[97] Gold (Aurum).
(Das bekannte Metall.)

[97] So wie Aberglaube, unreine Beobachtungen und leichtgläubige Vermuthungen die Quelle unzähliger, unwahrer Nutzangaben von Arzneien in der Materia medica gewesen sind, so haben auch Mangel an Prüfung und nichtige theoretische Gründe der Aerzte mehren, höchst wirksamen, folglich sehr heilkräftigen Substanzen alle Arzneikraft eben so grundlos abgesprochen und uns auf diese Art dieser Heilmittel beraubt.

Hier will ich bloss vom Golde reden, und zwar nicht von dem durch gewöhnliche chemische Veranstaltungen veränderten Golde, also weder von dem durch Säuren aufgelöseten, noch von dem durch Niederschlag wieder geschiedenen (dem Knallgolde), welche beide man auch, wo nicht für nutzlos, doch für durchaus schädlich ausgab, vermuthlich weil man sie nicht in einer sogenannten justa dosis, das ist, in übertriebner Menge, ohne Gefahr einnehmen lassen konnte.

Nein! Ich rede von dem gediegenen, nicht durch chemische Veranstaltungen veränderten Golde.[98]

Diess haben die neuern Aerzte für gänzlich unwirksam ausgegeben, es endlich ganz aus allen ihren Arzneimittellehren ausgelassen, und uns dadurch alle seine grossen Hülfskräfte entzogen.

"Es könne sich nicht in unserm Magensafte auflösen, mithin sey es ganz kraft- und nutzlos." Diess war ihre theoretische Muthmassung, und solche theoretische Aussprüche galten, wie bekannt, in der Arzneikunst immer statt der Ueberzeugung. Indem sie die Erfahrung, diese einzig mögliche Offenbarerin in der bloss auf Erfahrung beruhenden Heilkunst, nicht befragten, weil es bequemer war, bloss zu behaupten, so setzten sie gewöhnlich kecke Aussprüche, theoretische, leere Vermuthungen und willkührliche Satzungen an die Stelle begründeter Wahrheit.

Hier hilft ihnen die Entschuldigung nichts, dass auch ältere Aerzte das Gold für ganz nutzlos und unkräftig gehalten haben, dass z.B. Fabricius (in Obs. med.) sagt: "Wie soll dem Blattgolde, da es durch das heftigste Feuer nichts verliert, unsre geringe Magenwärme etwas anhaben?" oder Nic. Monardes (de ferro, S. 32. 33.): "Die Kranken mögen mir's glauben und die Kosten sparen, Gold zu ihren Arzneien zu thun, - auf keinerlei Weise werden sie eine Arzneikraft von ihm in ihren Krankheiten erlangen." -Oder Alston (Mat. med. I.S. 69.): "Da das Gold in seinem metallischen Zustande von der Lebenskraft nicht aufgelöset und nicht verändert werden kann, so kann es auch keine arzneiliche Wirkung haben, als was es etwa durch seine Schwere, Härte und mechanische Gestalt auf die Eingeweide wirkt." -Oder, endlich, J.F. Gmelin (Appar. med. min. I.S. 445.): "Weil Gold nicht zerstörbar, nicht in Dampf aufzulösen sey, und[99] daher mit den Säften des thierischen Körpers nicht in Vereinigung gehen könne, so könne es auch nicht heilkräftig seyn1."

Auch dient ihnen keineswegs zur Entschuldigung, wenn sie viele andre ältere Aerzte als Leugner der Arzneikräfte des Goldes anführen und sich auf einen Ant. Musa Brassavolus, Fel. Platerus, Hier. Cardanus, Jo. Bravus Petrafit, Franc. Pic. Mirandola, Merinus Mercenius, Duretus, Camerarius, Cordosus, Conringius, Lemery, Angelus Sala, oder den sonst so allgläubigen Joh. Schröder berufen.

Sie haben sämmtlich Unrecht, und mit ihnen alle neuern Aerzte.

Das Gold hat grosse, unersetzliche Arzneikräfte.

