XV. Das Jahr 1809.

[183] Mit dem Beginne des Jahres 1809 waren fünf Monate verflossen, seitdem ich mit meinem Freunde Rzewuski in Weidling den Gedanken der ›Fundgruben des Orients‹ besprochen hatte. Schon damals hatte ich den Beginn derselben auf Anfang des nächsten Jahres festgesetzt und zum Gründungstage den 6. Jänner, den Tag der drei Weisen des Morgenlandes, festgesetzt, an welchem der Prospekt ausgeteilt und die Gründung mit einem Freundesgastmahl der Orientalisten und Liebhaber des Orients gefeiert werden sollte. Dabei blieb es, und meine erste Beschäftigung des Jahres 1809 war die Korrektur des Prospektes.

Das zur Feier der Gründung der ›Fundgruben‹ von Graf Rzewuski gegebene Gastmahl fand im Gasthofe bei der ›Österreichischen Kaiserin‹ statt. Die Gäste waren zwölf wirkliche Orientalisten oder Liebhaber des Orients, unter[183] den ersten die Professoren Aidha und Chabert, der Freiherr von Doblhoff, ein Schüler des ersten, der Hofdolmetsch Herr von Demetri, Verfasser einer marokkanischen und persischen Grammatik und Übersetzer der Geschichte mauritanischer Könige, zugleich Phrenologe, großer Kenner der Musik und Bewunderer Haydns. Er hatte den Schädel Haydns aus dem Grabe gestohlen, war aber von der Polizei gezwungen worden, ihn zurückzustellen. Mein Freund Carl Harrach, der große Menschenfreund, mein Freund Argyrropulo, der türkische Geschäftsträger, Hofnotar und später Hofrat in der Staatskanzlei, Herr von Brenner, mein Kollege in der Orientalischen Akademie. Weiters waren da Friedrich Schlegel, der russische Gesandte Graf Goloffkin, der Feldmarschalleutnant Graf Chasteller, Propst Hoeck, der Direktor der Orientalischen Akademie und ich als Zwölfter.

Mit dem Grafen Rzewuski fuhr ich oft in die Schmidsche Druckerei und zum Kupferstecher Mansfeld, um das Materielle der Herausgabe zu ordnen. Die erste Arbeit Mansfelds waren die Planetenbilder aus dem ›Adscheitul machlukat‹ (›Wunder der Geschöpfe‹) zu meinem Aufsatz über die Sternbilder der Araber. Er war damals der beste Schriftenstecher Wiens und hatte auch den arabischen Titel sehr schön und zierlich gestochen. Die ganze Last der Herausgabe der sechs Foliobände innerhalb von zehn Jahren fiel mir zu; ich unterzog mich ihr aus Freundschaft für Graf Rzewuski.

Graf Rzewuski wollte als Husarenoffizier den vor der Tür stehenden Feldzug mitmachen, seine Frau wollte durchaus, daß er seinen Abschied nehme, weniger aus Besorgnis für sein Leben als aus tieferliegenden politischen Gründen des Ehrgeizes. Sie glaubte an die Möglichkeit, daß durch die Kriegsereignisse Polen wieder ein selbständiges Reich werden könnte und daß in diesem Falle der Dienst im österreichischen Heere den politischen Aufstieg ihres Gatten in Polen hindern würde. Vergeblich stellte ich ihr vor, daß in diesem wenig wahrscheinlichen Fall noch immer Zeit für den Grafen sei, aus der Armee auszutreten und daß, wenn er im Regiment bliebe, sein ungeordnetes Leben geregelt und seinem Ehrgeiz ein sicheres Ziel gegeben werde. Sie gab[184] meinem Rat kein Gehör und überredete den Grafen unmittelbar vor Ausbruch des Krieges, seine Entlassung einzugeben.

Er tat ihr den Willen, aber er verzieh es ihr nie, und dies war der Hauptgrund der späteren gänzlichen Entfremdung des Paares.

