Ein deutscher Musikdirector in Barcelona.

Meine Concert-Ouverture in D-moll trug bei der ersten Aufführung in Leipzig den Titel: »Ouverture zum alten spanischen Drama Fernando« – als ich sie veröffentlichte, ließ ich diese Bezeichnung weg. Und nun sollte ich vierzig Jahre später erkennen, daß die Worte eine Ahnung enthalten hatten, da im letzten Acte meines Lebens eine Episode eintrat, die mich zum Helden jener Ouverture stempelt. Einen höchst ironischen Blick warf ich mir zu, als ich nach der Ankunft in Barcelona mein wohlgetroffenes Bildniß im Spiegel erblickte.

Das geschah aber am 28. Februar, dem Carnevalsmontag des Jahres 1881. Auf die gemüthlichste Weise war ich über die Grenze gefahren – nirgends war mir der »absolut nothwendige« Paß abverlangt worden. Gemächlich bummelten wir auf der Eisenbahn dem Mittelländischen Meere entlang; milde Frühlingsluft, klarer blauer Himmel, leichtbewegte Wogen, blühende Orangenbäume, sonntäglich reger Verkehr, heitere Reisegefährten! So war ich in die Fonda der vier Nationen gelangt. Welche vier Völker gemeint sein mögen? Ich habe vorsichtiger Weise keine Aufklärung verlangt, aber die Ueberzeugung gewonnen, daß es die Engländer in erster Linie[1] sein müssen; es wimmelte von ihnen.1 Der große, wohl eingerichtete und überaus reinliche Gasthof liegt auf der Rambla, einer ausgedehnten, boulevardartigen Straße, die sich vom Hafen bis an den Catalonischen Platz hinzieht und dessen breite Mitte eine, den Fußgängern bestimmte herrliche Allee mächtiger Platanen einnimmt. Der Wahrheit die Ehre; diese Bäume waren Anfangs März noch sehr kahl und das Grün, das sie nach einigen Wochen zeigten, war zwar zierlich und viel versprechend, gab aber keinen Schatten. Später sollen sie dichte Hallen bilden und frische Jugendlichkeit, wie alles Laub dort, bis zum November bewahren, wo das Loos des Irdischen auch sie trifft. Doch jetzt schon war es reizend, zwischen ihnen hin und her zu schleudern, den reinsten, tiefblauen Himmel über sich und erwärmt von einer jungfräulichen Sonne.

An jenem Tage und am folgenden, dem Carnevals-Dinstag, entwickelte sich während der Nachmittagsstunden ein allerliebstes Faschingstreiben, wie ich es wohl reichhaltiger, aber anmuthiger nie und nirgends gesehen. Unter den Bäumen drängte sich die Menge, trotz buntem Gemisch aller Stände, in friedlich-ruhiger Heiterkeit – zu beiden Seiten bewegten sich die offenen Wagen im Schritte auf und nieder. Elegante Damen und Kinder, theilweise costumirt, erhielten von den Balconen Confetti zugeworfen, und bemühten sich, wiewohl meist vergeblich, die gewichtigen Grüße zu erwidern. Lebhaftere Kämpfe hatten vor einigen Häusern statt, vor welchen sich gewandte Schleuderer aufpflanzten. Ich begab mich unter die Menge, ehe ich Jemanden aufgesucht, und ließ mich vorwärts treiben, als ich plötzlich an einem großen Gebäude, welches die Inschrift Teatro del Liceo trug, in kolossalen Buchstaben meinen Namen auf einem kolossalen Zettel erblickte, als Dirigenten der zu veranstaltenden »Conciertos«. So einfach die Sache war, sie erschien mir, der ich unter diesen fremden[2] Menschen vom Gefühl tiefster Einsamkeit beherrscht war, so absonderlich, daß ich kaum glauben mochte, ich sei wirklich der, der da so großartig angeklebt war. Am folgenden Tage wiederholte sich das Treiben, und als Finale reihte sich um 9 Uhr Abends ein glänzender Fackelzug an, der theils die Wagen begleitete, theils von denselben ausging. Es gab nicht allein viele elegante Zweispänner, auch prachtvolle vier- und sechsspännige Equipagen erschienen in der phantastischen Beleuchtung. Ich vermuthete in den Insassen derselben mindestens spanische Granden, wurde aber eines Bessern belehrt. Die Industrie der Miethkutscher und Pferde ist in Barcelona zu hoher Blüte gelangt, und jene üppigen Gespanne gehörten kaufmännischen Unternehmern. Als ich späterhin zuweilen von equipagelosen Bekannten zu Spazirfahrten abgeholt wurde, fand sich mit dem Kutscher des hübschen offenen Wagens stets auch ein jugendlicher Diener in eleganter Livree ein; eine gemiethete Vornehmheit, die sich eben so gut ausnahm als eine erbberechtigte.

Ueberhaupt ist die Stadt viel großstädtischer, als sie (bei 2- bis 300000 Einwohnern) dazu verpflichtet wäre. Man behauptet, sie enthalte über 600 Millionäre – gezählt habe ich sie nicht. Wohl aber zählte ich sieben Theater und acht Zeitungen, abgesehen von einer Anzahl illustrirter Spottblätter, welche letztere an den kleinen Verkaufsbuden der Rambla stets von lesenden Volksgruppen umdrängt waren. Das Theaterleben scheint ein ungemein reges zu sein. Während meiner Anwesenheit gab man im Liceo große italienische Oper, im Teatro Principal, das älter und kleiner, führte eine italienische Compagnia Singspiele auf aus aller Herren Länder und man sah dort reizende Ballette; im Teatro del Circo gabs spanische Operetten, im Buen Retiro Komödien, im Romea Stücke in catalonischer Mundart – im Teatro Español unter anderm die Passion als Fastenaufführung, – im Teatro Catala wurden Lustspiele gegeben. Die bekannten italienischen Theatereinrichtungen finden sich auch hier. Zusammengehörige Gesellschaften oder von mehr oder weniger zahlungsfähigen Unternehmern zusammengestellte spielen oder singen während einiger Monate oder Wochen in den verschiedenen Theatern[3] alle möglichen Gattungen dramatischer Productionen. Durch die Meininger ist ja auch bei uns Aehnliches angebahnt, das Wallner-Theater kommt nach Köln und die Nibelungen ziehen in Berlin ein – gewiß weder zum Nachtheile der Künstler noch des Publicums, die beide hiedurch frischer Anregung theilhaftig werden. Bühnen wie das Théatre Français oder das Burg-Theater werden auf solche Weise schwerlich entstehen, aber es ist für alle Welt gesorgt.

Zu den großstädtischen Leistungen Barcelonas gehört vor Allem die neue entfestigte Stadt selbst. Die alte Stadt enthält zwar die reizende Rambla und auch sonst einige sehr große, durch ihre Gebäulichkeiten imponirende, durch ihre Anlagen freundliche Plätze, im Allgemeinen sind aber die Straßen eng und winklig. Die neue Stadt, welche freilich bis jetzt nur auf den Plänen vollständig zu sehen ist, wird die alte mindestens ein halb Dutzendmal in die Tasche stecken können – sie ist sehr regelmäßig angelegt, große, stattliche, hohe Häuser, die sich von unsern modernen Casernen durch platte Dächer und unzählige Balcons unterscheiden, Straßen von ungebührlicher Breite; man kann nur mit Grausen daran denken, sie im hohen Sommer durchschreiten zu müssen. Das Innere der Häuser ist nicht nur elegant, es ist für unsere Anschauungen luxuriös, da Marmor angewandt wird, wo irgend möglich. Treppen, Rampen, Fußböden, Wasserleiter, Küchentische und was nicht noch alles sind aus diesem classischen Steine angefertigt, in dessen Nähe man von antik-götterhaften Anwandlungen ergriffen wird. Vor Allem verlangt er jedoch ein südliches Klima.

