Coquetterie, zu deutsch Gefallsucht.

[104] Man könnte sie den Auswuchs eines der anmuthigsten Bäume im Garten weiblicher Schönheit und Liebenswürdigkeit nennen; ein Schößling, dessen vielfarbige betäubend duftende Blüthe und bittersüße Frucht den Unerfahrnen leicht reizt und nur zu oft irre leitet.

Jedes Mädchen ohne Ausnahme will gefallen, und diesen Wunsch selbst wird ihm Niemand verargen, denn es kömmt ja ohnehin beim weiblichen Geschlechte weniger auf das Sein als auf das Scheinen an; eine gute (oder böse?) Fee hat den Schönen und auch Nichtschönen schon in[104] der Wiege eingebunden, wie das Gefallen zum Talisman werden, wie dieser Talisman gebraucht und daß er nie entäußert werden dürfe.

In der Blüthezeit, wo das liebliche Kind zur zarten, sinnigen Jungfrau heranwächst, wo ihr Verstand im schönen Verein mit reiner Weiblichkeit, sich entfaltet – in dieser Zeit schon werden viele und besonders schöne Mädchen vom Opferdampfe, der ihnen bei jedem Schritte entgegen quillt, leicht umnebelt und taumeln dann unvermerkt, indem sie sich selbst nicht begreifen und in dem Wahne handeln, daß ihr Betragen so allein Achtung der Männer verdiene, auf den Abweg des Sprödethuns.

Manche dagegen von den Hübschen und den Halb-Hübschen und den Garnichtschönen hüpfen auf den Pfad des Cokettirens, der ihnen eine breite Landstraße voll Unverhaltung, voll Vergnügen scheinet. Da[105] giebt es denn viele Geschäfte für die er regte, fast schon zur Gefallsucht gewordene Eitelkeit – selten blendender Lohn, es müßte sich denn ein Gimpel mit goldenen Federn in das ausgespannte Netz verfliegen, was auch öfters geschieht.

Indeß die Spröde einsam am Fenster lauscht, (und wie die Heldin eines bekannten Romans, in einem Diebe, der Karpfen aus dem Schloßteiche stiehlt, den verkappten Prinzen erblickt, welcher sich aus Liebe zu ihr ersäuft, ohne daß die Schöne davon irgend gerührt wird,) öffnet die Cokette beide Fensterflügel, und gebraucht entweder die schelmischen Augen, oder die allerliebsten Perlenzähne, oder die ideal um die blendende Stirn gruppirten Locken, im stummen Spiele als Angeln. Um Liebe ists ihr nicht zu thun, diese ist bei ihr nur der Büttel, welcher die überwältigten Herzen herbeischleppt – sie will ohne selbst zu[106] lieben, dennoch als Abgott verehrt werden. Ein stummer Liebhaber ist ihr ein langweiliges Möbel, sie will hören, wie ihre Kunst gewirkt und daß sie dieselbe nicht vergeblich verschwendet habe.

Ein geübter Blick erkennt nun wohl am Anzuge, am Gange, beim ersten Worte, das dem Rosenmunde entquillt, die Cokette, aber wahrhaft bedauernswerth ist der junge Mann, der sein Herz an eine Cokette verschenkt, denn er kann nie auf Gegenliebe rechnen.

Wie könnte auch ein weibliches Herz, das Aeußerlichkeiten für das Höchste hält, das tiefe, innere Entzücken einer wahren Liebe fühlen? Wie könnte ein weibliches Herz, dessen Zartgefühl verschlungen ist von eitler Selbstigkeit, von sträflicher Gefallsucht – wie könnte es den herrlichen Aufschwung, die wahrhaft göttliche Begeisterung, mit welcher der in der ersten Liebe[107] schwärmende Jüngling das theure Bild der Geliebten umfaßt, in ihrem ganzen Werthe erkennen?

Und da dieß nicht der Fall ist, so wird die Kokette dem Unglücklichen entweder aus eigennützigen Absichten immer engere Blumenketten bereiten, oder – und dann zu seinem Wohle! – sie findet ihn langweilig und enttäuscht ihn auf eine grausame Weise; Der süße Traum verschwindet und läßt den Schmerz einer trüben Erinnerung in seinem warmen Herzen, während die Kokette einen andern amusanteren Gegenstand für ihre Kunst sucht.

Die Zahl ihrer Eroberungen zu mehren, gebraucht die Kokette zahllose Künste; einige davon will ich kurz berühren.