In dieser Zeit kam ich beim Grafen Purgstall oft mit dem Freiherrn von Steigentesch zusammen, der ein geistreicher und liebenswürdiger Gesellschafter, sich als Lustspieldichter und Verfasser einiger Romane in der Literatur einen Namen gemacht hatte. Als der Graf Purgstall von Wien als Gubernialrat nach Graz versetzt wurde, brachte auch Steigentesch einige Sommer dort zu und schrieb seinen Roman ›Maria‹ im Lusthause des Purgstallschen Hauses.

Später bewohnte Louis Bonaparte, der Exkönig von Holland, dieses Haus und schrieb dort seinen französischen Roman, der ebenfalls ›Marie‹ hieß.

Im Sturmschritt näherte Napoleon sich Wien, die ganze höhere Gesellschaft reiste ab. Fast alle Diners, denen ich beiwohnte, waren Abschiedsessen, so bei der schönen Gräfin Zamoyska, bei der Gräfin Rzewuska und bei der Frau Adair.

Der 1. Mai war ein trauriger Tag, die Praterfahrt war durch ein Unwetter verdorben. Ich erfuhr, daß die ganze Staatskanzlei sich zur Abreise nach Ofen anschickte und ging zu Hudelist, Graf Stadion war schon im halben April nach Ungarn abgereist, und bat ihn um die nötige Anweisung auf Postpferde. Er verweigerte sie mir, da ich nicht wirklich in der Staatskanzlei angestellt sei. Er wollte mich in Wien lassen in der Hoffnung, daß ich mich mit den Franzosen in einer verfänglichen Art einlassen und mir dadurch den Hals brechen würde. Ich schrieb an den Grafen Stadion, meldete ihm Hudelists Weigerung und erbat Befehle. Graf Stadion schrieb mir eigenhändig, ich solle sofort nach Ofen kommen und dieser Befehl werde genügen, mir alle Reiseerleichterungen zu verschaffen. Dieses nicht datierte französische Billet erhielt ich erst am Tage des Bombardements; ich lief damit auf die Post, konnte aber keine Pferde mehr bekommen, da die Tore schon geschlossen waren. Ich ließ mir vom Überbringer des Billetts die Stunde der Zustellung[185] und von der Post die Unmöglichkeit der Abreise bestätigen und ergab mich in mein Schicksal.

Hätte ich die Pferde zur rechten Zeit erhalten, so hätte ich mit den Beamten der Staatskanzlei in den nächsten sieben Monaten in Ofen oder Temesvar Trübsal blasen können, während ich gerade in diesen sieben Monaten die reichen Hilfsmittel der Hof- und Universitätsbibliothek nützen und die politische Bedrängnis durch angestrengtes Studium zu überwinden bemüht sein konnte. In diesen sieben Monaten legte ich durch die Exzerpierung der griechischen Geschichtsschreiber und Byzantiner den Grundstein zu meinen späteren historischen Arbeiten. Rzewuskis waren drei Tage vor dem Bombardement nach Sternberg in Mähren abgereist und hatten den dritten Stock ihres Hauses der englischen Familie Fraser und mir den ersten zum Bewohnen angeboten. Frasers nahmen den Antrag an, ich dankte, weil ich mit meiner Wohnung zufrieden war und vor der Ankunft der Franzosen die Stadt zu verlassen hoffte. Noch am 11. Mai war Graf Rzewuski nach Wien gekommen um in seinem Haus einiges zu ordnen und mir aus seiner Sammlung orientalischer Handschriften einige, die ich benötigte, herauszugeben.