Unter so mancherlei Dingen, bei welchen wir gewohnt sind, zum schlimmen Spiel gute Miene zu machen, steht unser deutsches Wetter in erster Reihe. Wir loben den ewigen Wechsel desselben und werden nie müde, die Herrlichkeit unseres Frühlings, der den peinlichsten Tagen zuweilen ein Ende macht, in Worten und in Tönen zu besingen. Befreiung ist eine schöne Sache, schade nur, daß ihr die Gefangenschaft vorhergehen muß, um sie schmackhaft zu machen. Nichts sei dem Menschen schwerer zu tragen als eine Reihe von schönen Tagen, behauptet Göthe – und so finden wir's ganz in der Ordnung,[4] wenn auf einen sonnigen Tag eine trostlose Woche folgt. Die Barcelonesen sind nicht dieser Ansicht. Wenn der Himmel leicht umzogen war, wurden sie schon unwirsch – ein Regentag ist ein halber Unglückstag. So gewöhnt ist man an heiteres Wetter, daß man den Nachtwächter Sereno nennt – er muß nämlich nicht allein kundthun, wie es mit der Zeit, sondern auch, wie es mit dem Wetter steht, und da er letzteres fast immer mit sereno zu bezeichnen hat, bezeichnet man ihn mit demselben Ausdruck. (Haben doch die romanischen Sprachen für Zeit und Wetter dasselbe Wort: temps, tempo, tiempo.) Auf ihren schönen Himmel, auf ihre linden Lüfte scheinen die Spanier stolz zu sein – sie haben nichts dazu gethan! – ist das aber nicht bei den meisten Dingen der Fall, auf die wir uns etwas einbilden? Auch die in Barcelona lebenden Deutschen schwärmen für das Klima, in welchem zu leben ihnen vergönnt ist, und zeigten mir die Blumen- und Blütenpracht, in welcher das Land prangte, mit bewundernder Genugthuung. So im kleinen Orte Sarria, nach welchem eine Eisenbahn führt, wo man im Garten Cattaro ungestraft unter Palmen wandeln mag, so in den Gärten einiger anderer Torres (Türme, so nennen sie ihre Villen), wo die blühenden Camelien Büsche bilden und die Hecken durch dickleibige Cactusstauden vertreten sind. An den Abhängen der die Stadt bis zum Meer umzingelnden Bergkette liegen, sich fast berührend, größere und kleinere Städtchen und Dörfer in südlicher Ungebundenheit; wem es halbwegs vergönnt, der baut sich ein Nest ad libitum, und es sollen gerade die geringern Stände sein, die alles daran setzen, um solch ein kleinstes Besitzthum zu erlangen, wenn auch nur als Ziel sonntäglicher Ausflüge. Die vornehmen Torres, die ich zu sehen bekam, verdankten der Huld des Himmels mehr als der Sorgfalt der Besitzer – der liebe Gott meint es so gut, daß man ihn gewähren läßt, ohne viel nachzuhelfen. Von diesen Höhen herab beherrscht der entzückte Blick Vorstädte, Stadt und Meer. Die Aussicht von den dahinter liegenden Gipfeln muß wunderbar sein. Eine dieser Bergesspitzen trägt den Namen Tibidabo – es steht nämlich fest, daß dort Satan dem Erlöser die Herrlichkeit der Welt angeboten. Von den Anfangsworten seines Vorschlags [5] »Tibi dabo potestatem hanc universam« erhielt der Berg seinen Namen.

Weniger leicht als zum Genusse dessen, was die Landschaft bietet, gelangt man zur Freude, sich am Strande des Meeres zu ergehen. An der offenen Seite der Stadt zieht sich der breite Hafen hin. Eine Festungsmauer so lang und breit, daß sie früher ein vielbesuchter Spazirgang war, von welchem aus man über den Hafen hinweg die See erschaute, wird abgetragen, um für einen breiten Quai Platz zu gewinnen. Die ewig heranströmenden Wogen sich zu meinen Füßen winden zu sehen, fuhr ich nach der Hafen- und Seemannsvorstadt Barceloneta und erreichte mein Ziel, aber, wie es dem Ehrgeiz oft geschieht, auf schmutzigen Pfaden. Auf halber Höhe zur bekannten Feste Mont-Juich findet sich jedoch ein Haus, dessen Name Vista alegre von Weitem zu lesen ist; der Blick umfaßt dort zur Linken den Hafen, Barceloneta und einen Theil der Stadt, zur Rechten erhebt sich die große dunkle steile Feste und in gerader Richtung verliert sich das Auge im Anblick des von der Sonne beglänzten Meeres mit seinem Wogengekräusel, den in der Ferne leuchtenden Segeln der Fischerboote und der langsam am Horizont aufsteigenden Kauffahrteischiffe – das ist nicht nur eine lustige Aussicht, es ist eine schönheitstrahlende. Und hat man sie genossen, wie es bei mir der Fall, gestärkt und erquickt körperlich und geistig von gemüthlichster landsmännischer Gastfreundschaft, so bleibt eine unauslöschliche Erinnerung an eine wahrhaft gute Stunde.

Auch des großen und großartigen Parkes sei Erwähnung gethan, den man auf dem Grund und Boden abgetragener Festungswerke geschaffen – er hat den einzigen Fehler, noch zu jung zu sein. Als mein verehrter Gönner, der Generalconsul Richard Lindau, mich eines Sonntags dort umherfuhr, wimmelte es von Spazirgängern, und die Spazirenfahrenden bildeten, was man einen Corso zu bezeichnen pflegt und was man besser eine gesellige Revue nennen würde. Dieser Park hat eine in Barcelona hervorragende Eigenschaft, man fährt dort ohne Mißbehagen, ja, auf eisglatter Straße, was außerdem nur auf den vortrefflich eingerichteten Pferdebahnen zu erreichen ist, denn[6] sowohl die städtischen wie die Landstraßen werden, befahren, so qualvoll durch ihre Höhen und Tiefen, daß man den Gebrauch einer Equipage als Strafmittel anwenden könnte.

An hervorragenden Baudenkmälern ist Barcelona weniger reich, als man nach den ersten Eindrücken zu erwarten geneigt ist. Die Kathedrale und Sta. Maria al Mar werden als die ältesten und interessantesten Kirchen betrachtet – auf mich, den Musiker, wirkten sie vor Allem durch die Stimmung, welche die in ihnen herrschende Finsterniß hervorruft. Nur wenige bemalte Fenster erlauben dem prosaisch verständigen Alltagslicht, Blicke hineinzuwerfen – ich wüßte nichts, was man nach längerm Aufenthalt in diesen Gebäuden nicht zu glauben bereit wäre. Als ich an einem Sonntag in der Kathedrale mich befand, predigte der Erzbischof, und zwar so, als ob er bei einem modernsten Claviervirtuosen Unterricht genommen hätte. Donnergepolter wechselte mit kaum hörbarem Gesäusel, und die Pantomime stand zu diesen grellen Contrasten im richtigsten Verhältniß. Es war eine Fastenpredigt, und namentlich soll sie sich gegen die aufzuführenden Passionsspiele gewandt haben. Wenn sie, wie man wissen wollte, die täglich im Liceotheater als in Vorbereitung stehend angekündigte representacion verhindert hat, so kann ich nicht leugnen, daß ich dem Herrn Erzbischof ernstlich grolle; noch im vorigen Jahre soll sie prachtvoll gewesen sein. Als allgemeines Verbot galten die zürnenden Worte des Kirchenfürsten nicht, da ich im Teatro Español Gelegenheit hatte, einer Passionsaufführung beizuwohnen.

Einen musikalischen Eindruck macht auch ein alter, sich an die Kathedrale eng anschließender Klosterhof durch die Strenge und den Reichthum seiner einzelnen Theile und den Contrast, in dem sie zu den hell schimmernden Blüten stehen, die auf Baum und Strauch in seiner Mitte prangten. Höchst interessante Reliquien älterer Baukunst und Sculptur zeigte mir der kunstliebende Bruder eines unserer Admiräle in frühern Patricierhäusern und Höfen, öffentlichen Gebäuden und Anstalten – erstaunenswürdig sind drei kolossale Säulen eines antiken, aus römischer Zeit stammenden Herculestempels, um welche ein ziemlich dürftiges Privathaus so gebaut worden, daß man, um[7] sie zu sehen, in den dritten Stock steigen muß. Ein höchst überraschender, origineller Anblick.

