XVI. Elisa von der Recke.

[194] Eine in vielen Beziehungen von ihrer etwa fünf Jahre jüngeren Schwester, der Herzogin von Kurland, verschiedene Natur war Elisa von der Recke. Auch sie war schön. Ihr Aeußeres war eben so imposant als einnehmend. Ihr Wuchs war hoch und zierlich, ihr Gesicht fein, der Ausdruck desselben anmuthig. Aber ein kräftiges, heiteres, geistreiches Wesen gehörte nicht zu ihren Eigenschaften. Sie litt vielmehr an einer Sentimentalität, welche sie theils der Zeit in welcher sie ihre Ausbildung erhalten hatte, theils früheren Geist und Herz bedrückenden Verhältnissen, theils endlich physischen Einflüssen, ihren Nerven- und Unterleibsleiden nämlich, verdankte, auf welche Letztere freilich jene Gemüthsstimmung wieder steigernd zurückwirkte. Aber sie war überaus wohlwollend, ja von unerschöpflicher Güte, und so konnten ihr denn Freunde nicht fehlen. Freilich auch ließ ihre Arglosigkeit sie in dem Vertrauen auf die Freundschaft Anderer oft zu weit gehen, und es gab gar viele Personen, welchen man lediglich äußere Motive für ihre Anhänglichkeit an die edle Frau zuzuschreiben hatte, von denen man die Letztere mit Erstaunen mündlich, ja schriftlich[195] äußern hörte: »diese gute Seele liebt mich innig!« – oder gar – »liebt mich unendlich!«

Sie hatte in ihren früheren Jahren des Trüben viel erfahren. Ich kenne manche Einzelnheiten ihrer Erlebnisse aus jener Zeit sowie auch aus ihrem späteren Leben, durch einen autobiographischen Aufsatz, welchen sie mir einst vorlas. – Ihre Mutter war ihr schon in den ersten Lebensjahren durch den Tod entrissen worden, und sie erhielt ihre Erziehung durch deren Mutter, eine Frau v. Korff. Diese harte, leidenschaftliche Frau behandelte das arme Mädchen mit solcher Strenge, daß sie sich einst anderthalb Tage unter dem Bette versteckt hielt um sich dort todt zu hungern, und die Furcht wieder aufgefunden zu werden, vermochte sie zu solcher Unbeweglichkeit in diesem peinlichen Versteck, daß keiner der Hausgenossen sie dort vermuthete, und man sie förmlich austrommeln ließ.

In ihrer Ehe ward ihr eine wo möglich noch härtere Begegnung. Erst funfzehn Jahr alt, wurde die Hand der schönen Elise, die schon in diesem frühen Alter sich vieler Werber erfreute, von einer sonst sehr liebevollen und einsichtigen Stiefmutter, welche später ihre Erziehung übernommen hatte, dem nicht mehr jungen Freiherrn von der Recke zugesagt, welcher sich in sie verliebt hatte. Aber als das Feuer der Liebe verraucht war, wozu es, wie es scheint, nur kurzer Zeit bedurfte, sah der Ehemann in seiner jungen Frau nichts als körperliche und geistige Verzärtelung. Die Mittel, welche er anwendete um diese zu beseitigen, waren freilich die wunderlichsten. So litt er zum Beispiel nicht, daß seine Frau jemals, auch in der strengsten Kälte nicht, Handschuhe trug, und entzog ihr, so weit er es[196] irgend vermochte, alle Lektüre. Eine Trennung wurde unter solchen Verhältnissen unumgänglich, aber eine förmliche Scheidung vermied sie, so lange eine Tochter, welche aus dieser Ehe entsprungen war lebte, und sie erfolgte erst nach dem Tode derselben. – Sonderbar war es, wenngleich Aehnliches nicht geradehin zu den Seltenheiten gehört, daß nach der Scheidung ihr Mann ihr ein sehr treuer Freund wurde.

Die traurigen Erfahrungen in ihrer eigenen Ehe hatten in der jungen, etwa zweiundzwanzigjährigen Wittwe ein solches Mißtrauen gegen alle Ehen rege gemacht in welchen ihr die Keime zu Verhältnissen, die denen der ihren glichen, zu liegen schienen, daß als der ebenfalls viel ältere Herzog von Curland seine Bewerbungen um ihre Schwester Dorothea begann, sie diese aufs Aeußerste warnte ihm irgend Gehör zu schenken. Ja der Standesverschiedenheit wegen fürchtete sie sogar, daß er nicht redliche Absichten habe. Dieses Bedenken suchte der Herzog jedoch dadurch zu beseitigen, daß er die Erhebung der Medemschen Familie in den Reichsgrafenstand bewirkte, und Dorothea ward die Seine.