Nanni wird mit einem jungen Manne bekannt, dessen Charakter edel, seine Sitten rein aber sein Gefühl überspannt ist – plötzlich ist sie die liebenswürdigste, kindlichste[108] Unschuld selbst, mit naivem Lächeln fragt sie den neuen Bekannten um tausend Sachen, sprudelt die Antwort scherzend selbst heraus oder läßt ihn wenigstens nicht zu Worte kommen, und sucht so sein Herz mit Sturm zu erobern – leider weiß die ganze Welt, daß Nanni morgen in anderer Gesellschaft schüchtern den Taubenblick zu Boden schlägt, das schmachtende Auge dann sanft hebt, und mit süßen Flötentönen einem jungen Schwärmer durch tugendliche, romantisch-idyllische Worte das Herz raubt oder zu rauben wünscht. Komisch ist's, wenn beide Liebhaber mit der Schönen zusammentreffen, aber sie hilft sich doch, durch – neue Coketterie.

Laura ist heute in Gesellschaft von Männern, welche ein kräftiges Gemüth einem weichen, schmachtenden vorziehen, und du wirst finden, daß niemand verständiger, entschlossener, heroischer seyn kann, als Laura,[109] wenn Du ihren Worten trauest – in einigen Tagen findest du sie aber umgewandelt wieder; ihre Rosenlippen strömen über vom Lobe der sanften, gemüthlichen Häuslichkeit, ihr Glück sucht sie in einer Strohhütte, von der Hand der treuen Liebe gebauet; trocknes Brod, gewürzt durch Friede und Freundschaft, ist ihr mehr, als ein Mahl, wo die Freude und der Scherz regieret. Wunderst du dich darüber? Ei! sieh' nur, wie jener junge Mann mit der schönen Figur, die schmachtenden Augen in Verzückung erhebend, sehnsüchtig an den Lippen der Häuslichen, der mit treuer Liebe Zufriedenen hängt! Dann wirst du die Genügsame begreifen.

Jemanden, der auf edle Weiblichkeit, Zartgefühl u.s.w. ganz vorzüglich viel hält, behandelt Maja darnach; sie erröthet, wenn von Liebe im weitläufigsten Sinne gesprochen wird, sie geräth in die größte[110] Verlegenheit, wenn sie beim Pfänderspiele geküßt werden soll – während sie dem kühnen, ungeduldigen Liebhaber, der nun einmal auf keine andere Art zu fesseln ist, Küsse ohne Zahl, und zwar gern, bewilligt. –

Einer Cokette ist es ein leichtes, sich todtkrank zu stellen, um die Theilnahme des für den Augenblick Erwählten zu gewinnen; auch hat die sanfte Blässe des Gesichts (dießmal ohne Schminke!) so wie das schmachtende Auge und der duldende Zug um den Mund einen ganz eigenen Reizwelcher gewöhnlich kräftiger wirkt, als jedes andre Mittel – drum wird er auch so sehr oft angewendet.

Die unerträglichsten Coketten für den Mann von Geist sind die romantisch-belletristischen. Schön sind sie selten, aber gewöhnlich haben sie einen, für ein Frauenzimmer, sehr gebildeten Verstand.[111] Sie geben den Ton an, kritisiren Theater, die neuesten Gedichte, Romane und Schauspiele, ohne gar viel davon zu verstehen; ja sie wissen dieß selbst und hüten sich dann wohl, bei Männern, die ihnen an Geist überlegen sind, zu viel über dergleichen Dinge zu sagen. Aber jungen Damen und besonders jungen Männern, welche ihren Verhältnissen nach die Aesthetik nicht studiren konnten, imponiren sie durch absprechendes Urtheil mit einer Arroganz, welche auch wohl theilweise auf Rechnung der Eitelkeit kommen muß, indem sie ihren Hauptzweck, Herzen zu erobern, selten dadurch erreichen.

Aber dennoch ist es meistens Coketterie, das heißt hier die Sucht nach dem Rufe der Schöngeisterei, welche eine Dame dazu bringen kann, gelehrt oder halb gelehrt scheinen zu wollen; es ist sehr leicht, über Literatur zu plaudern, aber wie schwer[112] muß es einer Dame werden, den Geist eines belletristischen Werkes ganz zu fassen, da sie theils nur um zu glänzen lieset, und es theils sogar einem Manne, dessen Verstand doch besser dazu geeignet ist, sehr viel Nachdenken kostet, um ein Buch richtig beurtheilen zu können. Letzteres kommt freilich bei Männern von Geistesbildung (von Tröpfen ist natürlich nicht die Rede!) meistentheils aus Mangel an Uebung und daher, daß gar viele das ernste Studium des Aesthetik, welches in unsern Tagen einem jungen Manne unumgänglich nothwendig ist, für eine leichte Spielerei und nicht für Geistesgenuß halten!

