Die letzten Tage im Untersuchungsgefängnis.

[236] Eine Woche nach der anderen ging dahin. Der Monat Juli war schon fast bis zur Hälfte vorgeschritten. Die Schlußvorführungen hatten längst ihr Ende erreicht. Aber noch immer hörte man nichts, daß und wann meine Einlieferung festgesetzt sei.

Meine eigene Kleidung war mir direkt nach erfolgter Verhandlung wieder abgefordert worden. Als ich nach derselben in meine Zelle zurückkehrte, fand ich dort einen frischgewaschenen Sträflingsanzug vor.

»Ihre Sachen ziehen Sie sofort aus und geben sie nachher gleich ab. Sie müssen nachgesehen werden, ob etwas auszubessern ist. Sie kommen vielleicht schon bald fort. Zerrissen aber darf ich Sie nicht einliefern.«

So sagte die Oberaufseherin, die mir selbst die Zelle geöffnet hatte und schloß mich wieder ein.[236]

Ich folgte dem erhaltenen Befehl und habe dann meine Sachen erst am Tage meiner Einlieferung wiedergesehen. –

Die Eigentumssachen der Gefangenen werden ohne Ausnahme bei der nach Strafantritt erfolgenden Einkleidung abgenommen und, falls sie nicht von Angehörigen gegen fehlerfreie eingetauscht worden sind, zum reinigen und ausbessern gegeben. Die Renovierung geschieht im Gefängnis selbst durch Strafgefangene unter Kontrolle von Aufsichtsbeamten. –

Die Zeit schlich träge und bleiern dahin. Ich stand jeden Morgen auf mit dem Gedanken, ob es nicht bald hier zum letztenmal sein werde, ging dann fleißig an meine gewohnte Arbeit und überließ mich dabei wenig tröstlichen Grübeleien.

»Wie es scheint kommen Sie gar nicht fort. Man hat Sie vielleicht ganz vergessen,« sagte eines Tages um Mitte Juli eine Aufseherin, die mir am ehesten zuweilen noch ein freundliches Wort gönnte.

»Es scheint wirklich so, Frau Aufseherin!« entgegnete ich.

»Nun, das könnten Sie sich gefallen lassen,« meinte sie gutmütig forschend.

»Ich glaube nicht, Frau Aufseherin!« war meine ernste Erwiderung.

Das schien sie etwas übelzunehmen. Jedenfalls war sie der gleichen Ansicht wie die meisten, daß die[237] Untersuchungshaft das kleinere Übel sei. Doch sprach sie sich darüber nicht aus, zog es vielmehr vor, ihre scherzhafte Äußerung zu korrigieren.

»Nun, darüber dürfen Sie ruhig sein. Vergessen wird man sie nicht. Sie werden schon drankommen, wenn die Zeit da ist,« sagte sie mit einer gewissen Schärfe.

»Das meine ich auch. Es kann einmal schnell gehen. Darum möchte ich Ihnen noch danken, daß Sie immer gut zu mir waren. Denn ich werde von X. nicht lebend wiederkommen.«

Vollkommen versöhnt durch meine Worte, sah mich die Beamtin mitleidig an. Sie erkannte, daß ich aus Überzeugung sprach und schien diese Überzeugung zu teilen.

»Das glaube ich beinahe selbst, daß Sie es nicht überstehen werden. Sie sind eine ganz Andere geworden gegen früher. Drei Jahre sind eine lange Zeit, und im Zuchthaus geht es hart her,« sagte sie mit dem wohlgemeinten, aber nicht tröstlich wirkenden Bedauern einfacher Leute.

Noch am selben Tage sprach ich gegen die Oberaufseherin die nämliche Überzeugung aus, die sie aber durchaus nicht gelten lassen wollte.

»Frau Aufseherin R. ist derselben Ansicht,« bekräftigte ich.