Als ihre Schwester nun eine Herzogin geworden war, befand sich Elisa in so beschränkten Vermögensumständen, daß jede Kammerfrau der Schwester sich besser kleiden konnte als sie. Von einer Equipage war vollends gar nicht die Rede, und wurde sie zu Hofe eingeladen, so mußte sie in einem herzoglichen Wagen abgeholt werden wenn sie nicht zu Fuß gehen sollte. Diese Verhältnisse verbesserten sich erst, ja sie nahmen eine glänzende Wendung, als die Kaiserin Catharina, durch ihr Buch über[197] Cagliostro, welcher die zur Schwärmerei geneigte Frau Anfangs nicht ohne Erfolg in seine Netze zu ziehen gesucht hatte, aber doch später als das was er war von ihr erkannt wurde, auf sie aufmerksam geworden, sie nach St. Petersburg einlud, und ihr die Nutznießung einer bedeutenden Domaine in Kurland auf ihre Lebenszeit anwies. Aber unter der Regierung des Kaisers Alexander verlor sie wieder einen Theil ihrer Einkünfte, irre ich nicht, in Folge der Aufhebung der Leibeigenschaft. Sie mußte sich von da an wieder um so mehr einschränken, als sie viel Geld auf Zwecke der Wohlthätigkeit verwendete. Hielt sie sich in Berlin auf, so machte sie gar kein Haus, sondern bewohnte eine Hofwohnung im Palaste ihrer Schwester, aber auch in Dresden lebte sie sehr einfach, wenngleich Abends zum Thee jeder bei ihr Eingeführte auch ungeladen Zutritt hatte. Aber ebenfalls ungeladen fand sich auch sehr oft dort die Langeweile ein, und an solchen Abenden vermochte kaum irgend etwas ein, wenn gleich schnell unterdrücktes, Lächeln auf die Lippen der Gäste zu locken, als die abgöttische Verehrung für den Freund und Hausgenossen Tiedge. Freilich konnte man sich auch zuweilen des Aergers über diese nicht erwehren. Denn kam z.B. das Gespräch auf Literatur, so war es als sei neben Tiedges Urania kaum irgend ein Erzeugniß derselben nennenswerth. Komisch aber mußte es jedesmal wirken, wenn die gute Elisa selbst nichts genießen wollte, ohne daß ihr verehrter Freund Tiedge sein Theil davon erhielt. Als einmal ihre Kammerfrau, die Bodijella, ihr Pillen reichte, lispelte sie in süßem, bittendem Tone: »O Bodijella, Tiedge'n auch eine Pille!«

Ach, es wäre fast tragisch, wenn die gute Elise diesem[198] Tiedge auch für mehr Liebe dankbar gewesen wäre als er für sie hegte! Daß außer für sie noch Raum in seinem Herzen war, wollten wenigstens die Hausgenossen aus eigener Wahrnehmung wissen. Denn der Gegenstand seiner Freundschaft sollte eben auch eine Hausgenossin sein, die Frau Pappermann, Frau des Kochs und Kammerdieners Elisens.

Die Voraussetzung einer aufopfernden Zuneigung für sie in dem Priester Tomaso, oben auf der Höhe vou Ischia, beruhte jedenfalls auf einem Irrthum, und ich und meine Reisegesellschaft haben diesen Irrthum ziemlich theuer bezahlen müssen. Sie selbst habe längere Zeit bei ihm gelebt, sagte sie mir, und der gute Tomaso sei ihr innig zugethan. Nur aus Gefälligkeit nehme der, allem irdischen Eigennutz ferne Mann Gottes Fremde auf, aber mich werde er gern und freudig aufnehmen, wenn ich ihm Grüße von ihr bringe. Als ich nun Ischia in Gesellschaft Thorwaldsens, Atterboms, der Lady Frances Mackenzie und anderer Freunde besuchte, begaben wir uns sogleich zu ihm, und baten um Aufnahme. Es war da oben in der That entzückend schön, die Gärten der Armida können nicht zauberischer gewesen sein, und so nannte ich den Ort auch. Der gute Tomaso aber erklärte, Fremde nicht aufnehmen zu können. Da schlug ich mit dem Blitze von Elisens Gruß in sein hartes Herz ein, und siehe, er zündete. Jetzt änderte sich alles. Wie könnte er Freunde der Signora Elisa abweisen! Heilig sei ihm ihr Andenken! – Mit bedeutsamer, geheimnißvoller Miene, als führe er uns zu der Reliquie einer Heiligen, führte er uns zu einem indischen Feigenbaume. »Ihn hat Elisa gepflanzt!« –

Wirklich that er auch Vieles um Raum für uns Alle[199] zu schaffen, und überhaupt fanden wir eine gute Aufnahme bei ihm. Und als wir abreisen wollten, weigerte er sich irgend eine Zahlung anzunehmen. Zahlung von Freunden der Signora Elisa! – Dabei konnten wir uns, wie er voraussehen durfte, nicht beruhigen. Wir baten ihn, uns nur die Erstattung seiner baaren Auslagen zu erlauben. Endlich, endlich bewilligte er dies. – Es war fabelhaft wie viel der gute Mann ausgelegt hatte! Die ganze Reisegesellschaft dachte noch lange an diese freundschaftliche und uninteressirte Aufnahme aus Liebe zur Signora Elisa!

Eine nicht minder freundliche und jedenfalls uneigennützigere verschaffte mir Elisens Namen bei dem berühmten Erzbischof von Tarent. Ich fand in ihm einen wohlwollenden, lebendigen, ja liebenswürdigen Greis von schönem Aeußern, ohne eigentlich geistliche Haltung, aber doch von sehr männlicher. Die Welt kannte er genug, und ließ dies in seiner Unterhaltung mehr durchblicken, als ein so hoher geistlicher Würdenträger einer anderen Nation es wahrscheinlich gethan hätte. Aber ich habe die geistige Tiefe nicht in ihm gefunden, welche sein berühmter Name mich erwarten ließ. Wir Deutsche sind gar zu verwöhnt in dieser Hinsicht! Ich kann nicht sagen, daß die persönliche Bekanntschaft irgend eines italienischen Mannes der Wissenschaft oder der Kunst die Erwartungen erfüllt hätte, zu welchen sein Ruf mich zu berechtigen schien.

Quelle:
Herz, Henriette: Ihr Leben und ihre Erinnerungen.Berlin 1850, S. 194-200.
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