In allen Fällen hüte sich ja ein junger Mann, das fest ausgesprechene Urtheil einer Dame zu widerlegen, oder ihr gar das Unsinnige desselben declariren zu wollen – sie ist zu glücklich in dem Wahne, daß sie dadurch gefällt, als daß sie nicht[113] höchst unwillig auf den unberufenen Aufklärer werden sollte, ein bescheidenes Wort zu seiner Zeit darf indessen auch hier statt finden.

Alte Coketten, welche den Rest ihrer Körper- und Herzens-Reize als Lockspeise auswerfen und in dem süßen Wahne schwärmen, als könnte es auch ihnen noch gelingen, einen Vogel Phönix zu berücken, sind wahrhaft zu bedauren.

Ihre Anstrengungen, ein gleichgestimmtes Herz, aber ein junges, zu finden, ihre Freude bei dem Glauben, Wünschen, Hoffen, ihr Schmerz bei wiederholter Enttäuschung – alle diese Abstufungen ihrer Versuche nöthigen unwillkührlich zum Lachen, sollen aber nur unsre Theilnahme und den herzlichen Wunsch gelegentlicher Besserung in uns erregen. Freilich treiben sie es bisweilen gar zu arg, sie machen mehr Anforderungen als die jüngsten und[114] liebenswürdigsten Frauenzimmer, und es gehört unsägliche Geduld dazu, ihren barocken Einfällen, ihren Plänen und Speculationen ruhig zuzusehen. Aber dennoch ärgere man sie nicht muthwillig; man lasse ihnen doch den Abglanz der Freude, den die Einbildungskraft auf ihr verblühtes Leben wirst – es schadet ja Niemanden und macht sie sogar bisweilen erträglicher, als sie es außer diesem Traume seyn würden.

Mögen sie sich auch mit Putz (aus den hellsten, grellsten Mustern gewählt) überladen, mögen sie ihr bleichendes Haar durch Touren und Rosen neu schmücken, mögen sie die verlorne Jugend durch falsche Zähne, bemahlte Wangen u.s.w. zurückzaubern wollen – was kümmerts dich? Den Spötter würde ihr Haß treffen, aber dem, welcher das falsche Gemälde für Natur hält, werden sie ihre Zuneigung,[115] ihre Freundschaft (Liebe mag ich nicht sagen, sonst nimmt dieß vielleicht einer meiner Leser lieber für einen Beweggrund, desto ärger zu spötteln!) nicht versagen, und ihre Freundschaft hat doch sehr oft einen nicht geringen Werth. Im Allgemeinen also, ich widerhole es, betrage sich ein junger Mann gegen junge oder alte, schöne oder häßliche Coketten vorsichtig, artig und galant, ohne ihre Schlingen zu beachten, ja ohne den Schein zu zeigen, als habe er diese nur bemerkt; auf ein innigeres, näheres Verhältniß lasse er sich aber nie mit ihnen ein, indem Aerger und tausend Verdrießlichkeiten, und zuletzt Schaam über eigene Blindheit, sein einziger Lohn bleiben wurde.

Fehler, als Selbstsucht, Mißtrauen, Neid, Schadenfreunde u.s.w. will ich übergehen, da sie mehr dem männlichen als dem weiblichen Geschlechte[116] eigen und überhaupt ein Beweis von bösem Herzen sind, was doch Frauenzimmern selten zur Last gelegt werden kann; findet sich ja einer oder der andre dieser Fehler bei einer Dame, so ist er gewiß mit so vielen guten Eigenschaften und Vorzügen verbunden, daß der einzige Flecken zwar bemerkt aber nicht gerügt werden darf. Ich will daher jetzt zu einer Leidenschaft, denn das ist sie fast immer geworden, übergehen, welche bei Damen zwar weniger als bei dem Manne (denn an diesem ist sie weibisch) geradelt werden darf, aber dennoch immer ein Fehler ist, der um so verderblicher wird, weil aus ihm sehr viele andere entspringen; ich meine die


Quelle:
Hoffmann, Karl August Heinrich: Unentbehrliches Galanterie-Büchlein für angehende Elegants. Mannheim 2[1827], S. 104-117.
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