Anfangs liess ich mich durch diese Leugner zurückhalten, im gediegenen Golde Arzneikräfte zu hoffen; da ich mich aber nicht überwinden konnte, irgend ein Metall an sich für unheilkräftig zu halten, so bediente ich mich seiner zuerst in Auflösung. Daher die wenigen voranstehenden Symptome von der Goldauflösung. Ich gab dann, wo mich die Symptome zur homöopathischen Anwendung bei Kranken leiteten, ein Quintilliontel oder Sextilliontel eines Grans Gold in Auflösung zur Gabe und sah schon da etwas ähnlich Heilkräftiges, als ich nachgehends vom reinen Golde erfuhr.

Weil ich aber überhaupt, wo ich's nur vermeiden kann, die Metalle, schon der edeln Einfachheit[100] wegen, nicht in Säuren (allenfalls noch, wo ich's nicht vermeiden kann, in Gewächssäuren), am wenigsten jedoch in mineralischen Säuren aufgelöset anwenden mag, weil sie durchaus, einige Umänderung ihrer Kräfte durch diese Säuren erleiden müssen - wie man schon an der Vergleichung des Aetzsublimats mit dem schwärzlichten Quecksilberoxyd in der Hülfskraft wahrnimmt; - so war mir's sehr willkommen, bei einer Reihe arabischer Aerzte die Arzneikräfte des Goldes in feinem Pulver einstimmig rühmen zu hören, und zwar in sehr hülfebedürftigen Krankheitszuständen, in welchen mir zum Theil schon die Goldauflösung merkwürdige Dienste geleistet hatte; ein Umstand, welcher mir Zutrauen zu den Versicherungen der Araber einflössen musste.

Die erste Spur hievon finden wir schon im achten Jahrhunderte, wo Geber (de Alchimia traditio, Argent. ap. Zetzner, 1698. Lib. II. P. III. Cap. 32.) das Gold als eine "materia laetificans et in juventute corpus conservans" rühmt.

Zu Ende des zehnten Jahrhunderts rühmt es Serapion der jüngere (de simplicibus comment. Venet. fol. ap. Junt. 1550. Cap. 415. S. 192.): "das gepülverte Gold dient in der Melancholie und der Herzschwäche."

Dann zu Anfange des eilften Jahrhunderts Avicenna (Canon. Lib. II. Cap. 79.): "das gepülverte Gold kommt zu Arzneien wider Melancholie, benimt den Mundgestank, ist, selbst innerlich eingenommen, ein Hülfsmittel gegen Haarausfallen, stärkt die Augen, hilft bei Herzweh und Herzklopfen und ist ungemein zuträglich bei Schmeräthmigkeit2."[101]

Die Bereitung eines solchen Goldpulvers beschreibt im Anfange des zwölften Jahrhunderts Abulkasem (Albucasis) zuerst (in libro servitoris de praep. med. S. 242.): "dass man das Gold auf einer rauhen Leinwand in einem Becken voll Wasser reibe, und das feine, zu Boden des Wassers gefallene Pulver zum Gebrauche anwende;" welche Bereitungsart Johann von St. Amand (im dreizehnten Jahrhunderte) auf gleiche Art lehrt (im Anhange zu Mesue, Opera, Venet. 1561. S. 245. 4. E.).

Diess ahmete Zacutus, der Portugiese, nach und beschrieb (Histor. Medic. lib. I. obs. 33.) die Geschichte eines von melancholischen Phantasieen lange Zeit gequälten Edelmannes, den er einzig durch das auf einem Reibesteine feinst zerriebene Goldpulver binnen einem Monate heilte.

