XVIII. Schiller. Göthe.

[208] Schiller mußte auf die Mehrzahl der Menschen nothwendig einen angenehmeren Eindruck machen als Göthe. Die äußere Erscheinung sprach allerdings im ersten Augenblick mehr für den Letzteren. Aber er gab sich Denjenigen gegenüber, welche ihn nicht besonders zu interessiren wußten, gar zu sehr seiner augenblicklichen Stimmung hin, und schien die Verehrung, welche ihm entgegengebracht wurde, als einen schuldigen Tribut zu betrachten, der auch nicht die kleinste Erwiderung seiner Seite erheische. Gewiß mag ihn die Neugier unbedeutender Menschen oft ungebührlich geplagt, und um eine edle Zeit betrogen haben, von welcher er fühlte, daß er sie ersprießlicher anwenden konnte. Aber ich habe ihn auch bisweilen von einem Kreise anerkannt tüchtiger Männer und strebender Jünglinge umgeben gesehen, welche Alle, entbrannt von dem Wunsche, irgend eine Ansicht, eine Meinung nur, von ihm ausgesprochen zu hören, an seinen Lippen hingen, und doch als die Beute eines langen, vielleicht ihr ganzes Leben hindurch ersehnten Abendes, nichts mehr als ein gedehntes: »Ei – ja!« oder »So?« – oder »Hm!« – oder bestenfalls ein:[209] »Das läßt sich wohl hören!« – davon trugen. Schiller war eingehender. Auch seiu Aeußeres war jedenfalls bedeutend. Er war von hohem Wuchse, das Profil des oberen Theiles des Gesichtes war sehr edel; man hat das Seine, wenn man das seiner Tochter, der Frau von Gleichen, in's Männliche übersetzt. Aber seine bleiche Farbe und das röthliche Haar störten einigermaßen den Eindruck. Belebten sich jedoch im Laufe der Unterhaltung seine Züge, überflog dann ein leichtes Roth seine Wangen, und erhöhete sich der Glanz seines blauen Auges, so war es unmöglich, irgend etwas Störendes in seiner äußern Erscheinung zu finden. –

Bis zum Jahre 1804, wo ich ihn zum ersten und letzten Male, und zwar hier in Berlin sah, hatte ich ihn nur aus seinen Schriften gekannt, und wie es begreiflich ist daß wir uns das Bild der Persönlichkeit eines Dichters den wir kennen und lieben aus seinen Werken gestalten, so hatte ich ihn mir in seiner Ausdrucksweise feurig, und in seinen Reden rückhaltlos seine Ueberzeugungen aussprechend gedacht. Ich meinte, er müsse so im Laufe eines Gesprächs etwa wie sein Posa in der berühmten Scene mit König Philipp sprechen. Zu meinem Erstaunen nun stellte er sich in seiner Unterhaltung als ein sehr lebenskluger Mann dar, der namentlich höchst vorsichtig in seinen Aeußerungen über Personen war, wenn er durch sie irgend Anstoß zu erregen glauben durfte.

Doch half ihm in Berlin die Zurückhaltung nicht viel. Die schlauen Hauptstädter wußten bald, daß seine Frau gegen ihre fein gesponnenen Fragen weniger gewappnet war als er, wie ich denn überhaupt gestehen muß, daß sie[210] auf mich nicht den Eindruck einer geistig bedeutenden Frau gemacht hat, namentlich nicht wenn ich sie mit ihrer Schwester Caroline von Wolzogen, vergleiche; und so erfuhr man denn von der Frau, was der Mann zu verschweigen für gut achtete. – Den auf ihre Bühne sehr eitelen Berlinern, deren Hauptinteressen sich damals auf Schauspiel und Schauspieler richteten, unter welchen Letzteren sie sich in der That sehr großer Künstler, wie eines Fleck, eines Iffland, einer Bethmann, zu rühmen hatten, lag es besonders daran, Schillers Urtheil über die hiesige Darstellung seiner Stücke zu hören. Nun war grade über die der Thekla im Wallenstein das ganze intelligente Berlin in zwei Parteien getheilt. Diese Rolle wurde von Flecks Gattin dargestellt, einer hübschen, mit einem weichen und tönenden Organ begabten Frau, die später als Madam Schröck in den Rollen der edlen Mütter und Anstandsdamen alle Stimmen für sich vereinigte, als jugendliche Liebhaberin jedoch von einem Theile des Publikums bis in den Himmel erhoben wurde, während ein anderer sie einer falschen langweiligen Sentimentalität beschuldigte, die bei ihr zur unaustilgbaren Manier geworden sei. So auch in der Rolle der Thekla. Aber von Schiller war nichts darüber herauszubringen. Seine Frau jedoch, so bemerklich ihr auch das Ausweichen ihres Mannes werden mußte, war bald zu der Mittheilung zu vermögen, daß Diesem die Darstellung der Thekla gar nicht behage. Und allerdings konnte dies bei der gehaltenen und gemessenen, wenngleich wenig erwärmenden Art der Recitation, welche Göthe und Schiller auf der Weimarschen Bühne eingeführt hatten, kaum anders sein. –

