharren, wenn sie längst zum Umfallen müde und erschöpft sind. Hüten wir uns, zu jenen zu gehören, denen die Natur das Gefühl für die rechte Stunde zum Aufbruch versagt hat! Das gilt für die Nachmittagseinladung ebenso wie für die große Abendgesellschaft.

Grundsätzlich wartet man, bis die ranghöchsten oder ältesten Gäste gegangen sind. Ein junger Mann, der sich ohne wirklich zwingenden Grund von der Hausfrau als erster verabschiedet, macht einen denkbar schlechten Eindruck. Muß jemand aus beruflichen oder gesundheitlichen Gründen die Gesellschaft frühzeitig verlassen, so wird er das der Hausfrau bei Beginn des Abends sagen und dann unauffällig und ohne Abschied gehen. Jede Gastgeberin wird dafür Verständnis aufbringen, wenn er ihr rechtzeitig die Gründe auseinandergesetzt hat. Die anderen Gäste aber warten, bis die ranghöchsten oder ältesten gegangen sind.

Auf großen Gesellschaften ist es möglich fortzugehen, ohne sich von allen zu verabschieden. Ausgenommen sind natürlich die Gastgeber.

Wir sagten schon, daß der im Rang höchste, der älteste bzw. der Ehrengast zuerst aufbrechen werden. Wenn es sich um einen hohen Vorgesetzten des Gastgebers [361] oder um eine andere hochstehende Persönlichkeit handelt, wird ihn der Hausherr bis zum Wagen geleiten. Befindet sich der Ehrengast in Begleitung seiner Ehefrau, dann geht die Hausfrau bis zur Garderobe mit, um anschließend sofort zu den anderen Gästen zurückzukehren.

Die übrigen Gäste verabschieden sich von den Gastgebern im Zimmer – vorausgesetzt, daß draußen ein dienstbarer Geist harrt, der ihnen in die Garderobe hilft und die Tür öffnet. Andernfalls müßte sie natürlich der Hausherr hinausbegleiten.

Daß zum Abschied von beiden Seiten freundliche Dankesworte gehören, ist selbstverständlich. Die Gäste sagen Dank für die Einladung, die Gastgeber danken für den Besuch. Die Gäste versichern, daß sie sich freuen würden, die Gastgeber bald bei sich begrüßen zu dürfen, die Gastgeber dagegen bringen zum Ausdruck, daß sie dem nächsten Zusammensein bereits jetzt mit Freude entgegensähen. Das alles versichert man sich lächelnd – auch dann, wenn die Gastgeber sich später über das unmögliche Kleid der Frau Müller amüsieren werden, während Frau Müller ihrerseits in der heimischen Kemenate kritische Bemerkungen über angebrannten Toast zu machen gedenkt.

Sehr gute Freunde dürfen es sich erlauben, am kommenden Tage anzurufen und zu versichern: »Kinder, wir wollten euch nur schnell noch einmal danken und euch sagen, wie zauberhaft es gestern bei euch war!«

Noch etwas dürfen wir nicht vergessen, wenn wir zu irgend jemandem eingeladen werden:


Das Gästebuch. Diese Erinnerungen an große und schöne, kleine und intime, gelungene und vorbeigegangene Veranstaltungen im eigenen Heim sind in der Tat eine ganz lustige Angelegenheit. Zumindest für diejenigen, die später darin blättern und sich erinnern dürfen. Nicht immer aber für die Gäste, denen man, während das Mädchen bereits den Mantel hält, das schweinsledern Gebundene vorlegt und sagt: »Bitte – würden Sie sich noch rasch in unserem Gästebuch verewigen?« Da gibt es Leute, in deren Hirn in diesem Augenblick Kurzschluß eintritt. Sie, denen einen Abend lang die Bonmots in beängstigender Fülle von den Lippen strömten, fühlen angesichts der weißen Blätter eine gähnende Leere dort, wo sie sonst Geistreicheleien am laufenden Band zu produzieren pflegen. Die Gastgeber schauen ihnen vielleicht noch neugierig über die Schulter – in Erwartung der Geburt heiter-profunder Gedanken. Die Sekunden verrinnen, doch von zündender Idee, deren Brillanz unseren Esprit der erstaunten Nachwelt erhalten könnte, keine Spur. Schließlich merken wir, daß dem Hausgeist bereits die Arme erlahmen, und wir erinnern uns völlig überflüssigerweise des Ausspruchs von Gneisenau: »Besser, ein Soldat macht etwas falsch, als daß er gar nichts tut!« und schreiben hin: »Mit herzlichem Dank für den zauberhaften [362] Abend!«, folgen Unterschriften und Datum. Dann verabschieden wir uns hastig und übersehen krampfhaft die Enttäuschung im Gesicht unserer Gastgeber. Kaum aber hat sich die Tür hinter uns geschlossen, dann fallen uns reihenweise heiterbesinnliche Formulierungen ein, wie sie normalerweise nur ein Teamwork von Goethe, Rilke, Ringelnatz und Kästner zustande gebracht hätte. Aber wir können ja schließlich nicht noch einmal klingeln und korrigieren, nicht wahr?

Die Moral ist einfach: Wer eingeladen wird, rechne nicht nur mit den anderen Gästen, sondern auch mit einem Gästebuch! Und bereite sich darauf ein bißchen vor. Es ist nicht verboten, solchermaßen Vorbereitetes mit lässiger Miene als aus dem Ärmel geschüttelt zu verkaufen.

Dagegen trägt man in ein bei offiziellen Einladungen ausgelegtes Gästebuch nichts weiter als den Namen ein.


C. Auf spiegelndem Parkett

Quelle:
Graudenz, Karlheinz: Das Buch der Etikette. Marbach am Neckar 1956, S. 294-364.
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Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

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