Ohne nun die fernern Lobpreisungen des Goldpulvers und Goldes von Jo. Platearius (quaest. therap.), Rodericus a Castro (de Meteor. microcosm. Cap. 3.), Abraham a Porta Leonis (dialog. de Auro), Zaccharias a Puteo, Joh. Dan. Mylius (Anatomia Auri), Horn (Ephem. Nat. Cur. Dec. II. ann. 3. obs. 159.), Fr. Baco (Histor. vitae et mortis), Fr. Joseph Burrhi (Epist. 4. ad Thom. Barthol, de oculis), Jo. Jacob Waldschmiedt (Diss. de Auro, Marb, 1685.), Chph. Helwig (Diss. de auro ejusque in medic. viribus, Gryphisv. 1703.), Lemnius, Pet. Forestus, Ol. Borrichius, Rolfinck, Andr. Lagner, Ettmüller, Tackius, Helcher (Diss. de Auro, Jen. 1730.), Poterius, J.D. Horstius, Hollerius, Hoefer und Zwelfer (Pharm. August.) noch zu bedürfen, glaubte ich schon das[102] Zeugniss der Araber von der Heilkräftigkeit des feinsten Goldpulvers den theoretischen, erfahrungslosen Zweifeln der Neuern vorziehen zu dürfen, und rieb das feinste Blattgold (es ist 23 Karat, 6 Grän fein) mit 100 Theilen Milchzucker eine gute Stunde lang, zur Anwendung für den innern, ärztlichen Gebrauch.

Ich will nicht entscheiden, ob in diesem feinen Pulver das Gold nur noch weit feiner zerrieben, oder durch dieses kräftige Reiben einigermassen oxydirt worden ist. Genug, dass in der Prüfung bei einigen gesunden Erwachsenen schon hundert Gran dieses Pulvers (welche einen Gran Gold enthielten), bei andern hingegen 200 Gran (welche zwei Gran Gold enthielten), in Wasser aufgelöset, zur Erregung sehr starker Befindensveränderungen und krankhafter Zufälle zureichten, welche hier unten folgen.

Aus ihnen wird man ersehen, dass die Versicherungen der Araber nicht ungegründet seyn können, da schon kleine Gaben dieses Metalls, in erwähnter Form angewendet, selbst gesunde Erwachsene zu sehr ähnlichen Krankheitszuständen erregten, als jene (in Auffindung von Arzneien nicht verdienst losen) Morgenländer damit (unwissender Weise, homöopathisch) geheilt hatten.

Von Melancholien, welche der von Gold erregten sich näherten, habe ich seitdem mehre Personen, die mit Selbsttödtung sehr ernstlich umgingen, bald und dauerhaft befreit, durch kleine Gaben, welche für eine ganze Cur zusammen 3/100 bis 9/100 eines Grans Gold enthielten, und so habe ich noch mehre andre, schwierige Uebel damit geheilt, die sich in den Symptomen des Goldes in Aehnlichkeit zeigen, zweifle auch gar nicht, dass noch viel weitere Verdünnungen[103] des Pulverpräparats, als noch weit kleinere Gaben des Goldes zu gleicher Absicht, völlig genugthuend seyn werden.


Einige Zeit darauf, als ich diesen Vorbericht geschlossen, hatte ich Gelegenheit, mich zu überzeugen, dass eine noch hundertmal fernere Verdünnung des angegebnen Präparats (mit 100 Theilen Milchzucker geriebenen Goldes), also 1/10000 eines Granes Gold auf die Gabe, nicht weniger kräftig bei Heilungen sich erwiess, besonders bei Knochenfrass der Gaumen- und Nasenknochen, vom Missbrauche mineralsaurer Quecksilberpräparate erzeugt3. Hiezu wird man die homöopathischen Goldsymptome in diesem Verzeichnisse leicht antreffen.

Durch ferneres Reiben und Verdünnen wird die Kraft des Goldes noch weit mehr entwickelt und vergeistigt, so dass ich jetzt zu jedem Heilbehufe nur eines sehr kleinen Theils eines Grans quatrillionfacher Verdünnung zur Gabe bedarf.

Würde der gewöhnliche Process unsrer Aerzte, die Arzneitugenden aus luftigen Hypothesen zu fabriciren, und das Machwerk davon in der Materia medica aufzustellen, wohl je auf diese merkwürdige Kraft eines Metalls haben kommen können, das ihre gelehrte Vermuthungskunst schon in die Reihe ganz unkräftiger Substanzen verwiesen hatte? Oder auf welche andre beliebte Weise unsrer Materia-medica-Fabricanten hätten wir diese heilkräftige Seite des Goldes wollen kennen lernen, wenn seine, einen[104] ähnlichen krankhaften Zustand erzeugenden Symptome es dem homöopathischen Arzte nicht laut und mit voller Gewissheit gelehrt hätten?