Am 11. Mai speiste ich mit Rzewuski bei Arnstein, am 12. Mai mit Feldmarschalleutnant Baron Kienmayr bei Eskeles. Nach Tisch schlenderte ich mit dem Grafen Karl Harrach durch die Gassen. Überall hieß es, die Franzosen stünden vor den Toren Wiens. Vom Bombardement, das in wenigen Stunden stattfinden sollte, ahnten wir noch nichts. Um Schlag neun Uhr, als ich eben zu Bett gehen wollte, begann das Bombenwerfen, und eine der ersten schlug in mein Kabinett und zerschmetterte meine Bücherstelle. Bücher und Kleider waren der erwarteten Abreise wegen schon in Koffer gepackt, ich beschloß also, diese mit meinem Bedienten in den Keller zu tragen. Das Getöse der eisenbeschlagenen Koffer, die wir die Treppe hinabrollten, wurde durch die Einschläge der Bomben übertönt. Im ersten Stock fand ich die Stiftsdame Gräfin Wallis, die ich nur vom Sehen aus kannte, Hände ringend und nach Leuten rufend, um auch ihre Kostbarkeiten in den Keller zu retten. Ich versprach[186] ihr meine Hilfe, sobald mein zweiter Koffer im Keller sei. Ich stellte mich mit meinem Bedienten zu ihrer Verfügung; sie war ganz unentschlossen, was sie retten solle, und endlich fiel ihre Wahl auf Zucker und Kaffee. Darauf packte ich ihr Silberzeug in Betten und beförderte es in den Keller. Bis Mitternacht war auch dieses vollendet, und die meisten Parteien des Hauses suchten Erholung und Stärkung im Bierhause zu ebener Erde, die Stiftsdame und ich blieben im Keller. In das Geprassel der Geschosse schallte das Rasseln der schweren Rüstwagen der Löschanstalten, die den in Brand geschossenen Häusern zu Hilfe eilten.

Um zwei Uhr kapitulierte die Stadt, das Bombardement hörte auf und man konnte an Ruhe und Schlaf denken. Meine Auswanderung aus dem vierten Stock in den Keller war noch gerade zur rechten Zeit erfolgt, denn eine zweite Bombe hatte meine Möbel zerschmettert, mein Bett zerrissen und den Boden durchschlagen. Ich nahm den Antrag der Gräfin Wallis dankbar an, einige Stunden in ihrem Vorzimmer auf einer Matratze zu ruhen. Um sieben Uhr verließ ich das Haus und begab mich zu Teimers. Der Kohlmarkt war mit zersprungenen Geschossen, herabgefallenen Ziegeln und zerbrochenen Fenstern bedeckt. Auf dem Graben brannte ein Haus, und der Wachmann hielt mich an, beim Löschen zu helfen. In weiß kaschmierenen Beinkleidern, weißen Seidenstrümpfen und neuem Frack, wie ich bei Frau von Eskeles gespeist hatte, mußte ich mich zum Löschen anstellen und Eimer reichen. Zum Glück erkannte mich der Börsenkommissär Weber, der die Geldgeschäfte Baron Thuguts besorgte, und bewog den Polizeikommissär, mich zu entheben. Nun machte ich von dem freundschaftlichen Angebot Gebrauch und zog in das Rzewuskische Haus. Dort bewohnte ich zwei große Zimmer, mein Diener hatte ein kleineres Vorzimmer und ich hatte einen Balkon, der auf die Bastei hinausging.

Am Tage der Schlacht von Aspern war es mir freilich unmöglich, meine Stundenordnung einzuhalten, denn das Musketenfeuer und der Kanonendonner dauerte unaufhörlich fort. Im Marchfeld, wohin ich von meinem Balkon aus sehen konnte, brannten Dörfer. Alle Bewohner des Hauses[187] hatten sich auf diesem Balkon vereint, und die Bastei war mit Menschen gefüllt. Unter den Verwundeten befand sich auch mein Bruder Franz, welcher in das Augustinerkloster auf der Landstraße gebracht wurde. In den Feldzügen des französischen Krieges war er siebenmal verwundet und mehrmals verwundet gefangen worden. Dadurch wurde er bei allen jenen Beförderungen übergangen, die während seiner Gefangenschaft stattfanden. Daher brachte er es in seiner Dienstzeit von vierzig Jahren nur zum Major und wurde mit Oberstleutnantsrang pensioniert. Mein älterer Bruder Johann, Rittmeister bei Kaiser-Cheveaulegers, wurde noch im Laufe dieses Feldzuges als Krüppel invalid erklärt und starb, nachdem er noch zweiundzwanzig Jahre im Invalidenhaus von Tyrnau gelebt hatte, im Jahre 1831 an der Cholera.