An großstädtisch-luxuriösen überfüllten Cafés fehlt es in Barcelona nicht. Die Akademie der Künste (ich erwähne der Dinge, wie sie sich der Feder bieten) enthält keine bedeutenden Sammlungen, aber vortrefflich eingerichtete, weit ausgedehnte Lehrsäle, in welchen Unterricht im Zeichnen, Modelliren und was dergleichen mehr Jedem geboten ist; einen köstlichen Anblick bietet aber die neueste großartige Markthalle mit ihren Marmortischen, ihren, einer Industrie-Ausstellung ähnlichen Gängen, in welchen alles zu finden, was die Naturreiche bieten, um Körper und Seele zusammenzuhalten. Wie glücklich würden sich dort unsere Vegetarianer fühlen, wo zweimal des Jahres neue Kartoffeln jeden Kalibers, alle möglichen frischen Kräuter und Gemüse in unaufeßbaren Massen aufgethürmt liegen! Und die Geschöpfe des Meeres, mit welcher Selbstverleugnung lassen sie sich dort auf die reizendste Weise anatomisch präpariren. Nur unser getreues Rindvieh, es behagt ihm nicht in der catalonischen Hauptstadt. Die Gründe sind aber auch danach! Die Kost ist ihm zu mager, und es vergilt diesen Mangel, indem es auch uns magere Kost bietet.

Mit der virtuosen Schnelligkeit des Erklärers einer Bilderbude wende ich mich jetzt zu den Wohnungen der Todten. Diese letztern haben es bei uns unbedingt besser. Neues, blühendes Leben sprießt auf ihren Stätten und der pietätvollen Liebe, die sich ihnen nahe fühlen will, ist kein Ziel gesetzt. Aber dort! in kalte, mehrere Stock hohe Mauernischen werden die Särge geschoben, die Oeffnungen wieder hermetisch geschlossen, die Namen mit wenig Sorgfalt hingepinselt, und die nachzuschiebenden Särge machen den frühern den Platz streitig. Wenig erbaulich mag ein solcher Aufbewahrungsact sein (weder Begräbniß noch Bestattung); er erinnert eher an die Weise, wie in einem Hafen die Waaren in die Speicher gezwängt werden, als an die vertrauensvolle Entsagung, mit welcher wir der Mutter Erde ihre Kinder wieder ans Herz legen. Würde, wie bei den Alten, den Reliquien wenigstens eine Läuterung durchs Feuer zu Theil, aber nein – und so hat der Gedanke an das pêle-mêle zerbrochener[8] Särge und zerbröckelnder Knochen, die sich gegenseitig den Platz nicht gönnen, etwas höchst Widriges. Am jüngsten Tage kommt es freilich auf dasselbe heraus.

Hinter dieser einförmigen, um eine Capelle her angelegten Todtenfestung kommt man jedoch an einen Ort, der die Unsterblichkeit des Reichthums aufzeigt. Hier reiht sich ein Grabmonument an das andere, und ich mußte eines italienischen Cicerone gedenken, der mir beim Eingang in die Begräbnißstätte von Bologna sagte: »Dieser Kirchhof ist eigentlich kein Kirchhof, er ist ein Museum.« Der Marmor gehört eben in den reichen Kreisen von Barcelona zu den Lebensbedürfnissen bis nach dem Tode. Ja, man läßt sich schon in den frischesten Jahren sein Grabmal aushauen, und es wurde mir ein solches Denkmal mit den Medaillons der zärtlichen Gatten gezeigt, die es schon im ersten Jahre ihrer glücklichen Ehe anfertigen – sich im zweiten aber trennen ließen – steinern blieben sie vereinigt.

Barcelona soll viele und geschickte Bildhauer besitzen, denen es nicht an Arbeit fehlt. Manche der Monumente schienen mir Kunstwerke zu sein – auch die Schablone behauptet ihr Recht –, Geschmackloses fiel mir nicht auf. Collegialisch interessirte mich ein sehr reiches Denkmal, das man dem bekannten Clavé, dem Verbreiter des populären Chorgesanges in Spanien, gesetzt, und ein anderes, welches dem Barceloneser Componisten Villanova gewidmet ist. Auf letzterm finden sich die ersten acht Tacte seines Requiems in stattlichen Noten eingemeißelt, wahrscheinlich die einzigen, von welchen die Nachwelt Notiz nehmen wird. Requiem aeternam dona eis, Domine.

Es ist Zeit, zu den Lebenden zurückzukehren, auf welche sich ja stets die ersten Fragen beziehen, welche man an den Wanderer richtet. »Sind die Frauen schön? Hat ihre Tracht ausgesprochenen Charakter? Und die Männer, sehen sie den Gestalten des Velasquez ähnlich? Fanden Sie Betteljungen und Madonnen à la Murillo?«

Sehr schöne Frauen sah ich in Barcelona, und zwar von verschiedenartigem Typus. Neben orientalisch dunkeln Augen und Haaren begegnet man hellblonden germanischen Köpfen – auch die Hautfarbe[9] bewegt sich zwischen diesen Extremen, so lange sie nicht durch poudre de riz allgemein europäisch geworden. Einen höchst angenehmen Eindruck macht die Barceloneserin, wie man ihr auf der Straße, namentlich auf dem Kirchgange begegnet, in schwarzer Kleidung mit schwarzer Mantille über Schulter und Kopf, so einfach wie vornehm. In den Logen und Sperrsitzen des Liceo, auf dem Corso des Parkes fand ich, trotz der enthaltsamen Fastenzeit, den vollsten Glanz der Pariser Mode. Ohne Fächer erscheint keine Dame, das Talent in der Behandlung desselben, das man den Spanierinnen nachrühmt, kann ich nicht beurtheilen, nur fiel es mir auf, daß sie kein Geräusch damit machen, wie bei uns allzu häufig der Fall.

Die Männer sind ein kräftiges Geschlecht. Man sieht viele jener stolzen, ja, vielleicht etwas hochgespannten Physiognomieen, wie sie unsere Mimen in spanischen Dramen sich anzueignen bemüht sind. Selbstverständlich tragen sie den häßlichen demokratischen Anzug der heutigen gesitteten Welt, und zwar im Allgemeinen und im eigentlichen Sinne des Wortes sehr zugeknöpft. Dem Mantel begegnet man oft, wenn auch gerade nicht in der elegantern Welt, und wenn Egmont ihn abwirft, um spanisch zu erscheinen, so ist das falsch; beim wärmsten Sonnenschein sah ich Leute, die bis über die Lippen eingemantelt einherschritten; der geringste kühlere Luftzug schien ihnen entsetzlich zu sein. In der Erscheinung der Arbeiter und der Landleute findet sich manches für den Fremden Auffällige, wie z.B. große wollene Decken, die sie für alle Fälle, auf der Schulter zusammengelegt, einhertragen, dicke hohe rothe Mützen, die nichts weniger als revolutionär gemeint sind, hauptsächlich aber bessere und reinlichere Wäsche als hier zu Lande. Meinen Neid erregten die vielfach von ihnen getragenen Sandalen mit Rändern von weißer Wolle, die durch ein vielfach verschlungenes Band am Fuße befestigt sind. Wann werden wir uns, in der guten Jahreszeit wenigstens, von der Bürde unserer qualvollen Fußbekleidung befreien?

Von Bettlern und Bettlerinnen findet man leider in Barcelona eine viel reichhaltigere Sammlung als von den Werken Murillos.[10] Sie tragen alle Uebel zur Schau, welche die Talente ihres Standes bilden, und sollen sehr gute Geschäfte machen. Doch muß man ihnen zugestehen, daß sie, wahrscheinlich getragen von dem Bewußtsein der allgemeinen Theilnahme, den einzelnen nicht lange belästigen. Als ich mich gegen diese Straßenexposition aussprach, wurde mir entgegnet, der Aufenthalt im Freien müsse doch den Armen gegönnt sein, eine Auffassungsweise, die bei uns wohl von keiner Seite getheilt werden würde. Am meisten überrascht uns Nordländer von der strammen Cultur das gegenseitige Benehmen der verschiedenen Stände – es beruht auf vollständiger Gleichstellung im öffentlichen Leben. Was uns hier seitens Tiefergestellter indiscret erscheinen würde, ist dort gang und gäbe; der Handschlag, der dem Shakespeareschen Coriolan so zuwider, wird Niemandem verweigert, Jedem von Jedem geboten. Aber das Volk ist, in seinem äußern Wesen wenigstens, ungemein gesittet; niemals sieht man Betrunkene, selten hört man lauten Wortwechsel, ja, gerade in den von den untergeordneten Classen besuchten Cafés und Theatern geht es überaus ruhig und anständig zu.