»Ach, was weiß denn Frau R.,« entgegnete sie[238] abweisend. »Sie können sich ebensogut wieder erholen. Das ist keineswegs ausgeschlossen. Sie haben trotz alledem eine kräftige Natur. – Vielleicht kommen Sie nun bald fort,« fügte sie nach einer kleinen Pause hinzu.

Ihre Vorahnung ging in Erfüllung. Frau Aufseherin R. habe ich aber trotzdem nach jener Unterredung nicht wiedergesehen.

Am Vormittag des nächsten Tages trat eine andere Aufseherin bei mir ein.

»Zum Arzt! Kommen Sie schnell!« rief sie mir fast ängstlich zu, denn die Beamten wußten ebenso genau wie die Gefangenen, daß der Herr Medizinalrat sehr ungern wartete.

So beeilte ich mich nach Möglichkeit, zu der unangenehmen Untersuchung zu kommen.

Der Arzt empfing mich in dem zu ebener Erde gelegenen Expeditionszimmer, in welchem er stets während seines täglichen Aufenthaltes im Frauenabteil der Gefangenanstalt amtierte. Wie immer ziemlich kurz angebunden, doch nicht ungnädig richtete er die üblichen Fragen an mich und schritt dann zur Untersuchung. Darauf noch ein paar kurze Fragen, deren Beantwortung ebenso kurz erheischt wurde, denn schon schritt der Vielbeschäftigte der Tür zu, um die nächste Einzuliefernde eintreten zu lassen. Wer da nicht schleunigst den Rückzug antrat, hatte wohl auch[239] eine nicht gerade ganz sanfte Schiebung zu gewärtigen, zum mindesten aber ein ungeduldig barsches:

»Na, vorwärts! vorwärts! marsch!« –

Die Aufseherin brachte mich wieder nach der Zelle zurück.

»Nun werden Sie nicht mehr lange hier sein,« sagte sie dabei. »Wer einmal beim Arzt gewesen ist, kommt auch bald fort.«

Sie behielt recht. Es schien nun auf einmal schnell hintereinander gehen zu sollen. Am nächsten Vormittag erschien sie schon wieder.

»Legen Sie Ihre Arbeit hin. Lassen Sie alles liegen und kommen Sie mit,« befahl sie.

Ich tat, wie mir geheißen, und sie führte mich die Treppe hinunter ins Untergeschoß, wo die Baderäume sich befinden. Im Untergeschoß verblieb ich nun bis zu meiner Einlieferung am anderen Morgen. Denn nachdem das letzte Bad vorüber, und ich noch immer in Sträflingskleidung den Baderaum verlassen hatte, schloß die Aufseherin eine der unterirdischen Zellen auf, in die wir schon immer vom Gefängnishofe aus voll geheimen Schauers hinabgeschaut hatten. Gefangene, die mit den Räumlichkeiten und Gepflogenheiten des Untersuchungsgefängnisses vertraut waren, hatten erzählt, das seien die Wartezellen. Da kämen die Einzuliefernden bis zu ihrer Fortschaffung hinein, damit sie mit niemand mehr in Verkehr treten könnten.[240]

So erschienen uns Neulingen diese kellerartigen Gelasse, deren vergitterte völlig blinde Fenster fast dem Boden gleich waren, doppelt schauerlich. –

Eines Vorfalls erinnere ich mich noch genau aus der langen Zeit meiner Untersuchungshaft, wo mir – nicht nur mir allein diese unterirdischen Räume ganz besonderen Schrecken einflößten.

Wir befanden uns zu unserem gewöhnlichen Spaziergang im Gefängnishofe, als auf einmal die Zugangstüre sich nochmals öffnete, und die Aufseherin eine Greisin hereinließ, die, von der Aeltesten mehr getragen als geführt, mühsam daherwankte. Eine andere Aelteste trug ein Bänkchen herbei, und mitleidig schauten alle Wandelnden auf das steinalte Mütterchen, das jetzt mit Hilfe der beiden stützenden Mitgefangenen etwas abseits von den sich Ergehenden auf dem bereitgestellten Schemel Platz nahm.