In diesen Tagen starb Johannes Müller. Mancher Schwächen ungeachtet, war Müller durch seine kolossale Gelehrsamkeit und durch seine hilfreiche Unterstützung aller Studierenden einer der hochachtenswertesten, durch seine persönlichen Eigenschaften einer der liebenswertesten Menschen. Mein Freund, Herr von Reinhard, schrieb nach seinem Tode: ›Müller war ein Mensch, den man von ganzem Herzen lieben mußte, sobald man ihn genau kannte, besonders hatte ich ihn so lieb gewonnen, daß ich in seinem Umgang, außer wenn sich gerade die Veranlassung bot, weder an den Gelehrten noch an den Geschäftsmann dachte. Goethe schreibt mir, Müller sei in jeder Hinsicht eine der seltensten Individualitäten, die er gekannt habe, und es würde äußerst schwer sein, ihn im Bilde darzustellen. Das ist wahr, und doch glaube ich, wird der Schlüssel zu seinem Charakter sich leicht finden lassen.‹ Dieser Schlüssel war nicht Ehrgeiz, nicht Geldgier, sondern reine Charakterschwäche, und wiewohl ich diese nur bedauern konnte, so änderte sie nichts an den Gefühlen meiner Dankbarkeit für seine frühe Anleitung zu historischen Studien und literarischer Tätigkeit. In einem früheren Briefe empfahl mich Reinhard an den als Menschen wie als Schriftsteller gleich geehrten französischen Botschafter Graf Andreossy. Durch diese Empfehlung konnte ich später der Bibliotheksplünderung Denons so energisch und sicher entgegentreten.[188]

Noch wesentlicher als diese Empfehlung an Andreossy war für mich die meines Freundes Sylvester de Sacy an seinen Verwandten, den Grafen Daru, den Vorsteher der ganzen französischen Verwaltung in Österreich. Am 17. Juli erhielt ich einen eigenhändigen, artigen Brief des Grafen, welchem de Sacy ein an mich zu bestellendes Paket mitgegeben und mich empfohlen hatte. Das Schreiben war von einer Einladung zu Tisch für den nächsten Tag begleitet.

Er empfing mich artig und schmeichelhaft. Sein Name hatte als Übersetzer des Horaz guten Klang in der französischen Literatur und ich fand an ihm einen unermüdlich tätigen Geschäftsmann und einen hochgebildeten Kenner klassischer Literatur. Seine Einladungen waren mir willkommen und für meine Stellung sehr nützlich.