Höflichkeit zeichnet den Spanier aus, in ihrer Darlegung wird sie jedoch etwas phrasenhaft. Daß man als Diener angesehen sein will, sein Haus bei der ersten Begegnung zur Verfügung stellt, dem Gast alles und jedes anbietet, was ihm gefällt, mag noch hingehen; aber daß die Männer sich gegenseitig die Hände küssen, wenn auch nur symbolisch durch die überall voranstehenden drei Buchstaben B.L.M., Beso las manos, hat für den wenig geschmeidigen Deutschen etwas allzu Ueberschwengliches, wiewohl der »Baselemanes« merkwürdigerweise sich in den kölnischen Dialect als Hauptwort eingeschlichen hat. Eine sinnvolle spanische Huldigung an das Ewig-Weibliche liegt in der Sitte, dem väterlichen Namen den Familiennamen der Mutter beizufügen.

Die Touristen behaupten, Barcelona sei mehr eine südfranzösische als eine spanische Stadt – im Verhältniß zu den spanisch-maurischen Provinzen des Südens mag diese Ansicht berechtigt sein, aber auch nur so. Die Einwohner betonen vor Allem ihre provincielle Selbständigkeit,[11] sie sind Catalonier; die catalonische Sprache, eine der ältesten unter den romanischen, ist ihr Lieblingsidiom, die catalonische Industrie ist ihr Stolz, und während jeder Franzose sehnsuchts- und bewunderungsvoll nach seinem Paris blickt, fühlt sich der Barcelonese auf gleicher Höhe mit dem Bewohner der Haupt- und Residenzstadt, ja, hält sich innerlich ihm vielleicht überlegen.

Ich beginne zu fürchten, daß alles, was ich bisher berührt, sich in guten, mir unbekannten Büchern weit besser finde und daß der gebildete Leser mehr davon wisse, als ich ihm mittheilen kann. So mag denn nun der deutsche Musikdirector als solcher ausschließlich zu Worte kommen. Und zwar vor Allem als Deutscher, den es gar wohlthuend berührte, auch jenseit der Pyrenäen deutsche Männer, deutsche Familien zu finden, die nicht ihre Ehre in der Denationalisirung suchen. Vor wenigen Jahren noch war die deutsche Colonie in Barcelona verschwindend klein, hielt jedoch um so treuer zusammen. Jetzt ist sie so stark angewachsen, daß das Geburtsfest unseres geliebten Kaisers in stattlichster Weise und in vielstimmigem Enthusiasmus gefeiert werden durfte. Generalconsul Richard Lindau, ein echter Bruder seiner beiden vielgenannten Brüder, dazu ein ausgezeichneter Tonkünstler, präsidirte – seit einer Reihe von Jahren hält er das schützende Reichspanier hoch aufrecht über seine Landsleute in Spanien und Portugal. Auch der mit mir zu gleicher Zeit eingezogene neuernannte österreichische Generalconsul Herr Louis Przibram zeigte durch seine Anwesenheit bei jenem Feste, daß er sich, trotz seines czechischen Namens, als Deutscher unter Deutschen fühlt. Auch er liebt, versteht und übt Musik – glücklicher konnte es ein städtischer Capellmeister nicht treffen. Kaum ward mir ein musicalisches oder ein geselliges Erlebniß zu Theil ohne die freundliche Gegenwart eines dieser künstlerisch-politischen Gönner. So verdanke ich der umschauenden Aufmerksamkeit des erstern einen der poetischsten Eindrücke. Eine kleine Truppe spanischer Zigeuner hatte ihr Auftreten in einem etwas obscuren Kaffeehause angezeigt, und wir fanden uns in dem mäßig großen Saale, der schon überfüllt war von Arbeitern, Kleinbürgern und Soldaten, zur bestimmten Stunde ein.[12] Nach kurzer Zeit erschienen auf der Estrade, die nichts aufzeigte als einige an die Wand gelehnte Bänke, sechs Personen, drei jedes Geschlechtes. Zuerst ein reizendes junges Mädchen, schlank, mit den dunkelsten Augen und blendend strahlenden Zähnen, die sie bei jedem Lächeln zeigte. Und sie lächelte fast immer, nicht mit Coquetterie, sondern wie wenn sie alle Welt auslachen wollte. Zwei ältere, etwas üppigere, im Verblühen begriffene Schönheiten folgten. Dann kam ein großer corpulenter Herr, der höchstens durch seine matte Gesichtsfarbe den Zigeuner zeigte (er trug die dunkle Kleidung eines Gentleman und schien das Haupt der Gesellschaft zu sein), und mit ihm erschienen zwei jüngere, weder durch Tracht noch durch Aeußeres auffallende Männer. Einer von ihnen trug eine Guitarre, der andere hatte ein paar hölzerne Schläger. Die Gesellschaft nahm auf den Bänken Platz, die Frauen mit der jüngsten beginnend zur Linken, die Männer zur Rechten des Publicums. Der Guitarrist (sein Instrument hatte wenig Ton) begann nun eine jener stets sich wiederholenden Figuren zu reißen, wie sie in der spanisch-zigeunerischen Volksmusik vielfach gebräuchlich. Diese Begleitung begleiteten die andern Männer mehr oder weniger regelmäßig mit den kurzen Stöcken, die sie an die Bank anschlugen, und mit einigem Stampfen des Fußes. Das dauerte eine kleine Weile, als der dicke Mann mit schrillender Kopfstimme einen kurzen Vers mehr hervorstieß als sang – wieder eine längere Pause –, dann nochmals ein Vers und so fort. Offenbar ist diese lyrische Procedur auf die Improvisation eingerichtet, sie läßt den Zuhörer nicht zur Ruhe kommen und gibt dem Vortragenden so viel Zeit, als er braucht, um einen neuen Vers zu erfinden. Da ich die Worte nicht verstand, wäre mir die Sache langweilig geworden, wenn nicht die junge Zigeunerin sich von Zeit zu Zeit durch lustiges Händeklatschen und Tacttreten daran beteiligt hätte. Dazu lachte sie immer ganz satanisch liebenswürdig, man hätte Heinesche Gedichte auf sie machen mögen. Plötzlich stand sie auf. Ihr helles Gewand hatte eine lange Schleppe, die, einem eleganten Morgenkleide ähnlich, auf dem Rücken weite Falten bildete; mit großer Gewandtheit wußte sie es jedoch zuweilen so zusammenzufassen,[13] daß die Füße und die Linien der Gestalt mäßig hervortraten. Nun begann sie zu tanzen, wenn man eine Bewegung Tanz nennen kann, bei welcher die Füße fast gar keine Rolle spielen, ja, nur selten zu sehen waren. Vor allem waren es die Arme, durch die sie wirkte. Sie erhob, senkte, beugte sie, einzeln oder beide zugleich, über den Kopf, den Rücken, die Brust, in der anmuthvollsten, züchtigsten Weise. Dann war es wieder die ganze zusammengehaltene Gestalt, die sie langsam in sich selbst bewegte, streckte und gleichsam wieder fallen ließ, in kleinsten Schritten kaum den Platz verändernd, und dazwischen schien sie immer wieder sich und uns auszulachen. Ich weiß nicht, wie lange dieses Spiel dauerte – es war monoton –, aber von so bestrickender Anmuth, solch individuellem Charakter, so holder Weiblichkeit, daß ich mehr dadurch gefesselt wurde, als durch das kunst- und naturreichste Irrlichteliren so mancher tricoteusen Ballerina.

Die folgenden Darstellungen, obwohl abenteuerlich genug, entsprachen nicht diesem reizenden Beginne. Der jüngere Zigeuner, welchem ein in der ersten Reihe sitzender Soldat seine Militärmütze lieh, gab einen Krieger, der sich, ich weiß nicht, ob verfolgt oder verfolgend, stets in größerer, fast rasender Schnelligkeit bewegte, ohne dabei im Allgemeinen viel vom Platze zu kommen. Hier waren es freilich die Füße, die das Beste thaten an unaufhörlicher Bewegung; am Schluß konnte der arme Teufel kaum mehr athmen und war in Schweiß gebadet. Eine der ältern Zigeunerinnen tanzte nun nach den strengen Principien der jungen, was die Füße betrifft, um so freier aber mit dem ganzen Körper, an dem sie einen so unendlichen Reichthum von Bildern zu Tage treten ließ, daß die Linien schärfer hervortraten als bei der jetzt modischen Kleidung. Da aber die Grazien dabei das Weite suchten, so folgten wir ihnen nach.