Dort saß die arme Alte hüstelnd und zitternd, so lange unser Spaziergang währte. Ehe man uns aber hineinmarschieren ließ, wurde sie auf dieselbe Weise wieder fortgebracht. Sie hat den Gefängnishof nicht wieder zu sehen bekommen. Vielleicht erschien den Beamtinnen diese umständliche Art der Luftzufuhr allzu beschwerlich; vielleicht verzichtet die Greisin auch freiwillig. Sie erschien nicht wieder.

Inzwischen waren mehrere Wochen vergangen. Da erscholl eines Tages aus einer der unterirdischen[241] Wartezellen ein krampfhaftes Husten und Stöhnen. Erschrocken blickten wir Alle nach dem Fenster, aus dem das Geräusch ertönte, konnten aber natürlich nichts entdecken. Eine der Wandelnden jedoch wußte Bescheid.

»Das ist eine alte Kartenschlägerin,« sagte sie. Dreiundachtzig ist sie. Der alten Frau haben sie zwei Jahre aufgebrannt – 's ist 'ne Schande! Wie lange wird denn die überhaupt noch leben!-«

Als wir am übernächsten Tage wieder an die Reihe kamen, uns im Gefängnishofe zu ergehen, da stöhnte die arme Alte immer noch in dem unterirdischen Verließ, und zwei Tage darauf war es ebenso unverändert. Wir waren sämtlich voll unwilligen Staunens, denn das war noch gar nicht vorgekommen. Aber unsere Berichterstatterin wußte wiederum Bescheid:

»Für die wird ein Gnadengesuch gemacht, weil sie schon so alt ist,« erklärte sie wichtig. »An den König –« setzte sie noch hinzu. »Dann braucht sie vielleicht gar nicht erst fortgeschafft zu werden.«

Wenn es nun auch ohne weiteres einleuchtet, daß man bei einer hilflosen Gebrechlichen von dem gebräuchlichen Modus abweicht, nicht unnötig solch beschwerlichen Transport unternehmen will, so muß man doch wieder fragen, warum man dann die Arme so frühe in die Wartezelle setzte, sie nicht bis zur endgültigen Entscheidung ihres Schicksals in den oberen[242] Räumen blieb. Auch wußte die Geschwätzige nicht anzugeben, welches Deliktes die Greisin beschuldigt sei, noch von welcher Seite das Gnadengesuch ausgehen sollte. Darum ist wohl auf ihre Mitteilungen wenig Wert zu legen. Seltsam blieb die lange Internierung der gebrechlichen Alten in dem Warteraum trotzalledem.

Als wir am Montag darauf wieder in den Gefängnishof kamen, waren die Klagetöne verstummt, die Zelle leer. Ob die alte Insassin ihre Freiheit zurückerhalten, ob man sie einer Strafanstalt zugeführt hatte, das habe ich nie erfahren können. –

Jetzt betrat ich selbst solch eine Untergeschoßzelle, die weder Tisch, noch Bank, noch Feldbett, einzig und allein ein Schränkchenregal enthält, in dem aber auch nur die allernötigsten Gebrauchsgegenstände liegen. Ein dumpfer, kellerartiger Raum umfing mich, dessen Unbehaglichkeit die leeren, kahlen Wände und das Fenster mit den vollständig blinden, undurchsichtigen Scheiben, das nur geringe Tageshelle verbreitete, noch erhöhte.

Allein gelassen, sah ich mich in dem Gelaß um, und da entdeckte ich etwas, das sofort mein Interesse, anregte, sei es auch lediglich um psychologischer Studien willen.

Die anfangs so kahl erscheinenden Wände waren über und über bedeckt mit allerlei zum Teil recht[243] seltsamen Inschriften, die die jeweiligen Gäste dieses ungemütlichen Raumes als Andenken hinterlassen hatten.