Schon drei Tage nach meinem ersten Empfang bei Daru mußte ich seine Unterstützung gegen Denon ansprechen. Denon war der französische Raubkommissär für alle Gegenstände der Literatur und Kunst und hatte soeben auf der Hofbibliothek ein halbes Tausend orientalischer Handschriften weggenommen. Der Präfekt Graf Ossolinsky benahm sich dabei sehr elend, er jammerte wie ein altes Weib und wagte nicht gegen den Raubkommissär aufzutreten, noch weniger sich an eine höhere Behörde oder an den Kaiser selbst mit der Bitte um Schonung der Bibliothek und Verhinderung des Raubes zu wenden. Als ich diese Jämmerlichkeit sah, beschloß ich sofort, meine Bekanntschaft mit Daru und seine angebotene Unterstützung nicht für mich, sondern für die Hofbibliothek und die orientalische Literatur zu benützen. Ich eilte zu ihm und kam mit ihm überein, daß ich ihm eine Bittschrift an den Kaiser sende, die ich mit einem sehr energischen Schreiben an Daru einbegleitete, in dem ich die Raubsucht Denons als die eines Schnapphahnes brandmarkte.1 Er begnügte sich nicht[189] damit, alle orientalischen Handschriften und in Konstantinopel gedruckte Bücher wegzunehmen, sondern requirierte auch alle in der Orientalischen Akademie aufbewahrten Exemplare des Neuen Meninski. Graf Ossolinsky hatte zugegeben, daß er alle Handschriften, ohne auch nur ein Verzeichnis derselben aufzunehmen, in Beschlag nahm. Ich drang vorläufig auf die Anlegung eines solchen und dann auf die Herausgabe aller Handschriften, welche sich aus dem gedruckten Kataloge als schon in der Pariser Bibliothek befindlich nachweisen ließen. Ich erreichte, daß Denon von den beschlagnahmten fünfhundert Handschriften dreihundert zurückgab und nur zweihundert, allerdings die besten, die ihm von Paris bezeichnet worden waren, fortschleppte.

Meine Verhandlungen mit Daru und Denon dauerten zehn Wochen, vom Ende Juli bis Anfang Oktober. Graf Stadion trat zurück, und zugleich wurden die Handschriften und das alte Archiv der Staatskanzlei, welches nicht wie das neue nach Ofen gerettet worden war, abgeliefert. Anfangs September erhielt ich ganz unerwartet, denn ich hatte gar keine Verbindung mit holländischen Gelehrten, die Ernennung zum korrespondierenden Mitglied des Institutes in Amsterdam. Vermutlich wurde das holländische Institut durch den Prospekt der ›Fundgruben‹ dazu bestimmt, mir diese Ehre zu erweisen.

Ich verkehrte viel im Hause des Fürsten Metternich, des Vaters des späteren Staatskanzlers. Die ganze Familie war von dem Geiste reinster Humanität beseelt, nicht der Schatten dummen aristokratischen Stolzes war in ihr, der alte Fürst war fast zu liebenswürdig, besonders gegen das schöne Geschlecht.

Graf Stadion sollte nicht mehr lange mein Chef bleiben; am 2. Oktober trat er zurück und am Tage danach erfolgte die Ernennung des Grafen Metternich zum Minister der auswärtigen Geschäfte. Seit der Abberufung von Jassy hatte ich mich über Graf Stadion nicht zu beklagen. Er hatte mir Beweise seines von Hudelist unabhängigen, selbständigen[190] Denkens gegeben; nun fragte es sich für mich und meine Stellung nur, ob auch Graf Metternich sich in gleicher Weise seines Untergebenen annehmen würde. Auf meine Bekanntschaft von Dresden her und auf die Art, wie ich im Hause seiner Eltern verkehrte, gründete ich verfrühte Hoffnungen. Ich schrieb dem Grafen nach Altenburg, wo die Friedensunterhandlungen geschlossen wurden und legte ihm meinen Briefwechsel mit Daru, Denon, de Sacy und Langlés in betreff der geraubten orientalischen Handschriften vor, zugleich bat ich um Flüssigmachung meines Gehaltes, den ich seit sechs Monaten nicht erhalten hatte. Da ich keine Antwort erhielt, fuhr ich nach Altenburg, dort kam ich vor Tisch an und wurde der Tafel zugezogen, nachts kam ich mit der Anweisung meines Gehaltes an die Kasse zurück. Hudelist war damals in Ofen, der Kaiser in Totis.

Wie immer machte auch in dieser Zeit Wien seine Witze. Auf den Spitzen der Obeliske vor dem Schloß Schönbrunn sind Adler angebracht; diese haben, so meinte man, da sie keine doppelköpfigen seien, den französischen Legionsadler herbeigelockt. Vor dem Übergang Napoleons über die Donau war sie gestiegen, wodurch dieser verzögert wurde. Ein Gassenhauer lautete:


›Die Donau ist ein Weib,

Verteidigt sich zum Zeitvertreib.