Zur Sommerzeit ziehen größere und talentvollere Zigeunergesellschaften, meistens aus Andalusien kommend, in die nordischen Städte ein. Sie sollen reizende Lieder singen, unter welchen die Malagueñas namentlich sehr gerühmt werden. Die verschiedenen in verschiedenen Provinzen herrschenden Gesänge und Tänze scheinen bisher[14] wenig gesammelt und aufbewahrt zu sein. Wunderbar, daß auch hier (wie in Ungarn) die Zigeuner einen so großen Antheil an der nationalen Musik beanspruchen dürfen, und schade, daß kein Liszt oder Brahms sich bis jetzt fand, um ihr eine europäische Anerkennung zu verschaffen!

Im Teatro Principal wurden neben Operetten (von Suppé, Lecoq und andern) Ballette gegeben. In einem derselben, Clotilde, war die Ausstattung nicht allein überaus reich und geschmackvoll, es kamen auch einige ebenso geistreich ersonnene wie vortrefflich ausgeführte Scenen vor, von welchen ich eine specifisch musicalische zu beschreiben versuchen will. Die liebende Heldin betritt, gleichviel warum und wie, den Tempel der Harmonie, der aus Orgelprospecten, Tuben, Trompeten, Pauken und Geigen, Harfen und Cimbeln sinnig, ja, großartig aufgebaut war. Drei mächtige Claviaturen bildeten die breite Freitreppe, die zum Tempel hinaufführt. Auf diesen trug die graziöse Tänzerin einen Solopas in mäßigem Tempo in der Art vor, daß jeder Schritt dem Anschlag einer Taste entsprach, während die gleichsam hieraus sich ergebende Weise auf einem hellklingenden Pianino in strengster Uebereinstimmung mit dem Antupfen der Fußspitze vorgetragen und von Orchester pizzicato begleitet wurde. Das ganze Spiel gab mithin, statt eines Tanzes zu einer Melodie, das Bild und den Eindruck einer getanzten Melodie, überraschend und anmuthig zu gleicher Zeit.

An den Sonntag-Nachmittagen der letzten Fastenwochen wurde im Teatro Español »la Sagrada Passio y Mort de Nostre Senyor Jesu-Crist« (wie der catalonische Titel lautet) dem frommen Volke zur Erbauung geboten. Die alte Dichtung ist von einem Frare Anton de Sant Geroni verbessert und vermehrt worden und enthielt nebst einem »prolech« acht Cuadros und bei zahllosem Decorationswechsel die Darstellung der hervortretendsten Momente aus den Erzählungen der Evangelisten, beginnend bei der Bekehrung der Samariterin. Sie ist in catalonischer Mundart in vierfüßigen gereimten Jamben geschrieben und läßt die auftretenden Personen in behaglicher Breite sich ergehen. Auch der Musik ist ihr Eingreifen,[15] meistens in melodramatischer Weise, vorgeschrieben. Dem Dialog scheint es an pikanten Einzelheiten nicht zu fehlen – so z.B. unterwirft Judas die 30 Silberlinge einer genauen Prüfung (wie es aus Angst vor falschem Gelde jeder Verkäufer in Spanien zu thun pflegt) und läßt sich einige Stücke umtauschen, die ihm nicht geheuer scheinen. Nachdem er sich gehängt, wird er allsobald von einer Anzahl greulicher Teufel gefaßt und in den flammenden Höllenschlund hinabgestoßen. Mir war es nur vergönnt, der zweiten Hälfte des Stückes beizuwohnen, was immerhin ein paar Stunden in Anspruch nahm. Ich fand eine zahlreiche Zuhörerschaft, zum größten Theil den niedern Ständen angehörend – worunter eine Anzahl Kinder, von welchen manche noch von den Müttern auf dem Arme gehalten wurden, drei- bis vierjährige saßen in meiner nächsten Nähe und folgten der Handlung mit gespannter Aufmerksamkeit.

Jene früher erwähnte Gegnerschaft des Erzbischofs schien mir hier unbegreiflich, denn es zeigte sich keine Spur von Frivolität in der Haltung der Zuschauer, und ich mußte mir sagen, daß es nicht möglich sei, in naiven Gemüthern die Kenntniß der heiligen Vorgänge tiefer einzuprägen oder energischer aufzufrischen, als durch dramatische Vorführung. Bleibt doch alles, was uns von der Bühne herab ergreift, mit unauslöschlicherer Stärke in der Erinnerung aufbewahrt, als was wir erzählt bekommen oder uns durch Lectüre aneignen.

Die Aufführung, wenn auch in den Händen mittelmäßiger Schauspieler, war ernst und verständig; manches wurde nur allzu handgreiflich dargestellt. So z.B. die Mißhandlung des Heilandes, der nie die Scene betrat, ohne von einigen ihm folgenden Kerlen aus dem Volke vorwärts gestoßen zu werden. Bis in die kleinsten Einzelheiten wurden die Vorgänge anschaulich gemacht – das Schweißtuch der Veronica zeigte das ähnliche Bild des Schauspielers, der den Christus gab –, die Versiegelung des Grabes wurde mit peinlicher Gewissenhaftigkeit vollzogen. Von tiefer Wirkung war der Calvarienberg, und der gekreuzigte Heiland zwischen den Schächern bei abnehmender fahler Beleuchtung gab ein wahrhaft ergreifendes Bild.

Mit dem Namen Zarzuela (ursprünglich der eines zweiactigen[16] Schauspiels) bezeichnet man Operetten, deren Handlung, vorzugsweise volksthümlich, in musicalischer Beziehung das Feld zu sein scheint, welches von den spanischen Tonsetzern der Gegenwart fast ausschließlich angebaut wird. Namentlich sollen diese Singspiele reizende Stücke echt nationalen Gepräges enthalten, und ich brannte vor Begierde, ihre Bekanntschaft zu machen, obgleich mir die Compañia im Teatro del Circo nicht gerühmt wurde. Leider sollte es nicht dazu kommen. Ich hörte in jenem Theater nur eine nagelneu von Madrid angelangte Oper, in welcher der berühmte Maler Salvator Rosa die Hauptrolle spielte, deren Musik aber wenig halbwegs Eigenthümliches enthielt. Bei dieser wie bei andern Gelegenheiten konnte ich jedoch die Bemerkung machen, wie viel anspruchsvoller das dortige Publicum Gesangsleistungen gegenüber sich verhält, als das deutsche. Die mit großer Geringschätzung besprochene Gesellschaft enthielt hübsche und theilweise sehr tüchtig ausgebildete Stimmen; einige der Mitwirkenden würden an manchem deutschen Hoftheater sehr willkommen sein.

Wenn man heutigen Tags von italienischen Operntheatern in London, Petersburg, Madrid, ja, sogar von denen in Italien spricht, so versteht man darunter keineswegs, wie zu den Zeiten Rossini's und früher, lyrische Bühnen, auf welchen nur Opern gegeben werden, die auf der Grundlage italienisch gedichteter Libretti, meistens von italienischen Maëstri, componirt und fast ausschließlich von italienischen Kehlen gesungen werden sollen – sie sind, wie unsere größten und kleinsten Bühnen in Deutschland, kosmopolitisch geworden und nur die italienische Sprache kann als Grund für die Bezeichnung gelten. Die Werke der Pariser Großen Oper, vor Allem die Meyerbeers, bilden die Grundlage ihres Repertoirs und die echt italienischen sind, abgesehen von denen Verdi's, größtentheils daraus verschwunden. Aus den Sängern und Sängerinnen vollends könnte man eine ethnologische Ausstellung veranstalten. Am großen Theater von Barcelona (einer der größten lebenden Bühnen) ist es nicht anders. Diesmal hatte der frühere Unternehmer von Stiergefechten sich für die Fastenzeit zum Director einer Operngesellschaft aufgeschwungen, deren Schicksal aber kein glänzendes war.[17]