Arme, fabelhafte Materia medica gemeinen Schlags, wie weit bleibst du hinter der Offenbarung zurück, die die Arzneien, bei ihrer Einwirkung auf gesunde menschliche Körper, unzweideutig, durch Erregung krankhafter Symptome an den Tag legen, die der homöopathische Arzt auf die Heilung der natürlichen Krankheit mit untrüglichem Erfolge anwenden zu können gewiss ist!

Die Wirkungsdauer des Goldes ist in nicht ganz kleinen Gaben wenigstens 21 Tage.[105]

Gold-Auflösung.

Ziehender Schmerz in der Stirne (n. 2 St.).

Ein kitzelndes Jücken an der Stirne (n. 1 St.).

Reissender Schmerz im linken Auge.

Röthe und jückende Entzündung an der Nase, die sich nachgehends abschuppt.

5. Rothe Geschwulst der linken Seite der Nase; die Nasenhöhle ist bis tief herein geschwürig, mit einem trocknen, gelblichen Schorfe, mit Gefühl von innerer Verstopfung der Nase, obgleich gehörige Luft durchgeht.

Aeusserlich oben an der Nase ein brennender (und etwas jückender) Schmerz.

Es krabbelt inwendig in der Nase, als ob etwas drin liefe.

Ausfluss einer gelbgrünlichen Materie aus der Nase, ohne übeln Geruch, 7 Tage lang (n. 10 Tagen).

(Klingen in den Ohren.) (n. 6 St.).

10. (Nach dem Ohrenklingen eine Art Taubhörigkeit, als wenn die Ohren inwendig weit und hohl wären und auf diese Art nichts Vernehmliches hörten.)

Zuckender Zahnschmerz theils auf der Seite, theils in den obern Schneidezähnen.

Aufgetriebenheit des Unterleibes.

Er ist sehr kurzäthmig und wie verstopft im Kehlkopfe, einige Tage über.

(Ein Paar Stiche gleich über dem Herzen.)[106]

15. (Geschwulst in der Handwurzel, für sich ohne Schmerz, nur spannend beim Zurückbiegen der Hand; beim Angreifen aber sticht es drin.)

Reissender Schmerz im Mittelfinger (nach der Mittagsmahlzeit).

Beobachtungen Andrer.

Rothe Geschwulst an und unter dem rechten Nasenloche; im Nasenloche selbst eine unschmerzhafte Geschwür-Kruste; es deuchtet ihm verstopft zu seyn, obgleich Luft durchgeht (Carl Michler, in einem Aufsatze).

Zuckender Zahnschmerz auch in der vordern, obern Zahnreihe (Michler, a.a.O.).[107]

Fußnoten

1 Es war sehr thöricht, die Frage theoretisch entscheiden zu wollen, ob das Gold heilkräftig seyn könne - man brauchte sich bloss durch Versuche und Erfahrung zu überzeugen, ob es wirklich heilkräftig sey, oder nicht. Ist es heilkräftig, so sind ja die theoretischen Leugnungshypothesen alle lächerlich.

2 Das letztere ist im Arabischen ein zweideutiger Ausdruck, welches, je nachdem das Wort accentuirt wird, entweder: "Reden mit sich selbst", oder: "Schweräthmigkeit" bedeutet. Die Hülfskraft des Goldes, die sich in der Erfahrung zeigt, erhebt letzteres zur wahren Bedeutung.

3 Eben diese Hülfskraft beobachtete vom innern Gebrauche des Goldes gegen Quecksilber-Nachtheile Ant. Chalmeteus, in Enchiridion chirurg. S. 402.


Quelle:
Samuel Hahnemann: Reine Arzneimittellehre. Bd. 4, Dresden, Leipzig 21825, S. 97-108.
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