Göthe hatte ich noch nie gesehen, als ich während eines[211] Aufenthalts in Dresden im Jahre 1810 in Soirée bei Frau Seidelmann, der trefflichen Sepiazeichnerin, plötzlich seine Ankunft berichten hörte. Ich äußerte meine Freude so lebhaft, daß der ebenfalls anwesende noch sehr junge Herzog Bernhard von Weimar ihn durchaus herbeiholen wollte, um mir seine Bekanntschaft sogleich zu verschaffen. Ich weiß nicht, wie er dies gegen Göthe hätte verantworten wollen, aber gewiß ist es, daß ich ihn noch in der Thür am Rockschoße zurückhalten mußte, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Am andern Morgen jedoch kam Frau Körner zu mir, um mich zu benachrichtigen, daß Göthe auf der Gallerie sein werde. Natürlich eilte ich dahin. Hatte ich ihn gleich nie gesehen, dennoch erkannte ich ihn auf der Stelle, und ich hätte ihn erkannt, wäre mir auch nie ein Bildniß von ihm zu Gesicht gekommen. War schon seine ganze Erscheinung in aller Einfachheit imposant, so zeichnete doch vor Allem sein großes, schönes, braunes Auge, welches sogleich den bedeutenden Menschen verrieth, ihn vor allen Anwesenden aus. Er war so freundlich sich durch die Frau Seidelmann mir vorstellen zu lassen. Und da Diese, eine Venetianerin von Geburt, nur italienisch und französisch sprach, so wurde die Unterhaltung Anfangs in der letzteren Sprache geführt. Er drückte sich in derselben gut und mit Geläufigkeit aus. Da man jedoch in einer fremden Sprache, spreche man sie auch gut, immer nur sagt was man kann, in der eigenen aber was man will, so suchte ich es bald dahin zu wenden, daß wir deutsch sprachen.

Am Abend fand ich ihn bei Körners wieder. Da umstand ihn eben auch solch ein Kreis von Leuten, die nichts von ihm zu hören bekommen konnten. Und bald trat er zu[212] mir heran, und sagte: »Geht's Ihnen wie mir, und hat das heutige Sehen der Gemälde Sie angestrengt, so setzen wir uns ein wenig, und nebeneinander.« Nichts konnte mir erwünschter sein. – Die Gemälde gaben den Stoff zur Unterhaltung. So Treffliches er auch über manche historische Gemälde sagte, so war ich doch hier nicht überall mit ihm einverstanden, denn ich gehörte damals, gleich dem ganzen Kreise meiner Freunde, der romantischen Richtung an, auch spukte schon von unseren dentschen Künstlern in Rom etwas von jener, bald auf die deutsche Kunst so einflußreich gewordenen Nazarenischen Richtung über die Alpen herüber. Und so hörte denn z.B. die italienische Kunst für mich so ziemlich mit dem Meister auf, mit welchem sie für Göthe eben recht begann, mit Raphael. Aber da mir vor Allem darum zu thun war, ihn zu hören, so hütete ich mich sehr ihm hierin zu widersprechen. Ueber Landschaftsmalerei jedoch sagte er das Trefflichste. Hier war er ganz zu Hause. Der Dichter, der Kritiker, der Naturbeobachter und der ausübende Künstler gingen hier bei ihm Hand in Hand. Denn bekanntlich war er selbst meisterlicher Landschaftzeichner.

Wir sahen uns nun während seiner Anwesenheit in Dresden fast jeden Abend, denn alle seine Freunde und Bekannte waren auch die Meinigen. –

Diesen glänzenden Stern habe ich nun auf- und untergehen sehen, denn ich erinnere mich noch der Zeit als sein Götz und sein Werther soeben erschienen waren, und die Aufmerksamkeit Aller die sich für Literatur interessirten, auf ihn richteten. Habe ich ihm daher, nächst der Auszeichnung welche er mir persönlich erwies, unendliche Genüsse[213] welche der Dichter mir gewährte, zu danken, so hat er mich doch auch in einem von mir hochverehrten Freunde sehr verletzt, und ich will nicht verhehlen, daß ich ihm dies stets ein wenig nachgetragen habe. Der Fall beweist, daß er sogar bis in seine Familienverhältnisse hinein sein Bestreben trug, alles was ihm unbequem war, oder auch nur dies zu werden drohte, rücksichtslos zu beseitigen. Als die Tochter seiner einzigen geliebten Schwester, der Gattin Schlossers, Nicolovius heirathete, hatte er etwas gegen diese Verbindung. Der geistige und sittliche Werth der Letzteren giebt mir ein Recht zu der Voraussetzung, daß diese Unzufriedenheit nicht eine des Dichters, sondern eine des Ministers war, und nur die, allerdings damals noch nicht glänzende, äußere Stellung Nicolovius' betraf. Doch mußten die Aeußerungen derselben verletzend genug gewesen sein, namentlich wenn man den milden und versöhnlichen Sinn des guten Nicolovius in Anschlag bringt. Denn nie haben Göthe und er einander gesehen, so leicht dies auch von dem Augenblicke an zu bewirken gewesen wäre, wo Nicolovius als Mitglied des Staatsraths nach Berlin versetzt wurde, und so manche Anlässe sich auch dazu boten. Auf die Kinder des Letzteren übertrug Göthe jedoch seinen Mangel an Freundlichkeit nicht, und namentlich hatte er für Alfred Nicolovius viele Theilnahme.

Quelle:
Herz, Henriette: Ihr Leben und ihre Erinnerungen.Berlin 1850, S. 208-214.
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