Das Teatro del Liceo, dessen Façade nach der Rambla hin fast jedes architektonischen Schmuckes entbehrt, gibt auch nach dem Eintritt ins Haus durch Vorhalle und Treppe noch keine Idee von seiner Schönheit. Doch war es dem deutschen Musiker wohlthuend, auf dem Mittelraume zwischen den beiden Treppen die Kolossalbüste Mozart's aufgestellt zu finden. Der Eindruck, den man im Zuschauerraum empfängt, ist überwältigend. Vier Logenreihen, von welchen die des ersten Stockes von einem Balcon bekränzt wird, und zwei darüber liegende Galerieen in breit geschwungenen Halbkreisen, die Logen ohne jede sichtbare Scheidewand, das ganze Parterre von dunkelrothen Sammetsesseln angefüllt, keine die Linien störende Ornamente – man kann nichts Harmonischeres und in seiner Art zugleich Großartigeres sehen. Das Haus faßt über 4000 Zuhörer und ist so akustisch gerathen, daß man in der höchsten Höhe wie in der hintersten Tiefe den leisesten Ton vollklingend hört. Sämmtliche Logen haben Vorcabinette, von welchen einige wieder von großen Zimmern begrenzt sind, in denen Spieltische aufgestellt sind – doch habe ich nur eine, einer Gesellschaft reicher Herren angehörige gefunden, in welcher sehr ernsthafte Kartenübungen, und zwar mit Champagnerbegleitung, betrieben wurden. Der Verkehr ist äußerst lebhaft in diesem Liceo. Schon in einem Nebenraume des Treppenhauses geht es während der ersten Theaterstunde bunt genug zu. Dort wird nämlich eine Nachbörse gehalten und enorme Geschäfte werden da abgeschlossen. Von der Treppe aus beobachtete ich zuweilen dieses Treiben, muß aber gestehen, daß das Gewoge mit seinem Geräusche und seinem (durch unzählige Cigaretten verursachten) Gewölke am Eingang eines Musentempels mir einen widrigen Eindruck machte. Die Unsitte soll noch nicht lange bestehen und wird auch hoffentlich keinen Bestand haben. Anderntheils stehen die Logen mit einem brillanten Club, der eine Reihe üppig ausgestatteter und vornehm servirter Säle enthält, in directer Verbindung. Die Mitglieder desselben können sich jeden Augenblick den Kunstgenüssen entziehen, um mit ihren Freunden bequem zu verkehren, und ebenso leicht aus passionirten politischen Diskussionen sich in den Tempel der Harmonie flüchten. (Auch dem Teatro Principal[18] ist eine geschlossene Gesellschaft durch ihr Local angeschlossen. Diese aber, das Atheneo, verbindet künstlerische und wissenschaftliche mit geselligen Zwecken; sie besitzt einen reizenden Concertsaal, ein reich ausgestattetes Lesezimmer, eine bedeutende Bibliothek, veranstaltet Kammermusikabende, wissenschaftliche Vorträge und theilt sogar Ehrendiplome aus.)

Die kurze Fastenzeitcampagne des Liceo wurde den 6. März mit der besten Oper Paccini's, der »Saffo«, eröffnet. Paccini, während des größten Theiles seiner ziemlich erfolgreichen Laufbahn ein Nachahmer Rossini's, bekehrte sich später zu Bellini, und die griechische Saffo zeigt mit der gallischen Norma eine Verwandtschaft, die durch die Aehnlichkeit ihrer Verhältnisse entschuldigt werden mag. Ich war unendlich gespannt, meine Schicksalsstätte, die ich bis dahin nur während der darin abgehaltenen Orchesterproben kennen gelernt hatte, im Glanze eines Eröffnungsabends zu sehen, und wurde nicht enttäuscht. Das gedrängt volle Haus, die reich geschmückten Damen, das große Orchester, die grandiose Bühne und Inscenesetzung – alles erinnerte an ähnliche Erscheinungen in den ersten Städten der Welt. Auch waren die Hauptrollen gut besetzt und die Primadonna sowohl als der Tenor standen beim Publicum im besten Andenken, da sie vor einigen Jahren an demselben Theater große Erfolge errungen hatten. Diesmal erging es ihnen weniger gut, wenn auch dieser erste Abend leidlich glücklich für sie vorüberging.

Es ist nicht leicht für einen Nordländer, sich in dem Gebaren eines südländischen Publicums zurechtzufinden; manches erscheint ihm frivol, indiscret, ja, grausam, anderes sympathisch, liebenswürdig, ja, bewundernswerth. Ich glaube, man kann vom Verhältniß dieser Menschen zur Tonkunst, zum Theater sagen, daß sie die Kunst weniger achten als wir und sie doch, in gewissem Sinne, mehr lieben. Sie nehmen sie nicht so ernst, aber leidenschaftlicher. Für das Verständniß haben sie weniger ästhetische Erziehung und mehr natürliche Anlage. Achtungsvoll Langeweile zu ertragen, ist ihnen nicht möglich, ebensowenig aber aus irgend welchen Gründen einem lebhaften Eindruck zu widerstehen. Und äußern müssen sie sich, im Guten wie im Schlimmen, und zwar in so lebhafter Weise, daß es unsereinem angst und bange dabei werden kann.[19]

Diese Beobachtungen hatte ich vor Jahren schon in Italien zu machen Gelegenheit – in Barcelona trat mir Alles noch schärfer entgegen. Nicht bezüglich der Unruhe, des Verkehrs, des Geplauders der schönen Welt – obschon dies von Einzelnen bis zur Frechheit geübt wurde, fand ich, daß man im Allgemeinen weder viel noch laut sprach, und daß man unten und oben sehr aufmerksam zuhörte. Hingegen kann man mit den Zeichen des Mißfallens nicht verschwenderischer umgehen, als es im Liceo der Fall war, und der Beifall kann nicht orkanartiger tosen. Jeder irgend bedeutsame Ton, der dem Sänger mißlingt, sei es im Klang oder in der Reinheit, jede Incorrectheit im Vortrag der Chöre ruft unmittelbar Zischen hervor, dem sich von den obersten Galerieen oft sehr unliebsame Zurufe gesellen. Dirigent und Orchester sind nicht weniger exponirt. Ein italienischer Maëstro, welchen man für die Fastenzeit berufen hatte, entfloh nach wenigen Tagen, da man ihm unter anderem zugerufen hatte, er schlafe ein mit sammt seinem Orchester. Hingegen ermangelt die kleinste Stelle, die ihnen Freude macht, nicht des lautesten Beifalls. Und ihre Virtuosität beim Klatschen ist erstaunlich. Da ist Niemand, der symbolisch, handschuhlich oder protectionistisch die Hände bewegte, von der Galerie bis zu den Sperrsitzen klatschen sie, als ob sie dafür bezahlt würden. Und mit welcher Ausdauer!

Ihre Verstimmung währt nicht lange. Eine Sängerin von Talent, die aber nicht gut disponirt schien, mußte in der Hauptrolle von Donizetti's Favorita viel über sich ergehen lassen. Da geschah es, daß sie im letzten Moment des vierten Actes, ehe der Vorhang fällt, vom Tenor aufs handgreiflichste verstoßen, statt von dem zur Seite stehenden Bariton aufgefangen zu werden, sehr unsanft auf den Boden fiel. Um sich zu vergewissern, daß die dreifach Gefallene keinen Schaden genommen, wurde minutenlang geklatscht und die endlich Erscheinende mit Jubel empfangen.

Keine Verstimmung sei von Dauer, sagte ich – ich meinte für die Stunde, vielleicht für den Abend. Wenn aber in einer Reihe von Vorstellungen das Mißfallen überwiegt, so bleibt das Theater nach und nach leer, und das allgemeine Fiasco trifft Unschuldige[20] wie Schuldige. So ging es, glaube ich (denn ich erlebte das Ende nicht), dieser Fastenunternehmung, obschon die Gesellschaft einige vorzügliche Kräfte besaß.

Nachdem jener arme Maëstro nach seinem Vaterlande zurückgekehrt, übernahm ein trefflicher Dirigent, Dalmau, ein Barcelonese, der gerade von der Leitung der Petersburger Oper zurückgekehrt war, das Regiment, ohne viel Hoffnung, der Sache eine glücklichere Wengung geben zu können.

Trotzdem ich jener ersten Sonntagsvorstellung beigewohnt hatte und bemerken konnte, daß die Witterungsverhältnisse in der Stärke ihres Wechsels denen unseres Frühlings ähneln, verfügte ich mich am folgenden Dinstag als Maëstro direttore, zwar etwas erregt, ins Theater, aber doch guten Muths, gehoben durch die angenehmen Erfahrungen, die ich bisher gemacht hatte.