Noch nie hatte ich etwas ähnliches gesehen. Die mir anfänglich zugewiesene Gefängniszelle im ersten Stock war frisch getüncht, ebenso die Doppelzelle, die mich später für ein paar Monate in Gemeinschaft mit der jungen Mitgefangenen brachte. In der Zelle der Unterabteilung aber, die mir zuletzt als Aufenthalt diente, fand sich nur ein einziges derartiges Vermächtnis einer sensationslüsternen Vorgängerin. Die Schreiberin, die sich nicht gescheut hatte, sich mit ihrem vollen Namen an solchem Orte zu verewigen, schrieb just über dem Feldbett in der Mitte der Zellenwand in zierlichen Schriftzügen mit der Haarnadel gekritzelt:

»6 Wochen Gast 18 Monate Zuchthaus.«

Darunter ihren vollen Namen.

Höchst erstaunt, wie jemand sein Hiersein mit offenbarer Frivolität eigenhändig feststellen konnte, zeigte ich meine Entdeckung damals sofort der Aufseherin, die jedoch wenig Bedeutung darauf legte.

»Ach die! –« meinte sie wegwerfend, und setzte ironisch hinzu: »Die ist schon öfters Gast hier gewesen.«

Der junge Geistliche, den ich ebenfalls auf die Inschrift aufmerksam machte, sagte allerdings:

»Das ist hier nichts seltenes. Sie haben es nur[244] noch nicht gesehen, weil erst vor kurzem die meisten Zellen frisch geweißt waren. Das dauert gewöhnlich nicht lange, da sind die Wände wieder über und über beschmiert. Dagegen ist nichts zu machen. Es ist eine alte Unsitte.«

Doch hatte ich es für etwas außergewöhnliches, für einen ganz besonderen Fall gehalten. –

Hier nun fand ich alle vier Wände vollständig bedeckt mit den verschiedensten Ergüssen mitteilungsbedürftiger Seelen. Es gehörte schon ein eingehendes Studium dazu, diese mitunter ziemlich hieroglyphischen Inschriften zu entziffern, ihren Sinn, der öfter auch ein Unsinn war, zu verstehen. Dazu erschwerte das in dem Raume herrschende Zwielicht, das künstlich erzeugte Dämmerdunkel die Forschung ganz erheblich. Trotzdem wurde das Studium fortgesetzt. Hatte man doch genügend Zeit zur Orientierung, denn an diesem letzten Tage gibt es keinerlei Ablenkung mehr. Vorführungen sowohl wie Beschäftigungen, Spaziergang und Lektüre – alles hat aufgehört, und nur zu den Mahlzeiten wird dem in der Wartezelle Internierten die Schüssel gereicht. So studierte ich Inschriften, so lange überhaupt noch etwas zu erkennen war.

Dabei interessierte mich nicht allein die Reichhaltigkeit, die unverhältnismäßige Länge mancher dieser schriftlichen Auslassungen. Sie läßt sich leicht erklären durch die Langweiligkeit der letzten Stunden[245] im öden kahlen Warteraum. Es spricht auch aus dem verschiedenartigen Inhalt derselben der Charakter der Schreibenden. Sogar der augenblickliche Gemütszustand offenbart sich klar aus den Handschriften, die teils flüchtig und fließend, teils schwerfällig und mühsam aufgetragen, teils auch undeutlich und kaum lesbar eingekritzelt sind.

Hier hat eine offenbar geübte Hand, jedenfalls mit heimlich eingeschmuggeltem Taschenmesser in künstlerisch vollendeter Form wie gestochen wenige markante Zeilen aus den Schriften eines neueren Philosophen verewigt, selbstverständlich ohne Namensnennung. Die meisten Aufzeichnungen sind mit der Haarnadel, dem unentbehrlichen Requisit aller weiblichen Gefangenen eingeritzt, oft mehr, oft minder geschickt.

Eine sehr elegisch veranlagte ehemalige Insassin hat alle zwölf Strophen eines bekannten Trostliedes aus dem evangelischen Landesgesangbuch den Wänden anvertraut.