Doch Bonaparte sucht sie als Mann zu fassen,

Da hat sie ihn zuletzt doch – drüber lassen.‹


Ein politisches Opfer wurde mein Freund Graf Purgstall, welcher als Gubernialrat bei Beginn des Feldzuges dem Grafen Goeß, dem Generalintendanten des unter Erzherzog Johannns Befehl nach Tirol und Italien bestimmten Heeres beigegeben war. Nach dem Siege von Sacile begab sich Graf Goeß mit dem Grafen Purgstall und dem Freiherrn von Spiegelfeld nach Padua, von dem es hieß, daß es von den Franzosen geräumt sei. Auf dem Wege wurden sie aufgehoben und in Mantua in den Kerker geworfen. Sie sollten vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Als das Heer des Vizekönigs Eugen Graz besetzte, eilte die Gräfin Purgstall nach Wien und es gelang ihr durch den Grafen Andreossy, die Befreiung ihres Gatten aus dem ungesunden Gefängnis[191] von Mantua zu bewirken, in dem er einen Blutsturz gehabt hatte. Dieser wiederholte sich im nächsten Jahre, und ein weiterer machte seinem Leben in Florenz am 22. März 1812 ein allzu frühes Ende.

In den ersten Tagen des November, vor der Abreise des Grafen Metternich nach Totis, hatte ich drei Unterredungen mit ihm. Er wollte anfangs auf meine Bitte, mich als Kurier nach Paris zu senden, nicht eingehen, weil er sich keinen Erfolg versprach. Auf de Sacys redliche Unterstützung rechnend, setzte ich dem meine Überzeugung entgegen, die Duplikate der schon auf der Pariser Bibliothek befindlichen Handschriften erlangen zu können. Der Minister willigte unter der ausdrücklichen Bedingung ein, daß ich in Paris nicht als österreichischer Beamter, sondern nur als Wiener Orientalist und Herausgeber der ›Fundgruben‹ auftreten dürfe und auf keine offizielle Unterstützung der Botschaft rechnen könne. Die letzte Bedingung schien mir besonders hart, denn auch als bloßer österreichischer Literat konnte ich die Hilfe der Botschaft beanspruchen. Schon bei dieser ersten Geschäftsberührung gewahrte ich bei meinem Chef die geringe Neigung, literarische Unternehmungen zu unterstützen. Ich ließ mir auch diese harte Bedingung gefallen und versah mich, nachdem ich die Zusicherung erhalten hatte, als nächster Kurier nach Paris zu gehen, mit einem Dutzend Empfehlungsschreiben außer dem offiziellen Schreiben an den Botschafter, den Fürsten Schwarzenberg. Am 9. Dezember 1809 fuhr ich am Abend aus der Staatskanzlei als Kurier nach Paris ab.

1

Die betreffenden Briefe und Eingaben sind abgedruckt bei Ferdinand Menčik »Die Wegführung der Handschriften aus der Hofbibliothek durch die Franzosen im Jahre 1809 (Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlung des A H. Kaiserhauses XXVIII. 1910, Seite IV ff.) Vgl. die eingehende Darstellung bei Othmar Doublier ›Die Wiener Hofbibliothek in Kriegsgefahr‹« (Zentralblatt für Bibliothekswesen, Jahrgang LIII, Seite 46 ff). Sie wird in bezug auf Hammers Bemühungen und Verdienst um die Rückgabe der orientalischen Handschriften nun durch seine Lebenserinnerungen ergänzt, vgl. oben und S. 192 ff.

Quelle:
Hammer-Purgstall, Josef von: Erinnerungen aus meinem Leben. 1774–1852. Wien und Leipzig 1940, S. 192.
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