Eine Anzahl von über 100 spanischen Musikern, meistens Catalanen, verschiedenen Orchestern, doch zum größten Theil dem des Liceo angehörig, hatten sich im vergangenen Herbst vereinigt, um eine Concertgesellschaft zu gründen. Sie hatten unter der Leitung des von Madrid berufenen Monasterio (der sich um die Einführung der deutschen Musik in der spanischen Hauptstadt große Verdienste erworben) drei Concerte gegeben, in welchen eine Reihe kürzerer Instrumentalstücke mit Beifall zur Aufführung gekommen waren. Nun aber wollten sie ihren Bestrebungen größere Ziele setzen und kündigten für die Fastenzeit zehn Concerte an, zu deren Leitung man mich berief. Mit eben so großer Freundlichkeit als Bescheidenheit ward ich von den »Profesores« aufgenommen. »Sie werden Geduld haben müssen«, sagten sie mir. »Wir sind fast alle unsere eigenen Schüler – kein Conservatorium haben wir besucht –, wir kennen die Werke nicht, die wir jetzt aufführen sollen und die so verschieden sind von der Opernmusik, die uns bisher fast ausschließlich in Anspruch genommen. Seien Sie so streng wie möglich, mit Freuden werden wir Ihnen folgen.« Und so geschah's. Man kann nicht willfähriger, nicht geduldiger, nicht aufmerksamer sein, als diese guten Leute es waren. Ich würde hinzufügen, nicht unermüdlicher, damit[21] würde ich aber der Wahrheit zu nahe treten. Die Unermüdlichkeit ist vielleicht im Allgemeinen keine Sache des Südländers; in diesem Falle war sie kaum zu verlangen; bis in die späte Nacht war der größte Theil der Mitwirkenden beschäftigt, und da war es ein schon anzuerkennendes Opfer, Morgens um 8 Uhr sich wieder zur Probe einzufinden. Ein anderes Opfer wurde mir gebracht, was Manchen noch schwerer geworden sein mag, daß der Cigarette. Die Cigarette ist dem Spanier Bedürfniß, fast mehr als Trank und Speise. Alle Welt raucht fortwährend und überall, nur das schöne Geschlecht nicht. Mit der Cigarette im Munde gehen die Herren der elegantesten Gesellschaft bis in die innersten Räume des Theaters, und erst beim Eintritt in die Loge wird sie weggeworfen. Im Orchester soll es Unsitte sein, jede größere Zahl von Pausen, jedes tacet oder auch nicht tacet zu einigen duftenden Zügen zu verwenden. Das verbat ich mir. Wenn ich aber nach angestrengter Arbeit eine Pause eintreten ließ mit den Worten: »Jetzt, meine Herren, eine Cigarette!« da ertönte durch den breiten Orchesterraum ein entzücktes Aufathmen, und nach wenigen Augenblicken leuchtete und dampfte es aus allen Winkeln hervor.

Das Streichquartett war 71 Mann stark, die Bläser mehr oder weniger doppelt besetzt; ein Herr und zwei Damen vertraten die Harfe (ich konnte sie nur wenig beschäftigen), an vielfachem Blech fehlte es nicht. Die Geiger ermangeln der Kraft und Energie, welche die deutschen Violinisten vor allen auszeichnet; jedoch ist ihr Ton weich und wohlklingend, man fühlt sich im Vaterlande Sarasate's. Sie besitzen ein treffliches Ohr, spielen äußerst rein und sind auffallend schnell eingestimmt, worauf auch die gleichmäßige Temperatur, die in jenem Klima herrscht; von Einfluß sein mag. Die Contrabässe (es waren deren 11) sind durchweg nach alter Art dreisaitig, ihr Klang aber ist so voll und klar, daß es mir fraglich wurde, ob wir durch den größern Umfang, den die Viersaiter uns zur Verfügung stellen, mehr gewonnen oder verloren haben. Unter den Bläsern befanden sich einige ausgezeichnete; überall war die Stimmung in jedem Sinne vortrefflich. Mit großer Leichtigkeit und verständnißvoller[22] Hingabe ging man auf unvorbereitete Nuancirungen ein, im Tempo, im Piano, im Forte; ich konnte in Stücken, deren Natur es erlaubte, gleichsam improvisirend dirigiren. Pianissimos gab es seitens des Streichquartetts wahrhaft ätherische, und wunderbar schön klangen sie in dem sonoren Raume! Im Allgemeinen mußte ich den Musikern Recht geben, wenn sie mit heiterem Humor behaupteten, ihre musicalische Erziehung sei nicht ausreichend – ihre angeborene große musicalische Befähigung ist aber zweifellos.

Nach acht Proben hatte Dinstag den 8. März, Abends nach 8 Uhr, das erste Concert statt. Das Orchester auf der Bühne, von einer geschlossenen Saaldecoration umgeben, nach hinten sich amphitheatralisch erhebend, von einer Anzahl blendender Krystall-Lüster glänzend beleuchtet, gab ein festliches Bild.

Man hatte mich eine Weile vor dem Anfang abgeholt (wie ich denn nie unbegleitet kommen oder gehen durfte) und ins Camerino der ersten Sängerin gebracht. Hier ersuchte man mich zu verweilen, bis es Zeit sei, anzufangen; die »Profesores« würden mich, vor ihren Pulten stehend, erwarten und erst auf ein von mir zu gebendes Zeichen sich niederlassen. In dieser, etwas an Etiquette erinnernden ruhigen, würdigen Weise begann nicht nur jedes Concert, sondern auch jede der drei Abtheilungen eines jeden – ich erinnere mich nicht, daß ausnahmsweise auch nur einer der Mitwirkenden Platz genommen oder sich nach meinem Auftreten eingestellt hätte. Mit lebhaft naiver Freiheit hingegen gaben sie sich der Freude am Gelingen unserer Bemühungen sowohl in den Proben wie bei den Aufführungen hin. Wenn in den ersteren ein Stück zur Klarheit gelangt war und ihnen gefiel, erschollen Jubelrufe und Beifallklatschen, und wenn ich im Laufe der Concerte nach dem Camerino ging oder aus demselben wieder hervorgerufen wurde, bildeten sie eine kleine Straße und überhäuften mich mit Aeußerungen ihrer Zufriedenheit, die erhöht war durch die Befriedigung, ihre Sache gut gemacht zu haben.

Die Programme waren gleichmäßig geordnet, die erste und die dritte Abtheilung enthielten kürzere Stücke, die zweite war für die Symphonie bestimmt. Abgesehen von einigen pianistischen Vorträgen,[23] gaben wir ausschließlich Orchestermusik. Ich theile hier das Programm des ersten Abends mit, als ein Specimen, nach welchem die Zusammensetzung der anderen Concerte sich leicht combiniren läßt: 1) Ouverture zu Ruy Blas von Mendelssohn; 2) Menuet für Streichorchester von Boccherini; 3) »Auf der Wacht« von Hiller; 4) Hochzeitsmarsch von Mendelssohn; 5) Zweite Symphonie (in D-dur) von Beethoven; 6) Balletmusik aus Feramors von Rubinstein; 7) Ouverture zu Oberon.

Daß die Schlußstücke der Abtheilungen, namentlich der letzten, recht wirkungsvolle seien, darauf wurde besonderer Werth gelegt, man sollte in gehobener Stimmung den Saal verlassen. Die Tonsetzer, von welchen ich Compositionen zur Aufführung brachte, seien hier zusammengestellt. Eine erkleckliche Anzahl von Werken alter, neuer und neuester Componisten hatte ich anschaffen lassen; wir konnten sie nicht alle benutzen, und so werden sie meinem Nachfolger doppelt erwünscht sein. Zu Gehör brachten wir Compositionen von Gluck, Boccherini, Haydn, Mozart, Beethoven, Weber, Schubert, Franz Lachner, Mendelssohn, Schumann, Gade, Hiller, Reinecke, Goldmark, Rheinberger, Brahms, Rubinstein, Klauwell, Meyerbeer, Gounod, Wagner und Monasterio. Auch des Walzer-Arditis muß ich noch gedenken, einer kleinen allerliebsten Gavotte desselben wegen, die aus dem Repertoire der früheren Concerte stammte.