Dort wechseln tränenreiche Unschuldsversicherungen mit bitteren Anklagen des Schicksals, wie der Richter. An einer anderen Stelle kreuzen sich wehmütige Abschiedsworte einer auf lange Zeit aus der menschlichen Gesellschaft Ausgestoßenen mit verzweifelten Verwünschungen einer durch widrige Schicksale zur Menschenfeindin Gewordenen. Häufig genug begegnen[246] wir auch leichtsinnigen, frivolen Scherzen, oder zynischen Ausbrüchen völlig verrohter Seelen. Ebenso machen sich die Spötterinnen breit, die die sentimentalen Elegien der Empfindsamen höhnisch glossieren. Natürlich ist an Liebesgedichten gleichfalls kein Mangel. Man kann hier deutlich den verderblichen Einfluß gewahren, den die völlige Abgeschlossenheit auf Körper und Geist lange in Untersuchungshaft schmachtender jüngerer Leute ausübt.

Nicht selten sind Ergüsse schmerzlichen Abschiedswehs, die in anderer als solch abgeschmackter Umgebung jede warm empfindende Menschenseele im tiefsten Innern rühren und ergreifen müßten. Hier aber wirkt dergleichen unwillkürlich abstoßend, so sehr man andererseits Jammer und Verzweiflung verstehen mag, in die eine Mutter durch den Schmerz um ihr verlassenes Kind, eine Gattin durch die Sehnsucht nach dem fernen Gefährten gestürzt werden muß.

Aber auch eine Art Freundschaft kommt hier zu ihrem Recht.

Zwei jüngere Zellengenossinnen, die zur Zeit meiner Zusammenlegung mit der jungen Frau in unserer nächsten Nähe einquartiert, aber keineswegs trübsinnig waren, vielmehr oft bis in die sinkende Nacht in ihrer Zelle laut lachten und scherzten, waren getrennt worden. Die eine, des Rückfallsdiebstahls angeklagt,[247] hatte von der Strafkammer ihr Urteil empfangen. Die andere, der Brandstiftung beschuldigt, mußte auf die nächste Schwurgerichtsperiode warten. Erstere nun war auch in dieser Wartezelle untergebracht worden. Sie hatte dieselbe erst vor wenigen Tagen verlassen, um nach der Strafanstalt überführt zu werden. Jedenfalls hoffend, daß ihre Genossin später, ebenfalls hier nächtige, schrieb sie ihr folgenden Abschiedsbrief an die Wand:


»Liebe Freundin! ach was haben wir getan wie wird es uns ergehen Ich komme 15 Juli fort komst du eher raus gedenke an mich kom ich eher will ich es auf dich warten. Agnes Lebwohl«


Auf einer anderen Wand war ebensolche Freundschaftsepistel, jedenfalls auch an eine zurückbleibende Zellengenossin gerichtet, zu lesen. Allerdings lautete sie etwas anders. Die Abgehende schrieb:


»Mir haben sie richtig verknackt 4 Jahre hab ich erwischt was werden Sie kriegen 16 April is der Tag da schafen sie mich nach X komen Sie mir bald nach Frau H...«


Der Name war vollständig ausgeschrieben.

Diese Auszeichnung stammte nicht wie die vorhergehende aus jüngster Zeit. Ich hatte mir den Namen der Frau wohlgemerkt. Sie war nachgekommen[248] nach X., aber nicht lange dort gewesen. Als ich selbst hinkam, führte mich die Oberaufseherin mit den Worten bei dem Direktor der Anstalt ein:

»Ich habe ihr die Nummer 183 gegeben von der H. Die ist bei uns gestorben.«

Die H. war jene Untersuchungsgefangene, an welche die zuletzt angeführte Epistel gerichtet gewesen. Zufällig bekam ich die Sträflingssachen, sowie die Bekleidungsnummer der Verstorbenen. –

So verging der Tag und die Nacht, für die mir ein Strohsack, nebst ebensolchem Kissen in die Zelle transportiert wurde. Tagsüber hatte ich mich nur auf das Klosett, außer dem Schränkchenregal das einzige Möbel des Raumes, setzen können.

Am frühen Morgen schon kam die Nachtaufseherin und ließ mir von der Ältesten Waschwasser hereinbringen. Dann erhielt ich meine Eigentumssachen, und die Umkleidung wurde mit Hilfe der Ältesten unter scharfer Kontrolle der Aufseherin vollzogen.

Alsbald erscholl die Klingel des Wächters. Die Oberaufseherin erschien an der Tür.

»Sind Sie noch nicht fertig?« rief sie mit merkbarer Ungeduld. »Der Mann wartet schon.«

Ich verließ die Wartezelle und folgte nach dem Korridor des Erdgeschosses, wo ich Hut, Handschuhe und Tasche erhielt und ein Inventarverzeichnis unterschreiben[249] mußte, was dem im Gange harrenden Transporteur eingehändigt wurde.

Ich verabschiedete mich dankend von der Oberaufseherin und folgte dem Transporteur. Der Pförtner geleitete uns vor eine im Hintergrunde der geräumigen Hausflur gelegene große, schwere, eisenbeschlagene Türe, die sonst den Gefangenen niemals sichtbar, sondern nur vor den Einzuliefernden aufgetan wird. Das eiserne Tor öffnete sich. Wir traten hinaus, und hinter uns schlossen sich die schweren Flügel.

So verließ ich endgültig das Untersuchungsgefängnis.

* * *

Hier könnte ich meine Aufzeichnungen abbrechen, die lediglich meine Erlebnisse während der Untersuchungshaft zu schildern bestimmmt sind. Doch würde dem Buch der richtige Abschluß fehlen wollte ich die letzten Augenblicke bis zu meiner Einlieferung nach dem Zuchthause zu X. unerwähnt lassen.

Für diejenigen unter den geschätzten Lesern, die mein Buch, »Drei Jahre im Weiberzuchthaus« nicht kennen, will ich noch hinzufügen, daß die mit dem Transport der einzuliefernden Gefangenen betrauten sogenannten »Transporteure« ihrem eigentlichen Berufe nach meist kleine Handwerker sind, die diese Gefangenentransporte nur als gut lohnende[250] Nebenbeschäftigung betreiben. Sie tragen deshalb auch keine Uniform, werden jedoch auf ihr Amt besonders verpflichtet und müsen stets auf Ordre bereit sein, der übernommenen Pflicht zu genügen.

Mein Transporteur führte mich nun zunächst noch einmal in die zu ebener Erde gelegene Kanzlei für Abgänge. Dort wurde mir von dem Rechnungsbeamten mein Arbeitsverdienst, sowie der geringe Rest meines Eigentumsgeldes vorgerechnet. Über den dem Transporteur eingehändigten Betrag hatte ich zu quittieren. Dann übergab ein anderer Beamter meinem Begleiter meine sämtlichen Ausweispapiere. Ärztliches und Führungszeugnis werden ihm verschlossen mitgegeben. Wir wurden entlassen, und ein Gerichtsdiener öffnete uns auch hier wieder eine besondere Türe, durch die wir ins Freie traten.

Da ich zum Gehen vollständig unfähig war, so benutzten wir an der nächsten Haltestelle die Straßenbahn und fuhren zum Bahnhof, woselbst der Transporteur mit mir ein Abteil dritter Klasse bestieg. – Kurze Zeit nachher dampfte der Zug davon, mich dem Orte zuführend, wo ich die nächsten drei Jahre meines Lebens hinter Kerkermauern vertrauern sollte.[251]

Quelle:
Hoff, Marie: Neun Monate in Untersuchungshaft. Erlebnisse und Erfahrungen, Dresden, Leipzig 1909, S. 236-252.
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