Das Publicum empfing mich warm und wohlwollend, – nach der D-dur-Symphonie war der Erfolg so entscheidend, daß es in meinem Camerino an Platz mangelte, um die Fluth der Glückwünschenden, unter welchen alle ersten Tonkünstler Barcelonas, zu fassen. Meine Landsleute waren glücklich, sie gestanden mir jetzt offen ein, daß bei der Rücksichtslosigkeit, mit welcher das dortige Publicum sich seinen Eindrücken oder vielmehr der Kundgebung derselben hingibt, die Sache auch möglicher Weise hätte ein Ende mit Schrecken nehmen können. Denn der Name (ich meine den des Componisten) gilt ihnen gar nichts, wenn die Aufführung sie nicht befriedigt, wenn sie sich nicht angesprochen, bewegt, entzückt fühlen. Das waren sie aber und blieben es während der sämmtlichen Concerte. In der[24] ersten Abtheilung des ersten Concertes verlangte man den Menuet von Boccherini, mein »Auf der Wacht« und den »Hochzeitsmarsch« da capo, in der letzten ein paar Rubin stein'sche Balletsätze, die schon bei der Anwesenheit des berühmten Künstlers mit großem Erfolg gegeben worden waren. Da die Pausen zwischen den Abtheilungen eine kleine halbe Stunde dauerten, in allen Concerten aber die Dacapos eine große Rolle spielten, schlossen wir selten vor halb 12 Uhr: der richtigen Zeit für die dortigen Gewohnheiten. Denn bis gegen 1 Uhr ist die Rambla von Spazirgängern belebt, sind die Cafés von Plaudernden angefüllt.

Dem Dirigenten wurde ein eigenthümlich glückliches Loos zu Theil. Er heimste nicht allein den Beifall ein, den man seinen eigenen Leistungen im vollsten Maße spendete, auch von den enthusiastischen, ja, fanatischen Kundgebungen, welche die geliebten, dort neuen Werke Beethoven's, Mendelssohn's und Anderer hervorriefen, fiel ihm ein Theil zu. Ich würde ungerecht oder langweilig werden, wenn ich weitere Einzelheiten berichtete.

Manche Beobachtungen und Nachdenklichkeiten regten diese musiküppigen Wochen in mir an, wovon Einiges hier ausgesprochen werden mag. Die Beethoven'schen Symphonieen zu verstehen, wurde dem musicalischen deutschen Publicum zur Zeit nicht leicht – wie war es möglich, daß sie in einer Stadt, die bisher fast ausschließlich von Opernmusik genährt worden, bei ihrer ersten Aufführung so gewaltig durchschlugen? Mir scheint, das allgemeine Verständniß großer Menschen wird nicht nur durch die, welche ihnen vorhergingen, angebahnt, es wird wesentlich gefördert durch jene talentvollen Nachfolger, welche unter ihrem Einflusse sich gebildet. Und so kann man sagen, daß alles, was seit Beethoven auf den verschiedensten Gebieten der Tonkunst geschaffen worden, wesentlich dazu beigetragen hat, seine Schöpfungen klarer zu machen, ihre Größe zu veranschaulichen. Er blieb unerreicht. Aber wer irgend componirte, stand bewußt oder unbewußt unter seiner Herrschaft. Nie wären die Barcelonesen von seinen Symphonieen und Ouverturen so lebhaft ergriffen worden, hätten sie nicht seit einer langen Reihe von Jahren die großen Opern[25] Rossini's, Halevy's, Meyerbeers, Verdi's, Gounod's wieder und wieder gehört. Manch classischer Verächter dieser Werke wird lächeln – und doch, es ist so! Zu ähnlichen Anschauungen wird man gelangen, wenn man den allmählich sich steigernden Einfluß, das wachsende Verständniß, die tiefere Bewunderung beobachtet, die anderen großen Erscheinungen nach und nach zu Theil wurden. Die Höhe des erreichten Zieles wird klarer durch die vergebliche Mühe der Nachklimmenden.

Wenn man als Dirigent einem großen Publicum gegenübersteht, so identificirt man sich mit ihm. Nicht insoweit, daß man immer seiner Meinung wäre, aber doch insoweit, daß man bis in die kleinsten Einzelheiten seine Eindrücke erräth. Es ist eigen. Nicht immer konnte ich dem Jubel zustimmen, der solchen Tonstücken zu Theil wurde, wie sie überall der großen Mehrheit die liebsten sind. Aber in den höchsten Werken fühlte ich, wie gewisse Stellen ein vorübergehendes Erkalten bei den Zuhörern eintreten ließen, und – ich mußte mir eingestehen, es war gerechtfertigt – die Durcharbeitung war dann zu breit, der Wiederholungen waren zu viele, das Verständniß war unnöthiger Weise erschwert, irgend etwas war nicht, wie es sein sollte, wenn es auch dem Musiker keinen hinreichenden Grund zum Anstoß gab. Ich mag mich nicht durch Anführung solcher Stellen eines Majestätsverbrechens schuldig machen, doch – ohne damit den enthusiastischen Barcelonesen irgend zu nahe treten zu wollen: Molière hatte Recht, als er zur Erkenntniß der Eindrücke, die er beabsichtigte, seine Komödien seiner Bonne vorlas. Herrschte in den deutschen Concertsälen weniger Vorurtheil und naivere Hingabe, es wäre besser für die Kunst und die Künstler.

Auch außerhalb der Theater konnte ich bemerken, daß die Einwohnerschaft Barcelonas überaus musikliebend ist. In den Kirchen haben viele musicalische Functionen statt – ich hörte eine alte und eine moderne Messe, sie gefielen mir aber beide nicht. Die Militärmusik ist reichlich cultivirt, die Capellen spielen an den Sonntagen auf den Hauptplätzen der Stadt zum vollkommenen Vergnügen der Einwohner, sie haben nichts dafür zu entrichten. Mehrere als[26] Menschen wie als Tonkünstler höchst gebildete Männer kamen mir aufs wohlthuendste entgegen – ich nenne vor allem die Herren Tintorer, Casamitjana, Balart und Dalmau. Ein junger talentvoller Pianist, Viadella, spielte mit Erfolg in einem unserer Concerte. An der Spitze der Gesellschaft steht ein für die gute Sache schwärmender, sich aufopfernder Musiker, Don Sancho. Pujol, ein angesehener Clavierspieler, war während meiner Anwesenheit in Paris, um ein Orchester zu engagiren, welches in Barcelona ansässig gemacht werden soll, um in der Art unserer Bilse-Capellen zu wirken. Für die Eröffnung eines neuen großen Concertsaales, der Sala Beethoven, hatte er den bekannten französischen Componisten Massenet geworben, welcher einen Festmarsch »á la memoria de Beethoven« dafür schrieb. Wie ich höre, hat das erste Concert statt- und der gallische Maëstro vielen Erfolg gehabt. Meine Sociedad wird nichts desto weniger im nächsten Jahr ihre kunstsinnigen Bestrebungen fortsetzen.

Gern gedenke ich jener Tage. Aufgeweckt durch die Glöckchen einer kleinen Herde Ziegen und einer Gesellschaft von Eselinnen, welchen vor den Häusern der Trinkenden ihre beliebte Milch entzogen wird, ging ich eine Stunde später die Rambla entlang bis an den Blumenmarkt, der allmorgendlich seine Herrlichkeiten den Spazirenden anbietet, und begab mich dann ins Liceotheater zu meinen Musikern, mit welchen ich nach wenigen Tagen auf dem herzlichsten Fuße stand. Gewöhnlich hielten wir Nachmittags eine zweite Probe; dazwischen sah ich liebenswürdige Menschen, sah mancherlei Schönes, unterhielt mich schriftlich mit den fernen Meinen und fand im Lesesaale des Gasthofs – die Kölnische Zeitung. Von den Erlebnissen der Abende habe ich Mancherlei mitgetheilt; bis zu welchem Grade aber in den Concerten das Publicum mich verwöhnte, wie es mir den Abschied durch seine Theilnahme erschwerte und wie ich noch auf dem Bahnhofe Beweise wärmsten Wohlwollens empfing, das bewahre ich in treuem Herzen, aber davon schweigt die Geschichte.

Fußnoten

1 Später erfuhr ich, daß unter den cuatro naciones England, Frankreich, Portugal und Spanien verstanden sind; der Name verewigt das Andenken an die 1834 geschlossene Quadrupel-Allianz und ist gewissermaßen ein politisches Aushängeschild, insofern der Zweck der Allianz die Bekämpfung des Absolutismus Dom Miguels in Portugal, des alten Don Carlos in Spanien war.


Quelle:
Hiller, Ferdinand: Erinnerungsblätter. Köln 1884, S. 27.
Lizenz:

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Lotti, die Uhrmacherin

Lotti, die Uhrmacherin

1880 erzielt Marie von Ebner-Eschenbach mit »Lotti, die Uhrmacherin« ihren literarischen Durchbruch. Die Erzählung entsteht während die Autorin sich in Wien selbst zur Uhrmacherin ausbilden lässt.

84 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon