Erster Band

Mag man es Eitelkeit nennen, vergnügten Blickes, mit wohlgefälligem Bewußtseyn zurückzuschauen auf eine lange Reihenfolge Dahingeschiedener, die aus den Wogen der voranwallenden Menschenalter heraustreten in engere Beziehung zu uns, um gleichsam als gesonderte Strömung durch die uferlose Fluth uns zu tragen; zumal wenn dieselben jeweils unter ihren Zeitgenossen eine andere Stellung eingenommen haben, als bloß an die Scholle Geketteter, für des Lebens zerrinnende Bedürfnisse Wirkender. Wär's eine Eitelkeit, so wäre es eine alte; denn schon Virgil hebt es an einem seiner Helden hervor, daß er


prisco de sanguine Sabinorum


entstammt seye, und glaubt mit dem Zeugniß:


Julius a magno dimissum nomen Julo,


den Höchsten seiner Zeit noch höher zu heben. Oder sollte, was an der Gesammtheit eines Volkes natürlich und löblich: frohen Gefühls der Vorfahren zu gedenken, die nicht bedeutungslos im Strom der Zeiten zerronnen, an den Einzelnen es weniger seyn, indeß die Bande zwischen diesen fester, umgränzter und bestimmter sind? Aber mit dem Gewicht, was wir auf solches Bewußtseyn legen, wird zugleich von Geschlecht zu Geschlecht ein Erbe übernommen, dessen Würdigung und Besitznahme von der Verpflichtung, dasselbe zu schirmen, zu wahren, unvermindert, ja, wo immer es geschehen mag, gesichert und vermehrt[1] den Nachkommen zu überliefern, nie sollte getrennt werden. Denn auf welcher Rangstufe das Geschlecht, der Einzelne stehe, da nur ließe sich von Eitelkeit sprechen, wo solche Anerkennung gefordert, nicht aber zuerst geleistet, nicht als unantastbares Fideicommiß wollte gewahrt werden.

Geschlechter, die in manchartiger, jedoch anderer Weise, als blos durch Spate, Hammer, Beil und Scheere, unter den Kreisen, auf die sie angewiesen waren, zu schaffen und zu wirken verstunden, sind in denselben dem Knochengerüste vergleichbar, welches den Körper in allen seinen Theilen trägt, der Zersetzung oder Umbildung weniger blosgestellt ist, bei gesunden Säften jede, durch den Lauf der Natur entstandene, Lücke in neuen Bildungen wieder herstellt. Zieht ihr etwa die Molluskenbildung vor, welche vorwärts neue Ansätze fördert, rückwärts die Fäulniß walten läßt, momentan Menschen auf die Oberfläche der gesellschaftlichen Ordnung treibt, die keine Vorfahren haben, darum meist auch keine Nachkommen erwaren dürfen; Gebilde des Augenblicks, Blasen, die dem Boden entsteigen und platzen, um sofort andern die Stelle einzuräumen? Auch Jenes steht in natürlicher Beziehung zu der ehevorigen organischen Gliederung der Gesellschaft. Dieses ist Ergebniß einer Atomistik, von der man uns vorgeben will, sie seye Krone, Blüthe und Frucht eines gedeihlichen gesellschaftlichen Zustandes. Wer derselben huldigen mag, indeß eine Vergangenheit Anderes ihn lehren konnte und sollte, hat von dieser sich abgetrennt.

Aber so Namen als Abzeichen (Wappen), beide nach der einen Richtung scheidend, nach der andern verbindend, dann der erstern Bedeutung, der letztern Beziehung, verlieren sich in ein Dunkel, in welches der blos trügerische Schimmer der Vermuthung zwar manchmal hineingetragen, Licht dagegen nur äusserst selten gebracht, häufiger, so nicht die Namen durch sich selbst sprechen, nicht einmal jenes gewagt werden kann; am ehesten noch da, wo Laut und Bild die Annahme näherer oder fernerer Verwandtschaft wenigstens unterstützen. Wenn in der Entwicklung und Ausbildung der Sprachen ein Uebergang von[2] dem Sinnlichen zum Uebersinnlichen, eine Vergeistigung der ursprünglichen materiellen Begriffe nicht verkannt werden kann, so möchte schon bei den Römern das allgemeine hortari, als Ermunterung zu jeglicher Thätigkeit, seinen Ursprung in dem entschiedenern Antreiben zu bestimmter That, der Krieger zum Kampf, der Ruderer zur mühevollen Arbeit, der Pferde zum Lauf, der Hunde zur Jagd zu suchen haben; und wer weiß nicht aus seinem Sallust, wie die nächtlichen Feuer und das Gejauchz der numidischen Könige den römischen Kriegern zum Angriffe des folgenden Tages magno hortamento erant? Die nordischen Völker, welche nachmals der lateinischen Sprache entweder blos sich bedienten, wo die anerborene nicht ausreichte, oder zu ihrem Gebrauch dieselbe in neuer Gestaltung ausbildeten, drückten ihr hiemit vielfältig das Gepräge des eigenen Wesens auf, welches der That vor dem Wort den Vorzug gab, die Handlung höher stellte als die Geistesoperation, die derselben vorangeht. So finden wir schon in dem Salischen Gesetz das ursprünglich römische Wort zum ortare umgeschaffen, und in dem Satz: si quis de campo alieno aratrum anteortaverit, dessen Begriff vom bloßen Antreiben in das Vollziehen verwandelt; was die Italiener in ihrem urtare beibehalten haben, die Franzosen in heurter nach beiderlei Sinn anwenden, indem sie es vom Anprall der Schiffe und der Reitergeschwader gebrauchen, wovon sie es wieder zurückwenden zu seiner metaphysischen Bedeutung. Ob aber das deutsche Wort, welches als Zeitwort »hurten« nur im Flamändischen, in der Muttersprache einzig in der Abwandlung hurtig (wohl auch dem alten Buhuxt zu Grunde liegend) vorkömmt, dem lateinischen blos sinn- oder zugleich wurzelverwandt seye, das dürfte kaum mehr sich entscheiden lassen.

Es läge darin der Begriff, dort des Kecken, hier des Behenden, beide vielleicht in demjenigen, dem einst zur Bezeichnung der Name Hurter beigelegt worden, durch Kriegsmuth sich bewährend, das letztere zumal versinnbildet in dem Pfeil des Wappens, der vermuthlich einst auf dem Bogen ruhte, jedoch[3] seit alter Zeit schon in einen halben Mond übergegangen ist. Mir trat, sofort ich Zeichen und deren Bedeutung in innere Verbindung zu setzen vermochte, in dem Pfeil noch ein anderes Sinnbild entgegen: dasjenige des geraden Fluges zwischen Ausgangspunkt und Endziel; also daß die Natur seiner Bewegung wohl rasches Vorandringen, nie aber krumme Linien, Wendungen, Biegungen, gar Zickzack zuläßt. Es war daher bei Anfechtungen, die in politischen Feindschaften, wie in Neckereien, die in religiöser Mißdeutung ihren Grund hatten, ein bisweilen mit besonderer Vorliebe gebrauchtes Bild: der Pfeil habe zwar eine blanke Spitze, jedoch auch ein reines Gefieder, vor Allem aber seye ein anderer Flug, als in gerader Richtung, ihm unmöglich. Hierin mochte er in erschöpfendem Maß die tiefste und unveränderlichste Richtung meines Wesens, Willens und Thun bezeichnen, welche heitern Bewußtseyns jede schiefe oder gehässige Beurtheilung an sich mag vorübergehen lassen. Ob dann wohl der Pfeil seiner Beschaffenheit und seiner Bestimmung nach an sich zu den Trutzwaffen gehört, so hätte dennoch mein ganzes inneres Wesen niemals mir erlaubt, ihn als solche in strengerem Sinne zu gebrauchen; aber zur Abwehr genügt die Schutzwaffe nicht immer, bei abgezwungener Vertheidigung wird zu solcher auch jene. Darum in langem Bedenken über Auswahl eines Wappenspruches, wobei das so leicht sich darbietende, weil dem Zeichen theilweise verwandte: Qui s'y frotte, s'y pique (allerdings zur Distel der burgundischen Herzoge besser passend), aber dennoch einigermaßen herausfordernde, dem, mehr unvermeidlich die Abwehr auferlegenden Parta tueri, erschöpfend zugleich das nach allen Richtungen Gewendete und auf alles Denkbare sich Beziehende andeutend, der Vorzug gegeben ward.

Doch selbst dieses durfte mehr für Andere, mehr auf dasjenige, wozu ich mich gesetzt, oder wessen ich, in Anerkennung der ewigen Gerechtigkeit, mich annehmen zu müssen, erachten mochte, als auf mich selbst Anwendung finden. In Beziehung zur eigenen Person sollte es auf unmittelbar von Gott Empfangenes,[4] oder auf dasjenige beschränkt bleiben, was durch der Vorfahren Fürsorge an mich gelangt ist. Wie in jener erstgenannten Weise, das mögen diejenigen erkennen, die in den ersten Band meiner kleinen Schriften geblickt, und von richtigem Standpunkt die darin enthaltenen Voten über den Heidelbergischen Katechismus, die Synodalreden, die Predigten gewürdigt haben; wie in der andern Weise (vornehmlich die Gesinnungen bewährend), davon zu sprechen wird Gelegenheit in dem Verfolg dieser Selbstbekenntnisse sich ergeben. Der relgiösen Verarmung einerseits und der politischen Zerfahrenheit anderseits hat dieses Parta tueri bisweilen viel Unnöthiges zu schaffen gegeben. Die goldglänzenden Schriftzüge blieben Beiden unentzifferte Runen; wie manchmal glaubten sie nicht, denjenigen, der darin die Signatur seines ganzen innern Seyns, gleichwie seines äussern Thuns, klar und dennoch geheimnißvoll, offen und dennoch für Tausende ein Räthel, wollte hervortreten lassen, zu necken oder zu verwirren, wenn sie es in unreinem Munde zur Lüge werden ließen; vergessend, daß rapta und parta aus den gleichen Lauten zusammengesetzt, das tueri aber, wie für dieses von oben auferlegte Verpflichtung, so für jenes von unten geweckter Naturtrieb seye.

Es sollte aber in der Wahl eines solchen Spruches, sofern derselbe nicht Ergebniß einer hervorragenden That, einer bedeutungsreichen Lebenswendung, einer folgewichtigen Beziehung ist, wenn nicht ein bewegendes Princip, so doch eine vorherrschende Neigung und Richtung bezeichnet, hiemit zwingende Verpflichtung auferlegt werden, dieselbe unter allen Vorkommenheiten und Wendungen des Lebens ohne Wanken zu bethätigen. Damals, als ich jene Wahl traf, waren die Zeiten ruhig, für politische Stürme schien das lebende Geschlecht zu matt, für kirchliche Reibungen über dem Behagen an einem eudämonistischen Indifferentismus jede Schnellkraft auf weichem Lotterbette in dämmerichten Schlummer gelegt; auf der einen Seite gewann das Aufklärungsgewerbe ausgebreitetere Kundschaft, auf der andern mußte von Jedem, der als honetter[5] Mensch gelten wollte, Paß und Aufenthaltskarte von dem Rationalismus gelöst werden; wer dieß verschmähte, hatte es sich selbst beizumessen, wenn er, gebildeter Gesellschaft unfähig gehalten, mit abschätzigem Seitenblick vor die Thüre gestellt wurde, oder gar als verdächtig geheimer Aufsicht anheimfiel. Es war daher mehr ein unbewußter, anerborner innerer Trieb, der zur Wahl jener Worte leitete, als gleich Anfangs schon helle Würdigung ihrer vollen Bedeutung. Aber die Zeit, zu dieser sich zu erheben, rückte immer näher, die Bethätigung der hiemit sich selbst auferlegten Verpflichtung durfte je länger desto weniger aus den Augen gesetzt werden. Feindeszeugniß, hier in mattem Spott, dort in halbverbissenem Grimm ertheilt, darf als das partheiloseste gelten.

In der offenen Erklärung: »Gegebenes schirmen,« somit erhalten zu wollen, liegt keineswegs, wie so laut und lärmend will vorgegeben werden, der Begriff des unverrückten Stillestehens, blinder oder starrsinniger Vertheidigung des Unhaltbaren, durch der Menschen Tand, Sorglosigkeit oder übeln Willen Entstellten, Zerrütteten, Verderbten; wohl aber liegt darin der Begriff des Festhaltens an bewährter Ordnung, selbst treuer Unterwerfung unter diese; da, wo unter das Gegebene sowohl die Ordnung, als die Freudigkeit zu ihrer Anerkennung und daherigen Unterwerfung unter sie gezählt werden darf, der Abwehr alles Stürmischen und Uebereilten, der Erforschung und Würdigung aller Gründe, ein Reflex der in der Weltordnung sich offenbarenden Ruhe in der Bewegung und der Bewegung in der Ruhe; es ist der huldigende Hinblick auf eine Centripetalkraft, ohne welche der Makrokosmos in einen unermeßlichen Atomenhaufen zerstieben, da, wo jetzt Maß, Ordnung und Einklang waltet, Alles zum gestaltlosen Chaos zusammenbrechen würde. In diesem Sinne vertreten die beiden gewählten Worte diejenigen Alle, welche eine göttliche Weltordnung nach deren doppelten Einwirkung auf das gesammte, wie auf das individuelle, Leben in dessen zweifacher Beziehung, zum geistigen und zum leiblichen Daseyn, zu Kirche und Staat,[6] anerkennen, und die Erhaltung so wie die Vertheidigung dieser Weltordnung gegen die nach deren beiden Seiten heranrückenden Stürmer und Unterwühler sich zur Aufgabe machen. Man könnte es das Wort nennen, woran die über den Raum Zertheilten sich finden, die durch Stellung und Lebensaufgabe Geschiedenen sich einigen.


Der älteste Hurter, über welchen geschichtliches Zeugniß vorliegt, ist jener Caspar, der am 9. May 1474 zu Breisach in dem Ringe, der über Peter von Hagenbach, des Herzogs Carl von Burgund Vogt im Elsaß und der Grafschaft Pfirdt, geschlossen ward, als kaiserlicher Herold auftrat, um den Verurtheilten ritterlicher Würde öffentlich zu entsetzen, ritterlichen Kleinodes zu entblößen, dann, da er solches nicht an ihm gefunden, in Auftrag der sechzehn Richter von der Ritterschaft, bevor der Scharfrichter seines Dienstes waltete, zu dem Verurtheilten sprach: »Peter von Hagenbach, es ist mir leid, daß deine Thaten ritterlicher Ehre und des Lebens dich verlustig machen. Mir ist befohlen, die glorreichen Zeichen von dir zu nehmen. Ich finde sie nicht. Also, im Namen des himmlischen Schirmherrn St. Georg und in Kraft jener, auch von dir beschworenen Eide, erkläre ich vor aller Welt hier öffentlich dich, Peter von Hagenbach, ritterlicher Ehren, Würden und Hoheit entgürtet und unwerth. Strenge Ritter, edle, zur Ritterschaft aufwachsende Knappen, gedenket eurer Pflicht und dieses Beispiels.«

Als noch im gleichen Jahr auf »Zinstag vor Simon und Judä« Bern im Namen aller Eidgenossen an des Herzogs von Burgund »durchlauchtigste Herrlichkeit und allen den Ewern« erklären ließ: »von unsertwegen und für die Unsern eine ehrliche, offene Fehde, und wollen in Ansehung Mord, Brand, Raub und allerley Unglück bei Tag und Nacht der Unsern und unsere Ehre wohl verwahrt haben,« war es wieder »der alte weltkundige Parzifal, der Herold Caspar Hurter,« welcher[7] Carln diese Absage in das Lager vor Neuß brachte. Auch in Bezug auf diese Sendung berichten die Zeitgenossen, es habe derselbe auf geschickte Weise die Gelegenheit zu ergreifen gewußt, um sowohl den Brief dem Herzog eigenhändig zu überantworten, als dann auch, wie es in der Pflicht seines Amtes lag, dessen Inhalt mündlich vor ihm auszusprechen. Kaum aber mag er von Carl so freudig empfangen, so fürstlich entlassen worden seyn, als kurze Zeit darauf der Herold Herzog Renats von Lothringen; denn die Geschichtschreiber melden, Carl seye schon bei dem Anblick des Siegels an dem Brief, den Caspar Hurter ihm dargereicht, in knirschenden Zorn gerathen, und habe nur die Worte ausstossen können: »Bern, Bern!«

Wenn wir denjenigen Glauben beimessen dürfen, welche über die alten Einrichtungen des heiligen Römischen Reichs Forschungen angestellt und Sammlungen angelegt haben, so war der Dienst eines kaiserlichen Herolds dazu eingesetzt, um zu achten, daß die kaiserlichen Befehle, Schutz- und Adelsbriefe, Reichsabschiede und Polizeiverordnungen von Jedermann gehalten würden. Deßwegen war der Strafe verfallen, wer Jenen tadelte oder beleidigte. Mühsam geleisteter Dienste wegen wurden sie und ihre Kinder ritterfrei erklärt, und starb der Herolde einer, so sollte er seines Amtes wegen, »dieweil es ein so edel und großmüthig Amt ist«, mit Trompeten und Heerpauken begraben werden. Es sagt auch Kaiser Carl V. in dem Diplom, womit er im Jahr 1521 Caspar Sturm zum Reichsherold ernannte: »Als weiland Unsere Vorfahren amt Reich, Römische Kaiser und Könige löblicher Gedächtniß, bis auf Uns, ehrbare, verständige und geschickte Personen zu Ehrenholden gehabt und gebraucht, die den Stand des Adels und der Wappengenossen, so aus Ehrbarkeiten, Tugenden, guten Werken und Thaten herfließen und erhalten werden und Andere reizen und bewegen, sich desselbigen Standes auch würdig und theilhaftig zumachen, und daran seyen, daß die Ehr und Zier des Adels nicht verletzt, sondern gemehrt, und die Laster und Mißbräuche ausgereutet werden; und dann Uns, als römischem Kaiser, gebühret[8] und zustehet, wie Wir selbst auch aus angebornem Gemüth zu thun geneigt sind, Alles das, so den Stand des Adels und der Wappengenossen zu Lob und Ehr Kaiserlicher Majestät pflanzet, fürzunehmen, – so haben wir genannten Caspar Sturm zu Unserm kaiserlichen Ehrenholden aufgenommen und verordnet etc.«

Die ältesten Nachrichten versichern, der erste Hurter seye nach Schaffhausen von Frauenfeld hinüber gezogen. Es ist wahrscheinlich, weil in früherer Zeit nirgens sonst, als in letzterer Stadt, dieser Geschlechtsnahme vorkömmt, und bis in die neueste Zeit sich erhalten hat. Die Abstammung desjenigen, der unter den Bürgern zu Schaffhausen dieses Namens zuerst genant wird, von dem erwähnten Reichsherold läßt sich documentirt nicht nachweisen, wohl aber nicht grundlos vermuthen aus dem, unter dem nachmals zahlreich gewordenen Geschlecht oft vorkommenden, Taufnamen Caspar und dem noch öfterer erscheinenden, mit jenem engverwandten, Melchior. Vermuthen läßt es sich auch daraus, daß jener erste Hurter, Hans seines Taufnamens, ein selbstständiger Mann gewesen seye, indem keines Gewerbes, welches er betrieben, Erwähnung geschieht, wohl aber, daß er im Jahr 1507 mit Hans Stockar eine Wallfahrt zu dem heiligen Grabe gemacht habe; obwohl Stockar in dem nicht uninteressanten Tagbuch, welches er über seine Pilgerfahrt hinterlassen, und die Hr. Professor Maurer-Constant im Jahr 1839 herausgegeben hat, seiner Begleiter nicht namentlich Erwähnung thut.

Es scheint, daß das Geschlecht bald in zwei Aeste sich theilte, deren der eine das Wappen auf goldenem Grunde (der ältere), der andere auf blauem Felde erscheinen ließ. Wenigstens kommen Ringe und Siegel aus ältern Zeiten vor, die bald in Gold, bald in blau blasonirt, in allem Uebrigen aber vollkommen sich gleich sind. Willkür in solchen Sachen hat, selbst da, wo man an Vorschriften entweder nicht dachte, oder nicht denken konnte, in ältern Zeiten weniger geherrscht, als heutzutage. Indeß kann nur die ältere Linie ihre Abstammung von diesem ältesten Hurter zu Schaffhausen nachweisen; die Verbindung[9] der Andern mit demselben ist nicht klar, wiewohl sie beinahe eben so weit hinausreicht.

Beide Zweige gehörten zu denjenigen Geschlechtern, welche an den öffentlichen Angelegenheiten der kleinen eidgenössischen Stadt und ihres Gebiets seit frühern Zeiten in mancherlei Weise Theil genommen haben. Zwischen den Jahren 1652 und 1831, in welchem die Stadt mit dem Canton einer neuen Revolution unterlag, lassen sich blos neun Jahre auffinden, in welchen nicht ein oder zwey Glieder, jetzt des einen, dann des andern dieser Zweige, oder beider zugleich, in dem kleinen Rath gesessen hätten. Noch zahlreicher waren sie zu aller Zeit in dem geistlichen Stande, wie z.B. im Jahr meiner Aufnahme in denselben ich unter etwa vierzig, die ihm angehörten, der Fünfte meines Geschlechtes war, und es gegenwärtig eine Ausnahme seyn dürfte, die vielleicht während des Laufs der beiden letztverflossenen Jahrhunderte niemals vorgekommen ist, daß derselbe gegenwärtig ein einziges Mitglied meines Namens (meinen Bruder) zählt. Auch die Würde eines Antistes wurde im siebenzehnten, dann wieder im achtzehnten Jahrhundert, durch einen Hurter bekleidet, der erstere zu meinen unmittelbaren Vorfahren gehörend. Andere machten sich um ihre Vaterstadt als Lehrer des Gymnasiums, als dessen Rectoren, als Professoren der höheren Lehranstalt, Collegium humanitatis genannt, verdient. Ebensowenig blieben die Glieder dieses Geschlechts der medicinischen Laufbahn fremd. Einige betraten dieselbe, wie es scheint, nicht ohne Auszeichnung, da von ihnen ein Paar als Mitglieder der Academia naturæ curiosorum sich bemerklich gemacht haben.


Aeltern Ursprungs ist das Geschlecht der Ziegler; angesehen seit frühern Jahrhunderten, begütert, dieweil im Jahr 1421 einer derselben um eine ansehnliche Summe für seine Vaterstadt sich verbürgt. Wie zahlreich auch im Verfolg der Zeit seine Sprößlinge geworden sind, sie stammen alle von einem[10] Einzigen ab, welchem Kaiser Maximilian I. im Jahr 1487 den Adelsstand verliehen; wohl nicht ohne persönlich es Verdienen, da er als Kriegsmann in dem Mailänderzug bei Novara, als Staatsmann in bald nachher erlangter bürgermeisterlicher Würde in dem eigenen Canton, bei Angelegenheiten des Bundes als Gesandter an Papst Julius II und bei manchen Unterhandlungen im Innern und im Aeußern in langer Laufbahn sich ausgezeichnet. Solcher Art waren die Männer, welche von Zwingli, weil an der Disputation zu Baden seine Sache nicht gesiegt, als »Kuhmelker« bezeichnet wurden. Daß ein paar Jahre später die sogenannten christlichen Bürgerstädte ihrem nach Schaffhausen gesendeten Boten die Warnung mitgaben, »sich vor Ziegler und dergleichen Knaben wohl zu hüten«, beweist, daß seine gereifte Erfahrung, sein Scharfblick und sein vielfach bethätigtes Wirken um der Mitbürger Wohl ihn die erstürmte Neuerung nicht in derjenigen Färbung erblicken ließ, die man durch die Gegensätze wortreicher Anpreisung und gellender Lästerung über dieselbe zu zaubern sich bemühte. Darf dann noch aus des Sohnes Neigung ein Schluß auf des Vaters Gesinnung gezogen werden, so möchte dieser in nachherigem Beitritt zur neuen Lehre und neuem Brauch nur dem Unvermeidlichen sich gefügt haben; denn so wenig theilte jener den damaligen grellen Haß gegen das Zerstörte, daß er die Verheirathung zweyer Töchtern an katholische Patricier von Luzern so wenig hinderte, als sich widersetzte, daß im Jahr 1586 sein zwölfjähriger Enkel nach Rheinau und von da nach Luzern zum Studiren geschickt wurde, von wo aber geistliches und weltliches Betreiben denselben zurückzog, um in dem gesinnungsverwandten Heidelberg ihn unterzubringen.

Jener Bürgermeister Hans Ziegler ist daher der gemeinsame Ahnherr aller derjenigen, die noch jetzt diesen Geschlechtsnamen führen. Denn andere, welche einen gleichen Stammvater mit ihm mögen anerkannt haben, auf welche aber die kaiserliche Beehrung sich nicht erstreckte, sind schon in der zweiten Hälfte des siebenzehnten Jahrhunderts ausgestorben.

Es giebt in der Magistratur meiner Vaterstadt keine Stellen,[11] die in der Reihenfolge derjenigen, welche dieselben verwalteten, nicht Einen oder Mehrere dieses Geschlechts aufzuweisen hätten. Nicht minder betraten viele desselben die kirchliche Laufbahn. Zur Zeit meines Eintritts unter die Geistlichkeit befanden sich deren vier in ihrer Versammlung. Als Aerzte haben Einige ebenfalls sich hervorgethan, also daß die hohe Schule zu Rinteln unter ihren Rectoren einen aus diesem Geschlechte zählte, der durch viele gelehrte Abhandlungen in jener Zeit einen Namen sich erworben, ein anderer aber in der Mitte des vorigen Jahrhunderts darüber geschrieben hat: durch welche Mittel scheinbar Ertrunkene wieder ins Leben zu rufen seyen. Wer unter ihnen weder gelehrten Berufsarten noch dem Handelsstande – auch damals geehrt – sich widmen mochte, der fand eine geachtete Stellung in den Kriegsdiensten der Eidgenossen in Frankreich und Holland.

Man mag es bedauern, daß die Römersitte, dem Sarg eines Verstorbenen die Bilder der Ahnen vorantragen zu lassen, ausser Gebrauch gekommen, für das


Una eademque via sanguisque animusque sequuntur


so wenig innerer Antrieb mehr vorhanden ist. Es könnte in jener alten Sitte Sporn und Zügel zugleich liegen. Wird der Erstere vielfältig durch die äussern Verhältnisse ersetzt, so ist es schwerer, Etwas aufzufinden, was den Letztern verträte, zumal wenn die Formen der gesellschaftlichen Ordnung in Verbindung mit den herrschend werdenden Begriffen das Gemeinmachen nicht mehr erschweren, und die Gegenwart über die Tafel, worauf die Gesinnungen und die Handelsweise der Vorfahren aufgezeichnet sind, als nasser Schwamm fährt. Wer aber möchte in der Buhlerey mit jener und so Vielem, was sie aus den Grundtiefen hinausgetrieben hat, so weit gehen, um selbst den Wassertopf zu halten, in welchen der Schwamm könnte getaucht, spurloses Verwischen vollständiger bewerkstelligt werden? – Als am 19. Juni 1790 der Nationalversammlung zu Paris der An trag gemacht wurde, alle Adelstitel und Wappen abzuschaffen, Jeden hinfort bloß als Bürger zu begrüßen, und mit der ursprünglichen[12] Bezeichnung seines Geschlechts ihn zu benennen, zeichneten sich von Trägern geschichtlicher Namen die Vicomtes von Noailles und Matthäus von Montmorency unter den lautesten Jubilanten über so kostbaren Fund aus. Einige Zeit nachher trat Letzterer in das Caffé Valois im Palais-Royal und ward von dem Grafen Rivarol spöttisch angeredet: »Ich habe die Ehre, den Bürger Matthäus Bouchard (ursprünglicher Geschlechtsname der Montmorency) zu grüßen.« Das brachte den Bürger und den Vicomte in gewaltigen Zwiespalt, und der Ingrimm des Letztern überwog den neugebackenen Civismus des Erstern. »Mögen Sie, erwiderte er bitter dem Grafen, immerhin die Gleichheit anpreisen, Sie können es doch nicht hindern, daß ich vermöge meiner Geburt unendlich mehr gelte, als ein Bürgersmann der Straße St. Denis. Die Welt kennt meinen Namen; meine Geburt ist ein vollgültiger Titel. Kurz ich komme ab (je déscends) von Anna von Montmorency, dem Connetable; ich komme ab von Matthäus von Montmorency, Marschall von Frankreich; ich komme ab von dem Anna von Montmoreney, welcher die Wittwe Ludwigs des Dicken ehlichte; ich komme ab«... »Aber mein lieber Matthäus, erwiederte schnell Graf Rivarol; warum sind Sie denn so weit herabgekommen?« ( Pourqoui étes Vous donc tant descendu?) – Dergleichen lächerliche Mattheslein, nicht immer mit der Entschuldigung, daß es junge Leute seyen, wie dieser es war, treiben Zeiten der Umwälzungen immer in Fülle hervor; seltener aber folgt ihnen eine Restauration, welche den besudelten Adel durch den umgehängten Pairsmantel nachher wieder polirt.

Erst im Jahr 1717 theilten sich die Ziegler in zwey Aeste, indem vier Brüder dieses Geschlechts damals von Kaiser Carl VI, wegen des durch den ganzen spanischen Sucessionskrieg den österreichischen Regimentern in den Waldstätten angeschafften Bedarfs, eine Erneuerung ihres Adels, eine Vergrösserung ihres Wappens und den Namen » von Zieglern« erhielten.– Eine Urenkelin des jüngsten jener vier Brüder war meine Mutter, deren Eltern zahlreichen Kindern frühzeitig entrissen, diese hierauf,[13] zum Theil unerzogen, unter ihre vielen Onkeln und Tanten vertheilt wurden. Dabei ward in so trauriger Fügung unter Allen meiner Mutter das glücklichste Loos beschieden, indem sie in das Haus derjenigen ihrer Verwandten aufgenommen ward in welcher sie nicht nur eine zweite Mutter, sondern eine Frau fand, die, wie durch Verstand, so durch Herzensgüte, wie durch treue Fürsorge in dem engern Bereich ihrer nächsten Umgebung, so durch Dienstfertigkeit und die anspruchloseste Freudigkeit zum Helfen und Unterstützen, nicht bloß da, wo sie nähere Verpflichtung dazu anerkannte, sondern wo überhaupt Gelegenheit sich darbot, zu den Ersten ihres Geschlechtes gehörte und der ungetheiltesten Achtung mit vollem Recht bis an ihr spätes Lebensende genoß. Ich habe sie noch wohl gekannt, diese schlichte, liebreiche, bis in das höchste Alter heitere »Frau Base« (es war damals noch Sitte, der verwandtschaftlichen Beziehung bis in die weitesten Kreise eingedenk zu seyn, indeß sie heutzutage – unter den vielen Zeichen der Auflösung eines mehr – schon in den nächsten auf die Seite gesetzt wird); mit 84jähriger zitternder Hand hat sie vor der Abreise nach der Universität mir ein kleines Blumensträußchen in das Stammbuch gemahlt, und es war mir nicht geringe Freude, nach der Rückkehr sie noch ebenso rüstig und heiter zu finden, wie ich sie verlassen.

Unter der mütterlichen Leitung dieser trefflichen Frau gewannen die ausgezeichneten Anlagen meiner Mutter ihre Richtung auf das Praktische; eine andere haben sie nie gesucht, nie genommen, nie gekannt. Die Franzosen nennen die Schriftzüge sehr bezeichnend les caracteres. In der That treten daran häufig Lineamiente des geistigen Wesens und der vorherrschenden Richtung ganzer Zeitalter, verschiedener Nationen, einzelner Individualitäten hervor; so daß Lavater wohl recht daran that, auch die Handschriften unter die Merkmale aufzunehmen, mittelst welcher das verborgene innere Wesen des Menschen sich entziffern lasse. Es bedarf nur geringe Uebung dazu, um eine Handschrift in das Jahrhundert, in das Land zu verweisen, dem sie angehört. So würde es mir nicht schwer fallen, aus der[14] Handschrift eines Briefes, vom Ende des vorigen Jahrhunderts wenigstens, zu entscheiden, ob er in Zürich, in Bern, in Basel, in Schaffhausen (in Bezug anderer Orte fehlt mir die Erfahrung) geschrieben worden. Tragen die Handschriften der neuern Zeit nicht häufig das Gepräge des Centralisirens, des Generalisirens, des Cosmopolitismus, des Industrialismus, des Dampfs und der Eisenbahnen an sich?

Die Festigkeit und jene praktische Tüchtigkeit meiner Mutter spiegelte sich in ihrer Handschrift ab, welche groß, stark, wohl etwas eckicht, aber für Jedermann leserlich war, etwa wie man sich dieselbe für einen recht brauchbaren Dorfschulmeister jener Zeit denken mag; einer Zeit, in welcher dieser noch als rechter Arm des Pfarrers galt, nicht aber zu einem hochbestellten Professor in omni scibili et nonnullis aliis sublimirt war. Aus früherer Zeit habe ich einige Hefte religiösen Inhalts von der Hand meiner Mutter gesehen; in späterer Zeit dagegen hat sie ausser den Ausgaben ihrer Haushaltung, einen Brief alle Jahre an einen ihrer abwesenden Brüder, nachher an mich, schwerlich je Etwas geschrieben. Ebensowenig hat das Lesen ihrem hellen Verstand Eintrag gethan, noch sie in eine Sphäre hinübergezogen, die so leicht den klaren Blick in das Zunächstliegende trüben kann. Zu jener Zeit waren noch nicht tausend Federn in Bewegung einzig für das weibliche Geschlecht, um ihm eine Zeit zu vertreiben, zu deren Anwendung ihm häufig die Luft fehlt. Meine Mutter mag sich als Mädchen an Sophiens Reisen von Memel nach Sachsen gelangweilt haben; ich aber sah sie in meinem Leben nie ein anderes Buch zur Hand nehmen, als ein Gebetbuch für alle Morgen und Abende des Jahres, am Sonntag Lavaters Lieder und ein damals in grossem Credit stehendes Erbauungsbuch: »Der Christ in der Einsamkeit,« welchem später Heß »Leben Jesu« beigefügt wurde.

Dagegen hörte ich sie manchmal darauf sich zu gute thun, wie es in früherer Zeit nichts weiter bedurft hätte, als irgend eine weibliche Arbeit zu sehen, um sofort dieselbe nachmachen zu können; ich vernahm auch von Andern, wie die »Base Ziegler«[15] in allen Vorkommenheiten, die das Hauswesen betreffen könnten, immer das Richtige zu treffen gewußt habe; und lange nach ihrem Hinschied wurde von Verwandtinnen mir mehrmals bezeugt: wenn in Verlegenheiten, welche häusliche Fragen betroffen hätten, sie nicht Rath gewußt habe, dann wäre solcher schwer zu finden gewesen. Wäre ihr Leben in eine Zeit gefallen, welche in die weibliche Bildung noch andere Elemente aufnimmt, als bloß Arbeiten und was das Hauswesen mit allen seinen oft kleinlichten Einzelheiten berührt, so würde sie zuverlässig auch hierin Andern nicht nachgestanden seyn. Ihrer Tante lernte sie das Zeichnen und Mahlen von Blumen ziemlich erträglich ab; ohne ihre Vaterstadt verlassen zu haben, sprach sie wenigstens so viel französisch, um zu meinem größten Verdruß über Tisch Alles, wovon ich als Knabe nichts wissen sollte, meinem Vater mitzutheilen (einzig das unangenehme trés peu, wenn ich etwa um mehr Brod bat, hatte ich ihr bald abgelauert); und nachher, da ich zur Zeit der Einquartierung eben diese Sprache zu lernen begann, konnte sie meiner Wortarmuth, in der ich etwa mit einem Soldaten radebrechen wollte, genügend zu Hülfe kommen.

Vermöge ihrer Anstelligkeit, ihrer unermüdlichen Thätigkeit, und ihres immer auf das Thun und Handeln gerichteten Sinnes, waren ihre Ermahnungen, Vorstellungen, Warnungen, Aufträge, Befehle immer kurz, aber bestimmt, klar, unmißverstehbar, stets der Veranlassung oder dem Bedürfniß des Augenblicks angemessen. Ich bin überzeugt, daß die Angewöhnung an diese praktische Weise, im Gegensatz gegen die oft langen, durch die geringste, unbedeutendste Veranlassung in Fluß kommenden Expectorationen meines Vaters, den unüberwindlichsten Eckel gegen das breite, nutzlose Hin- und Herreden bei Berathungen in Behörden und überall da, wo irgend ein Handeln doch das Finale seyn muß, mir eingepflanzt hat. Wo im spätern Leben es daher in meiner Hand lag, den Gang eines Geschäftes zu lenken, den kürzesten Weg zu dessen dennoch gründlicher Erledigung vorzuzeichnen, habe ich mich stets bestrebt,[16] dasselbe so zu erfassen, daß es nicht durch nutzloses Differiren ins Unendliche gezogen werde. Es ist mir selbst zur Unart geworden, daß alles Ueberflüssige, alles Weitschweifige, alle bloße Wortmacherei, Alles, was nicht zur Aufhellung, sondern bloß zur Verlängerung dienen konnte, manchmal seinen Reflex in meinen Bewegungen und in meinen Gesichtszügen fand. Darum ich unter den vielen Wohlthaten, welche Gott mir zugewendet hat, diejenige, zahlreicher Behörden und solcher Collegien, die eigentlich nichts schaffen, nichts Eingreifendes zu Stande bringen können, bloß mit gleichgültigen Armseligkeiten sich befassen müssen, für immer enthoben zu seyn, nicht unter die geringste zähle; und nie fand ich mich innerlicher vergnügter, als wenn zur Zeit erlangter Befreyung die Leute (meistens sich selbst zum Maßstab nehmend) die Meinung durchblicken liessen, es dürfte mir schwerlich etwas Zusagenderes wiederfahren, als in dergleichen eintreten zu können. Im Stillen nährte ich wohl den Wunsch, es möchte Solches versucht werden, aber einzig um die zweifelloseste Enttäuschung alsbald eintreten zu lassen.

Hundertmal, wenn ich einer Magd rufen wollte, sie solle mir Wasser holen, dieses oder jenes, z.B. eines meiner Kleidungsstücke bringen, oder sonst etwas für mich besorgen, hörte ich meine Mutter sagen: »du kannst selbst gehen, du hast noch junge Füße, du brauchst noch keine Bedienung;« und mehr als einmal wurde gegen die Neigung, mir zu willfahren, sogar ein förmliches Verbot eingelegt, ich genöthigt, in eigener Person zu vollführen, womit ich Andere beauftragen wollte. Daher ist mir dieß jetzt noch geblieben, hat sich aber zu einer Eigenschaft ausgebildet, die sich ehedem in öffentlicher Stellung darin bethätigte, daß es mir widerstrebte, für Solches, was ich durch mich selbst ausrichten zu können und zu dürfen glaubte, fremde Mitwirkung anzugehen, oder vorläufiges Gutheißen nachzusuchen. Lag jedoch dieses in den Formten und Vorschriften, dann habe ich jederzeit unverbrüchlich an diese mich gehalten; war mir hingegen freye Hand gegeben, so hütete ich mich wohl, Formen, Schwierigkeiten und Hindernisse erst zu schaffen,[17] Zustimmung oder Genehmigung nachzusuchen. Ich habe in meinen Wirkungskreisen Manches angebahnt und durchgesetzt, worüber Andere vom Pontius zum Pilatus laufen zu müssen geglaubt hätten; das sicherste Mittel, in allgemeinen Verhältnissen, mitunter auch bei Persönlichkeiten, wie sie in einem engen Gemeinwesen gegeben sind, viel reden und nichts ausrichten zu können.

Vielleicht diente noch Anderes dazu, diese Eigenthümlichkeit bei mir auszuprägen. Von meinem Vater hatte ich, wie schon bemerkt, bei allen Veranlassungen die endlosesten Erpostulationen anzuhören, die gewöhnlich in die Drohung von Schlägen ausliefen. Diese zwar wurden selten applicirt, desto häufiger kehrten jene wieder. Von meiner Mutter hingegen, da sie dem Reden das Handeln vorzog und in diesem nie säumte, hatte ich empfindliche Lehren desto öfterer in Empfang zu nehmen; doch schmerzten sie mich ungleich weniger, als die bisweilen bis zur schreyenden Ungerechtigkeit steigende Anhäufung harter und unverdienter Vorwürfe von jenem. Dazu kam dann noch bei meinem Vater die oft ungleich bitterere und nicht selten lange dauernde Nachlese eines finstern Blickes, eines sauren Benehmens; wogegen bei meiner Mutter mit der Vollziehung des Strafactes Alles abgethan, die vorige Freundlichkeit wieder hergestellt war. Nicht daß sie in verderblicher Schwäche durch unzeitiges Hätscheln des Kindes je mit sich selbst in Widerspruch getreten wäre, oder zur Vermuthung verübten Unrechts Handhabe geboten hätte; es waltete in ihr nur der zu gehöriger Zeit verständig angewendete Ernst, welcher, wie für Alles Maß und Ziel einzuhalten, so auch jedes Mittel zur rechten Zeit in Wirksamkeit zu bringen weiß.

Ein Wort meiner seligen Mutter, welches sie zu einer Zeit gesprochen, da ich schon in den Jahren stand, um dessen volle Bedeutung zu würdigen, ist nicht in ein unfruchtbares Erdreich gefallen. Mein Vater bemerkte eines Tages, wie man im Hinblick auf die Kinder in Collegien manchmal sich dazu verstehen müsse, der Meinung Anderer sich anzubequemen; könne man[18] doch nicht wissen, wie dieselben in der Zukunft Jenen wieder zu nützen oder zu schaden vermöchten. Da erwiederte sie sofort: nie würde sie durch dergleichen Rücksichten in ihrer Meinung sich bestimmen lassen. »Denn« fügte sie bei, »sind die Kinder etwas, so werden sie ihren Weg machen, ohne dergleichen Hülfe zu bedürfen; sind sie nichts, so wird man Ihnen dieselbe entweder nicht gewähren, oder sie wird ihnen doch wenig nützen.«

Es war dieß gewiß ein entschiedenes Wort, der Ausdruck einer tüchtigen und ehrenwerthen Gesinnung. Dergleichen Charakterzüge können durch alles Bücherlesen und durch die Bekannschaft mit noch so vielen, alltäglich unter allen Zonen aufschiessenden Romanen nie gewonnen werden. Obgleich meine Mutter um Politik sich zwar nie bekümmerte, Staatsveränderungen ihr ziemlich gleichgültig waren, und sie die Revolution nicht ihrer Principien, sondern der Einquartierung wegen haßte, die derselben in ganz kurzer Zeit folgte, so bin ich doch gewiß, daß sie dem Wort entgegengejubelt hätte, welches ich nach der abermaligen Volksbeglückung vom Jahr 1831 zu einem Freunde sprach: »Ich hoffte mit Gottes Hülfe meine Knaben dermassen zu Aristokraten zu erziehen, daß sie gegen jede Erwählung in irgend eine Behörde gesichert blieben.« Sollten sie aus der Art schlagen, so könnte ichs bedauern, hätte aber mir keinen Vorwurf zu machen.

Ich erfreute mich der herzlichsten Liebe meiner Mutter, wozu, neben äußerer Aehnlichkeit, diejenige der Gemüthsanlagen nicht wenig beitragen mochte. Auf diese Zuneigung war ich so eifersüchtig, daß ich ihrer letzten Entbindung nur mit Bangigkeit entgegen sah; denn da sie schon sechs Knaben geboren hatte, war die Sehnsucht nach einem Mädchen ebenso natürlich, als bei mir die Besorgniß, alsdann nur mit der zweiten Stelle mich begnügen zu müssen. Nichts glich daher meiner Freude, als ich vernahm, mein jüngster Bruder seye geboren worden. – In späterer Zeit dann hatte ich manches Beweises zarter Aufmerksamkeit von ihr mich zu erfreuen. In die letzten Jahre ihres Lebens waren aber schwere Prüfungen verflochten, die ich ihr möglichst[19] zu erleichtern mich bestrebte. Im Jahr 1811 ertrank einer meiner Brüder im Rhein, und sie, nichts ahnend, vernahm die erste Kunde durch seine in Bestürzung daher stürmenden Mitschüler. Ein anderer Bruder, an dem sie mit der größten Zärtlichkeit hieng, brachte aus einem Militärspital in Rheinau, wo er angestellt war, den Keim zum Typhus mit sich, und ein, während ihres Schlafes geöffneter und in der Bekümmerniß nicht wieder geschlossener, Schrank verrieth ihr seinen Tod, ohne daß wir sie auf die Trauerbotschaft hätten vorbereiten können. Bei drei Jahren litt sie an einer äusserst schmerzhaften Krankheit, in welcher ihre einzige Erholung entweder ein kurzer Besuch oder ein etwas verlängerter Aufenthalt bei mir auf dem Lande war. Dabei erzeigte sie sich immer heiter, erfreut über jede Stunde, die ich bei ihr zubrachte. – Ich bin versichert, daß ich das Beste, was an mir ist, ihrem Einfluß verdanke.


Der erste May des Jahres 1786 war der Vermählungstag meiner seligen Eltern. Das Jahr darauf wurde ich geboren. Mein Vater schrieb in eine von ihm sorgfältig bewahrte Bibel: »Den 19. März 1787 ward meine liebe Gattin nach einer harten Geburt, Nachmittags zwischen zwölf und ein Uhr, glücklich von einem gesunden Söhnlein entbunden, welchem wir in der heiligen Taufe die Namen Friedrich Emanuel beilegen ließen. Gott verleihe ihm seine Gnade und den Beistand seines heiligen Geistes.«

Wenn Ehegatten die Aussicht lächelt, ihre Verbindung durch Nachkommen gesegnet zu sehen, so wird bei den Meisten leiser oder vernehmlicher der frohen Hoffnung der Wunsch sich beigesellen, daß männliche Nachkommenschaft den Reigen eröffne; und wenn sie auch, wie nachher Alles, ohne durch entschiedenes Verlangen sich bewältigen zu lassen (was mit wahrer Hingebung an Gottes Wille in Widerspruch tritt), demselben dieses ebenfalls anheimstellen, so wird doch gewiß die Freude und der[20] Dank gegen Gott, um so lebendiger seyn, wenn die erste Erwartung in jenem Sinne zur Wirklichkeit wird. Dieß war auch bei meinem Vater der Fall, bei dem hiedurch selbst die poetische Ader in Wallung kam, indem er in ein kleines Unterhaltungsblatt, welches der Zeitung, die er damals redigirte, beigegeben wurde, folgendes Gedicht einrücken ließ. Gibt dasselbe gerade nicht von dichterischer Anlage, so giebt es doch von einem frommen Sinn und von einer tüchtigen Gesinnung Zeugniß.


Empfindung

bei der Entbindung meiner Gattin.

Meinem Retter will ich danken,

Nie, nie soll mein Glaube wanken,

Denn Er hilft und rettet gern,

Ist dem Flehenden nicht fern,

Der voll Innbrunst zu Ihm spricht:

Herr! ach Herr! erbarme Dich!

Thränend, mit beklemmtem Herzen –

Als in ihren größten Schmerzen

Der Geburt mein Weibchen war,

Und die drohende Gefahr

Meine Seele tief beklemmte,

Jeden Athemzug mir hemmte,

Rief ich, Herrlicher! zu Dir!

Muth und Kräfte gabst Du ihr;

Halfest glücklich sie entbinden,

Ließ'st mich Vaterfreuden finden.

Gott! o Gott! wie dank ich's Dir!

Wonne strömt durch meine Glieder,

Du schenkst mir mein Weibchen wieder,[21]

Und mit ihm den lieben Kleinen,

Der mit seinem ersten Weinen,

Vater! Dir sein Leben dankt.

Leite ihn durch Deine Gnade,

Laß ihn auf dem Dornenpfade,

(Willst Du ihm das Leben schenken)

Immer, Herr! nur Dein gedenken.

Führe seine ersten Schritte,

Gütiger! ich fleh – ich bitte –

Laß ihn Deine Wege wallen,

Seyn nach Deinem Wohlgefallen

Und nach Deinem Wort und Sinn.

Söllt' er aber Dein entbehren,

Und Dich, Gütiger! entehren,

(Wie ich um sein Leben bat)

Bitt' ich, Herr! ach nimmt ihn hin.


Glücklich für das Daseyn erweist sich an manchen Menschen dieses »Führen«, um welches mein Vater bat, nicht auf einer Heerstraße unserer Zeit, auf der man oft an dem Ausgangspunkte schon das ferne Ziel erblickt, dabei Höhen und Niederungen sorgfältig zu vermeiden, jedenfalls Steigung und Fall möglichst gleichmässig zu vertheilen sucht. Ob der Mensch das Leben bloß für ein kürzeres oder längeres Dahinschlendern, ohne andere, als bloß momentane, Zwecke erachte; ob er eine Führung anerkenne, und, was noch mehr ist, bei einzelnen Wendungen und durch bisweilen angestellte Rückblicke zu einer Erkenntniß dieser Führung und zu einer Einsicht in dieselbe zu gelangen sich bestrebe: immerhin mag er dessen sich freuen, daß der Weg gleich als durch eine reiche und wechselvolle Landschaft sich zeigt, in welcher dessen Wendungen ihn oft gegen Erwarten in den finstern Wald, statt auf lachende Auen, dann ebenso unversehens auf den sonnenhellen Hügel mit weitem Gesichtskreis, statt in den düstern Felsengrund, bringen; daß er ihm Beschwerniß darbietet, wo er auf gemächliches Voranschreiten zählte, dann wieder unvermuthet die Pfade ebnet, wo er zum Vorwärtskommen auf das Zusammenraffen aller seiner Kräfte sich[22] gefaßt machte. Viele zwar werden das »Führen« niemals inne, weil sie nicht einmal überdenken mögen, ob es ein solches gebe, daher noch weit weniger sich umsehen, ob sie wohl dessen Spuren wahrnehmen dürften. Wenigen, vielleicht gar Keinen, ist es gegeben, in jedem Augenblicke des »Wallens«, an jeder Beugung des Weges, bei jedwedem Begegniß auf demselben das Führen zu erkennen, auch nur eine führende Hand zu ahnen. Hunderte ziehen dahin, ohne auch nur einen würdigenden Blick auf den Pfad, auf das, was an demselben ihnen begegnet, auf die Umgebung zu werfen. Selbst bei dem Besonnenern kann nur allmählig die Aufmerksamkeit auf die leitende Hand rege werden, muß erst bei längerem Voranschreiten die Wahrnehmungsgabe sich schärfen, muß, entweder aus äusserer Veranlassung oder aus innerer Anmuthung, die Aufforderung ergehen, für einen Augenblick etwa stille zu stehen und das Auge rückwärts zu wenden. Haben wir aber hieran uns gewöhnt, alsdann erst kann ein innerer Zusammenhang dessen, was in seiner Erscheinung uns als zufällig oder vereinzelt vorkam, von uns geahnet, derselbe allmählig uns klar werden; kann mit der Annäherung an das Ziel je mehr und mehr Alles zum beziehungsreichen Bilde sich entfalten, dessen Mittelpunkt Gottes Bemühen um den Menschen ist.

Wer mit der Erziehung des Sterblichen durch den allein weisen und treulich besorgten obersten Lehrmeister, mit der innern Ausbildung des Einzelnen irgendwie vertraut ist, der dürfte mit vollem Recht mich Lügen strafen, wenn ich vorgeben wollte, ich wäre auch nur zu bloßer Ahnung eines solchen »Führens« frühe schon erwacht. Nein, es ist eine schöne Zeit des »Wallens« vorübergegangen; ich bin des Weges eben, mühelos und gerade lange genug dahergeschritten, auch manchmal, gleich so Manchen, wirklich recht sorglos und unbedacht auf demselben umhereschlendert, bis ich nur an die Möglichkeit eines Geführtwerdens dachte. Denn lag etwa einmal in den ersten Zeiten Etwas queer über den Pfad, lustig hüpfte ich darüber hinweg, dazu noch freudig und zuversichtlich um mich blickend, im Gefühle munterer[23] Behendigkeit oder zuversichtlicher Gewandtheit. Als dann in der Folge so recht in zögernder Langsamkeit die Vermuthung sich einstellte, es könnte neben allem Bewußtseyn der Freithätigkeit eine unsichtbare und nur in leisen Winken sich kund gebende Führung dennoch einiges Anrecht der Förderung auf den zu irgend einer Zeit eingenommenen Standpunkt sich geltend machen, so dauerte es doch abermals wieder geraume Zeit, bis dem Geistesauge ein etwelches Hineinblicken in die Verbindung der jeweiligen Begegnisse auf dem Wege und in deren innern Zusammenhang, als Beurkundung einer nachhaltigen Führung zu einem bestimmten Ziele, möglich ward. Jetzt aber, nach dem Verlauf von mehr als fünfzig Jahren, hebt dieser innere Zusammenhang immer sichtbarer sich hervor, und wird es mir von Tag zu Tag leichter, zu durchschauen, wie ein höherer Wille, bei zarter Schonung des eigenen, sanft und schonend, immer aber stätig, dahin mich lenken wollte, wo ich an meinem achtundfünfzigsten Geburtstage, an diesem aber nicht mehr unerwartet, noch weniger in raschem Uebergang dahin gelangt, mich fand.

Unter dieser allmählig sich entfaltenden und immer fester wurzelnden Ueberzeugung von einer Führung, nicht bloß im allgemeinen, sondern zu einem immer heller und wahrnehmbarer hervortretenden Ziele, bin ich dahin gekommen, zerronnene Hoffnungen, vereitelte Erwartungen, fehlgeschlagene Entwürfe, unerfüllte Wünsche, erlittene Unbilden, zugefügte Schädigungen (in engen Verhältnissen oft das einzige Mittel, um vorübergehend an dem Kitzel etwelcher Machtvollkommenheit sich erlaben zu können), schiefe Beurtheilungen, absichtliche Verdrehungen meines Wollens und Strebens, so Vieles, was gewöhnlich zu der Kehrseite des Lebens gezählt wird, nicht allein mit Gleichmuth zu ertragen, sondern mir klar zu machen, welchen, von dem Ziele leicht ablenkenden Einfluß die Erfüllung der Hoffnungen, Erwartungen, Entwürfe, Wünsche, hätten haben können; welch werthvoller innerer Ersatz für die Unbilden, Schädigungen, schiefen Beurtheilungen und grundlosen Anfeindungen unverhofft mir zu Theil geworden seye, um hiemit auf einen Hohepunkt[24] mich zu erheben, auf welchem jenes Alles es mir möglich macht, zu durchschauen und mich zu überzeugen, daß es in das Ganze dieser Führung als nothwendiger Bestandtheil sich einmische. Wie es aber Leute giebt, welche eine große Virtuosität darin besitzen, die befriedigendsten Zustände (befriedigend wenigstens, sofern man nur über hundert Andere um sich her das Auge mag schweifen lassen) durch hinzugefügte Wenn und Aber und durch unfruchtbare Vergleichungen in Frage zu stellen, so suche ich dagegen immer mehr, auch dem, was man sonst unbehaglich, selbst widerwärtig nennen möchte, eine vergnügliche Seite abzugewinnen. Wer recht will und es recht angreift, dem wird es so besonders nicht schwer fallen, das


Fractus si illabatur orbis,

Impavidum ferient ruinæ,


zur wahren, unbedingten Hingebung unter eine ebenso weise als väterliche Leitung zu veredeln.


Die ältesten Erinnerungen aus meiner Kindheit reichen in mein drittes Jahr hinauf – der Schrecken über einen grossen Hund, der mir, einem General von Tschudi folgend, an der dunkeln Treppe der elterlichen Wohnung begegnete, sodann die Klage über eine in den Stadtgraben gefallene Peitsche, und die eilende Geschäftigkeit der Wärterin, mir dieselbe wieder zu verschaffen. Die Wohnung, in der ich meine vier ersten Jahre zubrachte, steht noch heutzutage so lebendig vor meinen Augen, daß ich eine zutreffende Beschreibung derselben, wie sie damals beschaffen war, mir zu machen getraute, oder, befände sie sich noch in vollkommen gleichem Zustande wie damals, mich alsbald darin wieder erkennen würde, ungeachtet ich sie seit jener Zeit nie wieder betreten habe. Von meiner Mutter wurde mir erzählt, wie mein Vater große Freude daran gehabt hätte, daß ich schon im Anfang des vierten Altersjahres einzelne Verse[25] Gellertscher Lieder auswendig hätte hersagen, und wie er sich nicht wenig darauf zu gut gethan, daß ich in eben dieser Zeit bereits hätte lesen können Des Unterrichts, den mir meine Mutter darin gab, und wie sie mit einer Scheere auf die Sylben in dem Namenbüchlein hinwies, erinnere ich mich noch gar wohl.

Mit beginnendem sechsten Jahr wurde ich einem siebenzigjährigen Geistlichen, einem Verwandten von väterlicher Seite, übergeben, um durch eine Stunde täglichen Unterrichts auf das Gymnasium vorbereitet zu werden, d.h. fertig Latein lesen, etwas schreiben und die Zahlen und deren Gebrauch kennen zu lernen. Der »Vetter-Pfarrer« war kein Kirchenlicht, aber ein schlichter, gutmüthiger alter Mann, der mich, wenn er mir wohl wohl wollte, »Brüderlein« hieß, jährlich an den Tagen nach den Mahlzeiten der Geistlichen, deren Hospes er war, zum Mittagessen behielt und mit Pasteten bewirthete, dann je zuweilen mit einem Zeddel, worauf geschrieben stand: »der Fritz hat heute seine Sache gut gemacht und einen Kreuzer verdient,« nach Hause entließ, zwischenein auch, wenn der Wechsel von meinem Vater nicht honorirt wurde (was eben öfters geschah), die Ehre des Ausstellers rettete. Die Unterrichtsstunde wurde neben der öffentlichen Schule bis zu meinem zehnten Jahre fortgesetzt, vornehmlich des Schreibens wegen. Da aber der gutmüthige Mann zu nachsichtig gegen mich und überhaupt kein Lehrer war, ließ er mir von Anfang an ein nachlässigeres, mir aber bequemeres Halten der Feder zu, und verfehlte die ersten Grundlagen dergestalt, daß ich es nie zu einer gefälligen Handschrift bringen konnte; dieß um so weniger, als das sorgfältige und mehrmalige Nachmahlen der Vorlagen mir stets zu langweilig war, und ich bei verschiedenen nachherigen Lehrern die sogenannten Schreib- und Rechenstunden ausschließlich in Uebungen des Rechnens (worin ich allerdings frühzeitig eine große Fertigkeit gewann) verwandelte.

Da ich keine, meinem Alter nahestehenden Geschwister, keime solche Verwandten, in den frühern Jahren keine Jugendfreunde,[26] keine Nachbarskinder hatte, mit welchen umzugehen war; da ich ferner aus übertriebener Aengstlichkeit meiner Eltern nur selten das Haus verlassen durfte, in diesem ziemlich streng gehalten wurde, so ist die Erinnerung an diesen Greisen, seine Frau und eine Schwester derselben, alle gleich alt und gleich gutmüthig, wenn auch ein dürftiges, doch eines der sparsamten anmuthigen Bilder aus meinen Kinderjahren. Die gegenseitige Zuneigung blieb bis an das Lebensende des freundlichen Mannes. Wie sich dieselbe hernach aus jugendlicher Angewöhnung durch unablässige Ermahnung meiner Eltern zur Dankbarkeit, diese aber überhaupt zum unvertilgbaren Charakterzug sich veredelte, so bemühte ich mich, solche vorzüglich gegen den alten Vetter zu bewähren. Bei meiner Aufnahme unter die Geistlichen stand er in seinem achtzigsten Jahre, und indem er dabei blos weinen konnte, zeigten sich schon alle Anzeichen des Kindischwerdens, welches bald überhand nahm. Dennoch versäumte ich es nicht, ihn nachher öfters zu besuchen, um so mehr, da ich bald hierauf eine Pfarrei erhielt, die er ein halbes Jahrhundert früher bekleidet hatte, und so durch angeregte Rückerinnerungen wenigstens für vorübergehende Augenblicke sein Bewußtseyn wieder zum Aufflammen bringen konnte.

Ueberhaupt ist durch väterliches Wort und Beispiel eine Eigenschaft in mich gepflanzt, genährt und herangezogen worden, deren der eitle, vermessene, von vorn herein zu Allem sich befähigt glaubende Nachwuchs gleich mancher andern, nicht zu bedürfen, ja eher als einer Schwäche sie meiden zu müssen wähnt – die Dankbarkeit. Wer je zu meinen Eltern in freundschaftlicher Beziehung stand, wer je mir selbst wohlwollte, wer je irgendwelche Gefälligkeit mir erwiesen hatte, der durfte auf treues Gedächtniß hiefür, auf fortwährende Anerkennung freundlicher Gesinnung, fördernder That, auf das Bestreben wenigstens, durch andauernde kleine Aufmerksamkeiten unverblichene Erinnerung an den Tag zu geben, mit voller Zuversicht zählen. Daher war von allen bittern Erfahrungen diejenige für mich die bitterste: vieljährige uneigennützige Dienstleistungen, von[27] mancher beharrlichen Anstrengung begleitete Bemühungen, mannigfaltige Verwendungen für Andere, aufrichtige, nicht blos gehegte, sondern bei jeder Veranlassung bethätigte Gesinnungen der Zuneigung, ja selbst der Hingebung, urplötzlich in Vergessenheit gestellt, selbst mit aufgeblasener Keckheit in das Gegentheil hinübergeredet, ein Benehmen eingehalten zu sehen, als wäre von allem Jenem niemals auch nur die mindeste Spur vorhanden gewesen. Doch gilt auch hier das Wort des Apostels: »Geben ist seliger denn Nehmen.« Wem von Andern Dankbarkeit widerfährt, der mag wohl dessen sich freuen; größer aber ist immer (dafern der Erfahrung ein Wort mitzusprechen vergönnt seyn mag) das innere Behagen desjenigen, in welchem dieselbe von den pulsirenden Lebenskräften ein unzertrennlicher Bestandtheil ist.


Die ersten Jahre erwachender Geisteskräfte fielen in die gräulichen Zeiten, in welchen über den entsetzlichen Unthaten der französischen Revolution die Tigernatur des menschlichen Geschlechts in ihrer scheußlichsten Verzerrung sich zu erkennen gab. Ich war noch nicht sechs Jahr alt, als die Kunde von der Gefangennehmung des Königs und seiner ganzen Familie die, damals gegen dergleichen Ereignisse noch nicht so stumpfsinnig wie heutzutage sich erweisende, Welt in Bestürzung setzte. Zu jener Zeit gab es noch keine Legitimisten, Conservative, Servile; die verschiedenen Schlagwörter zu Bezeichnung der Gegner waren ebensowenig erfunden, als der Schematismus, in welchen man die mancherlei Parteien nach besondern Schattirungen zu rubriciren sich bemüht; denn jene selbst waren noch nicht vorhanden. Es gab damals blos Revolutionäre, Jakobiner, welche keinen Preis zu theuer fanden, um für denselben ihre erträumte allgemeine Freiheit und Gleichheit und den Umsturz göttlicher Ordnung in Kirche und Staat zu verwirklichen; über diesen dann kannte man nur noch ehrliche Leute, welche jeden Versuch solches[28] gewaltsamen Umsturzes, vollends dann dergleichen Wagnisse gegen einen König und sein Haus, als Attentate gegen das von oben Gesetzte verabscheuten. Die Könige galten noch als von Gottes Gnaden, als Gesalbte des Herrn; die Lehren von getrennten Gewalten, von den Fürsten als Volksbeamteten u. dgl. figurirten nur in den Schriften der Theoretiker, in den Blättern der Jakobiner; in die allgemeinen Begriffe waren sie noch nicht eingegangen; so wenig als ein Gemengsel der abgekehrten Doctrinen aufzustellen, oder in der Verkupplung zweyer sich abstoßender Worte ein Janusgesicht sich zu schnitzeln versucht worden wäre. Empörung wurde noch als verwerflich, nicht als ein geheiligtes oder als ein Recht taxirt, mit dem man zu letzt noch ersprießliche Unterhandlung anknüpfen könne; Gewaltthat wurde noch für das anerkannt, was sie ist, nicht als Expansion der innern Kraft zurechtgeredet; die Sympathien für den Umsturz mußten gegen diejenigen für Erhaltung bestehender Ordnung noch zurücktreten; ja vor den meisten Menschen jener Zeit hätten sie, ohne Entsetzen zu erregen, nicht einmal leise sich kund geben dürfen. Man war noch nicht so weit vorangeschritten, um einen vorübergehenden Volkstumult, in Hoffnung, es mochte doch demselben etwas Anderes zu Grunde liegen, mit Jubel zu begrüßen; dann aber in Unmuth die Augen von ihm abzuwenden, sobald gegen die Wahrheit, daß eben jenes Andere ihm durchaus fremd gewesen seye, auch die letzte Einwendung, auch der leiseste Vorbehalt nicht mehr möglich war. Erdbeben, Feuersbrünste und Ueberschwemmungen leisteten jener Zeit noch vollkommen, was der unsrigen Empörungen, Mordbrenner-Einfälle, Revolutionen und Thronverstoßungen.

Mein Vater theilte die Entrüstung der unermeßlichen Mehrzahl seiner Zeitgenossen über der unerhörten Frevelthat der französischen Jakobiner. Bei früherer Anwesenheit in Paris hatte ihn ein dienstthuender Offizier der Schweizergarde in den Saal eintreten lassen, in welchem die ganze königliche Familie von der Rückkehr einer Jagdparthie das Mittagmahl einnahm. Da tauchte über den von Tag zu Tag sich folgenden empörenden[29] Nachrichten diese Erinnerung wieder lebendiger, vielleicht selbst in günstigerem Lichte, vor seinem Auge auf. Er fühlte hiedurch um so mehr sich angetrieben, gegen die gräßliche Unthat sich zu ereifern; jedesmal dann wurde von der Heiterkeit, die der König bei jenem Mahl gezeigt, und von der unbeschreiblichen Gutmüthigkeit, die aus seinem ganzen Wesen geleuchtet, von der Schönheit und Lebhaftigkeit der Königin gesprochen.

Ich erinnere mich recht gut, wie mein Vater manchmal des Abends die Berichte der öffentlichen Blätter über die erlauchten Gefangenen im Tempel, Bruchstücke aus den Reden der Vertheidiger des Königs, die empörenden Ausfälle der wüthendsten Revolutionsmänner gegen die Personen und das Haus der Bourbons mit sichtbarer Rührung, bisweilen unter Thränen, meiner Mutter vorlas, und wie diese bei diesen Mittheilungen seufzte. An Aeusserungen über das Ungeheuer, welches sich Egalité nannte, fehlte es dann natürlich ebensowenig, am wenigsten aber konnte er jenen Blumenschen verzeihen, den König schlechtweg Ludwig Capet zu nennen. Als das gefällte Todesurtheil eintraf und die Zeitungen über die letzten Stunden des Königs und über die Einzelnheiten unter denen jenes vollzogen worden, Bericht gaben, da sah ich so Vater als Mutter Thränen vergießen. Die Ausdrücke der Entrüstung und Worte des Abscheus erneuerten sich, so oft ein erlauchtes Haupt des Königshauses durch Henkershand fiel, so wie bei den Berichten über die Füsilladen zu Lyon und die Nojaden zu Nantes (deren ich mich noch besonders erinnere), zumal aber, als auch Madame Elisabeth das Loos der andern Glieder ihres Hauses theilen mußte. Von der Mildthätigkeit, Menschenfreundlichkeit, Frömmigkeit dieser Königstochter ward Vieles erzählt, und ihre Ermordung gerade deßwegen als noch größere Unthat dargestellt. Ich war bei diesen Mittheilungen häufig zugegen, horchte aufmerksam zu, und blieb dabei nicht ohne innere Theilnahme, so wie sie auch einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck auf mich machten.[30]

Dieser Stimmung entsprechend war die Hoffnung, daß die zerlumpten und ohne gehörige Kriegsrüstung zu Felde ziehenden Sanscülotten-Haufen vor den wohlgeordneten, mit Allem aufs Beste versehenen Heeren des Kaisers nicht würden bestehen können, daß dem gräuelhaften Volk der verdiente Lohn nicht entgehen dürfte. Von der trefflichen Mannszucht, von der guten Ordnung der österreichischen Heere gab es dabei Manches zu hören, und jeder errungene Sieg, jede hoffnungerweckende Wendung wurde entweder bei dem Mittagstische oder Abends beim Theetrinken meiner Mutter freudig verkündet; ich aber nahm hieran so aufrichtig Theil, daß ich damals schon entschieden österreichisch gesinnt, daher den Franzosen, als Urhebern der Revolution und all' des Entsetzlichen, was ich vernommen, mit der vollesten Entschiedenheit abgeneigt war. Besonders aber erinnere ich mich der Niedergeschlagenheit, welche durch die mißlungene Landung auf Quiberon hervorgerufen wurde; wobei freilich der damalige Graf von Artois, von welchem vielleicht mein Vater aus Paris selbst nicht den günstigsten Eindruck zurückgebracht hatte, anneben aus der Zeit der Belagerung von Gibraltar noch Einiges in Erinnerung geblieben war, nicht ganz geschont wurde.

Diese Bilder, Eindrücke konnten keineswegs folgenlos bleiben. Es war möglich, daß sie in Verbindung mit dem, was durch die Umgebung bewirkt war, einen ersten Antrieb gaben. Zwar konnte dieser im Verlauf der Zeit über weitern Erlebnissen, unter der Ausbildung des eigenen Urtheils, je nach erwachender anderer Neigung, einen Gegenstoß erhalten, hiedurch bald wieder verwischt werden; aber eben so leicht war es möglich, daß jenes Alles zum Kern wurde, an welchen nachwärts Wahrnehmung, Erfahrung, Urtheil und Anschauung in organischem Gebilde sich anfügte, in freithätiger Operation ausschied und von sich ferne hielt, was damit nicht in Einklang zu bringen war. Dieß Letztere fand Statt; des dabei mitwirkenden Faktors werde ich nachher gedenken.
[31]

Kaum ich den ersten Monat des siebenten Jahres angetreten hatte, wurde ich dem Gymnasium übergeben, von vierzehn oder sechszehn Mitschülern weitaus der jüngste. Mein Vater setzte einen gewissen Stolz darein, einen Knaben in so früher Kindheit in diese Schule bringen zu können, wie es seit dem Verlauf langer Zeit niemals geschehen war. Indeß muß man sich unter dem Wort Gymnasium nicht eine solche Anstalt denken, dergleichen sie heutzutage durch dasselbe bezeichnet wird. Es war im Grunde nichts weiter, als eine Schule, in der die Schüler, von den ersten lateinischen Leseübungen an, beinahe ausschließlich nur mit dieser Sprache beschäftigt wurden.

Das Urtheil ist nicht zu scharf, wenn man dieses Gymnasium in seiner damaligen Einrichtung und in seinen Leistungen die jämmerlichste Anstalt nennt, die man sich denken kann; ohne innern organischen Zusammenhang, jeder Lehrer sich selbst überlassen, der Unterricht ein lebloser Mechanismus; Alles, nicht bloß mit den dürftigsten, sondern eigentlich mit den armseligsten Hülfsmitteln ausgestattet; der Erfolg, selbst an den Aufmerksamern und Fleissigern, im Verhältniß zu dem Zeitaufwand so unbedeutend als möglich. Der Unterricht beschränkte sich zunächst auf das Auswendiglernen des Heidelbergischen Katechismus, ohne alle weitere Erklärung. Doch war man so weit gekommen, daß in allen Classen auf höhere Anordnung der berüchtigte Schluß der achtzigsten Frage sowohl bei dem Lernen als bei der Kinderlehre weggelassen, so behandelt wurde, als seye er nicht vorhanden. Sodann waren in den untern Classen Leseübungen in deutscher Sprache eingeführt, die nichts weiter als fertiges Lesen zum Zweck hatten, an die steh von Orthographie so viel anschloß, daß unter jeder sich darbietenden Veranlassung eingeschärft wurde, bei allen Wörtern, denen man einen der drei Artikel vorsetzen könne, eines großen Buchstabens sich zu bedienen; in zwei Stunden am Schluß des ersten Schuljahres wurden an einer gemahlten Tafel die Noten gezeigt, worauf in den folgenden Classen die Psalmen, später die jetzt verschollenen Lavater'schen Schweizerlieder mit ihren leyerhaften[32] Melodien, erst durch die einzelne, dann durch sämmtliche Schüler, nach dem Ton einer Geige und der Stimmte des Vorsängers mußten gesungen, hiemit gewissermaßen ein Lesen betrieben werden, ohne irgend einen Buchstaben zu kennen; denn die Kenntniß der Noten und deren Verhältniß zu einander blieben uns während sechsjähriger Abrichtungszeit spanische Dörfer. Wer mit gutem Ohr und einer leidlichen Stimme begabt war, konnte, so gut es gehen mochte, das Vorgeleyerte nachleyern, wer nicht, an dem war Hopfen und Malz verloren. Einige Lehrer ertheilten Unterricht in der Geographie, in der Art, daß sie auf der Landkarte die Stelle der vornehmsten Städte eines Landes nachwiesen und nachher die Schüler mit eigenen Fingern dieselben wieder aufsuchen ließen.

Als Hauptfach wurde in allen sechs Classen die lateinische Sprache betrieben, der dann nach der ersten Hälfte der Schulzeit für diejenigen, welche wegen ihres künftigen Berufes als Geistliche derselben bedurften, die griechische sich anreihte. Aber was war das für ein Unterricht in der einen wie in der andern dieser Sprachen! Welcher Erfolg nach einer mindestens sechsjährigen Dauer desselben bei so großem wöchentlichem Zeitaufwand! Als Lehr- und Lesebuch waren von der dritten bis in die sechste Classe hinauf Chompré Selecta latini sermonis und eine im Jahr 1790 zu Zürich herausgekommene Grammatik eingeführt, welche auf 182 S. in kl. Octav die Formen der Haupt- und der Zeitwörter, auf 30 Seiten, in XIII Regeln gebracht, die Syntax mit etwelchen Sentenzen, amt Schluß zu diesen ein kleines Vocabularium enthielt. Declinationen und Conjugationen mußten auswendig gelernt werden; aber selbst das Spärliche, was darüber hinausgieng, war im Grund für die Schule nicht vorhanden, da auch die wenigen Seiten Syntax niemals durchgegangen wurden. Neben dieser Grammatik mußten wir noch Cellarii liber memorialis auswendig lernen, aber durchaus nichts anderes als die Stammwörter; von sämmtlichen abgeleiteten und zusammengesetzten Wörtern wurde wieder so wenig Notiz genommen, als bei der Grammatik von[33] der Syntax. Man gieng von der Voraussetzung aus, die Schüler würden zu deren Kenntniß durch das sogenannte Uebersetzen allmählig wohl gelangen. Hatten dann alle Schüler ihr Pensum aus dem einen oder andern dieser Bücher hergesagt, was ein schönes Stück Zeit wegnahm, dann gieng es an das Uebersetzen; d.h. der Lehrer übersetzte einen Abschnitt in den untern Classen ein-, zwei- auch wohl dreimal vor, dann mußten entweder der Reihenfolge nach, oder auch ohne diese zu beobachten, alle Schüler den Abschnitt nachübersetzen, d.h, Wort für Wort das Lateinische in das Deutsche verwandeln. Hiemit war Alles gethan. Synonymik, Bau der Sprache, Geist der Sprache, Verhältniß des Deutschen zu dem Lateinischen kamt selbst in den obersten Classen nicht in Betracht. Einmal in der Woche wurde ein sogenanntes Exercitium, d.h. eine Uebersetzung aus dem Deutschen ins Lateinische, vorgenommen. Der Lehrer dictirte die deutschen Sätze, sodann die lateinischen Worte, welche über die deutschen geschrieben wurden; hierauf konnte der Schüler an seine Arbeit gehen. Als Fehler galten Abweichung des Geschlechts zwischen Hauptwort und Beiwort, der Zahl zwischen diesen und dem Verbum, der Indicativ bei einem den Conjunctiv regierenden Fürwort. Was sonstiger Gebrauch oder die Eigenthümlichkeit der Sprache erheische, das blieb im Dunkeln.

Noch mangelhaster war der Unterricht in der griechischen Sprache. Unter der Voraussetzung, daß keine andern Schüler an dem Unterricht in derselben Theil nähmen, als solche, welche sich dem geistlichen Stande widmen wollten und daß diese eigentlich nur das Neue Testament zu lesen brauchten, wurde schon in der vierten Classe, in welcher dieser Unterricht begann, und eine im Anfang des vorigen Jahrhunderts zu Basel herausgegebene Grammatik auswendig zu lernen war, erklärt: dem Dualis habe man nicht nachzufragen, indem dieser im Neuen Testament doch nur ein einziges, oder vielleicht zwei Mal vorkomme. Ein anderes Lesebuch als das Neue Testament kam, wenigstens in den beiden ersten Classen, gar nicht in unsere Hände. In der zweiten wurde die Grammatik ganz bei Seite gesetzt[34] und der Unterricht folgendermaßen ertheilt: der Lehrer hatte ein neues Testament, welchem die deutsche Lutherische Uebersetzung zur Seite stand. Nun las er einen Vers zuerst griechisch, hierauf deutsch vor und wiederholte dieses durch den Abschnitt eines Capitels zwei-, dreimal, worauf an den Ersten unter den Schülern die Aufforderung zum Uebersetzen ergieng, dann der Reihe nach an die Uebrigen. Wer nur ein wenig aufpaßte, oder öfters im Neuen Testament gelesen hatte (was damals bei Keinem ganz fehlte), der war im Stande, die Uebersetzung ziemlich wortgetreu wieder zu geben, womit er seine Sache gut gemacht hatte. Waren alle abgefertigt, so schritt der Lehrer in seinem Kapitel weiter. Aeusserst selten wurde der Bedeutung des einzelnen Wortes oberflächlich nachgefragt, der Bildung desselben und seinem Verhältniß zum Redesatz nie; wurde jene glücklich getroffen, so war aller Gerechtigkeit Genüge gethan.

Der Rector, der den Unterricht in der sechsten Classe zu ertheilen hatte, stand in hohem Ansehen, als ein sehr gelehrter Mann, als ausgezeichneter Lehrer. Das erstere war er infofern, als in seiner Jugend der Unterricht in den alten Sprachen ungleich gründlicher war betrieben worden, denn in der spätern Zeit, er daher, gleich andern seiner Collegen, das Latein auch schriftlich gut zu handhaben wußte; als er in ziemlich umfassender Kenntniß der neuern Litteratur beinahe alle übrigen hinter sich zurückgelassen und seinen Geschmack an den damaligen Mustern ausgebildet hatte; als er ferner durch einen klaren Blick, durch ein ruhiges Urtheil sich auszeichnete, jungen Leuten gerne Anleitung zu Studien und Lectüre gab, einen christlich-philosophischen Sinn, etwa in der Art eines Jerusalems, an den Tag legte, oder wie derselbe durch die sogenannte Schinznacher-Gesellschaft, deren angesehenes Mitglied und letzter Präsident (aber ohne der einbrechenden Revolution wegen sein Präsidium üben zu können) er war, mochte vertreten werden. Auch als tüchtiger Lehrer würde er anfehlbar sich bewährt haben, dafern er jungen Leuten reifern Alters hätte Vorlesungen[35] nach eigener Art halten können. Aber zu einem in das Detail eingehenden Sprachunterricht für fünfzehnjährige Knaben war er nicht geeignet, oder vielleicht damals, als ich seinen Unterricht besuchte, als Sechziger, besonders des Nachmittags nicht immer dazu aufgelegt. Der nachmittägige Unterricht begann Sommers und Winters mit zwölf Uhr. Wie manche Stunde ward da nicht förmlich verplaudert! Ich trat in seine Classe in dem Jahr, in welchem die Revolution in die Schweiz einbrach; wie vieles gab es daher nicht zu erzählen, zu erörtern, zu fragen! Wir hatten es uns bald gemerkt, daß nichts leichter seye, als unserm guten Lehrer das: Dic cur hic? aus dem Bewußtseyn zu escamotiren, besonders an den Diensttagen, an welchen drei Nachmittagsstunden für jene sogenannten Exercitien bestimmt waren, welche für uns noch etwas mehr Anstrengung erheischten als das Nachübersetzen. Nach Beendigung des vormittägigen Unterrichts blieben daher gewöhnlich die Optimaten unter den Schülern, d.h. diejenigen, welche schon das zweite Jahr in der Classe saßen, zurück, um sich über Mittel und Wege zu berathen, wie das Exercitium abzuwenden seye. Da mußte ein Jeglicher sich anheischig machen, mit dem Vorrath von einigen Fragen Nachmittags sich einzufinden und bestimmt, wer die erste vorzulegen habe, nach deren Erörterung, und wenn man an die Plätze gewiesen werden dürfte, der Zweite mit der seinigen hervorrücken solle u.s.w. War hiemit, was gar nicht schwer fiel, erst ein beträchtlicher Theil der Zeit hingebracht, so zog gewöhnlich der Lehrer seine Uhr hervor; hatten wir es bis zu halb Zwei bringen können, so hieß es: es lohnt sich jetzt nicht mehr der Mühe, das Exercitium anzufangen; dann wurde entweder bis drei Uhr fortgeplaudert, oder sonst Etwas, was behagte und keine Mühe kostete, vorgenommen. Auf diese Weise verschwand unbemerkt mancher Dienstag, auch mancher andere Nachmittag, aus der Schulzeit.

Eben so armselig und höchst unpraktisch war die Disciplin. Früher regierte Meister Baculus. Am Ende der siebenziger Jahre wurden die damals jungen philanthropischen Ideen in[36] die Schule verpflanzt; der absolute Schulmonarch wurde nicht blos durch eine Constitution beschränkt, sondern geradezu vom Thron gestoßen; jedoch war unter den Lehrern einer vorzüglich Legitimist geblieben, so daß Reactionsversuche bei demselben nicht selten vorkamen. Daß sich aber damals die Eltern in Fragen zwischen Lehrern und Schülern noch nicht als oberstes Tribunal hinaufsetzten, und Beide als gleichgestellte Parteyen, mit unverkennbarer Vorliebe für den meist fehlbaren Theil, vor dasselbe riefen, mag folgende Thatsache darthun. Besagter Lehrer fand es eines Nachmittags für gut, durch einen derben Streich mit dem ledernen Rücken seines griechischen Testaments über den Backen mir zu beweisen, daß ich in irgend Etwas nicht der Gebühr nach mich betragen hätte. Es läßt sich leicht denken, daß der in der Aufwallung gefühlte Schlag schmerzte; ich schrie und rief: das würde ich meinem Vater klagen. Auf dieses Wort kam ein zweiter, noch heftigerer Streich mit dem gleichen Strafinstrument, und zugleich wurde die Thüre geöffnet mit dem Wort: jetzt könnte ich gehen und es berichten. Der Schmerz trieb mich wirklich von dannen, und, ungeachtet ich bis an das elterliche Haus höchstens ein paar hundert Schritte zu gehen hatte, war, bis ich dort ankam, der Backen hoch geschwollen. Ich rechnete darauf, dieses Merkmal würde unfehlbar für mich sprechen. Als ich nun die Klage schluchzend vorgebracht hatte, ward mir der kurze Bescheid: wenn ich es dießmal nicht verdient hätte, so hätte ich es gewiß ein anderes Mal verdient. Ich mochte mich nur wieder in die Schule zurückbegeben. Selbst bei meiner Mutter fand ich den gehofften Trost nicht.

Damals empfand ich allerdings doppelten Schmerz, denjenigen des Streiches und denjenigen zerronnener Hoffnung der Theilnahme. Jetzt haben beide versaust, und wenn ich auch den Lehrer nicht rechtfertigen kann, so muß ich doch meinem Vater Beifall geben. Die Autorität des Lehrers sollte in den Augen des Schülers nicht geschwächt werden. Wenn der Jugend gegenüber die Autorität der Eltern bisweilen nicht erhalten werden mag, und die Autorität der Lehrer oft von jenen[37] nicht erhalten werden will, und der heranwachsende Knabe somit kein höheres Ansehen mehr anerkennen muß, vor dem er sich zu beugen und welchem er zu gehorchen hat, dann wird er bei reifern Jahren noch weniger eine andere und höhere Autorität anerkennen, als seinen bloßen Willen. Da ist sich dann nicht zu verwundern, wenn Unfügsamkeit, Trotz und Uebermuth, die wirksamsten Factoren der Zerstörung, immer bedenklicher in die gesellschaftliche Ordnung hineinwirbeln.

Die ganze Schulzucht beruhte auf einem todten, darum zu geistiger und moralischer Belebung der Schüler durchaus unfähigen Mechanismus. Jeder Lehrer hatte eine in verschiedene Fächer eingetheilte Tabelle. Wer sein Pensum richtig auswendig gelernt hatte, wer das Vorübersetzte einigermaßen getreulich nachzuübersetzen wußte, wer in seinem Exercitium blos mit ein paar grammatikalischen Fehlern sich begnügen konnte, der erhielt zwei Striche in der Rubrik Fleiß; diese konnten sich dann bei einiger Mangelhaftigkeit verringern und selbst in Striche von negativer Bedeutung übergehen. Wer bei dem Lesen, plötzlich aufgerufen, nicht alsbald fortfahren konnte, wurde in der Rubrik Unachtsamkeit angemerkt, wodurch ein Fleißesstrich um die Hälfte seines Werthes vermindert ward; höhern Ranges waren die Unarten, z.B. wenn einer über einer Lüge ertappt ward, oder gegen einen Mitschüler gröblich sich vergangen hatte, wobei aber gewöhnlich mit dem Strich und der Ankündigung des Striches die Sache abgethan war. Noch höher standen die Zeichen des Muthwillens; sie wurden aber so sparsam angewendet, daß die Ertheilung eines solchen Zeichens nicht allein für die Classe, in der es vorkam, sondern gewöhnlich für die ganze Schule zum Ereigniß ward, welches man sich gegenseitig erzählte, zum Gegenstand der Erörterung machte. Das Schlimmste blieb immer, daß, die Unachtsamtkeiten abgerechnet, das Verhältniß des Vergehens zu dem Strich ein unklares blieb, daß Laune, Mißstimmung, Abneigung des Lehrers einen zu großen Spielraum fand; daß endlich eine Kleinigkeit oft den verhängnißvollsten Strich zur Folge hatte, Gewichtigeres dagegen hingieng, das moralische[38] Gefühl weniger als etwa noch der Ehrgeiz berührt ward. Denn am Ende jeder Woche wurde Abrechnung gehalten, die guten und schlimmen Striche zusammengezählt, diese von jenen abgezogen und nach dem Resultat die Rangordnung der Schüler für die künftige Woche bestimmt. Am Ende des Jahres erfolgte Generalrechnung und hienach Rangbestimmung für das Examen. Die erste Hälfte der Schüler bekam Prämien und wurde ohne weiters in die folgende Classe versetzt, bei den übrigen hieng dieses von dem Entscheid der Examinatoren ab. Ich erhielt in allen Classen (eine ausgenommen) Prämien, doch niemals eine von den ersten; Unachtsamkeiten und Striche in der Rubrik Unarten wiesen mir Jederzeit das in medio tutissmus ibis an. Zwar hat es immer Schüler gegeben, die beinahe ununterbrochen die Vordersten waren; aus den meisten derselben ist nichts geworden. Die leidige Gewohnheit, allwöchentlich die Rangordnung zu bestimmen, leistete der Neigung, durch ertheilte Gunst oder Ungunst bei Eltern jene zu erwerben, diese zu vermeiden, etwelchen Vorschub nur allzuleicht.

Die Rückerinnerung an den magern Chompré, an den Neid, der uns, zum Griechischen Verurtheilte, plagte, wenn wir im Winter in der ersten Morgenstunde an der verhaßten Sprache uns zerarbeiten mußten, während die andern noch behaglich zu Hause sitzen konnten, an den triumphirenden Blick, mit welchem diese im Sommer uns in der Schule zurückliessen, an die Unbilden, die mir durch die sogenannten Meritentafeln zugefügt wurden, in Verbindung mit nachheriger Einsicht in deren Unfruchtbarkeit, ja Zweckwidrigkeit, veranlaßten mich im Jahr 1824, als ich an Berathungen über gänzliche Umgestaltung des Gymnasiums Theil zu nehmen hatte, auf Beseitigung aller Chrestomathien bei höhern Classen zu dringen, den Unterricht im Griechischen für alle Schüler, welche Latein lernen wollten, obligatorisch zu machen, und gegen alle Tabellen solcher Art – die in einem alten, sauer gewordenen Lehrer des Gymnasiums, der an jenen Berathungen Theil nahm, immer noch ihren Patron fanden – auf das entschiedenste mich zu erklären,[39] und dazu, daß rücksichtlich dessen Allen ganz andere Verfügungen getroffen wurden, nicht wenig beizutragen.


Eine Gesinnung vorzüglich, die dann in dem Verfolg der Jahre immer mehr sich ausbildete und festigte, also daß ich sie wohl eine der Grundkräfte meines Lebens nennen mag, faßte in früher Kindheit schon Wurzel: entschiedener Haß gegen alles und jedes Unrecht, in welcher Art und gegen wen und durch wen immer es verübt werden mochte. Hiezu aber zähle ich auch Alles, was in Beiseitsetzung wohlerworbener Rechte und hierauf begründeter Ordnung durch wühlerische Mittel, wer immer dieselben in Anwendung bringen möge und wie sehr man auch sie zu beschönigen sich befleisse, will erstrebt werden, oder an das Ziel gelangt. Hiedurch ist nicht allein meine politische, zum Theil auch meine religiöse Weltanschauung bedingt, sondern verschiedenartige Thätigkeit veranlaßt worden, so wie dieses wieder zu irrigen Urtheilen über mich geführt hat. Erlebnisse auf dem Gymnasium, hiezu bittere Erfahrungen in dem elterlichen Hause, daneben manche entschiedene Aeusserungen meines Vaters über Redlichkeit in öffentlicher Stellung, haben frühzeitig mit jenem Haß den Sinn für Recht in dessen Anwendung auf alle denkbaren Vorkommenheiten geweckt, von dem Gegensatz gegen dasselbe mich zurückgescheucht. Denn, wie der Widerwille gegen Unrecht zu jener Zeit einzig auf meine Person sich beziehen konnte, sodann im Verlauf der Jahre zum entschieden vorwaltenden Bewußtseyn sich entfaltete, so schloß derselbe im Verfolg der Zeit allen Verhältnissen und allen Einrichtungen und allen Personen sich an, an denen das Unrecht sich wollte geltend machen.

Den jüngsten unter meinen Mitschülern im Alter wenigstens um ein Jahr nachstehend, als Kind von schwächlichem Körperbau, durch übertriebene Aengstlichkeit meiner Eltern von andern Kindern möglichst zurückgehalten, daher schüchtern und verzagt,[40] war ich immer die Zeilschiebe der Neckereyen meiner Mitschüler, gegen die ich mich entweder über haupt nicht, oder höchstens, wenn es gar zu arg getrieben wurde, durch Schimpfwörter wehren konnte. Noch steht es hell vor meiner Erinnerung, wie wohlthuend es mir war, wenn je etwa ein Anderer meiner sich annahm und mir einigermaßen Ruhe und Sicherheit verschaffte. Häufig aber vereinigten sich Solche, die am bittersten mich geneckt hatten, zum Zeugniß wider mich; dann war alle Vertheidigung wirkungslos. Ich erinnere mich noch, als wäre es erst gestern vorgefallen, wie mich einst während des Regenwetters eine Schaar die Gasse, die zu unserm Haus führte, hinauf verfolgte, ich von einem Stein in eine Lache glitschte und die Nächsten bespritzte. Nachmittags wurde vor dem Lehrer, dessen Abneigung gegen mich Keinem verborgen seyn konnte, geklagt, dieß wäre mit meinem Vorsatz geschehen. Ich mochte mich rechtfertigen, wie ich wollte, ich mußte sie absichtlich bespritzt, ich mußte Unrecht haben, ich mußte auf der Rubrik »Unart« mit einem Strich bezeichnet werden.

Ausser der Schulzeit beinahe immer in das Haus gebannt, und in diesem ohne Spielgenossen, blieb mir nichts Anderes übrig, als um Bücher mich umzusehen und aus diesen etwa abzuschreiben. In der dritten Classe wurden die dürftigen Fragmente, die aus Justins Geschichten in der ofterwähnten Chrestomathie sich fanden, übersetzt. Ich sah wohl, daß in dem Schriftsteller noch Vieles enthalten seye, was ich ebenfalls gerne gewußt hätte. Da kam mir mein alter »Vetter Pfarrer« zu Hülfe und gab mir Ostertags Uebersetzung. Trug nun der Lehrer auf, das in der Schule Uebersetzte zu Haus niederzuschreiben, so glaubte ich etwas Beifallswerthes gethan zu haben, wenn ich noch ein Capitel, welches in unserm Buch sich nicht vorfand, aus der Uebersetzung abschrieb. Der Lehrer dagegen faßte den Argwohn, ich hätte auch das Aufgetragene abgeschrieben, was aber nie der Fall war; denn so viel hatten die Ermahnungen meiner Mutter doch gefruchtet, daß ich in allen Dingen ehrlich zu Werke gieng. Wie ernstlich ich meine[41] Unschuld betheuerte, wie aufrichtig ich den Sachverhalt darlegte, ich fand keinen Glauben, ich mußte mein Buch in die Schule bringen, worauf es augenblicklich confiscirt ward, ich aber mit dem lebendigen Gefühl von dannen gieng, es seye mir Unrecht geschehen. Ich will es zugeben, daß der Lehrer recht hatte, die Uebersetzung nicht zu dulden; ich dagegen hatte nicht minder recht in dem Bewußtseyn, von derselben keinen Mißbrauch gemacht zu haben.

Dieser Haß gegen das Unrecht wurde zum hellesten Bewußtseyn gebracht durch den Aufenthalt in der vierten Classe des Gymnasiums, welches Jahr ein wahres Jammerjahr für mich war. Ich trat als einer der obern Schüler in dieselbe ein, sank aber in kurzem und für immer in die zweite Hälfte und in dieser manchmal nahe an den Untersten hinab. Anfangs ward ich hierdurch sehr mißstimmt; bald aber konnte ich wahrnehmen, daß der Lehrer mir entschieden abhold seye; weßwegen, kann ich bis auf den heutigen Tag nicht entziffern. In keiner Classe je war es mir möglich, die Augen unablässig auf das Buch geheftet zu haben; dafür hatte sie jetzt der Lehrer desto häufiger auf mich geheftet, und jeden Augenblick erscholl es: »Hurter, fahr fort.« Half nicht zufällig durch den zurückgebliebenen Klang das Ohr aus, so konnte das Auge nicht mehr retten und eine Unachtsamtkeit (ja der gute Mann hatte sogar Pünktlein als Zeichen halber Unachtsamkeit erfunden) war die unerbittliche Folge. Kindereyen habe ich mir zu schulden kommen lassen gleich andern Mitschülern; was aber für diese einen leichten Verweis nach sich zog, das ward an mir sofort als Unart mit Strich taxirt. Am Ende des Schuljahr es fand sich auf der Tabelle bei meinem Namen die unerhörte Zahl (sie ist mir bis jetzt treulich im Gedächtniß geblieben) von 95 Unachtsamtkeiten, 22 Unarten und 2 Muthwillen verzeichnet, die mich nothwendig zum Untersten herabgedrückt hatte, ungeachtet ich meine Pensa nicht schlechter lernte, als in den frühern Classen (die Mutter nahm jeden Tag Grammatik und Cellarius zur Hand, um sich zu überzeugen, daß ich meine Lection gehörrig inne hätte; und ließ[42] keine Nachlässigkeit durchschlüpfen), auch das Uebrige nicht weniger befriedigen durfte, als in allen vorhergehenden. Zu noch grösserem Leidwesen für mich wurden die Tabellen wöchentlich meinem Vater zugesendet, um ihn zu überzeugen, mit welch einem ungerathenen Knaben er die Schule belästige. Da fehlte es anfangs nicht an einer reichen Nachlese der bittersten Vorwürfe. Anfangs gab ich mir alle Mühe, aus meiner niedern Rangstufe mich emporzuarbeiten, allein umsonst; zuletzt wurde ich zwar in meinen Arbeiten nicht nachlässig, aber gegen jene Zeichen völlig abgestumpft, so daß ich ungescheut meinen Spott damit trieb und eine Vermehrung derselben mir das Gleichgültigste von der Welt wurde. Es scheint, daß auch mein Vater allmählig die richtige Einsicht gewann, denn nach und nach wurden die Vorwürfe milder, zuletzt hörten sie ganz auf, wiewohl die Einsendung der Tabellen fortgesetzt wurde.

Nun kam Ostern. Da ich der Letzte in der Classe war, hörte ich von allen Seiten, ich würde in derselben zurückbleiben müssen. Man denke sich, welche Aussicht hierüber mir sich eröffnete; mit welchem Muth ich ein neues Jahr bei solchen, von mir wohldurchschauten Verhältnissen in der Classe würde begonnen haben; wie leicht ich auch in den nothdürftigen Leistungen hinter dem Möglichen und bisher noch getreulich Eingehaltenen zurückgeblieben, vielleicht ganz versunken wäre! Nie in meinem Leben stand meine ganze Zukunft an einem solchen Wendepunkt. Ich faßte Muth, und erklärte meinem Vater mit Thränen, in dieser Classe würde ich es nimmer aushalten, müßte ich in derselben zurückbleiben, so würde ich nicht mehr in die Schule gehen. Eine in mißstimmtem Ton gehaltene Ermahnung war die Antwort. Ich glaube aber, daß mein Vater bei seinem Freund, dem nachmaligen Antistes Habicht, für Beseitigung dieser Besorgniß ich verwendete; wenigstens konnte ich nachmals oft von meinen Mitschülern hören: gewiß hätte ein Anderer in meinem Falle müssen zurückbleiben; man wisse aber wohl, daß der Triumvir Habicht meinem Vater gerne einen[43] Gefallen erweise. Wie dem seye, ich rechtfertigte ihn dadurch, daß ich in der folgenden Classe schon in der zweiten Woche wieder der Oberste von Allen ward, und, wiewohl Unachtsamkeit und Flüchtigkeit bald wieder dieses Ranges mich verlustig machten, ich doch niemals in die zweite Hälfte herabsank.

Jener Lehrer hat wohl nachmals schwerlich mehr daran gedacht, wie leicht sein Benehmen gegen mich meinem ganzen Daseyn eine unerwünschte Richtung hätte geben können. Würde er aber noch leben, so müßte er gewiß bezeugen, daß ich ihm, obwohl Möglichkeit dazu in der Folge leicht sich dargeboten hätte, niemals Veranlassung gegeben, zu ahnen, daß dieses Alles meiner Erinnerung so unauslöschlich eingeprägt geblieben seye. Erst als Mitglied des geistlichen Standes mit ihm in Berührung gekommen, setzte ich die Achtung gegen ihn, als gegen einen Aeltern, niemals aus den Augen; nachmals aber durch meine Stellung über ihn hinausgerückt, konnte er von meiner Bereitwilligkeit, seiner persönlichen Interessen mich anzunehmen, so überzeugende Erfahrungen machen, wie jeder Andere. Welcher Fehler ich mir bewußt bin, desjenigen, erlittenes Unrecht nachzutragen, sobald ich mich nur überzeugen konnte, daß der Andere selbst es nicht fortzusetzen gedenke, kann ich mit unverstelltem Bewußtseyn mich frei sprechen.

Ohne meine Eltern gefragt zu haben, durfte ich außer das Haus, wenigstens außer die einsame Gasse, in der dasselbe lag, nicht leicht einen Tritt thun. Zu Anfang Märzen des Jahrs 1796 war der Rhein kleiner als seitdem je. Der Seltenheit wegen wurde eines Tages die Mannschaft der Gemeinde Neuhausen auf einer zu Tage gekommenen Geschiebbank des Flusses oberhalb seines Falles gemustert, Das wußten meine Mitschüler, und beschlossen, insgesammt nach Beendigung der Schulstunden hinauszugehen. Der Spott über mein Zurückbleiben war ein wirksames Mittel, mich zum Anschliessen an alle Uebrigen zu bewegen. Ungeachtet wir amt hellen Tage zurückkamen, wurde ich alsdann ins Verhör genommen, wo ich mich nach der Schule befunden hätte? und hierauf durch eine Tracht[44] Schläge mir eingeprägt, daß dergleichen Eigenmächtigkeiten nicht mehr vorkommen dürften. Bei solcher streng eingehaltenen Weise fand ich mich zu Ausfüllung meiner Mußezeit auf Selbstbeschäftigung angewiesen, welche ohne alle Anleitung meinem vollen Belieben zu Kindereien, Spielereyen oder Lesereyen anheimgestellt blieb. Ich fand großen Geschmack an dem Lateinischen, und gab mich daher mit Hülfe eines schlechten Wörterbuchs mit Uebersetzungen ab. Ungeachtet ich mich mit dieser Sprache mehr beschäftigte, als irgend einer meiner Altersgenossen, so daß ich bis zu meinem dreizehnten Jahr Curtius, Florus, Justinus und den ganzen Livius sammt den Supplementen von Freinshemius (man kann aber denken wie!) gelesen hatte, und selbst späterhin neben dem öffentlichen noch Privatunterricht erhielt, habe ich es bei der höchst mangelhaften Grundlage, welche durch die Schule gelegt wurde, nie dahin gebracht, nur zwei Zeilen ohne Furcht und Zittern und mit etwelcher Zuversicht Latein schreiben zu können.

Jener Eifer bereitete mir eine neue, weil unverdiente, darum so tiefer wirkende Kränkung. In der sechsten Classe wurden diejenigen Bruchstücke aus Sallusts Catilina gelesen, welche in Chompré's Collectaneenbuch sich befinden. Neben dem Reiz, den die schöne Sprache für mich hatte, wurde mein Interesse noch mächtiger angeregt durch den Inhalt; nemlich durch Cicero's Klugheit, Ernst und Kraft, womit er die Machinationen eines Patrioten damaliger Zeit (das Lesen fiel in das Jahr 1800, wo dieses Wort ungefähr ebenso gebraucht wurde, wie gegenwärtig Radicaler, Freisinniger, Mann des Fortschritts) vereitelte, und wie dieser sammt seinen Anhängern wohlverdientem Ausgang überliefert worden war. Was daher in der Schule vorkam, hatte ich zu Hause in einem vollständigen Sallust, den ich mir zu verschaffen wußte, längst durchgemacht. Der Lehrer pflegte, ehe er zu dem gewohnten Vorübersetzen schritt, Jedesmal zu fragen: ob einer der Schüler das vorhandene Fragment zuerst zu übersetzen sich getraue? Jedesmal war ich derjenige, der dazu sich anbot, und ziemlich befriedigend[45] die Aufgabe löste. Einigemal erfolgte dieß ohne Einrede, nachher aber wurde bei den Mitschülern die Scheelsucht rege, daß immerwährend der Jüngste etwas leisten könne, woran von ihnen Keiner sich wagte. Allgemein hieß es, das gienge nicht mit rechten Dingen zu, es könne nicht fehlen, daß ich nicht zu Hause eine deutsche Uebersetzung benützte. Ich mochte mich noch so bestimmt erklären, gegen den Gebrauch einer deutschen Uebersetzung noch so entschieden protestiren (in der That weiß ich bis auf den heutigen Tag nicht einmal, ob eine solche damals schon vorhanden gewesen seye), ich wurde mit meinem Anerbieten zum Vorübersetzen fortan abgewiesen. Zu Hause setzte ich zwar das Lesen in meinem Sallustius fort, fühlte aber tief, daß mir Unrecht geschehen seye.

Noch lebhafter und noch früher wurde dieses Gefühl durch Einflüsse des Hauses und dort gemachte Erfahrungen geweckt. Bei der einsamen Lebensweise, die ich zu führen hatte, bei der sparsamen Berührung, in die ich mit andern, und dann nur mit alten Personen kam, konnte große Verlegenheit und Unbehülflichkeit in dem Benehmen nicht ausbleiben. Diesem glaubte mein Vater durch Ermahnungen abhelfen zu können. Wurde daher Jemand nicht erforderlichermaßen von mir gegrüßt, der Hut nicht gehörig vom Kopf genommen, sonst ein derartiges Versehen gemacht, so ward ich amt Nachtessen mit einer langen Brühe von Tadel übergossen, gewöhnlich dann ein Bücherfresser genannt, der einst zu nichts taugen werde, der seinen Eltern nur Schande bringe; war mein Vater erst in den Fluß der Rede hinein gerathen, so folgte ein kränkender Vorwurf dem andern, bis amt Ende, wie man zu sagen pflegt, kein guter Faden mehr an mir zu finden war. Weinte ich zuletzt, was nie ausblieb, so nannte er das Krokodillsthränen. Damals war ein junger Verwandter, aber weit älter als ich, als Lehrling in der Buchdruckerei meines Vaters. Dieser hatte sich durch Lügen, Naschen, Entwenden in den schlimmsten Ruf gebracht, und war nach vielen Zusammenkünsten und Besprechungen mit Befreundeten auf eine für mich geheimnißvolle Art verschwunden.[46] Ließ mein Vater seinem Unmuth nun vollends den Lauf, so nannte er mich den * * secundus: und sprach doch mein Gewissen von allen den Fehlern, die mir von Jenem nur zu bekannt waren, mich vollkommen frey. Dergleichen hatte ich nicht etwa sparsam, sondern bald jede Woche anzuhören, wodurch ich in meinem Innersten nicht blos niedergedrückt, sondern gleichsam vernichtet wurde, so daß ich mich häufig mit dem Gedanken herumtrug, aus einer Oeffnung in dem Gibel des Hauses mich auf die Straße herunterzustürzen, um dieser Pein ein Ende zu machen. Ich hörte zwar wohl etwa einmal meine Mutter ein paar französische Worte zwischenein sprechen, die vielleicht zu größerer Schonung riethen, konnte aber selten einen Erfolg merken. Möglich, daß das Sträuben gegen viele Worte bei nothwendiger Zurechtweisung Anderer jetzt noch Nachwirkung jener bittern Erfahrung seyn mag.

Man könnte leicht glauben, es hätte diesem so entmuthigenden, als übel berechneten Verfahren meines Vaters gegen mich Gleichgültigkeit, wohl gar Abneigung zu Grunde gelegen. Das aber war es im Geringsten nicht; ich würde auch sicher dessen nicht erwähnen, wenn ich nicht die volleste Ueberzeugung hegen dürfte, daß die Absicht gut, nur die Wahl des Mittels nicht die beste gewesen seye. Denn trotz dieser sehr unsanften Berührungen hielt er viel auf mich. Um mich für die sonstige Zurückgezogenheit zu entschädigen, nahm er mich jederzeit auf seine Spaziergänge mit; wenn er je des Sonntags – was aber selten geschah – auf ein benachbartes Dorf gieng, und dort mit andern seiner Bekannten ein Glas Wein trank, ließ er mich nicht zu Hause. Geschäfte führten ihn oft in das anderthalb Stunden entfernte Dorf Thaingen, wo er im Namen des minderjährigen Sohnes einer Tante meiner Mutter dessen erbliche Gerichtsherrlichkeit verwaltete, und von meinem sechsten Jahr an war ich beinahe jedesmal sein Begleiter. Aber durch dieses Alles ward der bildende Einfluß mit Altersgenossen nicht ersetzt; erst von meinem zwölften Jahr an konnte ich mich an zwei derselben enger anschließen.[47]

Mein Vater war ziemlich sparsam. Den Kindern Geld zu geben, hielt er nicht allein für unnöthig, sondern selbst für schädlich; und ich theile bis auf einen gewissen Grad diese Gesinnung. Auch von meinen Taufpathen erhielt ich nie etwas; der eine, mein Oheim, war wenige Jahre nach meiner Geburt gestorben, eine unverheirathete Tante gab mir etwa Kleidungsstücke zum Geschenk, die begreiflich keinen unmittelbaren Werth für mich haben konnten; so mußte ich mich für einen Crösus halten, wenn ich ein paar Kreuzer zusammenbrachte, die dann um so sorgfältiger verwahrt wurden. Um meinen ärmlichen Finanzen etwas aufzuhelfen, erbot ich mich einst als zehnoder eilfjahriger Knabe, meiner Mutter während der Ferien zu Verrichtung einer Handarbeit um den Preis von einem halben Gulden. Der Vertrag wurde eingegangen, und 14 volle Tage beinahe ausschließlich auf diese Arbeit verwendet. Wer war froher als ich, da mir nach deren glücklicher Vollendung die Einnahme eines halben Guldens entgegenwinkte? Ich lief also freudig, um meinen Lohn in Empfang zu nehmten. Aber wer mag sich meiner Verblüfftheit verwundern, als ich von meinem Vater mit den Worten abgewiesen ward: wenn ich die Arbeit um Geld hätte verrichten können, so hätte ich sie auch ohne dieses aus Dankbarkeit verrichten sollen; er müsse mir Nahrung, Kleidung und vieles Andere geben, daher dürfte ich mir auch wohl etwas gefallen lassen. – Da wandelte mich doch abermals die Ahnung an, als geschähe mir durch Verweigerung des so mühsam verdienten kleinen Lohns etwelches Unrecht.

Ein anderes Mal wurde mir befohlen, aus einem Behälter in der Hausflur alte Rebpfähle herauszuwerfen, und einem Mann, der sie kaufen wollte, vorzuzählen. Während ich hiemit beschäftigt war, kam die Magd mit dem Wassereinter auf dem Kopf. Sie achtetete des vor ihren Füßen liegenden Holzes nicht, und ich konnte sie aus meinem Verschlag weder sehen noch warnen. Unversehens purzelte sie hin, und warf den kupfernen Eimer auf die Treppe, gieng hinauf und klagte mich an, ich hätte ihr das Holz zwischen die Beine geworfen. Alle[48] Betheurungen meiner Unschuld und der Unachtsamkeit der Magd halfen nichts; ein paar Ohrfeigen reichem zur Bestrafung nicht hin, sondern ich wurde noch darüberhin von dem Mittagessen ausgeschlossen. Die Ungerechtigkeit dieser Sentenz lag so klar vor meinen Augen, daß ich mich mit vollem Recht in den Stand der Nothwehr gedrängt und – da ich sonst den ganzen Tag bei reisen Trauben in dem Garten zubringen konnte, ohne nur eine Beere zu berühren – keine Sünde zu begehen glaubte, da es mir möglich ward, einen Groschen zu entwenden, um das verlorene Mittagessen durch ein gekauftes halbes Pfund Brod zu ersetzen. Ich erinnere mich gar wohl, daß ich so argumentirte: die Magd habe gelogen, die Mutter ihr voreilig geglaubt, das entzogene Mittagessen seye mehr werth als der Groschen, somit könnten sich meine Eltern nicht beklagen, da ihnen noch immer ein Gewinn bleibe.

Aber durch eine eigene Handlung sollte der Abscheu, irgendwelches Unrecht zu begehen, recht tief und bleibend mir sich einprägen. Ich habe schon früher bemerkt, daß ich mit andern Kindern wenig Gemeinschaft hatte. Die Straße, in welcher mein elterliches Haus lag, war wenig bewohnt, nur gerade gegen über wohnte ein Fuhrmann, der ein paar Knaben meines Alters hatte. Da ich mich nie von der nächsten Umgebung des Hauses entfernen durfte, fand ich in diesen, so ungerne es von meinen Eltern gesehen wurde, und wie manche Vorwürfe ich deßwegen zu hören bekam, meine einzigen Spielgefährten. Die Abzugsrinne des Brunnens war die Stätte und bot zugleich das Material zu unsern Arbeiten. An einem Samstag – ich mochte ungefähr neun Jahr alt seyn – bemerkte einer der Buben: unsere Wasserbauten würden weit besser von statten gehen, wenn wir Werkzeuge dazu hätten. Hiezu könnten wir leicht kommen. Es seye heute Wochenmarkt, an welchem die Töpfersfrauen Geschirr feil böten; wenn wir uns daher auf den Markt begäben, könnte es uns nicht schwer fallen, ein paar kleine Töpfe zu stehlen. Der Vorschlag gefiel mir. Wir schlichen uns auf den Markt; als aber die That ausgeführt werden[49] sollte, ward es mir doch unheimlich, und ich glaubte die Erfüllung meiner Verbindlichkeit und das Gewissen dadurch in Einklang zu bringen, daß ich ein Töpfchen nahm, dessen Boden zerbrochen, welches mithin werthlos war. Aber schnellen Fußes ereilte mich die Strafe. Die Töpfersfrau mochte mich gekannt, oder meinen Namen erfahren haben, und machte sich sogleich auf, um vor meiner Mutter Klage zu führen. Kaum war ich in das Haus zurückgekehrt, so hatte ich ein Examen zu bestehen, welches nur kurze Zeit dauerte, da ich nichts läugnen konnte. Sogleich wurde ich in eine alte Küche eingesperrt, und bis am Abend mir selbst überlassen. Als die Zeit der Dämmerung nahte, trat meine Mutter mit einem kleinen Bündelein und einem Laib Brod in die Küche und erklärte mit kurzen Worten: sie wolle einen Dieb nicht länger im Hause behalten, ich könne hingehen, wohin ich wolle; aus Barmherzigkeit gebe sie mir ein Hemd und ein Paar Strümpse, auch, damit ich bei spätem Abend nicht verhungere, ein Brod mit. Was nun erfolgte, kann man sich denken. Ich aber war damit von jeder Anwandlung, auf ungerechte Weise Etwas an mich bringen zu wollen, für immer geheilt, und wo ich jetzt noch von ungerechter Erwerbung höre, kömmt mir jener Samstagabend und die Küche zu Sinn.

Neben diesen persönlichen Erfahrungen vernahm ich dann noch von meinem Vater Manches, was mir gegen Alles, was auf anderem, als auf offenem und redlichem Wege erzielt werden wollte, einen tiefen Abscheu einpflanzte. Theils waren es Mittheilungen von Ränken und Kniffen, welche Gewaltige oder nach Einfluß Strebende in den Verhältnissen unserer Stadt bei mancher Gelegenheit in Anwendung gebracht hatten, theils Rückerinnerungen aus der Zeit, da er als Landvogt zu Lugano gewaltet. Ich hörte ihn oft sagen, daß er jeden Tag in die Landvogtei zurückkehren und mit gutem Gewissen Jeden zur Erklärung auffordern wollte, ob er je das Recht gebeugt hätte, obwohl es an ertragreichen Anmuthungen hiezu nicht gefehlt habe. Bei den zu der Stellung nicht im Verhältniß stehenden Einkünsten[50] seye es ihm nicht befremdlich gewesen, daß ein verheiratheter, oft von erwachsener Familie umgebener Landvogt, der nicht aus eigenen Mitteln habe zusetzen können oder wollen, mancherlei sich hätte erlauben müssen, um in äusserem Auftreten als erste Person der Landvogtei gegen die reichern adelichen Familien sich nicht in den Schatten zu stellen, und hiemit an seinem Ansehen einzubüßen. Da er aber unverheirathet gewesen, hätte er mit dem rechtlich Bezogenen ganz gut auskommen, alles Andere daher immer von der Hand weisen können. Eine Bestätigung dieser gelegentlich mir gemachten Bemerkungen lag für mich in der Acusierung eines Freundes, daß er nach vollen dreissig Jahren, und nachdem die Revolution längst einen Kanton Tessin gebildet hatte, noch anerkennende Erinnerungen an die Verwaltung meines Vaters dort vorgefunden habe.

An dieses knüpfte sich eine andere Mittheilung, die mir mein Vater schon in frühern Jahren gemacht hatte, als Lehre, daß man nie auf krummen Wegen zu Ehrenstellen und Ansehen gelangen dürfe, daß ein rechtlicher Mann dergleichen entschieden verabscheue. Der Pfingstmontag war der Tag, an welchem seit vielen Jahrhunderten die Bürger meiner Vaterstadt alljährlich ihre Obrigkeit wählten. Niemand hatte seine Stelle für länger als ein Jahr, und in jedesmaliger Erwählung neuer Personen wäre bloß ein vollkommen zuständiges Recht geübt worden. Aber die gegebenen Verhältnisse zogen natürliche Schranken; die Gewohnheit in unfürdenklicher Uebung trat an die Stelle der Vorschrift; abgesetzt und nicht mehr gewählt werden, bildete daher seit langen Zeiten einen und denselben Begriff. Ich erinnere mich während des letzten halben Jahrhunderts der Souveränetät meiner Geburtsstadt eines einzigen Falles dieser Art. Die beiden ersten Vorsteher jeder Zunft waren Mitglieder des »kleinen Raths« (wofür heutzutage die geschwollene Benennung »Regierung« gebraucht wird), der dritte war Beisitzer einer richterlichen Behörde. Dem regelmässigen Gang gemäß, den damals alle öffentlichen Einrichtungen nahmen, rückte bei[51] dem Ableben einer der beiden Erstern dieser Letztere gewöhnlich in dessen Stelle ein. Nun geschah es in der Mitte der achtziger Jahre, daß ein Theil der Zunftgenossen meines Vaters gegen den Einen jener Beiden kein großes Vertrauen mehr hegte, oder daß derselbe irgend einer Ursache wegen ihre Gunst verscherzt hatte. So bildete sich kurz vor Pfingsten ein Complott, um ihn bei dem nächsten Wahltage auf die Seite zu setzen und meinen Vater an dessen Stelle zu bringen. An der Spitze der Verbindung stand mein Oheim, der aber Ursache genug hatte, die Sache seinem Bruder gegenüber sehr heimlich zu betreiben. Amt Vorabend des Wahltages (ich könnte selbst die Stelle an der Stadtmauer nennen, wo es geschah) wurde meinem Vater der Anschlag kund gethan, worauf er alsbald zu seinem Bruder eilte und ihm in den bestimmtesten Ausdrücken erklärte: wenn er nicht augenblicklich die Sache rückgängig mache, so werde er ihn sein lebenlang nie mehr Bruder nennen; wollte aber der Anschlag dennoch ausgeführt werden, so möchten die Zunftgenossen zu der Stelle im kleinen Rath wählen, wen immer sie wollten, nie aber wähnen, daß er auf Kosten eines Andern, gegen welchen kein zureichender Grund des Mißvergnügens sich nachweisen lasse, vorwärts zu kommen gedenke. Hiemit war das Vorhaben vereitelt. Nicht die Zeiten (wie man gewöhnlich sagt), aber die Menschen haben sich geändert. Denn wenn auch das Wegschieben Anderer, um selbst voranzukommen, nicht gerade offen getrieben wird, so setzt man sich doch mit vollem Behagen an die Stelle desjenigen, welchen manchmal nur Laune, Intrigue, Meinungsverschiedenheit, sogar in einzelnen Fällen blos eine eigene Ansicht von derselbigen wegtreiben. – In Bezug auf mich aber waren durch alle angeführten Vorgänge, Erlebnisse, Mittheilungen und daraus hervorgehenden Winke einer Seite des Charakters die Grundzüge eingeprägt, die nie wieder verwischt werden konnten, gegentheils mir zur wesentlichen Kraft wurden, um diejenigen Gesinnungen in mir herauszubilden und manche derjenigen Handlungen zu veranlassen, in denen ich nur wieder Mittel anerkennen muß,[52] wodurch ich an das Ziel sollte geführt werden, an welches die Vorsehung zuletzt mich geleitet hat.


Zu der damaligen Schulordnung gehörte, daß die Schüler jeden Sonntag Zweimal, des Donnerstags Einmal, die Hauptkirche besuchen mußten. Vor dem sonntäglichen Morgengottesdienst hatten sie sich, bis das Gymnasium in ein zweckmässigeres Local, aber weiter von der Kirche entfernt, verlegt wurde, Jedesmal in jenem zu versammeln und von da paarweise nach dieser zu ziehen. Zwischen der Kinderlehre und dem Abendgottesdienst stand die Wahl frei, am folgenden Tage aber wurde Nachfrage gehalten, ob sie jener oder diesem beigewohnt hätten; das Ausbleiben gieng nie ungerügt hin. – Ließe sich eine Absicht denken, den Kindern von frühester Zeit Abneigung gegen den Kirchenbesuch auf alle Zukunft einzupflanzen, man hätte sicher keine zweckmässigere Einrichtung aussinnen können. Fürs erste waren den Schülern Plätze auf der Emporkirche hinter der Kanzel angewiesen, von wo sie den Prediger unmöglich sehen und ebensowenig, zumal die jüngsten, die an der äussersten Mauer ihre Bank hatten, hören konnten. Sodann war der damalige Antistes ein beinahe achtzigjähriger Greis, dessen Predigten auch von Erwachsenen nicht besucht wurden, weil bei fremdem Dialekt und zitternder Sprache beinahe Niemand ihn verstand, auch die herrnhutische Richtung, welcher er folgte (man fand nach seinem Tode die Ernennung zum Bischof der Brüdergemeinde bei ihm), zu jener Zeit nur sehr wenig Anklang fand. So mußten, besonders im Winter, bei leichter Kleidung (denn damals wußte man noch nichts davon, die Kinder durch Pelzwerk, Mäntel und Alles, wessen oft selbst die erwachsenen Personen noch entbehrten, zu schützen) fünf Viertelstunden in der peinlichsten Lage, ohne den mindesten Gewinn, vertrauert werden.

So wenig sonst mein Vater über Einrichtungen oder Personen[53] vor mir tadelnd sich vernehmen ließ, so bewies er doch hierüber seine sonstige, gewiß vernünftige und wohlthätige Zurückhaltung nicht immer. Er äusserte sich manchmal gegen den Zwang, welchem Kinder von 8–9 Jahren in strenger Winterkälte unterworfen würden, um den Vorträgen eines Predigers beizuwohnen, den sie nicht sehen, nicht hören, nicht verstehen könnten, der selbst die Erwachsenen nicht anziehe. Auch war diese Verpflichtung zur Kirche das Einzige, womit es von meinen Eltern nicht so streng genommen wurde, wenn ich mich entweder verschlief, oder, um zu Hause bleiben zu können, dieses, jenes vorschützte. Als dann bald hierauf meines Vaters Freund Habicht an die zweite geistliche Stelle der Stadt berufen wurde, ließ er sich durch die (übrigens immer laxer beobachtete) Vorschrift der Schule nicht mehr binden, sondern jeden Sonntag mußte ich ihn in die Kirche, worin dieser predigte, begleiten. Kirche, sagte er, seye Kirche, und man besuche sie nicht, um darin gewesen zu seyn, sondern um den Prediger zu hören und zu verstehen. Bei allem dem gieng ich aber doch nur in die Kirche, weil ich mußte. Als ich aber im 12ten Jahr französisch zu lernen begann und nur erst einige Fortschritte gemacht hatte, zog ich die französische Kirche vor, unter dem Vorwand, es wäre dieß zugleich eine gute Uebung; eigentlich, weil dort die Predigt weit kürzer dauerte.

Wollen wir aufrichtig sprechen, so müssen wir gestehen, daß der reformirte Gottesdienst für Kinder bloß ein andictirtes, daher höchst schwaches Interesse haben kann, und dieses um so schwacher, je beweglicher die Kinder, mit je lebhafterer Einbildungskraft begabt sie sind. Sprechet ihnen von Gott, aller Menschen, also auch ihrem Vater, von ihm, als dem gemeinsamen Wohlthäter und Erhalter, von Christo, ihrem Herrn, Erlöser und Beschirmer, wecket in ihnen Gefühle des Dankes gegen die sie überall begleitende Gottheit, stellet es ihnen als Pflicht vor, jenen Gefühlen im Gebete Worte zu verleihen, – sie werden begierig Euch zuhören, es wird leicht werden, ihnen euch verständlich zu machen, sie werden freudig die Händchen[54] falten, die vorgesprochenen Gebete euch nachstammeln, und nachher aus freyen Stücken dieselben wiederholen; denn neben dem Zug zu der Welt schlummert in den Menschenherzen auch derjenige zu Gott, und das Gebet ist der Uebergang desselben in das Bewußtseyn, ein Hervortreten desselben zur Selbstthätigkeit. Nehmet ferner die heilige Schrift, durchgehet mit den Kindern Stücke derselben, die ihrer Fassungsgabe angemiessen sind, deutet ihnen hin auf den Reichthum der Weisheit und Tiefe, die darin liegt, es wird euch nicht schwer fallen, ihre Aufmerksamkeit zu feßeln, die Keime der Gotteserkenntniß und Gottesfurcht in ihnen zu wecken und durch das concrete Bild die Liebe zur abstracten Wahrheit in ihnen anzufachen. Sprechet ihnen aber von der Pflicht, Gottes Wort in langer Rede sich verkünden zu lassen, mahnet sie durch alle, hiefür sprechenden Gründe an die Nothwendigkeit, stumm und unthätig, weil unangeregt, eine beträchtliche Zeit durch an demjenigen Theil nehmen zu sollen, was man Gottesdienst nennt, treibet sie durch Beispiel und Befehl in die Kirche – trotz alles dessen wird schwerlich ein Wort der Predigt ihnen so theuer seyn, als das Wort »Amen.«

Nehmet hundert Predigten, und wenn ihr eine um die andere gelesen habt, so beantwortet Euch unbefangen die Frage: ob von allen Kindern, die in der Kirche gewesen seyn mögen, viele aufmerksam ihr werden gefolgt seyn, deren Inhalt aufgefaßt und verstanden haben? Unbeweglich, ohne daß seine Individualität durch irgend etwas Aeußerliches in Anspruch genommen wird, soll das Kind eine Stunde lang sitzen und, frey von allen Nebengedanken, seinen Geist auf metaphysische Erörterungen oder moralische Abhandlungen richten. Wer möchte der Aufgabe gewachsen seyn, dieselben für seine beschränkte Fassungsgabe auf erforderliche Weise zu bereiten? zumal es in der reformirten Kirche nicht gebräuchlich ist, die abstracten Wahrheiten an concreten Beispielen, sofern die heilige Schrift dergleichen nicht darbietet, nachzuweisen, sie sonach, weil anschaulicher, auch verständlicher zu machen. Man spricht so gerne von[55] todtem Mechanismus; ein todterer Mechanismus aber, wenigstens für Kinder, läßt sich nicht denken, als die Anhörung einer Predigt, besonders wenn dann noch ihr Inhalt langweilig, ihre Formt trocken, der Vortrag eintönig oder sonst zurückstoßend ist. Abgesehen von der Ausstattung der Kirchen und von den verschiedenem Mitteln, die durch den Canal der äussern Sinne auf den innern wirken, durch die Thätigkeit der Einbildungskraft das Gemüth anregen können, fordert doch der katholische Gottesdienst etwelches Mitwirken der Anwesenden, macht er doch in dem Niederknieen, Bekreuzen, an die Brust Schlagen eine gewisse Selbstthätigkeit möglich, nöthigt er zu einiger Aufmerksamkeit.

Ich sprche hier aus zweifacher Erfahrung; zuerst, in klarer Erinnerung, wie sehr ich als Knabe in die Kirche hineingetrieben, äusserst selten dagegen hinein gezogen wurde; sodann, aus Beobachtung der Theilnahmslosigkeit, die ich auf dem Land und in der Stadt bei der Jugend meistens wahrnehmen mochte; ungeachtet ich wohl andeuten dürfte, daß Eintönigkeit und Kälte, so wenig als Hast oder einschläfernde Langsamkeit, mir als Prediger je möchte zum Vorwurf gemacht worden seyn. Zu dem Beten dagegen, was meine Mutter frühzeitig mich lehrte, dabei durch Gegenwart oder nachherige Erkundigung sorgte, daß es nicht unterlassen werde, mußte ich nicht gezwungen werden. Warum? Die Gebete dauerten nicht eine endlose Zeit, ihr Inhalt stand meinen Begriffen näher, die Worte regten meine Gefühle an, ich konnte durch Lesen oder Hersagen selbstthätig dabei seyn. Ich glaube, daß auch in den reifern Jahren noch bei den meisten Personen hinsichtlich des auf das Predigen beschränkten oder eigentlich mit demselben verwechselten Gottesdienstes, wenn sie auch dessen nicht Wort haben wollen, jener Druck der Einförmigkeit im Hintergrund lauere. Woher käme es denn sonst, daß, sobald man nur vernimmt, es werde ein Geistlicher predigen, den man sonst selten zu hören Gelegenheit hat, wohl gar ein Fremder – und dann von je ferner her, desto besser – ja daß selbst dann, wenn man[56] nicht weiß, weß Geistes Kind er seye, was er vortragen und wie er durch seinen Vortrag befriedigen werde, die Kirchen viel zahlreicher besucht sind, als wenn zu gleicher Zeit der gewöhnliche Prediger die Kanzel betritt? – Die durch das lange Jahr sich durchschleppende Monotonie der gänzlichen Passivität bei dem Gewohnten wird für einen Augenblick unterbrochen. Was in der katholischen Kirche durch eine grössere Solennität (die aber nicht zufällig auftaucht, sondern ihre natürliche Veranlassung in der höhern Bedeutung eines jeden festlichen Tages findet) bewirkt wird, das wird hier durch die blosse Neugierde bewirkt; über dem Verlangen zu wissen, was der Fremde könne, welcher Richtung (in der protestantischen Kirche kein geringes Moment) er denn angehöre, welchen Vortrag er habe, wie er gefallen möge, über der Neigung, Vergleichungen anstellen, nachher sein Urtheil abgeben zu können, tritt der eigentliche Zweck, welcher einzig und allein in die Kirche führen sollte, in den Hintergrund. Ausserdem, wie oft ist nicht zu hören: diesem, jenem Geistlichen mag ich nicht in die Kirche gehen, er ist mir zu langweilig, er macht widerwärtige Bewegungen auf der Kanzel, sein Vortrag ist zu schläfrig, er ist zu weitschweifig u.s.w.; dann wieder, besonders in neuerer Zeit: dieser, jener predigt nicht das lautere Wort Gottes, er gehört nicht zu den Auserwählten, er hat nicht den wahren Geist, er predigt eben, aber...? Alles dieses beweist, daß die objective Seite des Gottesdienstes dergestalt verwischt ist, daß Niemand dessen auch nur eine Ahnung hat, es gebe eine solche, es müsse eine solche geben, sie seye, sobald man das Wort Gottesdienst anders denn als blossen Klang gebrauche, die wesentlichere und nur bei deren reiner Anerkennung seye die andere, die subjective, wahrhaft möglich.

Daher emporte mich von jeher der tausendmal vernommene Ausdruck: man gehe dem Pfarrer in die Kirche, etwa wie man dem Professor in die Vorlesungen geht. Nach solcher Vorstellung beruht eigentlich Alles auf dem Pfarrer, was vermöge meiner Ueberzeugung: der Geistliche seye Botschafter an Christi[57] Statt, stets entschieden von der Hand gewiesen werden mußte, und öfters die Entgegnung hervorrief: »Der Pfarrer geht euch nichts an; Gott, euerem Herrn und Heiland, und dann euch selbst habt ihr in die Kirche zu gehen.« Daher ist es aus meiner innersten Anschauung hervorgegangen, wenn ich je zuweilen (freilich die unabweisliche Realität, wie dieselbe protestantischer Anschauungsweise unvertilgbar eingepflanzt ist, zu wenig berücksichtigend) wider das Beurtheilen, am kräftigsten aber immer wider das persönliche Anpreisen der Botschafter an Christi Statt gesprochen und auf die Worte des Apostels mich zurückgezogen habe: »ich achte es wenig, daß ich von euch gerichtet werde, oder von menschlichem Gerichtstage; auch richte ich mich selbst nicht, Einer nur ists, der mich richtet.« Deßwegen auch selbst habe ich während etlichunddreissig Jahren, in denen ich das Predigtamt verwaltete, immer durch die sonntäglichen Gebete, weil an diese doch noch eine objective Seite, eine Huldigung gegen Gott, ein eigentliches Unterwerfen unter Gott (Dienen) sich knüpfte, Jederzeit bewußter in Andacht erhoben mich gefühlt, als durch die Predigt, in welcher nothwendig die eigene Person mehr hervortreten mußte. Auch damit stellte ich mich zu manchen meiner Collegen in einen Gegensatz, indem Einzelne von ihnen diese Gebete, als etwas immer Wiederkehrendes, in eintöniger Weise herleyerten, oder in eilender Hast herunterhaspelten, damit ja bald möglichst die Zuhörer zu dem gelangen konnten, was aus eigenem Gebäcke für dieselben in Bereitschaft stand.

Aus eben diesem Grunde verabscheute ich den bestehenden Gebrauch, daß alle Samstage eine Person bei sämmtlichen Geistlichen der Stadt herumgieng, um zu fragen, ob sie predigen würden, oder wer allen falls an ihrer Statt predige und dann solches in den Häusern ansagte. (Jetzt lassen sie es zum Trost des Publikums im Intelligenzblatt neben den Steigerungen und den zur Vermiethung stehenden Wohnungen bekannt machen.) Ist es zu schneidend, wenn ich diesen Gebrauch den Theaterzetteln der Städte, den Speisezetteln der Restaurationen vergleiche? Auch jene künden dem Publikum an, nicht nur[58] welche Stücke gegeben, sondern welche Schauspieler in den Hauptrollen erscheinen werden; diese, womit der Koch das Bedürfniß der hungernden Gäste zu laben vermöge. Auch bei jenen gibt der individuelle Geschmack jetzt dem Einen, dann dem Andern den Vorzug; auch bet diesen will die Luft zu Stoff oder Zuthat nicht aufs Gerathewohl in den Topf greifen. Läuft es nicht mit solcher Bekanntmachung an das »geneigte Publikum« darauf hinaus, daß ich, bevor ich nach Hut und Gesangbuch greise, erst versichert seyn wolle, es werde mir dargeboten, was meinen Ansichten, was meinem Geschmack zusage, was mich's nicht bereuen lasse, die Stunde daran gesetzt zu haben? Wenn aber das Individuum in die Kirche mich locken oder aus derselben verscheuchen kann, wo bleibt dann das Verlangen nach den Heilswahrheiten, das Sehnen nach Gottes Brünnlein, das Wassers die Fülle hat, wo bleibt der Begriff des Gottesdienstes? Kaum wird Jemand, der irgend einer Angelegenheit wegen je mein Zimmer betreten will oder muß, mir den Vorwurf unfreundlichen Empfangs, oder mürrischer Antwort machen können. Die Frage aber, ob ich des andern Tages predigen werde, wurde stets mit Mißmuth angehört, bisweilen auch blos mit der Aeusserung beantwortet: es wird gepredigt werden. Wäre es irgendwie möglich gewesen, diesen Gebrauch zu beseitigen, ich würde eine Pflichterfüllung darin gesehen haben; denn ich hielt ihn und halte ihn noch für eine, dem wahren Begriff von Gottesdienst stracks widerstrebende, darum verwerfliche Gewohnheit. Dieser Begriff zwar, wie derselbe während meiner ganzen amtlichen Thätigkeit unter unabweichlichem Festhalten in mir lebte, das sehe ich erst jetzt, seitdem ich manche meiner Ueberzeugungen in nähere Prüfung zu ziehen Muße hatte, vollkommen ein, ist kein ächt reformirter, denn er setzt eine Autorität, eine über Allen, über dem Botschafter wie über denen, an welche die Botschaft ausgerichtet werden soll, stehende Autorität voraus; er räumt weder der subjectiven Willkür noch dem Geschmack das unbestrittene Recht ein; er überläß ihnen einzig die Formt, fordert aber für den[59] Stoff die Anerkennung des Anvertrauten, darum gewissenhaft zu Bewahrenden. Insofern freilich war und bleibt jener Begriff ein katholischer. Zu jener Zeit trug ich denselben in mir als bewußtlose Regung, als eingepflanzte, aber nicht entwickelte Idee; jetzt sind Grund und Beziehung desselben mir klar geworden.

Der Wille, dem Pfarrer in die Kirche zu gehen, läßt durch das reformirte Kirchenwesen vollkommen sich rechtfertigen: der Gottesdienst hat sich in einen Lehrvortrag verwandelt. Bei einem solchen ist es ganz natürlich, daß die Anziehekraft theilweise zwar wohl durch dessen Inhalt, aber eben so sehr durch die Aeusserlichkeiten desselben bedingt ist. Hat man nicht erfahren, daß oft grundgelehrte Professoren auf Universitäten ohne Zuhörer bleiben, bloß deßwegen, weil sie die Gabe eines gefälligen Vortrages nicht besitzen; daß andere dagegen, die mit solcher begabt sind, bei ungleich minderer Gründlichkeit ihre Hörsäle gefüllt sehen? Darum habe ich bei dem stets bitter gefühlten Mangel an aller Objectivität des Gottesdienstes mich bemüht, in den Inhalt und die Ausführung meiner Predigten hievon soviel aufzunehmen, als diese nur immer zulassen. Darum blieb stets die trostlose Kleinkrämerei einer von dem Glauben abgetrennten Moral von mir unberührt, und war jener, mit der Anforderung seines Hervortretens an dem gesammten Leben in der unendlichen Reichhaltigkeit dieses Stoffes, das alleinige Gebiet, auf dem ich gerne weilte, mich heimisch fühlte, zu eigener Erquickung mich ergieng. Eben deßwegen waren meist die Advents- und andern Festpredigten diejenigen, welche mich selbst am meisten befriedigten, denen ich die größte Aufmerksamkeit zuwendete; weil in denselben ein Stoff lag, welcher dem Glauben zur Annahme sich darbot, hiemit aber den innern Menschen zusammt seinen Beziehungen nach aussen und nach oben in das wahre Sonnenlicht stellte.

Wie das Aufhören alles eigentlichen Gottesdienstes (nach dem strengsten Sinne dieses Wortes) und das Beschränken desselben auf einen bloßen irgendwelchen Lehrvortrag dem Besuch[60] der Kirche eine durchaus veränderte Richtung gegeben habe, dessen überzeugte ich mich einst an einem Weihnachtsfeyertag Nachmittags zu so größerm Verdruß, weil es in meiner eigenen Kirche statt fand. Der Diakon hatte einem fremden Geistlichen die Predigt überlassen. Schon das Thema, welches derselbe ankündigte: über Erziehung, nachgewiesen an der muthmaßlichen Obsorge der Mutter Jesu um diesen ihren Sohn, – war für mich ein, mit meinem Begriff von diesem Tage und den Anforderungen desselben an die Verkündigung der Heilswahrheiten, durchaus unvereinbares. Die Rede selbst war ihrer geschniegelten Form und ihrem allgemeinen Inhalt nach eine solche, wie sie für einen Abendcirkel sogenannter gebildeter Herren und Frauen in einem wohlerleuchteten Salon unter herumgebotenen Reffraichissements ganz beifallswerth gewesen wäre. Dem Publikum aber, welches den Fremden noch niemals gehört hatte, somit in neuem Gefäß ein neues Gericht sich vorgesetzt sah, galt sie für eine gänzlich befriedigende und passende Predigt, wofür sie aber blos wegen der Stätte, des Tages, der Stunde und der Versammlung wegen, an, zu und vor welcher sie gesprochen wurde, gelten konnte. Wäre nicht ein Weihnachtslied gesungen, wäre nicht das gewohnte Festtagsgebet gelesen worden, so hätte man das Uebrige eher für ein schöngeistiges Nachmittags-Divertissement, als für einen Gottesdienst halten mögen. Daher war es meine Ueberzeugung seit vielen Jahren, daß mit dem vielbeliebten und vielgebrauchten Spülwasser-Ausdruck »Kanzelredner« wider Meinung und Ansicht ein Krebsschaden unserer Zeit, an welchem oft katholische wie protestantische Kirchen leiden, treffender und erschöpfender bezeichnet werde, als der Zungenschliff es ahne. Wie oft wird nicht derjenige, welcher von einem Botschafter an Christi Statt das Wort der Versöhnung zu vernehmen begierig wäre, mit eitel Kanzelrednerei abgefertigt, hat darum mit seiner Anwesenheit in der Kirche einen Menschendienst geleistet, indeß er in gutmüthiger Befangenheit meinte, des Gottesdienstes gewartet zu haben?[61] Bei der gänzlichen Beseitigung aller Ober- und Unterordnung, in welcher der Protestantismus seine vornehmste Errungenschaft verehrt; bei der Vertauschung einer von oben gegebenen Lehre in subjective Ansichten und Meinungen, bei der unbeschränkten Geltung, welche er für das Individuum in Anspruch nimmt, bei der unwiderruflichen Autorität in Glaubenssachen, womit er jeden Einzelnen, diejenigen aber, welche zu Volkslehrern bestellt werden, vordersamst ausstattet, kann es nicht befremden, daß manchen Orts die Verkündung der Heilswahrheiten, wie sie an und in Christo sind geoffenbart worden, vielfältig in eitel Kanzelrednerei, in einen Ohrenkitzel, durch etwelche christlich tönende Phrasen verbrämt, umschlägt; daß aber dergleichen auch in der katholischen Kirche und oft mit großer Selbstbewunderung betrieben wird, da wo die Lehre in ununterbrochener Ueberlieferung an denjenigen hinaufreicht, der gekommen ist, um »uns kund zu thun Alles, was er von dem Vater gehört hat«, wo dieselbe durch eine bedeutungsvolle Reihe von Concilienbeschlüssen formulirt worden ist, wo zu deren Ueberwachung anerkannte Autoritäten gesetzt sind, wo so viele glaubensdurchglühte Väter der Kirche als unerreichbare Vorbilder zu dem Herold christlicher Wahrheit in engerer und lebendigerer Beziehung stehen, als bei den Protestanten: das ist eine unermeßliche Calamität, zu deren Abwehr Alle diejenigen sich verbinden sollten, bei denen vor der Thatsache, daß gepredigt werde, das Was und Wie nicht zur inhaltschweren Frage werden kann. Wenn auf dem einen Prediger der zweideutige Ruhm lastet: es hätte jeder Gebildete denselben hören können, ohne je an einer Hindeutung auf die heilige Jungfrau Anstoß nehmen zu müssen; wenn von dem andern bezeugt wird, Damengunst vorzüglich, die er im geschmeidigen Vortrag sich zu erwerbem gewußt, hätte auf eine ansehnliche Kanzel ihn erhoben; wenn ein Dritter in gekräuseltem Haar die Bewegungen und sein Gebährdenspiel, womit er im Hause des Herrn religiöse Empfindungen hervorrufen will, vor dem Spiegel einstudirt; wenn ein Vierter durch gesuchte Bilder, in lispelndem[62] Ton vorgetragen, es darauf anlegt, Beifall sich zu erschmachten, dann wahrlich wird die Stätte, von der niederschmetternd und aufrichtend, zerschlagend und mildernd, ausschließlich das Wort ewiger Wahrheit erschallen sollte, zum Suppleanten des Theaters, das zweischneidige Schwert, welches Mark und Bein und des Herzens innerste Gedanken durchdringen sollte, zur Badine in der Hand eines geckenhaften Zierbengels herabgewürdigt. Nicht allein trage ich kein Bedenken, dergleichen, wie behaglich auch der selbstgefällige Stumpffinn gegen weckende und durcharbeitende Wahrheit mit sothaner Unzucht liebäugeln möge, für gewissenlose Entweihung des höchsten Amtes, das unter Menschen gesetzt ist, für einen pestartigen Krebsschaden, für weit verderblichere Unthat zu erklären, als wenn Einer geradezu von der Kanzel den Unglauben verkünden, der Unsinlichkeit das Wort reden würde; denn hieran konnte dich in Manchen der nicht ausgerottete Glaube, die nicht erstorbene Regung zu sittlichem Leben zu kräftigerem Widerspruch erwachen, indeß durch jenes sie beide unvermerkt aus den Gemüthern herausgeredet werden und nichts zurückbleibt, als der farb- und geschmacklose Bodensatz einer gesellschaftlichen Convenienz und Honnettetät. Jedoch ruht in katholischen Gemüthern hiefür immer noch ein etwelches Gegengewicht darin, daß der Predigt kein größerer Vorzug eingeräumt wird, als derselben gebührt, und daß Niemand sie mit dem eigentlichen Gottesdienst, auf welchen allein der wahre Werth gelegt wird, verwechselt; was bei denjenigen, welche dabei auf den sogenannten Kanzelvortrag ausschließlich angewiesen sind, und in demselben Alles suchen müßen und finden sollten, niemals der Fall seyn kann.

Welcher Mißgriffe, Fehler, Verirrungen ich mir auch bewußt seyn mag, der häßlichsten, verächtlichsten, entwürdigendsten, in die ein Botschafter an Christi Statt verfallen kann: der bloßen Kanzelrednerei, habe ich nie mich schuldig gemacht. Schwerlich hätte es selbst der abgeneigtesten Gesinnung je einfallen können, in einer andern Kirche (in Anspielung auf meine Person) einem Dritten ins Ohr zu raunen: ici est la foi, [63] (wo ich gewesen wäre) sont les paroles, wie in späterer Zeit geschehen seyn soll. Denn anderes, als wozu mit dem unerschütterlichsten Glauben ich mich bekannte und noch bekenne, und was mit demjenigen, das von allen Gläubigen zu allen Zeiten bekannt worden ist, übereinstimmt, habe ich niemals verkündet. Vor Abirrung hievon, wie vor Anbequemung an das, was gerne gehört wurde, bei innerer Abweichung, bewahrte mich einerseits die Anerkennung nicht blos allgemleiner Berufung von oben, sondern eines ganz bestimmten, klar verfaßten und genau vorgezeichneten Auftrages durch denjenigen, als dessen Botschafter ich auftreten zu müssen glaubte; anderseits ein Gefühl innerer Würde, die weder zum geistlichen Amüsement Anderer sich hergeben, noch durch gefälligen Ohrenkitzel deren Beifall erwerben wollte. Ich habe daher jene Mittel zu diesem Zwecke, mögen sie nun in dem Stoff oder in der Form liegen, stets entschieden verschmäht. Niemals hätte ich es mir abgewinnen können, da, wo ich als Botschafter an Christi Statt sprechen zu sollen mir bewußt war, die Botschaft mit Stadtneuigkeiten, oder mit Vorfällen, zu deren Berichterstattung die Zeitungen vorhanden sind, zu würzen; nur sparsam, nur wenn in der Veranlassung die genügendste Rechtfertigung lag, habe ich über Kindererziehung mich ergangen; nie habe ich die Gelegenheit herbeigezogen, um über Tod, Trennung und Wiedersehen zu schöngeistern, und niemals es darauf angelegt, die Zuhörer in Schwämme zu verwandeln, die bei dem leisesten Druck stromweise triefen. Auf Wortreichthum, Phrasenflitter, Bilderfülle Jagd zu machen, habe ich ebenfalls verschmäht; bot das Eine oder Andere von selbst sich dar, dann natürlich wurde es nicht abgewiesen, immer aber dem Höchsten und Letzten, dem Einen und Allen untergeordnet. Daher konnte ebensowenig von Berücksichtigung des Geschmackes oder der Neigung derjenigen je die Rede seyn, an welche die Botschaft ausgerichtet werden sollte; dieses Alles betrachte ich als Redensarten und Bestrebungen, die für mich gar nicht vorhanden waren. Wenn ich auch einige Wahrheiten behutsamer berührt habe, weil ich wohl wußte,[64] wie weit deren Anerkennung gehe, und wie ein tieferes Eindringen in dieselben nichts nützen, wohl aber Nachtheil hervorrufen würde, so darf ich doch vor demjenigen, der in die Herzen siehet, bezeugen, daß ich nie auch nur einen Satz ausgesprochen habe, von dessen Wahrheit ich nicht innigst überzeugt gewesen wäre, dessen Einklang mit der uralten Glaubenslehre nicht sich hätte darthun lassen. Noch weniger gebrauchte ich je, wofür es an hochgepriesenen Autoritäten nicht gemangelt hätte, Worte, Ausdrücke und Redensarten als normalmässig gebaute Vorderthüre zu ganz anders construirten Hintergedanken, welche norddeutsche Erfindung so gelehrige Praktiker herangezogen hat. Worte, Ausdrücke und Redensarten mußten stets in meinen Predigten den Vollgehalt haben, in welchem sie in der christlichen Kirche überall und von jeher ausgeprägt worden sind, und vor jedem Versuch, einer falschen Alliage das Gepräge des Weltheilandes aufzudrücken, wäre ich zurückgeschaudert. Darum hielt ich stets nur Predigten im uralten Sinne des Wortes: Botschaften der in Christo erschienenen Gnade; Kanzelrednereien, Orationen, bloße Vorträge, unter denen man sich denken kann, was man will, blieben mir immerfort ein fremdes Gebiet.


Der Pfingstmontag des Jahres 1797 war der letzte, an welchem die Bürgerschaft meiner Vaterstadt in dem vollen Bewußtseyn ihrer Herrlichkeit erscheinen konnte. Unter dem schirmenden und segnenden Krummstab von Allerheiligen-Abtey erwachsen, darauf durch die Macht der Verhältnisse und lauter tadelfreye Mittel allmählig zu freyerer Selbstständigkeit sich emporarbeitend, abwechselnd nur den Kaiser, dann als Pfandherrschaft die Herzoge von Oesterreich als Oberherren anerkennend, hatte sie unter deren mildem Scepter im Jahr 1411 ihre Verwaltung in einer Weise geordnet, wie wir diese mit mancherlei Schattirungen bei den meisten Städten jener Zeit finden. Vermöge[65] damals getroffener Einrichtung wählte die Bürgerschaft, in zwölf Zünfte getheilt, alljährlich am Pfingstmontag ihre Räthe und ihre richterlichen Behörden. Es war eine vollkommen demokratische Verfassung, von derjenigen der freyen Länder in der Schweiz nur darin unterschieden, daß bei uns der Gesammtkörper aus Gliedern bestand, während er hier ein homogenes Ganzes bildete. Weil die Stadt im Verlauf der Zeit mit schweren Opfern ihrer Bürger von umliegenden Herren ein Gebiet sich angekauft hatte, über dessen Bewohner sie rechtmässige Herrschaftsrechte übte, hatte der Aberwitz des achtzehnten Jahrhunderts, als Vorläufer der Umwälzungslust, die sinnlose Benennung einer aristo-demokratischen Verfassung erfunden, gleichwie man ungefähr um dieselbe Zeit unbesonnener Weise den alten und richtigen Ausdruck von freyen Städten und Ländern immer mehr an den von Cantonen zu vertauschen sich angewöhnte.

Man könnte diesen Tag ein Fest nennen, welches die Stadt sich selbst gab, und welches auch in dem geringsten, ärmsten und bedeutungslosesten Bürger das Bewußtseyn der Ehre, des Vortheils und der Würde, eines solchen selbstherrlichen Gemeinwesens Glied zu seyn, wieder für ein Jahr erneuern sollte. Ich möchte sagen, es seye dieses eine Art politischen Cultus gewesen, wodurch die einfache und jährliche wiederkehrende Operation des Wählers, in der damit verbundenen Solemnität und durch den daran geknüpften Pomp, eine höhere Bedeutung gewonnen habe, dem Begriff und dem Bewußtseyn des Einzelnen näher gerückt, verständlicher gemacht worden seye. Wurde hiedurch das Geschäft auch nicht geradezu vergeistigt, so wurde es doch zu seiner höchsten Potenz erhoben und der Pulsschlag, welcher immer von neuem das Lebensblut durch das gesammte Geäder trieb. Die Revolution war genöthigt, einen Rest dieses Gebrauches bestehen zu lassen; aber jener Cultus ist unter ihren Händen zerronnen, und was einst in dem öffentlichen Leben ein so bedeutungsvolles Moment war, ist durch sie zum kalten, langweiligen, abtödtenden Mechanismus, wo nicht zur rerächtlichen Spiegelfechterei eingeschrumpft.[66]

Des frühen Morgens versammelte sich zu jener Zeit auf dem Rathhause der grosse Rath, um, gleichsam als letzten Act seines Daseyns, den Amtsbürgermeister für das beginnende Jahr zu wählen, damit wenigstens, weil hiermit sämmtliche Rathsglieder wieder in die Reihen gewöhnlicher Bürger zurücktraten, diese nicht ohne Haupt seyen. Denn der Theorie nach sollte der Bürgermeister nicht aus der Mitte des Raths, sondern bloß aus der Mitte der Bürger gewählt werden; der mehrhundertjährigen, weil natürlichen, Praxis zufolge hatte er aber bis zu diesem Augenblick, welcher den Rath auflöste und in der Gesammtheit der Bürger zerrinnen ließ, demselben immerdar angehört. Während jene Wahl vor sich gieng, wurde eine kleine Glocke geläutet, die in einem besondern Gebäude hieng und nur für diese Feyerlichkeit gebraucht wurde. Die Bürger hatten sie bei dem Zuge gegen ein benachbartes Raubschloß erbeutet, und – wie im Mittelalter gebräuchlich – als Siegesbeute mit sich nach der Stadt genommen. Nach dieser Wahl, wobei die einfache, schlichte und biedere Uebung vorherrschte, denjenigen, welcher das vorvorige Jahr die Stelle bekleidet hatte (die Männer wurden damals der Jugend noch nicht zu alt, deren Tüchtigkeit wurde ihrer alleingültigen und dominirenden Controle noch nicht unterworfen, und noch in keinen Schenken ventilirt, was man aus Jedem zu machen geneigt seye), aufs neue zu wählen, zog der abgetretene Rath, gefolgt von vielen in die Standesfarbe gekleideten Dienern, und der durch einen derselben getragenen Burgeroffnung (Stadtverfassung) nach der Kirche. Alle Fenster der Häuser an der Straße dahin waren bis in die obersten Stockwerke hinauf mit Zuschauenden besetzt. Kinder hätten es sich um keinen Preis abkaufen lassen, dem Festzug zuzusehen, und sie fühlten sich so glücklich als stolz, wenn Verwandte oder elterliche Freunde Häuser bewohnten, in denen sie mit Sicherheit auf Annahme zählen konnten Aber auch die Frauen, war es ihnen irgendwie möglich, versäumten es nicht, den Zug anzusehen; man ließ manchen Tag vorher anfragen oder einladen, um ja einer Stelle[67] sicher zu seyn. Mit welchem Selstgefühl blickten die Kinder aus ihren Fenstern auf andere herab, die sich mit der Straße begnügen mußten, zumal wenn zweideutige Witterung diesen Aufenthaltsort bedenklich machte!

Inzwischen hatte sich in der Kirche die Bürgerschaft, aber ausschließlich diese, denn Niemand sonst wurde geduldet, versammelt. Sobald dann diejenigen, die während des vorigen Jahres den Rath gebildet hatten, hier angelangt waren, rief der Großweibel mit lauter Stimme: »Wer meiner Hochgeacht Gnädigen Herren Verburgerter nicht ist, der trete ab.« Wehe dem Fremden, der sich eingeschlichen hätte! Darauf wurden die Thüren geschlossen, jene Burgeröffnung, die Grundlage der öffentlichen Einrichtungen, verlesen, auf dieselbe der Eid geleistet. Auch in der Pflicht jährlicher Huldigung ward ein Vorzug anerkannt, der einzig den Bürgern zukommen könne; die Unterthanen huldigten blos, so oft ein neuer Landvogt oder Obervogt über sie gesetzt ward, und diesem nur in seiner Eigenschaft als Obervogt, nicht als sogenanntem Repräsentanten der Regierung.

War diese Feyerlichkeit – einst durch eine Predigt eingeleitet, in den letzten Zeiten nicht mehr – beendigt, so zertheilten sich die Bürger nach ihren Zünften, um die Wahlen der Rathsglieder und der Beisitzer ihrer richterlichen Behörden vorzunehmen. Selten versäumte es Einer, in der Versammlung sich einzufinden, ausser das höchste Alter, Krankheit oder Abwesenheit hätte ihn gehindert. War auch, wie ich schon früher erwähnte, eine Abweichung von den vorherigen Wahlen beinahe unerhört, so wurde doch von den Wählenden das Recht, selbst in bloßer Bestätigung eine Wahl üben zu können, nach seinem vollen Werth gewürdigt, von den Gewählten die Ehre, die in dem neuerdings geschenkten Vertrauen ihnen wiederfahren, anerkannt. Von politischer Farbe, von politischer Gesinnung und dergl. konnte zu jener Zeit nicht die Rede seyn; selbst die Wörter Politisiren und politische Meinung waren damals noch nicht einmal in dem Wörterbuch zu finden, geschweige[68] denn in den allgemeinen Sprachgebrauch übergangen, und mit der heutzutägigen Knallrednerey über dergleichen wäre man von jedem Kind ausgelacht worden. Aber ein stolzes Gefühl, was es heiße, einer freien Stadt vollberechtigter Bürger sich nennen zu dürfen, lebte, weil von Jugend an genährt, durch so manche wiederkehrende Gelegenheiten immer aufgefrischt, in eines Jeden Brust. Es lautete auch damals der Ausdruck für die höchste Strafe, welche nach der Todesstrafe über einen Bürger konnte ausgesprochen werden: denselben »ehr- und wehrlos erklären.« Dieser Ausdruck ist jetzt verschollen, und die »bürgerlichen Rechte« nehmten die Stelle der Ehre unserer Vorfahren ein.

Um Mittagszeit versammelten sich die Mitglieder jeder Zunft zum Festmahl, wozu der Wein aus öffentlichen Mitteln reichlich geliefert, immer sorgfältig der beste, welcher aufzutreiben war, ausgesucht wurde. Obwohl von diesem Allem Frauen und Kinder wie natürlich ausgeschlossen waren, so war dennoch der Pfingstmontag auch für sie, ja für die ganze Einwohnerschaft, ein festlicher Tag, er überragte alle andern Tage des Jahres. Man freute sich Monate, Wochen vorher auf denselben, seufzte um schöne Witterung, beobachtete während der vorangehenden Tage ängstlich Wind und Wetterzeichen und den Himmel, ob er sich umwölke, ob er, wenn Regen vorangieng, sich auf eitere, ob er Befürchtung, ob er Hoffnung wecke; und die Kinderschaar wenigstens hätte freudig den Dichter geküßt, der in Wahrheit am frühen Morgen mit dem Trost sie würde begrüßt haben:


Nocte pluit tota, redeunt spectacula mane;

Divisum imperium cum Jove cives habent.


Wie an diesem Tage an den »Herren« der beste Mannsschmuck, den Jeder besitzen mochte, der schönste Degen, die kostbarste Tabackdose, die vorzüglichste Perücke prangen müßte, so wurden, wenn es immer geschehen konnte, für Kinder die neuen Kleidungsstücke, selbst bis auf die Schuhe hinunter, auf den Pfingstmontag aufgespart. Auch die Frauen suchten an diesem[69] Tage den vorzüglichsten Putz an sich zu vereinigen. Die Mägde bekränzten die vielen öffentlichen Brunnen in der Stadt, vornehmlich diejenigen, auf welchen Bildsäulen standen. Wie bei der Krönung des Kaisers »des heiligen Reichs Deutscher Nation« ein Ochse gebraten, ein Hause Haber der Menge Preis gegeben wurde und an den Wein ausströmenden Brunnen Jedermann schöpfen konnte, als Sinnbild, daß unter glückhafter Regierung des neuen Oberhauptes durch alle Landschaften des Reichs Ueberfluß walten solle, so trug das Bild eines der heiligen drei Könige über dem Brunnen, an welchem der Zug sich vorüberbewegen mußte, ein Glas rothen Weines mit einem Butterweck, als Sinnbild, daß von Theilnahme an der frohen Festlichkeit nicht einmal das Todte dürfe ausgeschlossen seyn. – Daneben war dieß der einzige Tag, an welchem die große Brunnquelle vor der Stadt gezeigt wurde, und zu welcher vornehmlich die Kinder zogen, um an hineingelegten Puppen sich zu überzeugen, daß alle Neugebornen aus dieser aufgefangen würden. In jeder Haushaltung war es Gebrauch, ein besonderes Gericht, dem Geschmack der Kinder entsprechend, auf den Mittagstisch zu bringen. Erlaubte es die Witterung, so wurden Spaziergänge oder kleine Spazierfahrten gemacht, wobei aber ausschließlich Personen weiblichen Geschlechts und Kinder getroffen wurden, weil die Männer auf ihren Zünften sich gütlich thaten, oder nachher blos mit einander das Freye suchten, um für den Schmaus am Abend sich wieder zu stärken. Wie glücklich mag nicht der volljährige Bürger sich gefühlt haben, wenn er an diesem Tage zum Erstenmal unter den Mitzünftigen sein Recht üben, an der Ehre und an der Freude derselben Theil nehmen konnte!

Ich hatte Verwandte, welche ein an das Rathhaus anstossendes Haus bewohnten, daher konnte es mir für den Pfingstmontag niemals fehlen. Auch bin ich, so weit ich mich zurückdenken mag, Jedesmal an diesem Tag in jenes Haus gebracht worden. Gewiß durften meine Eltern in den paar vorangehenden Wochen auf den pünktlichsten Gehorsam bei mir zählen,[70] indem schon die blosse Drohung, an dem so lange und so heiß ersehnten Tage zu Hause bleiben zu müssen, mich unglücklich gemacht hätte. Dabei fehlte es nie an mancherlei Reden und Bemerkungen, welche geeignet waren, meinen Begriff von diesem Tage zu erhöhen. Kam dann der Zug von dem Rathhause herunter, so ermangelten meine Verwandten nie, auf meinen Vater mich aufmerksam zu machen, und sobald ich ihn erblickte, wandelte mich immer ein heiteres Gefühl an; nicht, weil ich meinen Vater sah, sondern weil ich ihn unter »Meinen Hochgeacht Gnädigen Herrn des Großen Rathes« sah. Die Herrlichkeit unserer Stadt trat mir da lebendiger vor Augen, und ich meinte, es gienge deßwegen ein ungleich grösserer Theil derselben auf mich über, weil unter den Vierundachtzig, welche da hinunterzogen, auch mein Vater sich befinde.

Das sind nun verschollene Dinge. Die Reihe derer, welche dieses Alles noch mit Augen gesehen haben, wird immer lichter, immer lichter der Kreis Solcher, die es nicht bloß gesehen haben, die es zu würdigen wußten, die noch mit jugendlich frischer Lebendigkeit in jene Zeit sich versetzen können. Die Ueberschwänglichkeit jetziger Zeitgenossen, die in das Gestaltlose zerrinnen, gähnt, wenn man von diesen Tagen zu ihr spricht; »Perückenzeit«, ist der Ausspruch, womit sie in burschikoser Geringschätzung dergleichen Erinnerungen abfertigt. Jede Ahnung von der Macht, welche dergleichen Lebensgestaltungen auf die Gemüther einst geübt, aber nicht deren Ahnung allein, sondern jede Empfänglichkeit dafür, wird zerreduert, zertobt, zerpolitisirt, zerradicalisirt. Dem jetzigen Zustande gegenübergehalten, könnte man jenen einem Claude Lorrain neben einem Seesturm von Berghem vergleichen; dort Milde, Ruhe, heitere Luftperspektive, ein über die ganze Landschaft ausgegossener Ton des Stillen, Anmuthigen, Behaglichen, Wohlthuenden; hier glühender Sonnenbrand, aus schwarzen Wolkenmassen hervorbrechend, ein gepeitschtes Meer, schäumende Wellen, Wasserschlünde und Wogenoulkane, herumgebeutelte Schiffe, eine sich zerarbeitende Mannschaft, nicht eines sichern Zieles sich bewußt, nicht einem[71] schirmenden Hafen zusteuernd, allaugenblicklich in Gefahr, von den Wogen verschlungen, oder an den Felsenriffen zerschellt zu werden. Denjenigen, welche diese Vergangenheit, ob auch noch nicht zwei volle Menschenjahre zwischen inne liegen, als ein Vormaliges, Gewesenes, Verschwundenes erscheinen mag, denen mit der Zeit auch der Raum zerronnen ist, also daß sie gleich geruhig vernehmen können, so sey es einst in ihrer Vaterstadt gewesen, als würde es ihnen aus einer Provinz von China berichtet, ist dieses weniger zu verargen, als jene blähende Hoffahrt, in der sie mit abschätzigem Blick in dieselbe hineinschauen; die, weil sie in der Gegenwart das große Wort an sich gerissen haben, weiter dann, wenn sie die gemeinsamen Einrichtungen und die gesellschaftliche Ordnung aus Mißtrauen, Formelnwesen, Paragraphenwust, Anmaßung, Stellen- und Besoldungsgier zusammenbrauen, eine Glückseligkeit ins Daseyn zu rufen wähnen, deren jene, ihrer Meinung nach langweilige Vergangenheit nicht fähig, ja nicht einmal würdig gewesen seye. Was das erste anbetrifft, so ist es wahr: die Schulstuben waren damals noch keine Werkstätten, welche fertige Staatsmänner, Gesetzgeber und Volksbeglücker alljährlich zu Duzenden lieferten; wer sich geltend machen wollte, hatte noch den weitwendigen Weg des Hörens, Sammelns, Arbeitens durchzumachen, bis er zum Sprechen, Lehren, Leiten gelangte; es gab noch eine Laufbahn und nicht bloß zwei Endpunkte: denjenigen des Herauftauchens und denjenigen des obersten Zieles; man kannte noch eine Vergangenheit und hielt sich daher gegen eine Zukunft verpflichtet; die Gegenwart, die mit jedem Jahr beginnende und mit jedem Jahr zerrinnende, war noch nicht Eines und Alles; und wenn wir hoffen dürften, es möchte einst die Jetztzeit, zusammt dem, was derselben vorangegangen ist, einer ruhigern stätigern, besonnenern Nachkommenschaft als Vergangenheit sich darstellen, so könnte es eine große Frage seyn, wer (um eine Tagsatzung, als den Scheitelpunct der schweizerischen Verhältnisse zu berühren) ein glimpflicheres Urtheil zu gewärtigen hätte: die gepuderten Perücken unserer Väter, oder die Commis-Vojageurs-Schnäuze der jetzigen Champagner-Cameraden?[72] Nicht daß jene Zustände ideale gewesen wären; daß in ihnen eine Macht gelegen hätte, die anerborne Art der Menschen entweder umzugestalten, oder so zu zügeln, daß sie nicht in mancherlei Weise dennoch, und nicht immer in den beifallswerthesten Erscheinungen, hervorgetreten wäre. Ich bin nicht ein so blinder oder starrer laudator temporis acti, um ausschließlich Licht sehen zu wollen, wo des Schattens nur allzuviel ist. Wie auch damals Macht und Ansehen zu Gewaltthat führte, wie launenhaft angewendete Gönnerschaft viel Nachtheiliges veranlaßte, wie Abneigung manchmal bittere Erfahrungen weckte, wie Verschleuderung oder Verunschickung der öffentlichen Mittel oft nur zu nachsichtig behandelt wurde, wie gerade in dieser Beziehung in einem unberührbaren Schlendrian Alles eingerostet war, dessen wüßte ich Manches zu berichten. Denn aus hie und da vernommenen Aeusserungen und Erzählungen meines Vaters, aus spätern Mittheilungen älterer Personen ist mir hierüber unendlich Vieles im Gedächtniß geblieben, was jetzt vielleicht niemand mehr oder nur äusserst Wenigen noch bekannt ist, und was gegen Ueberschätzung der Einrichtungen wie der Personen genugsam mich sichert. Doch bei allem Unvollkommenen, Mangelhaften und Tadelnswerthen herrschte ein gewisser Anstand, wurde noch Maaß gehalten, lag eine Anerkennung jedes Rechts immer noch zu Grund. Versuchte man auch, dasselbe zu umgehen, bisweilen zu schwächen, – imperatorisch wegdecretirt, und das noch mit dem selbstgefälligen Blick rei quasi bene gestac, wurde es noch nicht. Hieng man manchmal mit zähem Starrsinn an Veraltertem, so würde auf die Frage: was denn bei dem endlosen Herumwirbeln der Einrichtungen, wie der Personen, für das allgemeine Wohlbehagen gewonnen werde, eine befriedigende Antwort schwer zu ertheilen seyn. Will man jener Abgemessenheit der Formten bei öffentlichem Zusammentreffen, in der man damals grössere Achtung vor dem Großweibel hegte, als heutzutage vor dem Amtsbürgermeister, den Vorwurf der Steifheit machen, so wolle man mich über den Gewinn belehren, der aus der Beiseitsetzung aller und jeder[73] Formten, aus der Verschmelzung aller Lebensalter und aller Rangstufen zu gleichen Brüdern und Gesellen hervorgehe. Klagt man die Männer jener Zeit an, sie hätten der Jugend keine unabhängige Meinung zugestanden, und das Endziel derselben allzuweit in die Jahre hinausgerückt; so mochte ein Zweifel, ob die öffentlichen Angelegenheiten bei dem lauten Wort der Jugend und dem Naserümpfen über die Alten besser fahren, und ob gemeinsame Zeitverschleuderung vorzüglichere Befähigung zu Allem ertheile als einsame Arbeitsamkeit, nicht verargt werden. Es ist wahr, Familien-Rivalitäten und Prioritäten blieben nicht immer ohne nachtheiligen Einfluß, weniger auf die öffentlichen Angelegenheiten, als auf Einzelne, die an denselben Theil nahmen; aber die einen fanden oft unerwartet ihre Beilegung, die andern sahen sich gleichfalls ein Ziel gesetzt, beide waren immer zu mancherlei Rücksichten, zu zahmem Auftreten, zum Maaßhalten genöthigt; indeß jetzt politische Färbung eben dasselbe, nur weit schonungsloser, ungestümer, hochfahrender, durch Gegengewicht weniger innerhalb heilsamer Schranken gehalten, durchsetzt. Die Formen sind anders, im Einzelnen vielleicht etwas zuträglicher geworden; ob aber die Menschen auch nur geblieben seyen, wie sie damals waren, darüber muß Jedem das selbsteigene Urtheil gelassen werden. Wähnt man dann, durch Achselzucken und mit dem Schlagwort »Spießbürgerei« diese vormaligen Zustände abfertigen zu können, so wolle man, bevor die gegenwärtigen gewürdigt oder gar preisend herausgehoben werden, bedenken, daß aus allgemeinem Schiffbruch, wenn nichts, so doch aller Schofel der sogenannten Spießbürgerei glückhaftig gerettet und seitdem mit dem flachsten und abgestandensten Liberalismus zu einem neuen. Gebäck verknetet worden ist. Welches Labsal dasselbe gewähre, läßt sich denken.


Die Revolution kam. Freiheit, Gleichheit, Brüderschaft wurde verkündet. Es sollte keine Stadt, keine Landschaft mehr[74] geben, ein Canton beide vereinen. Man erkohr Wahlmänner, welche eine neue oberste Behörde ernennen sollten, doch die Stadt deren zweimal so viel, als das Land. Der Aelteste der Stadt mußte dem Aeltesten vom Land feyerlich den Bruderkuß ertheilen. Jener war der bisherige Statthalter Stockar, aus einem adelichen Geschlecht, ein so gelehrter als seiner Mann; dieser zufällig sein Holzfuhrman aus einem kleinen Dörfchen. Darauf zogen sie, je Einer vom Land zwischen Zweien aus der Stadt, wie sonst am Pfingstmontag die »Hochgeacht Gnädigen Herren«, von dem adelichen Gesellschaftshaus hinunter, dießmal aber nicht in die Kirche zum Eid, sondern auf ein anderes Gesellschaftshaus zum Mittagessen. Ich sah aus den Fenstern meiner Verwandten wieder zu, wie sonst am Pfingstmontag; und wieder freute ich mich, unter den Hinabziehenden meinen Vater zu erblicken. Zu Hause aber fehlte es nicht an Bemerkungen über den Bruderkuß, über das neue Personale, über das Mittagessen, über das ganze Wesen und Bestreben der Revolution. Jedoch unter dem tagtäglich Neuen, was dieselbe brachte, und bald meine Schaulust reizte, bald meine Neugierde beschäftigte, konnte ein Urtheil über sie Anfangs nicht so leicht sich festsetzen. Die erste Form, in welcher die öffentlichen Angelegenheiten behandelt wurden, war diejenige einer Versammlung von Repräsentanten der, 25,000 Menschen (klein und groß) zählenden Schaffhauser-Nation (National-Versammlung). Ihre Berathungen waren öffentlich. Nun war das für mich und zwei meiner Schulkameraden, mit denen ich mich allmählig vorzugsweise befreundet hatte, zu lockend. So oft diese Versammlung Sitzung hielt, wurde die freye Zeit, sonst zum Herumtreiben auf der Straße verwendet, ihr gewidmet. Nie fehlten wir somit als Zuhörer, dafern die Schule nur irgendwie es zuließ. Hatten wir eine müssige Zwischenstunde, so wurde sämmtlicher Büchervorrath mit in den Rathssaal geschleppt, und dort entweder an einem Riemen über der Schulter getragen, oder auf die Schranken, hinter welchen wir stunden, hingelegt. War die uns zurückrufende Lehrstunde verflossen, so durften die Vaterlandsväter[75] darauf zählen, uns wieder zu erblicken; und konnten wir nicht zusammen uns einfinden, so war dieß doch der verabredete Ort, um sicher uns zu treffen. Meistens waren wir drei die einzigen Zuhörer. Der Mehrzahl der Bürger hätte der Unmuth über den Verlust ihrer wohlerworbenen Rechte es nicht zugelassen, als solche sich zu stellen. Kam je Einer, so gab sein Blick unverkennbares Zeugniß, wie werth diese Einrichtung ihm seye. Auch war man noch zu sehr gewohnt, »seine hochgeacht gnädigen Herren und Obern« walten zu lassen, als daß die Revolution der Formen so schnell eine Revolution der Gewohnheiten hätte bewerkstelligen können. Endlich hätten die Ehrenvestern unter der arbeitenden Classe der Bürger eine solche windige Tagdieberei damals verabscheut.

Allein das Reich dieser National-Versammlung war nicht von langer Dauer. Ein Mitglied des ehevorigen großen Raths, welches wenige Jahre vor der Revolution eines grellen Vergehens wegen »ehr- und wehrlos«, d.h. alles bürgerlichen Werthes verlustig erklärt worden war, glaubte den günstigen Augenblick gekommen, um den Gliedern der vormaligen Obrigkeit einen empfindlichen Streich versetzen, hiemit ebensosehr sein patriotisches Gefühl (nach damaligem Begriff des Wortes) bethätigen, als sich erfolgreich rächen zu können. Er begab sich insgeheim zu dem Commissaire ordonnateur en chef, dem Bürger Mengaud, dem über die Schweiz gesetzten Satrapen des französischen Directoriums, und schwärzte die Nationalversammlung an als eine Cohorte von Oligarchen. Das hatte die imperatorische Ordonnanz zur Folge: »daß die große Nation solchen Unfug, wie er in Schaffhausen getrieben werde, unmöglich dulden könne. Er verfüge daher, daß kein Mitglied der vormaligen Klein und Großen Räthe vor Ablauf eines Jahres zu irgend einer öffentlichen Stelle wählbar seye.« Betroffen über diesen Gewaltspruch, sandte die Nationalversammlung alsbald ihren Schreiber an den Gebietiger ab, um schriftlich und mündlich den Sachverhalt auseinanderzusetzen, von dem gemachten Vorwurfe steh zu reinigen und die Nothwendigkeit einer Rücknahme des Befehls darzuthun.[76]

Inzwischen waltete über jenes boshafte Unterfangen allgemeine Entrüstung unter der Bürgerschaft. Doch blieb Hoffnung, die triftigen Gründe, welche gegen eine solche willkürliche Rechtloserklärung von 84 Männern vorgebracht werden konnten, würden bei dem Gewaltigen wohl noch eine Sinnesänderung bewirken. Mit Ungeduld harrte man der Rückkehr des Abgeordneten. Es war an einem Donnerstag, Nachmittags zwei Uhr, daß die Versammlung eilends und außerordentlich zusammen berufen wurde, dieses auch das einzige Mal, daß der, für die Zuhörer bestimmte Raum gedrängt voll war. Auf allen Gesichtern ließ sich die Spannung lesen, in welcher man die Berichterstattung erwartete. Diese sprach von anfänglicher großer Mißstimmung des Franzosen, wie hierauf das Interdict erneuert, der Abgeordnete, ob in der vorigen Regierung er ebenfalls Sitz und Stimme gehabt, befragt, auf die verneinende Antwort bemerkt worden seye: ihn (den Abgeordneten) berühre das Verbot nicht, er einzig seye zu jeder Stelle wählbar. Eine schriftliche Rückantwort, versicherte derselbe, habe in der Eile nicht können verfaßt werden.

Mit dieser Berichterstattung hatte das Daseyn der Nationalversammlung ein Ende. In unverkennbarer Entrüstung verliessen die Bürger die Rathstube, und es hätte nur des leisesten Zeichens bedurft, so würden sie dem Urheber dieser Beseitigung aller Männer ihres Vertrauens seine Tücke bitter vergolten haben. Siebenundvierzig Jahre später hat es sich begeben, daß drei meineidige Landjäger, die durch Befreyung eines Hochverräthers dessen Schuld sich theilhaftig gemacht hatten, die hierauf durch Personalbeschrieb von der Obrigkeit zur Fahndung bezeichnet worden waren, von den Nachkommen eben jener Bürger, unter offener Verachtung der obrigkeitlichen Schlußnahme, als hochgesinnte Eidgenossen und als verdienstreiche Helden im hellen Schaugepränge nach unserer Stadt abgeholt, durch Anreden verherrlicht, durch Gesänge gefeyert, durch Trinksprüche eingebrüdert, und in kostbarem Geleite nach ihrem Aufenthaltsorte zurückgebracht wurden; also daß das, was damals in ungleich[77] niedererm Maße geübt, gerechten Abscheu geweckt, später so viel Bewunderung und Jauchzen hervorgerufen. Aber das Beiwort »ehrliebende« wird von der Bürgerschaft als Formel aus ehevoriger Zeit bis auf den heutigen Tag noch in Anspruch genommen.

Hatte somit die Herrlichkeit der National-Versammlung unerwartet ihr Ende erreicht, so fehlte es zu Hause nicht an beißenden Bemerkungen über jene Sendung. Mehr als einmal hörte ich: in dem Jubel, aus einer Zahl von 84 allein wählbar zu seyn, habe der Abgeordnete die Pflicht eines Gesandten vergessen, nämlich, die Beglaubigung treuer Verrichtung seines Auftrages zu verlangen. Die Zusicherung des fremden Gebieters habe ihn dermaßen berückt, daß er weder der Nothwendigkeit noch der Schicklichkeit einer solchen gedacht habe. Zu anderer Zeit hätte man eine größere Ehre darin gefunden, das allgemeine Loos zu theilen, als auf diese Weise selbst zu der ersten und angesehensten Stelle zu gelangen.

Nicht lange vorher mußte auf dem Hauptplatze der Stadt ein Freiheitsbaum mit allerlei Bändern und ähnlichen Siebensachen aufgerichtet werden. Der Regierungsstatthalter hatte bei dieser Gelegenheit eine Rede abzustoßen, die Nationalversammlung mußte paarweise auf den Platz ziehen und abwechselnd die Schaufel ergreifen und Erde in das Loch werfen, in welches der Baum gestellt wurde. Die Jugend beiderlei Geschlechts hatte Lieder dabei zu singen. Da fehlte es wieder nicht an Bemerkungen über das lächerliche Fastnachtsspiel, über den wurzellosen Baum, über die Flittern an seinen Aesten. Sobald sich dann die Revolution in ihren vollen Gang gesetzt hatte, wurden für die neugewählten Behörden durch die Central-Regierung mannigfaltige Uniformen und Hutgattungen decretirt; Schärpen verschiedener Farbe, von den Einen über die Achsel getragen, von den Andern um die Lenden geschlagen, waren die sichtbaren Abzeichen, welchem Zweige der Verwaltung der Einzelne angehöre. Das gab abermals Gelegenheit zu Spott, zumal wenn Mitglieder aus den ehemals unterworfenenen Dörfern[78] in solchen seidenen Schärpen daher traten. Alle diese Aeusserungen fielen bei mir auf einen guten Boden; nie habe ich sie aus dem Gedächtnisse verloren, zumal ähnliche bei jeder Veranlassung ihnen folgten; wozu es bei fünfjährigem Herumumtappen, was wohl einigermaßen Ersprießliches an die Stelle des zertretenen Alten sich dürfte setzen lassen, nie fehlte. Noch jetzt besitze ich einen damals erlassenen Verfassungsentwurf, welchem mein Vater die Ueberschrift gab: »Fortsetzung der politischen Experimente für die bedauernswürdige Schweiz.« Ueber die Verfassung vom 26. Hornung 1802 schrieb er:


Per varios casus, per tot discrimina rerum

Tandem bona causa triumphabit.


Wie in unsern Tagen in Nachäfferei desjenigen, was ein unbotmässiges, stürmisches, in seinem Innern madenfrassiges Geschlecht am Seinestrand in wilder Meuterei zu Tage getobt, nicht selten ein fördernder Aufschwung der Menschheit angepriesen und durch Gleichgeartete geflissentlichst auf fremden Boden verpflanzt wurde, so geschah es auch damals in der Schweiz. Die sogenannten Töchterrepubliken glichen den jungen Entchen, welche der alten blind in jede Pfütze, selbst in jeden Strudel nachwatscheln. So kam es, daß erst zu Aarau, hierauf zu Luzern dieselben Phrasen erschollen, wie zu Paris, derselbe Haß gegen die Vergangenheit, gegen alle geschichtliche Erinnerung, gegen alle Herkunftsverschiedenheit affectirt ward, in dieser Beziehung dort ähnliche Verordnungen ergiengen, wie hier. Man begnügte sich nicht damit, die Gegenwart durchweg umzugestalten, auch die Vergangenheit sollte im Sinn derselben rectificirt werden. Ein scharfes Interdict ergieng wieder alle Wappen an den öffentlichen Gebäuden, an den Wohnungen der Privatversonen. Ob sie in Stein gehauen, Denkmäler ehevoriger tüchtiger Arbeit, ob sie Schmierereien eines höchst gemeinen Pinsels[79] waren, sie mußten verschwinden. So sah man jetzt an allem Eigenthum der Stadt, an mancher Wohnung ehevoriger Geschlechter eifrig meißeln und tünchen. Weil aber zu Schaffhausen keine besoldungsbedürftigen Fremdlinge anderer Cantone in die Stellen sich eingenistet hatten, so beschränkten die Augestellten (insgesammt Mitbürger) die Vollziehung des Befehls nur auf die erstgenannten Gebäude; wie derselbe an den andern wolle vollzogen werden, das überliessen sie dem Belieben eines Jeden. In zaghafter Schmiegsamkeit kamen die Einen ihm nach, Andere ließen ihn auf sich beruhen, wollten abwarten, ob Drohung oder Zwang sie nöthigen würde. Wie manchmal hörte ich nun im elterlichen Hause diese beloben, jene, als kriechend vor dem fremden Gräuel, tadeln, das Verschwinden der Wappen über ein paar Thoren, als Zierden derselben, beklagen! Straßenkoth, hieß es, hätte man darüber werfen sollen, dann würde er durch den Regen nach und nach abgewaschen worden seyn, und allmählig wären die schönen Wappen wieder zum Vorschein gekommen; oder, bei dem immer wieder geäusserten Glauben, das Ding könne doch nicht lange halten: in kurzem wären sie mit leichter Mühe zu reinigen gewesen, und hätten von Neuem, wie so vielen dahingegangenen, so manchen kommenden Geschlechtern Kunde gegeben von der wohlerworbenen, treulich bewahrten Herrlichkeit der Stadt. – Aehnliche Gesinnung ist zu jener Zeit bei einem holländischen Edelmann zur That geworden. Er sollte den Wappenschild von seinem Wagen vertilgen. Statt dessen ließ er mit Wasserfarbe eine Wolke darüber malen und die Unterschrift: il passera! Mit der Rückkehr vernünftigerer Zeiten konnte ein Schwamm leicht helfen. – Wirklich war die Wolke vorübergegangen!

So gieng es mit dem abgeschmackten Wort »Bürger«, welches die Stelle der bisherigen Höflichkeitsformeln ersetzen sollte. Auch dieser nachgeahmte Gebrauch konnte eigentlich in unsere Umgangssprache niemals so sich einnisten, wie in andern Schweizerstädten; die alten Benennungen »Junker« und »Herr« blieben geläufig, nach wie vor; nur etwa einem aus[80] niederem Stand mochte die Gleichstellung in der Anrede wohl thun. Bald wurde von meinem Vater die lächerliche Seite dieser Neuerung ebenfalls hervorgehoben, dann über das Affenthum mit dem französischen Citoyen der Unwille losgelassen, immer das Wort selbst, wenn es nicht konnte abgelehnt werden, mit gerunzelter Stirne vernommen. Noch heutiges Tages höre ich das Murren, wenn es auf der Adresse eines Briefes vorkam, und erinnere mich lebhaft, wie es gegen einen damaligen Correspondenten in Bern, der regelmässig über die Begegnisse des Tages berichtete, am Ende förmlich verbeten wurde. Was wäre wohl über jenen Pfarrer in Basel gesagt worden, der, nicht aus Buhlerei gegen die Revolution, sondern in bebender Zaghaftigkeit die Leidensgeschichte des Erlösers so zu lesen begann: »In der Nacht, da unser Bürger Jesus verrathen ward?«

Unter den zwölf Gesellschaften und Zünften, in welche die gesammte Bürgerschaft von Schaffhausen seit länger denn vier Jahrhunderten eingetheilt ist, war diejenige der Schmieden die zahlreichste, zugleich die begüterteste; als die entschiedenste in Wahrnehmung aller Rechte, bisweilen auch stürmischste, galt sie seit langem. Das Element, dessen die Mehrzahl ihrer Glieder zu ihrem Gewerbe bedürfe, hieß es, sprühe nicht selten in ihren Köpfen. Mein Vater war ihr zweiter Vorsteher dem Range nach, ihr erster hinsichtlich des Vertrauens, womit die Zunftgenossen ihn beehrten. Zwar gab es damals und noch weit hinab in unsere Zeit keine Zunft, welche revolutionären Neuerungen weniger huldigte, als diese; keine, welche in Behauptung jedes rechtlichen Besitzes zäher sich erzeigt hätte; keine, welche Verlorenes oder Entrissenes wieder zu gewinnen bereitwilliger gewesen wäre. Wie gerne hätten sie nicht das Geschäft ihrer Handwerksgenossen bei dem Propheten getheilt : »Die Hörner der Heiden abzustoßen, welche ihr Horn über das Land Juda erhoben haben, um es zu zerstreuen!« Wenn aber bei Solchen, die hoch über dem Handwerker zu stehen glauben, die sogenannten Principien vor dem augenblicklichen Vortheil[81] mit leichter Mühe in den Hintergrund geschoben werden, sind jene schärfer zu beurtheilen, wenn eine solche Anwandlung auch sie beschleicht? So kam es, daß bei entschiedener Abneigung gegen die Revolution, einige Zunftgenossen, damals in bestem Mannesalter, dieselbe dennoch zu Vertheilung des Zunftgutes benützen wollten. Ich weiß wohl noch, wie mein Vater einige Zeit von ihnen gleichsam bestürmt wurde; und obwohl ich nie Zeuge der Unterredungen war, so hörte ich ihn doch manchmal über diese Verirrung klagen, und mehr als einmal sich äußern: »er habe den Betreffenden die bestimmte Erklärung gegeben, daß er solchem Vorhaben aus allen Kräften sich widersetzen werde; daß er sich lieber würde zerreissen lassen, als zu einem derartigen Antrag seine Beistimmung geben. Die Jetztlebenden hätten kein anderes Recht, an dieses Gut, als dasjenige der Nutzniessung; von den Vorfahren ihnen überliefert, geböte heilige Pflicht, es den Nachkommen aufzubewahren.« – War mir hierin nicht das Parta tueri gegeben, noch bevor ich es gewählt hatte? es ist falsch, daß die Zeiten sich ändern, nur die Menschen ändern sich.

Alle diese Vorgänge, Erörterungen, Bemerkungen giengen nicht an stumpfem Sinne vorüber. Der zwölfjährige Knabe pflichtete allen letztern bei, bewahrte sie in seinem Gemüthe; nicht deßwegen vorzüglich, weil es von der väterlichen Autorität ausgieng – denn sonst darf ich mich wohl anklagen, in manchen andern Dingen gegen diese in größere Opposition getreten zu seyn, als meiner Rückerinnerung lieb ist – sondern weil verwandte Neigungen instinctartig diesem Allem entgegenkamen. So erwies ich mich damals schon als entschiedener Feind der Revolution, als Gegner dessen, was von unten herauf durchgesetzt werden will, als warmer Verfechter aller wohlerworbenen Rechte und glühend für deren unverrückte Anerkennung, für deren stätige Beschirmung, für unantastbare Gerechtigkeit. Das Gefasel von Menschenrechten, denen zufolge Alle an Allem Theil haben, gewissermassen Alle durch Alle regiert werden sollten, wollte mir schon damals nicht in den Kopf eingehen.[82] Derselbe ist im Verlauf der Jahre in solcher Beziehung nicht bildsamer geworden.


War es Haß gegen die Revolution, welche in Oesterreich den einzigen beharrlichen Gegner auf dem Festlande fand, war es ein Trieb zu Recht und Gerechtigkeit, welche in der Besetzung Schlesiens durch den König von Preußen eine Verletzung dieser Grundpfeiler der menschlichen Gesellschaft ahnte, die meine mit den frühesten Kinderjahren erwachende Vorliebe für das hohe Erzhaus auch auf frühere Begegnisse übertrug? Entschieden trennte ich mich hinsichtlich dessen, was in dem Verlauf des siebenjährigen Krieges die jugendlichen Gemüther in Theilnahme bewegte, von denjenigen meiner Altersgenossen, die damals gleich mir Archenholz's Geschichte dieses Krieges lasen. Die gewonnenen Schlachten des Königs von Preußen machten mich traurig, ich jubelte nur, wenn der eiserne Würfel für Oesterreich fiel; und was Andern Friedrich II war, das war für mich die hochgesinnte Erbin des Hauses Habsburg Der nachmalige Lüneviller-Friede, welcher die schönsten, aber wehrlosen Theile des deutschen Reichs den durch ruhiges Zusehen das Erstarken des revolutionären Frankreichs Fördernden zuwarf, konnte natürlich nicht versöhnen.

So wurden die aus dem Sturmeswehen der Gegenwart hervorgebrochenen Anschauungsweisen auf die Vergangenheit übergetragen, in letzter Beziehung weniger darnach gefragt, wo die größere Thatkraft, wo der eindringlichere oder umfassendere Geist gewaltet, sondern mehr, wo das größere Recht, wo für dieses der Einsatz in die Wagschale. Darum galt zu eben dieser Zeit, als Lucans Pharsalien gelesen wurden, Cäsar dem 13jährigen Knaben als Revolutionär, als Häuptling der aufgelehnten Masse; war Pompejus sein Held, weniger seiner Person nach, als weil er für Roms bisherige Einrichtungen an der Spitze seiner höhern Stande gekämpft. Des Lehrers[83] schwache Einwendung, daß dieser, hätte ihm das Glück gelächelt, gleich jenem wahrscheinlich dieselbe Wendung würde genommen haben, war mit der Entgegnung, daß Urtheile blos auf vorliegende Thatsachen, nicht auf geträumte Möglichkeiten zu gründen seyen, leicht zu widerlegen.

Das Jahr 1799 brachte wieder Krieg zwischen Oesterreich und Frankreich. Die ersten Waffenthaten in der Nähe wurden freudig begrüßt, als Morgenroth der Befreyung von den verhaßten Fremdlingen und dem noch Verhaßtern, was durch ihre Tücke und ihre Uebermacht eingeführt worden. Als dann am Ostersonntag die Schlacht bei Ostrach geschlagen ward und der Kanonendonner vernehmlich zu hören war, fand sich auf einem etwas höher gelegenen Platz in der Stadt stets zahlreiche Versammlung ein, um an die Annäherung oder Entfernung des Schalles Hoffnungen und Wünsche zu knüpfen, welchem der beiden Heere der Sieg sich zuwenden möchte. Die Zahl derjenigen, welche denselben den Franzosen gegönnt hätten, war äusserst gering; laut sprach beinahe Jedermann für die öfterreichischen Waffen sich aus. Auch dieß hieng unzertrennlich mit dem rechtlichen Sinn zusammen, welcher die Bewohner unserer Stadt damals noch schmückte. Sollte in dieser Beziehung die Revolution keine Fortschritte gemacht haben?

Die allgemeine gehegte Hoffnung gieng in Erfüllung. Bald sah man die Franzosen nach dem Rhein und über diesen Strom sich zurückziehen, alle Vorkehrungen treffen, um die, gottlob unhaltbare, Stadt unmittelbar bei dem ersten Versuch auf sie zu räumen, einen schnellen Uebergang ihrer Feinde aber über den Fluß zu verhindern. Langsam nährten sich die österreichischen Kriegsvölker; erst besetzten sie die Dörfer an der Gränze, hierauf die Anhöhen über der Stadt. Jeder Tag brachte etwas Neues, was an einem lebhaften, bereits regsam Partei ergreifenden Knaben unbeobachtet, unerspäht – so weit ängstliche Vorsicht der Eltern es gestattete – nicht vorübergehen durfte. Wie manche Stunde ward da nicht auf dem obersten Boden des Hauses zugebracht, um durch ein Fernrohr jede Bewegung[84] des österreichischen Vorpostens zu beobachten! Welche Verwünschungen wurden nicht den Franzosen nachgesendet, als sie aus dem Zeughause die Kanonen abführten, hierauf das Getäfel der Brücke wegbrachen, die Balken mit Pech überstrichen, den Durchgang mit Stroh und Holzbündeln versperrten, die Tragbalken durchsägten, und das oft besprochene Kunstwerk gänzlicher Zerstörung widmeten! Der einzige Trost lag darin, daß es nun bis zum Einzug der siegreichen Oesterreicher nicht mehr lange dauern könne.

Am 13. April wurden die Einwohner der Stadt durch Kanonenschüsse vom Mittagstisch aufgescheucht. Der ersehnte Augenblick schien gekommen. Wirklich war von meiner Warte lebhafte Bewegung auf den Anhöhen beider Rheinufer wahrzunehmen. Die Nach richt beruhigte: die Franzosen stünden nur in schwacher Zahl an den Thoren, hielten dieselben geschlossen, indeß die Oesterreicher in dichtern Haufen dagegen heranzögen. Bis vier Uhr dauerte ein mässiges Feuern, als gleichzeitig mit der Kunde, die Thore wären eingesprengt und Uhlanen jagten die flüchtigen Franzosen dem Rheine zu, der aufwirbelnde Qualm die Gewißheit von der Flucht der Feinde gab. Weßwegen aus einer österreichischen Haubitze mehrere Hauser des jenseitigen Dorfes Feuerthalen in Brand gesteckt wurden, weiß ich nicht, nur daß es eine schauerliche Nacht war, geröthet durch den Brand der Brücke und der Hauser, und in ihrer Stille unterbrochen durch das Zusammenkrachen der erstern.

Bei der guten Mannszucht der Oesterreicher, bei der reichlichen Ausstattung des Heeres mit allen Bedürfnissen, bei der regelmässigen Ausbezahlung des Soldes, bei dem Gebet, zu welchem die Hauptwache täglich zweimal ausrücken mußte, fehlte es abermals nicht an Vergleichungen mit den »lumpichten Franzosen,« die nur aus dem Stegereif zu leben wüßten, nie ihre Löhnung erhielten, wie die Thiere in die Zeit hineintaumelten. Dann vollends erst, als im Laufe des Sommers so manches Regiment, wohlgeordnet, von unabsehbarem Troß an Zelten und Feldgeräthe gefolgt, nach der Schweiz zog! Jede Vergleichung[85] fand ihren lauten Wiederhall in dem Knaben, der in Allem, was um ihn her vorgieng, den Anfang der Erfüllung seiner heissesten Wünsche: Unterdrückung der Revolution, nicht allein in seinem Vaterlande, sondern auch an der Quelle derselben begrüßen zu dürfen meinte.

Es dauerte mehrere Wochen, bis das österreiche Heer den Uebergang über den Rhein erkämpfte. Endlich erfolgte auch dieser, und auf den Mittwoch vor Himmelfahrt sollte die Hauptmacht unter ihrem Feldherrn, dem Erzherzog Carl, bei dem nahen Kloster Paradies auf zwei Schiffbrücken über den Strom ziehen. Alles machte sich auf die Beine, um ein solches, in dieser Gegend noch nie gesehenes Schauspiel zu betrachten. Ich trat mit meinen Eltern ebenfalls die Wanderung an. Unterwegs hörte ich von meinem Vater so Vieles zum Preis des erlauchten Heerführers, daß mein Herz demselben entgegenwallte, und ich kaum den Augenblick erwarten konnte, in welchem die lebhaftere Bewegung unter Kriegsvolk und Zuschauern sein Kommen verkündete. Ich sah ihn auf einer der Brücken an mir vorüberfahren und in dem lieblich gelegenen Frauenkloster die bereitete Herberge nehmten. Aber in dem schnellen Vorübereilen hatte sein Bild mir nicht so sich eingeprägt, wie ich hätte wünschen mögen. Ich zählte auf die Möglichkeit, denselben ungestörter und ruhiger in's Auge fassen zu können, und postirte mich daher in solcher Hoffnung einem Erkerzimmer des Klosters gegenüber. Ich hatte mich nicht getäuscht. Es dauerte nicht lange, und der Erzherzog trat unter ein Fenster, unter welchem er zu meiner Befriedigung lange genug weilte. Vergnügter als ich über den vielversprechenden Tag mochte wohl niemand den Rückweg antreten.

Abends noch vor eintretendem Dunkel zu Hause angekommen, stand in einer Fensterblende unseres Wohnzimmers ein Mann, dessen hohe Gestalt, dessen klarer Blick, dessen Adlernase einen bleibenden Eindruck auf mich machten. Er fragte meinem Vater nach, und als dieser hereintrat, gab er sich als den vormaligen Raths-Exspecant (Senator des kleinen Raths)[86] von Bern, Carl Ludwig von Haller, zu erkennen. Woher er meinen Vater kannte, weiß ich nicht, wohl aber, daß er alsbald Vieles von den Gewaltthaten oder den Lächerlichkeiten der helvetischen Machthaber erzählte, und wie er nur durch die Flucht ihren Verfolgungen habe entgehen können. Er hatte nämlich damals ein Blatt herausgegeben, »helvetische Annalen,« worin er die Anmaßungen und Verkehrtheiten der sogenannten Patrioten mit der ihm eigenthümlichen Ironie geisselte. Jetzt sprach er die Erwartung baldiger Befreyung der Schweiz durch die österreichischen Heere mit zweifelloser Zuversicht aus, indem das Volk allerwärts der französischen Uebermacht und noch mehr der eigenen geld fressenden Regierungs-Cohorten satt seye. – Wirklich wurden die österreichischen Truppen, wo sie erschienen, als Retter mit Jubel empfangen, wo sie sich näherten, mit heißer Sehnsucht erwartet, und in entlegenern Theilen des Landes legte sich durch mancherlei Bewegungen und Unruhen die Alles erfüllende Unbehaglichkeit entschieden genug an den Tag. Hiegegen contrastirte gewaltig der lächerliche Pomp der Beschlüsse und Botschaften der helvetischen Machthaber, der eisenfressende Inhalt ihrer Verfügungen und die eckelhafte Buhlerei mit jedem französischen General. Ich horchte Hallers reichhaltigen Berichten mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu, und diese, wie sein Schicksal, machten mir den Mann höchst interessant. Später in die Canzlei des österreichischen Hauptquartiers eintretend, kam er während des Winters 1799/1800, als jenes in dem nahen Donaueschingen lag, mehrmals in unser Haus, und sein Erscheinen war für mich Jederzeit ein festlicher Tag. Mit dem Vorrücken der Franzosen im May 1800 hörten die gegenseitigen Beziehungen auf, bis sie im Jahr 1808 durch eine Anzeige der Geschichte des ostgothischen Königs Theodorich in dem »literarischen Archiv der Akademie zu Bern« und durch das Erscheinen des »Handbuchs der allgemeinen Staatenkunde« vorübergehend wieder angeknüpft wurden. Vorübergehend; denn die Verbindung hörte bald wieder auf, und wurde enger und bleibend erst gefestigt mit Hallers Rückkehr nach Solothurn[87] in den Anfängen der siegreich gewordenen Juliusreyolution, und als ähnliche Bestrebungen von Einheimischen und Fremdlingen den Frieden, die Ruhe, die Wohlfahrt und die Ehre der Schweiz in immer wilderen Fluthen wegzufegen sich bemühten. Eine geistige Einigung war aber schon durch das erwähnte Handbuch begründet worden, welches in meine Ansichten über den Staat, über die Rechtmässigkeit seiner Einrichtungen, über das Wesen der Revolutionen und über die gräßlichen Täuschungen, unter denen die Anstifter derselben die blinde Menge an sich ziehen, erst volle Klarheit und hiemit festere Ueberzeugung brachte. Bald nach dem Erscheinen dieses Werkes (1808) schrieb ich darüber Folgendes an Hrn. von Haller:

»Sie können leicht denken, welche Freude es einem Jüngling verursachen mußte, zu sehen, wie Gedanken und Ansichten, die wohl auch schon in ihm rege wurden, die er aber aus Zweifel, verknüpft mit der Bedenklichkeit, ob sie auch dürften ausgesprochen werden, zurückhielt, nun aus Grundsätzen hergeleitet sieht durch Männer von anerkannter Gelehrsamkeit, Einsicht und Erfahrung. Indem ich Ihren letzten Abschnitt von den Communitätendurchlas, erinnerte ich mich eines heftigen Kampfes, den ich in meinem 14ten oder 15ten Jahr mit zwei Aposteln der Menschenrechte hatte. Das Object des Kampfes war eigentlich nur der Canton Schaffhausen. Jene behaupteten die Rechtmässigkeit der Revolution, die unserm Land endlich seine Menschenrechte, deren es seit drei Jahrhunderten entbehrt, zurückgegeben hätte. Wiewohl ich beständig einwendete, wie dieses Land von den Grafen von Sulz und andern Herren seye gekauft, demnach mit Recht besessen worden, stellten sie immer die Meinung auf: Menschen wären kein Vieh, über das man Rechte kaufen könne. Mein Satz war mir so klar, daß ich ihnen sagte, wie ihre Behauptung geeignet wäre, jedes Volk, wo immer es seye, gegen seinen Obherrn aufzuwiegeln und somit Revolutionen und die gräulichsten Verwirrungen über den ganzen Erdkreis zu verbreiten.

Wenn wir die urältesten Spuren der Geschichte, welche[88] die Genesis uns darbietet, durchgehen, so finden wir leicht eine Begründung der Herrschaft über Andere, die von dem Vater auf den Sohn sich forterbte, und wegen des Rechts der Erstgeburt (Gen. 27) sich immer erweiterte; wie dann oft auch jüngere Söhne (wie Abraham), oder solche, denen der Vater, als von anderer Mutter geboren (wie Ismael), nicht jenes Recht zudachte, auszogen und, eigene Landstriche bewohnend, Oberhäupter deren wurden, die ihnen folgten. Weit entfernt, den Grundsatz von Hobbes eines belli omnium contra omnes anzunehmen, wäre doch zu fragen: ob denn wirklich die Menschen von Natur so gut seyen, daß nicht auch Einige durch Kraft ihres Körpers, oder durch List zu dieser Oberherrschaft über Andere gekommen wären, mit einem Wort durch natürliche Ueberlegenheit?

Ich habe in dem Contrat social von Rousseau nur Weniges gelesen. Aber Widersprüche und Schwierigkeiten bald in jedem Abschnitte lassen sich nicht verkennen. So wie gewisse exaltirte Kopfe behaupten, man habe mit der Religion die Vernunft ihres Rechtes beraubt, indem man die Kinder taufe und sie somit, ehe sie untersuchen und entscheiden konnten, ob die selbe ihnen gefalle, der Kirche der Eltern zugeselle, da man im Gegentheil zuwarten sollte, bis die Vernunft zu ihrer Reise gekommen wäre und alsdann das Kind wählen lassen, so sollte man, dafern man die Rechte der Menschheit in allen ihren Beziehungen wollte respectiren, kein Kind in dem Staat seines Fürsten – dem ja die Eltern die Herrschaft delegirt haben sollen! – zur Welt bringen, sondern irgend an einem besondern Ort; und dann erst, wenn seine Vernunft zur Reise gekommen, es entscheiden lassen, ob es auch unter diesem Fürsten stehen wolle; denn welches Recht kann sich der Vater über das Kind – das doch mit ihm gleiche Menschenrechte besitzen muß – anmaßen? Auch die Weiber müßten um ihre Einwilligung befragt werden (da aber diese zu keiner Landsgemeinde kommen, giebt es ja nach Schlözers Staatsrecht keine wahre Demokratie!);[89] denn wer könnte Philanthrop oder Cosmopolit seyn, ohne auch jenen dies Recht zu gestatten?«


Zürich und die östlichen Cantone der Schweiz waren von den österreichischen Truppen besetzt; aus Italien folgte eine Siegesnachricht der andern; die französische Heeresmacht in der Schweiz war gering; ein erlesenes österreichisches Heer stand an den Eingängen in die Gebirge, an baldigem Vordringen in diese, an Befreiung des gesammten Landes zweifelte Niemand. Eine Anfrage derjenigen, welche damals zu Schaffhausen die öffentlichen Angelegenheiten besorgten: wie es jetzt mit der Regierungsform gehalten seyn solle, wurde von den kaiserlichen Generalen dahin beantwortet: »sie hätten nur Befehl, die Franzosen zu vertreiben, keinen aber, in die schweizerischen Verfassungen sich zu mischen.« Ebensowenig gab der Erzherzog hierüber eine bestimmte Auskunft, sondern er erneuerte bloß die wohlwollendsten Zusicherungen. Man fand es daher rathsam, erst den weitern Gang der Kriegsereignisse, die Befreyung anderer Cantone und deren Beispiel abzuwarten. Dieß konnte um so leichter geschehen, da in Schaffhausen die ehevorigen Einrichtungen weniger in Trümmern lagen, als in den übrigen Theilen der Schweiz, Fremdlinge hier sich nicht eingenistet hatten, unter der revolutionären Zwangsjacke die Gesinnungen wenig angefressen waren.

Bei dem Ansehen von Zürich, als ehemaligem schweizerischem Vorort, bei der Nähe desselben und den hierauf sich gründenden mannigfaltigen gegenseitigen Beziehungen, ebensosehr in den Privatverhältnissen, als zu dem Gränznachbar in den öffentlichen, hat es Jederzeit nur allzuviele Personen gegeben, welche nach dieser Stadt mit nicht immer klug berechneter Vorliebe den Blick richteten, was dort gewollt, geordnet, als zweckgemäß erachtet worden, gerne zum Maßstabe nahmen. Hier aber hatte in dem Augenblick der Wiederbefreyung durch[90] das österreichische Heer Alles eine ganz andere Gestalt als in Schaffhausen. Die angesehensten Männer waren von den Franzosen als Geiseln weggeschleppt worden, die Behörden bestanden entweder aus unbekannten, oder an die Besoldungen der Stellen sich anklammernden, oder aus principlosen und zaghaften Individuen. Ueberhaupt hatte dort die Revolution mehr Gung und größern Anhang gefunden als bei uns. Die Mitglieder der zürcherischen Verwaltungskammer warfen sich zu Constituenten des Cantons auf und meinten, den Stein der Weisen gefunden zu haben, wenn sie weder die revolutionären Einrichtungen mißbilligten, noch den ehevorigen entschieden huldigten. So bestellten sie, ohne Rücksicht auf die vertriebene Regierung und das unterdrückte Recht der Bürgerschaft, eine Interimsregierung, welche weder das Wohlgefallen der Revolutionäre, noch das Vertrauen ihrer Mitbürger erwerben konnte. Kaum diese Anordnung ruchbar geworden war, vernahm ich zu Hause den bittersten Tadel darüber. Jenen, durch eine Revolution Eingesetzten, wurde jede Befugniß bestritten, einer nur durch Ränke und Gewalt um ihre Rechte gekommenen Bürgerschaft eine öffentliche Ordnung nach eigenem Gutbefinden aufzuzwingen. Diese, hieß es, hätte man befragen, vor allen Dingen die rechtmässigen Behörden wieder einsetzen, ihnen aber die erforderlichen Modificationen der ehevorigen Einrichtungen überlassen sollen. Solche Reden des Vaters wurden von dem Knaben begierig aufgefaßt, die Nichtigkeit der Schlüsse leuchtete ihm klarer ein, als die Regeln der griechischen Grammatik.

Es herrschte große Neigung vor, diese Zwitterform auch in Schaffhausen nachzuäffen. Auch hier ergriff die Verwaltungskammer die Initiative, doch nicht unter Anmaßung von Eigenmacht, sondern mit dem rechtlichen Gang, ihren Entwurf den Zünften (d.h. der Bürgerschaft) vorzulegen. Sobald der Constitutionsentwurf (wie man heutzutage den aus der Fremde eingeschmuggelten Begriff durch das fremde Wort ausdrücken würde) zur Kenntniß kam, hörte ich denselben ein Unding nennen, welches Oesterreich nicht befriedigen könne, weil zu viele[91] revolutionäre Elemente darin enthalten wären, den Helvetikern, so diese je mit den Franzosen zurückkehren sollten, ebensowenig gefallen würde, weil sie ihr Machwerk nicht genug respectirt fänden, am allerwenigsten aber der Bürgerschaft genügen dürfe, über deren festbegründetes Recht es zu leicht hinwegschreite. Bereit, an dergleichen Fragen wärmern Antheil zu nehmen, als in solchen Lebensjahren gewöhnlich, ward ich durch diese Reden der eifrigste Anhänger der Herstellung der ehevorigen Einrichtungen, sah ich darin einen unerläßlichen Act der Gerechtigkeit, die pflichtschuldige Abwendung des Unrechts, welches die Stadt erlitten.

Wahrscheinlich behielt mein Vater seine Ueberzeugung nicht für sich allein, sondern theilte sie Andern mit, daß dieselbe, wie er sie auf seiner Zunft geltend machen wollte, auch auf den übrigen geltend gemacht würde Diese versammelten sich. Auf der seinigen hob mein Vater hervor: wie bei dieser wichtigen Angelegenheit kein anderer Grundsatz zur Leitung dienen könne, als auf die alte Verfassung zurückzukommen, welche auf das Recht sich stütze, auf die Probe der Erfahrung sich berufen könne, Stadt und Land vierhundert Jahre durch glücklich gemacht habe. Demgemäß solle die Stadt als Haupt und ältestes Glied des Cantons ihre Unabhängigkeit, ihre Verfassung, ihre Rechte und Güter wieder erhalten, dieser und alter Verträge wegen die Oberherrlichkeit über das mit ihr vereinigte Land ferner besitzen. In Alles, was diesem nützlich seyn dürfte, könne und werde er mit Freuden einwilligen.

Ich mochte nur im Allgemeinen erwarten, daß mein Vater warm für Herstellung des Zerstörten sprechen würde; ich kannte das Vertrauen, dessen er unter seinen Zunftgenossen sich erfreute; die Gesinnungen, welche damals unter meinen Mitbürgern noch lebten, waren mir nicht verborgen; ich durfte den Ausgang, auf der Zunft der Schmieden wenigstens, ahnen; dennoch habe ich der Rückkehr meines Vaters aus der Versammlung niemals mit solcher Ungeduld geharrt, als an jenem Tage. Wie froh war ich nicht, daß dießmal das Verlangen meiner[92] Mutter, den Erfolg der Berathung zu wissen, jeder Frage von meiner Seite vorauseilte! Nicht nur auf dieser Zunft, lautete die befriedigende und erfreuende Antwort, auf allen andern ebenfalls seye der Antrag der Verwaltungskammer verworfen, eine Commission bestellt worden, um in zwei Tagen ihre Ansicht über die Weise vorzulegen, wie jener Vorschlag einer Rückühr zu dem Ehevorigen in Ausführung zu bringen seye. Als dieser Entwurf zur Berathung kam, fand er allgemeine Billigung; und da er anrieth, für diese Herstellung des Zerstörten die Genehmigung des Erzherzogs Carl durch eine eigene Deputation nachzusuchen, wurde aus zwölf Gesellschaften und Zünften durch eilf mein Vater sammt seinem Freund, dem Archivar Christoph Harder, zu Mitgliedern dieser Deputation gefordert, zwei andere möge die noch bestehende Behörde wählen.

Die Herstellung der alten Verfassung entsprach meinen innersten Wünschen, die Auszeichnung meines Vaters erfüllte mich mit Freude, fesselte mich um so enger an jene. Ich habe später über diese Abordnung, deren Verrichtung und die Veranlassung dazu aus seinen hinterlassenen Aufzeichnungen einen Bericht bekannt gemacht1. Vornehmer Abschätzung war es nicht gegeben, in den Zweck dieser Veröffentlichung einzudringen. Sie hat in einer Statistik die Seelenzahl von der Stadt Schaffhausen nachgeschlagen und gemeint, was bloß an eine solche sich knüpfe, müsse vor größern Bildern zerrinnen wie der Tropfen am Eimer. Mein Zweck war aber, darzuthun, wie von Restaurationen da nur könne gesprochen werden, wo eine Rückkehr zu den richtigen Principien sich zeige, wo die Gerechtigkeit deren Grundlage bilde wie in nicht weit rückwärts gelegener Zeit die Früchte noch an dem goldenen Baum des Lebens und nicht auf dem Moor der Theorien seyen gesucht worden. Der menschliche Organismus läßt sich an dem Körper eines Zwerges so gut studiren, als an demjenigen eines Riesen.[93]

Es ist nicht zu zweifeln, daß die Wirkungen dieser Wiederherstellung im Jahr 1799 auf längere, als auf die kurze Zeit ihrer Dauer sich mögen erstreckt haben. Dieselbe stellte wenigstens die Möglichkeit einer solchen vor Augen, erhielt das Andenken an das Vormalige, den Glauben daß es unter günstigern Zeitverhältnissen wieder aufleben möge, somit noch nicht als gänzlich verloren müße erachtet werden. Wäre man damals nicht wieder auf das Ehevorige zurückgekommen, schneller wäre es in der Erinnerung erloschen; aber gerade dieß rief es nicht allein augenblicklich in diese zurück, sondern hielt es fest darin, bis im Verlauf der Zeit gänzliches Vergessen mit Voranschreiten in Bildung für gleichbedeutend genommen ward. Gewiß würde man später in Einrichtungen, welche blos der Theorie entwachsen waren, auch hier widerspruchsloser sich gefügt haben, wäre nicht jener Vorgang vor Augen gestanden, hätte er nicht mit der Anhänglichkeit an tadellos erworbene Rechte den Werth derselben noch für geraume Zeit schätzen gelehrt.

So war durch diese Ereignisse, die nicht theilnahmslos um den Knaben in raschem Wechsel sich drängten, das erhaltende Princip immer mehr oder weniger in sein Bewußtseyn getreten konnte seine Anschauung aus den engen Verhältnissen der heimathlichen, aber durch nicht geringere Selbstherrlichkeit, als das größte Königshaus, beglückten Stadt, leicht für das Größere und Bedeutungsvollere dieselbe Richtung gewinnen. Sie führte ihn immer mehr dahin, daß er gewaltsamer Umgestaltung des lange Bestehenden, mit welcher Kraft dieselbe auch unternommen, von welchen Erfolgen sie auch gekrönt worden, das Wort niemals reden konnte. Der üble Wille verschreit dieses als Abneigung gegen Verbesserungen, gegen das Wegräumten von Uebelständen. Es mag aber derselbe eben so gut, als diejenigen, gegen welche dergleichen Geschrei sich erhebt, wissen, daß dieß nur Vorgeben seye, um diejenigen, welche dem abwärts rollenden Rad den Hemmschuh unterlegen möchten, daß es minder rasch dahinfahre, in Verdacht zu bringen, um gegen ihr Bestreben zu mißstimmen.[94]

Die Freude über Beseitigung der Revolution und ihrer Wirkungen, über Herstellung des durch sie Zerstörten, die Hoffnung, bald die gesammte Schweiz befreit zu sehen, sollte nicht lange dauern. Mit Ende Juli's übergab der österreichische Feldherr seine Stellung in der Schweiz dem russischen Heer. Ein besser geordnetes, schöneres, kernfesteres, kampfesfreudigeres Heer konnte man nicht sehen. Aber bei aller Zuversicht, welche dessen Anblick einflössen mochte, waren doch bedenkliche Aeusserungen darüber zu hören, daß der Erzherzog den Oberbefehl in anderer Gegend übernehme; denn er allein, war Vieler Meinung, würde die bisherigen Siege weiter zu verfolgen wissen. Der bald nachher aufschreckende Kanonendonner der Schlachttage von Zürich rechtfertigte die Besorgniß nur allzusehr. Man hörte denselben wieder, wie sechs Monate früher denjenigen von Ostrach; man beobachtete wieder seinen Gang; man suchte zwischenein an der Täuschung festzuhalten, daß er sich entferne, und mußte sich nur allzubald der bittern Wahrheit fügen, daß er sich nähere. Einzelne Flüchtlinge brachten schnell genug Bestätigung. Dem Rückzug der Russen, welcher das jammervolle Bild gänzlicher Auflösung in eilfertiger Flucht darbot, folgte in wenigen Tagen der berner'sche Schultheiß von Steiger. Mein Vater stattete ihm einen Besuch in dem Gasthofe ab und sagte mir hernach, auch ich müßte denselben sehen, damit mir noch in spätern Jahren eine lebendige Erinnerung an diesen hervorragenden Mann bleibe. Zu diesem Endzweck werde er mir eine Zeitung geben, um sie demselben zu überbringen; mit dem Besitzer des Gasthofes seye es schon abgesprochen, daß er mich bei Hrn. v. Steiger anmelde.

Für meine Schüchternheit und Unbehülflichkeit in Gegenwart fremder Personen war es keine geringe Aufgabe, zum Erstenmal in meinem Leben vor einem so bedeutenden Manne zu erscheinen. Da kam ein gewisses Selbstgefühl zu Hülfe, daß es mir vergönnt seye, vor Denjenigen treten zu dürfen, zu dessen Preis ich seit Jahresfrist so Vieles gehört hatte, und den ich diesem gemäß Allen, welche zu Befreyung der Schweiz von[95] der Revolution amt erfolgreichsten beitragen könnten, voranstellte. Freudig vernahmt ich den Befehl meines Vaters. Noch jetzt steht lebendig das hehre Bild des schlanken, Ehrfurcht gebietenden Greifen vor mir. Er saß, weil er an den Augen litt, in einem etwas dunkeln Zimmer, in einen grünen Frack gekleidet, mit dem Stern des schwarzen Adlerordens auf der Brust. Als ich hineintrat, erhob er sich, fragte nach meinem Namen, sprach freundlich einige Worte mit mir, und entließ mich mit einem Gruß an meinen Vater. – Er hat das Verbleichen der letzten Hoffnungsstrahlen für sein geliebtes Bern nicht lange überlebt; ich aber zähle diese Erinnerung zu den schönsten meines Lebens um so mehr, als manche Aeusserung meines Vaters längst schon entschiedene Vorliebe für das alte Bern in mir geweckt hatte. Hier nur, hörte ich immer, seye eine kräftige und würdige Politik zu finden gewesen; in Zürich und Basel hätte der Handelsgeist eine solche niemals aufkommen lassen, weil dazu sich nicht erheben können.


Die Ruhe des Winters wurde einzig unterbrochen durch die Nachricht von Bonapartes Rückkehr aus Aegypten. Man ahnete nicht, welch willenskräftiges, nicht bloß belebendes, sondern auch ordnendes, darum fruchtbares Element mit ihm in das sturmes-und gräuelmüde Frankreich zurückgekehrt seye. In der ersten Zeit hörte ich aber nur Tadel aussprechen über den Feldherrn, der bei hereinbrechenden Verlegenheiten und Schwierigkeiten von seinem Heer entweiche, bittere Reden über die englischen Schiffsbefehlshaber, die eine so wichtige, als leichte Beute sorglos hätten durchschlüpfen lassen. – Sonst fand in unserer Stadt Alles sich behaglich bei der, mit erneuerter Thätigkeit unter den alten Formen wirkenden Obrigkeit und im Verkehr mit der allmählig einheimisch gewordenen österreichischen Besatzung. Ungetheilt waltete festes Vertrauen, das heranmahende Frühjahr werde das Mißgeschick des vorigen Spätjahres[96] unfehlbar wenden und die politischen Gestaltungen dem Ziel der heißesten Wünsche so Vieler schneller entgegenführen.

Wenige Kanonenschüsse am frühen Morgen des 1. May's 1800 und die Nachricht von dem Rheinübergang der Franzosen ein paar Stunden oberhalb der Stadt, deren baldiger Einzug in diese zertrümmerten schnell jene Hoffnungen. Da in der ersten Verwirrung die Soldaten in mehrere Häuser (auch in das unsrige) einbrachen und wegschleppten, was sie in der Eile erraffen konnten, fehlte es nicht an Stoff zu bittern Vergleichungen zwischen dem Einzug der Oesterreicher im vorigen Jahr und demjenigen der sogenannten Bundesgenossen, item Welt- und Menschheitsbeglücker. Wiegte man sich hierauf die ersten beiden Tage noch in der Vermuthung, das werde vorübergehend seyn, nächstens wieder der Doppeladler an den schönen Gestaden des Rheines wehen, so mußte man bald der Wahrheit sich fügen. Trauerbotschaften (und als solche galten in unserm Hause die französischen Siege) folgten sich Schlag auf Schlag. Wie dann der Waffenstillstand von Parsdorf und der bald hernach zusammentretende Friedenscongreß von dieser Seite Ruhe brachte, so wurden die Partei- und Systems-Kämpfe und Siege welche von Zeit zu Zeit an dem Sitz der helvetischen Centralgewalt sich folgten, Veranlassung zu mancherlei Aeusserungen über politische Versuche, zu denen die Schweiz sich hergeben müsse, über Liebhaberei zu großen Besoldungen und unbemessener Gewalt; insgesammt Mittel, um die sehn süchtige Erinnerung an dreihundertjährige Wohlfarth bei ungestörter Ruhe und wohlbegründeten Einrichtungen nur um so kräftiger aufzufrischen. Ich aber weiß gar wohl, daß ich jede Umkehr, die unter den Centralgewalten zu Bern statt fand, mit Wohlbehagen vernahm, weil mir dieselben, unter welchem Namen sie auftreten mochten, nur als Usurpatoren, als Zerstörer der Freiheiten und der Rechte, als Zwingherrn galten. Doch nur vorübergehend berührte mich dieses, denn es gieng nicht, wie die Kriegsereignisse, als lebenvolles, wechselreiches Bild an meinen Augen vorüber; es verlief sich nicht, wie die meine Vaterstadt betreffenden[97] Fragen, in dem engen Kreise, zu welchem auch der unreife Knabe nicht ohne alle Beziehung steht, die darum, je nachdem Geschicke und Verhältnisse es bedingen, auch ihn entweder leiser oder mächtiger in dessen Bewegung hineinziehen.


An einem Sonntag Abend, gegen Ende des Jahres 1802, saß ein vorderösterreichischer Beamteter, seit langen Jahren mit meinem Vater in freundschaftlicher Verbindung, in unserm häuslichen Kreise. Die Jünglingsjahre dieses Mannes waren in die Zeiten jener flachen Aufklärung gefallen, welche in hastigem Dareinfahren gegen die wehrlose Kirche den Staat um so mächtiger, das Volk um so glücklicher zu machen glaubte, als es gelänge, jene in einen baaren Helotenstand herabzuwürdigen. Er hatte alle die schaalen Witze, alle die oberflächlichen Urtheile, alle die untergrabenden Lehren sich zu eigen gemacht, womit zu der Zeit, da er in Wien zu künftiger Anstellung sich vorbereitete, der tägliche Markt bis zum Ueberfluß überführt war. An jenem Abend nun kam eben mit einer Zeitung der Reichsdeputations-Entschädigungs-Receß an, welcher die deutschen Bisthümer, Stifte, Abteyen und Reichsstädte, gleich einem Korb voll Nüsse und Aepfel unter eine Rotte lüsterner Kinder, unter des heiligen römischen Reichs Fürsten, Grafen und Baroue auswarf. Ich war der Erste, welcher die Zeitung zur Hand nahm und durch Vorlesung von ein paar Sipulationen der Acte auf dieselbe aufmerksam machte. Sie wurde nun durchgegangen, mit einem Commentar in oben bezeichnetem Sinne begleitet, durch ein paar Anecdoten aus benachbarten Klöstern gewürzt; z.B. wie bei der Kaiserwahl Fürst Kaunitz dem Prälaten von Salmansweiler an dessen Gallawagen durch einen Miethkutscher ein Rad habe zusammenfahren lassen, damit er den »hochmüthigen Pfaffen« ärgere; dann wie bei dem Tode des allerdings heftigen, herrischen und stolzen Abts Anselm seine Conventualen die Grabschrift in Vorschlag gebracht hätten:
[98]

Hæc urna Anselmi

Tegit ossa secundi;

In coelo sedeat,

Dummodo non redeat.


Mehreres dieser Art wurde vorgebracht, zwischenein wieder eine hämische Bemerkung angeknüpft, und mit Jubel der Schlag begrüßt, der jetzt dem Reich der Finsterniß versetzt seye worden.

Im Grunde war mir von diesen Bisthümern, Abteyen, und Reichsstädten blutwenig bekannt. Die Bedeutung der Erstern kannte ich durchaus nicht, von den letztern wußte ich bloß, daß sie Republiken seyen, ohngefähr wie unsere Stadt. Im Stillen aber wollte es mir dennoch sonderbar vorkommen, daß Einer, welcher Verlust erlitten, deßwegen berechtigt seyn solle, einem Andern den Garaus zu machen, um durch dessen Besitz sich zu entschädigen. Ich verwechsle keineswegs die Zeiten, und trage nicht im mindesten Gesinnungen späterer Jahre auf frühere über, wenn ich bemerke, daß die Witze unseres Mannes meine Bedenklichkeiten über die Sache nicht zu beseitigen vermochten. War ich auch nicht im Stande, mir über diese Verfügung gehörige Rechenschaft zu geben, sie in ihr wahres Licht zu setzen, so wollte es mir doch scheinen, als wäre hiemit ein bedeutendes Stück der französischen Revolution in Deutschland hinein verpflanzt worden: Ich fragte mich, welches Recht der Fürst von Nassau-Oranien an die Abtei Weingarten, oder der Markgraf von Baden an das Kloster Salmansweiler haben könne? Da es mir durchaus nicht gelingen wollte, ein solches herauszufinden, erblickte ich in allen diesen Bestimmungen schreiendes Unrecht. Die Unterjochung der Reichsstädte aber, über welche, verwandter Verhältnisse wegen, meine Begriffe klarer waren, erschien mir vollends als Gräuel. Ich konnte aus der ganzen Acte nichts herausbringen, als eine Kette von Ungerechtigkeiten, welche die Franzosen allen, seit ihrem Königsmord begangenen, neuerdings beifügten. Diese, in meinem fünfzehnten Jahr ohne jeglichen fremden Einfluß, ja selbst mit diesem[99] im Widerspruch aufgetauchte Gesinnung ist mir geblieben; sie ward nachher durch unmittelbare Einwirkungen in weit späterer Zeit durch freundliche Beziehungen, hierauf durch persönliche Verwendungen gefestigt. Vielleicht haben die Erfahrungen von anderthalb Menschenaltern mehr als Einen zur Ueberzeugung gebracht, daß es ein mißliches Unternehmen seyn dürfte, den, auch nur materiellen, Gewinn nachzuweisen, welchen dieses ungerechte Gut den verschiedenen Völkern deutschen Stammtes gebracht habe. Hierüber sind mir in späterer Zeit aus demjenigen Lande, in welchem man am eilfertigsten und am leichtfertigsten damit verfuhr, eine Menge der merkwürdigsten Belege bekannt geworden.


Gibt es eine Prädisposition der Geister, oder, wenn man lieber will, der Gemüther, für Gewohnheiten und Uebungen, an denen die katholische Kirche darum, weil sie aus dem innersten und tiefsten Wesen des Christenthums hervorgehen, in aller Zeit festgehalten hat; giebt es keine? Ist Anwendung oder Verwerfung derselben bloß Folge der Gewohnheit, der Nachahmung, der erhaltenen Belehrung? Oder wäre es möglich, darauf hingeleitet zu werden, ohne dieses Alles, durch innere Anmuthung, über die man sich nicht einmal Rechenschaft zu geben wüßte, einzig mittelst einer solchen Prädisposition? Die Frage ist schwer zu entscheiden; doch wäre ich für Bejahung des Letztern geneigt. Die Rückerinnerung an meine Knabenjahre veranlaßt mich dazu.

In meinem elterlichen Hause hörte ich von den kirchlichen Gegensätzen so viel als nichts; die Menschen jener Zeit nahmen sich dieselben theils weniger zu Herzen, theils giengen ganz andere Dinge, mit denen sie sich oft wider Willen beschäftigen mußten, um und an und nicht selten mit ihnen vor. Man gieng in die Kirche, beurtheilte den Geistlichen weniger nach der Lehre, die er vorgetragen, als nach dem momentanen Eindruck,[100] den der Vortrag gemacht hatte, gewöhnte die Kinder frühzeitig zum Gebet, ließ sie den Katechismus auswendig lernen und hielt darob, daß die Schulvorschriften über den Besuch der Kirche gehörig vollzogen würden. Hiemit war Alles gethan. Daß es ausser der reformirten Kirche noch eine katholische gebe, das wußte ich blos vom Hörensagen. Anrühmend hätte ihrer nie wollen gedacht werden, mißbilligend geschah es höchst selten, nur dann etwa, wenn mein Vater auf die Zeit zu sprechen kam, die er als Landvogt zu Lugano zugebracht hatte. Aber auch dieses erfolgte höchst sparsam. Etwelcher Tadel ergieng bisweilen nur über die zu große Zahl der Geistlichen, die nicht alle immer den erbaulichsten Wandel mochten geführt haben. Doch wurde nie vergessen, anzurühmen, daß das Verhältniß zu den obersten unter ihnen, zumal dem Bischof von Como, ein freundliches gewesen seye. Mit besonderem Behagen, als Zeichen parteiloser Rücksichtsnahme auf Schicklichkeit und würdige Festfeyer, wurde erwähnt, wie Buden, die während der Fronleichnams-Procession in der Nähe der Hauptkirche eröffnet gewesen, auf landvögtlichen Befehl alsbald seyen geschlossen worden, und unmittelbar darauf der Erzpriester seinen verbindlichsten Dank für solche zarte Aufmerksamkeit abgestattet habe. Nur der Capuziner, der auf dem verborgenen Deckel seiner Tabakdose in engem Vertrauen ein Bild des Königs von Preußen zeigte, und dieß heimlich, aus Furcht vor seinen Mitbrüdern, dessen Person darum auch gegen diese besonders hervorgehoben wurde, wollte mir niemals einleuchten. – Daß weder in dem elterlichen Hause noch ebensowenig in irgend einem andern, in welches ich als Knabe kommen mochte, etwas vorhanden gewesen seye, was durch Bild und Zeichen an Eigenthümlichkeiten der katholischen Kirche hätte erinnern können, wird Jeder, der die Gewohnheiten jener Zeit sich lebendig zu vergegenwärtigen vermag, begreiflich finden.

Nun war ich, weil schwächlich, und anderer, bereits angedeuteter Gründe wegen, von Natur sehr furchtsam. Ich sah mich Nachts nie gerne allein, besonders nicht im Finstern, und[101] ein Gewitter setzte mich in Angst und Zittern. Mein Vater glaubte, wie ich das Alter von zwölf oder dreizehn Jahren erreicht hatte, diese Zaghaftigkeit dadurch zu überwinden, daß er mich absichtlich in diejenige Lage versetzte, durch welche dieselbe gewöhnlich hervorgerufen ward. Manchmal daher befahl er mir am Ende des Nachtessens, noch in den Keller hinabzue steigen, und etwa ein Trinkglas voll Wein herauszuholen. Der Zweck lag nicht in dem Wein, nicht in seinem Verlangem nach demselben, sondern in der Nothwendigkeit für mich, in den Keller gehen zu müssen. Einige Male erfolgte der Befehl selbst bei einem heranziehenden oder bereits ausgebrochenen Gewitter. Schon in das Haus hinunterzugehen war mir sehr peinlich, vollends aber zwei lange Treppen weiter hinab, in den schauerlichen Keller. Ich mochte weinen, ich mochte zögern, so lang ich wollte, meistens half es nichts, der Befehl mußte vollzogen seyn. Mein Vater sah hierin das sichere Mittel, Furchtlosigkeit mir einzupflanzen. Zittternd und bebend öffnete ich Jedesmal die Kellerthüre, und eilte nachher mit meinem hastig genommenen Wein so schnell als möglich die Treppe hinaus.

Wie mag nun im Verfolg dieser mißlichen Aufträge in mir der Gedanke erwacht seyn, durch das Kreuzeszeichen mich zu ermuthigen und zu schützen? Ich weiß es nicht. Das aber ist seit jener Zeit mir unverbrüchlich im Gedächtniß geblieben, daß dieser Gedanke einst mir sich darbot, und daß ich mit dessen Ausführung beherzter in den Keller hinabstieg. Das Gleiche wurde etwa angewendet, wenn ein Gewitter in dem Bette mich überraschte, wo ich ohne Licht nie den Muth gehabt hätte, den Kopf unter der Bettdecke hervorzuziehen. Ich erinnere mich auch nicht, daß in meiner Gegenwart jemand Anders das Kreuzeszeichen gemacht hätte, als ein einziges Mal ein Bauer aus einem benachbarten schwäbischen Dorfe, dem meine Mutter eine Suppe vorsetzen ließ. Zuletzt wäre es noch möglich, daß ich es etwa an einem österreichischen Soldaten bemerkt hätte. Doch weder in dem einen noch in dem andern Fall folgte hierauf nur die geringste tadelnde oder gar billigende[102] Aeusserung, und wurde ich, ob jenes auch von mir nicht unbemerkt mag geblieben seyn, doch durch eigene Anmuthung auf die geheimnißvolle Sache geleitet. In der Folge fand ich dieses Mittel nicht mehr nothwendig, es wurde eben so leicht aufgegeben als angewendet; aber die Erinnerung daran ist mir geblieben. Immer in dürfte es eine merkwürdige Erscheinung genannt werden, daß ein zwölfjähriger Knabe ohne alle Anleitung, ohne jedes Vorbild, so zu sagen aus einem verborgenen Trieb, in seiner Angst auf dieses Hülfsmittel verfiel.


Vor dem Jahr 1803 hatte ich niemals eine katholische Kirche betreten, niemals katholischen Gottesdienst gesehen. In erwähntem Jahr wußte ich von meinem Vater die Erlaubniß auszuwirken, am Fronleichnamsfeste mit einem Freunde in die benachbarte Benedictiner-Abtei Rheinau gehen zu dürfen. Meine Erwartung war sehr gespannt. Unter Gesprächen, die auf diesen Gegenstand Bezug hatten, wurde der Weg dahin zurückgelegt. Ich traf zu rechter Zeit ein, um noch einen Theil der Predigt anzuhören. Genau erinnere ich mich noch des Schlusses, an welchem der Prediger sagte: »Der Himmel scheine durch den Glanz der Sonne diesen Tag zu verherrlichen, und der Gesang der Versammelten, der Klang der Glocken, der Donner des Geschützes werde zusammenstimmen zur Ehre des Gekreuzigten. Nur sollten sich die zur Kirche Gehörenden durch die Menge der Gasser, die sich eingestellt hätten, aus unreinen Absichten das Fest zu sehen, in ihrer Andacht und Feyer nicht stören lassen.« Ungeachtet ich selbst, so gut als viele Andere, zu diesen »Gaffern« gehörte, erinnere ich mich doch ganz genau, daß ich diesen Worten Beifall zollte, und manche platte Aeusserung während des Umzuges nicht ohne Unwille vernahm. Dieß ist abermals nicht eine Bemerkung, die etwa erst später nachgeholt worden wäre, denn sie findet sich mit folgenden Worten erwähnt, in einem Fragment von Lebensnotizen, die im Jahr 1803 niedergeschrieben wurden.[103]

»Endlich, heißt es dort, wurde der Vorhang, der den Chor von der Kirche trennt, zurückgeschoben. Das Hochamt begann. Der aufsteigende Weihrauchduft, die Musik, die mit dem ernsten Gesang abwechselte, die feyerliche Stille bei der Wandlung, die Andacht, mit der Alles auf die Knie fiel, machte den tiefsten Eindruck auf mich. Nach dem Hochamt begann die Procession, die erste wieder seit den Revolutionsjahren, daher Alles aufgeboten wurde, sie recht feyerlich zu machen. Der greise Abt Bernhard, schwer geprüft durch harte Schläge des Schicksals, trug das Hochwürdigste. Seine wankenden Schritte, die Lippen, die in inbrünstigem Gebet sich bewegten, die hohe Frömmigkeit, die in seinen Zügen sich spiegelte, der Ausdruck der demüthigsten Ehrfurcht vor dem Gekreuzigten, rührten mich beinahe zu Thränen.« – Ich kann diesem, da das Bild des Abts heute noch so frisch und lebendig vor mir steht, als vor vier Jahrzehnten, beifügen, daß bei dem Anblick des Oberhauptes der Kirche an dem gleichen festlichen Tage des gegenwärtigen Jahres, unter unverkennbaren Merkmalen derselben, den erhabenen Greifen durchdringenden Seelenstimmung, jenes Bild wieder lebendig in mir aufgefrischt war. Blieb mir auch damals die eigentliche Bedeutung des Tages ein ungelöstes Räthsel, so bedurfte es doch einer Reihe anderer Ereignisse, welche das jugendliche Gemüth in Anspruch nahmen, um den davongetragenen Eindruck wieder zu verwischen.


Gleichgültig dagegen ließ mich der trockene Confirmanden-Unterricht, welcher nach dem Lehrbuch eines gewissen Bertrand (ich habe es seit jener Zeit nie wieder zu Gesicht bekommen, um über dessen Werth ein Urtheil fällen zu können) höchst schläfrig ertheilt wurde. Dieser Unterricht war auf Ostern 1802 vollendet worden, weil die Mehrzahl meiner Mitschüler nach dem Fest die Vaterstadt verlassen wollte, um ihren künstigen Bestimmungen entgegen zu gehen. Da ich hiezu noch zu[104] jung war, stellte ich meinem Vater vor, ich wäre es auch zur Confirmation und zum Empfang des Abendmals, man könnte Beides in das Jahr meiner einstigen Abreise verschieben. Um die Wahrheit zu reden, darf ich wohl bekennen, daß im Grund mir an Beidem damals nicht viel gelegen war; ich fürchtete, an den hohen Festtagen langer in der Kirche bleiben zu müßen, wo das ewige Zuhören mich ohnedem langweilte. Obwohl mein Vater einige Vorwürfe: ich schiene ihm zu gleichgültig und suchte mich der Predigt zu entziehen, wenn ich nur immer einen Vorwand dazu fände, nicht zurückhielt, fand er doch meine Gründe einleuchtend, und gab ihnen seine Zustimmung. Hinsichtlich der Predigt aber hatte er nicht ganz Unrecht. Selten wohnte ich ihr anders als mit dem Körper bei, indeß meine Phantasie überall in Zeit und Raum herumschweifte. Nahm ich mir auch vor, genau aufzumerken, so war doch der Vorsatz bald gebrochen, indem ein Gedanke der Predigt mich an einen andern ausser derselben erinnerte, hiemit der Vorsatz dahin war. Meistens entwarf ich in der Kirche die schönsten Pläne, träumte die süßesten Träume, unvermerkt schwand häufig die Zeit hin; aber kaum wußte ich oft das Thema der Predigt, und mehr als eine hätte ich nach vier Wochen neuerdings anhören können, ohne mich zu erinnern, daß sie erst kürzlich vorgekommen seye.


Ueber dem Gymnasium besteht zu Schaffhausen unter der Benennung Collegium humanitatis eine Art Lyceum. Es wurde in der Mitte des 17ten Jahrhunderts durch Beiträge wohlgesinnter Privatpersonen in der Absicht gestiftet, junge Theologen wissenschaftlich auszubilden. Da aber bald die Verfügung eintrat, daß Jeder derselben doch noch für zwei Jahre eine Universität besuchen müsse, und ohne dieß nicht zum Eramen zugelassen werde, so begründete sich das sonderbare Verhältniß, daß junge Leute anderer Cantone ihre theologischen Studien zu Schaffhausen vollenden und dann sofort in das[105] Predigtamt eintreten konnten, den Einheimischen dagegen unter keinen Umständen, wiewohl sie vorschriftsgemäß drei Jahre in der Anstalt zugebracht hatten, Solches gestattet war. Obgleich in seinem letzten Zweck für Theologen bestimmt, gieng überhaupt jeder Schüler, welcher eine wissenschaftliche Laufbahn betreten wollte, in dieses Collegium über, mit dem einzigen Unterschied, daß diese an den vorschriftsgemässen dreijährigen Curs von jenen nicht gebunden und zum Besuch des Unterrichts in der hebräischen Sprache und in der Theologie nicht verpflichtet waren. Ich gehörte zu den Letztern, da über meine künftige Bestimmung noch nichts entschieden war, bei meiner Jugend kaum etwas entschieden werden konnte.

Denn nach kaum zurückgelegtem dreizehntem Jahr trat ich in diese Anstalt über; beispiellos früh, aber auch beispiellos unreif. Ich wurde damit aus einem Schüler ein Student, aus einem minderjährigen Knaben ein Herr (wenigstens in den Formen des Umganges), war wechselsweise ein angehender Gelehrter, dann wieder ein Kind, las Livius und Virgil und spielte zwischenein mit bleyernen Soldaten, übersetzte heute grössere französische Bücher schriftlich und überließ mich morgen den abgeschmacktesten Kindereyen, ich brachte es in der Algebra zu leichter Lösung der Gleichungen vom zweiten Grad und verwandte nebenbei Stunden zu unwürdigem Tand.

Es wurde Unterricht ertheilt in Physik, Mathematik, Philosophie, Geschichte, Theologie, Latein, Griechisch, Hebräisch. Aber wie! Der Professor der Physik war unter allen Lehrern ohne Frage der tüchtigste, junge Leute für sein Fach zu gewinnen der geeigneteste, allein hektisch, so daß er nach wenigen Monaten den Unterricht einstellen mußte, und bald darauf starb, Mich konnten nur die Experimente fesseln, Theorie und Erklräung waren mir zu langweilig, überstiegen auch meine Fassungsgabe. – Der Professor der Mathematik hatte aus Holland alles Phlegma und alle Förmlichkeiten der Bewohner dieses Landes mit sich gebracht, und diesen gemäß eine eigene Methode erfunden. Er zählte nämlich die Unterrichtsstunden des Jahres,[106] dividirte sie in die Seitenzahl von Wolfs Anfangsgründen der mathematischen Wissenschaften, und machte in jeder Stunde den Quotienten der betreffenden Seiten durch. Da Fragen der Schüler die zugemessene Zeit verzehrt hätten, so waren diese verpönt. Fasse, wer kann! war dabei sein Wahlspruch. Zwar schrieb ich aus der kleinlichten Eitelkeit, in dem Examen mit einem recht vollständigen Heft prangen zu können, von einem Freund, der sich zu Hause gerne mit dieser Wissenschaft beschäftigte, Alles, was der Professor zu Wolf noch dictirte, genau ab, und befließ mich auch, die Figuren bestmöglichst zu zeichnen. Dennoch schätzte ich eine Wissenschaft, die meiner Lebhaftigkeit zu trocken war, und von deren höherer Bedeutung ich beinahe keine Ahnung haben konnte, nur sehr gering. Ueberhaupt war ich rasch – je nachdem etwas mich anzog oder mir mißfiel – entweder ein hartnäckiger Vertheidiger oder ein entschiedener Gegner. Erst bei hellerer Einsicht bedauerte ich, daß der Anfang in dieser Wissenschaft für mich so ungünstig ausfiel, sie daher für mich ganz verloren gieng.

Den Professor der Philosophie könnte man den Gegensatz von demjenigen der Mathematik nennen; war dieser pedantisch pünctlich, so ließ dieser nur allzugerne sich gehen. Aber acht Stunden Logik und Metaphysik nach Feder setzten auch einen guten Magen sowohl bei dem Lehrer als bei den Schülern voraus. Wer von Beiden mit größerem Widerstreben zum Tisch sich mag gesetzt haben, zumal wenn die Lection auf einen Sommernachmittag fiel, wäre schwer zu entscheiden gewesen. Manche Stunde war daher dem Plaudern, bald über gleichgültige Dinge, bald über Bücher gewidmet. Ein 14jähriger Knabe und Metaphysik, Ontologie und wie die Unterabtheilungen alle heißen! Je mehr aber mein Vater mir die Nothwendigkeit und Vortrefflichkeit des Studiums der Philosophie – worunter er jedoch blos Moral und besonders Anständigkeikslehre verstand – anpries, desto größer wurde meine Abneigung dagegen; so wie mir kein Buch verhaßter war, als Chesterfields Briefe an seinen Sohn, weil ich immer hören mußte, wie man[107] daraus Anleitung für die Formen des Umgangs mit Andern schöpfen könne, und bei Allem, was in meinem Benehmen ihm nicht gefiel, auf diese langweiligen Briefe verwiesen wurde, jedesmal unter großem Bedauern, daß ich sie, weil er sie nur in englischer Sprache besitze, nicht lesen könne. Man sieht hieraus, daß, wenn ich auch in allen Fragen über die Gegenwart mit meinem Vater durchaus übereinstimmte, ich in vielem Andern nicht so willfährig mich erzeigte. – Es war Rückwirkung der Erinnerung an diesen peinlichen, weil unfruchtbaren, Unterricht, daß ich bei späterer Reorganisirung der Anstalt aus Kräften beitrug, die acht Stunden Philosophie auf zwei, und die speculativen Theoreme auf die praktischern, – und wenn sie gehörig vorgetragen werden – anziehendern Zweige der Anthropologie und Psychologie zu beschränken.

Sprachübung wurde viel getrieben, aber ohne Frucht für wahre Kenntniß der alten Sprachen. Alles beschränkte sich abermals auf das cursorische Uebersetzen, wobei weder Grammatik, noch Syntar, noch der innere Bau und die Eigenthümlichkeit der Sprachen in Betracht kamen. Der Unterricht war eine würdige Fortsetzung desjenigen vom Gymasium. Man mag sich von demselben einen Begriff machen, wenn man weiß, daß oft in einer einzigen Stunde achtzig und mehr Verse aus Virgil, oder eine nicht minder beträchtliche Zahl aus Homer übersetzt wurden. Mir sagte das sehr zu, denn ich konnte mit der Erzählung voraneilen, ohne der Formen wegen mich quälen zu müssen. Die Kürze und der Wohlklang der Sprache fesselten mich, und das Lesen lateinischer Schriftsteller, obwohl ich es mit gründlichem sprachlichem Verständniß so genau niemals genommen habe, blieb immer eine Lieblingsbeschäftigung freyer Stunden.

Den entschiedensten Einfluß auf meine gesammte Lebensrichtung übte der Professor der Geschichte, aber keineswegs positiv, sondern durchaus negatio. Seine Universitätsjahre waren in die Zeiten der theologischen und historischen Flachmalerei gefallen. Diese hatte an ihm einen weidlichen Lehrling gefunden,[108] welcher in beiderlei Sorte gar eifrig pinselte, herkommlicher Maßen zu Darstellung des Mittelalters kaum genug Ruß austreiben konnte. Der Unterricht umfaßte zur Zeit meines Eintritts in das Collegium die Periode von Carl dem Großen bis zum sechszehnten Jahrhundert. Die Tendenz war unverdeckt keine andere, als hervorzuheben, wie viel vorzüglicher unsere Zeit vor jener, ja wie diese in allen Beziehungen eine höchst traurige zu nennen seye. Die Wörter Finsterniß, Barbarey, Mangel an Aufklärung, Dämmerung, anbrechende Morgenröthe der Wissenschaften, folgten sich Schlag auf Schlag. Die Geschichte der Kreuzzüge galt als Beweis menschlicher Thorheiten. Allerlei Anekdoten gegen den Papst, die Geistlichkeit, die ganze Zeit wurden emsiglich zusammengesucht. Die Päpste überhaupt galten als Gewissenstyrannen, als eigensüchtige Speculanten, einzig auf Erweiterung ihrer niederdrückenden Gewalt bedacht; Gregor VII war ein finsterer Starrkopf, den weisen Absichten Heinrichs IV gegenüber. Ich habe später ein chronologisches Handbüchlein, welches einst in des Professors Besitz gewesen, unter Augen bekommen. Die einzelnen Staaten sind darin in Tabellenform nach deren Anfang, Dauer und Ende aufgeführt. Ihnen voran stand das Papstthum. Da hatte der gute Mann gemeint, mit Pius VI Tod zu Valence dürfe er nachtragen, was dem Herausgeber unmöglich gewesen, und bezeichnete daher das Jahr 1799 als das letzte des Stuhles Petri. Er konnte in der Folge als kleiner Prophet mit dem ungleich größern Propheten Fichte sich trösten, der nicht lange nachher auf der Schwindelhöhe seiner transcendentalen Klettermaschine stolzirend ausrief: »in fünf Jahren giebt es keine christliche Religion mehr; die Vernunft ist unsere Religion!« – Am schlimmsten kamen bei dem Professor die Klosterbewohner weg. Sie waren entweder extravagante oder beschränkte Köpfe, faullenzende oder pfiffige Mönche, Müssiggänger, die durch einen geistabstumpfenden Religions-Mechanismus mit Erfolg auf anderer Menschen Gut zu speculiren wußten.

Da ward mir die Liebe zu Cicero, Livius, Sallust, Virgil[109] zum Gegengewicht. Auch der Professor sprach viel von dem classischen Latein, von den großen Vorbildern der Alten; doch jenes mehr, um das Latein der mittlern Jahrhunderte in den Schatten zu stellen, dieses, um darzuthun, wie die Alten erst in den Zeiten des Lichts nach Verdienen wären gewürdigt worden. Ob man im Mittelalter sie ihrer Formt oder ihres Stoffes wegen geschätzt, ob man sie auch damals gewürdigt, wie man sie angesehen habe, von dem Allem wußte ich nichts; so viel aber war mir klar, daß einzig diesen einfältigen, beschränkten, so tief herabgesetzten Klosterbewohnern die Erhaltung aller Ueberreste jener Schriftsteller zu verdanken seye. Der Professor schien mir mit seinem Preis der Classiker und seinem Urtheil über die Retter derselben in Widerspruch zu gerathen; ich dagegen fand mich hingezogen zu denen, welche meine Lieblinge aufbewahrt hatten. Mittelst der einfachen Schlußfolgerung, daß ohne deren Sorge wahrscheinlich mit vielem Andern auch diese würden verloren gewesen seyn, ward ich entschieden auf die Bahn des Widerspruches geworfen. Auf dieser mochte sich freilich meiner Neigung zu jenen Conservatoren der alten Meisterwerke ebenso viel Einseitigkeit aufdrücken, als der Verunglimpfung derselben durch den Professor; nur in der Entschiedenheit konnten Beide sich die Wage halten. Da ich dann ferner glaubte, in Kaiser Heinrich IV den Gegner, in Gregor VII den Beschirmer dieser Institution, gegen die ich zu so hohem Dank mich verpflichtet fühlte, erblicken zu sollen, anbei die Unerschrockenheit und Beharrlichkeit, womit der Papst meiner Meinung nach das erhaltende Princip vertrat, mich besonders ansprach, so wurde auch Gregor VII mein Mann, ich bereit, für ihn einzustehen gegen Jeden; jedoch ohne mehr von ihm zu wissen, als das Wenige, was der Professor über ihn zu sagen für gut gefunden hatte. Ueber eine dunkle Ahnung seiner Größe hinaus konnte ich es nicht bringen.

Nun zogen in meiner Phantasie der heilige Bernhard und Peter der Eremit, dann wieder die Ritter und die Minnesänger, zu anderer Zeit der heilige Bonifacius und die Klosterbewohner[110] vorüber, Alle in andern Gestalten, als wie sie mir geschildert wurden, und doch wieder blos in nebelhaften Gebilden, wie etwa bei der Dämmerung Berge, Bäume und Schatten wohl unterschieden werden, nicht aber in bestimmten Umrissen sich darstellen. Bald träumte ich mich als Ritter, hinziehend zum heiligen Kampfe; bald sehnte ich mich nach der einsamen Zelle des Klosterbruders, um ohne die Noth einer Brodwissenschaft Gott zu leben, dem Abschreiben meiner Alten obzuliegen, obwohl ich heller weder in jene noch in diese Lebensweise hineinzublicken vermochte. Dadurch stempelte mich allerdings ein anderes Spiel der Phantasie zum Widerpart des Professors, welchem Nüchternheit als höchstens Prädicat galt, welches einer Zeit, einem Bestreben, einem Mann sich beilegen ließ. Dieses »nüchtern« und immer wieder »nüchtern« klang mir so mißtönig in die Ohren, und die Menschen, die dadurch geehrt werden sollten, kamen mir so dürr, mager und spindlicht vor, daß sie schon deßwegen keine Anziehekraft auf mich üben konnten. Auch von Aufklärung hatte ich den Professor oft und viel reden gehört. Allein bei dem Wenigen, was ich weiter über dieselbe vernahm, zeigte sie sich mir als eine Sache, die bei weitem nicht so wünschenswerth und so preiswürdig seyn dürfte, wie sie mir vorgestellt werden wollte. Ich erinnere mich noch gar wohl, welches Bedauern in dem Collegium geäussert wurde, daß die Schrift des Celsus gegen das Christenthum verloren gegangen seye, so daß man sie nur noch aus den in der Widerlegung des Qrigenes citirten Stellen kenne, welcher wahrscheinlich blos dasjenige aus ihr heraus gehoben habe, was für ihn getaugt hätte; indeß bei dem Besitz der vollständigen Schrift es sich vielleicht ergeben würde, daß Celsus »gesundere Ansichten über das Christenthum« aufgestellt habe, als der düstere Bekämpfer desselben für zulässig gefunden. Ich weiß es noch recht gut, daß dieses Bedauern keinen Anklang bei mir fand, ich mich vielmehr verwunderte, wie ein Geistlicher wünschen könne, daß eine in feindseligem Ton gegen das Christenthum gerichtete Schrift noch vorhanden seyn möchte. Sympathien für die[111] verkannten Irrlehrer brachen bei Gelegenheit genugsam hervor, so wie die Kirchenschriftsteller nicht immer in dem schönsten Lichte erschienen. Da ich noch nicht vorhatte, Theologie zu studiren, berührte mich dieses minder. Doch stiegen jene als große Gelehrte, als ausgezeichnete Schriftsteller, vornehmlich als solche, die zum Theil in lateinischer Sprache geschrieben hatten, in meiner Achtung; denn des Mißtrauens war genug in mir erregt worden, um ganz Anders, als das Vorgebrachte, in Bezug ihrer zu ahnen.

Noch einen andern Impuls verdanke ich diesem Professor, einen Impuls, in welchem vielleicht der erste Keim meiner jetzigen Entwicklung zu suchen ist, der Jedenfalls nicht wenig dazu beigetragen hat, mich dahin zu bringen, wo ich gegenwärtig stehe. – Der Professor führte nämlich nebenbei einen Trödelhandel mit alten Büchern, der ihm selbst eine schöne Bibliothek verschafft hatte. Aus Clement, Vogt, Maittaire und andern Sammlungen, die von seltenen Büchern handeln, besaß er hierin ziemliche Kenntniß, was er, so wie in seinen eigenen Büchern, so auch in denjenigen, die er verkaufte, anzumerken nie unterließ. Daher kam nicht leicht ein älteres Buch aus seinen Händen, welches nicht eine editio rara, perrara, rarissima, sparsim obvia, incastrata u.s.w. gewesen wäre. Da ich frühzeitig Bücher las und auf Bücher einen großen Werth setzte, so fand ich mich schon von erster Jugend an auf allen Bücherversteigerungen ein. Der Professor steckte mich leicht mit seiner Raritätsmanie an; all mein kärgliches Taschengeld wanderte zu großem Verdruß meines Vaters fortweg in seine Hände, zum Theil für Schund, dem aber die Aufschrift liber rarus und perrarus selten fehlte, so wenig als gegen mich die Versicherung: es wäre zu wünschen, daß alle jungen Leute solche warme Liebe für Wissenschaften und – Bücher bethätigten, wie ich. Letztere wenigstens wurde unterhalten durch den unerwarteten Fund vieler werthvollen Werke auf dem Heuboden eines alten Großoheims, und durch die glückliche Wendung, mit der ich denselben[112] in guter Stunde ihm abzulocken verstund. Die Liebhaberei zum Büchersammeln begleitete mich auf die Universität, und ward mittelbar die erste Veranlassung zur Geschichte Innocenzeus des Dritten.


In die Mitte meiner Studentenjahre zu Schaffhausen fällt die Schilderhebung der schweizerischen Bevölkerungen aller Cantone gegen die kostspielige, deßwegen, und weil sie allen geschichtlichen Erinnerungen und den an- und eingewöhnten vielhundertjährigen Einrichtungen stracks zuwiederlief, verhaßte helvetische Regierung. Es ist in neuerer Zeit bedauert worden, daß dieselbe die Waffenmacht vernachlässigt hätte, als wodurch sie allein den feindlichen Parteien Schweigen hätte gebieten können. Hieraus mag ersehen werden, was in der Schweiz zu gewarten stünde, wenn das Bestreben Einzelner, eine Centralmacht zu begründen, je sich verwirklichen liesse. Jetzt würde man eine solche Vernachlässigung sich nicht mehr zu Schulden kommen lassen. In unsern Tagen verstünden sie das Gewerbe, unter dem blendenden Namen der Freiheit Allen das härteste Joch aufzulegen, und unter dem klingenden Wort »allgemeine Rechte« zu Allem sich berechtigt zu halten, besser als damals. Hätten sie erst die Stühle in den Ring gestellt und sich verständigt, wer auf dieselben sich niederlassen dürfe, dann würden sie mit Geharnischten den Ring umzingeln und einen Gurt von Schwertern und Spiessen nach aussen kehren und ferne halten das ungeweihte Volk, welches in Entrüstung über die Orakelworte, die aus dem Ringe ertönten, sich nähern und klagen wollte, es seyen dieß nicht Worte, wie sie einst zu den Vatern gesprochen worden, und nicht ein Verfahren wie es jenen Lauten: Freiheit und Recht, entspräche. Dann würden sie Bedürfnisse schaffen, die man niemals gekannt, würden das Land in eine Weide von Müssiggängern unter den Freunden und Brüdern verwandeln und in diesen wieder bereitwillige Schergen zu Verfechtung ihrer Uebermacht heranziehen. Dann würden[113] wohl die gerechtesten Beschwerden, die in kurzem diejenigen jener Vergangenheit überbieten dürften, von dienstfertigen Scheeibern als Ränke und Leidenschaften »feindlicher Parteyen« taxirt und durch Schwert, Brandschatzung und Henker sorgfältig verhütet werden, daß die Leidensstimme zur Leidensstimme gelangen, der Klagelaut an dem Klagelaut erstarken, die Meinung, als wäre die Regierung für das Volk, und nicht dieses für die Form, wohl gar für die Individuen der Regierung vorhanden, je wieder zu einer Lebensäusserung aufflammen könnte. Was im Jenner 1841 zu Solothurn im Kleinen geschah, würde alsdann unvermeidliches Loos der Gesammtschweiz werden.

Das Mißvergnügen und die Befreiungsversuche, welche im Sommer 1802 erst in den kleinen Cantonen ihren Anfang nahmen, wurden nur vorübergehend besprochen, immerhin beifällig, als darin Regungen des alten Geistes, Abneigung gegen die Einheitsregierung wahrgenommen wurden. Die rasch sich folgenden, nach kurzem Bestehen immer wieder vereitelten Versuche, für die eine und untheilbare helvetische Republik irgend eine zusagende Form aufzufinden, hatten bei jedem Wechsel schneidende Bemerkungen von Seite meines Vaters genug hervorgerufen, die alle in mir ihren reinen Widerhall fanden. Wie man aber auch dem Sträuben der Unterwaldner, hierauf ihrer Nachbarcantone, gegen die verhaßten und drückenden Einrichtungen Erfolg wünschte, wenigstens im besondern Interesse dieser Gründer schweizerischer Freiheit, weitergreifende Einwirkung glaubte man anfangs hievon nicht gewarten zu dürfen. Erst als der helvetische General Andermatt vor Zürich zog und Kunde eintraf, er hätte im Namen der Landesväter diese Stadt wiederholt mit Haubizen und glühenden Kugeln beschossen, weil die Bürger seinen Haufen den Einzug verweigert, erst von da an ward die Stimmung entschiedener, der Verwünschung von Gewalthabern, die derlei Gräuelthat sich erlauben könnten, kein Zwang mehr angethan, rückhaltsloser die Hoffnung besserer Zeit in Befreyung von dem »helvetischen Joch« ausgesprochen; alsbald hierauf die Nachricht beruhigte[114] und zugleich ermuthigte: der Befehlshaber der helvetischen Truppen habe von der bedrängten Bundesstadt abziehen müssen.

Die Bewegung, welche damals durch die ganze Schweiz von einer Landesgränze zu der andern ergieng, theilte sich auch meinen Mitbürgern mit. Obwohl Schaffhausen in Vergleich zu andern Städten die Last der Einheitsregierung weit weniger fühlte, so war doch der Verlust der ehevorigen Rechte noch nicht verschmerzt, das Gesammtgepräge noch nicht verschlissen, das Selbstbewußtseyn noch nicht zur Carricatur geworden. Bei dem Anfang jener immer entschiedener hervortretenden Erregung jedoch beruhte geraume Zeit Alles auf dem Reden; lange wollte es zu keinem Entschlusse kommen. Vermuthlich gedachten die Behörden in pflichtgetreuer Klugheit, erst den Gang der Dinge zu beobachten, einen voreiligen Schritt zu vermeiden. Mir schien die Sache zu langsam zu gehen, ich meinte, zu baldiger Beseitigung des fremdartigen Gewächses einer Centralgewalt müßte auch von meiner Vaterstadt das Möglichste beigetragen werden, hielt mich daher in meinem Eifer berufen, unter der Hand hierauf einzuwirken.

Auf einem Brunnen der Stadt steht das Bild Wilhelm Tells. Ich verabredete nun mit einem Bekannten, dem Einzigen, der aus früherer Schulzeit zu Hause geblieben war, auf einen Kartendeckel mit großen Buchstaben die Worte zu schreiben, welche einst zu Nero's Zeit an der Bildsäule des Brutus zu Rom waren gefunden worden: »O lebtest du!« Nach eingebrochener Nacht sollte die Tafel mittelst einer Stange der Bildsäule an den Arm gehängt werden. Ich träumte mir, durch das entlehnte Wort unfehlbar den lebendigsten Enthusiasmus unter meinen Mitbürgern hervorzurufen, ahnete aber nicht, daß es wahrscheinlich nur von Wenigen würde verstanden werden, dagegen geeignet seye, den Urheber des Unternehmens unfehlbar zu verrathen. – Das Vorhaben wurde indeß glücklich vollführt, die Tafel jedoch am folgenden Morgen, wahrscheinlich durch einen Hausbesitzer in der Nähe des Brunnens, weggenommen. Da gewährte es mir nachher nicht geringe Befriedigung,[115] als ich davon sprechen hörte: es seye an dem Bilde des Brunnes eine Schrift gefunden worden. Glücklicher Weise wollte Niemand wissen, wie sie gelautet habe.

Später versuchte ich Aehnliches durch ein anderes Mittel. Ich verfaßte einen Aufruf: man solle nicht so schläfrig den Ereignissen zusehen, es seye an der Zeit, zu erwachen, den übrigen Eidgenossen, die wider die Gewalthaber sich erhoben hätten, endlich sich anzuschliessen. Von dieser Schrift (es war ein Quartblatt) schrieb ich vier Exemplare, alle, damit sie besser in die Augen fielen, mit rother Dinte, und klebte sie in der Dunkelheit an verschiedene Straßenecken. Des folgenden Tages befand ich mich eben bei dem Professor I. G. Müller im Collegium, als der Perückenmacher ihm erzählte: in der verflossenen Nacht wäre an einigen Ecken eine Schrift gefunden worden, deren Inhalt er aber nicht kenne. Der Professor entgegnete: wenn er doch nur ein Exemplar derselben zu Gesicht bekommen könnte, es würde ihm nicht schwer fallen, aus den Schriftzügen den Verfasser zu entdecken. Wie sehr ich mich während dieses Zweigesprächs zusammennahm, so müßte doch die in mein Antlitz steigende Röthe ihm mich verrathen haben, wenn er mir gerade den Blick zugewendet hätte. Dieß scheint nicht der Fall gewesen zu seyn, denn die Sache wurde nicht weiter berührt.

Die Hauptereignisse, der Aufstand im Aargau, die Einnahme von Solothurn und Bern, das Vorrücken der Mannschaft der kleinen Cantone, fielen glücklicher Weise in die Zeit der Ferien. Bei der allgemeinen Theilnahme, welche diese Vorgänge in verwandter Stimmung fanden, sah man jeden Tag hindurch in jeder Straße kleine Gruppen, die alle aufgegriffenen Nachrichten, bald wahre, bald falsche, sich mittheilten, sie commentirten, ihren Gesinnungen gegen die helvetische Regierung freien Lauf ließen, darüber, was hiesigen Orts zu thun seye, hin- und hersprachen. Wo ich Einige beisammen stehen sah, trat ich ebenfalls hinzu, mischte mich in jedes Gespräch, theilte ungescheut meine Meinung mit, gleich als hätte ich volles Recht dazu[116] gehabt So wurde ich allgemein bekannt, und war als ein junger Mensch von der besten Gesinnung unter allen meinen Mitbürgern wohl gelitten. Von frühem Morgen bis in den späten Abend trieb ich mich so durch alle Straßen. Zu Hause wurde dieses nicht nur nicht verwehrt, sondern, von meiner Mutter wenigstens, gerne gesehen; denn regelmässig kehrte ich von Zeit zu Zeit heim, um ihr über alles Vernommene Bericht zu erstatten; womit ich ihr einen großen Dienst erwies. Ich hätte meine damalige Thätigkeit derjenigen eines Adjudanten vergleichen können, welcher seinem Befehlshaber fleissig mittheilt, was er wahrgenommen, alsbald dann wieder hinausfliegt, um Neues auszuspähen und ebenso mit diesem zurückzukehren. Mein Enthusiasmus theilte sich bald meiner Mutter mit, und damit war mir der volleste Freibrief für mein Herumfahren ertheilt.

Ob die Behörden von sich aus einen Entschluß faßten, oder ob sie zu einem solchen durch die immer lauter werdende Stimme ihrer Mitbürger zuletzt getrieben wurden, weiß ich nicht. Es drängte sich damals Alles so rasch, daß mir von dem Einzelnen nur das Wesentliche sammt demjenigen, wessen ich selbst Zeuge war, im Gedächtniß geblieben ist. Doch die Vorgänge eines Abends stehen noch so farbenfrisch vor demselben, als hätten sie sich gestern ereignet. Er trug sich an einem Dienstage zu. Auf fünf Uhr war eine Versammlung der Municipalität in Verbindung mit andern Behörden angesagt. In Erwartung, etwas Neues zu hören, gieng ich meinem Vater auf das Rathhaus voran. Es dauerte nicht lange, und der weite Raum vor dem Versammlungszimmer füllte sich mit Männern aller Stände, welche der Beschlüsse harrten, die genommen werden wollten. Als ich mich zu einer Gruppe stellte und meiner Gewohnheit gemäß mitzusprechen anfieng, fragte mich einer der Anwesenden: »Ja, wer seyd denn Ihr?« Ehe ich aber antworten konnte, fiel ihm ein Anderer in die Rede: »»Laß du nur diesen, er gehört zu den Rechten,« und nannte ihm meinen Vater. Darauf sagte der Erste: »Nun das ist brav. Ich glaubte, Ihr[117] wäret der und der (der Sohn eines Mannes, der damals als Mitglied der Centralregierung den Unwillen, der diese traf, zu theilen hatte); wäret Ihr es gewesen, so hätte ich Euch eine Ohrfeige gegeben, daß Ihr die Rathhaustreppe hinuntergetaumelt wäret.« Ich hatte aber den Bezeichneten in Begleit eines Verwandten, der früher mein Mitstudent gewesen war, wohl bemerkt, mich jedoch vor jeder Berührung mit ihnen, oder vor jeder Annäherung an sie sorgfältig gehütet.

Die Berathung verzog sich bis in die Nacht. Draussen wurde es immer lauter; die harrende Menge verlangte immer dringender einen Beschluß, welcher der allgemein herrschenden Stimmung entspreche, oder wollte wenigstens wissen, wozu die Behörden geneigt wären. In die Rathsstube wurde entboten: es wäre nun Zeit, daß man sich zu Etwas entschlöße – Die Ungeduld und die Unruhe stiegen fortwährend. Endlich fand man es zweckmässig, den Professor Müller, einen sonst sehr beliebten Mann, unter die Bürger hinauszusenden. Er kam, schüchtern, blaß, bei mattem Kerzenschein noch blasser, und da er seine ohnedem leise Stimme jetzt noch weniger erheben konnte, wurde er kaum in der nächsten Umgebung gehört, richtete daher nichts aus. Die Unruhe wurde in den fernern Kreisen immer größer, immer dringender das Verlangen nach einer Schlußnahme. Daher folgte ihm ein anderes Mitglied der Behörde, zwar mit stärkerer Stimme begabt, aber klein von Statur. Auch diese Magistratsperson gab sich Mühe, zu beruhigen, konnte aber ebensowenig ausrichten als sein Vorgänger. Endlich trat der nachmalige Bürgermeister Stierlin, ein großer, schlanker Mann, mit einer Stentorstimmte begabt, unter die Menge, forderte dieselbe zum Vertrauen zu ihren Obern auf, verhieß Berücksichtigung ihrer preiswürdigen Begehren, einen Beschluß, welcher der Vaterstadt, als eines alt eidgenössischen Gliedes, würdig seyn werde. Jetzt erwies sich alles zufrieden, Jedermann begab sich erfreut und ruhig nach Hause. Es war Nachts zehn Uhr geworden:

Bald wurde ein Contingent einberufen, um es zu den andern[118] Schweizertruppen zu senden. Da wurde allgemeiner Jubel laut; Freiwillige boten zur Bildung eines erlesenen Corps sich an; die Bewohner der Landschaft wetteiferten mit denen der Stadt; jauchzend eilten die Bewaffneten derselben zu. Die helvetische Regierung hatte keine Wurzel in dem Volk; man kannte sie nur durch die damals noch sparsam gelesenen Zeitungen, durch mißbeliebige Verfügungen, durch die seit Jahrhunderten bei uns unbekannten Abgaben. Gleichzeitig reiste zu der nach Schwytz einberufenen Tagsatzung ein Abgeordneter ab. Daß ich die allgemeine Freude über die glückliche Wendung theilte, brauche ich nicht beizufügen. Für einen kurzen Augenblick sollte ich sogar activ auftreten.

Die helvetische Regierung saß bereits in dem festen Schloß Chillon, entweder Hülfe von Frankreichs erstem Consul, oder ihre Auflösung durch das Volk erwartend. General Rapp brachte ihr ärmliche Lebensfristung. Die schweizerischen Truppen mußten auf des fremden Gebieters Befehl sammt der Tagsatzung aus einander gehen. Als nun unser Contingent auf dem Heimmarsch begriffen war, machte sich ein unbekanntes Individuum den schlechten Spaß, zwei Bürgern, welche einen Spazierritt in das benachbarte Zürichergebiet unternommen hatten, die Schreckensbotschaft aufzuheften: jenes werde von allen Seiten durch die Bauern des Cantons Zürich angegriffen, ohne schnelle Hülfe stünde es in Gefahr, aufgerieben zu werden. Deß erschracken, wie natürlich, die Beiden; und ohne nähere Erkundigung einzuziehen, sprengten sie nach der Stadt zurück, um die Trauerbotschaft anzukündigen. Nun gerieth Alles in Bestürzung und Allarm; standen doch Väter, Söhne, Brüder, Freunde, Bekannte, stand darüberhin der Stadt Ehre in Gefahr. Wer einer alten Flinte, einer Hellbarde, eines Spießes habhaft werden konnte (denn zweimalige Entwaffnung hatte die Feuergewehre selten gemacht), ergriff seine Waffe und suchte in eilender Hast über den Rhein zu kommen. Die Trommeln wirbelten, an allen Straßenecken flackerten die Pechpfannen; in der Nacht zogen die Bewohner der nächsten Dörfer, denen Eilboten[119] die traurige Kunde gebracht hatten, nach Art eines Landsturmes mit allerlei Vertheidigungswerkzeugen bewaffnet, heran, ebenfalls zur Hülfe der Bedrohten. Bei so allgemeinem Eifer durfte ich nicht mehr bloßer Hörer, müssiger Zuschauer bleiben. Daß mir das Mitziehen von meinen Eltern niemals würde gestattet werden, wußte ich wohl. Ich stellte also vor: in solcher Gefahr müßte die Stadt bewacht werden; daher seye nichts als billig, daß ich wenigstens denjenigen mich anreihe, die zu diesem Dienste sich vereinigten. Hiegegen war nichts einzuwenden. Nun eilte ich zu meinem Großonkel, um aus einem sonst sorgfältig verschlossenen Wandschrank als unentbehrliches Werkzeug eine Jagdflinte zu entlehnen. Diesen hatte die Verwirrung zu Gewährung des Gesuchs willfähriger gemacht, als er zu jeder andern Zeit sich würde erwiesen haben. Schnell wurde die leichteste Waffe herausgegriffen, Schrot war bald herbeigeschafft, Pulver hatte ich ohnedem. Dieses in der Tasche, die Flinte amt Arm, zog ich der Hauptwache zu, wo viele ältere Männer, ohngefähr in gleicher Weise bewaffnet, sich zusammengefunden hatten und meinen Eifer höchlich belobten. Es war die einzige Nacht meines Lebens, die ich unter den Waffen zugebracht habe. Sie zeigte mir dieses Gewerbe nicht von lockender Seite. Einmal zwar war es für mich ganz vergnüglich, als ich mit einem Dutzend Anderer zu einer Patrouille ausser der Stadt beordert wurde; es war ein nächtlicher Spaziergang, auf welchem man nach Bequemlichkeit dahinziehen und plaudern mochte, und wieder nach der hell erleuchteten, lebhaft bewegten Stadt zurückmarschirte. Nach Mitternacht hingegen wurde mir in einer einsamen Sackgasie in dichtester Finsterniß vor einem geschlossenen Thor, hinter welchem ein Pulverwagen stehen sollte, der Posten angewiesen. Kein Mensch gieng da vorüber. Die Finsterniß, die Einsamkeit, die monotonen Laute eines kreischenden Windelwichts in der Nähe, machten mir die Stunde zu einer Ewigkeit. Zum Zeitvertreib lud ich meine Flinte, schüttete aber, wie ich des andern Tages beim Abfeuern bemerkte, im Dunkel das Pulver größtentheils neben den Lauf.[120]

Als endlich bei baldigem Abfluß der Stunde ein Knecht mit einer Laterne daher kam, begrüßte ich diese freudiger, als je die Morgensonne, denn ihr Träger bot mir zugleich Gelegenheit, ein Zweigespräch anzuknüpfen, unter welchem ich meiner Ablösung harrte. Mit Tagesanbruch hatte meine kriegerische Laufbahn ein Ende, das Contingent rückte am Abend wohlbehalten hier ein und versicherte, in seinen Quartieren niemals behaglicher sich befunden zu haben, als zu der Zeit, da man hier allgemein für sein Leben zitterte.


Ich hatte bis ins fünfte Jahr in dem Collegium zugebracht, lange Zeit der einzige Zögling desselben. Welchem Beruf ich mich widmen wollte, war immer noch unentschieden. Darin handelte mein Vater weislich, daß er dieses meiner freien Wahl anheimstellte, selbst ohne ernstlichen Versuch, mich zu irgend Etwas zu bereden. Seine Bemerkung: die Theologie öffne die Bahn zu manch anderem Ziele, ließ ich mir schon gefallen; alle Versuche hingegen, die nachher leicht zu erwerbende Stelle eines Hauslehrers in den reizendsten Bildern und durch mehrere concrete Beispiele mir vor Augen zu malen, konnten nichts verfangen. Ich hatte eine wahre Antipathie gegen ein solches Verhältniß, welches mir stets zu beengend und zu untergeordnet erschien. Entschieden bei mir war nur, einen solchen Beruf zu wählen, der mich auf eine Universität und vornehmlich in die Nähe einer großen Bibliothek brächte. Das konnte aber einzig möglich werden, wenn ich mich für die Theologie erklärte, worin ich Unterricht bereits in dem Collegium genommen und zum Glück des alten Döderleins Dogmatik mit Interesse und Liebe studirt hatte. So viel ich mich erinnere, gehört dieses Lehrbuch noch zu den rechtgläubigen. Ein einziges Hinderniß wurde jedoch in Bezug auf meinen endlichen Entschluß darin geahnet, daß ich nicht die mindeste Kenntniß der hebräischen[121] Sprache hatte. Allein der Professor versicherte, diesem Mangel lasse sich durch Privatstudien leicht abhelfen.

Bei dem geringen Interesse, welches der öffentliche Gottesdienst mir abgewinnen konnte, muß ich es für eine wahre Fürsorge der göttlichen Gnade um mich anerkennen, daß sie erst zu dem Studium der Theologie mich leitete, und sodann die Erreichung aller andern Ziele, auf die ich während der Universitätsjahre meinen Blick ernstlicher richtete, als auf dasjenige, zu welchem jenes unmittelbar führen sollte, vereitelte. Mir zwar galt das Studium der Theologie nur als Mittel, eine andere Laufbahn betreten zu können. In dieser Beziehung waren die manchmal geäusserten Bemerkungen meines Vaters, so lange sie nicht an jene Bestimmung sich knüpften, die er dabei vorzugsweise im Auge hatte, um so weniger ohne Einfluß geblieben, als sie den eigenen Wünschen und Hoffnungen entgegenkamen. Da ich aber doch nicht bloß Theologie zu studieren vorgeben, anbei sie gänzlich auf die Seite setzen durfte, wurde ich dadurch gezwungen, mit den geoffenbarten Wahrheiten mich ernstlicher zu beschäftigen, als es wahrscheinlich ohne dieß geschehen wäre. Nun stand die Wahl offen zwischen der erhaltenden Richtung und der auflösenden, zwischen dem Festhalten an einer objectiven Offenbarung und der subjectiven Klügelei.

Zu dieser konnte leicht der damalige Stand der Wissenschaft, die Richtung der Professoren, der Einfluß der Studiengenossen und allfälliger Umgang hinüberziehen; für jene lag etwelche Bürgschaft in sonstiger Gesinnung und vielleicht selbst in den Grundsätzen, denen ich bei den politischen Fragen, die in den letzten Jahren so lebendig mich berührt hatten, das Uebergewicht einräumte. Darüberhin war aus den Eindrücken der Jugend, von den Aeusserungen meines Vaters, durch die Gewohnheiten meiner Mutter mir so viel gebliebem, daß ich Jenes als das allein Richtige, eine wahre Verbindung der Menschen mit dem Himmel Begründende, darum Beglückende erkannte, so wie ich dann in späterer Zeit mit allem Ernst hiefür zu leben und zu[122] wirken mich bemühte. Hätte mein Lebenslauf einen andern Gang genommen, welcher rege Selbstthätigkeit in Bezug auf Darlegung der tiefsten Wahrheiten des, als Offenbarung von oben anerkannten Christenthums nicht von mir unablässig gefordert hätte, vielleicht wäre ich für dieselben gleichgültiger geworden, wäre deren erleuchtender Glanz für mich allmählig erblichen; hätte bei dem Mangel aller Anregung durch Gottesdienst und daheriger Beiseitsetzung völlige Gleichgültigkeit leicht mich beschleichen können.

Göttingen leuchtete als Universität meinem Vater alsbald ein, weil es damals an Ruf allen andern voranstand; weil weitaus der größere Theil unserer Geistlichen ebenfalls ihre Studien dort gemacht hatte; weil zwei meiner Jugendgenossen dahin vorangegangen waren. So reiste ich, 17 1/2 Jahr alt, im Herbst 1801 nach Göttingen ab; jung, unreif, ohne Anleitung, in meinen Studien unbedingt mir selbst überlassen; jedoch durch den Gehorsam, in dem ich erzogen worden, durch die Gewohnheit, mich immer zu beschäftigen, durch der Eltern Ermahnung und Beispiel fest genug, daß ich lieber beinahe gar keinen als verderblichen Umgang suchte, meine Zeit, wenn nicht gerade zwecklässig verwendete, doch nicht nutzlos zerrinnen ließ.

Da ich lange vor Anfang der Ferien dort eintraf, begann ich sogleich mit dem Versuch, durch eigene Bemühungen das Versäumte in der hebräischen Sprache nachzuholen. Ich strengte mich mit der Grammatik und unter Hülfe des Wörterbuchs einige Monate durch sehr an; aber das Holpael und Hitpael waren mir zu splittericht, und da ich es nachher bei Eichhorn in einem Collegium über die Psalmen doch nicht weiter bringen konnte, als die Wurzeln, die er etwa an die Tafel schrieb, in meinem Hefte nachmalen zu können, hängte ich diese Sprache als nutzloses, langweiliges und zeitraubendes Zeug an den Ragel, in der Hoffnung, es werde entweder doch nicht dazu kommen, ein geistliches Amt übernehmen und ein theologisches Examen bestehen zu müssen, oder es dürfte dann immer noch möglich seyn, auf irgend eine Weise mir durchzuhelfen.[123]

Da ich im Rückblick auf fünfthalb, in unserer Anstalt zugebrachte, Jahre auf Collegien keinen großen Werth setzte, so hörte ich deren nie mehr als vier: – exegetische bei Eichhorn, kirchenhistorische bei Plank, einmal Dogmatik bei Stäudlin, am liebsten griechische Alterthümer und Pindar bei Heyne. Ausser diesem, dessen Bild durch den langen Lauf der Jahre an Farbenfrische bei mir nichts verloren hat, konnte keiner der Professoren wahrhaft mich anziehen; Eichhorn mit seiner Freundlichkeit noch am meisten, aber nur bei Besuchen auf seinem Zimmer; Plank hingegen war mir in den Vorlesungen zu trocken, Stäudlin zu steif. Bei Heyne's Vorlesungen über Pindar (wie nachher, als ich ein Collegium über Apollonius Rhodius bei Mitscherlich hören wollte) ward ich nur zu bald inne, daß es bei meiner höchst dürftigen Kenntniß der griechischen Sprache, bei der Unwissenheit in den unerläßlichsten Elementen der Grammatik, mir durchaus unmöglich seye, den mindesten Nutzen daraus zu ziehen.

In jenem Fragment vom Jahr 1808, mithin noch unter frischen Eindrücken (sie sind aber auch jetzt nicht völlig verblichen) nahestehender Rückerinnerung, finde ich über die andern Collegien Folgendes angemerkt: »Von der Kirchengeschichte, welche im ersten Semester das Mittelalter umfaßte, glaubte ich, müßte es doch eine höhere Ansicht geben, als diejenige, welche Plank hatte. Da wurde keine Rücksicht genommen auf den Zweck der Kirche, auf die innere Uebereinstimmung ihres Systems, auf die Vortrefflichkeit ihres Cultus, auf die Poesie, die in ihrer Geschichte liegt, in ihrem Kampf mit der weltlichen Macht, und in der hohen Idee, die in dem Papstthum sich darstellte, nämlich den großen Gedanken einer geistigen Weltherrschaft zu realisiren. Man sah blos Machinationen, Cabalen, Auflehnung gegen rechtmässige Herren. Man kann einen Cäsar in den Himmel erheben und einen Gregor VII in die Hölle hinabstossen, gleich als ob der Form, nicht dem Geist, Bewunderung zu zollen wäre. Das Kleinlichte, Lächerliche wurde hervorgehoben und das Höhere von der unvortheilhaftesten Seite dargestellt,[124] In den Reliquien sollte nur eine einfältige Verehrung von Knochen, in der Beichte ein von schlauen Priestern ersonenes Mittel, die Laien zu bethören, in dem Cölibat blos eine Grausamkeit, die nur ein, aller menschlichen Gefühle beraubter, Tyrann habe anordnen können, in dem Pracht des Cultus Abgötterei zum Vorschein kommen.«

Nach langen Jahren habe ich Plank auf einer Verdrehung ertappt, die mir um so mehr leid thut, da sonst an seinen Büchern ein billigeres Urtheil mit Recht gerühmt wird. Wahrscheinlich sollte dieselbe (ich kann sie noch in meinem Hefte nachweisen) die Stelle eines Witzes vertreten. Wo er nämlich von den abentheuerlichen Reliquien sprach, die im Mittelalter hie und da verehrt wurden, erwähnte er auch der versteinerten Excremente des Esels, auf welchem der Heiland am Palmtage zu Jerusalem eingeritten seye, und die irgendwo in einer Kirche zur Verehrung auf bewahrt worden wären. Lange Jahre nachher führte mich der Zufall auf die betreffende Stelle in den Fastis Corbeyensibus (Leibnizii Script. T. II. p. 310.), bei dem Jahr 1217. In Erinnerung an jenes Vorgetragene erstaunte ich nicht wenig, Folgendes darin zu finden: Nebulo autem omnium nebulonum duo stercora asimi, a diuturnitate temporis in lapides, ut adjunt, conversa, quo Christus vectus est in Hierosolymam, in itinere isto ab eo rejecta, obtulit Beckæ, Priorissæ in Fretelshem, ut ipse ibi audivi. – Der Ausdruck nebulo omniumnebulonum, das obtulit (dem Anbieten, welchem dem Zusammenhang gemäß ein Zurückweisen folgte, sonst ein vidi schwerlich fehlen würde) und das bloße audivi beweisen gewiß zur Genüge, wie auch damals die Sache seye genommen worden.

Folgendes war damals mein Urtheil über Eichhorn, woran ich auch jetzt noch wenig zu ändern wüßte. »Was war jene Exegetik? Wie konnte sie einem Menschen genügen, der nicht eine egoistische Sittlichkeit zum höchsten Ziele des menschlichen Lebens machen will! Nicht ohne tiefen Unwillen sah ich Christus wieder erniedrigen, täglich kreuzigen, das eifrigste Bestreben,[125] ihn zu einem Sittenprediger, zu einem Moralisten des 19ten Jahrhunderts zu machen. Das Göttliche entschwand, das Heilige zerrann unter profanen Händen, und die Perle des Evangeliums wurde weg geworfen. Die Wunder des Herrn wurden nicht nach jener Weise des Dr. Paulus, aber auf eine andere, nicht minder sträfliche, wegräsonnirt. Hypothesen zu deren Erklärung wurden gebaut, die, wenn Alles so sich ereignet hätte, dieselben noch wunderbarer gemacht hätten. Gelehrsamkeit, Witz, Erfahrung, Vernunft mußten fröhnen, um zu dem Ziele zu leiten, zu dem man geleitet seyn wollte. Runde Zahlen, Varianten, falsche, oder selbst ersonnene, Uebersetzungen, Mangel an Einsicht der Schreiber, Vorurtheile, Herablassung zu den Volksbegriffen, oder Steigerung dieser Begriffe zu höhern Vorestellungen, Accommodation zu den Hörern oder Lesern, Alles wurde aufgerufen, um wegzubringen, was man weggebracht, herbeizuführen, was man herbeigeführt haben wollte. Daß Christus und seine Lehre göttlichen Ursprungs seye, war, ebenso wie der heilige Geist, figürliche Redensart. Es gelang sogar den Einsichten dieses tiefblickenden Mannes, die Berichte der Evangelisten über das Leben Christi, wie eine Herkulanumsrolle aufzuwickeln, gleichsam eine hydrographische Charte derselben zu entwerfen, und nachzuweisen, welche Quellen, Bäche, Flüsse in diesen Hauptstrom gestossen seyen, wie sie denselben gebildet hätten.

Und wie gieng man mit seinen heiligen Aposteln um? Zu verwundern ist sich, daß noch Keiner aufgetreten ist und bewiesen hat, daß Judas der einsichtsvollste, verständigste, und – um den Gipfel der Vortrefflichkeit zu bezeichnen – der Aufgeklärteste unter ihnen gewesen seye, welcher endlich dem Unwesen habe ein Ende machen wollen. Wie? Schreibt man nicht Einleitungen in das N. T., deren Absicht, die Glaubwürdigkeit des Evangeliums zu untergraben, unverdeckt sich zu erkennen giebt? Dieß soll Aufklären genannt werden, Verdienste um die christliche Religion sich erwerben, den Wust alter Vorurtheile wegräumten! Hätten Jamblichus und seine Zeitgenossen[126] voraussehen können, was da kommen würde, sie hätten sich wahrlich die Mühe ersparen mögen, Jesus ihren Apollonius von Thyane entgegenzustellen. Wenigstens scheinen unsere Exegeten und Scheinweisen diesen copirt zu haben, um nach seinem Muster einen Christus zu bilden. Immer bleibt Sokrates, mit dem norddeutschen, entchristeten Jesus verglichen, entweder ein weiserer oder ein besserer Mann. Er wollte seine Zeitgenossen, ohne vorzugeben oder fälschlich zu glauben, er könne Wunder wirken, zu hellerer Erkenntniß Gottes leiten und zu besseren Menschen machen. Auch Jesus wollte dieses – denn das heißt ja das Menschengeschlecht von den Sündenstrafen erlösen und mit Gott versöhnen; – aber, um Glauben zu gewinnen, sollten Wunder gewirkt werden, die dieses nicht, sondern bloß Scheinwunder waren. Entweder gab sie Christus, überzeugt, daß sie nur dieses seyen, für Wunder aus, dann war er ein Betrüger, Sokrates mithin ehrlicher; oder er täuschte sich selbst und war geblendet, indem er sie für wahre Wunder hielt, dann war Socrates einsichtsvoller.

Aber welchem unverdorbenen Gemüth, welchem Menschen, dessen kindlicher Sinn noch rein und fähig ist, der Tempel Gottes zu seyn, einen Thron des Höchsten in seinem Innern aufzurichten, kann dieses genügen? Lese man die heilige Schrift, die von ihm zeuget. Zeuget sie nicht von seiner Gottheit? Kann ein Mensch, der einzig aus irdischen Zwecken zu dieser heiligen Urkunde hintritt, und in ihr finden will, was er zu finden sich vorgesetzt hat, nie aber etwas, wodurch ihr Ansehen und die Ehre der allerheiligsten Dreieinigkeit und das ewige Glück der Menschen könne gefordert werden, nach achtzehn Jahrhunderten dieselbe besser verstehen, als jene, vom Geist der Gottheit erleuchteten, durch hohe Tugend mit dem Unendlichen gleichsam innigst vertrauten Väter der Kirche, die, von den Aposteln oder von ihren Schülern gelehrt, uns manche dieser Urkunden entzifferten?«

Welchen Eindruck Stäudlins Dogmatik auf mich machte, ist so ausgedrückt: »Gleiche Tendenz, ähnliche Nichtigkeit hatte[127] die Dogmatik. Die Reformatoren hatten doch nicht jegliche Spur des Christenthums aus ihren Systemen verwischt. Ihre Ueberzeugungen von dem Heiland, der Erlösung und Begnadigung sind dieselben geblieben, wie in der alten Kirche. Noch war ihnen Christus göttlichen Wesens theilhaftig, von einer reinen Jungfrau geboren, unter wunderbaren Ereignissen getauft, hatte Wunder gewirkt, gelehrt und gelitten, und war nach schmerzlichem Tod für die Welt und nach glorreicher Auferstehung in Gegenwart seiner Jünger zum Himmel gefahren.

Dieses ist nunmehr unsern Zeitweisen zu viel. Sie verwandeln die Herrlichkeit des eingebornen Sohnes. Noch hätte man, meinen sie, in jenen Zeiten dem Volk diesen Glauben lassen müßen, wie man dem von der Blindheit Geheilten erst in der Dämmerung, dann allmählig bei stärkerem Licht die Binde von den Augen nehmen dürfe, bis er zuletzt den Glanz der Sonne zu ertragen im Stande seye. Nach drei Jahrhunderten seye man in Erkenntniß und Einsicht vorangeschritten, stark genug, um ohne Schaden in das Sonnenlicht zu blicken, welches man der modernen Aufklärung verdanke. Für das neunzehnte Jahrhundert wäre es, wie diese Herren sagen, eine Schande, an solchen Ammenmärchen zu halten. Der Zeitgeist leide die Fesseln des Aberglaubens und Irrwahns nicht länger; er habe sie abgeschüttelt, und man müße derselben entledigen, wer noch mit ihnen sich schleppe. So wurden denn alle Lehren unserer allerheiligsten Religion, die noch übrig geblieben sind, durchgegangen und gezeigt, daß diejenigen nur Stich halten könnten, auf welche durch Vernunft und Betrachtung der Welt die Menschen, vornehmlich die alten Weisen, wären geführt worden. Gegen sämmtliche positive Lehren, welche unserer Religion allein eigenthümlich sind, wurden Zweifel erhoben, wenigstens Einwendungen dagegen vorgebracht. Man citirte Sagen aus griechischer und römischer Geschichte, aus Indien, von Apollonius und Mahomed, um als Belege zu dienen: Aehnliches, was von Christo gesagt werde, werde von andern Menschen ebenfalls gesagt; wer, da man dieses nicht für wahr[128] halten könne, für die Wahrheit auch dieser Sagen auftreten wolle? Wischnu sollte menschgewordener Gott, von einer Jungfrau geboren seyn, so gut als Jesus; Mahomed seye auf ausserordentliche Weise von Gott zu seinem Propheten erklärt worden, wie er; von dem ermordeten Romulus hätten die Senatoren nicht minder vorgegeben, er seye gen Himmel gefahren; Apollonius seye auf ähnliche Art verschwunden;« u.s.w.

Unter welcher Form daher dieser Rationalismus mir entgegentrat, in keiner konnte er mir etwas anhaben. In allgemeiner und objectiver Beziehung stellte ich ihm das dem Menschengeschlecht innewohnende Bedürfniß des Glaubens, in subjectiver den gegebenen Glauben, so wie er mir aus dem Katechismus bekannt war und was ich von demselben zu Hause vernommen, als undurchdringliche Mauer entgegen, fügte etwa den grellsten dogmatischen Leichtfertigkeiten eine Expectoration des Unwillens meinem Collegienhefte bei. Dafür übersandte ich unserm damaligen Antistes eine weitläufige lateinische Abhandlung, wie unzertrennlich der Glauben an die Offenbarung durch Christum mit dem Glauben an eine verbale Inspiration der heiligen Schriften zusammenhänge. Aehnliche Erörterungen sollten dem Professor der Theologie in Schaffhausen meine Thätigkeit und zugleich meine Rechtgläubigkeit beurkunden.

»Der Umgang, heißt es dort ferner, mit Andern, die ebenfalls Theologie studiren sollten, konnte mit jener Richtung der Professoren noch weniger mich versöhnen. Durch alle Vertheidigung ihrer Meinungen wurde ich in meinen Ueberzeugungen nur bestärkt, um so mehr, als ich die Studiengenossen gegen jede Stimme, als diejenige ihrer Lehrer, taub fand. Es wollte mich bedünken, ihnen liege mehr an den schaalen Einfällen eines Exegeten und an den Aussprüchen eines deistischen Dogmatikers, als an den Worten des Heilandes. Je toller die Erklärungen ausfielen, je mehr wegräsonnirt wurde, desto mehr bewunderten sie die vielen Einsichten dieser hecherleuchteten Männer. Welche Erwartungen von unserer Zeit konnte ich hegen, wenn ich sah, wie eine witzige Wendung in dem Vortrage des[129] Professors auf diejenigen, welche einst Diener der Religion (ihrer Meinung nach – Sittenlehrer) werden sollten, in solche Begeisterung versetzte, daß sie ihm dafür ein Lebehoch brachten (ein Factum, welches wirklich vorgekommen ist); wenn ich bemerken konnte, daß sie die großen Lehrer der Kirche verachteten, nur deßwegen weil jener gesagt hatte, sie seyen anderer Meinung als er, oder weil die äußere Gestalt ihrer Werke derjenigen, wie unsere Zeit sie liebt, nicht angemessen ist; denn diese will Alles klein gehackt, mit niedlichen Vignetten, in farbigtem Umschlag. Das Kind hat gut den Achilleus einen groben Bengel heißen, weil es seinen Schild nicht von der Stelle bewegen, geschweige denn führen kann. Wie Tyrus Mauern und Indiens Ruinen, so zeugen auch Jene von einem kräftigern Geschlecht, das herabgesunken ist zu der Schattenwelt, auf dessen Gräbern das jetzige Pygmäengeschlecht wohl herumtanzt, aber zusammenstürzen würde, so sie sich bewegten.«

Unter solchen Anlagen, Neigungen, frühern Einflüssen, damaligen Beobachtungen bildete sich in mir immer mehr eine Weltansicht aus, welche blos zwei Jahre nach meinem Abgang von der Universität als Nachklang damaliger Ideen in folgendem Fragment sich ausspricht. »Wenn das letzte Decennium des verflossenen Jahrhunderts das fürchterliche Schauspiel des blutigen Kampfes zwischen zwei entgegengesetzten Formen bürgerlicher Einrichtungen uns dargeboten hat, so dürfte vielleicht in kurzem ein gleicher Kampf über kirchliche Formen sich wiederholen. Die auseinander gehenden Meinungen der Gelehrten geben uns zum Theil bereits das Vorspiel dazu. Indeß die Einen dem eitlen Idol einer Erziehung des Volkes zur Beseitigung des Glaubens und eines immerwährenden Fortschreitens – dem Abgott unserer Zeit – huldigen, bemühen sich die Andern, schwach an Zahl, aber stark durch innewohnende Geisteskraft, eine bessere Zeit in Poesie und Wissenschaft hervorzurufen. Eingenommen von jenem gar zu schön klingenden Wort und allzutauschenden Bild eines allgemein verbreiteten Lichtes, gehen die Bemühungen des kleinern Theils der erstern Partei[130] von der Ueberzeugung der Möglichkeit einer solchen Menschenerziehung aus; andere brauchen sie nur als Maske, um ihre Projecte gegen bürgerliche und ihre Ausfälle gegen kirchliche Einigung dahinter zu verbergen. Aber ihre Worte: Menschenbeglückung, Menschenrechte, Staatszwecke und ähnliche, gleichen nur dem Köder, womit man den einfältigen Fisch täuscht und fängt.

Der andere Theil dieser Partei zeichnet sich vornemlich dadurch aus, daß er dem Menschen zu seinem gefunden Menschenverstand will geholfen haben, indem er die Wissenschaft in die Sphäre des gemeinen Lebens herabzieht und damit gleichsam den heiligen Tempel Apolls zur Herberge für die verschiedenen Innungen entweiht; daß er ferner den Werth der Wissenschaft blos nach deren praktischer Nützlichkeit für das gemeine Leben, ja Alles, was ist, nur nach dieser berechnet; daß er die Moral über die Religion setzt, und dieser nur nach Maßgabe ihres Einflusses auf jene Werth zuerkennt, daher aus dem heiligen Apostelamt ein Lehramt gemacht hat, oder zu machen sich bestrebt, angeordnet, um dem Volk nützliche Begriffe über mancherlei Gegenstande des Lebens beizubringen und für den Staat intellectuell eben dasjenige zu seyn, was polizeilich die Marechaussee ist; daß nur nach Verhältniß, in welchem Einer von dem kirchlichen System dissidirt, er den Namen eines aufgeklärten Mannes sich erwirbt, und dann erst, wenn er alle Dogmen der Kirche in Zweifel ziehen kann, zum würdigen Mitglied ihrer Gilde wird; daß er endlich einen entschiedenen Haß, bald offen, bald verborgen, in Schriften und in Reden, wo immer es sey, gegen die alte Kirche und ihre Anhänger zu Tage giebt, mit dem Wort Aberglauben deren Cultus, mit dem Wort Finsterniß die Länder stempelt, in denen sie noch vorhanden ist; ja unbedingt den Werth eines Mannes, der zur Zeit ihrer Alleinherrschaft lebte, nach seinem Ungehorsam gegen die Kirche oder der Abweichung von ihr beurtheilt, ihn dann ihrer Zunft zugesellt und den größten Ehrentitel ihm damit zu erweisen wähnt, wenn sie ihn einen Aufgeklärten nennen.[131] Diesen Leuten gilt die Religion für nichts weiter als für einen Kehrwisch, womit man die Stäubchen, welche allenfalls das Glimmern eines glasirten Bildes verdunkeln, sorgfältig abwischen müsse, nicht aber für die Alles durchdringende und bewegende Kraft.«

Wollte Jemand sagen, an diesem, in meinem 21sten Jahre niedergeschriebenen Fragment trete unverkennbar bereits der Keim derjenigen Ueberzeugungen hervor, denen ich zuletzt offen zu huldigen nicht länger mich entziehen konnte, so will ich gar nicht mit demselben rechten. Es spricht sich darin zuerst eine entschiedene Abneigung gegen den damals herrschenden vulgaren Rationalismus aus, der zu jener Zeit beinahe allgemein mit Protestantismus für gleichbedeutend, ja als dessen farbigste und aufrichtigste Blüthe gehalten wurde. Ist er jetzt in dieser Weise außer Curs gekommen, so ist dieß nicht deßwegen geschehen, weil man seine Gehaltlosigkeit, seinen diametralen Widerspruch gegen das eigentliche Christenthum durchschaute, sondern weil man im Fortschritt der Zeit ihm ein sorgfältiger zugeschnittenes Gewand umzuhängen verstund, weil das Bestreben gelang, ihn durch Verquickung mit christlichen Ausdrücken mehr abzuglätten und durch dialektische Ausschmückung ihm den Anstrich des Tiefgedachten zu verleihen. Führen wir die Aeusserungen, Schriften, Lehren Mancher derjenigen, welche sich für berechtigt halten, gegen jenen Rationalismus den Stein zu heben, auf ihren wahren Gehalt zurück, so werden wir finden, daß sie vor denselben nichts weiter zum Voraus haben, als größere Gewandtheit oder Frechheit, um Versteckens zu spielen. Sie subjectiviren das Christenthum so gut als jene, sie räumen seinen Lehren Gültigkeit und bindende Kraft blos insofern zu, als dieselben beglaubigende Unterschrift und Siegel von ihnen vorweisen können, so gut als jene, und unterscheiden sich von ihnen blos darin, daß sie weniger mit Vereinzeltem und Untergeordnetem tändeln, als vielmehr den innersten Kern wo nicht zu beseitigen, doch umzugestalten sich bestreben, indeß sie der Hülle größere Schonung erzeigen, als jene gewohnt[132] waren. Gegen diese, erst später zum Vorschein gekommene Art ist aber das angeführte Fragment nicht minder gerüstet, als gegen diejenige, welche zur Zeit, da es niedergeschrieben worden, das große Wort an sich gerissen hatte. – Sodann wird darin von einer alten Kirche, von deren Anhängern und ihrem Cultus, nicht mit normaler Geringschätzung, sondern als von einer eben sowohl bestehenden als befugten Sache gesprochen, ja als von einem Gegensatz gegen jenen Rationalismus, welchem Berechtigung weit eher zuzuerkennen seye, als diesem. Darauf daß diese Gedanken in Blättern niedergelegt wurden, welche, aus der Anregung des Glaubens hervorgegangen, keine weitere Bestimmung hatten, als in dem Schreibpult verwahrt zu werden, ist mit Sicherheit das Urtheil zu gründ en, daß in ihnen die tiefste Ueberzeugung ausgesprochen seye. Wollte man aber weiter gehen und aus denselben ein Bestreben, irgend etwas durchsetzen zu wollen, ein Bemühen einer engern oder weitern praktischen Anwendung folgern, so konnte diese einzig darin zugestanden werden, daß in alle öffentliche Thätigkeit und Wirksamkeit bloß jene entschiedene Abwehr rationalistischen Einflusses und unentwegliches Festhalten an dem, was der ausgeschiedenen von der alten und ursprünglichen Kirche geblieben war, in ununterbrochener Thätigkeit sich hineingeflochten hat, und daß das erste der Hauptsatz, das andere durch den langen Lauf vieler Jahre einzig das Corollarium gewesen seye. Es bedurfte andauernder Vorbereitung, vielfacher Erfahrung, tiefdringender Erlebnisse, bis dieses Verhältniß sich umgestaltete.

Gehen wir wieder zu der Universität zurück. – Die Collegien ließen mir viele Zeit übrig. Manche Stunde derselben brachte ich auf der Bibliothek zu, in welcher ich mir bald eine ziemlich ins Einzelne gehende Lokalkenntniß erworben hatte. Dann wieder bestrebte ich mich, im Lateinschreiben weiter zu kommen, und übersetzte zu diesem Ende mühsam und wahrscheinlich schlecht genug, Schillers Geschichte des Abfalles der Niederlande in diese Sprache. Später wollte ich mich an die Bearbeitung einer Preisaufgabe über einen Gegenstand der[133] römischen Archäologie machen. Ich mußte das Vorhaben aufgeben, weil die werthvollesten Ausgaben der Alten, deren ich hiezu bedurft hätte, von der Bibliothek nicht verliehen wurden Statt dessen unternahm ich es, alle Stellen der Classiker und der Kirchenväter über den Phönix zu einer Abhandlung zu verarbeiten. Ich übergab sie Heynen, der den Fleiß lobte, aber verdiente Ausstellungen an der Latinität machte, da unter aller Anstrengung, aber jeder fremden Anweisung entbehrend, die Mangelhaftigkeit der ersten Grundlage nimmermehr sich überwältigen ließ. Doch verschaffte mir dieser Versuch Heyne's besondere Zuneigung, das Zeugniß treuer Verwendung meiner Zeit, und in Bezug auf Benutzung der Bibliothek jede Vergünstigung, die ich nur wünschen konnte.

Jetzt, da über Manches meine Ansichten sich berichtigt haben, kann ich es nur beklagen, daß Luft zu dergleichen Arbeiten die Neigung, Collegien zu hören, immer mehr in den Hintergrund drängte, und ich dadurch die Vorlesung über manches Fach versäumte, was in allgemein wissenschaftlicher Bildung besser mich hätte begründen können. In dem thörichten Wahn, was in den Collegien zu lernen seye, lasse ebenso gut aus Büchern sich lernen, ohne alle Ahnung von der so anregenden als bildenden und wahrhaft bereichernden Wirksamkeit des mündlichen Vortrages beschränkte ich mich immer mehr auf einige unerläßliche Fachcollegien, dieß vornehmlich deßwegen, um in vollständigen Heften einst Zeugnisse meiner Studien zurückbringen zu können. Dagegen bewegte mich immer mehr der Gedanke, die Bearbeitung irgend eines Gegenstandes in der Absicht zu unternehmen, dieselbe bald möglichst durch den Druck bekannt zu machen. Dazu lockten die reichen Hülfsmittel der Universitätsbibliothek, der Kitzel, schon in früher Jugend mit einer gelehrten Arbeit vor der Welt zu erscheinen, am meisten aber die Hoffnung, hiedurch eine zusagende Laufbahn mir zu eröffnen, das Bedürfniß endlich, wenn bei dem einstigen Examen meine theologischen Kenntnisse nicht zureichend erfunden werden sollten, durch einen Beweis, daß ich deßwegen doch nicht müßig[134] gewesen, meine Zeit doch nicht nutzlos vergeudet hätte, und, wenn nicht zu dem Einen, so doch zu Anderem tüchtig erfunden werden möchte, alle Vorwürfe erfolgreich niederzuschlagen. Ich wählte die Geschichte des ostgothischen Königs Theodorich und machte mich sofort an das Sammeln der Materialien, worüber ich die Zeit für Anderes noch mehr beschränkte.

Das erste Universitätsjahr verfloß beinahe unter derselben Lebensweise und unter denselben Gewohnheiten wie zu Hause. Da ich wenig Bekanntschaften hatte, weil ich solche weder suchte, noch an Orten, wo dergleichen sich eingehen lassen, mich einfand, mit meinen schweizerischen Landsleuten nur alle Sonntage für ein paar Stunden zusammenkam, wurde ich weder aus meinem bisherigen Ideenkreise herausgerissen, noch dieser durch das Messen der Kräfte besonders gefestigt, entwickelt, erweitert. Das war dem zweiten Jahr vorbehalten. Der Zufall führte einen Studenten, der Würzburg an Göttingen vertauschen wollte, auf der Reise mit einem andern zusammen, der früher von Halle aus seine schweizerischen Landsleute zu Göttingen besucht hatte, jetzt aber gleichfalls dahin sich begab. Durch diesen wurde ich mit jenem in der ersten Stunde seiner Ankunft bekannt, und Beide fanden Zimmer in dem Hause, welches ich bewohnte, womit die engere Verbindung bereits angebahnt war.

Der Würzburger-Student war der im Jahr 1821 als Professor der Chemie in Freiburg im Breisgau verstorbene Franz von Ittner. Die Bekanntschaft mit ihm, welche hernach in ein enges Freundschaftsverhältniß zu seiner ganzen Familie übergieng, hat sowohl an sich, als in ihren weitern Folgen, auf mein geistiges Wesen den entschiedensten Einfluß geübt. Derselbe studierte die Medicin ungefähr in gleicher Weise, wie ich die Theologie. Zwar in der katholischen Kirche geboren, anerkannte er von dieser blos dasjenige, was davon in die Schelling'sche Philosophie eingegangen war. Ich zweifle, daß er von den Lehren der Kirche besonders viel wußte, oder ihnen ein besonderes Gewicht beilegte; für die Kirche selbst aber nahm er das Wort, als für die Mutter und Schirmerin der Kunst, als[135] für die Kraft der Einigung der Völker, als für eine großartige, tiefgedachte, alles Schöne bedingende Institution. Ueber den Protestantismus äusserte er sich wegwerfend, weil derselbe mit Beseitigung derjenigen Mittel, die auf den geistigen Gesammtmenschen einwirken sollen, blos an den kalten Verstand sich wende, andere, ebenso gewichtige Elemente in dem geistigen Wesen des Menschen unberücksichtigt lasse, deßwegen eine allseitige Ausbildung des Innern nie zu erzielen vermöge, das Grab aller Kunst seye.

Je entschiedener ich alle rationalistischen Anwandlungen von mir wies und den alten Kirchenglauben als alleinigen Ausdruck des wahren und von Oben stammenden Christenthums gelten ließ, desto mehr mußte ich mich auch zu denjenigen hingezogen fühlen, die ich mancher Ausdrücke und Bestrebungen wegen anfangs für Bewahrer desjenigen Theils der geoffenbarten Lehre erkennen zu dürfen glaubte, welcher bei der Reformation gerettet worden, und in der ich das unantastbare Stammgut der Christenheit, unabhängig von confessionellen Unterschieden, ehrte. Das Verdienst, durch den Kampf für die Kirche mit ihr selbst den geoffenbarten Glauben gerettet zu haben, maß ich gerne, neben den von mir bereits anerkannten Vorzügen, Gregorn VII bei, und das Urtheil über ihn galt mir als Prüfstein, inwiefern ein Anderer der vorherrschenden Art und Weise verfallen seye, oder nicht. Ich liebte es, diesen Papst zur Sprache zu bringen, dabei an die gewöhnlichen Aeusserungen wider ihn oft beissenden Spott gegen die im Schwange gehende und von den meisten Studenten so begierig eingeschlürfte Aufklärung zu knüpfen. Als bei einer solchen Gelegenheit, bei der ich gewöhnlich allen Andern einzig gegenüber stand, Ittner auf meine Seite trat, und für meinen Liebling ebenfalls das Wort nahm, wenn gleich aus ganz andern Gründen, war die Freundschaft geschlossen.

Ein Landsmann und früherer Mitstudent zu Schaffhausen, ebenfalls Mediciner und Schüler Schellings, dabei weit mehr mit Philosophie und was damit verwandt ist, als mit Heilkunde[136] sich beschäftigend, trat meinen Expectorationen gegen die ausräumende und alle Lehre auf den gemeinsten hausbackenen Menschenverstand (welcher Ausdruck damals ohngefähr die gleiche Rolle spielte, wie gegenwärtig derjenige: Fortschritt) beschränkende Theologie gewöhnlich bei. Wir machten uns öfters über diejenigen lustig, denen es weniger Kummer verursachen würde, wenn ein ganzes Evangelium, als wenn ihrem Heft ein einziges Wort eines Professors verloren gienge. Auch unser Freund beklagte den tödtlichen Streich, welcher durch die Reformation der Kunst versetzt worden; weil mir aber die Abschwächung und Gefährdung der Dogmen als deren unvermeidliche Folge vorzüglich sich darstellte, so trug ich kein Bedenken, den andern auch in jener Beziehung um so eher beizutreten, als ich bei meinen theologischen Freunden für die Kunst überhaupt keinen Sinn fand.

Weiter jedoch vertieften sich jener Freund und ich nie, weder in das Wesen der beiden Confessionen, noch in die Gegensätze der beiden Kirchen, noch in die Glaubenslehren. Im Verkehr mit Andern dann begnügte ich mich, die geretteten Ueberreste des aus der frühesten Vergangenheit herabgeerbten Glaubens zu vertheidigen, unter zwischenein verlautender Klage über eine äussere Form, welche für dessen Träger, Bewahrer und Vermittler an die Menschen die Laufbahn leichtsinniger Weise auf das Minimum verkürzt habe, indeß ihnen vorher eine lange, ehrenvolle und glanzreiche offen gestanden hätte. Merkwürdig aber mochte ich es nennen, daß von meinen sehr wenigen, nicht sowohl Universitäts freunden, als vielmehr nur nähern Bekannten, zu denen insgesammt jedoch über den Aufenthalt in Göttingen hinaus keine fernern Beziehungen fortbestanden, zwei später in die katholische Kirche zurückkehrten, einer in dieselbe eintrat; nämlich Christian Schloßer aus Frankfurt, der schon vor vielen Jahren in Rom starb, Dr. Freudenfeld aus Meklenburg, gegenwärtig im Jesuiten-Collegium zu Freyburg, und Bernhard Seligmann aus München, auf dessen Grabstein ich während der letzten Tage meines Aufenthalts zu Rom zufällig[137] stieß. Sicher ist es, daß der erwähnte Landsmann, der mit Christian Schloßer in der engsten Verbindung stand, ihm in jener Rückkehr unfehlbar würde gefolgt seyn, hätte ihn nicht bald nach dem Abgang von der Universität der Tod dahin gerafft. Manche seiner Unterredungen drückten eine solche Neigung auf's Unverkennbarste aus, wobei Schloßers Vorgang nicht ohne bestimmenden Einfluß würde geblieben seyn.

Ob wahre Ueberzeugungen von katholischer Wahrheit oder Einflüsse der Philosophie eine solche Neigung bei ihm hervorgerufen haben, weiß ich nicht. Der öftere Umgang mit ihm, und der tägliche mit meinem Freund Ittner, führte mich zwar in diese Philosophie nicht ein, gab mir aber doch einen Begriff über die Auffassungsweise der meisten Erscheinungen, zu der sie ihre Schüler heranbildete, über die Ansichten, die aus ihr sich entwickelten. In das eigentliche System derselben drang ich niemals ein, gab mir auch keine Mühe darum, indem ich bei christlicher Ueberzeugung die Philosophie für durchaus überflüssig erachtete.

Ich finde über mein Verhältniß zu der damaligen Philosophie Folgendes aufgezeichnet, dessen Richtigkeit ich jetzt noch anerkennen muß: »Als ich die Universität bezog, war die glänzende Epoche der kantischen Philosophie vorüber. Eine neue Philosophie hatte ihr allherrschendes Ansehen im Süden bereits gestürzt, und im Norden begann dasselbe, obwohl immer noch groß genug, zu wanken. So viel ich aus einer summarischen Betrachtung des Ganges der Wissenschaften während der letzten zwei Jahrzehnde, also in eben der Zeit, während welcher die kantische Philosophie auf dem Gipfel ihres Ansehens stand, wahrgenommen, habe, schien es mir, als wäre ihr Einfluß auf dieselben nicht der günstigste gewesen. Dieß dürfte wenigstens der Fall seyn bei der Theologie. Die dogmatischen Systeme ihrer Anhänger sind ausgemergelt wie Gerippe, die Vernunft sollte Alles beweisen, und verworfen werden, was aus ihr steh nicht beweisen ließ. Für die Moral wollte sie einen höhern und, wie man glaubte, die Menschen zwingendern obersten[138] Grundsatz aufstellen, als das Christenthum und sein göttlicher Lehrer gethan hat. Die Hoffnung künftiger Vergeltung, meinten ihre Anhänger, seye als lohnsüchtig verwerflich, absolute Rechtlichkeit des Menschen würdiger. Und doch hat keine Zeit eine selbstsüchtigere Moral aufgestellt, als die unsrige. Denn blos damit eines Jeden Leben, Eigenthum und Ehre gesichert seye, wollten sie dem Volk noch einen äussern Schein von Religion belassen, die eigentliche Gottesverehrung aber verwerfen. Eine ganz andere Philosophie machte jetzt großes Aufsehen.

Eine norddeutsche Universität konnte aber nicht der Ort seyn, wo eine Philosophie, die allem Haschen nach Nützlichkeit entgegen war, auf nackte Logik nicht viel hielt, hoffen durfte, großen Eingang zu finden. Doch ließen sich durch Andere, welche dieselbe sich zu eigen gemacht hatten, Notizen über sie erwerben. Die Grundsätze, welche diese Philosophie aufstellte, die Folgerungen, die sie zog, die Hinneigung, welche die reichbegabten Geister, die eine neue Poesie geschaffen hatten, zu ihr zeigten, dieß Alles erweckte bei mir einige Vorliebe für dieselbe, und ich würde mir Mühe gegeben haben, in sie einzudringen, wenn ich nicht bald geahnet hätte, daß auch ihre Vordersätze mit dem geoffenbarten Christenthum eben nicht besser in Einklang stünden, als diejenigen der kantischen Philosophie. Ueberzeugt, daß ein wahres Glied der christlichen Kirche keine Lehren über Gott und die menschliche Seele annehmen dürfe, als diejenigen, welche diese aufstelle, enthielt ich mich dessen, schätzte aber dennoch die Männer hoch, deren durchdringender Scharfblick einsah, was dem Zeitalter Noth thue, woran hauptsächlich es krank liege, und deren rüstige Kraft keine Gelegenheit ungenützt ließ, Irrthümer zu bestreiten, welche der Norden gleichsam zu Glaubensartikeln erheben wollte.«

Einen eigenthümlichen Umschwung in meinen Ansichten bewirkte mein Freund Ittner in den ersten Tagen unseres Zusammenseyns dadurch, daß er mit der neuern Poesie mich bekannt machte. Eine dunkle Ahnung, daß es etwas Anderes geben müße, als die wässerichten Gedichte eines Zachariä, als[139] die langweiligen Lustspiele eines Gellert, als die wortreichen Romane eines Wielands, lag wohl in mir; aber ob es vorhanden, wo es zu suchen seye, das war mir durchaus verborgen. Ich sehnte mich nach etwas, was eine unnennbare Lücke in meinem Geiste ausfüllen sollte. Aber unter meinen, handwerksmässig Brodwissenschaft treibenden Bekannten war es mir unmöglich, dasselbe zu finden; sie kannten es selbst nicht, und hätten sie es auch gekannt, so würde es in die Summte ihrer Begriffe nicht eingepaßt haben. Ittner, dessen, was eine ganz neu gewordene Poesie bereits zu Tage gefördert hatte, kundig, wies mich auf Tieks romantische Dichtungen. Die Genoveva blieb lange mein Lieblingsbuch, welches ich nachher Jedem empfahl, zu welchem ich in freundschaftlicher Beziehung stand, auch Jedem bemerkte, sie habe eine wahre Umwandlung in mir veranlaßt. Ich habe erst vor wenigen Tagen noch den Brief eines Freundes gefunden, der zwar beifällig über das Gedicht sich äusserte, aber, wie es auf mich jene Wirkung hätte haben können, nicht begriff. Was ich im Jahr 1808 darüber schrieb, ist sicherlich aus der innersten Fälle meiner, damals noch ganz frischen Empfindungen hervorgegangen, darum auch dieses hier eine Stelle finden mag.

»Als ich die Genoveva las, hätte ich, wie Archimedes, durch die Straßen rufen mögen: Gesunden! Gesunden! Ich fand nämlich darin, was meine tiefsten Gefühle in frohe Bewegung setzte, was hundert verborgene Bilder enthüllte, eine Fülle von Gedanken entfesselte. Nächst der Nachfolge Christi hat kein Buch so mich gerührt, so hingerissen wie dieses. So oft ich sie lese, wiege ich mich in süßer Melancholie. Genoveva stellte mir das Bild einer durch innige Vereinigung mit Gott gestärkten Seele vor Augen, die Alles mit Gleichmuth erträgt, deren innere Kraft auf den höchsten Gipfel gesteigert ist; der edle Drago, der liebliche Schmerzenreich sind Gebilde, die mich zu Thränen rühren, so oft ich sie betrachte. Die Umrisse der beiden Riepenhausen vollendeten den Genuß den mir das Buch gewährte; stundenlang möchte ich vor ihnen stehen, sie anblicken.[140]

Die neue Bahn war betreten. Es folgten die Volksmährchen, worin ich den blonden Eckbert und die schöne Magelone in dem mannigfaltigen Reiz der Gedichte, womit das Mährchen, gleich dem Peplos der Minerva, durchflochten ist, allen vorzog Die Phantasien über Kunst, Kaiser Octavian, hierauf Novalis Schriften, weckten theils neue Ansichten, berichtigten die vorhandenen, erfüllten mit stiller Wonne und berührten verschieden die Saiten meines Gemüths. Damit wurde zugleich der Gesichtspunkt näher fixirt, woraus ich alle Schriften betrachtete, die von Lob und Preis unserer Zeit überfloßen, und von Ausfällen und Schmähungen gegen diejenigen strotzten die entweder in der Wissenschaft oder in der Kunst von der Bahn wichen, auf der Jene schon so lange herumgekrochen waren. Sie wußten nichts Anderes, als mit Wunderpsalmen und katholischem Kreuz- und Quersinn um sich zu werfen; als ob die Kreuz- und Quersprünge des muthigen Streitrosses nicht von mehr Lebensfülle zeugten, als die gleichförmig geregelten Schritte eines alten Walkergauls.«

In solcher Weise wurden damals die Gebilde der Phantasie der sogenannten romantischen Schule durch die, zu unserm größten Ergötzen bereits den Todeskampf kämpfende allgemeine deutsche Bibliothek mit den rostigen und stumpfen Waffen nicolaischer Nüchternheit bekämpft. Ich trat als eifriger Anhänger dieser neuen Schule, als ein gelehriger Schüler auch darin auf, daß ich in raschem Absprechen und schonungslosem Verkleinern, wodurch dieselbe damals sich auszeichnete, die schönsten Fortschritte machte. Ich bewährte dieß, als ich bald hernach zu Heidelberg in das Zimmer eines Freundes eintretend, vor allen Dingen dessen Bibliothek musterte, und eine Menge Bücher, die ihm in Schaffhausen anempfohlen worden, als Schund und Schofel, den er nicht schnell genug beseitigen könne, so anders etwas aus ihm werden solle, umkehrte, und meine Lieblinge, die er in jener Stunde zum erstenmal nennen hörte, als di majorum gentium im Reiche der Poesie anpries. Es waren jene Jahre die Zeit, in welcher auf dem Gebiete der Aestthetik[141] (besser als heutzutage in dem Bereich der gesellschaftlichen Ordnung) »die göttliche Grobheit« eine Rolle spielte.

Meine Liebhaberei für Bücher, vornehmlich solche, die auf Auctionen zu erwerben waren, hatte ich nicht zu Hause zurückgelassen. In Göttingen fand ich Gelegenheit, ihr zu huldigen; mehr als meinem Vater, der nachherigen bedeutenden Frachtauslage wegen, lieb war. Doch habe ich vieles Werthvolle für geringen Preis von diesen Steigerungen, deren ich keine versäumte, an mich gebracht. Dabei waren unter den Studenten nur wenige Concurrenten zu fürchten, da der größte Theil derselben bloß auf neuere Werke Jagd machte, die ältern unberücksichtigt ließ. Bei einer solchen Gelegenheit erwarb ich mir ein Werk, an dessen Besitz meine nachherige Thätigkeit, mein Ruf, meine spätern Verwicklungen und zum Theil die ganze Wendung meines Lebens sich knüpfte. Es war die Ausgabe von Innocenzens Briefen, durch Baluzius in zwei Bänden besorgt. Ich kannte den Mann, der die Briefe geschrieben, nicht weiter als dem Namen nach, den Inhalt derselben noch weniger; ich kannte bloß einigermaßen den Herausgeber, faßte die beiden schön gedruckten, trefflich erhaltenen Folianten und den geringen Preis von 2 fl. 24 kr. ins Auge. Für dieses Gebot blieb mir das Werk; ich trug es, freudig eines so wohlfeil erstandenen Schatzes auf mein Zimmer und stellte es zu den andern Büchern.

Allerdings war es Zufall, daß die Sammlung auf die Steigerung kamt, daß ich gerade auf derselben mich einfand, daß Niemand ihren Werth kannte, daß der wohlfeile Preis (denn nichts als dieser leuchtete mir in die Augen) mich lockte. Aber eben so gewiß ist es, daß ohne den Besitz dieses Buches ich die Geschichte Innocenzens des Dritten nicht würde geschrieben haben, mit unendlich Vielem, was mir mit solcher Umständlichkeit einzig hiedurch bekannt wurde, nie würde bekannt geworden seyn, vielleicht in einem ganz andern Ideenkreise mich bewegt hätte. Wenn sich nun an diesen Besitz nicht blos eine höchst befriedigende Thätigkeit von drei Jahrzehnden des eigenen[142] Lebens, sondern Manches, was sowohl in großer Zahl Freunde als mitunter auch Gegner mir erwarb; ja wenn sich daran, was noch weit mehr ist, die ersten Anfänge eines immer heller aufgehenden Lichtes und einer immer völliger werdenden Erleuchtung durch den himmlischen Gottesstrahl knüpft; wenn in letzter Beziehung sogar ehrenvolle und zusagende Verhältnisse des äussern Lebens damit in Verbindung sich setzten, darf es alsdann eitle Anmaßung genannt werden, wenn in dem Glauben, daß auch gering Scheinendes nicht von ungefähr geschehe, ich jenem Zufall eine höhere Bedeutung unterlege, als der gewöhnliche Sprachgebrauch mit dem Worte verbinden mag?

Das vierte halbe Jahr des Aufenthalts auf der Universität wurde fast ausschließlich auf die »Geschichte des Königs Theodorich« verwendet, und in Hoffnung, nicht bis zu Ablauf des Semesters in Göttingen verweilen zu müssen, hörte ich in diesem Semester gar keine Collegien mehr. Mein Vater hatte mir nämlich versprochen, unmittelbar von der Universität nach Amsterdam reisen zu dürfen, wo damals drei meiner Oheime von mütterlicher Seite wohnten, deren keiner, seit ich geboren, war, je seine Vaterstadt besucht hatte. Da ich hieran den Wunsch knüpfte, auch Paris zu sehen, bereitete ich mich durch etwelches Studium der großen archäologischen Sammlungen auf das Anschauen jener Bilderwerke vor, welche die Franzosen aus allen Theilen Italiens nach ihrer Hauptstadt geschleppt hatten. Hiezu gewährte Heyne die seltene Vergünstigung, daß mir die Bibliothek Vormittags geöffnet ward, und ich ganz allein in derselben hervornehmen durfte, was mir beliebte; auch versah er mich mit Empfehlungsbriefen an Silvestre de Sacy und an Visconti. Aber mein Vater war nicht geneigt, meinen Wunsch zu gewähren. Er that recht daran; denn bei meiner Jugend, bei meiner Unerfahrenheit und daherigen Unfähigkeit, in einer fremden Stadt mit der erforderlichen Selbste ständigkeit und Klugheit mich zu bewegen, hätte ich leicht in die schwierigsten Verwicklungen gerathen können.

Drei lichte Punkte treten in meiner Rückerinnerung an[143] Göttingen immer hervor: die Bibliothek, der Hofrath und Oberbibliothekar Reuß und vor Allen Heyne. In der erstern war ich so zu sagen einheimisch, und in einer Anstellung an derselben würde ich damals das oberste Ziel meiner Wünsche erkannt haben. Zu dem Hofrath Reuß stand ich weiter in keiner Beziehung, als in derjenigen, welche erst aus häufigem Begegnen hervorgieng, darauf freundliche Behandlung und wohlwollendes Handbieten in kleinen literarischen Zweifeln und Anfragen zur Folge hatte. Ich zählte es daher zu dem Angenehmsten, was mir im Jahr 1837 widerfahren konnte, dem zwar körperlich schwachen, aber noch seiner Geisteskräfte in heiterer Ruhe geniessenden Greisen nach so vielen Jahren meine Gefühle unverblichener Dankbarkeit ausdrücken und mich in seine Erinnerung zurückrufen zu können. Er hatte, wie leicht zu begreifen, kaum noch meiner gedacht, um so mehr aber war er erfreut durch meine Aufmerksamkeit. – Für Heyne hatte ich solche Verehrung, daß später ein Zusammentreffen mit Voß mir nicht so zum erwünschten Ereigniß ward, wie es ohne dieß wahrscheinlich gewesen wäre. Zeh konnte mich selbst der kleinen Neckerei nicht enthalten, meine Gesinnungen der Verehrung für Jenen mit etwelcher Emphase vor ihm an den Tag zu legen. Auch konnte die Vergleichung des, stets in einer, seinem Alter geziemenden Eleganz auftretenden »Herrn Geheimen Justizraths« mit dem in seinem Aeussern gar zu schlichten Professor nicht zu Gunsten des letztern ausfallen. Doch abgesehen hievon, hörte ich nachher Jacobis Mittheilung um so lieber: er hätte sich lange mit Voß gestritten, ob seine Verdeutschung Homers wirklich den unabweisbaren Anforderungen an eine solche entspreche. Jacobi stellte eben dasjenige an derselben aus, was so manche Andere daran ausgesetzt haben: sie gewähre bei allzugroßer Rachbildung des Deutschen nach dem Griechischen dem Lesenden keinen reinen Kunstgenuß, da ein zu großes Ringen mit dem Verständniß erfordert werde.
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Mein Aufenthalt in Amsterdam und in Holland überhaupt dauerte beinahe drei Monate. Es war eine in Unthätigkeit und zweckloser Pflastertreterei zugebrachte Ferienzeit; behaglich, indem meine Oheime und Tanten sehr besorgt waren, meinen Aufenthalt angenehm und alles Sehenswerthe mir zugänglich zu machen. Noch am Vorabend vor meiner Abreise kamen meine politischen Antipathien durch Verbreitung eines gedruckten Berichts von einem vollständigen Sieg, welchen die Preußen über Bonaparte's Heer bei Jena erfochten hätten, in ein mißliches Dilemma. Einerseits hätte ich jauchzen mögen, daß der Usurpator, als welcher er mir stets vorkam, endlich seinen Meister gefunden habe; andererseits quälte mich der Neid, daß nun den Preußen sollte gelungen seyn, was das Jahr zuvor Oesterreich unter so großer Anstrengung erfolglos versucht, und erfolglos deßwegen vorzüglich, weil eine deutsche Macht um den Preis von Hannover noch Aergeres gethan hatte, als blos dasselbe im Stich zu lassen. Aber schon im Haag erfolgte die Enttäuschung und im Dom von Mainz konnte ich einem Tedeum für den Sieg bei Jena beiwohnen, welches durch die Anwesenheit Josephinens mit ihrem Hofstaat verherrlicht ward.

Der Rückweg führte mich über Leiden, Rotterdam, Brüssel, Cöln, den Rhein hinaus. Man erzählte mir in Rotterdam, das bronzene Bild des grossen Erasmus auf der Maasbrücke seye bei dem Bildersturm sammt Crucisiren und andern Bildern in den Strom geworfen worden. Einige Zeit nachher hätte die Rotterdamer Besorgniß angewandelt, ihre Geringschätzung des großen Mitbürgers, dessen Ruhm ganz Europa erfülle, müßte ein sehr nachtheiliges Licht auf sie werfen, sie gerechtem Spott blosstellen. Daher seye beschlossen worden, das Bild wieder aufzusuchen, dasselbe, nachdem es gefunden worden, zum Beweis ihrer Hochachtung auf die Brücke zu stellen. Alle andern Bilder blieben natürlich als abgöttischer Gräuel von der Fluth weggespühlt oder in derselben begraben. Daher seye der Witz gemacht worden:
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O Himmel! ist es nicht ein Jammer,

Daß Christus nicht war ein Rotterdammer!


In Brüssel war Allerheiligenfest das zweite Fest der katholischen Kirche, welches ich in meinem Leben sah, Es setzte die ganze Stadt in Bewegung, und der gedrängt volle Dom bot mir einen merkwürdigen Gegensatz gegen die sparsam besuchten Kirchen meiner Vaterstadt dar. Nicolai's, Gablers und Aehnlicher Bekrittlungen von Chateaubriands Genie du Christianisme, welches damals so großes Aufsehen erregte, hatten mich schon in Göttingen auf dieses Buch aufmerksam gemacht. Ich schätzte mich glücklich, es bei einem Buchhändler in Brüssel zu finden, und machte es zur Lectüre auf meiner Reise. Der Glanz der Darstellung, der Reichthum der Bilder, die Anmuth der Sprache fesselten mich, ich fühlte mich ergriffen, gehoben, meine Phantasie angeregt, und armseliger, dürrer und verzerrter erschien mir die Anschauungsweise der meisten hier so sinnvoll behandelten Gegenstände, die mir aus nicolaischen Reisebeschreibungen, Faustinen, Berliner Monatsschriften, deutschen Bibliotheken und ähnlichen übernüchternen Schreibereyen in der Erinnerung geblieben war. – Der Dom von Cöln erschien mir als Typus der höchsten Aufgabe des Lebens und zugleich der Zeit, in der er erbaut worden; – Propheten und Apostel, Patriarchen und Väter, Lehrer und Blutzeugen, zwischenein das Zeichen des Heils, vorbildend das Leben, in welchem nirgends ein Einschnitt seyn sollte ohne das Heilige; die Thürme aufstrebend, um die Erde dem Himmel zu verbinden, aber gleichsam niedergeschmettert, als hätte der Ewige Solches noch nicht gewollt.


Meine Rückreise führte mich an dem nahen Ziele in eigenthümliche Verhältnisse und Umgebungen, welche nicht ohne Einfluß auf mich blieben und vielleicht zu Beurtheilung von Manchem mir einen andern Standpunkt anwiesen, als ich ihn ohne jenes unerwartete Zwischeneintreten vermuthlich niemals würde aufgefunden haben während ich noch in Holland weilte, war[146] mein Freund Ittner in das elterliche Haus nach Heitersheim im Breisgau zurückgekehrt, wo sein Vater als Ordenscanzlar des Malteser Großpriorats deutscher Zunge wohnte, jetzt aber, da das Fürstenthum durch den Preßburger-Frieden Baden zugewiesen worden, in die Dienste des Greßherzogs dieses Landes übergangen war. In der Absicht, meinen Freund zu besuchen, wählte ich von Heidelberg den Rückweg durch das Breisgau. In Heitersheim sagte mir Ittner, sein Vater befinde sich zu St. Blasien, von dem Großherzog beauftragt, die Aufhebung dieser Abtei zu bewerkstelligen. Sein Vorschlag, uns zu einem Besuche gemeinsam dahin zu begeben, war mir höchst erwünscht. Hatte ich doch schon zu Hause viel von der prachtvollen Kirche von St. Blasien, von dem großen Kloster, von der wissenschaftlichen Thätigkeit seiner Bewohner, von dem gelehrten Abt Martin vernommen, später dann mehrere der Urkundenwerke, die wir der wissenschaftliches Thätigkeit der dortigen Benedictiner verdanken, theils mit großem Beifall nennen gehört, theils in den Bibliotheken gesehen und angestaunt.

Die kleine Reise dahin wurde gegen die Mitte Decembers angetreten. Es wirkte mit magischem Eindruck auf mich, als wir bei schon eingebrochener Nacht in dem Wagen, mit vier fürstlichen Pferden bespannt, zu der Klosterpforte hinein, an den dunkeln Massen der gewaltigen Gebäude vorüber, zu dem großen Portal fuhren, drei Livreebediente mit Kerzen die gemächliche Doppelstiege hinauf durch einen langen Gang in das Zimmer des Herrn Canzlars uns leuchteten. Der Vater meines Freundes war ein großer, stattlicher Mann, corpulent, mit schönen, regelmässigen Gesichtszügen, imponirend in seiner Haltung. Ich wurde auf das freundlichste empfangen und sogleich hinsichtlich meiner Studien ins Examen genommen, was befriedigend auszufallen schien; schon darum, weil Herr von Ittner seine Studienzeit ebenfalls im Göttingen zugebracht hatte, und bei großer Vorliebe zu der classischen Literatur und ausgezeichneter Vertrautheit mit derselben in der Verehrung für Heyne mit mir wetteiferte. Denn auch er hatte denselben zu[147] eben der Zeit, da er in dieser Wissenschaft gleichsam als Imperator waltete, fleissig gehört, und nicht minder als ich an ihn sich hingezogen gefühlt. Kaum dann in lebhafter wissenschaftlicher Unterhaltung eine halbe Stunde verflossen war, hieß es: morgen würde uns die Bibliothek gezeigt werden, aber wir müßten auf der Stelle unser Ehrenwort geben, daß wir nie Etwas »schießen« wollten. Wir gaben es und haben es redlich gehalten; ich zwar einzig des Ehrenwortes wegen, nicht Gewissens halber. Denn ich räsonnirte so: »schießt« der Großherzog das ganze Kloster mit Allem, was dazu gehört, so hätte ich gerade so viel Recht als er, wenigstes ein Buch zu »schießen« sein Recht an das Ganze ist nicht besser begründet, als mein Recht an einen Theil es wäre. Daß das Ehrenwort mich band, that mir hernach um so mehr leid, als einst der Fürst Hrn. Ittner den Wunsch ausdrückte, er mochte mir von sämmtlichen Sanct-Blasianischen Werken (die meist in zahlreichen Exemplaren vorhanden waren) eines zum Andenken geben, er aber unter dem Vorwand, sie wären bereits alle gezählt, Gewährung ablehnte.

Noch vor Tisch mußten wir dem Fürsten unsere Aufwartung machen. Denn obwohl dieser nur zum Schein noch Herr im Kloster, der Commissarius nunmehr die Hauptperson war, obwohl ich unter vier Augen manches wegwerfende Urtheil über denselben hören konnte, so wurden doch die äußern Formen des Anstandes nie aus den Augen gesetzt, auch streng darob gehalten, daß sie von uns bei allen Gelegenheiten beobachtet würden. So fand sich z.B. Hr. von Ittner jederzeit vor dem Fürsten in dem Tafelzimmer ein; man stund nie von der Tafel auf, ohne daß er nicht demselben eine Verbeugung gemacht und gedankt hätte, was von uns um so mehr befolgt werden mußte. Als ich einst bei dem Casse auf einem Bein vor dem Fürsten stand, hatte ich gleich nachher eine derbe Lection anzuhören: »ob ich es für geziemend hielte, vor einem Fürsten auf einem Bein zu stehen? Wenn auch seine Herrschaft zu Ende gehe, so sehe er doch immer noch Reichsfürst, dem schuldige Achtung gebühre.«[148] Waren die Formen bemessen und untadelhaft, so wurde das Geschäft selbst nicht mit der größten Milde betrieben. Hiezu wirkte vorzügliche frühere Mißstimmung. Durch den Lüneviller-Frieden nemlich hatte der Herzog von Modena sein Land verloren, der Reichsdeputations-Entschädigungs-Receß ihm hiefür das Breisgau angewiesen, die fünf reichen Abteien desselben hingegen sollten als Entschädigung für verlorene Besitzungen dem Malteserorden zufallen. Der Herzog wollte von dem Tausch nichts wissen, und nahm bekanntlich das Breisgau niemals an. Die Abteien, St. Blasien an der Spitze, suchten ihrerseits zu beweisen, daß der Malteserorden eine geistliche Stiftung seye, wie sie, und kein Grund vorhanden, die eine zu Gunsten der andern aufzuheben. Die Klöster verfochten ihre Angelegenheit in einer Druckschrift, und gaben sich auch sonst alle Mühe, für die Rechtmässigkeit ihrer Ansicht zu gewinnen, wen immer sie konnten. Die Druckschrift hatte eine Entgegnung von Seite des Ordens (wahrscheinlich durch dessen Canzlar verfaßt), durch jenen Umstand aber eine Lebensfristung der Klöster bis zu Ende des Jahres 1806 zur Folge. Ittner, als Canzlar des Ordens, war daher auf jene Bestrebungen und auf diejenigen Personen, welche dieselben am thätigsten sich hatten angelegen seyn lassen, bitterböse zu sprechen, und diese Stimmung blieb nicht ohne etwelchen Einfluß.

Er theilte überhaupt jene Gesinnung gegen die Ordensgeistlichkeit, welche während seines Aufenthalts zu Wien herrschend war, und von da über Deutschland sich verbreitet, selbst einige geistliche Fürsten zu Gewaltthaten bethört hatte, die nur allzubald wider sie selbst gewendet werden sollten. Die geistige Beschränktheit der Mönche kam als Lieblingsthema öfters zur Sprache. Wenn ich dann die Verdienste der Sanct-Blasianer durch Herausgabe so vieler gewichtiger Urkundenwerke hervorhob, so wurden dieselben nur höchst bedingt anerkannt und mehr als einmal mußte ich hören: »hätten diese dummen Mönche einen Theil des Papieres dazu verwendet, um wohlfeile Schulausgaben der Classiker darauf zu drucken, so würden sie hiemit[149] der Welt einen größern Dienst erwiesen haben, als durch jene Werke.« Wollte ich Etwas zum Lob des so thätigen als gelehrten Fürsten Martin sprechen, so hieß es, er seye doch ein faselnder Greis geworden, indem er in spätern Jahren seinen Nabuchonodosor somnians gegen die Revolution geschrieben habe. Weiter wurde als Beweis unnöthigen Thuns und nutzloser Papiervergeudung angeführt, noch in letzter Zeit habe einer der Conventualen unverantwortlicher Weise das Papier durch den Druck eines asketischen Werkes, unter dem Titel Scudum fidei, verderbt, welches schon bis zum fünften Theil vorgerückt, nun aber alsbald und mit Recht eingestellt worden seye. Dann ergieng ferner die Klage: es lasse sich mit Niemand im Kloster über Wissenschaftliches ein vernünftiges Wort sprechen, von classischer Literatur ( Ittners Lieblingsstudium) seye keine Spur vorhanden und das Griechische ein völlig unbekanntes Gebiet. – An letztere Klage knüpfte sich dann der Vorschlag, wir möchten eine Zeitlang bleiben, damit am Abend, nach vollbrachter Tagesarbeit, doch Jemand ihm zu literarischer Unterhaltung dienen könnte. Mir, der ich ohnehin keine besondere Sehnsucht verspürte, bald zu Hause einzutreffen, war dieß sehr erwünscht, und ich wußte für die Verlängerung des Aufenthaltes meinem Vater so einleuchtende Gründe anzugeben, daß er, ungeachtet an den Ort Bedenklichkeiten sich hätten knüpfen können, keine Einwendungen machte.

Von der reichhaltigen und wirklich kostbaren Bibliothek mangelte ein Catalog. Ittner gab mir den Auftrag, wenigstens die Hauptwerke derselben zu verzeichnen; ich sollte seinem Sohn die Titel dictiren. Hier war ich nun ganz in meinem Element, mein Freund dagegen wurde in ein ihm völlig fremdes Gebiet versetzt. Ich freute mich, so manches Hauptwerk wieder zu finden, andere, deren Namen mir blos bekannt waren, jetzt beschauen zu können; und leicht vergaß ich hierüber der sonst empfindlichen Januars- Kälte in dem weiten Raum. Mein Freund dagen fluchte über die mechanische Arbeit, über die Titel ihm gleichgültiger Folianten, über die Kälte;[150] ich aber fuhr ununterbrochen fort zu dictiren, bis seine Drohung: mir, wenn ich nicht aufhöre, das Dintenfaß an den Kopf zu werfen, meinem Eifer und seiner Arbeit jedesmal ein Ende machte.

Die Bereitwilligkeit zu diesem Geschäfte, der warme Eifer für classische, wie für jede andere Literatur, die Lebendigkeit, welche ich in die abendliche Unterhaltungsstunde brachte, hatten mir Ittners volle Zuneigung gewonnen, so daß er nebenbei meiner bisweilem für Sachen, die er sonst Niemand anvertrauen mochte, als geheimen Sekretärs sich bediente. Er dictirte mir z.B. die Reserve, durch deren Unterzeichnung der Fürst und einige der vornehmsten Conventualen bezeugen sollten, der Bestand des Klostervermögens seye in guten Treuen angegeben worden; ferner hatte ich die Anträge über die künftigen Pensionen sowohl des Fürsten als der verschiedenen Obern zur Absendung nach Karlsruhe abzuschreiben; wobei jedoch Ittner als erfahrner Geschäftsmann die Vorsicht hatte, die Zahlen auszulassen, so daß mir die Sache dennoch ein Geheimniß blieb. Die Unvorsichtigkeit, einige Actenstücke nicht zu rechter Zeit zu beseitigen, hat vielleicht durch hervorgerufene, aber, wenn sie eingetreten seyn sollte, ungerechte Mißstimmung zu Karlsruhe etwelchen Einfluß auf die Ansätze jener Zahrgehalte geübt, auf jeden Fall nicht den günstigsten Eindruck gemacht. Ich bin als Copist zu deren Kenntniß gekommen, und darf ihrer, da es eine durchaus der Vergangenheit anheimgefallene Sache betrifft, nun wohl erwähnen.

Während Bonapartes Feldzug gegen Oesterreich hatte sich im Winter 1805–1806 ein Abentheurer unter dem Namen eines Grafen de la Barse und mit dem Vorgeben, eine gewichtige Stelle in dem kaiserlichen Generalstab zu bekleiden, in das Kloster eingeschlichen. Es scheint, daß er dort längere Zeit sich aufgehalten und durch das Anrühmen großen Einflusses auf den Marschall Berthier und auf den Kaiser selbst das Vertrauen des Fürsten zu gewinnen gewußt habe. Dieser sah nachher in dem Grafen den geeigneten Mann, das Kloster zu retten,[151] dessen Untergang nach dem Vorrücken der Franzosen kaum mehr zu bezweifeln war. – Der Fürst rief daher – da jener das Kloster seit längerer Zeit verlassen hatte, – seine Verwendung schriftlich an, und es wurden die Entwürfe dreyer Briefe vorgefunden: der eine, sofern mir mein Gedächtniß treu ist, an den Kaiser selbst, der andere entweder an Berthier oder an Talleyrand, der dritte an den Grafen gerichtet. An diesen ergieng' die Bitte, die beiden ersten Briefe zu übergeben und das darin Enthaltene durch sein vielvermögendes Wort zu unterstützen. Zum Beweis, daß er nicht für Undankbare sich verwende, wurde er vorläufig mit 500 Louisdors honorirt, unter Versprechen von Mehrerem, dafern seine Verwendung zum erwünschten Ziele führen sollte. In dem Brief an den Kaiser wurde einfach um dessen Protection für das Kloster gebeten; derjenige aber an Berthier oder Talleyrand entwickelte die Gründe für dessen Erhaltung aus militärisch-administrativen Rücksichten. Der Schwarzwald, hieß es darin, seye anerkannt der wichtigste Paß zwischen Frankreich und Deutschland; bei der Beschaffenheit des Bodens aber und dem Mangel an größern Städten werde die Verpflegung eines durchziehenden und noch mehr eines darin verweilenden Heeres schwierig. Es müßte daher der Fortbestand eines Klosters, welches in der unwirthlichsten Gegend mit reichen Vorräthen zu aller Zeit versehen wäre, für den Kaiser von großer Wichtigkeit seyn. St. Blasien böte in Kriegszeiten diesen folgereichen Vortheil dar, woran die Hoffnung sich knüpfen lasse, daß der Kaiser nicht selbst dessen sich werde berauben wollen. – Es ist mehr als wahrscheinlich, daß diese Briefe an ihre Bestimmung niemals gelangten, jetzt aber nicht ganz ohne Wirkung bleiben.

»Sehen Sie, sagte Hr. von Ittner, nachdem ich die Briefe, deren Copie vorläufig nach Karsruhe gehen sollte, abgeschrieben hatte, sehen Sie, selbst Deutschland wollten diese Spitzbuben verrathen und den Feind des Kaisers, ihres Souveräns, in dessen eigenem Land unterstützen!« Ich aber sah in diesem Schrit nichts so Entsetzliches; ich dachte, wer den[152] sichern Tod vor Augen sieht, sucht eben Hülfe und Rettung nur bei demjenigen, der dieselbe gewähren kann. Mir schien es vielmehr ein Beweis von der Klugheit des Fürsten, daß er dem Eroberer die Sache von derjenigen Seite darzustellen suchte, von welcher allein etwelche Berücksichtigung zu hoffen war. Auch leuchtete es mir hell genug ein, daß der berührte Vortheil bei einem neuen Krieg am Ende den Oesterreichern ebensogut zu Nutz kommen könnte, als den Franzosen; es handelte sich nur darum, wer am ersten zur Stelle wäre. Daran, daß Ittners neuer Oberherr gegen Kaiser und Reich noch viel Aergeres verübt, als der Fürst von St. Blasien in Aussicht gestellt hatte, dachte ich in jenem Augenblick nicht, sonst ich jene Aeusserung nicht blos schweigend würde angehört haben. Das weiß ich bestimmt, daß ich bei mir selbst dachte: dieser Sache wegen, die mir so ganz natürlich schien, hätte man nicht so viel Aufhebens machen sollen. Ich fühlte wahres Mitleid mit dem Fürsten, wenn diese Entdeckung ihm schaden sollte, und bedauerte aufrichtig, daß er nicht zu rechter Zeit darauf Bedacht genommen, die verwünschten Briefe zu beseitigen.

Jene Gesinnungen, welche bei dem Anblick des Reichsdeputations-Entschädigungs-Rezesses mich vorübergehend durchflogen hatten, gewannen jetzt, da ich gewissermaßen mitten in die Sache versetzt war, eine bestimmte Gestalt. St. Blasiens Leistungen auf demjenigen Gebiete, welches vor allen andern mich lockte, traten in die Erinnerung, die innere Ordnung, Bemessenheit, klösterliche Pünktlichkeit, des Fürsten Freundlichkeit gegen mich, lebendig vor Augen; ich konnte in der Aufhebung nichts als eine Gewaltthat, ein freches Vergreifen an fremdem Eigenthum erblicken. Mehr als einmal in der Nacht habe ich Thränen über das traurige Loos des Klosters vergossen und zu Gott gefleht, er mochte mir die Hülfe, die ich ohne meine Absicht dabei leiste, nicht anrechnen. Der Fürst mochte meine Gesinnungen ahnen. Wehmüthig sagte er mir einst nach aufgehobener Tafel: »Alles läßt sich doch nicht verspeisen!« Mein Blick mußte ihm Zeugniß geben, daß ich ihn vollkommen verstanden[153] hätte. Er war ein Mann im Anfang der Fünfzig. Sein Aeußeres gebot Achtung; das Unglück seines Stiftes hatte ihm viel von seiner Heiterkeit geraubt und nicht selten einen bemerkbaren Zug von Harm in seinen sonst ruhigen Blick gemischt.

Hr. von Ittner überzeugte sich bald, daß ich seine Ansichten über die klösterlichen Institute nicht theile. Der lebendige Eindruck der Gegenwart und der Umgebung auf das jugendliche Gemüth war gewaltiger als Räsonnement und Reflexion. Durch viele Jahre meines Lebens haben in mancherlei Vorkommenheiten jene vor diesen das Uebergewicht in mir behauptet. Wenn wir bisweilen zusammen durch die menschenleeren, langen Klostergänge schritten und ich der Käle wegen die Hände in die Rockärmel zusammensteckte, sagte Ittner öfters im Scherz: ich gienge ja förmlich wie ein Novize einher; er glaube, eo seye ein Glück, daß das Kloster aufhöre, sonst würde ich am Ende wohl noch darin bleiben. – Ganz Unrecht hatte er vielleicht nicht, amt wenigsten, wenn es möglich gewesen wäre, in solcher Weise darin zu bleiben, wie ich damals darin war, – Herr meiner selbst, ohne alle Sorge für das Leben.

Mein Zimmer lag nur wenige Schritte von einer Thüre, die auf die Gallerie der herrlichen Kirche und von da zu einer andern über dem Chor führte. Diesen, der sehr zahlreich besetzt war, hörte ich oftmals im Bette, oftmals gieng ich durch jene Thüre Morgens beim Hochamt, Nachmittags bei der Vesper, auf die Galerie, und fand mich Jedesmal sehr erbaut, indem dadurch meine innern Empfindungen, die ohne äußere Stimme meist ruhig schlummerten, gleich gebundenen Geistern sich ablösten, und frei sich bewegten und freudig hinaufjubelten zu demjenigen, welcher ihr Quell und ihr Ziel ist. Ich wohnte den großen Festfeyern der Weihnacht und des heiligen Blasius bei, und die Pracht, in welcher die Celebrirenden erschienen, die Würde und Pünktlichkeit, mit der sie des Gottesdienstes wahrnahmen, der ernste vierstimmige Gesang, von der großen, als Meisterwerk geltenden, Orgel getragen, die aufwallenden[154] Weihrauchdüfte, waren ebensoviele Ströme, die in mein Innerstes hineinflutheten und es himmelan trugen. Der lebendige Kern des Hochamtes war mir damals noch durchaus unbekannt; aber das durch die äußern Sinne Wahrnehmbare desselben drang mit gewaltiger Macht in den innwendigen Menschen, und ergriff, bewegte, durchströmte in geheimnißvollem, mehr geahnetem, als klar gewordenem Einwirken diesen in der Totalität seines Wesens.

Hier, durch welche Anregung, unter welcher äußerer Veranlassung wüßte ich nicht mehr anzugeben, stellte die heilige Jungfrau als hochbegnadigte, als zu dem sie Ehrenden in segnender Beziehung stehende Individualität mir sich dar. Ich sollte fast meinen, die immer festgehaltene und durch keine Eichhorn'sche Exegese und keine Stäudlin'sche Dogmatik erschütterte Ueberzeugung von Christo dem Gottmenschen habe in mir wenigstens etwelche Geneigtheit bereitet, einen Theil der ihm schuldigen Anbetung als höhere Achtung auch auf seine irdische Mutter (als Jungfrau wurde sie mir wenigstens durch das Glaubensbekenntniß von Jugend an bezeichnet) überzutragen. Ein Hang zum Geheimnißvollen, was in der Vereinigung von Jungfrau und Mutter, eine Vorliebe zum Idealen, was in der Alles überragenden Hoheit und der zu Jedem sich herablassenden Milde sich darstellt, der völlige Mangel an allen Beziehungen zu weiblichen Wesen (außer mit Mutter und Tanten und alten Basen war ich mit andern nie in Verkehr gekommen), der hiemit durch stille Verehrung ersetzt wurde, ohne durch Rede und Umgang meiner Schüchternheit Verlegenheit zu bereiten, dieß Alles mochte jener Geneigtheit förderlich entgegen gekommen seyn. Es zog mich an, der heiligen Jungfrau meine Huldigung darzubringen, ihrer Obhut mich zu empfehlen, um Fürbitte sie anzuflehen. Mehr als Einmal habe ich, von tiefer Rührung ergriffen, schluchzend ihr alle meine Sünden bekannt, so daß ich am andern Morgen durch meinen Freund Ittner, der über Störung der Ruhe sich beklagte, als neuer Jeremias ausgelacht wurde. Uebrigens war dieses Alles blos[155] Frucht der im Stillen verarbeiteten Eindrücke oder von selbst wach gewordenen Regungen; der Menschen Rede hat nicht das Geringste dazu beigetragen. Denn auch nicht ein einziges Mal habe ich mit irgend einem der Klosterbewohner unter vier Augen gesprochen; außer dem Fürsten und ein paar Geschäftsmännern unter den Capitularen kannte ich keinen Einzigen, und diese Alle sah ich nur bei der Tafel. Mein Umgang während der ganzen Zeit meines Aufenthaltes in St. Blasien beschränkte sich auf meinen Freund, seinen Vater und ein paar Töchtern eines Beamteten. Von diesen Allen bekümmerte sich aber Niemand um mein Inneres.

Wie so Manches, was in jenen Jahren mich anregte, durchflog, ergriff, stimmte, hernach in anderer Umgebung, bei festgestelltem Beruf und Wirken, unter vielartiger Beschäftigung, auch wohl in dem Strudel des Lebens erblich, zerrann, in Vergessenheit sank, so erlosch allmählig auch jener Zug des Herzens zu der allerheiligsten Jungfrau, denn es fehlte Anmuthung von außen, es fehlte gleichsam ein zwingendes Gebot; nur wenn ich etwa ein wohlgelungenes Bild derselben sah, mischte sich in die Betrachtung etwas mehr als Anerkennung des Kunstwerthes, immer aber blos vorübergehend. Gleichgültig zwar ist sie mir nie geworden; freudig blieben mir immer Veranlassungen, von ihr sprechen zu können, wärmer, als es von einer protestantischen Kanzel sonst geschehen mag, weiter jedoch niemals gehend, als es mit der herrschenden Lehre vertragsam. Zu jenem lag volle, nicht blos Befugniß, selbst Aufforderung in dem obersten Grundsatz des Protestantismus und in dem dürren Ausdruck des Synodaleides: »zu lehren nach dem lautern Wort Gottes alten und neuen Testaments«, an dessen so bestimmtem Wort: »Von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechtsfolgen«, nichts zu mäckeln, abzudingen, wegzuexegesiren seyn sollte. Denn es heißt nicht: sie werden mich dafür halten, sondern »preisen«; also eine innere Gewißheit, hervortretend an lauter Verkündung, an hellem Lob. Wie kann man so unablässig auf das Wort Gottes, und nichts[156] als das Wort Gottes sich berufen, und dergleichen Glanzstellen gleichwie Philipp. II, 10. 11., auf sich beruhen lassen, als wären sie nicht vorhanden? Für wen aber die Stimme eines Menschen deßwegen, weil ihm der Name eines Reformators beigelegt wird, größeres Gewicht haben kann, als diejenige der heiligen Schrift, der wollte nicht vergessen, daß Oekolompadius, der Basler Reformator, die heilige Jungfrau irgendwo nennt: »Die von Engeln und Erzengeln verehrte Beschützerin der Menschen, die Königin der Barmherzigkeit, unsere mächtige Schirmerin in allen unsern Anliegen.«

Noch eines sollte doch nicht übersehen werden. Welche auserwählte Geister auch in den Evangelien um die Person des Erlösers sich reihen, weder Johannes, sein Vorläufer, noch der heilige Petrus, der Apostelfürst, noch Johannes, der Lieblingsjünger, noch irgend ein Anderer, sagt von sich selbst Etwas aus, was der Zukunft zur Beherzigung und Nachahmung empfohlen würde; alle Zeugnisse über sie, alle Bestimmungen, denen gemäß wir sie zu würdigen haben, gehen hervor aus dem Mund unsers Herrn; einzig Maria ergreift, so zu sagen für sich selbst, das Wort, giebt von sich selbst ein Zeugniß, stellt aus sich selbst an alle Geschlechtsfolgen die Forderung, daß sie von ihnen selig gepriesen werde. Damit steigt sie höher als jene Alle, stellt sich hinauf über jene Alle; es ist damit der demüthigen »Magd des Herrn« ein Vorrang eingeräumt, der Keinem der Andern gegeben ist. Zn den kommenden Geschlechtern spricht in den Evangelien ausser unserm Herrn Niemand sonst als sie. Und hierin sollte nicht ein Wink liegen, dieß nicht unsere ernsteste Beherzigung verdienen!

Erst nach vielen Jahren, und abermals ohne alle äussere Veranlassung, ganz aus innerer Mahnung, wachte wieder auf, was so lange geschlummert hatte. Die heilige Jungfrau stellte sich mir dar in näherer Beziehung zu denjenigen Allen, welche kindlich, fromm, bereitwillig sie anerkennen als »die Gebenedeyete unter den Weibern«, als die Hochbegnadigte, in mütterlicher Liebe zu ihnen gewendet. Ich fühlte mich mächtig gezogen,[157] in höherem Sinn, als nur mit Ehrerbietung ihrer zu gedenken; getrieben, mich zu reihen an diejenigen, von denen sie prophetisch verkündet, daß sie »von ihnen werde selig gepriesen werden.« Ich habe erkannt in ihr jenen »Stern«, der mit so reinem Lichte über dem Wogenmeere der Gegenwart aufgegangen ist; ich habe sie begrüßt als die »Königin der Barmherzigkeit;« ich habe später in den herbsten Begegnissen in ihr die »Mutter der Gnade«, der Tröstungen und der Milde anerkennen können, Und welches Mitleid erfüllt mich nicht mit denjenigen, welchen dieser reine Quell des Erbarmens, des Trostes, der Segnungen durch ihre mütterliche Fürbitte, unbekannt, darum verschlossen ist!


Ausser der Schwester meines Freundes, die mit ein paar Gespielinnen im Anfang unseres Aufenthaltes ebenfalls für einige Tage zu einem Besuch nach St. Blasien sich eingefunden hatte, waren die erwähnten Töchtern eines Beamteten die ersten, mir an Jahren ziemlich gleichstehenden weiblichen Personen, mit denen ich nicht allein bald in täglichen Verkehr kamt (da ihr Haus das einzige war, welches wir besuchten), sondern je bisweilen Worte wechseln konnte. Da wir unter zwei und der Mädchen ebenfalls zwei waren, so theilten wir uns gewissermaßen in dieselben, indem, wenn wir gemeinsam in das Haus giengen, Jeder von uns vorzugsweise mit der Einen sich unterhielt, mit Beiden zugleich nur dann, wenn der Andere abwesend war. Ich hatte große Freude an Neckereyen, Possen und kleinen Eulenspiegeleyen, und nahm bald wahr, daß mir in den Mädchen, namentlich in der ältern, Gehülfinnen zu Dergleichen zu Gebote stünden. Das vorzüglich war es, was mich zu denselben hinzog, was ich in ihrer Gesellschaft aussann und durch Hülfe der Einen beinahe täglich ausführte. Ich gieng gewöhnlich Vormittags, während die Mutter in dem Hochamt sich befand, hinüber, entweder um die Mädchen in ihrer Arbeit zu stören, oder alles Geräthe des Zimmers unter stetem Schelten[158] und Lachen derselben auf einen Haufen zu tragen oder ähnliche Streiche zu vollführen; dann über dem grollenden Blick der Mutter, welche unter den obwaltenden Umständen den Schützling des großherzoglichen Commissarius doch nicht auszuzanken wagte, heimlich mich zu ergötzen. Eine Stunde vor dem Nachtessen giengen wir in der Regel gemeinsam hinüber, wo ich unter den Augen der Mutter wieder das gleiche Spiel trieb. Mein Freund dagegen, der in dieser Beziehung weit ruhigerer Natur war, den es aber auf ganz andere Weise zu den Mädchen hinzog, als mich, der ich bloß Gehülfinnen zu meinen harmlosen Streichen fand, hatte sich bald gewöhnt, auch nach dem Nachtessen in das Haus sich zu begeben. Vorstellungen von meiner Seite, daß es nicht schicklich seye, in solcher Zeit bei jungen Frauenzimmern Besuche abzustatten, konnten ihn so wenig zurückhalten, als sein Spott und die Schilderung, wie über meinem Zurückbleiben die Andere sich langweile, zu seinem Begleit mich bewegen. Ich brachte die Stunden bis zu der oft späten Zurückkunft meines Freundes gewöhnlich mit Lesen zu, ohne auch nur ein einziges Mal ihn zu begleiten. Als ich mich von den Mädchen trennen mußte, war es mir nur leid um die unschuldigen Schwänke, welche die heitere Laune jeden Tag eingab, und so bereitwilliges Mitwirken, bald leidend, bald handelnd, förderte.

Diese Trennung erfolgte in der Mitte Februars. Der mehr als zweimonatliche Aufenthalt in einem Kloster, unmittelbar vor dem bevorstehenden Eramen, schien meinem Vater mehr als genug. Auch konnte ich nicht mehr den tiefen Schnee vorschützen, der das Reisen über den Schwarzwald beinahe unmöglich mache. Ueberdem nahte sich das Geschäft des Commissarius seinem Ende, womit zugleich die Auflösung des Klosters vor der Thüre stand. Ich fuhr also heim und wurde von meinen Eltern aufs freudigste empfangen.

Nicht viel später als ein Jahr nachher habe ich über diesen Aufenthalt in St. Blasien Folgendes aufgezeichnet: »Wer hat nicht jenes liebliche Wiesenthal gesehen, von Bergen umschlossen,[159] die mit dunkelgrünem Nadelholz bewachsen sind, durch welches die klare Alb fließt, bald in schäumenden Wirbeln, dann wieder ruhig über Kiesel hingleitend, einige Male in Wasserfällen brausend, und mitten in dem Thal einen Dom sich erheben, in welchem das Lob des Unendlichen in hehren Gesängen einst wiederhallte, ohne inne zu werden, daß zu Andacht und Beschauung hier oder nirgends der Ort zu finden seye, ohne von himmlischer Melancholie sich durchbeben zu lassen? Die Seele ist besonders empfänglich für diese Stimmung in Tagen, in welchen Erde und Himmel, Jahreszeit und Temperatur contrastiren. Wenn der letzte Monat des Jahres durch Heiterkeit und Sonnenglanz uns vergessen macht, daß der unfreundliche Winter gekommen seye und die düstern Gedanken, die das scheidende Jahr gebiert, verscheucht, dann durchdringt den Menschen nicht selten eine eigene Stimmung, gleichsam ein Helldunkel des Gemüths. Das wirkte jener December, den ich in St. Blasien zubrachte. Die Natur, sonst abgestorben, lebte noch in dem Grün bemooster Tannen. In reiner Luft ist der Mensch am besten gestimmt, dem Zug seiner Empfindungen sich zu überlassen, zu folgen, wohin die Phantasie ihn zieht. Nie aber kann ich dem Genuß einer schönen Naturscene, die auf mich einwirkt, mich hingeben, ohne daß zugleich die Geister derer, die in der Vergangenheit an diesem Orte geweilt haben, an mir vorübergleiten. Oft, wenn die Morgensonne, hinter den Bergen hervortretend, die hohen Tannenwälder vergoldete, das Wasser vorüberrauschte, traten jene Aebte und Brüder vor mich, die hier in frommer Einfalt, abgeschieden von der Welt, nur Christo und seiner göttlichen Mutter dienend, ihr gottgeweihtes Leben verbrachten; mit ihnen die frommen Stifter, die, wie jetzt nicht mehr geschieht, minder auf die Laufbahn schauten, als auf das Ziel, darum das Gotteshaus reichlich beschenkten, daß es aufblühe und weithin leuchte. Oder einsam, zur öden Wildniß, wo abgerissene Felsblöcke, ähnlich den Leichensteinen eines hingeschwundenen kräftigen Geschlechts, an dem Abhang der Berge umherliegen und in schauerlicher Tiefe über Klippen[160] und niedergeschmetterte Bäume der Waldbach rauscht, über dessen einförmigem Tosen die Stimme des Geyers, der hoch in der Lüften kreiset, der einzige Laut ist, den man hört, und der vorüberfliegende Vogel, das einzig lebendige Wesen, das man sieht, – in solche Gestalt hätte ich die Gegend zurückzaubern mögen.

Früh des Morgens nach meiner Ankunft erwachte ich. Was sollte ich zuerst sehen? Die Kirche, die ich als Meisterstück der neuern Baukunst so oft bewundern hörte? Die Bibliothek, von der ich an einem solchen Sitz gründlichen historischen Forschens nicht wenig erwartete. Herr, Hergott, Gerbert, Ussermann, Eichhorn, Neugart, welche Namen! Wer kann die Kirche betreten, ohne es zu empfinden, ein solcher Tempel seye würdig, den Ewigen darin zu verehren! Nichts Ueberladenes, Geschmackloses, was zerstreut, was Gedanken weckte, welche denen zuwiderliefen, die an diesem Ort uns durchdringen sollten! Die Klostergänge waren mit Gemälden behangen. Natürlich konnten sie von Seite der Kunst nicht in Betracht kommen; doch gieng ich selten an ihnen vorüber, ohne einige Aufmerksamkeit ihnen zu schenken. Es waren Erinnerungen an die ersten Zeiten der Abtei, Otto und Reginbert von Seldenbüren, andere Stifter und Wohlthäter. Sie schienen mir oft zu fragen: warum solches Unrecht, warum Zerstörung dessen, was wir zu Gottes Ehre gegründet? Da eilte ich weg, und betrauerte das Loos der Abtei, der Gegend, der Wissenschaft.«


Mir wollte es immer noch nicht recht einleuchten, daß ich in das Predigeramt treten und wahrscheinlich ein Landpfarrer werden sollte; um so weniger, als ich mir über das Wesen und die Wirksamkeit eines solchen noch niemals eine genügende Vorstellung zu machen versucht hatte, oder, wenn es je versucht wurde, ausschließlich an die Kehrseite mich hielt, daß eine andere[161] auch nur denkbar seye, mir nicht einmal gestehen wollte. Dachte ich mir (und dieß war die Vorstellung, welche jede andere überragte), daß mit solcher Bestimmung ich von allem wissenschaftlichen Umgang und Verkehr würde abgeschnitten werden, so graute mir vollends davor. Mein Wunsch gieng noch immer dahin, irgendwo an einer Bibliothek eine Anstellung zu finden, wozu ich meiner Neigung und etwelcher erworbener Kenntniß wegen auf gutem Wege mich glaubte. Es wurden zu diesem Endzwecke mancherlei Schritte an verschiedenen Orten gethan, doch ohne Erfolg. Ueberhaupt waren jene Zeiten, in denen Krieg an Krieg sich drängte, allerwärts die größte Spannung herrschte, diejenigen Anstalten, welche nur unter dem Schirmte des Friedens blühen können, oft kaum ihr Fortbestehen durchringen konnten, zu Förderung auf derartiger Laufbahn nicht im mindesten günstig. Wollte aber mein Vater auf seine Lieblingsidee einer Erzieherstelle zurückkommen, so stand meine Abneigung, vielleicht mein Vorurtheil, fertig da. Am Ende leuchtete mir immer noch das als Ehrenwerthestes ein, was mich am wenigsten in Abhängigkeit versetzte.

Mein Vater legte in allen Dingen großen Werth darauf, daß altbestehende Vorschriften, Uebungen, Gewohnheiten unverbrüchlich beobachtet würden. Etwaige Beiseitsetzung derselben durch andere Personen wollte er nie als Regel gelten lassen. Zu jenem – ich weiß nicht genau, war es Vorschrift, war es bloß Uebung – gehörte, daß ein von der Universität zurückgekehrter Candidat schon in den ersten Wochen nach seinem Eintreffen bei dem Antistes das sogenannte Thema aufnehme, d.h. eine exegetische Arbeit über ein Capitel der heiligen Schriften beider Testamente entweder sich zuweisen lasse oder wähle Der damalige Antistes, als Freund meines Vaters mir besonders wohl gewogen, überließ mir die Wahl, die, neben einem leichten Psalm, auf das 24ste Capitel des Evangelinms des heil. Matthäus fiel. Ich hatte dabei zwei Zwecke: erst, durch Festhalten des prophetischen Charakters dieser Rede des Heilandes in geschichtlicher Nachweisung pünktlicher Erfüllung des einen Theils[162] und hierauf gebauter fester Erwartung von einstiger Erfüllung auch des andern, meiner Rechtgläubigkeit Genüge zu thun und dieselbe hiedurch zu beurkunden; sodann mit der Gelehrsamkeit, welche in dem Commentar leicht anzubringen war, einen etwelchen Nimbus um mich zu verbreiten. Denn ich konnte und wollte mir nicht verhehlen, daß bei dem Mangel an sogenannten theologischen Kenntnissen und bei der Nachlässigkeit, mit der ich gerade diese Studien betrieben hatte, das Bestehen eines Examens für mich zu einer etwas mißlichen Sache werden könnte. Doch vertraute ich der Gutmüthigkeit des Examinators, den geringen Forderungen, welche damals gestellt wurden und etwelcher Gewandtheit im Disputiren, die ich zu Göttingen im Umgang mit meinen Freunden gewonnen hatte.

Während ich nun mit allem Eifer und unterstützt von etwelcher Erfahrung im Sammeln, Ordnen und Anwenden von Materialien, die ich über frühern, aus eigenem Antrieb unternommenen Versuchen mir erworben hatte, dieser Ausarbeitung oblag, beförderte ich zugleich den Druck des ersten Bändchens der Geschichte Theodorichs; etwa wie der umsichtige Feldherr, wenn er hinauszieht gegen das feindliche Land, die Bildung einer Reserve sich angelegen seyn läßt, auf die er bei einer unerwarteten Wendung des Kriegsglücks sich mit Sicherheit zurückziehen kann. Meinen Commentar suchte ich durch Benutzung aller ältern und neuern Hülfsmittel möglichst vollständig zu machen, dabei demselben den Ausdruck der bestimmtesten Meinung zu geben, da mir das berühmte Non liquet bei ernsten Fragen von jeher als verächtlicher Nothbehelf der Zaghaftigkeit oder der Zweideutigkeit vorgekommen war. Weil aber vier Bogen als Maximum des Normalmaßes einer solchen Abhandlung bezeichnet wurden, mußten größeres Format und kleinere Schriftzüge bei dem ansehnlichen Umfange aushelfen.

Auf das Examen im Griechischen, zumal dieses bloß auf das neue Testament sich beschränkte, durfte mir ebensowenig als auf das im Lateinischen bange seyn. Aber im Hebräischen wußte ich damals so wenig Bescheid, als jetzt. Uebrigens sind[163] mir Geistliche genug vorgekommen, welche unverhältnißmässig viele Zeit auf diese Sprache verwendet hatten, dabei im Examen ganz gut bestanden waren, nach zehnjähriger Amtsführung aber kaum mehr die Buchstaben kannten, überhaupt, sobald sie einmal ins praktische Leben übergetreten waren, jede Anmuthung zu dieser Sprache gänzlich verloren hatten. War dieselbe etwa Einem unter einem vollen Duzend geblieben, so hatte sie doch keinen größern Werth als denjenigen einer unfruchtbaren Liebhaberei. Daher habe ich zu aller Zeit das Betreiben des Hebräischen für einen blossen Pfarrer, zumal auf dem Lande, für einen unnöthigen Luxus, und die viele Zeit, die blos deßwegen verwendet werden mußte, um eine halbe Stunde im Examen damit paradiren zu können, für baren Verlust gehalten. Hunderte, wenn sie aufrichtig seyn wollen, werden zugeben müssen, daß ich hierin Recht habe. – Ich eröffnete mich daher geradezu dem Examinator. Dieser nahm die Sache auch nicht so bedenklich auf, sondern bezeichnete mir einen der leichtesten Psalmen als denjenigen, den er vornehmen werde. Glücklicherweise besaß ich Hutteri Psalterium harmonicum, in welchem der hebräische Text zur Seite mit lateinischen Buchstaben gedruckt ist. Durch mehrmaliges Lesen gewann ich hiefür die erforderliche Fertigkeit, und die Bedeutung der einzelnen Worte konnte ich mir mit Hülfe des Lexikons hinreichend einprägen. Mittelst dieser Vorkehrungen fiel die Sache zu voller Befriedigung aus,

Als ich auf die Frage: über welchen Abschnitt in der Dogmatik ich vorzüglich examinirt seyn wollte, denjenigen von der heil. Dreieinigkeit bezeichnete, konnte der Professor sein Erstaunen nicht genug aus drücken. Es war dieß eine Lehre, welche selbst von Vielen, die nicht dem vulgären Rationalismus huldigten, zu jener Zeit schweigend gleichsam beseitigt worden war. Ich aber hatte Gründe genug, auf meiner Wahl zu bestehen. Für's erste verfocht ich diese Lehre aus Ueberzeugung, da sie ja doch den innersten Kern des geoffenbarten Christenthums bildet, und von seinen wahren Bekennern in aller Zeit als[164] solchen anerkannt worden ist; sodann durchschaute ich wohl, daß bei dem damaligen schwankenden Zustande der Theologie ein unerschöpflicher Stoff zu Controversen darin liege, wodurch das Examen, statt zu Erforschung der Kenntnisse, in eine Disputation sich verwandeln könne; endlich waren mir die Schellingschen Philosopheme zu Begründung dieser Lehre einigermaßen bekannt geworden, und mit diesen erhaschten Bruchstücken hoffte ich zugleich zu glänzen und zu siegen. Ich hatte richtig vorausgesehen. Der zweite Vorsteher der Geistlichkeit, ein vollendeter Rationalist, daneben, wie ich im Verlauf der Zeit die meisten von ihnen kennen gelernt habe, ein sehr humaner, im Umgange freundlicher und selbst gemüthlicher Mann, machte wirklich Einwendungen; unter Andern bemerkte er mir bei einer zur Lehre vom heiligen Geist angeführten Stelle der heiligen Schrift: ob ich denn nicht wüßte, daß das Wort Geist in allen Sprachen ein besonders viel bedeutendes Wort, es daher nicht gewiß seye, ob es hier in dem angeführtem Sinn könne genommen werden? Ich entgegnete: gerade weil es so vielbedeutend seye, könne es hier gar wohl diesen Sinn haben, daher mir zum Beweis dienen. – Ich konnte in den Blicken der andern Examinatoren lesen, daß diese Freimüthigkeit sie überrasche und Beifall bei ihnen fand.

Es ist mißlich, in einem Zweige der Wissenschaft geprüft zu werden, den man bloß dem Namen nach kennt, und dem man die Benennung einer Wissenschaft nicht einmal gerne zugestehen mag. Das war bei mir der Fall mit der Moral. Ich wußte nur, daß Mosheim neun Quartanten darüber geschrieben hatte, und war schon vor dem ersten Anblick der vier dicken und enggedruckten Bande von Reinhard's Moral zurückgebebt, auch durch den Eifer, womit die theologischen Flachmaler unter meinen Bekannten in die Collegien der Moral keuchtem, dergestalt davon abgeschreckt worden, daß ich mich nie entschließen konnte, ein Collegium darüber zu hören. Der Umgang mit den beiden ehemätigen Schülern Schellings, welche nun gar dieselbe als sogenannte Wissenschaft lächerlich machten, vollendete[165] meinen Widerwillen. Diese damalige Ansicht hat sich bei mir bis auf den heutigen Tag im Wesentlichen nicht geändert, wohl aber entwickelt und berichtigt. Daß Moral vorgetragen werden, daß der künftige Geistliche zum Besuch dieser Vorträge verpflichtet werden solle, hiegegen wäre jede Einwendung verwerflich. Daß aber die Moral, d.h. die christliche Moral, aus dem untergeordneten und secundären Standpunct, auf welchem sie zu der Dogmatik steht, auf einen mehr oder weniger selbstständigen erhoben, häufig von jener abgetrennt, dann aber wieder von dieser ganz und gar nicht berücksichtigt werden will, das halte ich nicht blos für einen Mißgriff, sondern in seinen Folgen ungleich tiefer und nachtheiliger einwirkend, als vielleicht dafür gehalten wird. Nichts hat so sehr dem Rationalismus Bahn gemacht, als diese Trennung, welche selbst formell von der Lehre Christi (d.h. von seiner Lehrweise) abweicht, und in den schönsten Zeiten des Christenthums und den tiefsten Geistern, die mit demselben sich beschäftigt haben, unbekannt war. In des Apostels Wort: »Alles, was nicht aus Glauben geschieht, ist Sünde,« ist der christlichen Moral enge, ja unabtrennbare Beziehung zur Dogmatik für alle Zeiten angewiesen; jene selbst aber, von dieser getrennt, wird von ihrem rein praktischen Boden einigermaßen auf den speculativen hinübergeschoben, sie ergeht sich in Darstellung einer Thätigkeit, zieht aber von derselben ab, was ihr Impuls, Leben und bleibenden Nachhalt allein zu verleihen im Stande ist.

Das nun, daß ich auf die Moral im Sinne des Brodstudiums niemals etwas gehalten, in solcher Art nie mals mit derselben mich abgegeben hätte, durfte ich nicht sagen, ich mußte dem Examen über dieselbe mit einer gewissen Zuversichtlichkeit entgegengehen. Daher bemerkte ich dem Examinator, es wäre wohl das Würdigste, statt über einzelne Lehren, über das Princip der Moral sich einzulassen, und da sähe ich mich genöthigt, den freyen Willen zu bestreiten. Ueber diesem Anerbieten erschrack der gute Mann noch mehr (er hatte auch wahrlich Ursache!), ließ mich aber gewähren. Ich steckte nemlich damals[166] tief in den Irrgewinden der Prädestinationslehre, hatte hierüber in frühern Jahren mit dem Professor der Theologie häufig disputirt, zu Unterstützung meines Irrthums als Student selbst eine Abhandlung geschrieben, in welcher Calvin in Schutz genommen wurde; so waren mir die Gründe für und wider ziemlich geläufig. Ich sah wohl ein, daß hier eine Schraube ohne Ende umgedreht werde, der Wortkampf ins Unendliche sich verlängern könne.

Auf diese Weise kam ich nicht blos durch das Examen glücklich durch, sondern erwarb mir das ungetheilte Zeugniß vorzüglicher Kenntnisse, und daß ich den von mir gehegten Erwartungen vollkommen entsprochen, sie selbst noch übertroffen hätte. Es blieb nur noch eines – die sogenannte Probepredigt, welche acht Tage später zu halten war. Auch diese fiel stümperhaft aus; ich wußte aber die innere Armuth unter Floskeln, wobei selbst Sheakspears »Seyn oder Nichtseyn« paradiren mußte, und durch eine gewisse Thätigkeit des Vortrages zu verhüllen. Die Nachsicht oder die Genügsamkeit ermangelte nicht, hierüber ebenfalls volle Befriedigung auszusprechen und hiemit mich als vollberechtigtes Glied des geistlichen Standes des Cantons Schaffhausen zu erklären. Am folgenden Tage, als ich hiefür meine Danksagung abstattete, überreichte ich dem damaligen Präsidenten des Schulrathes, Hrn. I. G. Müller, das erste gedruckte Exemplar der »Geschichte des Königs Theodorich.« Er lachte, und sagte: »er glaube beinahe, ich hätte hiemit dem Kirchenrath eine Verlegenheit bereiten wollen, für den Fall, daß ich wäre abgewiesen worden.« – Etwas Derartiges lag wohl im Hintergrunde.


Ich sendete alsbald ein Exemplar jener Geschichte an meinen Landsmann, Johann von Müller, damals Minister in Cassel. Er antwortete ermuthigend, anspornend, gerechte Ausstellungen an der Form, dem Ausdruck, besonders an der[167] etwas bizarren Vorrede, welche an die neue philosophische Schule gemahnte, nicht verhehlend. Ich erwiderte ihm: »Erst neunzehn Jahr alt, als ich den ersten Theil vollendete, konnte ich nicht ruhen, bis ich ihn unter der Presse wußte, in dem Gedanken: je jünger, desto eher zu verzeihen; über dieser Begierde wurde alles Andere unterlassen, übersehen, vergessen. Die Vorrede enthält Ansichten über die Weltgeschichte, dunkel ausgedrückt, als Begriffe, die sich selbst noch nicht geläutert haben, und in sich wogend, keiner klaren Darstellung fähig sind. Den Hauptgedanken indeß, den sie enthält, habe ich noch nicht aufgegeben. Ohne von den Schriften jener Männer, welche die neue philosophische Schule gründeten, etwas gelesen zu haben, aber mit Manchem, was ich vor den Jahren meines akademischen Lebens hörte und was mir als unumstößliche Wahrheit aufgestellt wurde, nicht mich begnügend, fühlte ich immer, daß mir Etwas wangle: Ich suchte, aber was ich fand, wagte ich mir dennoch nicht zu gestehen, da es allem Gehörten oft ganz widersprach, bis ich in öfterm Umgang mit einem Freunde, der mehrere Jahre dem Studium der Philosophie obgelegen hatte, bemerkte, daß er nicht selten Sachen und Meinungen angriff, die auch mir als zu bekämpfend vorkamen. Wir schritten weiter; er theilte mir seine Ansichten über Geschichte, Kunst und Manches so im Leben als in der Wissenschaft mit, und froh hätte ich rufen mögen: ἕυρηκα.

Es war jugendliche Eitelkeit – und sie hat mich noch nicht verlassen – mir mehr anmaßen oder tiefer gehen zu wollen, als ich durfte. Hieraus gieng Mehreres hervor, was ich vielleicht bei meinen Freunden zu vertheidigen suchen würde, um nicht zu einem Geständniß genöthigt zu werden, welches ich nur hier ablege, weil schuldige Achtung und Vertrauen auf Ihre Nachsicht es von mir fordern. Weit entfernt, allem Gewagten und Unverständlichen der Philosophen und Philosophaster der neuen Schule beizupflichten, oder an der dunkeln Scholastik, die ihre Schriften mit einem Nimbus der Höhe und Tiefe umziehen soll, Wohlgefallen zu haben, stimme ich ihnen[168] darin wenigstens bei, daß sie die seichte Nützlichkeits-Theorie der letzten Decennien des abgewichenen Jahrhunderts gestürzt haben, und, dem Skelettiren aller Wissenschaft ein Ende machend, in Alles mehr Leben, Eifer und Wärme brachten.

Je mehr ich unsere Zeit betrachte, desto mehr Aehnlichkeit finde ich – wenn ich überhaupt sehr nach Vergleichungen haschte – zwischen ihr und dem dritten und vierten Jahrhundert der römischen Kaiser; derselbe Zerfall der alten Lehre, die Orakel dahin – und die Wallfahrtsörter, als guter Polizei zuwider, verboten; die Philosophen zu Sophisten geworden, in den Schleyer der Nacht gehüllt, endlich die alte Lehre wieder suchend, schwach sie vertheidigend, unkräftig und mit zu wenig Einfluß versehen, um sie erhalten zu können (wie Libanius, Inlianus u. A.); ähnlicher Zerfall bei den Staaten, und überall eine Menge Mittel aufgewendet, um glauben zu machen, es werde immer besser; nie mehr von römischem Muth und Patriotismus gesprochen, als wenn die Legionen flohen und Söldlinge das Reich vertheidigten – und jetzt, Reden an die deutsche Nation, über Nationalehre, viel Geschrei von Deutschheit; arges Spiel mit dem Namen Quirirten, und allenthalben grausame Ennuchen, aussaugende Statthalter, Ankläger und Angeber, – und jetzt dasselbe Spiel mit Humanität, Staatszweck Bürgerglück und wie die Worte alle lauten – und nicht einmal freye Macht über das eigene Leben, fröhlicher Genuß des Eigenthums! Ich lese gegenwärtig Ammianus Marcellinus, der treueste Abriß jener bleyernen Zeit, und fast sauge ich seine Galle ein, um sie auf die unsrige auszugießen.

Wie herzlich hat es mich doch gefreut, Ihren Beifall gerade für jene Stellen zu finden, die so ganz den beliebten Ideen des Jahrhunderts entgegen sind. Es sind eben jene, nach denen ich suchte; sie sind mir nun doppelt theuer. Wie gerne entwiche ich nicht einem Jahrhundert, in welchem wenig Größe des Charakters zu finden, selbst bei Fürsten der wahre Fürstensinn entflohen ist, und begäbe mich in die mittlere Zeit. Das Haus Hohenstaufen und sein kräftiges Jahrhundert, des Stammes[169] Macht und heroische Thaten, seine Fehden und sein trauriges Ende schweben seit einiger Zeit vor meinem Sinn. Dieß zu beschreiben, möchte ich zum Geschäfte meines Lebens machen; aber es wäre ein kühnes Unternehmen; nur der Alkmenä Sohn mag die Keule schwingen.«

Sicher war dieß ein phantastischer Gedanke, zumal in den äussern Verhältnissen, in welchen ich mich damals befand, um so mehr, da bereits schon diese Aufgabe derjenige zur Hand genommen hatte, der sie umfassender und befriedigender gelöst hat, als es mir jemals möglich gewesen wäre. Jener Brief aus welchem Hr. von Raumer die, diese Zeit berührende, Stelle seinem Werk vorgesetzt hat, war eine Erwiderung auf obige Herzensergießung. Es ist wahrscheinlich der letzte Brief, gewesen, den Johann von Müller schrieb; denn ich habe ihn erst geraume Zeit nach seinem Tode erhalten, unvollendet, ohne Schluß und Unterschrift.


Der Protestantismus birgt – abgesehen von der heutigen Zerrissenheit seiner Lehre – seltsame Widersprüche in seinem Schooß. Er unterwirft einerseits diejenigen, die seiner Verkündung sich widmen wollen, einer Prüfung, welche jedoch meistenorts mehr auf intellectuelle Ausbildung und eine gewisse Summe des Wissens, als auf feste Begründung in den Fundamentallehren des geoffenbarten Glaubens und auf ungetheiltes Eingehen in das volle Wesen desselben Rücksicht nimmt. Er gesteht (in derjenigen Fraktion wenigstens, die durch den Staat anerkannt und in den Staat verschmolzen ist) Keinem, der nicht den von dem Letztern vorgeschriebenen Weg durchgemacht hat, und vor ihm über seine wissenschaftliche Ausbildung sich beglaubigt hat, Befugniß zu, in einer Kirche irgend Etwas zu verrichten. Er macht das Predigen zum Centralpunct alles Gottesdienstes, wenn nicht zum alleinigen, so doch zum weitaus[170] wesentlichsten Träger desselben; wie denn schon die uralte Bennenung: »Diener des Worts,« gleichwie die moderne: »Herr Prediger,« dessen Zeugniß giebt. Anderseits aber läßt er zu, daß derjenige, der noch nicht geprüft ist, der über den Umfang seiner Kenntnisse und, was doch mehr sein sollte, über seinen Glauben, noch keinen Beweis geleistet hat, der also mit Recht eine höhere Befugniß noch nicht in Anspruch nehmen könnte, dennoch die höchste, geehrteste und bedeutungsvollste kirchliche Function verrichten, d.h. nach Belieben überall predigen dürfe. Die Staatsgewalt würde denjenigen, welcher, ohne unter die »Diener des Worts« aufgenommen zu seyn, die Sacramente, namentlich das der heiligen Taufe, ertheilen wollte, alsbald zu nicht geringer Verantwortung ziehen; demjenigen hingegen, welcher von der Universität zurückgekehrt ist und um ein Examen nur erst sich angemeldet hat, wird es unbedenklich gestattet. Heißt das nicht, die Präsumation, schon deßwegen, weil er einige Zeit auf einer Universität zugebracht, werde er alles abverlangte Wissen in erklecklichen Maß in sich tragen, und wenigstens noch so viel Glauben bewahrt haben, um glücklich durch das Examen hindurch schiffen zu können, indeß es mit dem Einen oder mit dem Andern, oder mit Beiden zugleich, anders sich verhalten könnte, doch zu weit treiben? Oder fehlt es etwa an Beispielen, daß Candidaten, die zu dem Examen sich angemeldet und zurückgewiesen worden waren, vorher öfters gepredigt, auch getauft hatten? In welcher Eigenschaft hatten diese nun gepredigt und getauft? Als Geistliche? Aber sie wurden aus irgendwelchen Gründen hiefür nicht anerkannt. Als Layen? Aber andern Layen wird das Gleiche nicht gestattet. War ihr Predigen vor dem Examen zulässig, warum soll es sofort nach diesem es nicht mehr seyn? Konnte es nach dem Examen nicht mehr zugegeben werden, mit welchem Recht und aus welchem Grund vor demselben? Man wird zwar sagen, es wurde gestattet in Hoffnung und als Uebung. Aber ist denn der Gottesdienst, zumal dessen gewichtigster Theil, so wenig werth, oder ist es, durch wen derselbe abgehalten werde, so[171] gleichgültig, daß man ihn einem Jeglichen Preis geben kann, schon deßwegen weil man seines Aufenthalts auf der Universität wegen zu der Voraussetzung sich berechtigt glaubt, er werde ein leidliches Eramten ablegen können und dadurch jede vorher gehaltene Predigt legitimirt werden, wie unehliche Kinder per subsequens matrimonium legitimirt werden?

Hätte der Protestantismus nicht jeder Formt entsagt, wäre nicht hiemit jede Erinnerung an eine höhere Mission, deren sichtbare Beurkundung an einen solemnen Act geknüpft seyn sollte, verschwunden, würde man sich nicht damit begnügen, daß überhaupt gepredigt oder getauft werde; so müßte man einsehen, daß es, die heiligen Handlungen ihrer innern Bedeutung nach ins Auge gefaßt, unziemend seye, die Hauptverrichtungen des Gottesdienstes Jemanden zu gestatten, nur darum, weil ihm der wohlgemeinte Wunsch entgegenkommt, er werde sich hiezu nachmals als tüchtig und würdig bewähren. Ebenso müßte man, die Glieder der gottesdienstlichen Verbindung ins Auge gefaßt, einsehen, daß es ungerecht seye, bloß solcher Erwartung wegen einem Individuum eine Befugniß zuzugestehen, welche allen Andern verweigert wird; daß es endlich das Ungerechteste von Allem seye, bei Andern verhindern, oder an Andern rügen und bestrafen zu wollen, wozu sie, nicht erweislicher innerer Unfähigkeit, sondern bloß des Mangels jener Präsumtion wegen, nicht berechtigt seyn sollten. Es ist hier ein Widerspruch, der nie beseitigt, höchstens unter sehr unstichhaltigen Scheingründen verfochten werden kann.

Aber der innere Widerspruch geht noch weiter. Gestachelt durch feindseliges Entgegenstreben gegen die katholische Kirche bis hinab in die äussersten Manifestationen ihrer Lebensthätigkeit, entblöden sie sich nicht, jenen Worten (Petr. II, 9): »ihr seyd das königliche Priesterthum,« welche die katholische Kirche zu keiner Zeit übersehen, aber ebensowenig in einseitiger Parteianwendung je falsch ausgelegt hat, eine solche Deutung zu geben, mittelst welcher sie theoretisch mehr zugeben, als sie praktisch einzuräumen für angemessen erachten möchten; dieß[172] aber einzig in der Absicht, in geistlichen Dingen über die Autorität einer von Gott gesetzten Kirche das Phantom einer Volkssouveränetät in geistlichen Sachen scheinbar hinaufzustellen. Wehe aber demjenigen, welcher den Wortlaut, womit man durch wohlgefälligen Ohrenkitzel und angefachten Hochmuth den absichtlich genährten confessionellen Haß in Athem erhalten möchte, für mehr als für einen eben dienlichen Wortlaut, für ein wirkliches, nicht blos aus wohlberechneter Herablaßung eingeräumtes, sondern durch das alleroberste Ansehen von Ansang her zugestandenes (wofür es ja unbedingt gelten sollte) Recht nehmen, demnach sich für befugt halten möchte, als Priester, nicht einmal Anderer, sondern nur die eigenen Kinder zu taufen, dieselben der Theilnahme an der Communion für fähig und würdig zu erklären, nicht fremder, sondern blos der eigenen Ehe aus derartiger priesterlicher Machtvollkommenheit Gültigkeit zuzuerkennen, oder, nicht allein den Seinigen, sondern zugleich Andern das Wort Gottes zu verkünden! Gewiß wäre es sehr merkwürdig zu sehen, wie die privilegirten Diener des Worts der praktischen Anwendung ihrer theoretischen Einräumung gegenüber sich geberden, und mit welchen thatsächlichen Corollarien sie jenen unbedingt hingestellten Satz zu umzäumen sich bestreben. Wenigstens haben jene Maßregeln gegen Wiedertäufer, zu denen ich noch zur Zeit, da die Machinationen wider mich bereits im vollen Gang waren, zu großer Befriedigung der Geistlichen (mit meinen Ueberzeugungen aber gar nicht im Widerspruch stehend) Hand bot, mich hinreichend darüber ins Klare setzen können, daß eine pomphaste Erklärung: daß Alle, welche durch die Taufe in die christliche Gemeinschaft aufgenommen, priesterlicher Rechte theilhaftig wären, weiter nichts seye, als eine bombastische Protestation gegen die richtige Auslegung der Worte des heiligen Apostels und eine aus unüberlegter Befangenheit hervorgehende Provocation gegen die Kirche. Sollte aber etwas Wirkliches, Anerkanntes in jenem Vorgeben liegen, wo bliebe – nicht die Amtsverrichtung – wohl aber die Pfründe?[173] Natürlich nicht damals drängten alle diese Bemerkungen mir sich auf. Es ist lange Zeit darüber hingegangen, bis ich Veranlassung gefunden hatte, so manches Vorkommende einer Prüfung zu unterwerfen. Ich hätte daher in späterer Zeit, da jener Gebrauch in Betreff der heimgekehrten Studenten als förmlicher Uebelstand mir sich darstellte, gerne das Möglichste angewendet, um denselben zu beseitigen, sofern ich hätte hoffen dürfen, begriffen zu werden; wenn ich nicht hätte fürchten müssen, den ersten Widerspruch dagegen bei den Geistlichen zu finden; wenn nicht das Einverständniß der weltlichen Gewalt dazu nothwendig gewesen wäre, und es mir in den spätern Zeiten nicht im Innersten widerstrebt hätte, deren Mitwirken zu Anordnungen in Anspruch zu nehmen, die nach meiner Ueberzeugung einzig von der geistlichen Autorität ausgehen sollten. Jenes mütterliche Wort: »Wo du selbst Etwas thun kannst, da brauchst du keinen Bedienten,« klang, durch die Idee von der Kirche vergeistigt, durch Alles hindurch, was ich nachmals an der Spitze der geistlichen Angelegenheiten zu bewerkstelligen versuchte.

Doch, ich kehre zu der Zeit meines Examens zurück. Ich glaubte, mit dessen Beseitigung Muße zu einem literarischen Unternehmen zu finden; denn damals fühlte ich gar zu sehr den Kitzel, in der gelehrten Welt mich bekannt zu machen. Ich gedachte wieder meines Lieblings, Gregors VII, und verschaffte mir zu diesem Zwecke eine Scharteke, welche seine Geschichte enthielt, um von dem Lebensgang und dem Wirken dieses Papsts wenigstens eine oberflächliche Kunde zu erlangen und wo möglich die Quellen kennen zu lernen, aus denen die Geschichte könnte geschöpft werden. Aber der Zweifel, zu diesen Quellen je gelangen, die daherige Furcht, nur etwas Ungenügendes und Unvollkommenes zu Stande bringen zu können, sodann die baldige Wendung meines Lebens, in die ich mich, ich mochte wollen oder nicht, fügen mußte, ließen diesen Gedanken schnell genug wieder verschwinden.
[174]

Damals, wie seitdem ununterbrochen, herrschte in dem kleinen Canton Mangel an Geistlichen. Der Ausweg, ihn zu einer Succursale der Candidaten der Stadt Basel von besonderer Färbung zu machen, war noch nicht aufgefunden. Da nun bei meiner Rückkehr von der Universität eine der kleinern Gemeinden ohne Pfarrer sich befand, wurde ich schon mehrere Monate vor dem Examen beauftragt, wechselsweise mit einem ebenfalls zurückgekehrten akademischen Freunde Sontags dort zu predigen und zu katechisiren. Hierauf starb acht Tage nach meinem Eramen unerwartet der Pfarrer eines größern Ortes, und wieder stand Niemand für Aushülfe zur Verfügung, als ich, wobei jedoch die Erleichterung getragen wurde, daß bald dieser, bald jener Geistliche in die etwas entlegene Gemeinde gehen, ich dann in der seinigen am Sonntag functioniren sollte. Ich, mehr zu literarischen Arbeiten geneigt, die Gedanken immer nach einer andern Laufbahn gewendet, in Hoffnung mich wiegend, dem Zwang, eine Landpfarrei annehmen zu müssen, doch noch entrinnem zu können, auch bisweilen Neigungen zu Zerstreuung fröhnend, war leichtfertig, weil in dem Alter zwischen zwanzig und einundzwanzig Jahren jugendlich genug, bei jenem immerwährenden Wechsel der Ortschaften mit einer einzigen Predigt mich zu behelfen, die dann auch in einem einzigen Vierteliahr in eilf Kirchen zum Besten gegeben wurde.

Nun sollte die erledigte Pfarrei wieder besetzt werden. Sofort hieß es, man werde Niemand anders wählen, als mich. Wurde die oberste Landesbehörde nicht von einem Gefühl angewandelt, daß sie eine unverantwortliche Leichtfertigkeit begehe, einem jungen Menschen von zwanzig Jahren und einigen Monaten, welchem die Verfassung noch für wenigstens fünf Jahre den unschädlichen Sitz in einem großen Rath von sechzig Mitgliedern versagte, eine Gemeinde von mehr als tausend Seelen anzuvertrauen, so wird mir wohl Niemand einen Vorwurf daraus machen, daß dieses Gefühl mich noch weniger anwandelte und daß die Leichtfertigkeit des Nehmenden mit derjenigen der Gebenden höchstens wetteiferte. Auch nicht die Ueberzeugung,[175] so ernster Pflichterfüllung in keinerlei Weise gewachsen zu seyn, sondern die Unlust, auf einem einsamen Dorfe wohnen zu müssen, fern von geistigem und geselligem Verkehr, die Hoffnung, durch Verwendung Anderer meine Lieblingsaussichten doch noch verwirklicht zu sehen, veranlaßten mich, gegen Annahme der Stelle Anfangs Einwendungen zu versuchen. Aber da stand auf der einen Seite mein Vater mit der Erklärung: »ich werde doch nicht glauben, nachdem er so viel auf mich verwendet, daß er mich forthin ernähren werde, er habe für meine Brüder zu sorgen, wie für mich;« stand auf der andern Seite der Antistes mit der Bemerkung: »wenn ich diese Stelle nur deßwegen, weil mir die Lust dazu mangle und das Dorf etwas abgelegen seye, nicht annähme, so würde man später bei Stellen, die ich vielleicht zusagender fände, auf meine Neigung auch keine Rücksicht nehmen. Ich sollte froh seyn, in so früher Jugend eine Pfarrei zu bekommen, um die, als um eine der besser bezahlten, es sonst Bewerber genug gegeben habe. Würde ich aber nach erfolgter Wahl darum einkommen, so könnte ich, in Rücksicht meiner Jugend, leicht Erlaubniß erhalten, für ein Jahr bei dem Pfarrer des benachbarten Ortes zu wohnen.« Gegen die Gründe des Vaters und gegen diejenigen des Antistes war nichts einzuwenden; ich mußte mich bequemen, und ein leichter Sinn hob mich über mißbeliebige Aussichten und Schwierigkeiten bald hinweg.

Nolentem traxit, muß ich, nachdem seit jener Zeit achtunddreissig Jahre verflossen sind, dankbar gegen den Ziehenden anerkennen. An allen Fundamental-Artikeln des Christenthums, welche die Reformation aus der alten Kirche beibehalten hat – gegen die bloß negirenden hatten Naturanlage, der Umgang auf der Universität, mein Aufenthalt in St. Blasien, mich verwahrt – hielt ich zwar mit eiserner Strenge fest; aber dieß war mehr Ueberrest des dem Gedächtniß eingeprägten Heidelbergischen Katechismus, mehr Glaubensfähigkeit als Glaubensbewußtseyn, mehr Abwehr des Rationalismus (indem die Besorgniß obwaltete, wenn demselben auch nur eine Ritze geöffnet[176] würde, könnte er am Ende durch eine weite Bresche einziehen), als sichere Begründung in dem, was den Menschen zum Heil geoffenbart worden. Unter jeder andern Umgebung und bei jeder andern Berufsthätigkeit, worin nicht Veranlassung gelegen hätte, mit den Glaubenswahrheiten mich aus Obliegenheit zu beschäftigen, wäre vielleicht der Keim, welcher volle Lebensfähigkeit in sich trug, allgemach erstorben, hätte gewiß nie gehörig sich entwickelt, und der passive Gottesdienst würde schwerlich anziehende Kraft genug geübt haben, um jenes zu verhüten.

Unter solcher gefährlichen Unentschiedenheit einerseits, unter solcher schlummernden Anlage anderseits, bin ich fest überzeugt, daß ich es einzig der mir auferlegten und unabwendbaren Nothwendigkeit zu verdanken habe, bei dem Glauben nicht allein geblieben, sondern an denselben gebunden worden und hiedurch unter mancherlei Wendungen des Lebens zuletzt zu dessen voller Erkenntniß gekommen zu seyn, und daß ich in diesem Zwang das erste Moment unverkennbarer göttlicher Führung verehren müsse. Ich trage keine Scheu, dieses offen zu bekennen; so wie überhaupt nicht die geringste Anwandlung mich beschleicht, irgend etwas zu bemänteln, oder anders darstellen zu wollen, als der Wahrheit gemäß es sich befände. Welche Veranlaßung hätte ich dazu, da jene Vergangenheit von der Gegenwart durch eine Kluft getrennt ist, und ich in gewisser Beziehung ebenfalls sagen mag: ich vergesse was dahinten ist, und wende mich nach dem vorgesetzten Ziel. Wäre ich der größten, der verschuldetesten Abirrung bewußt, ich müßte derselben um so eher geständig seyn, weil hiedurch nur die göttliche Gnade in helleres Licht träte. Dient es aber zu gerechtem Vorwurf, sich besser darstellen zu wollen, als man ist, so folgt daraus nicht, daß der Mensch dem Entgegengesetzten sich unterziehen müße; so wenig als er in der Sünde beharren darf, damit die Gnade desto mächtiger werde.

Mögen aus solchen redlichen Geständnissen Andere, die Alles eher als dieses Beiwort anerkennen und begreifen können, über mich herausklügeln und an mich heranfälscheln, was [177] ihrer Natur verwandter, dergleichen kann mich um so weniger berühren, da ich meiner aufrichtigen Ueberzeugung gemäß alles, worin ich geirrt habe, oder worin ich der Anforderung, welche eingegangene Verpflichtung mir auferlegte, entweder nicht gewachsen war, oder nicht genügte, bereitwillig auf mich nehme, aber eben so bereitwillig göttlicher Gnade beimesse, was durch mich, wenn nicht immer bewirkt, doch in getreuem Willen angestrebt worden ist. Ob dieser entweder so ganz und gar niemals vorhanden, oder während etlich und dreissigjährigen Bemühens unablässig so durchaus verkehrt und verwerflich gewesen seye, wie giftige Aufgedunsenheit aus fragmentarischem Hörensagen herauszuklügeln sich bemüht gewesen, das mag um so eher auf sich beruhen, als ich für Wollen und Thun zu jeder Zeit einen höhern Bestimmungsgrund anerkannte, als der Menschen Lob oder Tadel.

In meinem einundzwanzigsten Jahr war ich somit wider Willen an eine Pfarrei gesetzt worden. Dabei war mir nichts klar, als die unerläßliche Verpflichtung, denjenigen, über die ich gesetzt worden, die Offenbarung Christi zur Versöhnung der Menschen zu verkünden. Damit sah ich mich darauf hingewiesen, den Glauben an dieselbe, um diesen in Andern zu pflanzen, zu festigen und zu erhalten, zuerst in mir immer mehr zu verarbeiten, zuerst in Beziehung auf die eigene Person in demselben zuzunehmen. Da ich aber nie und bei keinen wichtigen Fragen je anders gesprochen als gedacht habe; da ich mir, nicht vor Menschen, sondern vor dem allwissenden Herzenskündiger das Zeugniß geben darf, daß ich während 34 Jahren niemals auf der Canzel Etwas verkündete, wessen ich nicht feste Ueberzeugung gehabt hätte und wovon ich nicht jetzt noch mit vollerer Wahrheit und in umfassenderem Zusammenhang überzeugt wäre, so darf ich wohl dieses Zwanges froh seyn, dem ich gewiß ausschließlich die immer vollendetere Entfaltung der innern Gewißheit zu verdanken habe.
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So war die Anlage; dieß der Vorsatz. Die Vorsehung sorgte, daß beide eine gute Pflege fanden; denn ich will nicht behaupten, daß sie damals schon unausreißbar fest gewurzelt gewesen wären, Meinem Ansuchen, bei dem benachbarten Pfarrer mich aufhalten zu dürfen, wurde mit größter Geneigtheit entsprochen; da der angeführte Grund, ich hätte ja bei solcher Jugend nicht die mindeste Erfahrung, hell genug einleuchten mußte. Dieser Pfarrer war zwanzig Jahre älter als ich, ein gewisserhafter, redlicher, glaubenstreuer Mann, der die Offenbarung mit der unbedingtesten Hingebung für das annahnt, was sie ist: für die gnadenreiche Veranstaltung Gottes zur Erlösung und Beseligung der Menschen. Freilich wurde er in spätern Jahren auf die Bahn des Conventikelwesens, des Vorläufers des engherzigen und einseitigen Pietismus, getrieben, welcher zur Zeit, da ich mich seines Umganges erfreute, in unserm Canton noch durchaus unbekannt war. Zu jener Zeit gab es unter den rechtgläubigen Reformirten nur ein kleines Häuflein Herrnhuter, still, ruhig, mit Jedermann im Frieden, zurückgezogen und anmaßungslos lebend, meist auf die Stadt beschränkt; neben ihnen in einigen Gemeinden Separatisten, ebenfalls harmlos in ihrem Betragen, nur an dem offentlichen Gottesdienst nicht Theil nehmend und mit den Geistlichen ausser aller Beziehung stehend. Unter diesen dann fand sich eine große Zahl von Rationalisten, wie die seit den siebenziger Jahren grassirende sogenannte Aufklärung sie erzeugt und die allgemeine deutsche Bibliothek dick gefüttert hatte.

In Beziehung auf den Rationalismus theilte der Pfarrer meine Ueberzeugungen vollkommen. Es war einer jener ruhigen, selbst langsamen Geiler, welche neue Ideen nicht leicht auffassen, dann aber sie desto besser verarbeiten; welche mit einem Buch nicht bald fertig sind, dann aber in demselben manche Schwäche des Urtheils, manches Gebrechen der Darstellung, manchen Fehler der Schlußfolgerung, vielleicht auch manchen verborgenen Vorzug entdecken, über welches Alles der lebhaftere Kopf leichter hinwegeilt. Waren seine Aeußerungen über[179] literarische Erscheinungen oft sehr bedächtlich, so waren sie desto gründlicher und gediegener. Insofern, und da ich in dieser Hinsicht häufig als Gegensatz gegen ihn auftrat, habe ich sicher mehr von ihm gelernt, als er von mir, hatte ich ihm mehr zu verdanken als er mir; ich war das anregende, er das ordnende Element. In der Abneigung gegen alle Verflachung (jetzt häufig in Verschiesung übergegangen) des positiven Christenthums begegneten wir uns durchweg; durch ihn gewann dieselbe bei mir einen festern Boden. Ich glaube nicht, daß er als sogenannter Kanzelredner großen Effect machen konnte, aber daß er Besseres als dieß bewirkte, weil er ein treuer und gewissenhafter »Botschafter an Christi Statt« war, dessen habe ich mich aus der einzigen Predigt überzeugt, die ich von ihm zu hören Gelegenheit fand. Ich habe auch in der Folge viel Vertrauen in ihn gesetzt und mich des Zusammenkommens mit ihm stets gefreut. Später zwar hat uns die vorerwähnte Richtung, die er genommen, auseinandergerissen, was ich wahrhaft bedauerte. Doch ist dadurch weder die Erinnerung an ihn erblichen, noch wurde die Zuneigung zu ihm geschwächt, und es freute mich in späterer Zeit noch, diese gegen seine Kinder zu bethätigen. Ich gedenke dessen um so lieber, als Dankbarkeit in unserm engen und beengten Gemeinwesen eine ausländische Pflanze ist, die unter dem Wüstenwind des Radicalismus und des Nihilismus vollends verdorret.


Nach einem Aufenthalt bei meinem Nachbar von fünf Vierteljahren zog ich in meine Pfarrei, nicht weil es mich trieb, unter meinen Pfarrkindern zu wohnen, sondern blos um nach meiner Phantasie leben zu können. Mit der sonntäglichen Predigt, mit der Katechese (über deren, durch altes Herkommen angenommene, Ferien der Antistes mich belehrt und einen folgsamen Lehrling gefunden hatte), dem Unterricht der Katechumenen während des Winters, und etwelchen Schreiben an das[180] Ehegericht bei Unzuchtsfällen und Ehestreitigkeiten war Alles abgethan. Die Seelsorge war zu jener Zeit überhaupt in allen Gemeinden ein unangebautes Feld. Die Gemeindsgenossen zeigten nirgends ein Bedürfniß darnach, und die Geistlichen wollten ebensowenig unnöthige Mühe sich aufladen. Somit machte ich keine Ausnahme, konnte ich keinem Vorwurf der Nachlässigkeit mich aussetzen. Ich unterschied mich als Jüngster von der Mehrzahl meiner weit ältern Collegen weder zu meinem Vortheil noch zu meinem Nachtheil, einzig dadurch, daß ich etwa vorkommende Klagen über Geschäftslast mit Spott abfertigte und die jämmerliche Kleinigkeitskrämerei in breiter Erzählung von Nebenumständen bei Matrimonialfällen Jedesmal ins Lächerliche zog. – Es war im Frühjahr 1809, als ich in meinem Dorf mich niederließ. Der Aufenthalt auf dem Lande, getrennt von aller Gesellschaft, war mir aber höchst langweilig. Wie der Sonntag Abend gekommen war, fühlte ich mich frei, und gieng entweder sogleich, oder doch am Montag Morgen nach der Stadt, schrieb dort meine Predigt auf den nächsten Sonntag (diese gute Gewohnheit hatte ich angenommen und bis zum Jahr 1840 bewahrt, alle Predigten zu schreiben, und immer frühzeitig in der Woche damit anzufangen) und verdämmerte die viele übrige Zeit mit Besuchen, Spaziergängen und auf andere Weise. Am Samstag kehrte ich nach meiner Pfarrei zurück, in welcher ich selten eine volle Woche zubrachte.

Während des Winters war die Communication schwieriger; da regte sich die alte Lust zu schriftstellerischen Arbeiten wieder. Das französische National-Institut hatte die Preisaufgabe gestellt: Quel fut, sous le gouvernement des Goths, l'etat civil et politique de l'Italie? Quels furent les principes fondamentaux de la legislation de Theodoric et de ses successeurs? et specialement quelles furent les distinctions qu'elle etablit entre les vainqueurs et les peuples vaincus? Naudet und Sartorius haben nachmals Beide die Aufgabe gelöst. Sie umfaßte gerade den Gegenstand, dessen Bearbeitung ich für ein drittes Bändchen der[181] Geschichte Theodorichs aufbewahrt und zum Theil schon vollendet hatte. Die Materialien waren größtentheils gesammelt, es durfte dem Vorhandenen nur eine andere Form gegeben werden. Aber die Arbeit mußte entweder in französischer oder in lateinischer Sprache geschrieben seyn. Das erste war mir unmöglich; ich begann also das Geschriebene in das Lateinische zu übersetzen. Nun gebrach es, um Verschiedenes zu vervollständigen, an den erforderlichen Hülfsmitteln; ich gedachte Heyne's Bemerkungen über meine Latinität; und, obgleich ich schon ziemlich weit vorgerückt war, legte ich die Arbeit auf die Seite. Aber jetzt noch glaube ich, daß, wenigstens in Bezug auf Vollständigkeit und Gründlichkeit, dieselbe sich wohl hätte dürfen sehen lassen.


Diejenigen, welche starrer Formeln wegen, die zu irgend einer Zeit aufgestellt worden sind, sich berechtigt oder bemüssigt glauben, alles Gemüthsleben abzuspiessen, und jede individuelle Regung entweder in jene einzuzwängen, oder, wenn sie deßungeachtet sich will geltend machen, als verpönte Abnormität zu perhorresciren, werden wegen Etwas, das ich damals mir auferlegte, gewiß rufen: Siehe da den Katholiken im protestantischen Gewande! Und doch hatte ich seit meiner Abreise von St. Blasien mit Katholiken keinen Umgang gehabt, mit irgend etwas, was die katholische Kirche berührte, nicht im mindesten mich beschäftigt, über Religions-Differenzen mit Niemand gesprochen, und war es mir beinahe wieder ebenso gegangen, wie füher mit jenem Kreuzen.

Oft wird im Fortgang der Jahre das Band, welches die Kinder an ihre Eltern knüpft, schlaffer und loser, Anstand und Schicklichkeit treten an die Stelle der Liebe und Dankbarkeit. Im dem Verhältniß zu meiner Mutter war dieß umgekehrt. Die Liebe zu ihr ward immer herzlicher und wärmer. Diese Liebe rief einst bei einer fröhlichen Wanderung auf den Feldberg[182] in Gesellschaft junger Herren und Frauenzimmer bei dem Anblick des Rheines und der Erinnerung an die Mutter ein solches unüberwindliches und unerklärliches Heimveh (weil vorher und nachmals mir durchaus unbekannt) hervor, daß ich mit Einemmal verstummte, alsbald in Thränen ausbrach und, trotz der sorglichsten Bemühungen von zwei Freundinnen, die sonst Alles über mich vermochten, bis Mitternacht nicht mehr mich trösten konnte. Ich hatte nemlich meine Mutter krank, jedoch auf dem Wege entschiedener Besserung, verlassen Wie ich aber in der Ferne den Rhein, in der sinkenden Abendsonne als goldener Streif sich darstellend, erblickte, fühlten sich Gedanke und Sehnsucht urplötzlich, ohne allen Willen und durch unwiderstehliche Macht bewältigt, zu ihr hingezogen, angekettet an sie. Ich befand mich in dem sonderbarsten, unerklärlichsten Zustand, dessen Andenken meiner Seele tief sich eingeprägt hat.

Die gute Mutter war öfters von schweren Krankheiten heimgesucht, die sie geduldig trug, einzig darauf bedacht, Andere so wenig zu bemühen, als möglich. Eines Abends saß ich an ihrem Bette, und da ich ihre Leiden sah, erbot ich mich, die Nacht über bei ihr zu wachen. Die Bereitwilligkeit, mit der sie gegen sonstige Gewohnheit das Anerbieten annahm, war mir Beweises genug, daß ihr dasselbe sehr willkommen sey. Ich sah sie wohl viel leiden, mehr als sie sagen mochte, um mich nicht zu belästigen. Abwechselnd las ich in dem Codex Theodosianus, und weinte dann wieder in unbezwinglicher Besorgniß, die Krankheit möchte eine noch schlimmere Wendung nehmen. In dieser Bekümmerniß bot sich mir der Gedanke dar, ich wollte, um ihre Herstellung von Gott zu erbitten, ein Jahr lang alle Samstag nur zwei Eyer essen, also ein freiwilliges Fasten mir auferlegen. Ich habe darauf in aller Stille, unbekümmert um die Urtheile der Reformatoren, das Gelübde vollzogen, ohne nachher je in meinem Leben das Fasten zu empfehlen oder nur darüber zu sprechen. Bemerkt konnte es auch nicht werden, da ein uraltes Mütterchen, welches mein Hauswesen besorgte, die einzige Umgebung, ohnedem gewohnt war,[183] meinen Tisch bald aufs reichlichste und etwa einmal mit der sonderbarsten Frugalität bestellen zu müssen. Später, als ich meinen Vater große Schmerzen leiden sah, habe ich eine ähnliche Enthaltsamkeit in Bezug auf den Wein mir auferlegt. Soll denn dasjenige, wozu Einer die Anmuthung in dem Heiligthum seines Herzens findet, darum verpönt seyn, weil tausend Andere diese Anmuthung nicht kennen, selbst dagegen sich sträuben würden, oder weil einst Einer irgendwo aufgestanden ist, der irriger Anwendung wegen gegen die Sache selbst fulminirt hat?


Es finden sich hie und da seltene Geister, die mit derartiger Schnellkraft ausgestattet sind, daß sie zu Erhaltung in unermüdeter Thätigkeit keiner Anregung von außen bedürfen, daß sie, alles Verkehrs mit Andern entbehrend, blos durch eigenen Willen und innewohnende Luft die Wirksamkeit von jenem ersetzen, ja in ihrer Abgeschlossenheit noch Größeres leisten, als wenn sie solchem sich hingäben. Zu diesen gehörte ich nicht. Ich gleiche dem Stahl, der ohne Berührung mit dem Stein keine Funken von sich geben kann. Dann giebt es wieder andere, welche der Zusammenfluß von Arbeiten, eine gewisse Last von Geschäften, arbeitsfreudig macht und die am leichtesten Etwas zu Tage fördern, wenn sie zu regsamer Thätigkeit, selbst nach verschiedenen Richtungen hin, gezwungen sind. Endlich finden sich auch Solche, für welche die Muße zum Grab der Thätigkeit wird, die, weil sie zu Allem Zeit hätten, zu nichts Zeit finden, gleich reichen Verschwendern, die oft bei großem Besitz nicht einmal für kleine Ausgaben mit der nöthigen Baarschaft versehen sind. Dieses war bei mir so lange der Fall, bis ich gerade durch die Menge der manchartigsten Geschäft, die mir während vieler Jahre oblagen, gewohnt wurde, mit dem Rest der Zeit im eigentlichen Sinne zu geizen. Darum wird es für junge Leute, ob sie auch Anlagen und Neigung zu[184] Thätigkeit, zumal im Bereich des wissenschaftlichen Gebietes, besitzen, immer gefährlich, wenn sie allzusehr Herren ihrer Zeit sind, und Berufsarbeiten nicht ein heilsames Joch ihnen auflegen. Jugend hat nicht Tugend, gilt auch in dieser Beziehung, und das edelste Pferd verliert seine Vorzüge, wenn es allzuhäufig ungenützt stehen bleiben muß. So hatte ich mehrere Jahre durch überreiche Muße; der Zwang aber, der mich erst dieselbe schätzen gelehrt hätte, fehlte; denn was das geistliche Amt von mir forderte, obwohl ich darin nichts versäumte, und Leichtfertigkeit mir nie zu Schulden kommen ließ, nahm einen besonders großen Theil meiner Zeit niemals in Anspruch. Ich habe daher nie weniger gearbeitet, nie meine Zeit leichtfertiger verdämmert, als in den Jahren von 1809–1814. Nicht daß ich ganz müssig gegangen wäre; gegentheils, ich habe in diesen Jahren an eine Geschichte der Longobarden gedacht und zu diesem Endzweck die Quellen gelesen, Vieles dazu gesammelt, dann aber im Mißmuth, ich möchte doch nicht alle Materialien zusammenbringen, doch nichts Erkleckliches leisten können, Alles wieder aufgegeben und an etwas Anderes mich gemacht, aber ebensowenig dabei ausgeharrt.


Inzwischen, da ich im Herbst 1810 meine Pfarrei an eine angenehmere, blos eine Stunde von der Stadt gelegene, deren wohlgebaute Wohnung besonders mich lockte, vertauscht hatte, war ich in meinen Ueberzeugungen immer mehr erstarkt und hatte ich im Predigen größere Uebung gewonnen, so daß ich in dieser Beziehung allmählig mich selbst mehr befriedigte. Es war jenes Zunehmen im Werke des Herrn, von welchem Paulus am Ende des ersten Briefes an die Corinther schreibt, und welches ich niemals im Sinn eines Zuwachses für die Gesammtheit von aussen her (bei dem Glauben an eine göttliche Offenbarung unmöglich), oder gar einer allmähligen Umgestaltung des Stoffes, sondern als eine immer vollkommener sich darstellende[185] Entwicklung des von dem gegebenen Glauben durchdrungenen Individuums von innen auslegte; wie mir denn überhaupt eine Erleuchtung des Lichts durch Menschenbetriebsamkeit und von unten herauf zu jeder Zeit als eine Absurdität, und eine durch des Menschen Hülfe fortschreitende Vervollkommnung des Christenthums, anders als in seiner Einwirkung auf jeden einzelnen Gläubigen (jenes Nachstreben des Apostels, daß er das ergreifen möge, worin er durch Christum ergriffen worden) als ein Unding, als baarer Widerspruch gegen das Wesen der göttlichen Offenbarung vorgekommen ist.

Weder in jener Zeit, noch später, sprach die theologische Literatur mich an. Ich kannte sie blos aus der Jenaischen Zeitung und aus den, ein abgetriebenes und abgeriebenes Christenthum vertretenden Marburger Annalen, wobei ich die, früher in Bezug auf poetische Erscheinungen gegen die allgemeine deutsche Bibliothek angewendete Praxis erneuerte: principiell für schlecht zu halten, was sie besonders lobten, wenigstens für erträglich, was sie herabwürdigten. Die exegetischen Werke erschienen mir als fruchtlose Buchstäbleri, jene sogenannte höhere Kritik als wahres Attentat gegen die Offenbarung, gegen den Glauben von 18 Jahrhunderten. In der Nachtmahlsformel werden zu Schaffhausen mit Andern auch ausgeschlossen »die Durchächter des Wortes Gottes.« Das wäre, sagte ich oft im Scherz, der wahre deutsche Ausdruck für Exegeten; oder das Wort Exeget bezeichne seinem Grundbegriffe nach einen Menschen, welcher Saft, Kern, Leben und Geist aus den heiligen Büchern herauszuziehen beflissen seye, und mit größter Wichtigkeit und Breite Abhandlungen schreiben könne, ob in Matth. XXIV, 18, das Wort Kleid in der Einzahl oder in der Mehrzahl als richtige Lesart gelten müße. Im Ernst dann fragte ich: wenn wieder so ein Speculant die Unächtheit eines biblischen Buches oder Capitels erwiesen zu haben wähne, welchen Dienst er wohl dem Glauben, der Zuversicht, der Hoffnung, der Trostesbedürftigkeit so vieler Seelen erwiesen zu haben meine? Wer wohl mit ruhigerem Selbstgefühl, mit heitererem[186] Blick, mit dem Gedanken, für das wahre, lebendige Christenthum Etwas gewirkt zu haben, auf angewendete Zeit, auf sein Bemühen zurückblicken könne, ein Lavater, wenn er nach Vollendung seines Pontius Pilatus die Feder niederlege, oder so ein Exeget, der nach beendigter Arbeit sagen möge: dieses Evangelium sollte nun durch mein Bemühen abgeschafft, dieser Brief beseitigt seyn? wohin es kommen müßte, wenn am Ende herausgegrübelt wäre, daß einzig der Kartendeckel des Einbandes der heiligen Schrift ächt seye?

In der Dogmatik war mir der Unglaube der Einen, die schaale Klügelei der Andern, vor Allem die falsche Alliage der Zeitphilosophie mit der Offenbarung und das Bestreben, die christlichen Ausdrücke zur Folie ganz anderer Lehren zu machen, durchaus verhaßt. Mir schien der Unglaube eines Helvetius, Voltaire und ihrer Zeitgenossen unter den Franzosen weniger schlimm, als das Zerreiben und Zerklären des Christenthums durch die sogenannten Theologen. Dort zeigte sich doch eine gewisse subjective Ergötzlichkeit, eine Verruchtheit des behaglichen Lebens. Jene, meinte ich, hätten im bacchantischen Taumel einer Orgie die Brandfackel durch Persepolis geschwungem, wogegen diese in kahler Nüchternheit mit Hammer und Meissel herangezogen kämen, und vandalenmässig, wo sie noch eine Klammer, ein verbindendes Metallstück fänden, dasselbe herausschlügen, damit ja kein Stein auf dem andern bleibe. Eine Anmerkung in diesem Sinne, zum Theil mit den nämlichen Worten, wurde späterhin zum erwünschten Vorwand, ein periodisches Blatt, welches ich damals herausgab, von Rathswegen zu unterdrücken. – Darin aber habe ich manches Unrecht abzubitten, daß ich mich oft in meinem Eifer zu den bittersten Sarcasmen gegen solche den Glauben untergrabende Schriftsteller hinreissen ließ.

Ich hatte angefangen, unter dem Titel Diabolica eine Sammlung von literarischen und doctrinellen Nichtswürdigkeiten protestantischer Schriftsteller und Prediger anzulegen; darin z.B. aufzuzeichnen, wie der Hauptpastor Böckel zu Hamburg[187] aus der Versuchungsgeschichte Matth. IV, 1–11 das Thema ableitete: »über die große Mannigfaltigkeit der Nahrungsmittel, welche Gott den Menschen darbeut« (was von einer Kirchenzeitung »ein sehr würdiges Thema« genannt wurde); wie ebenderselbe am grünen Donnerstage, dem Fest der Einsetzung des heiligen Abendmahls, über die Wahl der Speisen, ein Anderer am zweiten Ostertag bei Anlaß der Jünger von Emaus über den Nutzen des Spazierengehens, ein Dritter am Palmsonntag bei den Worten: »und sie brachen Zweige ab,« gegen den Forstfrevel und ein Pastor Ruhmer zu Krippesna und Neundorf am ersten Dreifaltigkeits-Sonntag über »die erhabene Bestimmung des menschlichen Auges« gepredigt habe. Ebenso erörterte Einer in einer Pfingstpredigt die Natur, die Vortheile und die Wirkungen des Windes. Bei dem Evangelium von den Aussätzigen handelte ein Anderer von der Krätze: 1) woher sie entstehe, 2) wie man sie heile. Auf Weihnacht nahm sich ein Dritter zum Thema: wie man der transportirten Armen sich annehmen müsse; amt Charfreitag sollte eine Christengemeinde erbaut werden durch Darlegung der Pflicht, die Todten anständig zu begraben. Es kamen Weihnachtspredigten vor über die Nacht, Osterpredigten über den Aberglauben, Pfingstpredigten über den Werth ungewöhnlicher Naturereignisse. Als im Städtchen Hirschberg das Gerücht sich verbreitete, es seyen in einem Hause junge Hunde förmlich getauft worden, folgte eine Predigt »über die Vorrechte, welche die Taufe den Kindern gewähre.« In einem »Rathgeber bei dem Studiren« von einem gewissen Steinbrenner finden sich Predigten vom Nationalstolz, vom Testamentmachen, von den Kennzeichen des wirklichen Todes, über Tischfreuden. Merkwürdig schien mir schon der Titel einer Sammlung von einem gewissen Liefnert: Predigten etc. – über Erziehung der Jugend, staatsbürgerliche Ereignisse, Unglücksfälle, u.s.w., selbst wenn nicht die Geschichte Josephs dazu wäre verkümmert worden, »über das Verhalten des Bürgers und Landmannes in Kriegszeiten« sich zu ergehen. Ist es doch in dem Jahr 1844 noch vorgekommen, daß bei[188] Grundsteinlegung der neuen Kirche zu Hamburg, die einst in der Ehre des Ersten unter den Aposteln Christi geweiht war, der dortige Hauptpastor Dr. Alt eine Rede hielt, von welcher öffentlich bezeugt worden ist, daß in derselben der Name Christi ebensowenig vorgekommen seye als in den für diese Feyerlichkeit gewählten Gesängen, vielmehr daß öffentlich gestanden wurde, jene Rede hätte zu Begründung einer Synagoge oder eines Heidentempels ebensogut gepaßt, wie zu derjenigen einer christlichen Kirche. Schwerlich aber würde dieser Hauptpastor auf den Namen eines wahren und dazu noch sehr erleuchteten Protestanten Verzicht leisten wollen. – Ich bedaure es, daß ich nur wenige Blätter mit dergleichen Merkwürdigkeiten anfüllte, bald aber mit dem Sammeln wieder nachließ; es wären zu Beleuchtung des Standes des Protestantismus erbauliche Collectaneen herausgekommen, wel che zugleich zu einer Apologie des Dr. Strauß hätten können benützt werden.

Mit der eigentlich gelehrten Wirthschaft im Hause der christlichen Theologie stand es damals nicht besser. So wurde in Streitschriften gegen Harms geradzu gesagt: »Mögen auch Glaubensansichten in frühern Zeiten noch so nützlich gewesen seyn, bei so sehr veränderter Bildung der Zeit wären sie es nicht mehr. Man müsse jetzt in der Theologie anders bauen als vor 300, ja nur vor 100 Jahren. Die, welche der Kirche die Form des 16ten Jahrhunderts jetzt noch aufdringen wollten, verwirrten dieselbe, zerstörten das Heiligthum.« – Da ward dann besonders die damals vielbesprochene Altonaer-Bibel gerühmt. Da fuhr Röhr in seiner Prediger-Bibliothek über jede Schrift her, in der noch eine Spur dogmatischen Glaubens zu finden war, und verkündete bereits: »daß es einst einen historischen Christus gegeben habe, der uns aber in mythischer Gestalt unter Augen gestellt werde.« – Wegscheider fand, daß unsere Zeit mit ihrer Bildung den Begriff von einer übernatürlichen Offenbarung nicht mehr festhalten könne. – In dem kirchlichen Journal eines gewissen Berthold waren Behauptungen in folgendem Sinne nicht selten: da der Hauptzweck des kirchlichen National-Institutes[189] (!) die religiös-moralische Volkserziehung beziele, so eigneten sich allerdings religiös-moralische Predigten vorzugsweise für die Kirche; allein dessen ungeachtet seyen auch Predigten über physiko-theologische, oder über gewisse pädagogische und psychologische Lehrsätze zulässig. Und welche Meinung konnte ich von einer Theologie und deren Wirksamkeit zu Erhaltung und Förderung des geoffenbarten Glaubens hegen, als deren Restaurator, als deren hell strahlendes Licht der Pantheist Schleiermacher angepriesen ward, über dessen Dogmatik ein Recensent in der Halleschen Literatur-Zeitung mich belehr hatte: »daß er seine subjective Meinung den Aussprüchen Christi und der Apostel unterschoben, und es darauf angelegt habe, sein Evangelium mit dem Schein der Wahrheit, als ob es das alte und gewohnte seye, zu verkünden;« und der selbst in seiner Dogmatik sagte: »der Streit in der protestantischen Kirche ist so groß, daß das, was Einigen die Hauptsache des Christenthums scheint, von Andern für bloße Hülle gehalten wird und daß, was diese hinwiederum für das Wesentliche ausgeben, jenen als so dürftig erscheint, daß sie meinen, es lohne sich nicht, das Christenthum nur deßwegen dafür zu halten?«

Das Geständniß, daß ich keine theologischen Bücher gelesen habe, kann daher nicht befremden. Mein dogmatisches System war in dem Katechismus gegeben; in der Ueberzeugung, daß von Allem, was über den Sündenfall, den Heiland, die Erlösung und die Mittel, diese uns anzueignen, uns geoffenbart seye, die Menschen nichts abdingen, und nach eigenem Gutdünken nichts modificiren dürften, stand es fest; durch die eigenen Predigten und den Gebrauch der heiligen Schrift (die ich so viel als möglich, mich nur als deren Organ betrachtend, in dieselben zu verflechten mich bestrebte) wurde es immerwährend in Thätigkeit erhalten. Nur Lavater's Pontius Pilatus und Rambach's Auslegung der Leidensgeschichte waren theologische Bücher, die ich gerne zur Hand nahmt; jenes, weil es ungemein geistreich, gedankenvoll ist, an das geschichtliche Substrat eine Fülle der feinsten Bemerkungen anknüpft und oftmals in[190] origineller Sprache jene mehr als Lichtfunken hinwirft, denn einläßlich entwickelt; dieses, weil es die Leidensgeschichte ganz mit jener gläubigen Hingebung behandelt, welche in dem Leiden Christi den Kern und Stern aller Offenbarung verehrt, und in alle Einzelnheiten mit ungemeinem Scharfsinn eindringt, auch dem scheinbar Unbedeutendsten eine praktische Seite abzugewinnen weiß. Beide Bücher haben mir sowohl zur Erbauung als zur Belehrung gedient: später kamen Cramer's Passionspredigten hinzu. Wie anders durfte ich mir jene Zeit denken, da er zu Copenhagen alles mit dem Evangelium erfüllte, als diejenige, von der eben berichtet wird: »im Städtchen Mariboe komme der Prediger zuweilen in den Fall, den Hauptgottesdienst Sonntags Morgens nicht halten zu können, weil er ein total leeres Gotteshaus finde;« welchem der Berichterstatter ganz ruhig und dem Schein nach vergnüglich beifügte: »Mariboe werde bald in Dänemark und in andern Ländern viele Schwesterstädte finden.« Wie anders jene Zeit als die neueste, wo in einem Theil eben dieses Dänemarks ein Verein seinen Zweck: Ausrottung alles positiven Christenthums öffentlich ankünden und seinen Gliedern dafür den stolzen Namen Wahrheitsfreunde, welchen sie jetzt an denjenigen »Lichtfreunde« vertauscht haben, beilegen kann? Und rühmen sich nicht diese Alle, Protestanten zu seyn?


Mein erstes offentliches Auftreten in geistlichen Angelegenheiten, die den Canton und nicht blos die Pfarrei berührten, erfolgte ihm Jahr 1812 und geschah im gleichen Geist, der in allem Nachherigen erkannt werden konnte. Die Verflachung, vor welcher so Manches schon darum kein Bestehen mehr finden sollte, einzig deßwegen, weil es aus der Vergangenheit herrührte, hatte einen großen Theil unserer Geistlichkeit sich dienstbar gemacht. Wie noch jetzt, so war auch damals der Ausdruck: »es paßt nicht mehr für unsere Zeit,« ein Schlagwort, welches alle Prüfung, alle Würdigung, alles Nachdenken durchaus[191] ersparte, und Jedem, der dasselbe nachlallen konnte oder mochte (und dazu bedurfte es keiner großen Anstrengung) den Anstrich eines vorurtheilsfreyen Mannes, ja sogar eines Denkers und Wohlfahrtsförderers verlieh. Nun hatte in jenem Jahr der alte Antistes Habicht seine Würde niedergelegt und einen Nachfolger erhalten, in welchem die allgemeine deutsche Bibliothek, so zu sagen, sich incarnirt hatte. Bereits erklangen Töne, die bisherigen Kirchengebete wären obsolet, die Zeit erheische, daß endlich neue an ihre Stelle träten, womit man ja in Deutschland meisten Orts längst schon mit lobenswerthem Beispiel vorangegangen seye. Diese Töne fanden leicht Wiederhall, und es war gar nicht zu zweifeln, daß die schönen Kirchengebete, Ueberreste einer glaubensfreudigen und glaubenskräftigen Zeit durch irgend einen rationalistischen Gemeinbrei würden verdrängt werden.

Das gieng mir zu Herzen; ich hätte ungerne diese Gebete dahin gegeben, denn durch ihre Beseitigung schien mir der wahren christlichen Erkenntniß und Ueberzeugung in unserm Canton ein unwiederbringlicher Schaden zugefügt zu werden. Ohne Jemand ein Wort zu sagen, begann ich, eine Auslegung des ersten dieser Gebete (dasjenige für den sonntäglichen Morgengottesdienst) zu schreiben und den vollen Einklang desselben mit der heiligen Schrift und der Lehre des geoffenbarten Glaubens darzuthun. Ich wollte damit den Christen zur klaren Einsicht verhelfen, welchen Schatz sie an diesen Gebeten besäßen. Die Schrift wurde alsbald gedruckt. Sie fand Beifall, und sofort hatte alles Reden von neuen Gebeten ein Ende. Daß aber an solche mit Ernst gedacht worden seye, zeigte sich bald. Der neue Antistes, wie bereits erwähnt, ein sehr freundlicher, im Umgang äusserst liebenswürdiger und auch gegen Jüngere wohlwollender, Mann sagte mir nachher in sehr mildem Tone: »Mit Ihrer Schrift haben Sie uns einen schlimmen Streich gespielt, da wird es uns ja unmöglich, neue Gebete einzuführen, die doch so nothwendig wären.« Ich erwiederte nichts, freute mich aber im Stillen der Erreichung meines Zweckes. Wer sich[192] die Personalien der damaligen Geistlichkeit noch zu vergegenwärtigen im Stande ist, der wird die volle Ueberzeugung hegen, daß ohne diesen meinen Schritt das Volk damals unfehlbar um seine alten Gebete gekommen wäre.


Die Pfarrei nahm meine Zeit sehr wenig in Anspruch; äussere Anmuthung zur Thätigkeit war nicht vorhanden; wissenschaftlicher Verkehr, wie ich mir denselben gewünscht hätte, mangelte gänzlich; auf mich selbst beschränkt, unternahm ich bald Dieses bald Jenes. Manches ohne bestimmten, Anderes mit so weitaussehendem Zweck, daß hierin schon der unvermeidliche Keim des baldigen Laßwerdens um so mehr lag, da auch von aussenher keine Ermunterung entgegenkam. Die großen Weltereignisse des Jahres 1813 beschäftigten alle Geister, spannten alle Erwartungen, mich, in welchem die Reminiscenzen der Revolution noch nicht erloschen waren, dessen Urtheil über dieselbe sich noch im mindesten nicht geändert hatte, der in Bonaparte nur die zahmer gewordene Fortsetzung derselben verwünschte und in seinen Kriegen nichts Anderes als eine Verkettung von scheußlichen Ungerechtigkeiten und wilden Gewaltthaten erblickte, den Engländern wegen ihrer unversöhnlichen Feindschaft gegen ihn und den Spaniern wegen ihres glänzenden Heldenmuthes zu jeder Zeit Waffenglück wünschte, mich besonders. Ich weiß noch gar wohl, mit welcher Begeisterung ich die Proclamation der Tagsatzung wegen der schweizerischen Neutralität aufnahm, und mich nicht damit begnügte, eine Predigt über dieselbe zu halten, sondern sie sogar in dieselbe einflocht; obwohl ich nachher den Umsturz der Mediationsacte, bloß weil sie Bonapartes Werk war, gar nicht ungerne sah.

Dieser erfolgte alsbald nach dem Einmarsch der verbündeten Heere, wenigstens inwieweit dieselbe die gemeinsamen Einrichtungen der Eidgenossenschaft festgestellt hatte. In den einzelnen Cantonen gieng diese Beseitigung hier rascher, dort langsamer[193] vor sich. Sobald aber der Einnahme von Paris die Entsagungsacte von Fontainebleau gefolgt war, mußten auch die Bedächtlichsten sich überzeugen, daß für sie an die Stelle des durch ein Machtgebot Aufgedrungenen jetzt ebenfalls etwas Anderes treten müsse. Bern, Freiburg, die demokratischen Cantone waren mit ihrem Beispiel längst vorangegangen, und hatten sich in ihren politischen Einrichtungen wieder mehr den frühern Formen genähert, ohne gegen Modificationen, welche den veränderten Umstanden angemessen waren, sich abzusperren. In Schaffhausen herrschten abermals entgegengesetzte Neigungen. Denen, welche an der Spitze der Geschäfte standen, war es nicht schwer gefallen, die durch die Mediationsacte gegebenen Einrichtungen so zu benützen, daß alle Faden der öffentlichen Angelegenheiten in ihren Händen zusammenliefen, sie der Mittelpunct wurden, um welchen Alles sich drehen mußte, und Richtung und Bewegung von einigen Wenigen ausgieng. Es soll damit nicht gesagt werden, daß die Richtung eine falsche, die Bewegung geradezu eine mißbehagliche gewesen seye; aber doch war Alles, was hiedurch seine Wandelbahn sich bestimmen ließ, der Anerkennung und des Vorschubes sicherer, als was nicht geradezu in jene sich einfügen wollte. Wie an hundert Ausdrücke im Lauf von zwei Menschenaltern eine unbegreifliche Begriffsverwirrung sich angeklammert hat, so ist dieß der Fall bei dem Wort Aristokraten. Man ist noch jetzt geneigt, mit diesem Wort Individualitäten zu bezeichnen, welche Glück und Geschick genug befassen, die nackte Demokratie zu ihrem Fußschemel und zu dem Getriebe zu machen, durch welches sie sich obenan zu erhalten wußten, somit ihre Personen an die Stelle der Prinzipien setzten: indeß dem wahren Aristokraten diese Alles, jene Nichts gelten. Aber eben darum, weil dieser sich fest und consequent an die Prinzipien halt, kann er oft, ohne nach Stellen, Macht und Ansehen zu lungern, jenen Namen mit weit grösserem Recht verdienen, als diejenigen Alle, welche durch die Schultern der Ochlokratie emporgehoben, herrisch und anmaßlich auf den gutmüthig dienstbaren Knecht herabschauen. Ja es[194] ließen sich Beispiele anführen, wie diese Nominal-Aristokraten Niemanden abgeneigter sich erwiesen, als den wahren Aristokraten.

Diejenigen nun in meiner Vaterstadt, welche die Formen der Mediationsacte so fügsam und geschmeidig gefunden und nicht sowohl in dieselben sich hineingelebt, als vielmehr sie zu eigener Bequemlichkeit verarbeitet hatten, gedachten, das liebgewordene Neue zu Grund zu legen und in dieses (was nicht zu umgehen war) Einiges von dem Alten einzufügen. Andere glaubten, der entgegengesetzte Grundsatz seye der richtige: das Alte solle zu Grund gelegt und diesem das Neue, inwieweit es dem öffentlichen Wohl förderlich, angepaßt werden. Jene hatten die Stellung, den Einfluß, die Macht, diese das Recht für sich, sodann die Mehrzahl ihrer Mitbürger, welche noch der vorigen Zeiten, der Rechte gedachten, die ihnen durch würdige Vorfahren auf untadelhafte Weise erworben worden; für den Jubel über deren Verlust gab es damals noch keine Stimmen. Unter diejenigen, welche bei einer neuen Organisation zu dem durch Revolution und Mediation blos thatsächlich Beseitigten zurückkehren wollten, gehörte nebst mehreren Andern auch mein Vater. Eine Schrift, worin diese Männer die Rechts- und Naturgemäßheit jenes Ganges kurz darzulegen sich bestrebten, mißfiel auf der einen Seite höchlich, öffnete auf der andern die Augen und weckte die Geister. Für mich zwar war die Zeit, in welcher ich bei Verhandlung der wichtigsten Fragen immer auf der väterlichen Seite stand, längst vorüber; hier aber entsprach die verfochtene Ansicht meinen erhaltenden Grundsätzen aufs vollkommenste, und, ohne bisdahin Bedeutung oder Ansehen mir erworben zu haben, ließ ich doch keinen Anlaß vorübergehen, um meine Beipflichtung zu geben, so daß ich mir einst von dem Antistes den Vorwurf zuzog, die Zunftversammlung höher als die Conventsversammlung gesetzt, diese, da eines Tages beide auf die gleichen Stunden fielen, über jener versäumt zu haben.

Das Bemühen jener Männer hatte im Grund der verwandten Gesinnung der Bürgerschaft nicht sowohl den Impuls[195] als vielmehr das Wort verliehen, daher es zu erwünschtem Ausgang führte. Es rettete von den vierhundertjährigen Formen, was noch haltbar war, nahm von dem Neuen so viel auf, daß Niemand über verknöcherte Stabilität mit Grund sich beschweren konnte. Sah ich als Geistlicher nur auf meine Person oder auf den Stand, so hätte es mir vollkommen gleichgültig seyn können, welches Princip durchgeführt worden war, denn die Stellung der Geistlichen war unter jedem eine gleich gesicherte und gleich zusagende. Aber die anerborene Neigung, zu Erhaltung wohlerworbener Rechte beizutragen, was möglich, das in mein Innerstes schon längst verflochtene Parta tueri, die warme Liebe für die Vaterstadt riß mich unwiederstehlich von dem Boden des gleichgültigen Zuschauers hinweg. Das der Vaterstadt jederzeit aus vollem Herzen zugerufene Esto perpetua kettete sich bei mir nicht an die Mauern und Häuser und die Einwohnerzahl, sondern an die Institutionen, an die Rechte der Letztern, an den Wunsch, daß dieselbe angesehen, gewichtig und geehrt seye.


Zu eben dieser Zeit des heftigsten Kampfes durch Europa und der wichtigsten Fragen für das eigene Vaterland verabredete ich mit meinem Bruder, einem politischen Blatt, welches mein Großvater schon und dann mein Vater herausgegeben hatte, eine andere Gestalt und einen neuen Titel zu verleihen. So entstand mit dem Jahr 1814 der »Schweizerische Correspondent«, an dessen Herausgabe ich zwanzig Jahre lang den größten Antheil hatte, und darin das Mittel fand, meine antirevolutionären Gesinnungen zu befestigen, auch wohl kund zu geben. Diesem Princip gemäß wurde der Kampf, der damals über ganz Europa entbrannt war, dargestellt, und mehr als ein Aufsatz (zumal nach der Wiederkehr Bonapartes von der Insel Elba) athmete den glühendsten Haß gegen den »Weltverwüster.« In den französischen Fragen nach der Restauration sprach sich[196] das Blatt immer für die Legitimität und gegen diejenige Partei in den Kammern aus, welche die jakobinischen Grundsätze gezähmt, geschmeidigt, glatter gemacht, ihnen aber nicht entsagt hatte. In den eidgenössischen Angelegenheiten wurde das aristokratische, und wo dieses nie bestanden hatte, das ehevorige Element vertreten. Wo je kirchliche Ereignisse zu berühren waren, geschah dieß bei protestantischen im Sinne jener Rechtgläubigkeit in allem Positiven, welche Grundlage meiner Ueberzeugungen blieb; bei katholischen im Sinne der Freiheit und des Rechts und der herkömmlichen Einrichtungen der Kirche und der Erhaltung von diesem Allem, was von den Machthabern nicht immer anerkannt, von den Protestanten oft gar nicht gewürdigt, häufig in falsches Licht gestellt wird. Man konnte es daher einerseits nicht begreifen, wie in einem Blatt, welches in einer protestantischen Stadt erschien, gegen Unrecht, das die katholische Kirche irgend eines Ortes entweder durch die That oder mittelst der Rede zu dulden hatte, nicht wolle eingestimmt, ja selbst noch in entgegengesetztem Sinne das Wort genommen werden; indeß man anderseits der seltenen Unpartheilichkeit sich freute, welche der vorherrschenden Zeitrichtung sich zu erwehren vermochte.

Zwei Jahre später, im Jahr 1816, wurde ein besonderes Blatt ausschließlich den Nachrichten aus der Schweiz, und hauptsächlich der beurtheilenden Anzeige (was die Franzosen Analyse nennen) aller erscheinenden Schriften, welche die Schweiz berührten, gewidmet. Anderthalb Jahre nach seiner Begründung trat ein Ereigniß ein, welches eine Zeitlang dem Blatt vielen Stoff lieferte, hiedurch Beifall oder Mißstimmung hervorrief, und am Ende ein obrigkeitliches Verbot bewirkte, durch den Einfluß der letztern aber an jenen Vorwand geknüpft, den ich S. 189 berührt habe.
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Die bekannte Frau v. Krudener wählte im Frühjahr 1817 die Schweiz zum Schauplatz ihrer wandernden Predigerbühne, Sie wußte einige Gehülfen an sich zu ziehen, durch Almosen das Volk um sich zu sammelm, theils durch den Reiz der Neuheit, theils durch einen gewissen Ernst ihrer Worte manche Zuhörer an sich zu locken. Die Noth der Zeiten, welche die Gemüther für dergleichen empfänglicher macht, in Verbindung mit der geistlichen Dürre, welche damals über den protestantischen Gebieten lastete, kam ihr wesentlich zu Hülfe. Nachdem sie in verschiedenen Gegenden sich herumgetrieben und viel Redens veranlaßt, näherte sie sich unserer Stadt, bezog hierauf ein Landhaus in der Nähe derselben, und, nachdem sie später weggewiesen worden, ließ sie sich abermals in der Nachbarschaft auf baden'schem Boden nieder.

Mir wollte dieses wandernde Predigen nicht einleuchten, noch weniger, daß ein Weib dessen sich anmaße, In der ersten Beziehung, schien es mir, werde die Würde der Verkündigung der Heilswahrheiten gefährdet, wenn sie anderswo, als in dem dazu bestimmten Hause, wenn sie in Schenken vorgetragen, wenn sie zum Mittel gemacht werde, die Menge dahin nach sich zu ziehen; in solcher Ueberzeugung bestärkten mich manche Anekdoten über einzelne Vorfälle in diesen zusammengeblasenen Auditorien. In der andern Beziehung trat mir das mulier taceat in ecclesia als bestimmte, höhere, darum nicht zu verachtende Satzung vor Augen. Auch hierin mischte sich ein, wenn auch unklarer, dennoch, wie viel utan über dessen Verschwinden sich gute thun mag, nicht abzuweisender Begriff von der Kirche, als einer mit unverrückter Ordnung ausgestatteten Einrichtung. Ich sah nemlich in der Beseitigung einen ungeziemenden Eingriff in die Befugnisse der bestellten Geistlichen; eine Herabwürdigung ihres Ansehens, wenn unberufen, aus eigener Machtvollkommenheit, jedes daher kommende Weib sich befähigt und berechtigt halten sollte, ohne weiters auszuüben, was erste und oberste Verrichtung des Jenen ausschließlich übertragenen Amtes seyn sollte, Nach dem, was Frau von[198] Krudener lehre, wozu sie ermahne, wie sie wirke, fragte ich nicht sowohl, als das es mir überhaupt unzulässig vorkam, daß sie lehre, ermahne, wirke, und dieß noch an solchen Orten, unter solchen Umgebungen.

Ich trat also förmlich gegen sie auf, sowohl grundsätzlich als thatsächlich; d.h. indem ich von jenem Standpuncte aus ihr Erscheinen an sich beleuchtete, als dann mir durch verschiedene Augenzeugen berichten ließ, was Tag für Tag an ihrer Lagerstätte vorgehe. Obwohl ich wußte, daß sie manche Weiblein und auch manche Weibleinsnaturen unter Männern an sich gezogen, und diese mein entschiedenes Urtheil sehr mißbilligten, fuhr ich dennoch fort, zu dem einen Zweck meine Ueberzeugungen zu entwickeln, zu dem andern die mancherlei kleinen Vorfallenheiten sorgfältig zu sammeln, was dann manchmal mit Ironie, jetzt von dem Berichterstattenden, dann von dem weiter Mittheilenden gewürzt ward. Diese Anträge veranlaßten, noch weitere Materialien über die Predigerin und ihre Begleiter aus andern Cantonen herbeizuschaffen, um dieselben zu einer eigenen Schrift zu verarbeiten, die nachher unter dem Titel erschien: »Frau von Krudener in der Schweiz. Helvetien 1817.« – Es sind aus dieser Erscheinung in unserm Canton bald mancherlei Reibungen, Mißstimmungen, Ueberspannungen, selbst Abentheuerlichkeiten hervorgegangen. Diese letztern erschienen unter ähnlichen Symptomen, wie zu Anfang dieses Jahrhunderts in einem Theil der Vereinigten Staaten Nordamerika's. Wie dort von der Nothwendigkeit einer übernatürlichen Wiedergeburt gesprochen und gepredigt wurde, so ergieng bei uns viel Redens von einem Kämpfen, welches der Mensch durchmachen müße, um erlangter Gnade versichert zu werden. Der Verlauf beider Erscheinungen stimmte beinahe vollkommen überein. Die Leute fielen in eine Art Agonie, in welcher sie von krampfhaften Zuckungen befallen wurden, worauf diejenigen, die sich so hatten überwältigen lassen, versicherten, jetzt hätten sie die Wiedergeburt an sich erprobt. Mitleidiges Herabsehen auf diejenigen, welche nicht so nervenschwach[199] waren, harte Urtheile über Solche, welche den Werth einer solchen Erscheinung bezweifelten, war deren erste Folge. Ueberhaupt ist mit dem Erscheinen der Frau von Krudener eine Saat des geistlichen Hochmuths ausgestreut worden, die nicht zu besonders lieblichen Früchten aufgegangen ist.

Jenes Kämpfen war ansteckend, besonders bei den Weibern. In allen Kirchen, in denen die Prediger der Erscheinung Vorschub leisteten, kam dasselbe häufiger vor, und hausenweise wanderte das Landvolk des Sonntags in diejenigen Dörfer aus, wo es hoffen konnte, von der Ansteckung ergriffen zu werden oder wenigstens solcher Vorgänge Zeuge zu seyn. Ein fester Wille des Geistlichen konnte jedoch die eigene Kirche leicht frei halten. Das war bei mir der Fall. Ich habe weder gegen das Auswandern in andere Gemeinden, noch gegen das sogenannte Kämpfen öffentlich gesprochen, wohl aber unter der Hand den bestimmten Vorsatz zur Kenntniß gelangen lassen, daß die erste Person, welche vor mir unter der Predigt kämpfen würde, durch den Meßner zur Kirche herausgeführt werden sollte. Das half; Niemand hatte Luft, den Versuch zu wagen, ob ich wohl Wort halten dürfte.

Dagegen ist nicht zu läugnen, daß in Folge des Erscheinens der Frau von Krudener hie und da eifrigeres Verlangen nach geoffenbarter Wahrheit, freudigere Hinwendung dazu, größerer Ernst, derselben Einwirkung zu verschaffen oder zu gewähren, durch sie ebenfalls geweckt worden ist. Ob man nun den um sich greifenden Pietismus für etwas Segensreiches oder für etwas Beklagenswerthes halte: durch das Erscheinen der Frau von Krudener ist, wenn nicht der erste Keim dazu gelegt, doch Empfänglichkeit für denselben vorbereitet worden.

Mit jenen verschiedenen Unternehmungen, an welche noch anderweitige Thätigkeit sich anschloß, war eingetreten, was mir noth that: Beschäftigungen, die durch regelmässige Beschlagnahme meiner Person gleichsam einen Zwang auf mich übten. Der menschliche Geist hat etwelche Aehnlichkeit mit dem Erdboden. Dieser trägt vollkommnere und reichlichere Früchte,[200] wenn man mit der Ansaat wechselt; der menschliche Geist gewinnt häufig an Thätigkeit blos durch den Wechsel der Arbeit. Es war dieß die oft ausgesprochene Maxime meines väterlichen Freundes, des verstorbenen Hrn. Staatsraths von Ittner, der mir manchmal bezeugte, blos dadurch neue Luft und geistige Spannkraft zu gewinnen, indem er von der einen wissenschaftlichen Beschäftigung zu der andern übergehe. Ich habe seinen Grundsatz so manche Jahre durch seitdem bewährt erfunden und einzig seiner anfänglichen Befolgung verdanke ich es, daß mir beharrliche Ausdauer bei einem und demselben Geschäfte, zuletzt selbst die entgegengesetzte Weise, über dem Einen alles Andere auf der Seite zu lassen, möglich wurde.


In eben jenes Jahr, in welchem ich durch Mitwirken an dem »Schweizerischen Correspondenten« eine bestimmte Verwendung eines Theils meiner freyen Zeit fand, fällt der Beginn jener Arbeit, der ich die Mußestunden des schönsten Theils meines Lebens gewidmet habe; der ich, in Ahnung, doch noch Etwas zu Tage fördern zu können, was mir zusagen dürfte, die heitersten Augenblicke verdanke; an die im Verfolg alle Wendungen meines äußern, und durch diese die Entwicklungen meines innern Lebens, ja selbst die endliche Feststellung von jenem sich knüpfen. Ich darf die Sache um so merkwürdiger nennen, da nicht ein bestimmter Vorsatz, nicht eine bewußte Absicht zu dieser Arbeit mich hingeführt, oder im Verfolg derselben mich geleitet hat, sondern das Hinführen durch das, was gewöhnlich mit dem Wort: Ungefähr – bezeichnet wird, erfolgt, das Leiten gänzlich aus dem Fortgange der Arbeit hergeflossen ist. Ich erinnere mich dessen, obgleich nun seitdem volle dreissig Jahre hingeschwunden sind, mit aller Bestimmtheit.

Eines Tages (es mag im Jahr 1814 gewesen seyn) gieng ich in meiner Bibliothek auf und ab. Da fiel mein Blick auf jene in Göttingen erstandenen zwei Bände Briefe Innocenzens[201] des Dritten. Ich hatte sie seit jener Zeit nie in den Hand en gehabt, als so oft ich meine Bibliothek ordnete; auch von Allem was ich seither begonnen, betrieben, wieder aufgegeben hatte, stand mehrs in einiger Beziehung zu diesem Abschnitte des Mittelalters. Im Grund kannte ich den Papst Innocenz nicht näher, als ich ihn während meiner Studienzeit kannte, d.h. dem Namen nach. Ich griff nach dem Buch, wie man oft zwecklos ein solches zur Hand nimmt, um es zu durchblättern. Da stieß ich im Anfang des ersten Bandes auf die Gesta Innocentii, von denen die Ueberschrift besagte, daß sie von einem gleichzeitigen Schriftsteller verfaßt wären. Das lockte mich, sie zu lesen. Wie ich hiemit voranschritt, staunte ich immer mehr über die Menge gleichwie über die Wichtigkeit der Begegnisse, die in dieses Pontifikat sich drängten; über die Klarheit, mit der dieser Papst in dieselben blickte; über die Kraft und Thätigkeit, mit der er in denselben waltete; über die Festigkeit, die er bei so vielen wichtigen Vorkommenheiten erwies; und ich gewann den Umriß einer höchst ausgezeichneten Persönlichkeit. Die Briefe, die in die Gesta verflochten sind, veranlaßten mich dann auch, in der eigentlichen Sammlung zu blättern. Da setzte mich zu allererst die Menge der Geschäfte, die damals entweder zur Berathung oder in letzter Beziehung zur Entscheidung nach Rom gelangten, in Verwunderung. Es stellte sich mir hierin das Bild einer Weltregierung dar, gestützt, nicht auf Gewalt der Waffen und auf materielle Kräfte, sondern bloß auf ein geistiges Ansehen, als dessen alleinige Quelle die stäte Beziehung auf eine von oben eingeführte Weltordnung und die Verpflichtung, über diese zu wachen, erkannt werden mußte.

Kaum ich mit erforderlicher Aufmerksamkeit das erste Buch dieser Briefe gelesen hatte, war es mir klar, daß hiemit ein würdiger und zugleich (was immer ins Auge gefaßt wurde) noch unausgebeuteter Gegenstand zur Bearbeitung mir sich darbiete; ein Gegenstand, für den es mir wenigstens an dem wesentlichen Hülfsmittel nicht zu gebrechen schien; denn daß außer diesen Briefen noch so Vieles zu finden seyn dürfte, ahnete ich[202] nicht. Ich las also vorerst die beiden Folianten, und merkte mir Vieles an, was ich der Berücksichtigung würdig hielt. Gleichzeitig suchte ich aus vorhandenen Hülfsmitteln über die eigentlichen Weltbegebenheiten, welche in den Briefen berührt waren, mir vorerst etwelche Kenntniß der Quellen zu erwerben, und durchlas daneben in den Chroniken aller Sammlungen, deren eine ziemliche große Anzahl in meiner Bibliothek sich findet, was immer über das halbe Jahrhundert, in welches Innocenzens Leben fiel, darin enthalten war. So hatte ich mir binnen vier Jahren einen reichen Vorrath von Materialien angelegt, der mir zulänglich schien, eine Ausarbeitung beginnen zu können. Es entstand ein Manuscript, welches etwas mehr als 1000 geschriebene Seiten umfassen mag. Allein während dieser Ausarbeitung, die gegenwärtig als ein höchst dürftiges und mangelhaftes Machwerk erscheint, und später blos als Leitfaden und Abriß gebraucht werden konnte, fuhr ich unablässig fort, herumzuspüren, ob nicht noch mehr aufzufinden seye? Wiewohl ich damals noch nicht einmal das Daseyn der durch Brequigny und du Theil aufgefundenen Briefe kannte, erhielt ich doch in Kurzem des neuen Zuwachses so viel, daß ich mich alsbald überzeugte, es bedürfe noch langer, angestrengter Forschung, bevor an eine Arbeit zu denken seye, welche unter Hoffnung auch nur etwelcher begründeter Ueberzeugung gewissenhaften Bemühens und daheriger günstiger Aufnahme an das Licht treten dürfte. Ich habe manche Stücke des Werkes zwei- und dreimal umgearbeitet, blos deßwegen, weil ich stets neue Notizen fand, nicht gerade immer über die Hauptsache, häufig blos nur dazu dienlich, um die Züge des Bildes, um welches alles Uebrige sich reiht, genauer auszuführen, die Farbenabstufung individueller zu halten, Manches beizufügen, was entweder die handelnden Personen bestimmter hervorheben, oder den Schauplatz der Handlungen anschaulicher machen könnte. So ist über diesem emsigen Suchen und Zusammentragen Vielerlei hinzugekommen, was man mehr zu bloßem Schmuck als zum Wesen der Geschichtserzählung rechnen möchte, und woran ich[203] ursprünglich nicht einmal denken konnte. Z.B., während ich du Canges Constantinopolis christiana las, lediglich zum Zweck, einige vielleicht mir bisher unbekannte Nachrichten über die Eroberung dieser Hauptstadt zu finden, stieg der Gedanke in mir auf, eine nähere Beschreibung der eroberten Stadt zu versuchen, woraus jener Abschnitt: »ein Gang durch Constantinopel« entstand; eine Schilderung dieser Weltstadt nach damaligem Zustand, von der mir Manche bekannt haben, daß sie dieselbe in dem Werk ungerne vermissen würden. Ich hatte bei meinem Unternehmen keinen Gelderwerb im Auge, dessen ich nicht bedurfte; kein Kitzel, meinen Namen bald auf einem Büchertitel gedruckt zu sehen, stachelte mich mehr; kein sonstiger Zweck schwebte mir vor Augen; ich beabsichtigte durchaus nichts, als vor Allem eigene Befriedigung, als das Bestreben, mir am Ende selbst das Zeugniß geben zu dürfen, so nach Stoff als nach Form geleistet zu haben, was mir möglich. Konnte Zögerung diesem stets Festgehaltenen mich näher bringen, so war sie mir erwünschter als Beschleunigung, die einzig durch dasjenige hätte können auferlegt werden, was mir durchaus fremd blieb.

Im Verfolg der Zeit, da durch amtliche Obliegenheiten, durch die gegen meinen Bruder in Bezug auf unser gemeinschaftliches Unternehmen eingegangenen Verpflichtungen, allmählig durch hinzukommende an dere Geschäfte, denen ich mich nicht entziehen konnte, durch Arbeiten, welche großen Zeitaufwand erheischten, später durch viele Sitzungen in Behörden, durch Familienverbindung endlich das Gegentheil von jenen Jahren eintrat, in denen über allzuvieler Muße die Regsamkeit erschlaffte, da erst ward ich inne, was der Mensch zu leisten vermöge, wenn unter Allem, was bloß das Pflichtgefühl in Anspruch nimmt, noch eine Lieblingsbeschäftigung ihm winke, nach welcher er den sehnsüchtigen Blick richten möge, wie unter der Last des Tages der Jüngling nach der Geliebten, bei der er unter Kosen und traulichem Wechselverkehr den Abend hinzubringen hofft, Und schwerlich dürfte der lebensfrohe Knabe, den[204] Entfernung schon mehrere Tage von der Geliebten trennte, mit brennenderem Verlangen des Augenblickes harren, da ihre Nähe ihn wieder beselige, als ich, so die Umstände zu ähnlicher Trennung gezwungen hatten, die Stunde, in der ich entweder zum Sammeln oder zum Componiren des Gesammelten zurückkehren durfte. Dieß dann vollends, als über der wieder ausgebrochenen Revolution die Zeit drückender, über unverstandener Gesinnung mancher Mißton gellender geworden war, mehr als ein sonst zusagendes Verhältniß in das Gegentheil umgeschlagen hatte, der Blick in die Zukunft (die leider ungleich schlimmer geworden ist, als die begründeteste Besorgniß vor anderthalb Jahrzehenden es nur zu gestehen sich getraute) eine immer düstere Färbung gewann: da war diese Vergangenheit die harmlose Zufluchtsstätte, in die ich so gerne mich zurückzog, über welcher, wenn sie auch von den Ausbrüchen menschlicher Leidenschaften und Verirrungen so wenig frei war, als irgend eine Zeit, doch ein ordnender, leitender, beschwichtigender Geist zuletzt immer wieder als oberste Autorität anerkannt ward; also daß jene Worte des römischen Geschichtschreibers, womit ich im Jahr 1834 die Vorrede zu dem zweiten Band schloß, als der reinste Laut der damaligen Gemüthsstimmung anerkannt werden darf.

Erst jedoch als die Verarbeitung von mehr als dreissigtausend Papierschnitzeln, auf welchen die einzelnen Notizen geschrieben sind, schon ziemlich weit vorgerückt war, begann ich einen Verleger zu suchen. Das Glück führte mich zu dem trefflichen Perthes, zu dem ich hiedurch bald in eine zusagendere Verbindung trat, als in eine bloß merkantile. In Bezug auf die innere Construction des Werkes und dessen Beziehung zu mir, seinen Einfluß auf mich, werde ich an geeigneterer Stelle das mir bewußt Gewordene berühren. Daß dasselbe verschiedene Urtheile, und welche, hervorrufen würde, war mir klar, bevor eine einzige Seite gedruckt war. Ich hätte mich anheischig gemacht, verschiedenen, die nachher gefällt worden sind, das Wort zu leihen, bevor irgend Jemand das Werk zu Gesicht gekommen[205] war. Dessen aber war ich schon bei der ersten Zeile, die geschrieben wurde, mir bewußt, daß ich auf die beifälligen, imwiefern sie an den Geist des Werkes sich knüpften, niemals hinzuarbeiten suchte, die mißfälligen aber ebensowenig vermeiden wollte. Eines nur bemühte ich mich alles Ernstes zu vermeiden: daß nachher nicht bewiesen würde, ich hätte flüchtig, oberflächlich, ohne erforderliches Studium an diese Geschichtschreibung mich gemacht; oder daß gesagt, mit Recht mir vorgeworfen werden könnte, ich hätte den Stoff nur trocken und langweilig und den Leser zurückschreitend zu behandeln gewußt. Ein solcher Tadel allein wäre mir bitter geworden, jeder andere ist wirkungslos, weil nicht unerwartet, an mir vorübergegangen.


Alles beinahe, was auf den äußern Gang meines Lebens, und mehr noch, was auf dessen innere Bildung und deren Erweiterung oder Begränzung den wesentlichsten Einfluß übte, ist mir von jeher entgegengekommen, hat mir sich dargeboten, ohne daß ich es suchte; hat erst allmählig, hierauf immer gewaltiger, mich ergriffen, ohne daß ich es hierauf anlegte. Eine unmerkliche, mit dem Endziel, zu dem ich zuletzt geführt ward, oft kaum in scheinbarem Zusammenhang stehende Ursache hat nicht selten einer, allerdings im Innern ruhenden, ohnedies aber niemals wach gewordenen Disposition den ersten Anstoß gegeben, deren Entfaltung veranlaßt und möglich gemacht. Bei der Ueberzeugung einer unmittelbaren göttlichen Offenbarung des christlichen Glaubens nach seinem ganzen Umfang, dann bei der weitern Ueberzeugung, daß es gar nicht in dem Belieben des Geistlichen liegen könne, zu verkünden, was ihm gut dünke, sondern daß er ganz der Pflicht folgen müsse, festzuhalten, was seit Jahrhunderten als wesentliche christliche Lehre gegolten, lag die Anerkennung, daß derselbe Botschafter an Christi Statt seye, ziemlich nahe; und von da an war es kein weiter Schritt zu der Annahme, daß der Verein ihrer Aller mehr als[206] eine blos zeitliche Gewerbsgenossenschaft, daß er einen Stand bilden sollte, der dazu noch einen höhern Grund seines Daseyns in sich trage, als denjenigen bloßer Nutzbarkeit für Andere, oder gar nur des Wohlgefallens der weltlichen Gewalt. Diese, erst im Verfolg durch Stellung und Wirksamkeit in mir hell und bewußt gewordene, vielleicht auch durch Anschauungen aus der Vergangenheit gefestigte Idee schlummerte noch in mir, daher ein Versuch, sie in andern anzuregen, in jener Zeit zu den unmöglichen Dingen gehört hätte. Ich war zwar wohl Mitglied der Geistlichkeit, fand mich wohl, jedoch blos um Freunde zu sehen, bei ihren regelmässigen Versammlungen ein; da aber in diesen keine Spur von Standesgeist sich regte, ahnete auch ich nicht, daß es einen solchen geben könne, ja gehen sollte.

Es war ein geringfügiger Anfang, welcher auch auf diese Bahn mich warf; ein Anfang, der blos durch das nachmalige Hinzukommen der äußern Stellung zu bestimmter Richtung zuführen konnte. – Das Zusammenwirken verschiedener Ursachen hatte die Finanzen des kleinen Cantons bis zum Jahr 819 in einen mißlichen Zustand versetzt. Man glaubte dahin gekommen zu seyn, ihnen nicht anders, als durch Einführung directer Steuern aufhelfen zu können. Diese sollten unter verschiedenen Formen bezogen, unter denselben auch eine Einkommenssteuer angeordnet werden. Die Ansätze dieser Abtheilung des Steuergesetzes, inwieweit es vorzüglich die Geistlichkeit berührte, schienen mir außer jedem richtigen Verhältniß zu stehen, wonach die andern Einwohner des Cantons zu den Lasten beizutragen hätten. Es wollte mich bedünken, man habe sich dabei zu einer Unbilligkeit hinreißen lassen, die mir, schon als solche, ohne Rücksicht auf diejenigen, die dadurch berührt werden sollten, widerstrebte. Deßhalb versuchte ich es, jene Ansätze in ihrer Beziehung zu allen andern zu beleuchten, und hierauf durch Zahlen den Beweis zu gründen, daß die Geistlichen einer allzuhohen Besteurung unterworfen würden. Eine Schrift, die ich hierüber ursprünglich einzig zu meiner eigenen Befriedigung verfaßt hatte, las ich[207] hernach bei einer Zusammenkunft mehreren Geistlichen vor. Diese theilten die gleiche Ansicht, ohne sie gerade so begründet zu haben, wie ich; oder sie mögen durch meine Auseinandersetzung für dieselbe gewonnen worden seyn. Kurz, meine umständliche Entwicklung fand ihren Beifall; sie meinten, man sollte den Versuch wagen, der Obrigkeit darzuthun, daß durch gedacht Verfügung die Geistlichkeit mehr beschwert werde, als jeder andere Cantonsangehörige. Sie drangen deshalb in mich, die Schrift dem Antistes zu übergeben, daß er sie der gesammten Geistlichkeit mittheile, und einer Vorstellungsschrift zu Grund legen lasse.

Ich erfüllte den Wunsch. Die Schrift wurde, ohne ihren Verfasser zu nennen, wofür ich angesucht hatte, der versammelten Geistlichkeit vorgelesen und fand hier ebenfalls ungetheilten Beifall, an welchen der Beschluß sich knüpfte, dieselbe beinahe unverändert der Obrigkeit als Gesuch um billigere Behandlung einzureichen. Dieser Schritt hatte keinen andern Erfolg, als daß der damalige Actuar der Geistlichkeit die Gunst, in der er bei dem Bürgermeister gestanden hatte, für geraume Zeit einbüßte. Denn jener wurde als Verfasser der Schrift gehalten, von welchem man Derartiges gar nicht erwarten zu dürfen geglaubt hätte. Die Rückantwort an die Geistlichkeit verhüllte die Ungeneigtheit unter manche, mitunter sehr gehaltlose Scheingründe; so daß ich mich nicht erwehren konnte, eine Abschrift derselben mit beißenden Noten zu begleiten und meine Collegen damit zu ergötzen. – Folgereich war dieser Versuch einzig für mich, und dieß nur insofern, als ich dadurch aus einem höchst passiven Glied der Geistlichkeit in ein sehr actives verwandelt wurde.

Diese war damals in ihren obersten Gliedern sehr schlimm repräsentirt. Der Antistes und derjenige, der ihm als Gehülfe zu Seite stand (Triumvir genannt, weil es ehedessen mit jenem ihrer drei gewesen waren), vertrugen sich nicht nur nicht mit einander, sondern stießen einander geradezu ab, so daß die gemeine Rede gieng, sie ahmten, wo sie öffentlich aufträten, den[208] österreichischen Doppeladler nach. Allerdings konnte es nach Anlagen, Neigungen, selbst äusserer Persönlichkeit, keine größern Gegensatze geben, als diese beiden Männer. Aber es darf nicht verschwiegen werden, daß die Schuld der Disharmonie durchaus auf Seite des Antistes lag, der schon gegen die Erwählung seines künftigen Nachfolgers mit bitterer Mißstimmung sich ausgedrückt hatte, und die Anmuth in Umgang, die sonst Jedermann einnehmen mußte, in jedem Verhältniß zu diesem gewissermassen unterdrückte. Wenn wir sahen, wie sein College an der Achtung gegen ihn es niemals ermangeln ließ, wie derselbe bei jeder Gelegenheit ihm entgegen zukommen sich bestrebte, wie er eine oft nur zu weit gehende Nachgiebigkeit an den Tag legte, meist aber von Jenem zurückgestossen ward; wie der Antistes, so oft in einer Verhandlung sein College das Wort nahm, den Widerwillen in Blick und Geberde nur allzusehr sichtbar werden, bisweilen selbst von schnödem Unmuth sich überwältigen ließ, so empfanden wir, ich und einige meiner Freunde unter den Geistlichen, wahre Betrübniß hierüber, und erblickten hierin die Bestätigung dessen, was wir über die ähnliche Stellung Beider in verschiedenen Behörden durch leise Andeutungen Anderer vernahmen. Wir begriffen nur zu sehr, daß dieses Mißverhältniß auf die gesammte Geistlichkeit nachtheilig zurückwirken, daß sie hiedurch alles Ansehen einbüßen müsse. Wir sprachen einstimmig den dringenden Wunsch aus, daß bei einstiger Wiederbesetzung der Antisteswürde solches anders werden möchte. Ich vollends kam über dieser Wahrnehmung zwischen Thür und Angel; einerseits hatte ich mit dem Eintritt in den geistlichen Stand mich gewöhnt, den Antistes als Obern zu betrachten, gegen welchen ich immer größere Rücksichten der Höflichkeit nahm, als alle übrigen Geistlichen zu thun pflegten; anderseits zwang mich das natürliche Rechtsgefühl, über das unfreundliche Benehmen des Antistes gegen den Collegen die Gesinnungen meiner Freunde zu theilen. Ein bei mancher Gelegenheit vorgekommener Witz meines Vaters: »Die Geistlichkeit hänge zusammen wie ein Gemäß Erbsen,« ließ Jederzeit[209] einen um so tiefern Stachel in mir zurück, als ich leider die Bestätigung so oft vor Augen sehen mußte. Daß ein besserer Zusammenhang, eine innere Einigung und hiemit eine angemessenere Stellung nach außen hervorgerufen werden möchte, war mein sehnlichster Wunsch; demselben aus allen Kräften zur Verwirklichung zu verhelfen, später mein ernstestes Bestreben.


Aber es drohte mir um diese Zeit eine Gefahr, in deren Abwendung ich eine besondere Fürsorge der göttlichen Vorsehung verehren zu müssen glaube. Damals war es die Vereitlung einer Hoffnung, das Verschwinden einer Aussicht, nach welcher ich mit Wohlgefallen die Augen richtete, mithin für den Augenblick nichts Angenehmes. Wie oft aber seitdem habe ich nicht eine zu Dank verpflichtende, höhere Fügung darin verehrt! Dieß von Jahr zu Jahr mit entschiedenerer Ueberzeugung.

Durch einen Todesfall stand in der obersten Landesbehörde eine bedeutende Veränderung bevor. Man erwartete, der damalige Staatsschreiber würde als activer Beisitzer in jene eintreten. Meine Freunde, welche wohl wußten, daß ich den Aufenthalt auf dem Lande nicht zu den Glückseligkeiten zählte, und die gute Meinung hegten, daß ich zu der Stelle eines Staatsschreibers mich eignen dürfte, warfen ihr Augenmerk auf mich und schlugen mir vor, ohne alles Zuthun von meiner Seite, die Wahl auf mich zu lenken. Ausdrücklich als Bedingung feststellend, daß ich bei dem ganzen Verlauf der Sache unbetheiligt bleiben könne, willigte ich gerne in ihre Anträge ein, und es schienen keine großen Schwierigkeiten dagegen sich zu erheben. Unerwartet aber nahm die Sache eine solche Wendung, daß die fragliche Stelle gar nicht erledigt wurde, also von mir nicht mehr die Rede seyn konnte.[210]

Es fiel mir jedoch um so leichter, in das Fehlschlagen dieser Erwartung mich zu fügen, als der Gedanke nicht von mir ausgegangen, ich daher demselben nicht so mich hingegeben hatte, wie einem Plan, der Ursprung und Ausbildung in mir selbst gefunden hätte. Auch drängte sich bei aller Neigung für den Vorschlag doch die Besorgniß zwischenein, ob meine freyen Stunden, die mit immer größerer Luft auf Innocenz verwendet wurden, nicht zu viele Verkümmerung erleiden dürften; was mich gegen den Antrag schon etwas lauer gemacht hatte. So wie aber die Revolution von 1831 hereingebrochen war, und seitdem von Jahr zu Jahr mit klarerem Blick und festerer Ueberzeugung, erblickte ich in jener Bereitung eine göttliche Gnade, die mich vor zweyerlei Gefahr bewahrte; nämlich, entweder von derjenigen, meinen Principien ungetreu zu werden, oder wenigstens mit der Revolution und ihren Grundsätzen eine Abkunft schliessen zu müssen, um an der Stelle noch festzuhalten, oder aber diese, die mir vielleicht inzwischen lieb geworden wäre, zu verlieren, oder sie nur unter Verhältnissen behalten zu können, die ich für das Drückendste halte, denen ein Mensch von meiner Art sich zu fügen genöthigt wäre. Ohne Einbusse an der innern Unabhängigkeit wäre es in jedem Fall schwerlich abgelaufen.

Die größte Gefahr aber möchte wohl in der Trennung von der Kirche und in dem Hinwegtreiben von demjenigen bestanden haben, wozu dieselbe verpflichtet. Eine ganz andere Laufbahn hätte mit jener Stelle mir sich eröffnet; eine Laufbahn, auf der ich so Manchem, was in seinen blos zufällig scheinenden Folgen ohne Einfluß nicht blieb, wohl schwerlich würde begegnet seyn. Der Gesichtskreis wäre vielleicht ein anderer geworden, die Ideen, die mich bewegten, ganz andere, jedenfalls die Zwecke, die anzustreben gewesen wären, ganz andere. Was man auch sagen, wie sehr man auch auf Selbstständigkeit und Selbstbestimmung pochen möge, der Mensch bleibt doch immer das Product der in dem Zeitverlauf auf ihn einwirkenden Umgebungen, die entweder ihre anziehende oder ihre abstoßende Kraft an ihm üben. Der Unterschied besteht nur darin, daß[211] dieser in Willenlosigkeit die Kräfte auf sich einwirken laßt, jener aber die eine oder die andere sich assimilirt und zu ihnen in Wechselwirkung tritt, unter welcher er der Freithätigkeit nicht verlustig geht.


Ueberdem war in Folge der erwähnten Schrift meine Stellung in der Geistlichkeit eine mir zusagendere geworden. Es war mir damit gleichsam das Licht aufgegangen, daß hier noch Manches anzubahnen, zu fördern, zu wirken seyn dürfte. Blos Speculatives hat niemals einen Reiz für mich gehabt, nur dem Praktischen habe ich zu aller Zeit gerne mich hingegeben. Daher mich Behörden und Berathungen, durch welche Etwas zu Stande zu bringen war, immer freudig, regsam, thätig fanden; solche, in denen viel gesprochen und nichts gethan, oder nur höchst unerhebliche Dinge erörtert und beseitigt werden konnten, mich stets gelangweilt haben, und nie ich es der Mühe werth hielt, den Ausdruck theilnahmsloser Gleichgültigkeit dabei zurückzuhalten.

Eine Berathung jener Art nahm mir, sammt dem, was sich daran knüpfte, mehr als die Hälfte des Jahres 1823 ausschließlich und mit Zurückdrängung jeder andern Arbeit, in Beschlag. Man liest, daß die Signoria von Venedig, um einst irgend einen Bau aufzuführen, eine Kirche habe niederreissen lassen mit dem Versprechen, dieselbe an einem andern Ort wieder zu erbauen. Alle Jahre seye am Himmelfahrtstage die Geistlichkeit jener Kirche vor den Doge getreten, mit der Frage: »Herr! wann werdet Ihr die Kirche wieder aufbauen?« und alle Jahre seye die Antwort erfolgt: »»über ein Jahr!«– So hatte in Schaffhausen die Geistlichkeit seit zwanzig Jahren an den Synoden der Obrigkeit das Ansuchen gestellt, ihre spärlichen Besoldungen möchten doch verbessert werden, und alle Jahre die Antwort erhalten: »sobald die Finanzen solches zuliessen, würde hierauf Bedacht genommen werden.«[212] Im Jahr 1823 kam das Ansuchen abermals zur Sprache. Dieses einfältige Spiel war mir längst zum Eckel geworden, und ich wies darauf hin, daß mit dergleichen vagen Anträgen nie das Mindeste werde ausgerichtet werden; die beträchtlichen, aber durch lange Ueberlieferung stets schlecht verwalteten Güter der vormaligen Klöster böten hinreichende Hülfsmittel, um das durch die anders gewordenen Lebensverhältnisse gerechtfertigte Ansuchen der Geistlichen ohne den mindesten Nachtheil für die Finanzen zu berücksichtigen. Wollte man daher etwas erreichen, so müsse erst die Dringlichkeit des Gesuches selbst durch die erforderlichen Nachweise begründet, sodann die Möglichkeit, entsprechen zu können, dargethan werden. Die Versammlung fand, daß dieser Weg allein zum Ziele führen könne, und wählte eine Commission von fünf Mitgliedern, in welchen das jüngste vor mir 22 Jahre älter war, als ich. Alle sind nun gestorben; aber lebten sie noch, so würden sie gewiß einstimmig bezeugen müssen, daß ich die Seele der Commission gewesen seye. Ich bemächtigte mich der Sache gleichsam ausschließlich, aber ohne es zu wollen, ohne hieran nur zu denken, ohne die mindeste vorher gefaßte Absicht. Dieß kam so: während die Uebrigen ihre Thätigkeit auf die Sitzungen beschränkten, wandelte es mich an, erst einen Punkt schriftlich zu beleuchten und das Geschriebene den Andern mitzutheilen; der erste führte dann zu einem zweiten, dieser zu einem dritten und so entstand endlich eine Denkschrift; welche 177 gedruckte Quartseiten mit mehrern Tabellen füllte und die Sache von Seite der gesellschaftlichen und ökonomischen Stellung der Geistlichen, der Pflicht (gemäß der bei der Reformation und der Säkularisation des reichen geistlichen Guts ausgesprochenen Grundsätze) und der Möglichkeit (unter Nachweisung des Finanzstandes dieser Stiftungsgüter) beleuchtet. Diese Schrift ist ganz aus meiner Feder geflossen.

Außerdem hatte ich den Rath gegeben, um der nahe liegenden Besorgniß schweigender Beseitigung des Gesuchs vorzubeugen, dieselbe drucken zu lassen und, unmittelbar nach erfolgter offizieller Ueberreichung in der Sitzung, jedem Mitgliede des[213] Raths ein Exemplar zuzustellen. In der Ueberraschung, welche die Einflußreichern bei dem Anblick der Druckschrift an den Tag legten, lag für mich der Beweis, daß meine Vorsicht nicht grundlos gewesen seye. Als dann die Berathung Jahr um Jahr auf die lange Bank geschoben wurde, behielt ich die Sache unablässig im Auge und suchte, nach der einen Seite antreibend, nach der andern zügelnd, zu bewirken, daß sie vorwärts gehe und doch nicht aus dem Geleise geworfen werde. Hatte mein Bemühen damals den beabsichtigten Erfolg nicht vollständig erreicht so hat sie doch bewirkt, daß vorerst jährliche 2000 Gulden mehr verabreicht wurden, und vielleicht eine später erfolgte Verbesserung, zu der ich noch vor dem Jahr 1840 die erste Anregung gegeben und meine Gedanken über die Art, wie sie bewerkstelligt werden könnte, mitgetheilt habe, durch sie angebahnt worden ist. Da hierauf der Vorschlag über Verwendung jener 2000 fl. der Geistlichkeit überlassen wurde, wußte ich hier solche Verfügungen beliebt zu machen, wonach die Summe nur in Alterszulagen zu Berücksichtigung längerer Amtsführung und nicht zu Verbesserung einzelner Stellen (auch weil sie hiezu nicht hingereicht hätte) verwendet wurde; wobei meine Absicht vorzüglich diejenige war, die wirkliche Ausstattung der Stellen in Statu quo zu lassen und hiedurch freye Hand zu behalten, die Nothwendigkeit einer durchgreifenden Besoldungsverbesserung auch später möglichst einleuchtend hervorheben zu können.

Jetzt, da dergleichen Dinge für mich in die reinste Objectivität hinübergetreten sind, und ich davon sprechen kann, wie man von Geschichten aus den Zeiten der Vorväter spricht, hat blos noch eine Erinnerung wahren Werth für mich: daß ich nämlich jeden Vorwurfs frey bin, bei der Disposition über jene Summe meine damalige Stellung (wie es leicht möglich gewesen wäre) so verwendet zu haben, um aus derselben früher, als es dem natürlichen Gang der Dinge gemäß seyn mußte, mir selbst Etwas zuzusichern. So sehr das Rechtsgefühl mich treibt, auch das Geringste, worauf ich Anspruch machen zu können[214] glaube, bis aufs Aeusserste zu verfechten, und das Parta tueri mit allem möglichen Gewicht hierauf anzuwenden, so fremd war mir von jeher Alles, was auch nur von Ferne auf eigenen Vortheil abzielen konnte.


Die erwähnte Denkschrift befaßte sich zugleich mit den Besoldungen der Schullehrer; schon darum, weil die an dem Gymnasium Angestellten, mit Ausnahme zweyer, sämmtlich Geistliche waren. Sie konnte aber nicht umhin, die Dringlichkeit einer Verbesserung der Schulen selbst zu berühren. Das Gymnasium, was auch seit zwanzig Jahren an demselben mochte geflickt worden seyn, entsprach seinem Zwecke so wenig, als zu jener Zeit, in welcher ich dasselbe besucht hatte. Die Einsicht, daß längeres Stillestehen in dieser Beziehung nicht zum Guten führen könne, war allgemein erwacht. Seit einiger Zeit war selbst in den Zunftversammlungen der Wunsch nach einer Reorganisation des Schulwesens überhaupt mit stets erneuerter Dringlichkeit ausgesprochen worden, so daß der Rath bei so vielen laut geworden Stimmen nicht länger taub bleiben durfte.

Der Schulrath war zu dieser Zeit nicht so componirt, um eine durchgreifende Verbesserung mit Hoffnung gedeihlichen Erfolges demselben übertragen zu können. Nur von einer blos hiezu niedergesetzten Special-Commission glaubte man Befriedigendes erwarten zu dürfen. Eine solche wurde im August des Jahres 1824 gebildet und ich zu deren Mitglied ernannt. An dieser Stelle glaube ich den Beweis gegeben zu haben, daß der Mensch hinsichtlich der höchsten Beziehungen, mit Wort und That und seiner ganzen Individualität nach, für Erhaltung der anerkannten Principien einstehen, daneben in allem Andern dem Fortschritte, nach wohlerwogener Würdigung dieses Wortes, dennoch in Wille und That huldigen möge. Offenbar hat nichts so verderblich auf das Gymnasium eingewirkt, als der Umstand, daß die Stellen desselben wie Pfarreien angesehen[215] wurden, und heute ein Mitglied des geistlichen Standes, wenn es dadurch seine ökonomische Lage verbessern konnte, an eine Lehrerstelle, auch wieder von dieser zu irgend einer Pfarri übergieng. Nun hat schwerlich ein weltliches Mitglied jener Commission wärmer dafür gesprochen, daß dem geistlichen Stand hinfort das ausschließliche Anrecht auf Schulstellen nicht ferner dürfe eingeräumt bleiben, als ich; keines hat für unbedingt freye Concurrenz zu den Lehrerstellen, sowohl unter Fremden als unter einheimischen, entschiedener das Wort genommen, als ich; und ebenso, wenn ich nicht irre, war ich es (und es scheint mir nothwendig, Solches in Erinnerung zu bringen), der zuerst darauf aufmerksam machte, es müßten sämmtliche anzustellende Lehrer, selbst derjenige der Mathemtatik, der protestantischen Confession angehören.

Diese Berathung war wieder eine derjenigen, durch welche Etwas zu Tage gefördert werden sollte und konnte, darum ich stets mit Freude daran Theil nahm, auch, weil ich darin ein Wirken zum wahren öffentlichen Besten erkannte, in der ersten Zusammenkunft den Antrag stellte, daß keine Sitzgelder sollten angenommen werden. Denn es schien mir hiedurch das zu Stande Gebrachte an Werth zu gewinnen, wenn jede pecuniäre Vergeltung abgewendet würde. Wir sind seitdem auch darin vorangeschritten, daß über Vaterlandsliebe, Bürgerpflicht und Obsorge um das Gemeine Wesen ungleich häufiger, wortreicher und klangvoller gesprochen wird, als damals, anneben Anträge auf Emolumente und Besoldungsvermehrungen bei jeder Gelegenheit zum Vorschein kommen, auch daß Erweise unremuneriter Verwendung für öffentliches Wohl als Perückenstaub verflogen. – Wie nach vielen Sitzungen dieser Commission ein erster Entwurf zu Stande gekommen war, worüber Geistlichen, Lehrern und Magistratspersonen Bemerkungen und Vorschläge einzugeben freigestellt worden, und dergleichen wirklich im nicht geringer Zahl einliefen, ward das Geschäft, sie zu ordnen und nachher der Commission vorzutragen, mir zugewiesen. Ich darf es wohl als Beweis anführen, daß ich, mit[216] Hintansetzung aller Lieblingsneigungen an Arbeiten, zu gemeinem Besten das möglichste zu übernehmen, nie mich gescheut habe, wenn ich erwähne, daß ich gleichzeitig der Commission in dreifacher Eigenschaft beiwohnte: zuerst als Referent, sodann gewissermassen als erstes stimmgebendes Mitglied (denn die meist confusen Ideen meines Vorgängers konnten nur äußerst selten berücksichtigt, ja mußten eher noch widerlegt werden), in der letzten Hälfte endlich als Protokollführer. Ich glaube, daß kaum ein einzigesmal der Sitzungstag vorübergieng, ohne daß nicht schon am gleichen Abend das ziemlich umständliche Protokoll der so eben beendigten Sitzung fertig gewesen wäre.

Was ich in Verbindung mit Andern hier zu besprechen und anzuordnen hatte, sollte unter gleichem Zusammenwirken ins Leben treten, hierauf unter meiner Obsorge erhalten werden. Denn, sobald nach erfolgter Genehmigung des Vorgeschlagenen durch die höchsten Behörden Alles der Ausführung entgegengereist, sodann diese selbst vollzogen war, wurde mir erst gemeinsam mit einem meiner Freunde, nachmals einzig, das Ephorat der höhern Lehranstalten übertragen. Sagte irgend eine Obliegenheit mir zu, hegte ich von irgend einer die Zuversicht befriedigenden Erfolges, so war es diese, und während dreizehn Jahren habe ich ihr manche schöne Stunde gewidmet, hiebei, wie immerdar bei allem Aufgetragenen, von dem Grundsatz ausgehend, nichts übernehmen, ohne alsbald mit der Uebernahme den Vorsatz verbinden zu wollen, jeglicher Obliegenheit nach bestem Wissen und Gewissen zu genügen und wenigstes kein Opfer der Zeit zu scheuen Viele Schulanstalten unserer Zeit verdienen hinsichtlich der Bemühungen für Geistesbildung alles Lob; hiemit dann glaubt man jeder Anforderung entsprochen, die hohe Aufgabe genügend gelöst zu haben, indeß nur allzuhäufig Zucht und Ordnung weniger berücksichtiget werden, hiezu noch der Wahn Wurzel faßt, die Schüler gehörten der Schule blos während der Schulstunden an, außerhalb dieser habe sie nach denselben nicht zu fragen. Das in meiner Jugend so oft Gehörte: qui proficit in literis u.s.w., lebte noch immer in[217] meiner Erinnerung, so daß ich den moribus allermindestens so großes Gewicht zugestand, als den literis, daher ich der Geneigtheit der Lehrer, ihre Aufmerksamkeit auch auf das Verhalten der Schüler außerhalb der Schule ausdehnen zu müssen, inwiefern wenigstens derartige Ungebührlichkeiten zur Kunde kamen, welche einen verderblichen Einfluß in diese leicht verpflanzen konnten, mit der größten Bereitwilligkeit Hand bot. Ob ich aber nicht immer freundlichen Ernst der etwa nothwendig gewordenen Strenge vorgezogen, diese nicht in allen Fällen mit der tadelfreiesten Unpartheilichkeit angewendet hätte, dieweil im Großen wie im Kleinen, am Unbedeutenden wie am Bedeutenden, activ wie passiv, jede Ungerechtigkeit mich empört, darüber möchte ich jetzt noch so Lehrer als damalige Schüler zum Zeugniß aufrufen.

Was zu Vervollkommnung des innern Organismus unserer Lehranstalten dienen konnte, hat in der Behörde Jederzeit einen willfährigen Vertreter an mir gefunden; indem ich der Stimme der täglichen Beobachtung, der Erfahrung und des ausschließlichen Lebensberufes gerne die verdiente Anerkennung zollte, auch jene Engherzigkeit, für welche ein kleines Mehr des Aufwandes oft das überwiegende Gegengewicht ist, niemals mich beschleichen konnte. Unter den Lehrern selbst bemühte ich mich, jede aus Irrung oder Mißverständniß etwa hervorgehende Spannung zu beseitigen, und jenes, auf gegenseitige Anerkennung beruhende, freundliche Verhältniß, in welcher ich gegen sie selbst zu treten von Anfang her mich befliß, auch unter ihnen zu erhalten. Da ich für alle ihre Wünsche und Anträge in der Behörde stets den Anwalt machte, zog ich mir von anderer Seite bisweilen den Vorwurf zu, ich räumte ihnen zu viel Einfluß auf mich ein, suchte nicht eine gehörige Unabhängigkeit von ihnen zu behaupten Mich selbst ruhiger und unbefangener beurtheilend, als es von Manchen nur für möglich mochte gehalten werden, darf ich diesen weniger von der Hand weisen, als denjenigen, welchen nachmals kleinlichter Haß in unverkennbarer Unredlichkeit wider mich zu erheben suchte, als wäre ich[218] in herrischer Weise (wozu so Anlage als Gewohnheit mir durchaus fehlt) in der Schule aufgetreten. – Nicht minder fanden allfällige pecuniäre Begehren und materielle Wünsche der einzelnen Lehrer in mir ihren beharrlichen Fürsprech, so daß unter den frühern Angestellten der Schule kaum einer sich finden mag, dem nicht vorzüglich durch meine Verwendung, oder durch das Benützen günstiger Umstände, auf irgend eine Weise wäre entsprochen worden. Bemerkenswerth ist es, daß später der Einzige, welchem ich einen derartigen Dienst je erweisen zu können niemals im Fall war, auch der Einzige gewesen ist, in dessen Benehmen gegen mich bei den Ereignissen des Jahres 1840 keine Veränderung wahrgenommen werden konnte.

Aus meiner Stellung zu den höhern Lehranstalten von Schaffhausen und deren Lehrerpersonale ließe sich genügend darthun, daß Willfährigkeit zu Veränderungen und Verbesserungen mit eisernem Festhalten an dem, was mehr das Gebiet der obersten Principien berührt, gar wohl vertragsam und jeder hieraus abgeleitete Vorwurf starrer und unfruchtbarer Stabilität gewöhnlich nichts anderes seye, als eine jener Verdrehungen und Lügen, woran unsere Zeit so reich ist. Denn da die Organisation des Gymnasiums nicht durch Fachmänner entworfen und festgesetzt worden war, mußte wohl Mancherlei daran mangelhaft seyn. Wie ich aber immer der Praxis vor der Theorie das Uebergewicht einräumte, so war ich überzeugt, daß jene das Mangelhafte von dieser bald ausscheiden werde. Deßwegen erwies ich mich stets geneigt, den einleuchtenden Ergebnissen derselben zu huldigen, darum weder der Beschränkung oder der Anfügung von Lehrfächern, noch der Einführung oder Vertauschung von Lehrmitteln mich zu widersetzen. Als aber Letzteres auch das Religionsbuch treffen sollte, da trat das entschiedenste Entgegenstreben ein.
[219]

Für das Gymnasium ist, wie für alle Schulen des Cantons, der heidelbergische Katechismus das Lehrbuch in dem Christenthum. Bald nachdem das Gymnasium nach jener neuen Einrichtung in den Gang gekommen war, wurden (aus welchem Grunde ist gleichgültig) Versuche gemacht, den Katechismus aus demselben zu entfernen, womit entweder das wichtigste Unterrichtsfach (hiefür habe ich die Religion stets gehalten) jederartiger Subjectivität des Lehrers preisgegeben, oder irgend ein Leitfaden eingeführt worden wäre, wie sie der norddeutsche Rationalismus auf jeder Messe haufenweise zu Tage fördert. Ich hatte bei zwanzig Jahren nach diesem Katechismus den Religions-Unterricht ertheilt, darüber katechisirt, er war mir von Jahr zu Jahr lieber geworden, ich fand in demselben die Grundlehren des Christenthums klar, bündig, folgerichtig dargelegt; die Polemik hatte ich von Anbeginn meines amtlichen Wirkens ganz bei Seite gelassen, oder ihr dahin die Richtung gegeben, wo eine Polemik stets wird statt finden müssen. Schon vor weit längerer Zeit, noch bevor an einen solchen Versuch auch nur von Ferne konnte gedacht werden, hatte ich in einer kleinern Schrift: »Ueber Schuleinrichtungen in einem Freistaat« folgendermaaßen darüber mich geäussert: »Wo etwa noch reformirte Freistaaten das Glück geniessen, den heidelbergischen Katechismus als Lehrbuch der Religion zu besitzen, da können die Vorsteher der Kirche keine dringendere Fürsorge tragen, als die, zu wachen, daß derselbe ja nicht als veraltertes, unpassendes, abgegriffenes Geräthe bei Seite gelegt werde. Nur der Mangel an rechtem Verständniß, der eitelste Aufklärungsdünkel und das undankbare Bemühen, hinwegzuräumen aus dem Christenthum alles Unterscheidende, Eigenthümliche, Wesentliche, haben denselben zum Gegenstand leerer Declamationen gemacht. Dieser tüchtige, feste, gewaltige Wehrstein an der Kirche ist Jenen ein Gräuel, und zierlicher stünde ihnen freilich ein gedrechseltes, geschnitzeltes Hölzlein, das nöthigenfalls auch beugbar wäre.«

Zwischen dieser öffentlichen Erklärung und dem Versuch[220] der Beseitigung des Katechismus aus dem Gymnasium, womit er in der Folge nothwendig auch aus den übrigen Schulen hätte weichen müssen, waren gegen zehen Jahre verflossen. Aber meine Gesinnungen waren noch die gleichen, und ich fand mich im Gewissen verpflichtet, jenem Versuch entgegenzutreten; nicht zum Schein, nicht schwach, nicht lau, sondern, wie ich es gewohnt war, sobald es die Vertheidigung einer mir lieb gewordenen Sache galt, mit aller Entschiedenheit, warm, kräftig, mit Beharrlichkeit. Ich schrieb für den Fall, daß der Kampf ernster werden sollte, unter dem Titel: »Für den heidelbergischen Katechismus. Ein öffentliches Votum2«, eine Apologie des Lehrbuches. Da ich zwar den Kampf nicht scheue, jedoch niemals denselben suche, und zu keiner Zeit meines Lebens geneigt war, so lange etwas durch die Behörden entschieden werden konnte, die unberufenen Stimmen des Publikums hineinlärmen zu lassen, verwahrte ich die ganze Auflage auf's sorgfältigste, um nur im letzten Nothfalle die Schrift, gleichsam als Mittel der Appellation an die christliche Gesinnung, zu veröffentlichen. Da es sich dann bei dieser Frage um etwas ganz Anderes als um eine Stunde mehr oder weniger für dieses oder jenes Fach, als um eine Grammatik oder um einen Leitfaden für mathematischen Unterricht handelte, so erklärte ich alsogleich, daß durch eine Entscheidung gegen das eingeführte Religionslehrbuch die Sache noch lange nicht beendigt seyn, sondern ich sie dann in andern Behörden und selbst auf der Kanzel zur Sprache bringen, ja nichts unversucht lassen würde, um dasselbe zu retten.

Bei dem Allem würde aber derjenige, welcher den Werth des Buches in dem Negativen gesucht, das eminent Positive desselben bloß als Beigabe zu jenem angesehen hätte, in Zweisein über einen derartigen Protestantismus Recht gehabt haben. Daß aber fünfzehn Jahre später, und zwar auf eben dieses[221] kostbare Uebergewicht des Negativen gegründet, dergleichen wirklich seyen erhoben wordem, habe ich, erst nachdem die erste Ausgabe dieser Schrift bereits veröffentlicht worden, durch die »historisch-politischen Blätter« zu großer Vergnüglichkeit vernommen. Um die Kunst, das einmal Positive in das Gleichgültige und das Negative in das absolut Nothwendige hinüber reden zu können, ist Niemand zu beneiden. Da sie mir stets fremd geblieben ist, habe ich dessen, weßwegen ich für den heidelbergischen Katechismus in die Schranken trat, was aber an demselbem ich leicht Preis geben konnte, kein Hehl gemacht, z.B. bei der berüchtigten 80sten Frage geradezu bemerkt: Wenn es fernerhin solcher Worte bedürfte, so müßten sie nicht gegen diejenigen gerichtet seyn, »welche die Gottheit Christi in Gestatt Brods und Weins anbeten,« sondern vielmehr gegen diejenigen, welche dieselbe ganz und gar abläugnen, oder den Glauben daran durch ihre Lichtlerei verbannen mochten. Nicht minder habe ich bei Frage 30 der Wahrheit Zeugniß gegeben: »daß die katholische Kirche nie und nirgends gelehrt habe, daß bei Heiligen ›Heil zu suchen seye,‹« daß vielmehr aller Ernst einzusetzen seye gegen diejenigen, welche ihr Heil bei sich selbst, in ihren Entwürfen, in dem materiellen Fortschritt, in den vergänglichen Dingen suchen. Die Polemik gegen der Menschen sündhaftes Wesen und hieraus hervorgehende verkehrte Art, schien mir dringlicher und fruchtbarer, als jede confessionelle Polemik, neben welcher jenes im schönsten Flor stehen kann.

Bei solchem ernsten Bemühen – und es sind noch mehrere Zeugen jener Verhandlungen vorhanden, die Auskunft ertheilen könnten – hege ich wohl schwerlich eine irrige Meinung, wenn ich vermuthe, daß ohne mein festes Auftreten dieses Lehrbuch bald genug aus den Schulen verschwunden wäre. Schon bei bloßem Schweigen von meiner Seite hätte die Sache wahrscheinlich eine andere Wendung genommen; wie aber erst, wenn ich zu Beseitigung des Buches ebensoviel hätte thun wollen (eigentlich können, da ich ja damit erst mich selbst hätte aufgeben müssen), als ich zu dessen Erhaltung aus dem innersten[222] Antrieb meines geistigen Wesens gethan habe? – Diese und andere ähnliche Bemühungen, vor welchen Lieblingsansichten, ebensogut als Rücksichten persönlicher Freundschaft, in den Hintergrund treten mußten, hätten wohl als Belege dienen mögen, daß es einen Protestantismus gebe, welcher ebensoweit von dem Versuch entfernt seye, das Christenthum in das Heidenthum zurückzuprotestantisiren, als von der Meinung, den Werth desselben bloß nach dem Umfang der Negation bemessen zu sollen. Gottlob, daß die Folgezeit mich dem Irrwahn entrissen hat.


Von diesem Allem, was ich als bereits zweiter Vorsteher der Geistlichkeit zu wirken mir angelegen seyn ließ, muß ich zurückkehren in die Zeit, da ich zu die ser Stelle gelangte. Auch dieß wieder hieng augenfällig von dem ab, was die Menschen so gerne Zufall nennen. Die Herausgabe des »Schweizerischen Correspondenten« rief mich jeden Donnerstag nach der Stadt. In einer müssigen Viertelstunde machte ich bei meinem Vetter und vertrautesten Freund, dem Polizei-Präsidenten Hurter, einen Besuch. Das Gespräch führte uns auf den Antistes. »Ja dieser, entgegnete mein Vetter, wird den morgigen Tag schwerlich überleben.« Ich war über solcher unerwarteten Nachricht betroffen, denn bisdahin hatte ich nicht einmal von seiner Erkrankung Etwas gehört.

Mein Augenmerk war längst schon nach dieser Stelle, d.h. nach der nächsten an derselben, welche gewissermaßen ihre Coadjutorie cumjure succedendi genannt werden konnte, gerichtet. Ich hörte Jederzeit mit Vergnügen zu, wenn andere Geistliche die Frage aufwarfen: wer wohl diese Stelle einst erhalten, wer für dieselbe sich eignen würde, und wenn sie dabei die Personlichkeiten musterten, das Für und Wider in Beziehung derselben erörterten. Dieß war einer der wenigen Gegenstände, bei denen ich gewöhnlich stummer Zuhörer blieb. Es darf nun wohl gestanden werden, daß ich unter solchen Erörterungen immer blos[223] an mich selbst dachte, nicht, weil ich glaubte, ich wäre gelehrter, würdiger, tüchtiger als Andere, sondern blos weil ich ahnete, es würde kein Anderer so wie ich den Willen zu einem Versuch in sich tragen: ob der Geistlichkeit ein Bewußtseyn ihres Standes eingeflößt, ob sie in demselben zu einem Ganzen vereinigt und ihr hiedurch eine würdigere Haltung und eine einflußreichere Stellung könnte verschafft werden. Daß dieses geschehen möchte, war längst schon im Stillen mein Wunsch; daß es geschehen könnte, war ein Lieblingsspiel meiner Entwürfe. Wie gerne hätte ich nicht demjenigen mich angeschlossen, untergeordnet, dessen Persönlichkeit mir einige Bürgschaft dafür dargeboten hätte, daß er hiezu beitragen könnte und wollte! So wie dann über meine Ideen in dieser Beziehung von dem ersten dunkeln Anfang an etwelches Licht sich verbreitete, und von nirgends her eine solche Zuversicht mir entgegenleuchtete, erschien ich mir als eine Nothwendigkeit für die Geistlichkeit, Auch ich musterte im Stillen oftmals die Individualitäten; bei welcher derselben aber ich mochte stehen bleiben, nirgends bot eine solche mir sich dar, an welche ich auch nur eine Vermuthung hätte knüpfen können, daß dieser Gedanke in ihren Ideenkreis eingegangen wäre. Ueberhaupt konnte ich unter solcher Würdigung sämmtlicher Geistlicher unter allen nur zwei finden, neben welchen ich als Bewerber um jene Stelle niemals würde aufgetreten seyn; doch blos deßwegen, weil ich zu keiner Zeit Etwas beginnen mochte, dessen Mißlingen ich von vorne herein mit der größten Zuverlässigkeit mir hätte klar machen können. Neben dem Einen hätte ich mich bloß vor dem Alter, neben dem Andern vor dem wohlverdienten Zutrauen, neben Keinem aber aus innerer Ueberzeugung zurückgezogen.

Es gehört zu meinen Gewohnheiten, alle denkbaren Verumständungen zu erwartender oder auch blos möglicher Eventualitäten bisweilen mir zu vergegenwärtigen und mich zu fragen: wie dann wohl, wenn die eine oder die andere, in dieser oder in jener Weise, eintreten würde, ich mich benehmen, welche Maßregeln ich treffen wollte? Hieraus ist mir schon[224] mehrmals der Vortheil erwachsen, da, wo Handeln noth thut, nicht erst überlegen zu müssen, sondern gewissermaßen nur dasjenige Schiebfach meiner Erinnerung zu ziehen, im welchem die Weisungen für den eintretenden Fall, so zu sagen, schon gehörig entworfen sich finden. So war es jetzt. Die Mittheilung meines Vetters überraschte mich zwar im ersten Augenblick, fand mich aber gerüstet, da längst Alles vorbedacht war. Als erster und unerläßlichster Schritt bot sich die Nothwendigkeit dar, über den Zustand des Kranken sichere Erkundigung einzuziehen, denn Voreiligkeit wäre nicht allein unzart – was mich nie anwandeln konnte – sondern zugleich nachtheilig gewesen. Die Berichte lauteten so bedenklich als möglich. Das Nächste sodann war, mir über die Gesinnung jener Beiden Gewißheit zu verschaffen. Gegen den Einen von ihnen, den nachmaligen Helfer Hurter, damals Pfarrer einer ansehnlichem Landgemeinde, erklärte ich mich mit aller Offenheit und mit jener aufrichtigen Achtung, die ich ihm zeitlebens zollte, und mit der aufrichtigen Erklärung, freudig ihn an die Stelle treten zu sehen; die Gesinnung des Andern erforschte ich durch Mittelspersonen. Beide waren nicht im mindesten geneigt, die fragliche Würde anzunehmen. Amt folgenden Morgen um fünf Uhr starb der Antistes; ich erfuhr seinen Hinscheid alsbald, setzte unverzüglich diejenigen Personen, welche von der Sache unterrichtet seyn mußten, in Bewegung, und um neun Uhr waren die Vorbereitungen, um mir die erledigte Stelle zu verschaffen, nach allen Seiten mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit des Erfolges vollzogen.

In der Vermuthung, daß die Mehrzahl der Geistlichen meine Beförderung an dieselbe nicht ungerne sehen würde, täuschte ich mich nicht. Die bisherigen Uebelstände in dem Verhältniß des Antistes und seines einstigen Nachfolgers hatten Alle unangenehm berührt; sie durften der festen Zuversicht sich hingeben, daß der so nothwendige Einklang, sofern die ledig gewordene Stelle mir zufiele, würde hergestellt und gefestigt werden. Neben diesem hatten sie auf bisherige Erfahrung von bereitwilligem und nachhaltigem Verfechten ihrer Interessen die[225] sichere Erwartung um so mehr bauen können, in dieser Beziehung zu jeder Zeit ihren Mann an mir zu finden.

Von anderer Seite jedoch fand meine Bewerbung Widerstreben. Was für die Einen Beweggrund der Zuneigung war, wurde für Andere Beweggrund der Abneigung. Man fürchtete das Bemühen, die Geistlichkeit aus dem durch lange Uebung eingewöhnten Normalzustand der Nullität herausgerissen zu sehen; obgleich man mich wieder durchaus falsch beurtheilte durch die grundlose Voraussetzung, ich möchte selbst über die Gränzen des Zulässigen hinausgehen, indeß ich stets darauf Bedacht nahm, den sichern Boden des durch die Verhältnisse und Zustände Gestatteten und diesen gemäß Erreichbaren niemals zu verlassen. Es wurden daher allerlei Versuche gemacht, meine Erwählung zu vereiteln. Das Ansehen kam denselben zu Hülfe; daneben wurde das Mitwirken schiefer Beurtheilung und dessen Allen, was hieran so leicht sich knüpfen läßt, nicht verschmäht. Ein Glück war es, daß die Wahlen nicht nach Belieben durften hinausgeschoben werden, die Zeit zu Gegenbemühungen auf drei Tage beschränkt blieb. Amt 5. Sept. 1824 erfolgte meine Erwählung.

Bei vielen schätzenswerthen Eigenschaften, worunter eine stets hervortretende Zuwendung zu den geoffenbarten Grundlehren eine der vornehmsten, fehlte es dem neuen Antistes durchaus an Geschäftsgewandtheit, an einem hellen Blick in die vorkommenden Fragen, an dem richtigen Tact, deren Hauptmomente zu erfassen. Mir dagegen hatte ich als Hauptaufgabe gesetzt, daß er geehrt, als Oberer anerkannt werde, jetzt ebenso sichtbar eine Uebereinstimmung zwischen ihm und mir hervortrete, als zuvor die Mißstimmung hervorgetreten war. Daher habe ich mich immer beflissen, jenen Mängeln zu Hülfe zu kommen, was etwa durch dieselben ausser das Geleise gerathen wollte, in dasselbe zurückzulenken, in den Behörden den Meinungen meines Obern und Collegen alsolange mich anzuschließen, als es nicht auf Kosten besserer Ueberzeugung hätte geschehen müssen. Mehr jedoch als Einmal habe ich bitter gelitten, wenn[226] bei Solemnitäten, an denen er zu sprechen hatte, entweder allzugroßer Eifer ihn über die Schranken ruhiger Besonnenheit hinausriß, oder, wenn in andern Fällen die Unfähigkeit, eine Berathung zu leiten, allzugrell aus Licht trat; und ich bedaure jetzt noch manchen Zwiespalt, der hiedurch zwischen meinem officiellen Benehmen und meinen Privatäusserungen veranlaßt und nicht immer gehörig abgelehnt worden ist. Er seiner Seits hat es an Beweisen des Vertrauens und der Zuneigung gegen mich nie ermangeln lassen, wodurch es mir leicht ward, bei allen wichtigern Vorkommenheiten meine Ansichten zu entwickeln und in den meisten Fällen ein gemeinsames Handeln vorzubereiten. Dagegen fehlte es auch nicht an Veranlaßungen, wo ich es für Pflicht hielt, in mehr unwesentlichen Dingen meine Meinung der seinigen unterzuordnen.


Meine kirchliche Stellung hatte mir ein gewisses Ansehen, meine unverdrossene Theilnahme an Allem, was das öffentliche Wohl fördern konnte, etwelches Zutrauen, und Beides meinem Wort auch in Bezug auf die bürgerlichen Verhältnisse einiges Gewicht erworben. – Ich habe früher berührt, wie im Jahr 1814 hinsichtlich der Constituirung des Cantons zwei Meinungen sich gegenüberstunden, wovon diejenige, welche das geschichtlich und rechtlich Bestandene wieder zu Grund legen wollte, den Sieg davon trug. Die andere, für welche das blos theoretisch Beifallswürdige größern Werth hatte, war damals zwar unterlegen, deßwegen aber nicht verschwunden. Sie setzte ihre damals vereitelte Hoffnung auf das Jahr 1825, in welchem eine Revision der Verfassung vorgenommen und im folgenden Jahr darüber abgestimmt werden sollte. Zu dieser Reformpartei – wenn ich sie so nennen soll – gehörten fast alle meine Bekannten, die meisten meiner Altersgenossen, Manche von ihnen durch Lage und Stellung im Fall, ihren Bestrebungen Gewicht und hiedurch Zuneigung zu verschaffen. Sie zweifelten nicht, um[227] so eher mit denselben durchdringen zu können, weil manche Gebrechen, nicht sowohl der öffentlichen Einrichtungen, als ihrer Anwendung, auch der Personalitäten, welche deren Träger waren, gefühlt wurden; weil sie auf das Mitwirken des unbesiegbaren Irrthums zählen durften, der alles Ersprießliche von jenen erwartet, und dabei die Menschen und deren aller Formen spottenden Mängel unberücksichtigt läßt; endlich, weil es offen am Tag lag, daß während eines Jahrzehends derjenigen, welche principiell oder blos aus Empirie dem Ehemaligen das Wort geredet hatten, Viele in das Grab gesunken, Viele dagegen nachgewachsen waren, die den neuen Doctrinen huldigten. Es sollte eine Revolution auf friedlichem und legalem Wege bewerkstelligt, Alles, was von ehevorigen Einrichtungen und Gewohnheiten aus dem Sturme der Zeiten sich gerettet hatte, gemächlich und geräuschlos in das Meer der Vergessenheit versenkt werden.

Gelegenheit, öffentlich und in Privatunterredungen meine conservativen Grundsätze geltend zu machen, war hiemit gegeben. Ich habe den Gang der sich entgegenstrebenden Bemühungen, bei welchen es an Ereiferung auf beiden Seiten nicht fehlte, damals, in frischer Erinnerung der Gespräche, Verhandlungen und Wendungen, in einer Handschrift von dritthalbhundert Seiten niedergeschrieben unter dem Titel: »Die Verfassungs-Revision im Canton Schaffhausen in den Jahren 1825 und 1826;« in welchem Sinne, läßt sich aus dem Motto schlieffen, welches ich aus Horaz wählte:


O navis, referent in mare te novi

Fluctus! O quid agis! Fortiter occupa

Portum!


Die ursprünglichen, von dieser Reformpartei ausgegangenen Vorschläge wollten an die Stelle der seit Jahrhunderten bestandenen, vor zehn Jahren wieder eingeführten Wahlform eine ganz neue setzen, den innern Organismus des Ländchens durchaus umändern und mittelst eines hingeworfenen schnöden Köders[228] die Zustimmung der Mitglieder des Kleinen Raths erkaufen. Die erhaltende Partei, die damals noch den größern Theil der Bürgerschaft zu den Ihrigen zählte, erblickte in diesen Vorschlägen den Verlust des letzten Restes der vierhundertjährigen Rechte und Freiheiten, und die Geistlichen standen in ihrer Eigenschaft als Bürger zu jener Zeit ungetheilt, einen Einzigen ausgenommen, auf dieser letztern Seite. Ich erstaune, indem ich nach einer so langen Reihe von Jahren wieder in die angeführte und unter den damaligen Beobachtungen geschriebene Schrift blicke, dieselben Grundzüge der Handelnsweise beider Parteien, der Verfechter des Alten und der Lobpreiser des Neuen, zu finden, die noch jetzt überall vorkommen, blos mit dem Unterschied, daß die Letztern in Frechheit, Lüge und Zügellosigkeit seitdem unendlich vorangeschritten sind. Ich finde, daß Jene sich ruhig hielten, keine geheimen Zusammenkünste, keine Meinungswerbung veranstalteten, keine ungebürlichen Reden gegen die Andern sich erlaubten. Diese dagegen übergoßen die bisherigen Einrichtungen mit Spott, dichteten ihnen Manches an, was keineswegs durch dieselben bedingt, vielmehr, insofern es tadelhaft war, von den Andern ebenso ernstlich mißbilligt wurde; sie zogen entweder die Redlichkeit oder den Verstand der Verfechter des Alten in Zweifel, und nannten dabei ihre Genossen schlechtweg das »gebildete Publikum«, sich und ihre Projecte »die gute Sache«; bemühten sich, unter die Bürger einen Zankapfel zu werfen und Einzelne durch Vorspiegelungen zu gewinnen, oder durch Drohungen zurückzuschrecken, und sogar in Aussicht zu stellen, daß, sofern die Projecte nicht durchgiengen, alle bessern Köpfe abtreten würden. Wie dann Bildung und Annahme des Projectes für identisch gehalten wurden, so nannte einer seiner Hauptbeförderer die bedeutendern Gegner desselben »vornehmen Pöbel.« Zugleich wurden einige Schweizerblätter, z.B. der Schweizerbote und die Zürcher-Zeitung, von dieser Partei zu Organen gemacht, um Alles recht ins Zwielicht zu setzen und über die Gegner so hämisch als gehässig zu urtheilen; in Allem ein Verfahren, welches im Verlauf von zwanzig Jahren die erstaunlichste Entwicklung gewonnen hat.[229]

Ich finde über die Verfechter jenes Projectes in meiner Schrift Folgendes bemerkt: »Zu ihnen gehörten diejenigen, welche in den bisherigen Wahlen eine zu große Beschränkung ihrer Gewalt erblickten, und lieber des Volkes Herren als dessen Häupter und Vater gewesen wären; diejenigen, welche in dieser Wahlart einen, wenn nicht unsichern, doch allzulangsamen Weg ihrer Beförderung wahrnahmen; sodann eine Anzahl Männer, welche, in der Volubilität des Zeitalters befangen, alles Heil immer von dem Neuen erwarten und fortan von dem Neuen zum Neuern sich wenden, ohne etwas Bleibendes weder anzuerkennen, noch zu wollen; Einige, welche sich für so vornehmer hielten, in je minderer, auch bürgerlicher, Berührung mit ihren Mitbürgern sie stünden, und die sich gerne auf eine Höhe erhoben hätten, bei welcher es einige Befehlende und einen Rest Dienstthuender gäbe. – Verfassungen müssen aber alt geworden seyn, wenn sie Werth haben, wenn sie von den Bürgern Anhänglichkeit und Hingebung sollen fordern können. Man wird einer Verfassung von gestern gehorsam seyn, weil man muß; lieben aber kann man nur eine solche, mit der und durch die man gelebt hat. Es geht hier wie mit den Regentenhäufern: – ein neues kann sich durch Branntwein und Stöcksehäge täglich ein Lebehoch ertreiben, aber des Volkes Herz schlägt warm nur für den Regenten, mit dessen Ahnherren die Vorfahren gekämpft und gesiegt haben, dessen Haus mit dem Volke groß und glücklich geworden ist. Auch war Sparta durch nichts Anderes mächtig und stark, als weil es eine und dieselbe Verfassung am längsten bewahrt hat, indeß Athens Fall von der Zeit her sich datirt, da die Staatseinrichtungen allen Umtrieben der Ehrsüchtigen, der Sykophanten preis gegeben waren. Es zeugt daher von keiner großen Weisheit, wenn man meint, ein öfterer Wechsel der Staatseinrichtungen könne Heil bringen. Der Mensch verlangt etwas Festes, etwas Bestehendes, sonst wird er selbst das Spiel der Laune und des Zufalles;« u.s.w.

Jenes Project fand den ersten Widerspruch bei vielen Mitgliedern des Kleinen Raths, und es mußte an diejenigen, von[230] denen es ausgegangen war, wieder zurückgewiesen werden. Am 13. Jenner 1826 gelangte es abermals an den Kleinen Rath, aber mit blos geringen Veränderungen; das neu aufgestellte Grundprincip der Wahlen war beibehalten, daher das, mehr zum Schein, als dem Wesen nach veränderte Project nicht bessern Eingang fand, denn das erste, und eine neue Zurückweisung sich mußte gefallen lassen. Obwohl gerade deßwegen am 5. Hornung in den Zunftversammlungen ein Bericht, wie verheißen und erwartet worden, darüber nicht konnte erstattet werden, erklärten sich doch vorläufig schon viele Stimmen gegen dasselbe, mit andern redlichen Männern vorzüglich die Geistlichen, deren Manche seit vielen Jahren jetzt zum Erstenmal bei solchen Versammlungen sich einfanden. Der damalige Antistes, durch Unpäßlichkeit gehindert, theilte seine Gesinnungen schriftlich mit: »Daß er dafür halte, die Bürgerschaft solle den Rest ihrer, aus der Revolution geretteten Rechte nicht so leichtlich an Theorien, die noch so gleissend wären, vertauschen;« und ermahnte dabei zu fortdauernder Eintracht und fortgesetzter Ruhe, »welche die Bürgerschaft bisanhin so lobenswerth bewiesen habe.«

Mein Vortrag auf der Zunft der Schmieden bewirkte eine Eingabe ihrer Wünsche an den Kleinen Rath in Verbindung mit einer (leicht möglichen) Widerlegung aller, den bisherigen Einrichtungen gemachten Vorwürfe. Auf Verlangen meines Vaters, als Zunftvorstehers, mußte ich die Schrift verfassen. – In Folge dieser laut gewordenen Stimmung der Zünfte gieng an die Commission, von der das Project ausgegangen war und mit Zähigkeit festgehalten werden wollte, vom großen Rath die Weisung, bei ihren Berathungen auf dieselben Rücksicht zu nehmen. Sie mußte nun die bisherige Wahlart unangefochten lassen, und beschränkte sich einzig darauf, die Ernennung von neun sogenannten Unabhängigen durch den großen Rath selbst in Antrag zu bringen. Es war dieß dem Wesen nach ein Erschleichen in Theilen, was im Ganzen noch unerreichbar war; die Gründe aber, durch die man diese Neuerung unterstützen[231] wollte, waren eitel Spiegelfechterei, so wie in dem Mittel, um sie durchzusetzen: – Verheimlichung des Projects bis zum Augenblick, da über dasselbe abgestimmt werden, und Verzögerung dieser Abstimmung bis zu der alleräussersten Frist, um jeden fernern Aufschub umöglich zu machen – eben auch keine besondere Empfehlung lag. Dennoch wurden jetzt auf den meisten Zünften gegen das Vorgelegte abermals verschiedene Ausstellungen gemacht, welche den Mitgliedern des großen Raths zur Berücksichtigung bei der Endentscheidung dringend empfohlen, zum Theil dann berücksichtigt wurden.

Ich hatte an dieser, alle Köpfe beschäftigenden Bewegung öffentlich, inwieweit es mir rechtlich zukam, und in Privatverkehr mit Andern den lebhaftesten Theil genommen, von Anbeginn an entschieden für die »gerechte Sache,« die ich der sogenannten »guten Suche« entgegenstellte, auftretend. Unter dem lebendigen Eindruck der Gegenwart schrieb ich den ganzen Verlauf bis zur Zeit der Wahlen und der nachher erfolgten Eidesleistung mit Skizzirung der Parteien und Individualtäten nieder und habe mit den Worten geschlossen: »Die öffentlichen Blätter schwiegen; einzig die Zürcher-Zeitung (der Revolutions-Patriarch Paul Usteri) konnte ihren beißenden Tadel nicht zurückhalten, daß die von ihr so eifrig gepredigten Doctrinen so wenig Früchte getragen hätten.«


Bis zu dieser Zeit hatte ich eigentlich noch gar keine Bekanntschaften in katholischen Ländern und mit katholischen Personen, ob nun geistlichen oder weltlichen Standes; selbst mit Hrn. von Haller befand ich mich seit dem Jahr 1810 ausser aller Verbindung, nur durch gelegentlich herausgegebene Schriften war er mir in Erinnerung geblieben. Eine blos literarische Berührung mit dem Benedictiner PP. Gregorius zu Rheinau hatte nicht über das Jahr 1808 hinaus gedauert Wie nahe[232] auch diese Abtei unserer Stadt liegt, ich war in einer langen Reihe von Jahren kaum ein Paarmal dahin gekommen; gerade so, wie viele Hunderte aus näherer oder fernerer Umgebung etwa Einmal dort einsprechen. Ebenso hatte ich Einsiedeln und Muri nur im Jahr 1811 besucht, wie man merkwürdige Oerter zu besuchen pflegt, vorübergehend, für kurze Zeit. Dennoch stand die katholische Kirche in ihrem äußern Erscheinen und in dem Organismus ihrer Verwaltung als ein hoher, wunderherrlicher, das Gepräge der Zweckmässigkeit und des schönsten Ebenmaßes an sich tragender Bau, vor meinen Augen.

Das hatten nicht Anschauung, sondern meine Forschungen für die Geschichte Innocenzens des Dritten bewirkt. Wie ich in denselben voranschritt, sah ich immer klarer, mit welcher Würde, mit welcher Kraft, mit welchem Alles bewältigenden Willen, um dem geoffenbarten Christenthum und der Kirche, des erstern Träger und Hort, die umfassendste Einwirkung zu sichern dieser hohe Geist als Wächter, Lenker und Ordner, gleichsam als bewegende Kraft, in der Mitte der Kirche thronte. Die bloße Vernunft lehrte mich, und die Geschichte gab dessen bestätigendes Zeugniß, daß die Erhaltung des Christenthums ohne eine über demselben wachende Institution kaum denkbar gewesen wäre, dasselbe dem Loos blos philosophischer Schulen schwerlich hätte entgehen mögen. Die göttliche Einsetzung des Christenthums schien mir von göttlicher Einsetzung einer selbstständigen Kirche, wenigstens bis zu vollem Erstarken desselben, unzertrennlich. Die Geschichte zeigte mir, daß ein Papst, wie Innocenz, nicht blos ein glücklicher Zufall, eine seltene Ausnahme, sondern in der Kette ähnlicher Vorgänger und Nachfolger ein gleichartiges Glied gewesen seye. Ich ward immer mehr von Bewunderung erfüllt vor der, durch eine so reiche Zahl von Briefen beurkundeten Thatsache, daß er alle Hoheit, alles Ansehen, alle Macht, mit denen er umgeben gewesen, niemals auf seine eigene Person, sondern immer auf das Amt bezogen, für dessen Verwalter und Träger allein er sich bekannte. Ich erstaunte über eine Demuth, die selbst in den Momenten, in denen die Macht[233] auf ihrem Gipfel sich zeigte, in denen das Entscheidendste durchgeführt ward, über der gänzlichen Hingebung an die Sache der Kirche niemals den Gedanken an sich selbst aufkommen ließ, Ich sah ferner die Kirche ebensowohl in vollem Bewußtseyn, als in ungehindertem Besitz der Autonomie sich bewegen. Ich ahnete dabei, daß in dem Bekenntniß einer durch den menschgewordenen Gottessohn verkündeten Lehre, dann in der Verknechtung derjenigen, welche dieser Lehre Wächter, Wahrer und fortwährende Vermittler seyn sollten, durch die Staatsgewalt, ein nie auszugleichender Widerspruch liege. Ich verglich diese zunächst in nie schlummernder Wachsamkeit über die Lehre, sodann in Anordnung über alle wahrnehmbaren Mittel zu deren Einwirkung, endlich in unabhängiger zeitlicher Ausstattung durch die Geneigtheit ihrer Bekenner sich offenbarende Autonomie mit den, in dem weitern Kreise um mich hervortretenden Thatsachen, daß an die Stelle einer Aufsicht auf Uebereinstimmung der Lehre mit den geoffenbarten Grundwahrheiten subjective Willkür getreten, daß der Begriff eines selbstständigen Bestehens der Kirche auch unter uns dermaßen vernichtet worden seye, daß z.B. der vorige Antistes sich nicht getraute, eine ganz unbedeutende und zugleich zweckmässige Veränderung in dem Läuten von sich aus anzuordnen, sondern mit der Anfrage um Erlaubniß erst zu dem Bürgermeister hinaufstieg und geschmeidig hinabkehrte, als dieser den hohen Consens verweigerte; daß endlich die Diener der Kirche hinsichtlich ihrer äussern Bedürfnisse nicht blos von der Gnade weltlicher Oberer, sondern ebenso sehr von der Willkür unterer Beamteter abhiengen, was ursprünglich nicht so gewesen seye.

Diese Vergleichungen konnten allerdings nicht zum Vortheil von Ereignissen ausfallen, durch welche die letzterwähnten Zustände waren herbeigeführt worden. Mit ungleich größerem Wohlgefallen weilte daher das Auge auf jenen, in welchen das Urtheilsvermögen den naturgemäßen Normalzustand anerkennen mußte. Allein so von Gott verlassen und aller natürlichen Klugheit baar war ich nie, daß ich Idealen nachgejagt hätte,[234] da, wo der flüchtigste Ueberblick mich lehren mußte, daß zwischen diesen und dem realen Standpunct Gebirge sich thürmten, Abgründe gähnten; so beschränkt war ich nie, um gegen das, was durch immer weiter schreitende Uebung dreyer Jahrhunderte Geltung gewonnen, ankämpfen zu wollen. Ich räumte diesem das volle Anrecht auf unwiedersprochenes Bestehen als einer hiezu sich hindurchgerungenen Thatsache ein, glaubte aber dabei die volle Freiheit in Anspruch nehmen zu dürfen, an eine, lange vor derselben verlaufenen Vergangenheit einen andern Maßstab anlegen zu können, als den seitdem durch jene Thatsache in den Gang gebrachten. Verargt man es aber dem Dichter, der unter den Nebeln des Nordlandes Neapels azurnen Sternenhimmel preist und hinter dem Fuselglas von des Vesuvs Flammennectar träumt? Dann erst, wenn er auf der Hasenheide einen Weinberg anlegen wollte, um Lacrimæ Christi zu pflanzen, dann erst könnte man Raths pflegen, wie bald er im Narrenhaus unterzubringen wäre.

Meine Rückblicke in jene Vergangenheit hatten daher keine andere Bedeutung, als jene Sehnsucht nach ehemätigen, für zusagender gehaltenen, nun aber unwiederbringlich verschwundenen Verhältnissen. Ein Anderes wäre es, auf das Zurückführen von diesen hinarbeiten zu wollen; ein Anderes dagegen ist, auf die wirklich vorhandenen so einzuwirken, daß sie nicht fortan schlechter werden, innerhalb der Gränzen des Zulässigen und rechtlich Erreichbaren sich anzustemmen. Inwiefern jene Anschauung und Werthschätzung des Vergangenen auf dieses Bestreben Einfluß geübt, Lust und Tüchtigkeit hiezu erhöht habe, das muß zu den geheimen Processen in der verborgenen Werkstätte der Geisterwelt gezählt werden, in die während ihres Verlaufs selbst derjenige nicht zu jeder Zeit klar hineinzuschauen vermag, welcher deren Gegenstand ist. Indeß, wo einmal, auf unwiderlegbare Prämissen gestützt, die Ueberzeugung eintritt, daß dem unaufhaltsamen Herabrollen müsse Halt geboten werden; sodann, wo unter eigenem Darangeben, anbei von selbsteigenen Zwecken unberührt, dann für die wohlaufgefaßten[235] Befugnisse Dritter unnachtheilig, immer aber einzig zum Besten des innern und äussern Bestehens Anderer Solches versucht wird, da läßt sich unter allen Begegnissen mit der heitersten Ruhe in dergleichen Bestrebungen schauen, ob sie nun mögen erreicht oder vereitelt, gewürdigt oder mißkannt, gefördert oder gehindert worden seyn.

In der handschriftlich vorhandenen Darlegung einer mich persönlich berührenden Begebenheit, verfaßt zu Anfang des Jahres 1833, kommt folgende Stelle vor, die, aus den damaligen Anschauungen hervorgegangen und geschrieben zu einer Zeit, in welcher ich meiner Aufgabe am vollkommensten bewußt und zu deren Lösung am rüstigsten war, über jene ein gültigeres Zeugniß zu geben vermag und die Glaubwürdigkeit ungleich mehr in Anspruch zu nehmen befugt ist, als wenn Aehnliches erst nach einem Jahrzehend aus der Erinnerung wäre geschrieben worden.

»In der Mitte des vorigen Jahrhunderts,« heißt es dort, »hatte die Geistlichkeit größtentheils aus unfähigen, indolenten Menschen bestanden, welche nie zur Ahnung einer Standeswürde und Ehre sich hatten aufschwingen können. Aber wie damals die Sachen sich verhielten: sie hieng gewissermaßen von dem Antistes ab; und da dieser gemeiniglich von den Häuptern des Staates geehrt wurde und mit ihnen in gutem Vernehmen lebte, so konnten beide Stände, ohne aneinander zu stossen, ihren gewohnten Gang ungestört fortsetzen. Die Zeiten waren ruhig, das Geleise seit langem eingefahren. Mit der Revolution ward es anders. Der öftere Wechsel von Grundsätzen und Verfassungen wirkte auch auf das Verhältniß von Geistlichkeit und Staat zurück; die revolutionären Lehren stellten andere Begriffe von diesem auf; es kamen mancherlei Anforderungen, sogar Reibungen zum Vorschein, von denen die ältere Zeit nichts gewußt hatte.

Indeß war auch mit der Geistlichkeit eine wesentliche Beränderung vorgegangen. Sie war geistiger, individuell kräftiger intelligenter, ausgebildeter geworden; als Gesammtheit jedoch[236] hatte sie die vorige Art noch nicht ganz vergessen. Das Bestreben des Triumvirs (mein damaliger Amtstitel) gieng schon seit langem dahin, sie zuerst zu einem compacten Ganzen zu vereinigen, sodann ihr zum Bewußtseyn der Würde und Bedeutung eines Standes zu verhelfen, endlich derselben eine kräftigere Stellung zu sichern, innerhalb der Schranken, welche durch die Natur der Sachen, wie sie aus den frühern Veränderungen hervorgegangen, gezogen sind. Sie sollte sich in ihrer allgemeinen und öffentlichen Beziehung zu dem Stande eines Körpers erheben, welcher seine bestimmte Stellung in dem Gemeinen Wesen einzunehmen und diese auf das Individuum überzutragen habe. In diesem Sinne waren bei verschiedenen Gelegenheiten Eingaben gemacht, gegen Zumuthungen Einsprachen erhoben, den Verhandlungen, wo es immer geschehen konnte, eine Wendung gegeben worden, welche dieses Bestreben unverkennbar durchblicken ließen. Das war einigen meinungsordnenden Magistraten ein Gräuel; sie ahneten hierin hierarchische Absichten, ein Gespenst, welches sie ebenso unablässig verfolgte, wie den Schultheißen Amrhyn in Luzern dasjenige von der Curia romana. Sie fürchteten, wenn der Triumvir Antistes werde, so dürfte er auf Verwirklichung dieser vermeinten Absichten und Bestrebungen noch kräftiger hinarbeiten, die Geistlichkeit dann noch weniger in demjenigen Zustand bleiben, der sich aus blossem car tel est notre plaisir ferner Alles, was den Stellvertretern des souveränen und mündigen Volkes momentan einfalle, geduldig werde aufhalsen lassen; obwohl man dessen keine Besorgniß hätte haben müssen, denn der Triumvir kannte die Gränzen, innerhalb deren die Geistlichkeit sich zu bewegen habe, zu gut, und hatte sich selbst bisweilen in den Conventen gegen Anträge erhoben, von denen er einsehen konnte, daß sie nichts als Verdruß bereiten würden, ohne daß diesen das innere Bewußtseyn aufgewogen hätte, nichts Anderes, als was recht und zulässig seye, ver langt zu haben. Was dann aber immer von der Geistlichkeit ausgieng und nicht behagte, dessen mußte Jederzeit er die Schuld tragen.«[237] Daß aber unter den Geistlichen einige, vielleicht mehrere sich fanden, die mich durchaus nicht begreifen konnten oder wollten, das befremdete mich nicht; wohl aber das, daß es Solche (oder vielleicht auch nur einen Solchen) gab, die in Augendienerei mein Wirken in schiefes Licht zu setzen suchten. Ein Derartiger, der in der Kriecherei gegen Obere eine erkleckliche Virtuosität sich angezappelt hatte, gerieth einst in eine ziemlich unfreundliche Reibung mit dem Bürgermeister um nun die verlorene Huld wieder zu erschwingen, begab er sich zu demselben und sprach zu ihm in beliebten allgemeinen Ausdrücken: »wenn er wüßte, welche Sprache in den Versammlungen der Geistlichkeit oft geführt würde! welche Anträge man sich erlaube! welche Tendenzen man hätte!« – Der Bürgermeister theilte mir dieses bald hernach mit und ließ nicht undeutlich durchblicken, daß ich hiemit gemeint wäre. Die Reibung war aber erfolgt aus Veranlassung einer Aeusserung, welche in der Versammlung der Geistlichkeit der Geschmeidige selbst gegen die aufsichtführende Behörde über eine Amtsverwaltung sich erlaubt hatte. Ungeachtet ich damals der Sitzung gar nicht beigewohnt und die erste Kunde von jenem Ausfall durch den Bürgermeister erhalten hatte, warf der Ehrenmann seinen Argwohn, daß dieser vielmehr durch mich Nachricht hievon möchte erhalten haben, dennoch auf mich, und hoffte durch jene formlosen Hindeutungen auf Ungebürliches den gnädigsten Blick wieder erbuhlen, zugleich aber mir Eines versetzen zu können.


Darum hat mich auch seit jener Zeit der allerwärts decretirte Reformationsjubel nicht besonders in Bewegung gesetzt. Was konnte ich dafür, daß es mir scheinen wollte, es seye doch zu viel weggefegt worden; nicht Alles immer aufs lobenswertheste dabei hergegangen? Wie sollte ich dieser Ansicht, die durch den Flitter aller Jubelrednerei hindurch unabweislich mir sich entgegendrängte, entfliehen? Daß gejubelt werde, ließ sich zwar[238] befehlen, nicht aber Stimme, Ton und Umfang verordnen. Als daher solcher Befehl auch in unserm Ländchen ausgieng, habe ich es vorgezogen, von christlichem Sinn und Wandel, als dem Kriterium eines reinen Glaubens, über die apostolischen Worte zu sprechen: Nun erfahre ich mit Wahrheit, daß Gott die Person nicht ansiehet, sondern in allerlei Volk, wer ihn fürchtet »und recht thut, der ist ihm angenehm;« womit ich keineswegs dem Indifferentismus das Wort sprach, sondern die Möglichkeit, dieser apostolischen Erklärung nachzukommen, mit entschiedenem Bekenntniß des geoffenbarten Glaubens in innern Zusammenhang brachte, und dieses entschiedene Bekenntniß als erstes und unerläßliches Erforderniß für Jeden aufstellte, der in dem Christennamen einen Vorzug und eine Zierde erkenne, ohne welche er, wie auch seine Form des Glaubens seye, denselben nur unbefugt sich anmaße.

Vielleicht mochte man diese Art zu jubiliren eine höchst unbefriedigende, selbst tadelnswerthe nennen. Welche Fragen würde man jetzt nicht an denjenigen zu stellen sich befugt halten, der die wahre Freude an dem Wort Gottes mit dem Reichthum an dessen Frucht in Verbindung setzt? Warum geht man nicht mit vereintem Ernst an die Vielen, welche die Offenbarung zur Welt hinaus- und mit einer heidnischen Weltanschauung die bürgerliche, moralische und gesellschaftliche Auflösung hineinjubiliren mochten? Da ließe sich immer noch fragen: wer würdiger werde jubilirt haben, ich oder jener Fels in St. Gallen? der zwar die Jubelliteratur mit einem Büchlein bereicherte, dagegen ein paar Jahre später an einem Charfreitag predigte: unser Herr seye nichts mehr und nichts weniger gewesen, als ein gewöhnlicher Mensch. Und wie ward nicht diesem Jubilanten Anerkennung und Billigung so trostreicher Lehre zu Theil? Ein ehrbarer Bürger jener Stadt fand sich über dieselbe in seinem Innersten emport und konnte kaum sich zurückhalten, dem »Licht und Wahrheit« Verkündenden an seine »heilige Stätte« hinaufzurufen: Du lügst! Daß er aber dem muntern Reformations-Jubilanten seinen Fortschritt ganz dahin gehen[239] lasse, das konnte der Bürger nicht über sich gewinnen. Er schrieb ihm also einen Brief, worin er ihm sein Jubel-Evangelium in scharfen Ausdrücken vorhielt. Der Fels, anstatt sich zu bemühen, den Obscurantennebel des Bürgers durch sein Aufklärungslicht zu zertheilen, verklagte denselben vor dem Rath. Hochweiser Rath ließ den Bürger kommen und legte ihm für seinen Brief eine Strafe von zweihundert Gulden auf; wobei noch in Frage käme, ob nicht hiemit der Rath dem bindendsten Papstthum das Wort geredet habe, indem er so den Bürger zwingen wollte, unter Darangabe aller freyen Ueberzeugung, seinen Glauben dem Felsischen Unglauben ohne die mindeste Widerrede zu unterwerfen? Der so Angegangene erklärte: er müße freilich sich fügen, aber es seye doch hart, seine Meinung (ja! und welche?) nicht mehr äussern zu dürfen. Der Rath ließ ihn wieder abtreten und setzte die Strafe auf die Hälfte herab, die der Bürger unerbittlich bezahlen mußte. Sind Erscheinungen solcher Art nicht implicite in dem Reformationsjubel innbegriffen, durch denselben gerechtfertigt, aber nicht zugleich geeignet, bei positivern Naturen denselben beträchtlich anzukühlen?

Wir sind nicht Herrn unserer Gedanken, oder wenigstens blos in so weit, daß wir denselben momentan uns entwinden, nicht aber daß wir ihr ursprüngliches Regen, ihr allfälliges Wiederkehren immer verhüten können. So drängte sich mir damals unter den vielen Zeitungsberichten und unter dem mancherlei Reden über dieses Jubiläum eine Frage auf, die ich weder suchte, aber ebensowenig gebieterisch von der Hand weisen konnte; die, stets von neuem geweckt, zwischen alle diese Berichte sich hineinschob, die Frage nämlich: wann feyert die katholische Kirche ihr Stiftungsfest? Und da war ebensowenig die Antwort abzuweisen: am Weihnachtstage; denn ihre Zeitrechnung fällt mit der christlichen Zeitrechnung zusammen. Oder sie beantwortete sich auch so: für denjenigen, welcher den unauflöslichen Zusammenhang des Alten und Neuen Testaments anerkennt, reicht der Ursprung dieser Kirche bis zu der Verheissung[240] im Paradies hinauf und fällt mit dem Weltalter zusammen. Sie macht daher in die beiden Ausgangspuncte aller Zeitrechnung keinen Einschnitt, der an Jahr, Monat und Tag sich knüpfte. Sie baut demnach in den Strom der Zeit keinen Damm, veranlaßt in demselben keine Unterbrechung, ja sie ist dieser Strom selbst, oder doch das Bette, worin er fluthet. Da mag wohl an dieser und jener Stelle ein Bächlein abgegraben, demselben ein besonderer Name beigelegt, eine Tafel aufgesteckt werden, mit der Innschrift: da ist der Quell des Bächleins N. N., der Strom quillt deßungeachtet von den Bergeshöhen, die in den undurchdringlichen Wolkenschleyer sich hüllen, hinter welchem der Alte der Tage sitzt, der in seiner allmächtigen Hand die Urne hält. Und hiemit wieder fällt der Ursprung der Kirche mit demjenigen zusammen, der da war, ist und seyn wird, und knüpft derselbe sich nicht an eine blos menschliche Individualität, an irgend einen durch eine solche herbeigeführten Vorgang, wohl gar an eine Handlung des Zerstörens, wie das Verbrennen von Papieren, das Zerschlagen von Bildern, das Poltern gegen Einrichtungen, an welche menschliche Schwäche oder Verderbniß Entstellung und Mißbrauch etwa heranschleichen ließ.

Jetzt aber, aufrichtig, nicht von meinem damaligen, sondern von meinem gegenwärtigen Standpunct, gesprochen: was soll dieses Jubiliren? Was ist der Grundton, der durch dasselbe klingt, welches sind die Laute, die aus hundert und hundert Kehlen zusammenschallen, was einigt tausend und tausend Stimmen, daß sie zu einer Stimme und zu eines gemeinsamen Gedankens Ausdruck dabei sich verschmelzen? – Wenn am Weihnachtsfeste die katholische Kirche in der Geburt des Menschensohnes ihre Gründung feyert, so rauscht aus tausend und tausend Tempeln, aus Millionen und Millionen Herzen ein einstimmiges »Ehre sey Gott in der Hohe« himmelan; es ist ein Gedanke, der Alle durchfliegt, ein Gefühl, das Alle durchbebt, eine Empfindung, die Alle durchzittert, ein Lob, das Alle begeistert, eine Gewißheit, die Alle beseligt; es ist etwas Allen Gegebenes, von Allen Erkanntes, durch Alle Ergriffenes, [241] Alle Bewegendes, was die Seelen erfüllt, was die Gemüther einigt, was die Herzen verbindet, was die Geister in Eines verschmelzt; es sind nicht mehr die Millionen Gläubigen, welche danken, preisen, lobsingen, jubeln; – es ist die eine, heilige, das Erdenrund umfassende Kirche, welche einen Gedanken durch ein Wort, in einer Stimme ausspricht, und zu welcher derselbe Gedanke, in demselben Wort, durch dieselbe Stimme darniederklingt von den Chören der Engel und von den Schaaren der Vollendeten. Und wenn am Pfingsttage die katholische Kirche das Fest ihres sichtbaren Hinaustretens in die Welt feyert, so ist's wieder ein Geist, der sie heiligt und einigt, und ein Bewußtseyn, das sie in allen ihren Gliedern durchglüht, und eine Zuversicht, die sie erhebt, und eine Erneuerung der seit achtzehn Jahrhunderten wiederkehrenden Thatsache, daß in allen Zungen und in eines Jeglichen Sprache, aber in einem Sinn und nach einer Ueberzeugung und zu einer Erkenntniß und zu einem Trost und zu einer Hoffnung die großen Thaten Gottes verkündet, gepriesen, verherrlicht, Alle gefestigt werden in der erleuchtenden, leitenden, starken den Zuversicht des Eines-Seyns mit der Säule und Grundfeste der Wahrheit, der Kirche; mit ihr, welche der heilige Geist erfüllt, in alle Wahrheit leitet, bei welcher der, der sie erkaufet hat aus allem Volk, aus allen Zungen und allen Sprachen, bleiben wird bis an der Welt Ende, und welche darum in dem nimmer rastenden Kampf mit den Pforten der Hölle von dieser nicht kann bewältigt werden. So ist das Zahllose zum Einen geworden, verklärt sich das Einzelnleben in seiner höchsten Manifestation zum Gesammtleben, tritt das Endliche in verklärte Beziehung zum Unendlichen, und geht die Kirche als reine Braut in dem glänzendsten Schmuck ihrem Bräutigam entgegen.

Ist dieß auch der Fall bei den, nicht allein von ihr Getrennten, sondern unter sich selbst Zerrissenen? Wo ist hier das Einigende, Verbindende, himmelan Hebende, wo das Zusammenstimmende in jenem Jubiliren? Sind da auch die tausend[242] und tausend Gefühle zu einem geworden? Sprechen da auch die tausend und tausend Stimmen wie aus einem Munde? Sind da auch die Gedanken von Millionen zu einem verschmolzen? Ist da auch ein und derselbe Laut, der von allen Erdgürteln und von allen Weltendem zu einer Verherrlichung der unmittelbaren Gnadenwirkung des Erbarmenden zusammenklingt? Ja, es giebt eine Einigung in diesem Jubiliren – das traurige Jauchzen, daß sie aus der katholischen Kirche geschieden sind. Was aber über dieses hinaus? Etwa die Einigung in dem menschgewordenen Wort und in dem, was es uns kund gethan hat? Sind wohl diejenigen die Mehrzahl, welche jubeln, daß sie noch den Gottmenschen haben, ihn hören, darum, weil er Worte des ewigen Lebens hat, mit Freudigkeit ihm folgen können? Steht nicht dicht neben demjenigen, den diese Gewißheit noch belebt, ein Anderer, der darüber jubelt, daß die Kritik den Gottmenschen zum Propheten von Nazareth verkleinerte; neben diesem ein Dritter, der darüber jubelt, daß ihn die Vernunft endlich auf einen Weisen reduciren konnte; neben diesem ein Vierter, der deßwegen jubelt, daß ihm die fortschreitende Entwicklung die Stellung eines bescheidenen Volkslehrers anweisen mochte; neben diesem ein Fünfter, der darob jubelt, daß des Menschen Scharfsinn gelang, ihn endlich in eine Mythe zu verwandeln. Wie auch dieser Aller und noch so mancher Anderer Wege auseinandergehen, Jeder bejubelt die Gewalt, welche zuletzt auf den seinigen ihn geworfen hat, darum Jeder in anderm Sinn, Jeder in anderer Zunge, Jeder von anderm Standpuncte. Oder meint ihr, es klinge in gleichen Ton in der Hofkirche zu Weimar und in einem Bethause zu Barmen? Meint ihr, es spreche hinaus über jenes Jauchzen wegen gelungener Trennung weiter noch ein Sinn und ein Wort aus dem Munde eines Pietisten und eines sogenannten Denkgläubigen, dem seine Vernuft Gott, Altar und Priester zugleich ist? Sollten sie zusammenstimmen jene Wenigen, welchen die symbolischen Bücher noch das sind, was sie vor dreihundert Jahren waren, und die Vielen, die in der Reformation nur[243] den ersten Impuls zu einer ins Unbegränzte hinauszielenden Bewegung anerkennen und preisen? Und ist es so himmelan hebend, so verherrlichend, ein so würdiges Lobpreisen des gnadenreichen Erbarmens des Vaters, der versöhnenden Liebe des Sohnes, der festigenden Leitung des heiligen Geistes, wenn sie mitunter auch deßwegen jubiliren, daß die Gewerbe sich gemehrt, daß die Nahrungszweige sich vervielfacht, daß die Schulen sich erweitert haben, daß die Straßen besser, daß manche bürgerliche Einrichtungen zusagender geworden sind; gleich als ob ohne jenen Impuls das Menschengeschlecht durch den Lauf voller drei Jahrhunderte stille gestanden wäre!

Wenn dann zur Verherrlichung des Sieges aller Siege, des Sieges des Lebens über den Tod, durch die Versammlungen der Gläubigen auf dem weiten Erdenrund bei der Wiederkehr des Lichtes, als des Sinnbildes der Erleuchtung von dem Angesichte des Herrn, das Freudengejauchz Exultet die Millionen hinreißt zu dem wahren, alle hinanhebenden Jubel, der seinen Widerhall findet in den Schaaren, die dem Lamme folgen, – meinet ihr auch, es walte alsdann durch die Geister ein solches Gewoge und Gebrause der Ansichten, Meinungen, Lehren, oder es fluthe nicht vielmehr aus ihnen, deren »Zahl viel tausendmal Tausend« ist, ein Strom seliger und dankglühender Gefühle mit dem einen Ausdruck: »Das Lamm, das erwürget ist, ist würdig zu nehmen Macht und Gottheit und Weisheit und Kraft und Ehre und Ruhm und Benedeyung und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit?« Und meinet ihr auch, daß alsdann, wenn sie in das, Erde und Himmel einigende, Gott und Menschen versöhnende Geheimniß sich versenken: daß »der Tod verschlungen ist in den Sieg,« und wenn sie frohlocken: »Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?« – meinet ihr, daß alsdann auch nur Einer mit Gedanken an Nahrung und Gewerb, an Straßen und Weltverkehr, an Schule und Gemeindeordnung sich beflecken, wohl gar, um solcher willen an dem Freudengesang Theil zu nehmen, könne aufgefordert, dahingerissen werden?[244] Es ist überhaupt ein eigenes Ding um dieses Reformations-Jubiliren. Wollte man sich dabei auf das Setzen und Bejahen beschränken, so wäre dasselbe gar nicht denkbar. Das immerwährende Herumquengeln von Licht und Wahrheit und Wahrheit und Licht möchte die Leute duselig machen, und das unablässige Anrühmten von Bibelverdeutschung ihnen zuletzt doch gar zu langweilig werden. Sie müssen daher über diese enge Umzäunung hinaus; und da wird das Hinwegnehmen und Verneinen nicht allein ein nothwendiger Bestandtheil, sondern die unerläßliche Bedingung des Jubilirens. Das allenthalben und zu aller Zeit, unter allen Gestalten wiederkehrende Normalthema jener in Deutschland stehend gewordenen Jubelpredigten ist eigentlich schon enthalten im Evangelium des heiligen Lucas, Cap. XVIII, 13,11, gleichwie auch diese Stelle der wahre Normaltext für dieselben wäre. Denn wie viele Jubelpredigten man zur Hand nehme, schwerlich liesse eine einzige sich finden, worin nicht die dort ausgesprochene Gesinnung bald übermüthiger, selbst trotziger, bald gemässigter und glimpflicher ausgedrückt sich fände, des Wusts von Entstellungen und platten Invectiven und blanken Versündigungen gegen alle geschichtliche Wahrheit und gegen die hausbakenste Ehrlichkeit nicht zu gedenken. Da ruft Röhr seinen Zuhörern zu: »wie Schuppen fiels der von arger Priesterlist bethörten Christenheit von den Augen, als sie aus dem, ihr in der Muttersprache mitgetheilten göttlichen Worte erkannte, welche schnöden Menschensatzungen ihr Jahrhunderte lang zu blindem Glauben dargeboten worden!« Da klagt Marheineke über »das herbe Loos der Katholiken«, deren »Glauben nichts weiter als ein Werk menschlicher Kraft und Thätigkeit« (mir selbst wurde es mündlich und schriftlich, von Geistlichen und von Layen, von dem Oberhaupt der Kirche bis zu deren unterstem Glied hinab ganz anders gesagt), »nicht eine Gabe und Gnade Gottes seye.« Da faselte ebenderselbe: »die Katholiken haben einen verfälschten Lehrbegriff, Alles ist ohne Tiefe und Innigkeit, die Sinnlichkeit kann mit allen Ehren bestehen, bedarf der Gnade der göttlichen Erlösung[245] nicht« (was bedeutet denn das überall vorkommende Kreuz?); da hören wir ihn toleranzen: »Die Katholiken vermischen das Heilige mit dem Sinnlichen, überladen und erdrücken den Gottesdienst mit weltlicher Pracht und Herrlichkeit, mit einer Menge geistloser Gebräuche und mit einem bunten Geberdenspiel.« Da findet ein Anderer in der katholischen Kirche »leeres Geschwätz, das Andacht lüge, Menschen, die mit ihrer Frömmigkeit Gewerbe treiben.« Da begrüßt sie ein Dritter mit eitel »Aberglaube, Heuchelei und Werkheiligkeit;« diese erklärt Hr. Marheineke in althergebrachter, verdrehter Deutung »für eine Lästerung des einigen Mittlers zwischen Gott und dem Menschen;« indeß sämmtliche Jubilanten in den Spitälern, Armenanstalten, Stiftungsgütern und Aehnlichem, was diese entsetzliche »Werkheiligkeit« in »der finstern Zeit« gegründet, die lichthelle Zeit aber an sich gerissen hat, sich's gar wohl schmecken lassen.

Springt nicht auch hieraus wieder die Wahrheit des so unermeßlich tiefen Wortes von Tacitus: facile est odisse, quem læseris, mit ihrer vollen Gewalt in die Augen? Es gilt dieß von den Parteyen wie von den Individualitäten. Von Beiden lehrt die Erfahrung, daß, sobald die Verletzung nicht zufällig und vorübergehend ist, sondern wenn Bewußtseyn, Absicht und Berechnung deren Unterlage geworden sind, in die Gemüther der Verletzenden unabweislich der Haß einkehrt, allmählig von ihnen Besitz nimmt, gar nicht abgewiesen werden kann, am Ende zur ausschließlich bewegenden Kraft wird, daher das Verletzen fortdauert. Es ist, als treibe eine geheime Furcht, man könnte doch noch von dem Willen beschlichen werden, die zugefügte Verletzung zu würdigen, es möchte die Ahnung erwachen, der Angriff wäre zu rasch erfolgt, allzugroße Bitterkeit eingetreten, zu wenig überlegt worden, wie weit die eigene Befugniß gehe. Hiegegen giebt es kein anderes Berwahrungsmittel, als die Verletzung fortzusetzen, sie, wo möglich, zu steigern, und hiemit sich selbst eine Rechtmässigkeit und eine Gedeihlichkeit solchen Verfahrens anzulügen. Beweise, daß eine innere Nothwendigkeit[246] auf diesen Weg stoße, ließen aus dem Getriebe kirchlicher, politischer und persönlicher Erfahrungen zu Genüge sich sammeln; sie alle wären nur Belege zu den uralten Wahrheiten, daß Unrecht Unrecht, oder Lüge Lüge gebäre; wobei die Behandlung der Geschichte seit drei Jahrhunderten den fortlausenden Commentar böte. Damit es an Bekräftigung nicht mangle, steht, diesem zur Seite laufend, die Wahrnehmung, daß insgemein der Verletzte oder Beleidigte dieses Hasses, wie sehr man auch desselben ihn berechtigt meinen möchte, frei sich halte, mit demselben, als mit der unveräußerlichen Eigenschaft der Verletzenden, nicht sich gemein lassen könne, wobei diese der nothgedrungenen Abwehr oder dem festen Auftreten für die Wahrheit nur diejenigen Beweggründe unterlegen können, unter deren Einfluß sie selbst stehen.

»Wir wollen auch für die Irrglaubenden und Abgetrennten bitten, daß Gott sie allem Irrthum entreisse, und sie zu der ›heiligen Mutter‹, der katholischen apostolischen Kirche, gnädiglich zurückführe. – Allmächtiger, ewiger Gott, der du Alle zum Heil leitest und nicht willst, daß Jemand umkomme, blicke auf die durch des Teufels Tücke berückten Seelen, daß die ›Herzen der Irrenden‹ unter Ablegung alles ketzerischen Argsinnes zur Erkenntniß gelangen und zur Einigung in der Wahrheit zurückkehren; durch unsern Herrn Jesum Christum.« – So betet seit jener »finstern Zeit« bis in die gegenwärtige die katholische Kirche, einstimmig, in ihren Gliedern insgesammt, am Tage der Welterlösung für diejenigen Alle, welche zwar den Namen Christen sich beilegen, aber von ihr, der durch das verklärte Haupt gesetzten, getrennt sind. Wo ist nun, ich will gar nicht sagen die Wahrheit der Lehre, sondern die Anmuth der Praxis – da, wo man für diejenigen, die sich getrennt haben, betet, oder da, wo man diejenigen, von denen man sich getrennt hat, verunglimpft, verächtlich macht, verlästert; wo das, was sie glauben, was sie ehren, was ihnen Trost giebt, was auf dem Wege des Lebens ihnen zum Stab dient, bei jeder Veranlaßung auf die schmählichste Weise in den Koth hinuntergezogen[247] wird; wo man durch Entstellung, Verdrehung, offenbare Lügen Andere zu Boden jubeln möchte? Hiezu aber glaubt man sich verpflichtet und nicht allein berechtigt, sondern förmlich bevorrechtet. Wer dann für das Angegriffene als Vertheidiger auftritt, der ist nicht blos ein Finsterling, ein Lichthasser, ein Freiheitsfeind, ein Ultramontaner; nein, er ist ein Friedestörer, ein Aufhetzer, ein Förderer der Intoleranz.

Wie? Wenn man einmal einen protestantischen Prediger in einer katholischen Kirche, einen katholischen Priester in einem protestantischen Bethause auftreten ließe, Jeden in der Absicht, an dem freuden Ort die Lehren seine Kirche ins Licht zu setzen? Der Protestant begönne nun mit dem Wesentlichen und Positioen, woran wenigstens die Stifter seiner Partei noch festgehalten haben. Er höbe demnach an mit des Menschen Abfall von Gott. Thut das der Katholik nicht ebenfalls? – Er gienge über auf die Veranstaltung des Vaters zur Zurückführung der abgefallenen Kinder. Würde der Katholik dieses bei Seite lassen? – Er spräche von der Menschwerdung des Eingebornen. Spricht der Katholik hievon mit minderer Entschiedenheit? – Er lehrte die Einigung göttlicher und menschlicher Natur in Christo. Lehrt der Katholik sie nicht auch? – Er verkündete, wie Christus gelehrt, gewirkt, gelitten habe. – Verkündet der Katholik dieses Alles weniger ernst, klar, fest? – Er versicherte dich, daß der Weltheiland für dich gestorben, auferstanden, gen Himmel gefahren seye? Versichert nicht der Katholik dich dessen Allen mit gleicher Ueberzeugung? – Er gäbe dir Gewißheit, daß der zu der Herrlichkeit des Vaters Zurückgekehrte seinen Geist vom Himmel gesendet habe, auf daß derselbe mit seiner Kirche seye. Wäre hierin der Katholik weniger gewiß? – Vielleicht sagte er dir auch, daß dein Glaube in guten Werken Früchte tragen müsse. Bei dem Katholiken darfst du versichert seyn, daß dieß nicht übergangen wird. – Womit also tröstete, womit erleuchtete, wozu ermahnete dich der protestantische Prediger, womit der katholische Priester nicht ebenfalls dich tröstete, womit er nicht ebenfalls dich erleuchtete, wozu er nicht ebenfalls[248] dich ermahnete? Wo wäre also das reinere Licht, wo wäre der bessere Glaube, wo wäre also höherer Vorzug? In diesem Allem, in dem Gegebenen, von oben kund Gewordenen doch gewiß nicht, denn hierin stimmten Beide überein; und Katholik wie Protestant – glaubt dieser anders wirklich an den Menschgewordenen – mögen hiedurch belehrt, emporgehoben, gekräftigt, von dannen gehen. Noch kein Anpreisen des Gegensatzes ist laut geworden.

Nun kommts bei dem Protestanten, aber in lauter Verneigungen. Wenn dieser das bisher Erwähnte nicht schon offen und rund oder unter allerlei Deuteleyen von der Hand gewiesen hat, so fährt er doch fort: wir danken dir, daß wir keiner obersten Autorität des Glaubens unterwerfen sind, sondern den Richter darüber in der eigenen Vernunft in uns tragen, daher blos annehmen mögen, was diese gut heißt. – Wir danken dir, daß über das Verständniß der heiligen Schritt keine untrügliche Anweisung uns gegeben ist, sondern Jeder darin finden kann, was seinen Begriffen einleuchtet. – Wir danken dir, daß uns nicht sieben, sondern blos zwei Sakramente, und diese mehr zu Erinnerungszeichen denn als Mittel der Heiligung gegeben sind. – Wir danken dir, daß wir keine, in Glaube, Werk und Gnade Vollendeten als Fürbitter für uns vor deinem Thron anerkennen, und jede Gemeinschaft zwischen den dich Schauenden und den an dich Glaubenden von uns verworfen wird.– Wir danken dir, daß wir der Hoffnung, aus der zeitlichen Sündhaftigkeit durch einstige Läuterung zu der Vollkommenheit der Gerechtfertigten uns erheben zu können, entsagt haben. – Wir danken dir, daß kein Abbruch an den leiblichen Bedürfnissen zu Bewährung unseres Gehorsames und zur Erinnerung an des Erlösers bitteres Leiden uns auferlegt ist. – Wir danken dir, daß wir durch keinerlei Sinnbilder an den Gnadenschatz der himmlischen Wahrheit gemahnt werden. – Wir danken dir, daß an uns nicht die Aufforderung zu Werken der Barmherzigkeit, als Früchten und Siegeln der Reue und Bekehrung, ergeht. – Wir danken dir, daß wir keine andern[249] Mittel zu Erweckung und Erhebung in deinem Hause finden, als das nach Belieben vorgetragene, ausgelegte und angewendete Wort. – Wir danken dir, daß der Tage, an denen wir dich lobpreisen und des durch deine Gnade uns dargebotenen Heils gedenken können, so viel weniger geworden sind. – Wir danken dir, daß deine Heilsanstalt auf Erden keine besondern Obern mehr hat, sondern durchaus der weltlichen Gewalt unterworfen ist, u.s.w. Bei diesem Allem kann der Protestant es nicht ausweichen, angreifend gegen die katholische Kirche aufzutreten, weil in ihr dasjenige Alles sich findet, auf dessen Beseitigung er so großen Werth legt.

Der katholische Priester dagen, um seine Kirche, ihre Lehren und Umgebungen empfehlend ins Licht zu stellen, darf weder angreifen noch ablehnen. Er hat blos nachzuweisen, wie der Glaube an eine Offenbarung auch die Einsetzung eines obersten Ansehens zu deren Erhaltung für das Heil des Menschen nothwendig bedinge; wie ohne dieses das Licht göttlicher Wahrheit erlöschen, in Zweifel und Widerspruch Alles auseinander fallen würde. – Er hat einen zusagenden Stoff, wenn er den Einklang der sieben Sacramente mit der göttlichen Gnadenanstalt, mit der Bemühung Gottes um seine abgefallenen Kinder, mit dem Bedürfniß der menschlichen Seele hervorhebt.– Er braucht nur mit eindringlichem Wort darauf aufmerksam zu machen, wie tröstlich und wie erhebend der Glaube an eine geistige Verbindung der streitenden und der triumphirenden Kirche seye. – Er entwickelt bos, wie in Allem, was die Kirche sowohl darbiete, als fordere, dankbar Gnadenmittel anzunehmen seyen, um die glaubensfreudige Seele zu bewahren, zu üben, zu stärken, der göttlichen Liebe zu versichern. – Er zeigt nur, wie die Kirche, als die von dem Vater im Himmel auf Erden uns gegebene Mutter, alle Anlagen, alle Kräfte, alle Fähigkeiten, alle Bedürfnisse, so Aller insgesammt wie jedes Einzelnen, berücksichtige, pflege, durch einen unendlichen Reichthum von Mitteln ihnen entgegenkomme, zu dem einen Zweck: uns desto gewisser zu dem Vater zurückzuführen. – Geht es[250] aber hinaus über dieses, in reicher Ernte prangende Feld, so mag es geschehen, um diejenigen zu beklagen, die von den blühenden Auen hinweg auf die Haiden ihrer in Selbstgenügsamkeit stolzen Vernunft sich gewendet haben.

Dieß beiderseitige Verfahren liegt aber in der Natur der Sache. Der Irrthum ist seiner eigenen Lebensfristung wegen gezwungen, unablässig gegen die Wahrheit anzukämpfen, mit rauhen Waffen gegen sie aufzutreten, sie nicht blos zu verkleinern, sondern sie gänzlich abzuläugnen, und die Standpuncte zu verwechseln, also daß er sich an ihre Stelle, sie an die seinige setzt. Auch die Wahrheit darf, soll, muß allerdings gegen den Irrthum auftreten; aber es ist eine ganz andere Weise, die sie annimmt, es sind ganz andere Waffen, die sie führt; es sind jene der alten Heldensage, in welchen die verwundende mit der heilenden Kraft geeinigt ist. Die Wahrheit darf nicht zurückstossen, sondern sie muß anziehen; sie kann nicht einreissen, sondern sie muß aufbauen; sie darf nicht nehmen, sondern sie muß geben. Darum eifert sie weniger gegen den Frevelmuth des Wegwerfens, als daß sie auf das Bedürfniß des Behaltens und Annehmens hinweist; darum maßt sie sich nicht die Flammenrede des Richters an, sondern stimmt sie in den Klagelaut des Propheten ein; schreit sie weniger: »die Völker sind in dein Erbtheil gekommen, sie haben deinen heiligen Tempel geschändet,« als daß sie seufzet: »ich habe Kinder ernährt und erhöhet, sie aber haben mich verachtet,« sie gedenkt, daß es nur Gottes und seines Eingebornen seye, zu sagen: »wer nicht mit mir ist, der ist wider mich,« ihrer aber: »wer nicht wider uns ist, der ist für uns.«


Ein armseliges Stoppelwerk, welches der Pfarrer Marcus Lutz von Läufelfingen im Jahr 1816 unter dem Titel: »Geschichte Helvetiens seit dem Frieden von Tilsit bis zur Beschworung des neues Bundes« hatte erscheinen lassen und dem ich[251] sein Recht anthun wollte, brachte mich in Verbindung mit der Jenaischen Literatur-Zeitung, in der ich viele Jahre durch die Schriften, welche die Schweiz betrafen, anzeigte. Es ist wahr, ich habe mir in diesen Anzeigen bei Gelegenheit manches, von gewöhnlicher Rede abweichende Wort über die Reformation erlaubt, aber blos im Interesse der geschichtlichen Wahrheit. Sie trieben es mir zu toll mit dem ewigen Geleyer von unmittelbarer Erleuchtung, von göttlicher Fügung, von lauter Gnade, von freyem Entschluß, von blos untadelhaften Mitteln; indeß sie nebenbei die Handlungen roher Gewalt, die Beihülfe von Schwertern und Bajonetten, die Bekämpfung, Verfolgung und Vertreibung derer Aller von Haus, Hof und Heimath, die nicht erleuchtet, die von jener Gnade nicht berührt wurden, die dem freyen Entschluß sich nicht fügen wollten, doch nicht verheimlichen konnten. Es war mir unerträglich, dieses unablässige Dudeln von Licht und Wahrheit, Wahrheit und Licht, gleich als ob zwölf Jahrhunderte durch Alles in stockdichter Finsterniß gesessen hätte und mit eitel Trug und Irrthum wäre gefüttert worden. Auch hier forderte die Geschichte ihr Recht. Ich meinte, man könnte mit der Thatsache und mit der Geltung, welche die neue Lehre durch den Verlauf von drei Jahrhunderten gewonnen, sich begnügen, ohne gerade, jedem klaren Auge zum Trotz, immerwährend noch das undankbare Geschäfte treiben zu wollen, schwarz in weiß und weiß in schwarz zu verkehren. Wenn der reformirte Pfarrer gegen denjenigen, der seiner Ehe wegen ihn tadeln wollte, sich auf Zwingli beruft, so steht er in seinem vollen Recht; wenn er aber weiter gehen und Zwingli's fleckenlosen Wandel behaupten will, so darf er sich nicht beklagen, wenn er zur Behutsamkeit gemahnt wird, dieweil die Ehe seines Gewährsmannes am 2. April 1524 geschlossen, von ihm selbst aber angemerkt worden ist, sein ältestes Mädchen seye ihm den 31. Juli gleichen Jahres – also im vierten Monat nach geschlossener Ehe – geboren worden. Mit Emphasen jener Art, und mit Umgehung der Wahrheit haben sie gar zu breit und zu unverschämt um sich geschlagen, eine Verpflichtung[252] aber, dieses so blindlings hinnehmen zu müssen, konnte ich nie anerkennen. Es gieng mir da wieder wie in der Jugend mit meinem Professor der Geschichte: die alltäglich aufgetischten Abgeschmacktheiten führten mich zu der Wahrheit und weckten zu gleich den Geist des Widerspruchs.

Dieß Alles hatte Statt gefunden, war in mir vorgegangen, hatte, jetzt blos flüchtiger Wahrnehmung, dann ein anderes Mal wieder der Reflexion sich dargeboten, lange bevor ich zu Katholiken in nähere Beziehung kam, mit irgend einem Kloster befreundet war. Es ist ganz unnöthig, irgendwelchen andern Einflüssen auf meine Ueberzeugungen als Studien und stille Ueberlegung nachzuspüren. Gewiß wäre ich solcher bewußt, könnte ich sagen, das oder dieß hat der Menschen lebendiges Wort an mir bewirkt, ich wäre aufrichtig genug, es zu bekennen; da aber der Gang meiner Entwicklung in vollester Klarheit vor meinen Augen steht, muß ich alle derartigen Versuche mit der getreuesten Wahrheitsliebe von der Hand weisen. – Auch für später eingegangene Verbindungen war blos die Geschichte Innocenzens des Drittens das verbindende Element. Obwohl an diesen, anscheinend unerheblichen Umstand im Verlauf der Zeit von selbst und völlig absichtslos Folgen sich knüpften, die wieder zu Ursachen, neuen Einwirkungen geworden sind. Denn, nachdem die zunächstliegenden Hülfsquellen für mein Geschichtswerk erschöpft waren, mußte ich mich noch um andere umsehen. Das führte mich zuerst in das naheliegende Rheinau, dessen Bibliothek mir unendlich Vieles verschaffte, was auf der unsrigen nicht zu finden war. Die Bereitwilligkeit, mir zu entsprechen, das Wohlwollen, womit die ganze Klosterbibliothek mir förmlich zur Verfügung gestellt wurde, die freundliche Aufnahme, die ich Jederzeit zu Rheinau fand, knüpfte ein angenehmes Verhältniß, welches immer mehr und mehr sich festigte und meine dankbare Gesinnung gegen den Hochwürdigsten Herrn Präläten und sämmtliche Herrn Conventualen nie wird erlöschen lassen. Aus gleicher Veranlassung trat etwas später ein ähnliches Verhältniß zu dem Kloster Muri ein. Wie dann[253] durch die Zeitereignisse dieses auch auf einige andere Klöster ausgedehnt ward, mag wohl später berührt werden.


Treulich wahrnehmend der Obliegenheiten meines Amtes, freudig manch andern Geschäften mich unterziehend, in angedeutetem Sinne unter der Geistlichkeit wachend und wirkend, für Wahrung der Rechte, für Förderung der Wohlfahrt, für Verfechtung der Ehre meiner Vaterstadt zu Allem immerdar bereitstehend, mit dem Rest meiner Zeit, bei sparsamer gesellschaftlicher Verbindung, für mein Geschichtswerk geizend und hierin die wahre Erholung findend, sah ich die Revolution des Jahres 1831 herannahen. Sie hat bedeutende Folgen für mein äusseres Leben gehabt, bedeutendere für mein inneres. Dieses, durch Festigung in meinen Principien, durch Entschiedenheit, von diesen nichts abdingen zu lassen, durch erhöhten Muth, ihrer Unwandelbarkeit Alles unterzuordnen, durch reiche Erfahrungen über der Menschen wankelmüthige Art und Weise, jetzt aber, nachdem dreizehn Jahre darüber hingegangen sind, in Vergleichung, wie so Manche, alles Halts ermangelnd, von dem damals eingenommenen Standpunct allmählig sich haben hinwegspülen lassen, in Mißtrauen über deren Werth.

Während diese Revolution sich bildete, entfaltete, gefördert, gepflegt, hierauf mit Bitterkeit gegen Zweifelnde vertheidigt, endlich als glückspendender Hort und segenbringender Normalzustand angepriesen wurde, habe ich ihr frisch ins Angesicht geschaut, die Lanze überall gegen sie eingelegt, so vieles Unehrenhaste, was derselben sich anhängte, stets nach Verdienen gewürdigt, und unter dem betäubenden Gerede von vermehrter Freiheit für mich diejenige in Anspruch genommen, frei gegen sie selbst mich zu erklären; wiewohl ich bald inne ward, daß, wenn Alles, so doch dieses nicht ertragen werde. Sobald sie dann sich festgesetzt hatte, schrieb ich aus frischer Fülle des Erfahrenen: »Wahrnehmungen, Notizen, Fragmente« darüber[254] nieder, wozu ich aus Boetius das Motto wählte, von dem ich heute, den 15. August 1844, nach einem Rückblick über 13 Jahre, erkenne, daß es an Gültigkeit noch nichts verloren habe:


Quod via præcipiti

Certum deserit ordinem,

Lætos non habet exitus.


Es kann nicht meine Aufgabe seyn; über den Gang, das Erstarken und die Folgen dieser Revolution umständlichen Bericht zu erstatten. Solches würde für diese Schrift sich nicht eignen; auch wäre ich genöthigt, manche Vorgänge zu berühren, über die besser ein Schleyer geworfen wird, manche Aeusserungen anzuführen, worüber die Betreffenden selbst erstaunen müßten. Ich darf mich blos auf dasjenige beschränken was wesentliche Folgen für mich herbeigeführt hat, und höchstens berühren, welche Stellung zu derselben ich der Geistlichkeit anzuweisen bemüht war.

In den letzten Tagen 1830 wurden durch Aussendlinge aus andern Cantonen und durch Helfershelfer des eigenen die meisten Ländgemeinden aufgewiegelt. Etwelchen materiellen Wünschen fügten sich die principiellen an. Von der Menge zwar nicht verstanden, wurden sie ihr dennoch als durchaus gerechte und preiswürdige Begehren angegeben. Die Rathsglieder von der Landschaft hatten aber bisdahin immer versichert, es walte überall die beste Gesinnung ob, nirgens glimme ein Funke, wäre je Solches zu bemerken, so würden sie alsbald zum Löschen aufmahnen. Gegen dergleichen Zusicherungen erhob sich nicht der mindeste Zweifel. Ob auch Symptome, die solchen gerechtfertigt hätten, hin und wieder sich bemerklich machten, die Behörden blieben unthätig und ließen den geheimen Agenten freyen Spielraum. Aber bald darauf, schon in der ersten Rathssitzung des Jahres 1831, erklärten eben Jene, welche kurz zuvor so beruhigende Zusagen gegeben hatten: es brenne lichterloh an allen Ecken, schwerlich werde man des Feuers Meister werden. Durchgehends[255] verlange das Volk eine Verfassungsänderung, einen Verfassungsrath, wie in andern Cantonen, Trennung von Stadtund Staatsgut; wenn man in dieses Alles nicht bald einwillige, so könne man für keine Folgen einstehen.

Nun fand sich in dem Canton Schaffhausen das Eigenthümliche, daß alle vier Jahre neue Wahlen statt fanden, und gleich nach denselben Obrigkeit und Volk in den Kirchen einen Eid schwuren: die Verfassung für weitere vier Jahre unverbrüchlich anzuerkennen. Dieß war am Pfingstmontage vorher geschehen. Ich hatte bei dieser Gelegenheit eine Predigt gehalten3, welcher man von allen Seiten nicht Lobes genug zu spenden wußte, ungeachtet sie der Obrigkeit eine ganz andere Stellung anwies, als die Revolutionstheorie derselben einräumt.

Jene, durch die Rathsglieder der Landschaft gegebene Erklärung hatte dem Rath die Maßregel abgetrotzt, sämmtliche Zünfte zu Stadt und Land auf den 11. Januar zu Eingabe ihrer Wünsche zu versammeln. Diejenigen der Stadt sprachen einmüthig den Entschluß aus: »da man durch den erst vor sieben Monaten geleisteten Eid sich an die Verfassung gebunden achten müsse, seye man zu Aenderungen an derselben nicht befugt; am Ende müßte man eher der Gewalt weichen, als nachgeben.« Es war dieß der letzte Hauch ehevoriger Gesinnung, des Bewußtseyns, was man gewesen, des Gefühls, überlieferte Rechte wahren zu müssen, der Erinnerung, zu den wichtigsten Dingen den Impuls zu geben, nicht zu empfangen. An diesem Tage hatte noch Niemand den Muth, die Initiative zu ergreifen, um auch in der Stadt die Neigung auf dem Eidbruch zu lenken. – Die Zünfte auf dem Land hatten lange nicht alle gelehrig sich erwiesen; nur die Mehrzahl gab Begehren um Verfassungsumsturz ein.

Aber nach wenigen Tagen verlauteten schon einzelne Stimmen in der Stadt: mit dem Eid seye es so eine Sache; sobald[256] die Mehrheit denselben nicht mehr zu halten geneigt seye, könne er nicht mehr binden; eben diejenigen, welche ihn geschworen, könnten ihn auch wieder lösen, und sobald schlimme Folgen zu verhüten wären, müsse man es nicht so genau nehmen; am Ende seye der Eid doch nur eine Formalität, und man könne es nicht Eidbruch nennen, wenn man den Umständen nachgebe. Man wußte nicht recht, woher diese Stimmten kamen; aber ihr plötzliches Auftauchen, ihr gleichartiger Laut, das Bemühen, welches man sich gab, sie da und dort vernehmen zu lassen, ihnen Beifall zu verschaffen, berechtigt zu der Vermuthung, sie hätten einen gemeinsamen verborgenen Ursprung gehabt. Doch scheint nicht, daß sie schon große Wirksamkeit gefunden hätten. – Ein Individuum, welches bald nachher in enge Freundschaft mit der Revolution trat, kam in jenen Tagen der öffentlichen Unentschiedenheit zu mir unter dem Vorwand, über Gewissensscrupel in Betreff des Eides und die Frage: in wie weit derselbe bindend seye, Belehrung zu suchen. Ich zweifle aber, daß der Betreffende über meine Auskunft befriedigt werde von dannen gegangen seyn.

Ich erklärte vor meinen Zunftgenossen, und sodann bei jeder andern Gelegenheit: wenn die Verfassung auf dem Lande nicht mehr möge gehalten werden, so seye das Einfachste, daß die Stadt erkläre: wir wollen dieselbe bewahren; wir anerkennen kein Bedürfniß, eine neue zu machen. Gelüstet euch auf dem Lande nach einer solchen, so verfertigt dieselbe, leget sie uns dann vor, damit wir sehen, ob sie uns gefallen könne. – Später gieng ich noch weiter, und brachte Trennung der Stadt von dem Lande zur Sprache. Ich bewies augenfällig aus der eigenthümlichen geographischen Gestaltung des Cantons, daß dieser, geschieden von der Stadt, schon über Aufstellung eines Hauptortes sich nicht würde verständigen können, indem von den Gemeinden, die etwa hiezu sich aufwerfen könnten, keine der andern diesen Vorzug gönnen würde, überdem jede, der derselbe zufallen könnte, von den übrigen zu weit entlegen wäre. Auch würden zuverlässig die kleinern Gemeinden[257] lieber unter der Stadt als unter einer größern Landgemeinde stehen, daher eine um die andere bald zurückkommen und selbst um Wiedervereinigung mit dieser bitten, wobei es dann ganz bei ihr stünde, die Bedingungen aufzustellen. Wenn aber auch dieß, so wahrscheinlich es wäre, nicht geschehen sollte, so möge man sich erinnern, daß die Stadt lange Zeit frei, geehrt, glücklich gewesen seye, bevor sie ausserhalb ihres Weichbildes auch nur einen Fuß breit Landes als Oberherrin beseßen habe. – Mehrere äusserten sich: »Dieses wäre zwar der letzte, jedoch einzig ehrenhafte Ausweg.«

Noch wurde einige Tage durch eifrig gerathen, viel vorgeschlagen, weniger, um die Verfassung zu retten, als um dem Uebergang zu Beseitigung des in frischem Andenken stehenden Eides das Allzugrelle zu benehmen. Denn im Grunde gehörten Verschiedene der Einflußreichsten jenen Theoretikern an, welche schon im Jahr 1826 unter der Benennung »der guten Sache« eine Revolution auf gesetzlichem Wege hatten zu Stande bringen wollen. Sie schienen es nicht ungerne zu sehen, wenn das, was vor fünf Jahren mißglückte, nun durch das Land durchgesetzt würde. Es geht häufig so bei Revolutionen: man meint ein kleines Feuerchen anzünden zu können, was Niemand belästigen werde, um welches man wohl in gewähltem Kreise behaglich sich lagern, vertraulich sich besprechen und gemüthlich sich wärmen könne. Das mag dann so eine Zeitlang gehen. Aber draussen stehen noch Andere, welche über dem Zuschauen, wie es sich da so sein und fidel sitzen lasse, ebenfalls Lust zu einem Plätzchen anwandelt, und die dann denken, wenn auch sie Holz herbeitrügen und sorgten, daß das Feuer recht hell und lustig praßle, ein Recht zum Sitzen sich zu erwerben. Und da treibt es denen, die sich zuerst gesetzt haben, wider ihren Willen den Rauch und Glast ins Gesicht und müssen sie von dannen rücken, worauf bei erweitertem Kreise die Andern ebenfalls sich setzen, jene Fürsorglichen allmählig verdrängen, und nun erst die tolle Wirthschaft recht anfängt.

Unter den Bürgern waltete ebenfalls keine Einstimmigkeit,[258] nicht mehr jene entschiedene Gesinnung, welche sie noch im Jahr 1814 vereingt hatte. Ein Zunftgenosse erzählte in Gegene wart anderer: bloß zwei Tage nach jener Versammlung vom 11. Januar hätten ihm zwei Männer aus einer Landgemeinde genau widerholen können, mit welchen Ausdrücken und in welchen Gesinnungen ich mich in derselben geäussert hätte. Die Zwischenzeit war schon benützt worden, um Einzelne über das Unvermeidliche der Verfassungsänderung zu belehren, für diese zu gewinnen; besonders war dieses an Solchen wahrzunehmen, welche etwa einen obrigkeitlichen Dienst bekleideten. Auch erklärte später ein seither verstorbener Rathsherr vom Lande mehrmals: man müße die ersten Triebfedern alles Vorgefallenen nicht, wie wohl geschehe, auf dem Lande, sondern in der Stadt suchen. Es werde wohl noch eine Zeit kommen, wo er dieß offenbar machen könne. Bei solchen Anzeichen war es nicht schwer, den Ausgang vorher zu sehen.

Am 27. Januar wurde durch den großen Rath beschlossen, der Revolution die Herrschaft einzuräumen. In einer Proclamation maßte er sich zu guter Letzt noch die Schlüsselgewalt an, indem darin der lächerliche Ausdruck vorkommt: »derselbe behalte sich vor, die Bürger seiner Zeit ihres Eides zu entlasten.« – Ich dagegen erklärte in meinem Schreiben, worin ich mich über das Wesen und die wahrscheinlichen Folgen der Revolution (die aber meine damaligen Befürchtungen weit überflügelt haben) sehr stark und freimüthig ausdrückte4, meinen Rücktritt aus mehrern Behörden, deren Mitglied ich bisdahin gewesen war. Ernstliche Versuche, mich zu Zurücknahme des Schreibens zu bewegen, unter dem Vorwand, es würde dadurch Andern ein schlimmes Spiel bereitet, sie würden in den Schatten gestellt, u.s.w., waren vergeblich. Ebenso entschieden erklärte ich mich in Privatgesprächen dagegen, daß Jemand aus der Stadt fortan eine Stelle annehmen sollte. Man möge die[259] Revolutionäre ihre Verfassung fabriciren und appliciren lassen; gewiß würden dem Volk die Augen geöffnet werden. »Aber, fügte ich hinzu, man müßte Kraft und Muth besitzen, irgend etwas Schweres für eine Zeitlang ertragen zu können«

Der Verfassungsrath war decretirt, er müßte daher gewählt werden. Ich begab mich an dem bestimmen Tag in die Zunftversammlung, jedoch bloß um zu erklären: ich hegte über die ganze Angelegenheit noch die gleiche Meinung wie vorher; der Eid seye gebrochen; man sollte von Seite der Zunft zeigen, daß man mit Eidbruch sich nicht wolle gemein machen, daher nicht wählen; die Sache würde dennoch ihren Fortgang haben, und es stünde dann doch eine Zunft unbetheiligt und einzig von der Gewalt hingerissen da. – Ich wußte wohl, daß Niemand mir beipflichten würde, denn das Wählen ist für die Menge eine zu verführerische Sache. Mir war es nur darum zu thun, meine Meinung nochmals auszusprechen. Als hierauf die Wahlzeddel herumgeboten wurden, erklärte ich: ich brauchte keinen, indem ich nicht wähle.

Das war nun gewiß, daß die erste Folge der Revolution eine Ausscheidung des sogenannten Staatsguts von dem Stadtgut seyn werde. Dafür hatte in Folge der Mediationsacte eine sogenannte Dotations-Urkunde für die Stadt Bestimmungen getroffen, die in beiderseitigem Interesse seitdem stets unvollzogen blieben. Noch bevor der Verfassungsrath gewählt war, begann ich, die Urkunde in ihrer historischen und rechtlichen Blöße zu enthüllen und darzuthun, daß, um jene Ausscheidung zu bewerkstelligen, es keinen andern Pfad gebe, als urkundlich zu erforschen, was die Stadt auf privatrechtlichem Wege erworben und was sie blos kraft ihrer Souveränetät gewonnen habe. Jenes sey ihr wahres, unbestrittenes Eigenthum, über das Letztere möge die Theilung ergehen. Ich wußte wohl, daß es hienach nichts zu theilen gegeben hätte. Die Schrift war zum Druck bestimmt, aber die Weise, wie der Verfassungsrath bestellt wurde, bewog mich, die Feder einstweilen niederzulegen.

Im Gegensatz gegen alle durch die Revolution principiell[260] geborene und in dieselbe verwachsene Praxis, Rath und Gericht auf den öffentlichen Markt zu verlegen, und, zumal über Bestreben und Wille, alle Einrichtungen mit genugsamer »Volksthümlichkeit« zu durchziehen, die Vorüberwandelnden urtheilen zu lassen, wurde in Schaffhausen das Verfassungsmachen mit der größten Heimlichkeit betrieben; man ließ sowohl über den Fortgang als über die Stipulationen der Arbeit nur selten eine vereinzelte Aeusserung durchschlüpfen. Es schien, als freute man sich inniglich des glücklichen Zufalles, der die Revolution als jungen Baren in das Haus geworfen habe, indem Hoffnung zu hegen seye, daß er zu verschiedenartiger Brauchbarkeit sich würde zähmen und abrichten lassen, um, abwechselnd, gelehrig die Hand zu lecken, zum Zeitvertreib in allerlei possirlichen Künsten herumzutölpeln, dann aber auf Wink und Pfiff Tatzen und Zähne Jedem zu zeigen, den man von dem Gehäge ferne halten möchte. Wirklich erwies sich die Bestie damals noch sehr fügsam; es däuchte sie kurzweilig, im Schlafgemach en famille gestreichelt zu werden, knurrte dabei ganz freundlich und schmiegte sich mit voller Körperlänge an den Boden. Es lüstete sie gar nicht hinaus an die rauhe Märzenluft, in das Schneegestöber, zum Tageslicht; wohler und behaglicher fühlte sie sich in ihrer unzugänglichen Zurückgezogenheit. Sollte sie gar von jenem alten Sprüchlein gehört haben: bene vixit, qui bene latuit! Verborgen wenigstens, streng verborgen, ward Alles abgemacht. Denn noch während die Arbeit ihrer Beendigung sehr nahe stand, beantwortete ein Mitglied des Verfassungsrathes dem Präsidenten Hurter die Frage über deren Vorrücken: »man schreite absichtlich nur langsam vorwärts, die Sache lasse sich leicht bis in den September hinaus verziehen; Zögerung liege wesentlich im Interesse der Stadt, weil bis zum September Manches sich entwickeln werde.«

Sobald die Revolution mit wallendem Banner und rauschender Fanfare dahergezogen kam, hatte die Frage, welcherlei cantonale Einrichtungen möchten getroffen werden, für mich nur sehr untergeordneten, den gewichtigsten Werth hingegen diejenige:[261] ob Etwas und wie Viel von den Freiheiten und den Rechten der Stadt sich retten laße? Unerfahren, daß bei Revolutionen die Worte Princip und System herumschwirren wie die Maykäfer an lauem Frühlingsabend, die Sache aber nur dann festgehalten werde, wenn es eben den Pflegern der Bewegung zuträglich scheine, vertraute ich fest, man werde in Beziehung auf innere Organisation der Stadt die freyeste Hand lassen. Es war unmittelbar nach dem 27. Januar ein gedruktes Flugblatt erschienen, welches die Ueberzeugung aussprach, daß diese innere Organisation ausschließlich in der Befugniß der Bürgerschaft liege, daher ganz freithätig durch sie müße (nicht Concession, sondern Postulat) begründet werden, woran Winke geknüpft waren, denen kein Wohlgesinnter seinen Beifall versagen konnte. Das Blatt stimmte mit meinen Ueberzeugungen auf's vollkommenste überein. Wie erstaunt war ich daher nicht, als es gegen Ende Aprils (ganz im Widerspruch mit jener wenige Tage vorher ertheilten Auskunft wegen Convenienz in Zögerung) hieß: die Verfassungsarbeiten stünden ihrer Beendigung nahe, ihr Schluß berühre die innere Organisation der Stadt in einer Weise, daß alle weitern Einrichtungen dem künftigen Gesetz überlassen würden? Das hieß nichts Anderes, als durch Annahme und Einführung der Verfassung den Gesammtkörper der Bürgerschaft zum voraus binden, daß er nachher willenlos alle Verfügungen über sich müße ergehen lassen; diese Verfügungen aber von Behörden abhängig machen, die der Mehrzahl nach nicht aus Bürgern der Stadt bestehen sollten. Ja in erster Beziehung schon wurde hiedurch die ganze Zukunft der Stadt von dem Ergebniß der Abstimmung über die Verfassung auf dem Lande abhängig gemacht.

So gleichgültig alle andern Bestimmungen des Verfassungsentwurfs mir waren, so sehr empörte mich diese. Ich sah darin die bevorstehende Zertrümmerung der Rechte, und zwar nicht blos der erworbenen, sondern selbst der natürlichen Rechte, dann der Freiheit, der auch nur bedingtesten Selbstständigkeit, ja sogar der Ehre der immer noch über alles geliebten[262] Vaterstadt. Sie schien mir hiedurch dem Gutfinden ihrer ehemaligen Unterthanen willenlos unterworfen, auf die unverantwortlichste Weise darniedergedrückt. Diese zufällige Entdeckung wurde unverzüglich den beiden ersten Vorstehern meiner Zunft bekannt gemacht, welche von jenem sehr geheim gehaltenen Entwurf noch nicht das Mindeste wußten, meine Entrüstung aber theilten, und die Sache theils zur Oeffentlichkeit zu bringen, theils auf erlaubtem Wege ihr entgegenzuwirken verhießen Der eine derselben, der Präsident Hurter, suchte auch wirklich auf das Nachtheilige und Kränkende einer solchen Bestimmung aufmerksam zu machen. Am 3. May Nachmittags (ich kann noch genau den Ort, die Viertelstunde und die Person bezeichnen) beschwerte er sich darüber in einer Privatunterredung bei dem angesehensten Mitglied des Verfassungsrathes vom Lande, und erhielt die Antwort: »ihnen vom Lande wäre es gleichgültig gewesen, welche Einrichtungen die Stadt getroffen hätte, daher nie zu Sinn gekommen, hierüber Etwas in die Verfassung zu bringen; weil es ihnen aber durch Collegen aus der Stadt angeboten worden, hätten sie es auch nicht ausgeschlagen. Jetzt, da er höre, daß dieses Unfrieden bringen könne, werde er zu Beseitigung der betreffenden Stellen des Entwurfes gerne Hand bieten.«

Einigen Erfolg hatten diese Einwendungen, aber gerade nur so viel, als zu Verhütung des Scheiterns des Verfassungswerkes für unerläßlich erachtet ward; zu redlicher Anerkennung der Stadt konnte der Revolutionsschwindel sich nicht herablassen. Es wurde nun der 20. May als Tag der Abstimmung festgesetzt. Zuvor gieng das ziemlich glaubwürdige Gerücht, daß in den beiden volksreichsten Gemeinden des Cantons große Unzufriedenheit mit dem Entwurf herrsche, weil das Repräsentations Verhältniß des Landes nicht gehörig gewahrt, der Stadt zu viel eingeräumt worden seye. An dem einen Ort wurde wirklich eine Anzahl Exemplare des Entwurfes verbrannt, und den Mitgliedern des Verfassungs-Rathes geradezu vorgeworfen sie hätten das Land an die Stadt verrathen, Die Vermuthung,[263] das Project würde verworfen werden, gewann immer größern Boden. Indeß schien der Weg der Ruhe und Legalität einigen Unruhestiftern ein zu weitwendiger, daher allzulangsamer; sie rotteten die Einwohner von ein paar Gemeinden zu einem bewaffneten Zuge gegen die Stadt zusammen, nöthigten die an dem Wege lagen, ihnen sich anzuschliessen, und erschienen am 16. May Abends vor den Thoren, welche nicht der rathlos gewordene Rath, sondern auf eigene Faust und einzig in seiner Eigenschaft als Bürger der Obristlieutenant Bernhard Zündel schließen ließ und bei seinen Mitbürgern zu Bewachung und nöthigen Falls Vertheidigung der Stadt alle Bereitwilligkeit fand.

Der Sturm gieng ohne Folgen vorüber. Man rief eidgenössische Commissarien herbei, deren der Eine seinen Pact mit der Revolution bereits geschlossen, der Andere im Canton Basel bewiesen hatte, daß kein Volksaufstand von ihm Etwas zu befahren habe. Sie fertigten denselben in einer Proclamation mit dem merkwürdigen Prädikat einer »augenblicklichen Verirrung« ab. Die schmachvolle Buhlerei mit jeder, dem Recht Hohn sprechenden Verworfenheit hatte zu jener Zeit das Wort »Transaction« noch nicht erfunden, wiewohl die Gesinnung bereits auf breiter Bahn diesem Ziel entgegen steuerte. Merkwürdig aber blieb es immerhin, daß alle erwähnten Ausbrüche der in die Revolution gesetzten Masse unberücksichtigt blieben, und von denjenigen, welche dieselbe zähmen zu können sich vermessen, die Verwerfung ihres Projectes ausschließlich mir zur Last gelegt wurde; und zwar mit all der Bitterkeit, in welcher die anfänglichen Pathen der Umwälzung von den gefirmten Radikalen der Gegenwart kaum konnten übertroffen werden. Der kurze Lauf der Zeit hat mir aber die trostlose Genugthuung verschafft, daß die sanguinischen Hoffnungen der damaligen Gönner der Revolution schon längst zerronnen sind, wogegen meine Befürchtungen sowohl in ungleich weiterer Ausdehnung als auch ungleich tiefer greifend sich verwirklicht haben; bei welcher nicht mehr abzuweisenden Erfahrung mir einzig das heitere Gefühl[264] bleibt, mit der siechen Metze niemals weder gebuhlt, noch mit ihr mich befleckt zu haben, während Andere blos durch den Eckel vor ihrer steigenden Geilheit allmählig zurückgetrieben wurden.

Nach jenem Sturm von außen war derselbe in das Innere sowohl der ephemeren als der aushauchenden Behörden gefahren: amt 19. May Proclamation der Commissarien; am 20. Prüfung des Verfassungsentwurfes in deren Beiseyn, mit dem Kehrreim: und siehe da, es war Alles sehr gut; am 21. Einberufung des bereits im Todesröcheln liegenden kleinen Rathes, um dessen Mitglieder zu Anpreisung des Werkes zu instruiren, so daß mir eines derselben nachher sagte: »es seye ihm gewesen, als säße er in einer Schule, in der man sich bemüht hätte, die Lection kräftig einzulehren;« am 22. Pfingstfest; amt 23. Abstimmungstag.

Man findet oftmals bei ruhmreichen oder bei schmachvollen, bei preiswürdigen oder bei verwerflichen, bei heilbringenden oder bei unheilbringenden Ereignissen eine wundersame und geheimnißvolle Bedeutung in der Wahl oder in dem zufälligen Zusammentreffen der Tage, worin im einen Fall eine glänzende und erhebende Erinnerung, im andern Fall entweder ein furchtbares Gericht oder eine schneidende Ironie liegt. Derartiges lag in der Wahl des Tages zu jener Abstimmung; – es war Pfingstmontag, der Tag, in welchem Jahrhunderte durch die Bürgerschaft in dem höchsten Glanze ihres öffentlichen Lebens aufgetreten, der Tag, an welchem das Jahr zuvor auf die nun leichtfertig geopferte Verfassung der Eid geleistet worden war; leichtfertig, nicht in Beziehung auf die lichtlose und erfolgreich eingesetzte Masse, sondern in Beziehung auf diejenigen, welche so willfährig Hand boten und in ihrer Mattherzigkeit zu bereitwilligem »Entlasten« von dem Eid so vollberechtigt sich glaubten. Daß an dem, am 21. May versammelten kleinen Rath die Bemerkung abglitt: wie übel (im Rückblick sowohl auf die Vergangenheit, als auf den Eidschwur des vorigen Jahres) zu Annahme der Verfassung der Pfingstmontag gewählt[265] seye, darf nicht in Staunen setzen; den Einen fehlte der Sinn, Solches zu würdigen; die Andern waren durch die Vorgänge vom 16. so eingeschüchtert, daß sie nicht schnell genug noch zu dem Rettungsanker der Verfassungsannahme greifen zu können glaubten; über Alle zerbreitete die Bemerkung, daß auf Dienstag und Mittwoch der Jahrmarkt falle, welcher solche Versammlungen nicht gestatten würde, die gewünschte und so anthulich betriebene Erleuchtung.

Dieß alles wurde am Vorabend vor dem Pfingstfeste betrieben. Am Morgen desselben begegnete ich auf dem Wege zur Kirche dem Helfer Hurter. Ich erklärte ihm offen: wenn ich am vorigen Tage zu gehöriger Zeit erfahren hätte, daß am Tage nach Empfang des heiligen Abendmales der Eidbruch sanctionirt werden sollte, und nur mit einigem Vertrauen von der Geistlichkeit hätte dürfen erwartet werden, daß sie den Muth besäße, ihre Pflicht zu begreifen, ihre Stellung zu würdigen, so würde ich auf schleunige Einberufung derselben gedrungen und den Antrag gestellt haben: die Feier des Abendmals im Hinblick auf den kommenden Tag in keiner einzigen Kirche des Kantons zu begehen. – Ich bin mir noch jetzt ganz klar bewußt, daß in dieses Vorhaben, an dessen Beantragung einzig der Mangel an Zeit mich hinderte, von politischer Gesinnung durchaus nichts sich mischte, sondern daß dasselbe blos durch die reinste religiöse Ueberzeugung angeregt ward. Ich dachte mir die Sache so: Wie schon im alten Testament, sodann durch die christliche Kirche aller Zeiten herab der Vorabend großer Unternehmungen in besonderer Hinwendung zu Gott seye zugebracht worden, so sollte der Vorabend einer angeordneten augenfälligen Ungebür (ich brauche das unverfänglichste Wort) durch Enthaltung von derjenigen Feyer begangen werden, welche dem Christen die innigste Gemeinschaft mit Gott vor Augen bildet. Dieß wäre zwar gewissermaßen ein über das Land gelegtes Interdict gewesen: aber an der Befugniß, ja Pflicht der Geistlichkeit, unter solchen Umständen ein solches eintreten zu lassen, habe ich niemals gezweifelt.[266] Daran aber durfte ich mit Recht zweifeln, ob meine Ueberzeugung von dieser nur würde verstanden, begriffen, oder gar unterstützt worden seyn; denn noch heutiges Tages sehe ich die langen und verblüfften Gesichter vor mir, wel che die nachherige bloße Mittheilung dieses Gedankens bei Einigen zu Stande brachte; sie kamen mir vor wie Chinesen, die sich durch spanische Flüche angefahren sehen. Auch diese würden wohl Etwas hören, könnten aber von dem Gehörten nicht das Geringste begreifen.

Bei dem Eintritt in die Kirche diente es mir eigentlich zum Trost, nur eine kleine Versammlung und unter dieser auffallend wenig Männer zu erblicken. Die Predigt war, wie immer, ganz der Feyer des Tages angemessen; nur am Schluße erlaubte ich mir, mit sichtbarer innerer Bewegung beizufügen: »Wer sich heute zum Empfang des heil. Abendmals gestimmt fühle, möge es thun.« – Als am Ende der Brodaustheilung, gemäß der Uebung, der Meßner und ich dasselbe nehmen sollten, gab ich es bloß jenem und gieng davon. – Geistlichen, denen dieses nachher nicht einleuchten mochte, bemerkte ich: »ich wolle zwar Keinen verurtheilen, dulde aber auch keinen Tadel in Bezug auf die eigene Handelnsweise. Es gebe Fälle, in denen nicht blos der Einzelne, sondern ganz Israel sündige, deßhalb das Heiligthum dem ganzen Volke unzugänglich seyn sollte, auch denjenigen, welche für ihre Personen die Sünde weder begehen noch ablehnen könnten, wie in dem vorliegenden Fall die Weiber.«

Da ich wußte, daß in der Zunftversammlung am Pfingstmontage Beobachter aufgestellt waren, welche meine Aeusserungen alsbald hinterbringen sollten, berührte ich weder den Werth noch Unwerth des Verfassungsentwurfes, obwohl es an Bemerkungen über den bereits wahrnehmbaren Fortschritt der Freiheit darin, daß jetzt nur über das Ganze in eloho ein Ja oder ein Nein ausgesprochen werden sollte, während im Jahr 1814 und im Jahr 1825 jede einzelne Bestimmung geprüft und erörtert werden durfte, nicht gefehlt hätte. Ebenso[267] hütete ich mich, über Annahme oder Verwerfung der neu eröffneten Glückseligkeitsquelle einen Wink zu geben, konnte mich aber nicht enthalten, die Unschicklichkeit der Auswahl dieses Tages hervorzuheben, hierauf von dem Recht der Bürgerschaft zu sprechen, ihre künftigen Einrichtungen durch eigene Bevollmächtigte entwerfen zu lassen. Das Resultat der Abstimmung auf meiner Zunft war: etlichundzwanzig Annehmende gegen 57 Verwerfende; im ganzen Canton hatten diese um einige Hundert das Uebergewicht. Nun war viel Jammerns; man sprach von einer öffentlichen Calamität, legte die Verwerfung der Verfassung geradezu mir zur Last, suchte Aeusserungen, die ich in Schrift oder Rede gethan, auf die empörendste Weise zu verdrehen oder zu entstellen, und sämmtliche, Jedermann bekannte Thatsachen zu diesem Ende zu ignoriren. Auf meine Ueberzeugungen konnte dergleichen nie den mindesten Ein fluß gewinnen, auf meine Handelnsweise ebensowenig, da ich, ob Grundsätze und was aus denselben nothwendig hervorgehen muß, zu vertheidigen oder zu bekämpfen waren, stets offen zu Werke gieng, mir immer gleich blieb, dabei persönliche Zwecke niemals kannte, auch solche nicht haben konnte. Wie nachgiebig in allen untergeordneten Fragen, wie leicht durch Gründe, Bemerkungen und Vorstellungen ich zu gewinnen, wie geneigt ich bin, Erörterungen, sobald Eifer und Bitterkeit ihnen sich beimischen könnte, zu vermeiden: so zäh und beharrlich bin ich in demjenigen Allem, was die tiefsten Grundlagen der Weltanschauung betrifft.


Daß die Revolution, diese völlige Umgestaltung aller rechtlichen und gesellschaftlichen Zustände, auch die Geistlichkeit und deren Stellung berühren könnte, war leicht zu befürchten. Meine Ansichten über deren Verhältniß zu den Bewegungen auf dem weltlichen Gebiete habe ich in zwei Synodalreden5, um die herrschenden Begriffe unbekümmert, dargelegt.[268]

In dem ersten dieser Vorträge suchte ich zu überzeugen, daß der wahre Geistliche, im Bewußtseyn, der Träger und Herold der unwandelbaren Offenbarung zu seyn, hierin die sichernde Schutzwaffe gegen eigene Anwandlung revolutionärer Gesinnung in sich tragen, »die Kirche aber, vermöge ihres Wesens und ihrer Bestimmung, wenn alles Irdische in ein endloses Fluthen aufgelöst und dieses als der einzig gedeihliche Normalzustand ausgegeben werden wolle, möglichst unverändert bleiben, sie von ihrer heitern Höhe herabblicken müsse in dieses Gewühle.« Das hätte wohl mit Recht ein, dem heutigen Protestantismus stracks zuwiderlaufender, Satz dürfen genannt werden, indem derselbe nicht blos diesem Fluthen nirgends widersteht, sondern selbst in ein Solches aufgelöst ist, ja dasselbe hie und da sogar als dessen wahres Leben und Wesen angepriesen werden will. Es lag dem Vortrage die Idee der wahren Kirche zu Grunde, neben der Täuschung, dieselbe auf eine Gestaltung der Dinge anwenden zu wollen, welche hiezu nirgends einen Anknüpfungspunct darbietet. Man hätte das den Versuch nennen können, ein edles Reis einem wilden Dornbusch einpfropfen zu wollen.

In der Rede des folgenden Jahres scheute ich mich nicht, einen Satz der erstern: daß nemlich der wahre Geistliche ein Aristokrat seyn müsse, weiter auszuführen. Die Hauptstelle lautete: »Den ächten Botschafter an Christi Statt wird die Kraft seines innern Lebens, der Verein von Wahrheit und Treue, durch eine naturgemäße Wahlverwandtschaft zu denen hinziehen, in deren Benennung von je Zeiten die Erstrebung des Besten als würdige Aufgabe ihrer höhern Stellung ist bezeichnet worden.« Dieses wurde nun im Hinblick auf die neuesten Ereignisse und Zustände weiter ausgeführt, und war im Grund eben sowenig ächt protestantisch, als jenes. Indeß scheinen die Reden mehr gehört als ihrer vollen Bedeutung nach gewürdigt worden zu seyn. Jenes erwarb ihnen einen Beifall, den sie von letzterm Standpunct aus kaum hätten erwarten dürfen. Vielleicht wurden sie freudiger auch deßwegen aufgenommen,[269] weil die Revolution die Geistlichen von Schaffhausen überrascht hatte, sie der Regungen für einen, durch beschworene Verfassung geordneten Gang der Dinge nicht alsbald sich entschlagen konnten, damals vielleicht noch weniger mit der Revolution sich amalgamirt hatten, als (bei dem Mangel einer anerkannten wankellosen Autorität beinahe unausweichlich) Solches durch den Verlauf der Zeit herbeigeführt werden mußte. Der Druck beider Reden wurde mir gewissermaßen abgedrungen; denn niemals berührte mich die Eitelkeit, mit dem, was ich aus innerster Ueberzeugung vor einem kleinen Kreise oder in besonderer Veranlaßung gesprochen, sofort auch das größere Publikum behelligen zu wollen. Indeß konnte ich späterhin unmöglich die stets fester wurzelnde Ueberzeugung abwehren, daß damals sowohl ich, der Sprechende, als die Zuhörenden von Illusionen berückt gewesen wären und, bei allem Schein von Einigung, eine unermeßliche Kluft zwischen Beiden gegähnt hätte. Ich fand mich veranlaßt, über diese Reden später das Urtheil zu fällen: »Es hätten die Hörenden zwar wohl von den Klängen und Worten angenehm sich berührt finden mögen, nicht aber den vollen Sinn in seinem ganzen Umfange und in seiner wesentlichen Bedeutung erfassen, oder dadurch in ihrem Innersten wirklich angeregt werden können; dagegen hätte der Sprechende, der realen Zustände und der concreten Individualitäten zu wenig Rechnung tragend, Beide auf eine Weise idealisirt, für welche die Einen so wenig als die Andern empfänglich gewesen seyen.«

Nach solchen, in feyerlichen Momenten mit aller Entschiedenheit ausgesprochenen Ueberzeugungen mußte es mir wohl zum festen Vorsatz werden, mit der Revolution so wenig als möglich in Berührung zu kommen, sie für meine Person um nichts anzugehen. Doch stellte ich dem Gelüste mehrerer Glieder des geistlichen Standes, zu versuchen, ob ihr für diesen nicht etwas Zusagendes abzugewinnen dürfte, nicht Hartnäckigkeit entgegen, wenn ich auch gänzliches Schweigen und Gehenlassen vorgezogen hätte, indem in jedem Begehren, ist es auch[270] noch so sehr in der Natur der Sache begründet, eine Art Anerkennung derjenigen liegt, an welche das Begehren sich richtet. Weil aber einige Geistliche, zumal solche, mit denen ich vorzugsweise befreundet war, auf Versuche in jenem Sinn einen großen Werth legten, wollte ich nicht von ihnen mich trennen, gleichwie auch das Verlangte selbst vollkommen mir einleuchtete. Die Redaction aller zu jener Zeit eingegebenen Denkschriften hatte ich mir vorbehalten, weil ich einer Besorgniß, Andere mochten meine Gedanken nicht scharf genug auffassen, dieselben nicht klar genug darstellen, nie völlig mich erwehren konnte, weil ich zu Etwas, was nicht selbst in dem geringsten Ausdruck, meine Gesinnung aussprach, nicht stehen, aber auch durch allzuviele Aenderungen einen Andern nicht kränken mochte. – Die erste dieser Eingaben richtete an den Verfassungsrath das Verlangen, daß die Geistlichen hinfort nicht mehr von der Wahlfähigkeit, gleich den Criminalisirten und Vergeldstagen, ausgeschlossen seyn sollten, was für mich einzig als Thesis Werth hatte, in Praxi dagegen entschieden verworfen ward6. Dringender, zugleich sachgemäßer, war das Verlangen gleichgestellter Repräsentation im Kirchenrath, mir zugleich einleuchtender, weil es ein rein kirchliches Interesse berührte, auch die Gewährung verwirklicht werden könnte, was meiner Ueberzeugung zufolge bei jenem nicht stattfinden durfte. Von eilf Mitgliedern dieser Behörde gehörten seit der kirchlichen Umwälzung blos drei dem geistlichen Stande an; ein schnödes Mißverhältniß, hervorgegangen aus jener Zeit, in welcher der weltlichen Gewalt Befugniß eingeräumt wurde, nicht blos über kirchliche Einrichtungen, sondern selbst über Dogmen abzuurtheilen. Gewiß hatte ich diesen Uebelstand längst eben so tief gefühlt, als irgend einer derjenigen, welche mit mir vorberathen sollten, was verlangt werden dürfte und müßte. Diesen schien Gleichstellung der Glieder beider Stände das Mindeste. Diese Ueberzeugung theilte[271] auch ich, nicht aber die Hoffnung, Solches erreichen zu können, da mir die Zeichen der Zeit nicht verborgen waren. Es tauchte aber bei den zur Vorberathung mir Beigegebenen so großer Eifer für die Sache, eine solche vermeinte wankellose Ueberzeugung auf, daß hiemit nur ein Verhältniß begehrt werde, welches im Grund längst schon hätte festgestellt werden sollen, eine derartige augenblickliche aufbrodelnde Entschiedenheit, daß sie Alle einstimmig verlangten, das Begehren sollte so abgefaßt werden: entweder die gewünschte sachgemäße Gleichstellung oder Belassung der Sache in statu quo. Das wäre unbezweifelt das Dilemma gewesen, mit welchem ich würde geschlossen haben, hätte ich einzig zu handeln gehabt. Allein ich kannte meine Leute auf beiden Seiten; ich durfte wohl ahnen, die Einen würden so wenig als möglich gewähren, die Andern bei noch so hoch tönender Forderung zuletzt auch mit dem Wenigsten sich begnügen. Ich sah daher in klangreichen Worten und krautkräftigen Erklärungen nur ein Mittel, sich zu compromittiren. Darum rieth ich von solcher Erklärung ab, es wäre denn, daß man bereits mit sich einig und fest wäre, ihr gemäß nachmals auch handeln zu wollen Es half nichts; die Stelle mußte in den gutachtlichen Entwurf aufgenommen werden. Als dieser sodann zur Berathung vor die gesammte Geistlichkeit gelangte, erneuerte ich meine Bedenklichkeiten, machte abermals aufmerksam: sobald Gleichstellung beider Stände oder Verbleiben bei dem Bisherigen ausgesprochen werde, fordere nachher die Ehre, fest dabei zu verbleiben und unter keinen Umstanden zu etwas Anderm sich zu bequemten. Auch hier ließ man sich von keiner Besorgniß möglicher Inconsequenz anfechten; die berührte Stelle, als Ausdruck der Gesinnung der Geistlichkeit, wurde abermals verlangt.

Etwa nach Jahresfrist erfolgte der Entscheid. Es kam, wie ich geahnet hatte; blos in so weit wurde entsprochen, als die Geistlichkeit Befugniß erhielt, ein viertes Mitglied von sich aus zu wählen. Jetzt war es Pflicht für mich, auf die früher mit so großer Entschiedenheit aufgestellte Clausel aufmerksam zu[272] machen. Auch hier hatte ich mich nicht getäuscht. Umsonst stellte ich dar, wie nunmehr die Ehre erheische, bei dem, was so feyerlich erklärt worden, zu verharren; umsonst rieth ich, die Wahl gar nicht zu vollziehen, sondern zu erwidern, daß man, nachdem das Sachgemäße und Billigste nicht erreicht worden, bei dem status quo verbleiben wolle. Es war nichts auszurichten. Was ich von Wahrnehmung einer würdigen Stellung immerhin sprechen mochte, es wurde nicht begriffen; es herrschte die Freude eines Kindes, welches nach langem Betteln zuletzt doch Etwas erlangt. Selbst diejenigen, die sonst immer ein Arsenal hohler Pfundworte mit sich führten, ließen dasselbe unausgeschifft. Man freute sich des Kinderspiels, einen Wahlact verrichten zu können. Ich aber erklärte laut und bestimmt, an demselben keinen Theil nehmen zu wollen, indem ich nicht heute Etwas feyerlich versichern, morgen der Versicherung entgegen handeln könne. Ich habe auch wirklich keine Stimme abgegeben, dem Gewählten das Ergebniß der Wahl so trocken angekündigt als möglich. Vielleicht hatte derselbe, in der Wonne, worin er schwamm, diese Einsilbigkeit der Form auf seine Person bezogen. Geschah dieß, so irrte er gewaltig. Denn gegen den Bruder, selbst gegen den eigenen Vater hätte ich unter den gegebenen Umständen nicht anders mich ausdrücken können. Die zu Tage gekommene Unwürdigkeit hatte mich zu tief bearbeitet.

Eine andere Denkschrift, gleichfalls auf mein Betreiben und durch mich verfaßt, wurde später der zur Ausscheidung des Stadt- und Staatsguts aufgestellten Specialcommission übergeben. Sie hatte die Absicht, unter dem Titel von Ansprüchen für die Armen von dem ehemaligen geistlichen Gut der Stadt dieser wenigstens noch einen Theil zu retten. Jene Ansprüche wurden durch Hinweisung auf Recht, Geschichte, Herkommen und die Analogie bei spätern Säcularisationen begründet. Waren dieß Alles Titel, die vor dem Bestreben, der Stadt von ihrem wahren, uralten Eigenthum so wenig zu lassen, als man nur konnte, jede Beweiskraft verloren, so verliert doch deßwegen[273] der gute Wille, zu erreichen und zu retten, was möglich, nicht das Mindeste.


Nachdem im Laufe des Jahres 1831 die Einrichtungen der Stadt berathen und festgestellt worden, konnte man dem unvermeidlichen Herannahen der Theilung des durch diese vor Jahrhunderten erworbenen Vermögens mit Gewißheit entgegensehen. Wie diese veranstaltet werden sollte, war noch im Dunkeln, nur das gewiß, daß die Revolution dem rechtmässigen Besitzer so wenig lassen werde, als möglich. Manche Wahrnehmung hatte mich mißtrauisch gemacht, mit Besorgniß erfüllt, die Stadt möchte neben ihren Rechten und Freiheiten nun auch ihren wohlerworbenen Besitz verlieren. Mit der bonapartischen Mediationsacte war eine sogenannte helvetische Liquidations-Commission niedergesetzt worden, welche den Besitz der souveränen Städte in einen Topf werfen und aus diesem ihnen wieder vorlegen mochte, was ihr für deren Municipal-Bedürfniße hinreichend schien, den Ueberrest aber den neugeschaffenen Cantonen zuwerfen sollte. Für die Acten, durch welche jenes festgestellt wurde, hatte man den lächerlichen Ausdruck »Dotations-Urkunde« erfunden. Auch für die Stadt Schaffhausen bestand eine solche, die aber niemals zur Ausführung kam, indem für gut befunden worden, den Besitz unerörtert und annähernd in demjenigen Zustande zu belassen, in welchem er sich bei dem Ausbruch der ersten Revolution befunden. Ich erkannte fortwährend in dieser sogenannten Dotations-Urkunde nichts Anderes als einen Act revolutionärer und despotischer Willkür, und vertheidigte daher bei jeder Gelegenheit den Satz: da diese Acte niemals zur Vollziehung gekommen, nachher aber die Mediationsacte, in der sie gewurzelt, vernichtet worden, so mangle ihr alle bindende Kraft; man müße sie einem Kinde vergleichen, welches mit der Mutter zugleich gestorben seye, und nun, nachdem diese längst in Verwesung übergegangen, nicht mehr ins Leben könne gerufen[274] werden. Noch war meine frühere Ueberzeugung nicht wankend geworden, daß, ohne förmliche Rechtszertretung, zu Ausmittlung dessen, was Stadt- und was Staatsgut seye, es keinen andern und zugleich untrüglichen Weg gebe, als zu untersuchen und nachzuweisen, was erstere blos als Genossenschaft, sodann, was sie kraft ihrer Selbstherrlichkeit besessen habe.

Ich setzte jetzt, da der entscheidende Augenblick näher kam, meine früher angehobenen Untersuchungen fort. Bald nachher wurden sie veröffentlicht unter dem Titel: »Wie die Stadt Schaffhausen zu ihren Freiheiten, Besitzungen, Gütern, Rechten und Häusern kam.« Das Ergebniß war, wie ich es zum voraus geahnet hatte: es stellte sich heraus, daß vermöge ihrer Souveränetät die Stadt durchaus nichts besessen, ja dieser zu Liebe noch große Opfer für ihre Unterthanen gebracht habe, mithin Alles ihr Eigenthum gewesen wäre, wenn sie auch jenes obersten Glücksgutes hätte entbehren müssen. Das geschichtliche und urkundliche Recht, meinte ich daher, könnte bei einer solchen Ausscheidung einzig maßgebend seyn, wenn anders nicht die Gewalt dictiren wolle, was die Gerechtigkeit verweigere.

Diese Schrift war bereits im December 1831 zum Druck fertig, erschien aber erst Ende Aprils 1832 Da aber meine Geneigtheit, für das gefährdete Recht der Vaterstadt mit unerschütterter Beharrlichkeit und mit allen erlaubten Waffen einstehen zu wollen, Niemanden verborgen seyn konnte, hatte der so eben an die Stelle des vormaligen kleinen Rathes getretene Stadtrath schon am 9. November 1831 unter die Commisiarien, welche die schwierige Aufgabe jener Ausscheidung losen sollten, auch mich gewählt. Dieß war das einzige, ohne allen Zusammenhang mit meinem amtlichen Charakter stehende Geschäft, mit welchem ich mich je betheiligte, und dem ich, bei der Voraussicht, hiezu sehr viel Zeit opfern zu müssen, einzig in Hoffnung, meiner Vaterstadt einen bleibenden Dienst erweisen zu können, mich unterzog, und zwar (was ich nach dem Verlauf von 13 Jahren mit dem heitersten Bewußtseyn beifügen darf) in reiner Liebe zu dieser; wiewohl ein Extravasat der[275] verdrehungsgewandtesten Böswilligkeit mir selbst dieses in neuester Zeit zum Vorwurf zu machen sich abarbeitete. Zwar brachte mich dieser Auftrag in einen schwierigen Conflict zwischen jenen, bis auf den heutigen Tag nicht erschütterten, Ueberzeugungen von der allein rechtlichen Grundlage einer solchen Theilung und der jetzt nothwendig gewordenen Praxis. Zwar suchte ich gleich im Anfang bei meinen Collegen die Ansicht geltend zu machen, daß jene im Jahr 1801 ausgefertigte Dotations- (eigentlich Spoliations-) Urkunde für uns gar nicht vorhanden seye, und daß, sofern man ohne Niedertretung des Rechts an das Ziel gelangen wolle, einzig der angedeutete Weg der geschichtlichen und urkundlichen Untersuchung dürfe betreten werden. Hiegegen wurde durch jene die Rechtskraft besagter Urkunde weniger erwiesen als postulirt, zugleich aber bemerkt, daß der von mir bezeichnete Weg, wenn er auch der richtige seye, von der andern Seite nie würde anerkannt werden, weil er dieselbe zum reinen Nichts führen müßte; daß daher ein eidsgenössisches Schiedsgericht, was sich alsdann um so weniger vermeiden ließe, alle geschichtlichen und urkundlichen Beweise, wie schlagend sie auch wären, unfehlbar unter die Bank werfen und blos an jene Acte sich halten würde; daß demnach nur Anerkennung derselben den Versuch unterstützen dürfte, allfällige geneigtere Einräumungen für die Stadt zu erhalten. Durch diese, aus dem wirklichen Stand der Sachen hervorgehenden und durch denselben vollkommen sich rechtfertigenden Bemerkungen war ich auf die Wahl getrieben, entweder in Festhalten an dem, was mir als allein rechtlich einleuchtete, mit meinen Collegen in stete Opposition zu treten, unter sicherer Voraussicht, doch nichts erreichen zu können; oder aus der Commission auszuscheiden und jedes Bemühen, zu retten, was möglich, hiemit aufzugeben; oder endlich meine Ueberzeugungen in den Hintergrund zu schieben, um wenigstens Jenes zu versuchen. Ich entschied mich (ungerne genug, aber durch die Liebe zu der Vaterstadt und den Haß gegen die Revolution getragen) für das Letztere und sicherte mir dadurch bei meinen[276] Collegen wenigstens den Einfluß, daß sie zu meinen Versuchen, für die Stadt Verschiedenes doch noch in Anspruch zu nehmen, um so lieber Hand boten.

Bald nach dem Zusammentritt der Commissarien beider Parteyen kamen Differenzen zum Vorschein, welche eine friedliche Ausgleichung kaum erwarten ließen. Es bedurfte keines besonders hellsehenden Auges, um eidgenössische Commissarien, als letztes Auskunftsmittel, bereits im Anzuge zu erblicken. Indeß gieng es mir hier wie vor neun Jahren bei Bearbeitung der Denkschrift der Geistlichkeit: mein unermüdlicher Eifer, zu einer Sache, der ich nun einmal mich angenommen hatte, alle Thätigkeit einzusetzen, brachte dieselbe, ohne daß ich es darauf anlegen konnte oder wollte, vorzugsweise in meine Hände. Die Neigung, dergleichen Gegenstände schriftlich zu bearbeiten, gab Veranlassung zu einer ziemlich ausführlichen Schrift: »Beleuchtung der in der Ausscheidungs-Angelegenheit des Guts der Stadt Schaffhausen von demjenigen des Cantons obschwebenden Differenzen.« Dieselbe sollte vorzüglich zu erforderlicher Orientirung der Schiedsrichter dienen, und wurde handschriftlich jedem derselben übergeben, nach Beendigung der Verhandlungen gedruckt.

Einem erwünschten Erfolg aber standen neben den offenen noch geheime Hindernisse entgegen, so daß jener blos darauf beschränkt blieb, der Stadt das Kirchengut ihrer Hauptkirche gewissermaßen – dieß, weil nicht ohne fremdartige Lasten darauf zu legen – zu retten. Denn wahrscheinlich würde ohne Aufbietung aller denkbaren Gründe auch dieses, wie so manches Andere, ihr entrissen worden seyn. Die verwerfliche Neigung, unter dem Vorwand des Entgegenkommens und freundlicher Ausgleichung (wofür später bei weit grellerer und gewaltthätiger Rechtszertretung politische – um nicht zu sagen moralische – Schofelheit den Namen Transaction erfunden hat), dem Gelüste der Mehrheit zu fröhnen und das eigentliche Recht als ein Ding zu betrachten, welches für gewöhnliche Zeiten ganz zulässig seye, auch für solche möge aufgespart, in ernstern Vorkommissen[277] aber nicht dürfe angewendet werden, hat hier wahrscheinlich verborgenen Einfluß geübt.

Glaubte ich, mit solchem Opfer an Zeit, mit solcher Anstrengung zu schriftlichen Ausarbeitungen, mit persönlicher Verwendung zu Aufsuchung von Schiedsrichtern für die Stadt, dieser einen wesentlichen und bleibenden Dienst erwiesen zu haben, so wußte mir dennoch schon damals nicht Jedermann Dank hiefür. Ich bin noch im Besitz eines Briefes, worin einer der für die Stadt durch mich erbetenen Schiedsrichter mir anzeigt: »Einer meiner Mitbürger hätte gegen ihn sein Bedauern darüber ausgedrückt, daß die Commissarien der Stadt in ihren Forderungen zu weit giengen; bei einiger Nachgiebigkeit (d.h. willenlosem Gutheissen aller Forderungen der vormaligen Unterthanen) hätte die Sache ohne schiedsrichterlichen Spruch können beendigt werden.« Ein Anderer bemerkte meinem Bruder: wo es sich um ein Armengut (welches einzig durch die Bürger der Stadt gestiktet und selbst durch die Dotations-Urkunde ihr ausschließlich zugewiesen, durch das Schiedsgericht aber gemeinsam erklärt worden war) handle, würde auch er auf Seite des Landes treten, Wieder wurde zu mir selbst gesagt: »es wäre besser gewesen, man hätte des Kirchengutes keine Erwähnung gethan,« – d.h. die Stadt desselben berauben lassen. Die Falle mögen wohl selten seyn, in welchen derjenige, welcher mit Anstrengung für eine Partei Etwas rettet, hiefür von Individuen derselben noch Mißbilligung hinzunehmen hat.

Am 21. Januar 1833 konnten die Commissarien dem Stadtrath den Endbericht über das ihnen anvertraute Geschäft7 erstatten und in der Uebergabe desjenigen Guts, welches der[278] Stadt verblieben ist, die Erledigung des ihnen zu Theil gewordenen Auftrages darthun.


Zwei Tage später starb, schneller, als zu erwarten war, der bisherige Antistes. Wie ich früher bemerkt habe, galt seit unfürdenklicher Zeit jeder Innhaber meiner geistlichen Stelle als dessen präsumtiver Nachfolger, wurde daher die Wahl blos als Formalität angesehen. Ein Beispiel, daß es je anders seye gehalten worden, ist in den Jahrbüchern der Stadt Schaffhausen gar nicht vorhanden. Mag damals, und in Berücksichtigung des so eben beendigten Geschäftes um so mehr, die Zahl derjenigen, welche es nicht für möglich hielten, daß man den uralten Gebrauch bei Seite setzen dürfte, noch so klein gewesen seyn, ich jedenfalls gehörte unter dieselben. Sobald ich den Hinscheid des Antistes vernommen, trug ich in mir die feste Ueberzeugung, daß gerade wegen der erwähnten Bemühungen um die Stadt nicht allein der Bruch in jene Gewohnheit gemacht, sondern unfehlbar von dieser selbst ausgehen werde. Aber eben deßwegen, und weil ich improvisirten Neuerungen niemals meinen Beifall schenken konnte, widersetzte ich mich aus allen Kräften dem Antrag eines Geistlichen: ich sollte, damit über die Erwartungen der Geistlichkeit ein bestimmter Wink an die Behörden gelange, mich durch jene alsbald zum Decan wählen lassen (weil diese Stelle immer mit der Würde eines Antistes verbunden war). Bei entschiedenem Widerstreben von meiner Seite blieb der Antrag auf sich beruhen. Ich entzog damit Andern eine sicherlich erwünschte Handhabe, um mit etwelchem Schein an meine Person die Schuld von höchst seltsamen Bestrebungen zu knüpfen, für welche es nun keinen andern Boden gab, als die blaue Leere.

Es kömmt dem Kirchenrath zu, der wählenden Behörde für jede erledigte Stelle drei Geistliche vorzuschlagen. Dieß sollte am 30. Jan. 1833 statt finden. Ich erschien an diesem[279] Tage seit langer Zeit zum Erstenmal wieder in der Sitzung. Zwar ungern, aber mit reifer Ueberlegung; um bei der, seit dem Januar 1831 vorherrschenden Neigung, jeden meiner Schritte falsch zu deuten, nicht dem leicht auf die Bahn zu bringenden Verdacht mich auszusetzen, ich hätte durch Abordnung eines Stellvertreters mir auf alle Fälle jenen Vorschlag zusichern wollen. Hier nun kamen alsbald, nur schwach verhüllt, allerlei Mißstimmungen wider mich zu Tage, deren einzige Wurzel in dem beharrlichen Widerstand gegen die Revolution von meiner Seite und in der Befreundung mit derselben von anderer Seite zu suchen war. Indeß, fest entschlossen, bei der Hauptfrage, nämlich der Bildung des Vorschlages, von der theilnahmslosesten Passivität nicht abzuweichen, konnte mich dieses Alles nur sehr wenig berühren. Ich blickte zu klar in die vorherrschenden Tendenzen. – Durch die erste bestimmte Aeusserung, welche bei Bildung des Vorschlages erfolgte, sollte eigentlich eine Kränkung gegen mich ausgesprochen werden, sie war aber noch weit mehr eine solche gegen die gesammte – freilich abwesende – Geistlichkeit: »Es fände sich, hieß es, unter dieser nur ein Einziger, welcher tüchtig wäre, die wichtige Stelle eines Antistes zu bekleiden;« darum dieser vorgeschlagen seyn solle. Den Zweiten hatte ich zu nennen; dieß geschah pflichtgemäß, nach bester Ueberzeugung. Mein Freund, der Statthalter Harder, ließ sich, meinem bestimmtesten Wunsch entgegen, nicht zurückhalten, mich als Dritten in Vorschlag zu bringen; was aber aus Rücksicht auf die bisherige Stellung und die dreihundertjährige Uebung unter keinen Umständen konnte und durfte angenommen werden.

Je unerwarteter den Meisten diese Bestellung des Vorschlages war, desto mehr befremdete sie, immer aber jeden Andern mehr, als mich selbst. Allgemein jedoch war die Meinung; daß ich, die letzte Stelle auf der Liste einzunehmen, unmöglich hätte einwilligen können. Selbst Leute, die nicht im Ruf einer besonders selbstständigen Meinung standen, äusserten sich mißbilligend über ein solch grelles persönliches Mißwollen, einzig[280] aus der Umarmung der Revolution erzeugt. Viele fragten: ob das der Dank seye für meine Bemühungen zum Besten der Stadt? Die Mehrzahl der Geistlichen war betroffen. Der einzig und vollkommen »Tüchtige« unter ihnen war ein Landpfarrer, der seit vierzig Jahren eine von Schaffhausen ziemlich entfernte Pfarrei im Canton Zürich verwaltet hatte, daher den Verhältnissen der Vaterstadt fremd geworden war; ein Mann, der noch immer sein Hebräisch forttrieb, mit Exegese eifrig sich beschäftigte, einfach und redlich, für seinen bisherigen Wirkungskreis vollkommen geeignet, aber ohne alle Idee von äußerer Würde, auch nur etwelcher Repräsentation und des Tactes, ohne welche diese nicht möglich. Er hatte und behielt immerfort das Gepräge eines Landpfarrers, der in seiner Umgebung und in seinen engen Verhältnissen alt und grau geworden ist.

Merkwürdiger als der Vorschlag war am 1. Febr. 1833 die Wahl selbst. Es mußte die in dem großen Rath von einem Mitglied aufgeworfene Frage abgefertigt werden: wie es komme, daß man von der dreihundertjährigen Uebung abgewichen seye? Hienach stand auf mehrern Zeddeln dennoch mein Name, was aber bei Mangel des unwiderruflich abgelehnten Vorschlages ungültig war, der »einzig Tüchtige« konnte, trotz angewendeter Mühe, im ersten Scrutinium die erforderliche absolute Mehrheit nicht gewinnen. Bei wiederholter Wahl ergaben sich für denselben 30 Stimmen, 29 fielen auf die beiden andern, eine auf mich, ein Zeddel war weiß geblieben; daher bei einer Zahl von 61 Wählenden abermals keine absolute Mehrheit. Nun drohte arge Verwicklung. Es war mit großer Wahrscheinlichkeit vorzusehen, daß der Schützling, mit welchem vorher eine Zusammenkunft gehalten worden seyn soll, um ihm die Stelle anzutragen, in nochmaliger Wahl durchfallen, man somit gegen ihn sich compromittiren, sogar Einer gewählt werden würde, der wahrscheinlich die Wahl nicht angenommen hätte. Um also das Angebahnte zu retten, wurde zu demonstriren versucht: weil auf einem Wahlzeddel ein ungültiger, auf einem andern gar kein Name gestanden hätte, reducire sich die Zahl der[281] Wählenden von 61 Anwesenden auf 59, bildeten somit 30 die absolute Mehrheit, wäre demnach die Wahl rechtsgültig erfolgt.

Hierüber entspann sich Hader in der Versammlung. Die Einsichtigern behaupteten: die absolute Mehrheit werde immer durch die Zahl der Wählenden, unabhängig von ihren durch das Stimmgeben ausgedrückten Gesinnungen oder Meinungen, bedingt. Deren seyen nun 61 gewesen, wovon blos 30 auf einen der Vorgeschlagenen sich vereinigt hätten; somit seye eine gesetzliche Mehrheit nicht vorhanden, eine Ernennung noch nicht erfolgt. Der Streit dauerte bei einer halben Stunde. Da für die entgegengesetzte Meinung der Rechtsboden fehlte, wurde sogar die Verlegenheit herausgehoben, in welche man durch eine dritte Wahl unfehlbar gebracht werden müßte. Und abermals war es nur eine sehr kleine Majorität, welche hiedurch sich belehren oder bewegen ließ, zuletzt für Gültigkeit der Wahl sich aussprach; so daß, als der Zweck mit Mühe erreduert und erfrohnt war, die naive Bemerkung sich vernehmen ließ. »Es seye nicht einzusehen, wie der Gewählte, sofern ihm die Um stände der Wahl bekannt würden, die Erwählung mit Ehren annehmen könne.« – Anderthalb Jahre früher hatte man mit einer Wahl das umgekehrte Spiel getrieben. Damals fand sich ein Wahlzeddel über die Zahl der wählenden Personen vor. Mittelst dieser Addition bekam ein Individuum auf vollkommen gleiche Weise die Mehrheit, wie sie hier durch Subtraction bewerkstelligt ward. Auch jene Regelwidrigkeit hatte man zu retten gewußt. E sempre buono! Leute, welche mit der Physiologie der Republiken sich beschäftigen, mögen dergleichen Particularitäten sich anmerken.

So merkwürdig als die Wahl waren die Ausflüchte, weßwegen man mich zu beseitigen für gut befunden habe. Zuerst warf man durch dienstbare Geister die Lüge in das Publikum: ich hätte mich erklärt, die Stelle eines Antistes nicht annehmen zu wollen, was hie und da Glauben fand. Hierauf hieß es: es seye mir aus Schonung der erste Vorschlag nicht gegeben worden, weil man gewußt habe, daß der eben erfolgten[282] Theilung wegen die Stimmen der Mitglieder vom Lande sich doch nicht auf mich vereinigen würden. Durch Andere ließ man ausstreuen: ein Theil der Geistlichen selbst würde meine Erwählung nicht gerne gesehen haben; wogegen aber allsofort einer, der dieses hörte, sehr entschieden sich erklärte, und die Geistlichkeit gegen eine solche Zulage aufs Bündigste verwahrte. Sodann fanden sich Leute, welche in Schenken auseinandersetzen mußten, daß ich zu dieser Stelle durchaus mich nicht eignen würde; insgesammt Vorspiegelungen, an welche diejenigen, von denen sie ausgiengen, selbst nicht glaubten. Sogar ein Spaß, den ich – wohlverstanden vor zwanzig Jahren und unter Bekannten und inter pocula – in Hinblick auf das damalige Personale des Kleinen Rathes und auf eine gewisse Erstorbenheit der Bürgerschaft mir erlaubt hatte: »Wenn die Geistlichkeit ihre Stellung kennte, und der Antistes ein rechter Mann wäre, so könnte es dahin gebracht werden, daß der Bürgermeister, ohne diesen vorerst gefragt zu haben, nicht einmal laxiren dürfte«, wurde, wie es scheint, zu jener Zeit hinter das Ohr geschrieben, jetzt aber, nachdem ich ihn längst vergessen, wieder hervorgelangt, und meinem Vetter, dem Präsidenten Hurter, bemerkt: daraus liesse sich entnehmen, wie ich es treiben würde, wenn ich Antistes werden sollte, und wie man weislich gehandelt habe, statt meiner einen Andern an die Stelle zu bringen. – In der Abendgesellschaft eines Gasthofes hatte, kurz nach dem Tode des Antistes, noch bevor das angelegte Gewebe sichtbar geworden, Einer, der sich besonders beglückt fühlte, in dergleichen Staatsgeheimnisse eingeweiht zu seyn, meinem Vetter erklärt: ich würde in keinem Fall des Verstorbenen Nachfolger werden; worüber Beide ernstlich an einander würden gerathen seyn, wenn nicht ein Dritter mit den Worten in die Mitte getreten wäre: »Ihr Herren! ob Hurter Antistes werde oder nicht, kann ihm gleichgültig seyn; denn wenn er es auch nicht wird, so kann er dadurch in den Augen des Publicums nichts verlieren.«

Gleichgültig, durchaus gleichgültig war es mir auch wirklich[283] in Bezug auf meine Person. Ich pflegte zu sagen: nur das betrübe mich, daß die Würde eines Antistes nicht in ihrer bisherigen Integrität seye erhalten worden; bis dahin seye sie eine Ehrenstelle gewesen, nun habe man für gut befunden, damit Jedem das Seinige werde, dieselbe zu theilen, und den ersten Theil mir zu lassen, mit dem zweiten einen Andern zu versorgen. Gleichgültig dagegen konnte mir dieser Gegenstand objectiv nicht seyn. Gerade in der Synodalrede des vorigen Jahres hatte ich mit entschiedenem Wort hervorgehoben, wie die kirchlichen Verhältnisse um so unwandelbarer müßten bewahrt werden, je mehr die bürgerlichen von den Fluthen der Revolution bedroht würden. Kirchlichen Neuerungen, namentlich solchen, welche die althergebrachten Verhältnisse der Geistlichkeit selbst berührten, war ich entschieden abgeneigt. Nun bot ein Glied derselben willfährig Hand, die vornehmste Uebung, welche darüberhin schon Jahrhunderte bestanden hatte, zu zerstoren und eine Neuerung zu fördern, welche man sich noch vor wenigen Jahren nicht einmal als möglich gedacht hätte. »Wie gerne hätte ich nicht die Kirche unberührt erhalten von Allem, was die irdischen Menschenzustände so maßlos zerwühlte! Welche Kränkung daher, eine Würde, die ich mir selbst in unsern engen Verhältnissen immer noch gerne als hoch dachte, durch Uebelwollen der Einen und durch revolutionäre Unbesonnenheit eines Geistlichen vor den Augen der Gleichgültigen und der Gegner der Kirche herabgesetzt zu sehen, gleich dem gemeinsten Rathsstubenpöstlein! Es kränkte, durchaus abgesehen von meiner Person, die Erfahrung zu machen, daß ein Geistlicher zu demjenigen Hand biete, was aus schlecht verhüllter Abneigung nicht blos gegen einen andern Geistlichen, sondern gewissermassen gegen den Stand selbst hervorgegangen war8[284]

So wenig ich sonst geneigt bin, irgend Jemand durch scharfe Aeusserungen unangenehm zu berühren, konnte ich bei einem Besuch, den mir der Gewählte machte, doch nicht umhin, von revolutionären Handlungen und revolutionären Gesinnungen zu sprechen. Ich lenkte auch das Gespräch wiederholt auf den Umstand, daß er sogar das nie Erhörte gethan, und um die Würde eines Antistes sich angemeldet habe; wogegen er wiederholt versicherte, dieß seye nicht geschehen. »Aber bemerkte ich, es ist doch öffentlich im Kirchenrath ausgesprochen worden.« »Das mag seyn«, erwiderte der Gewählte, »ich habe mich aber dennoch nicht angemeldet.«


Das eigentliche Gepräge unserer Zeit ist die Lüge. Die Lüge ist der Luftkreis, in dem sich dieselbe bewegt; die Lüge ist die Kraft, die ihr Getriebe in Bewegung setzt; neben dem Dampf ist sie das mächtige Agens, welches die Staaten lenkt, die Gesetzgebung durchdringt, die Gesellschaft ordnet, die Meinung beherrscht, die Zwecke fördert, der Gier der Menge fröhnt, das Daseyn von Hunderten fristet, die Geltung der Individuen bestimmt, die Zeit von Tausenden ausfüllt, mit dem Bedarf von Meinungen sie versieht, und in der Sprache das Wunder um den Thurm von Babel alltäglich erneuert. Die Lüge hat ihren Tempel in den Ständeversammlungen, ihren Thron in den Rathssälen, ihren Standort auf den Kanzeln, ihr Lotterbett in den Salons, ihr Lustrevier in den Kneipen, ihre Freistätte in der Literatur, und ihr Geschäftszimmer in den Zeitungen aufgeschlagen. Schauet jene Schwätzer, die in so vielen Ländern periodisch sich versammeln! Sie sprechen in hohen Worten, wie des Volkes reiner Wille mit des Landes höchsten Angelegenheiten sie betraut habe, wie in kristall lauterer Gegenständlichkeit über denselben sie schweben und, von allen Schlacken niedriger Persönlichkeit unberührt, seine Wahrung und Gebarung mit tiefdringendem Geistesblick sich zur segensreichen Aufgabe[285] machen. Lüge ists; – jedes Blatt hält Register über die allarttgen Künste, durch die sie zu der ersehnten Stelle endlich gelangt sind, an derselben sich erhalten, bei zeitweiligem Verlust ihrer wieder sich bemächtigen. Sie schwatzen euch unendlich viel vor, wie der Mitbürger Wohl ihr goldreines, ihr unverrücktes, ihr alleiniges Augenmerk seye. Lüge ists; – der Minister tritt unter sie, er hat hohe Stellen, gewinnreiche Verträge, auch Abberufungs-Decrete, Gunst und Ungunst für Söhne und Eidame, Brüder und Schwäger und die gesammte Siype in der Tasche, er zieht seinen Beutel mit Gewinnsten und Nieten hervor, er rüttelt ihn, und sehet, wie die Hände sich recken, daß er die Einen von sich gebe, die Andern nicht loslasse, und wie geschmeidig sie wedeln, daß ihm ein Gefallen daran geschehe. – Wendet euch dorthin, wo von Unantastbarkeit des Throns, von unbegrenzter Ehrerbietung gegen den Fürsten, von den geheiligten Rechten des Landesherrn bei jeder Veranlassung der Mund trieft! Lüge ists; – denselben zur vereinsamten Null zu machen in der großen Rechnung des Staats, das ists, wonach ihr Bestreben geht; sie lüften den Hut vor dem unfaßbaren Abstractum, wehe aber, wenn das Concretum einen Willen haben, auch Unbedeutendes, so es Jenen nicht gefiele, durchsetzen wollte! – Vernehmet die prunkenden Reden von des Landes Flor und Wohlbehagen, von Blüthe, Gedeihen und Fortschritt! Lüge ists; – ihre Coterie verstehen sie darunter, die sie durch ihre Gesetzgebung an die Mastung bringen, hierin gegenseitig in die Hände sich arbeiten, mit Formen und Flittern den innern, zumal sittlichen, Verfall des Volkes verhüllen wollen. – Höret in den Rathssälen heutzutägiger Freistaaten das Bauschen mit frommen, biedern Vorfahren, mit Bundestreue und Gerechtigkeit! Lüge ists; – die frommen und biedern Vorfahren würden mit Schmerz und Eckel den Blick abwenden von den verrotteten Unflathskindern, die mit ihnen eitel Klangrednerei treiben, dieweil die in Frevelsinn ausgesprochene Bundestreue in ein gegenseitiges Conniviren zum schändlichsten Bundesbruch umgeschlagen hat, so wie sie unter Gerechtigkeit eine vulgäre[286] Metze verstehen, gegen welche jene im Propheten Ezechiel noch ein Muster von Sittsamkeit möchte genannt werden. – Lasset euch nicht irre machen durch die von so manchen Kanzeln ertönenden Worte: Christus, Christenthum, christlich! Lügen sinds; – sie haben den Gesalbten des Herrn durch die Lauge ihres Rationalismus so lange hin und her gezerrt, bis er aller Göttlichkeit blos, gerade wie Einer aus ihnen geworden ist, abgerechnet die Bäffchen und die Quartalsbesoldung; sie haben den vom Himmel verkündeten, zum Himmel bereitenden Glauben durch die Retorten ihrer Kritik, ihrer Exegese, ihres Denkglaubens durch getrieben und alles specifisch Göttliche und Himmlische dergestalt daraus abgezogen, daß ihr es auf das caput mortuum einer Moral reducirt findet, die nothdürftig noch hinreicht, euch vor dem Criminalrichter zu sichern, und den Griffen einer allzuernsthaften Polizei zu entgehen. – Sie rühmen euch den Fortschritt des Jahrhunderts, die hohe Stufe, die allgemeine Verbreitung ihrer Bildung, die nie geahnete Vollkommenheit, zu welcher unter ihrer Obhut alle Anstalten für den Unterricht der Jugend sich erschwungen haben! Lüge ists; – Gewissenhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Treue, Redlichkeit in jeglicher gegenseitigen Vorkommenheit, Thätigkeit, Genügsamkeit, Mässigkeit, nicht aber Zeitungsleserei, Tadelsucht, Anmassung, hohle Aufgedunsenheit, knabenhafte Absprecherei, Barschheit, Waghalfigkeit durch fremde Mittel, sind die Lineamente einer gediegenen, sich und Andern gedeihlicher Bildung; darum es mit eurer Förderung der Jugend ohnedem nicht weit her ist, so ihr anders nicht mit gefärbter Brille in die Weltzustände schauet.

Soll das Register fortgesetzt werden? Möchte man etwa meinen, es fiele schwer? Glaubte Jemand, es mangelte – nicht an Meinungen, Ansichten, Vermuthungen – nein, an Wahrnehmungen, Erfahrungen, Thatsachen darüber, wie die Lüge dem Andern die Worte im Munde zu verdrehen weiß, um zu vereiteln, was er nie gewollt hat, um dienstbar zu machen denjenigen, der frei bleiben möchte, ihn zu verfehmen, sobald jenes als unerreichbar sich ausweist? Ist euer Sinn so abgestumpft,[287] um es nicht inne zu werden, wie oft ein Quentchen Wahrheit unter einen ganzen Vorrath von Lügen hineingewirkt wird, also daß der eigentliche Stoff blos hieraus besteht, die Mischung nimmer sich scheiden läßt, der Beigeschmack aber, den er von jener entlehnt, um so schwerer zu bestimmen ist? Ists euch nie vorgekommen, daß manchmal ein nicht ganz irriger Vordersatz mit aller Gewandtheit so schwank und schief gestellt wird, daß er hiedurch allein zum Anknüpfspunct für eine Kette von Lügen mit größter Bequemlichkeit gemacht werden kann? Sind es immer blos zufällige, unwillkürliche Entstellungen, sind es immer blos leichtfertig hingeworfene Urtheile, sind es nicht weit häufiger noch wissentliche Verschiesungen, vorsätzliche Verunglimpfungen, absichtliche Verdrehungen, welche von Mund zu Mund gehen, Blatt um Blatt füllen, Stoff zur Unterhaltung in Salons und in Kneipen bieten, jeden richtigen Blick in die Zustände, jede ruhige und parteilose Würdigung der Verhältnisse oder der Individualitäten zur baren Unmöglichkeit machen, und selbst Solche mit sich fortreissen, die zurückschaudern würden, wenn sie noch die Fähigkeit gerettet hätten, hineinzublicken in das Zaubergewebe, welches auch um sie seine Schlingen gelegt hat?

Und die Sprache? Wie hat nicht die Lüge Besitz genommen von dieser, Schild und Farben angeheftet an deren Gränzen, ihr Banner aufgepflanzt auf deren Höhen, ihre Rathsgebietiger vertheilt zum Reichsnen durch alle Provinzen derselben? Ists nicht, als ob die Begriffsverwirrung und die Sprachverwirrung zu ununterbrochenem Zeugungsact sich umschlungen hielten? Wohl noch sind die Klänge die altbekannten, aber nimmermehr treffen sie mit gleicher Werthung, wie das äußere, so das innere Ohr. Worin diesem sonst durch Jahrhunderte die Stimme des Tadels getönt, hieran soll es nun als an den Laut der Anerkennung, des Beifalls, des Preises sich gewöhnen, und was Beifall sonst geweckt, soll jetzt zu Tadel stimmen. Vergleichet den heutigen Gebrauch so manchen Wortes mit seiner ursprünglichen Bedeutung und fraget euch, wie viel[288] trägt es von dieser noch in sich? Wie werdet ihr staunen müssen darob, daß diese so sehr sich umgekehrt? Nehmen wir z.B. das Wort Partei. Man beschränkt dasselbe nicht mehr auf den angestammten Begriff, wonach es entweder einen, von der Gesammtheit irgendwie getrennten Collectivtheil, oder eine, in verwandter Gesinnung und in gemeinsamem Bestreben, immerhin aber rechtsgültig sich bildende Einigung, welcher mit ähnlicher Befugniß eine andere gegenübersteht ausgesprochen, oder endlich als Bezeichnung eines, Unbefugtes und dieses vielleicht gar noch auf rechtswidrigem Wege anstrebenden, Gehäuses von Menschen gegolten hat; sondern es soll durch Anwendung dieses Wortes das rechtskräftig Bestehende neben seinen Gegensatz in Frage gestellt, dieser jenem gegenüber legitimirt werden. Der ersten Beziehung nach ist das Wort gleichbedeutend mit dem gewöhnlichen »Hausen,« wo das Verbindende blos in dem Unwillkürlichen, Zufälligen, Absichtslosen liegt, wie wenn von einer großen Menschenmasse, die eine Partei zur Heimkehr nach der rechten, die andere nach der linken Seite sich wendet. In der zweiten Beziehung läßt sich von Parteien z.B. in Athen reden; es läßt sich davon auch reden, wo die Mitglieder von Collegien in Ansichten, Gesinnungen und Bestrebungen getheilt, alle aber, dergleichen zu hegen und zu verfechten, vollkommen befugt sind. Nach der dritten Beziehung knüpft sich bereits Mißbilligendes daran; es ist das Treiben, welches noch nicht zur offenbaren Widersetzlichkeit gediehen ist. Dieweil aber eine Partei eine Gegenpartei als nebenherlaufend voraussetzt oder fordert, so hat man schlauer Weise begonnen, diesen Ausdruck für alle, mit irgendwelcher Bestimmtheit, Beharrlichkeit und Ergiebigkeit gegen das rechtmässige Ansehen, sey es nun kirchliches oder bürgerliches, Anstrebenden in Gebrauch zu bringen, um hier die staatlichen Einrichtungen, dort aber die Kirche aus ihrer rechtlichen und höheren Stellung in eine blos factische hinüberzuschieben, welchem gemäß gegen die feste und unantastbare Grundlage so des Einen als der Andern ein leiser Zweifel sich hineinschleichen, zugleich[289] beide nicht besser gesichert seyn sollten, als diejenigen, welche gegen sie ankämpfen.

So haben sich z.B. in mehreren Staaten Deutschlands viele verschiedenartige Elemente aus mancherlei Gründen, theils zum offenen, theils zum geheimen Kampfe gegen die Kirche, gegen das legitime Regiment derselben, gegen die rechtmässigen, in der Natur der Institution liegenden, Befugnisse ihrer Lenker und Obern, gegen mancherlei tiefbegründete Einrichtungen, gegen verschiedene, durch das Alterthum sanctionirte Uebungen derselben zusammengethan. Hier haben sie sich des öffentlichen Wortes bemächtigt, oder dasselbe wird ihnen vorzugsweise eingeräumt, damit sie unbehindert ihre Zwecke verfolgen können; dort finden sie ihre Begünstiger, ihre Förderer, in mancher Beziehung ihre Vorkämpfer in der weltlichen Gewalt, lehnen an diese sich an, buhlen um deren Gunst, erzeigen sich bereit, auf dem Altar derselben auch das Ehrwürdigste und Geheiligteste zu verbrennen, oder wie hie und da in der Schweiz zu ersehen, die Träger der weltlichen Gewalt unterziehen sich selbst jenem Geschäfte der Aufklärung – wie sie es zu nennen bleiben. Diese sind allerdings eine Partei neben oder auch in der Kirche, insofern sie dieser angehören sollten, eigentlich aber gegen die Kirche, insofern sie gegen so Manches sich erheben, was dieselbe festhält. In Ihren getreuen, anhänglichen Gliedern, in denjenigen, die von Erkenntniß der Nothwendigkeit und Göttlichkeit ihrer Einheit durchdrungen stnd, welche in den Geist und in den Zusammenhang ihrer Institutionen blicken, welche sie von ganz anderem Standpunct als dem einer, blos zufälligen, wechselnden und zeitweiligem Gutfinden unterworfenen Verbindung zu würdigen wissen, welche in ihr eine sichere Gewährleistung für gesellschaftliche Ordnung, für bürgerliche Wohlfahrt, für zeitliches Gedeihen erblicken, in diesen Allen stellt sie sich jenen vorhin Bezeichneten entgegen, sucht sie deren Bestrebungen zu hemmen, bemüht sie sich, die gewagten Vordersätze zu berichtigen, die irrigen Folgerungen abzuwehren, die falschen Urtheile zu widerlegen, ihre eigene Anerkennung zu begründen,[290] segensreiches Walten zu fördern. Das ist der Kirche Pflicht, der Kirche Recht, der Kirche von oben gegebenes Mandat. Es wäre schwierig, dasselbe durch lange Dissertationen in Frage zu stellen, zu entkräften, ihr es abzustreiten. Da haben sie, um zu erreichen, was auf diesem Wege nie sich erreichen ließe, ein viel einfacheres Mittel ersonnen: sie nennen alle getreuen Glieder der Kirche und hiemit diese selbst die ultramontane Partei und gewinnen damit zweyerlei: zum Ersten läugnen sie hiedurch der Kirche den festen Rechtsboden ab, zum Andern postuliren sie einen solchen für sich; alle Legitimität, welche sie derselben entziehen, legen sie sich bei, und spielen den Stand der Auflehnung in denjenigen nothgedrungener Abwehr der, ihren menschheitfördernden Bemühungen starrsinnig in den Weg gelegten, Hindernisse hinüber; wobei es dann ganz folgerichtig ist, daß die wahren Glieder der Kirche der Anmaßung, der Uebertreibung, tadelnswerther Tendenzen beschuldigt, dem Spott und Hohn preisgegeben werden, auch jeweils den belehrenden Arm der Staatsgewalt durch Vorladungen, Verhöre, Strafurtheile und Versetzungen zu fühlen bekommen.

So ist's auf dem politischen Gebiet. Wenn die zerstörende Partei zu Durchführung ihrer Plane kein Mittel scheut, wenn sie die natürliche Gerechtigkeit mit Füssen tritt, wenn sie das positive Recht zum Spielwerk ihrer Zwecke und Gelüste macht, wenn sie Gewaltthaten an Gewaltthaten reiht und selbst vor dem Emporendsten nicht zurückbebt; wenn sie, um sich den Anstrich rechtmässiger Handelnsweise anzufärben, Lüge auf Lüge häuft und jeden Rest edlerer Gesinnung als ihrer unwürdig von sich wirst; wenn ihr dann, ohne alle persönliche Absicht, ohne jeden andern Zweck als denjenigen, der Truggestalt die Maske abzureißen, zwar ohne übel angewendetes Schonen, aber wahrheitsgetreu, alle Schliche aufdeckt, alles Empörende, was man so gerne in dichtes Dunkel hüllen möchte, aus Licht ziehet, die Worte der Menschen nach ihren eigenen Worten richtet: dann dürft ihr sicher seyn, Parteimänner geheissen zu werden, euer Wort und euere Schriften Parteischriften genannt zu hören;[291] gleich als ob Wahrheit und Lüge, Recht und Gewaltthat Parteien, als ob dieselben wohl gar ebenbürtig wären.

Ich könnte hiefür schlagende Beweise aus neuester Zeit anführen, wie man dergleichen Schriften, die der verwerflichsten Unthaten nur zu viele aus Licht zogen, die nie widerlegt, gegen welche Beweise, daß sie Unwahres berichteten, nie geführt worden sind, blos durch die hingeworfene Benennung Parteischriften (was für die Gegenwart zum Theil den Zweck erreichen mag) zur Genüge beseitigen zu können wähnte. Ich will aber einen Beweis der Vergangenheit entnehmen. Der Professor Borguet zu Lüttich hat vor einigen Jahren die Gräuel der Revolutionäre und Franzosen in Belgien am Ende des vorigen Jahrhunderts in einer historischen Schrift geschildert. Er hat nachgewiesen, wie in den Städten die Gewalt der Hefe des Pöbels übergeben, wie mehr als ein Zuchthauscandidat mit den gewichtigsten Stellen bekleidet wurde, wie diese dem beutelüsternen National-Con vent in Paris mit dem freudigsten Entgegenkommen Hand boten, um den reichen Kirchen ihre Schätze, den Gemeinden ihre Güter und vielen Wohlhabenden ihr Vermögen zu entreissen. Er hat dargethan, wie die Einwohner durch Bajonnette gezwungen wurden, Einverleibung mit Frankreich zu erflehen. So führten z.B. für die große Stadt Gent zu diesem Begehren blos 150 Stimmen das Wort; unter diesen befanden sich 59 Verbrecher, die zu diesem Endzweck dem Zuchthaus waren entlassen worden, wonach man den Werth der Uebrigen bemessen mag. Hiemit, hieß es dann, habe Gent gesprochen. Auf den Dörfern wurden Franzosen mit gefälltem Bajonett aufgestellt und angekündigt: wer französisch seyn will, geht rechts, wer nicht, geht links – in die Bajonette. Das und Vieles, was in dem Buch nachzulesen ist, trug sich im Jahr 1793 zu. Würde nun Jemand zu jener Zeit dieses Alles eben so umständlich und wahrheitsgetreu berichtet haben, wie es jetzt durch Hrn. Borguet geschehen ist, meinet ihr nicht, jene Regenten und ihr Anhang hätten hellauf in die Welt hinausgeschrieen: das Buch ist eine Parteischrift, und ein großer Theil[292] der damaligen Welt hätte nachgeschrieen: es ist eine Parteischrift sie strotzt von Lügen, sie schmäht die redlichsten Vaterlandsfreunde, die treubesorgtesten Regenten? Jetzt, nach fünfzig Jahren aber, wird die Schrift als unverdächtiger Beitrag zur Geschichte jener Zeit dankbar aufgenommen.

Wo und wann in verwandter Weise, aus ähnlichen Grundsätzen, wenn gleich nicht mit so greller Zuthat, Derartiges angestrebt werden, die zerstörende Theorie in die Praxis übergehen kann, da kommt alsbald ein zahlreicher Theil des Menschengeschlechts so weit herab, daß er nicht einmal mehr zu der bloßen Vermuthung sich erheben kann, es dürfte noch Einzelne geben, welche ohne persönliche Abneigung und ohne individuelle Zwecke, ohne Etwas zu fürchten, oder Etwas für sich selbst zu beabsichtigen, für das, was sie als wahr, gerecht und gemeinförderlich erkennen, gegen das, was sie als irrig, verwerflich und verderblich erklären müssen, in Rede oder Schrift frei und ernst, ohne Zagen und Wanken, ihre Stimme zu erheben sich gedrungen fühlen. Man kann sich gar nicht mehr zu der Ahnung erschwingen, daß die immateriellen Güter von Wahrheit und Recht für Diesen und Jenen immer noch einen unendlich höhern Werth haben können, als jederlei materielle Vortheile, an welche die Menge alles Andere dahin giebt, deren wegen sie Alles wagt, Alles duldet, zu Allem sich versteht, Alles opfert. Auch auf diesem Gebiete sind wir dahin gekommen, daß so viele Stimmführer Wahrheit und Recht einerseits, Irrthum und Unrecht anderseits nur als verschiedene Farben betrachten, in welche ein Jeglicher nach Phantasie, Laune und Luft sich kleiden möge; jenes und dieses als zwei Elemente, welche mit vollkommen gleicher Befugniß gegenseitig in der Schwebe sich halten.

Wenn aus der Fluth öffentlicher Blätter, deren Mehrzahl im Dienste der Lüge steht, und durch die Lüge wie für die Lüge wirkt, wenn aus diesem, die Gefilde der Wahrheit erst übersummenden, dann abätzenden Schwarm je eines hinausragt und jene Wogen an sich brechen läßt, und helleren Blickes hinabschaut in das Getriebe, und es versucht, die Leuchte zu werden,[293] zu welcher die Sturmesmüden den Blick wenden mögen, dann aber, so es zu arg schäumt und brandet und gähnt und klafft, ein zermalmendes Wort spricht, sofort wird durch den Ausdruck Parteiblatt mit dessen Glaubwürdigkeit, mit dessen redlichem Willen, zugleich dessen Befugniß in Frage gestellt, und es in gleiche Linie gereiht mit denjenigen, deren Harpyennatur zu entschiedener Abwehr zwingt. Aber noch verderblicher, weil versteckter und glatter und berückender, wirkt die Lüge durch diejenigen, welche, mit dem zerfetzten Mantel sogenannter Parteilosigkeit umhüllt, des unseligen Dienstes sich unterwinden, einen Bund aufzurichten zwischen dem, was ewig getrennt werden muß, eine Vermittlung herbeizuführen zwischen dem, was bis an der Welt Ende sich gegenüberstehen wird, ein Gemengsel zu veranstalten dessen, was jeden Augenblick sich abstossen soll. Diese gerühmte Parteilosigkeit, die eigentlich mehr mittelst glatter Worte den Leichtgläubigen in oft wiederholten Phrasen aufgeschwatzt und den Zweifelnden in barscher Abfertigung zuweilen aufgetrotzt werden will, im Grund aber nur das eigene Wort zum Zeugen hat, diese Parteilosigkeit (wenn anders in so allgemeiner Zerrissenheit eine solche denkbar ist) besteht in nichts Anderm, als in munterm Liebäugeln nach der linken Seite, unter buhlerischem Schreicheln der rechten, und dient zu nichts Anderem, als Viele derer, die durch einen etwelchen innern Tact, jedoch ohne klares Bewußtseyn, zu dieser noch gezogen werden könnten, mittelst des erregten Kitzels von derselben zurückzuhalten, jener aber in gewonnener Kampfesrast zu neuen Operationen Muße und Terrain zu sichern. Sie nennen sich parteilos, gleich als ob da, wo es sich um die letzten Bedingungen des Seyns handelt, Parteilosigkeit noch denkbar, gleich als ob nicht Alles so weit gediehen wäre, um nicht als letztes Wartzeichen den Ausspruch annehmen zu müssen: wer nicht mit mir sammelt, der zerstreuet. Sie prahlen mit einer richtigen Mitte, die nichts weiter ist, als der ewig bewegliche Punct zwischen der unwandelbaren Wahrheit und dem rastlos sich fortwälzenden Irrthum; sie reißen die Gemüther an[294] sich, weil nichts müheloser ist, als Niemand Recht und Niemand Unrecht zu geben, der Thatlosigkeit nichts bequemer fällt, als Recht und Un recht in demselben Tiegel, so lange es gehen mag, zu verquicken; weil es der innerlich verrotteten Gemächlichkeit zusagt, auf dem bereiteten Lotterbette alsolange behaglich sich zu recken, bis die immer mächtiger gewordene Partei der Zerstörung, in niederschmetterndem Sturmesbrausen herantosend, die Schlummernden aufjagt und zu spät zur Einsicht sie ruft, es wäre klüger gewesen, nicht zu lauschen dem einlullenden Wort, sich zu erraffen und anzustrengen; klüger, rathsamer, ob zwar minder geruhig, festen Blickes der Gefahr ins Auge zu schauen, als durch Mäckeln und Schmiegen und Buhlen ihr so zum Erstarken zu verhelfen, daß sie endlich mit zermalmender Ferse über Alle daherstampfe. Mögen diejenigen, welche dem Brey gleichen, der nicht fest genug ist, um eine Form anzunehmen, und nicht flüssig genug, um darin schwimmen zu können, noch so Großes auf ihre Weisheit sich einbilden, sie werden weder Staaten construiren, noch die Gesellschaft restauriren, noch die Zukunft garantiren.

Am grausigsten, schauervollsten, die lichtscheue Gestalt ihres Vaters mit deren markzerfressendem Grinsen in glutglimmendem Gepräge an sich tragend, brach aus ihren unterirdischen Schlüften die Lüge hervor, sobald sie durch den gräßlichsten aller Frevel, welcher je den Boden eines Landes besudelt – in dem Mord des gottesfürchtigen, redlichen, kernbiedern, thatkräftigen Joseph Leu von Ebersol, herausgeschlichen aus dem Gebiete der Rede in dasjenige der That. Sie, die den Meuchler gedungen und in naturgemäßer Treulosigkeit gleichzeitig zum Opfer sich ersehen, sie, welche die Schandthat ersonnen und vollführt, mochte nicht an dieser sich ersättigen, so lange dem Hingeschlachteten der gute Klang blieb, der allüberall durch's Leben ihn begleitet. Ein Kleines blos däuchte ihr erreicht, so ihrer Blutgier nur dieses Opfer gefallen, ließe nicht auch jener sich in herzdurchbohrendes Krächzen sich umwandeln. Also frischauf, da noch von den Händen dampfend das Blut troff, mußte aus[295] dem Munde der Giftstrom rinnen. Blitzesschnell riß in glühender Hast die Satanität eines großen Theils des Erdengewürmes seine letzte Hülle von sich, und auf das Gebrülle der Wissenden: »er selbst hat Hand an sich gelegt!« wieherte es in weiten und weitern Kreisen: »was wollt ihr unfruchtbar nachspüren? Niemand Anders ist der Thäter, als der Todte selbst!« Und ob das Summarium sorgsam erforschter Verumständungen entgegengestellt, und ob des Mannes stets gleichmässiges, durch jederlei Edelsinn hervorleuchtendes Seyn und Walten eingesetzt, und ob nach irgend einer, auch nur leidlich zusagenden psychologischen Lösung so unentwirrbaren Räthsels mit Ernst oder Wehmuth gefragt worden, auf Solches ließen sie keineswegs sich ein; das nackte, das unablässig gesprochene, das schauererregende Wort sollte, dieweil sie es gesprochen, unaufhaltbar niederschlagen, was in redlicher Gemüthsart nur immer dawider aufzutreten sich erkühnen mochte. So zischelte, von dem Siegesjauchzen ihrer Kinder umrauscht, mit scharf markirten Zügen als Dæemon ex machina die Lüge hervor und rollte mit unermeßlichem Schlangengeringel gemächlich zu Haufen Tausende und Tausende, an denen die letzten Merkmale des Firnißes spärlicher Sittlichkeit noch nicht durchweg abgerieben waren, also daß in etwelcher gesellschaftlichen Scheu ihnen noch ein Hinderniß gegenübertrat, zu Anwälten des Meuchelmordes sich zu stempeln. Da lispelte ihnen die Lüge das bewährte Mittel ein, durch unabläsßges Nachlallen des Selbstmordes ihrem innerlichen Jubel die Sourdine aufzusetzen und sonach ohne die leiseste Anwandlung von Schaam zu verfechten, womit sie sonst in ehrbarer Gesellschaft offen niemals sich würden hervorgewagt haben. In trunkener Gier ward hinab durch alle Stände das Mittel ergriffen und freudig angewendet, so lange nur immer es vorhalten mochte. Darin aber hat jene Schauerthat eine unermeßliche Bedeutung gewonnen, daß vor ihr die Herzen geborsten sind, und der Blick in die bodenlosen Abgründe der Unsittlichkeit sich eröffnet hat, zugleich von der Lüge das Besitzergreifungs-Patent des Weltregimentes ergangen ist, und[296] die Herolde bestellt wordem sind, welche nach allen vier Weltgegenden den feyerlichem Act auskünden sollten, etwa in der Weise jenes »Berliners« in dem »Rheinischen Beobachter«, welcher seinen absoluten Intelligenzen zurief: »Leu war ein Fanatiker, der sich in Verzweiflung, sein Vaterland in den Abgrund des Jesuitismus gestürzt zu haben, eine Kugel durchs Herz schoß.«

Und ob nun dieser allseitig mit Bewußtseyn und Plan veranstaltete Cultus der Lüge, welche ihnen zum goldenen Kalb der Israeliten geworden ist, dem sie Blumen streuen, Weihrauch anzünden und Tänze veranstalten, nicht eingeschlagen, tief eingeschlagen habe, in die gesammte Gesellschaft, hindurch durch alle Schichten derselben! Ob die Saat, welche der Vater der Lüge, da er von hinnen getrieben worden, zu bleibender Erinnerung an seine widerwärtiger Weise gehemmte Fürsorge dem ihm entrissenen Geschlechte als letztes Vermächtniß beim Scheiden hinterlassen, jetzt nicht üppiger aufschieße, als sonst je zu einer Zeit, hierüber befraget die Eltern um deren Wahrnehmungen an den Kindern, die Brotherren um ihre Erfahrung an den Dienstleuten, die Bestellten (wo diese selbst noch eines Zeugnisses fähig sind) um ihre Beobachtung an den Untergebenen, und alljedermänniglich um dessen tagtägliche Belehrung, welche Verkehr, Gewerb und das Leben in der Mannigfaltigkeit seiner Vorkommisse ihm bieten mag.


Im Jahr 1833 war die Geschichte Innocenz III so weit gediehen, um den ersten Band dem Druck übergeben zu können, der auch Anfangs des folgenden Jahres erschien, Das Werk machte alsbald großes Aufsehen und veranlaßte ebenso laute Stimmten gegen, als für sich. Was allein mich hätte entmuthigen können, findet sich oben angedeutet; dessen jedoch wurde mir von keiner Seite je etwas vorgeworfen. Leo in Halle ist vermuthlich der Erste gewesen, der das Werk öffentlich besprochen[297] hat. Er zollte ihm großes Lob in den Berliner Jahrbüchern. Ein anderer Recensent in der Jenaischen Literatur-Zeitung verließ in seinem Grimm über das Buch den Boden der Objectivität, und machte in hämischer Gemeinheit jenem an der Personalität des Verfassers Luft. Ich suchte in einem Brief, den ich durch die Redaction ihm zukommen ließ, ihn auf das begangene Unrecht und auf die Nichtbeachtung seiner Recensentenbefugniß aufmerksam zu machen. Ob der Ehrenmann nicht muthig oder nicht ehrlich genug war, aus seiner Anonymität herauszutreten, weiß ich nicht; er hat mir nie geantwortet, dagegen auch den zweiten Theil unberührt gelassen. Ich führe dieß bloß an als Zug von Recensenten-Lojalität. Andere legten andere glänzende Zeugnisse ihrer Befangenheit ab, Einer vorzüglich in der Zumuthung, daß die drei Folianten Briefe von Innocenz mir gar nicht als Quelle hätten dienen sollen. Ich habe hierauf in der Vorrede zum zweiten Band vorübergehend Rücksicht genommen und muß nur bedauern, daß die französischen und die italienischen Uebersetzer diese Vorrede weggelassen haben.

Anders war es in Süddeutschland. Dort machte das Werk noch größeres Aufsehen, aber in entgegengesetztem Sinne. Freute man sich, daß eine der größten Personalitäten in der Reihe von mehr als dritthalbhundert Oberhäuptern der Kirche nach stabil gewordenen Verunglimpfungen auf solche Weise wieder seye rehabilitirt worden, so freute man sich noch mehr, daß dieß durch Jemand geschehen seye, der in seiner Stellung ausser aller Beziehung sowohl zu dem Oberhaupte der Kirche als zu dieser selbst stehe. Möhler brachte das Buch, kaum er es erhalten, in das Collegium, pries es seinen Zuhörern als Mittel an, von richtiger Behandlung der Kirchengeschichte sich einen Begriff zu machen, und las jenen Abschnitt vor, der von dem Interdict handelt. Mehrere Zeitschriften besprachen es mit besonderem Beifall, und ich wurde dadurch in der katholischen Welt bekannt; doch ohne daß jetzt schon Verbindungen hieraus erwachsen wären.[298]

Hier mögen ein paar Worte über mein Verhältniß zu dem Buch ihre geeignete Stelle finden. Wie ich dazu gekommen seye, an diesen Gegenstand mich zu wagen, habe ich früher berührt. Gewissenhaftigkeit und Wahrheitsliebe legten mir die Obliegenheit auf, wieder zu geben, was als Resultat meiner Forschungen mir sich dargeboten. Die Befugniß dazu knüpfte ich an den Umstand, daß ich hier auf dem unabhängigen Gebiet der Geschichte mich bewege, darüberhin ein Pontificat dargestellt werde, welches um mehrere Jahrhunderte derjenigen Zeit vorangehe, in der meine Vorfahren diese Institution selbst für eine mehr als überflüssige Sache erklärt hätten. Daß Rückwirkung dieses Urtheils in so ferne Zeiten hinaus sich verlangen lasse, konnte mir nicht zu Sinn kommen. Wohl mußte mir unter dem Nachforschen manches neuere Werk in die Hände fallen, welches über die Persönlichkeit und das Walten des großen Papstes in ganz anderem Sinne sprach, als ich darüber zu sprechen mich gezwungen fand. Meistens aber, wie mir alsbald in die Augen sprang, hatten Jene aller Erforschung der Quellen sich entschlagen, nicht einmal Kenntniß derselben besessen, von Vorurtheil sich nicht trennen mögen. Konnte ich nun, nachdem ich z.B. gesehen, wie Innocenz Alles versuchte, um den König von Frankreich mit seiner Gemahlin auszusöhnen, oder dessen Scheidungsbegehren auf den Rechtsweg einzuleiten, dem Oberhaupte der Kirche einen Vorwurf daraus machen, daß es nicht nachgegeben; sollte ich gar noch der muthwilligen Trennung das Wort reden, und an dem König rechtfertigen, was jedem Unterthan zum Vorwurf hätte gereichen, oder an dem Oberhaupt der Kirche tadeln, was in untergeordneten Verhältnissen jedem Pfarrer das Zeugniß pflichtgetreuen Handelns hätte erwerben müssen? Durste ich, nachdem ich dem Gang der Eroberung von Constantinopel gefolgt war, Innocenzens wiederholte Erklärungen darüber mir vor Augen lagen, seine ernsteste Mißbilligung durch Wort und Maßregel sich weder verschweigen, noch weniger verläugnen ließ, einstimmen in das landläufige Geschrei: der Papst habe die Kreuzfahrer zu Vollziehung[299] seiner politischen Entwürfe und zu Erweiterung seiner Macht mißbraucht? War es mir möglich, unter so vielen Zeugnissen für angestrengte und redliche Verwendung, dem unmündigen König Friedrich von Sicilien das mütterliche Reich zu vertheidigen und zu erhalten, die Zahl der Schreyer über Mißbrauch der päpstlichen Gewalt und über Ländersucht der Oberhäupter der Kirche zu vermehren? Sollte ich Angesichts der unzweideutigsten Beweise für das Gegentheil in vollgültigen Documenten die Gräuel der Albigenserkriege und die Ländergier Simons von Montfort dennoch dem apostolischen Stuhl zur Last legen? Sah ich dann neben diesem, wie unablässig und mit einer nach allen Seiten gerichteten, kaum begreiflichen Thätigkeit der Papst bemüht war, die Freiheit der Kirche zu verfechten, gegen jede Art Beeinträchtigung dieselbe zu vertheidigen, deren Ordnung zu handhaben, die Zucht in ihr aufrecht zu halten, den Einzelnen zu ermahnen oder zurechtzuweisen, mit Unparteisamkeit über Allem zu schweben, gleichsam überall gegenwärtig zu seyn, auf Kleines zu achten wie auf Großes: sollte ich diese staunenswerthe Thätigkeit deßwegen minder würdigen, weil sie auf die Kirche sich bezog, wohl gar sie mißbilligen, weil sie von deren Haupt geübt ward, oder da, wo Mittel und Zweck so klar vor Augen lagen, einen verborgenen und dazu noch tadelnswerthen Vorbehalt herausklügeln? Es fehlt nicht an Individuen, welche zu dergleichen Handlangerdiensten gut genug sind; in ihre Zunft konnte ich nicht eintreten. Denn Anderes, als redlich zu geben, was ohne Beihülfe künstlicher Wendungen oder willkürlicher Voraussetzungen mir sich dargeboten, wäre mir nie möglich gewesen. Könnet ihr Euch nicht satt genug preisen an euerm Mann um sein Wort: da steh' ich, ich kann nicht anders, helf mir Gott! so gebet doch wenigstens zu, daß ein Anderer, wo es das Zeugniß für eine, sogar auf Thatsachen ruhende, nicht blos aus eigener Machtvollkommenheit aufgestellte Wahrheit gilt, dasselbe mit allermindestens gleichem Recht anzuwenden berechtigt seye.

Es ist mir zwar bald nachher von einem sehr geistreichen[300] Mann die Bemerkung gemacht worden: nicht das, daß ich in einläßlicher Schilderung dargethan, mit welchem hohen Verstand Innocenz über den Ereignissen seiner Zeit gewaltet, mit welch' entschiedenem Willen er in dieselben eingegriffen, möchte Vielen mißfallen; das hingegen den Grimm Mancher wecken, daß ich diesem Allem eine sittliche Grundlage gegeben, nachgewiesen hätte, wie nach richtig erfaßtem Begriff des Pontificats Innocenz nicht anders habe handeln können. Gerne, meinte er, würde utan den großen Mann zugegeben haben, hätte ich es nur nicht gewagt, den großen Papst wieder aufleben zu lassen. Hiemit hätte ich in das System eingegriffen, was mir niemals würde verziehen werden. – Ich dagegen hielt dafür, anders ließe sich die Aufgabe wahrheitsgetreu niemals lösen, und stellte als Gegensatz auf: wenn ich die Geschichte eines Papstes zu schreiben hätte, der in weltlicher Politik unter seinen Zeitgenossen hervorgeragt, als Herrscher sich ausgezeichnet, als Beschirmer der Künste und Wissenschaften noch so glänzend geleuchtet, bei diesem Allem aber nicht von der Idee des Pontificats wahrhaft durchdrungen sich erzeigt, dieser nicht jenes Alles untergeordnet hätte, so würde ich wohl dessen hohe Eigenschaften anerkennen, nie aber meinen Tadel über den Mangel an letzterm unterdrücken können.

Ich selbst hielt von meiner Arbeit nichts mehr, als mir das Zeugniß geben zu dürfen (und darin lag doch keine Ueberschätzung), mit unermüdlichem Ameisenfleiß, was immer über den behandelten Gegenstand sich habe auffinden lassen, zusammengetragen, sodann das Gefundene in einer Weise verarbeitet zu haben, die wenigstens in dieser Beziehung gegründeten Tadel nicht veranlaßen könnte Mich lohnte der Rückblick auf so viele hundert harmlos, heiter und befriedigend zugebrachte Stunden; mir genügte die Meinung, die Zahl so vieler tausend Bücher durch eins vermehrt zu haben, welches wenigstens neben manchen andern sich aufstellen ließe. Wie aber diese Geschichtsbeschreibung durch zwei französische, darauf durch zwei italienische Uebersetzungen zu weiterer Kenntniß gelangte, fehlte es nicht[301] an Zeugnissen, daß sie noch Anderes gewirkt, als blos über einen wichtigen und dennoch bisdahin wenig bekannten Abschnitt des Mittelalters etwelches helleres Licht verbreitet zu haben. In Deutschland wurde mir von Mehrern bemerkt, durch mich erst wäre ihnen das Mittelalter von einer Seite bekannt geworden, die ihnen vorher ganz verhüllt gewesen seye; mit dem Lesen dieses Buches erst wäre ihnen dasselbe lieber geworden, und hätten ihre Ueberzeugungen von der Bedeutung, der Nothwendigkeit und der heilsamen Wirksamkeit eines Oberhauptes der Kirche eine ganz andere Richtung genommen. Ein deutscher Erzbischof gieng in schmeichelhafter Anerkennung selbst so weit, mir zu sagen: »ich hätte ihn katholischer gemacht, als er gewesen.« – Noch entschiedener waren die Zeugnisse, welche ich voriges Jahr in Frankreich vernehmen konnte. Zu Paris wurde mir von mehr als einem hohen Geistlichen verdeutet: die französische Kirche habe mir Vieles zu verdanken, mein Werk hätte eine große Wirkung auf den Klerus gehabt; in den meisten Seminarien wäre es vorgelesen, die heranwachsende Geistlichkeit mächtig durch dasselbe angeregt worden. Eines Tages besuchte ich die große Verlagsanstalt des Abbé Migne; ein junger Geistlicher hörte meinen Namen nennen, worauf er sogleich auf mich zu kam und sagte: »ich versichere Sie, daß in unserm Canada Ihr Name großes Gewicht hat.« Ein Jahr später äusserte in Rom der Marquis de Büssieresy gegen mich: das erste Buch, welches ihm nach seiner Rückkehr in die katholische Kirche in die Hände gefallen, seye die Geschichte Innocenzens des Dritten gewesen; er habe sie wahrhaft verschlungen, weil er darin dasjenige Alles nachgewiesen gefunden, was ihn zu dieser Rückkehr vornehmlich bewogen. Selbst aus Spanien sind mir Zeugnisse ähnlicher Art in Büchern schriftlich und sodann mündlich zu Theil geworden.

Und welche Zeugnisse, mit diesen übereinstimmend, vernahm ich nicht in allen Städten und von den Menschen der verschiedensten Lebensbestimmungen in Italien? Der Papst selbst sagte mir: die katholische Kirche habe eines Geschichtswerkes, welches[302] die so lange unterdrückte und entstellte Wahrheit mit so redlichem Willen als schönem Erfolg wieder an das Licht gezogen, sich nur freuen können. Schon ein paar Jahre vorher hatte er dem schweizerischen General Grafen von Salis bemerkt: »Er könne gar nicht begreifen, wie es möglich seye, daß Einer, der so die Wahrheit durchschaue und anerkenne, nicht als Glied der katholischen Kirche sich erklären könne?« – Der General erwiederte: »Wollen Ewer Heiligkeit nur zuwarten, die göttliche Gnade wird nicht müssig bleiben!« – Viele, dem des Oberhauptes der Kirche gleichlautende Zeugnisse sind mir erst nach dem 16. Juni offenbar geworden; viele Personen haben mir erst seit jenem Tage gestanden, daß sie langst schon die Ueberzeugung gehabt hätten, die Wahrheit, welche in mir einen so festen Grund gewonnen, werde immer völliger sich entwickeln, und Gott gewiß alle Hindernisse, um sie ganz zu erkennen und dann auch zu bekennen, aus dem Wege räumen.

Absit gloriari, nisi in Cruce Domini – das sollte jedes Christen Wahlspruch seyn. Ich führe daher alle diese Zeugnisse an, nicht um mich selbst dadurch ins Licht zu setzen, oder ein Verdienst, welches allein Demjenigen zukommt, der zu jedem guten Werk das Wollen und das Vollbringen geben muß, meiner Person beizumessen, sondern blos um zu bekennen, daß gerade in diesen mir erst lange hintennach kund gewordenen Zeugnissen jenes Treiben gegen mich, worin ich jetzt eine wesentliche Zulassung Gottes zu Entfernung aller Hindernisse zu verehren mich verpflichtet fühle, eine Rechtfertigung finden kann. Denn, besteht das Wesen des Protestantismus darin, ohne Rücksicht auf Zeit und Umstände Alles zurückzuweisen, was seine Begründer von der katholischen Kirche verwerfen zu müssen geglaubt haben und was er in seiner fortgeschrittenen Entwicklung mit gleicher Entschiedenheit verwirft, so muß er ganz natürlich auch eine protestantische Behandlung der Geschichte, selbst derjenigen Zeiten fordern, die lange vor seiner Existenz verlaufen sind. Finden daher die Katholiken, daß eine Geschichte jener Zeit katholisch geschrieben seye, d.h., anerkennend das Wesen[303] der Kirche, wie es allgemein damals anerkannt worden, und von denjenigen, die ihr treu geblieben, noch heutiges Tages anerkannt wird, darstellend dasselbe, wie es damals bestand und wie es in seinen Grundzügen noch jetzt besteht, so müssen folgerichtig die Protestanten, die in jener Voraussetzung die Bedingniß und die Modalität der eigenen Existenz anerkennen, es eben so einleuchtend finden, daß ein solches Werk in nichtprotestantischem Geist geschrieben seye. Ich zwar meinte noch manches Jahr seit Erscheinung desselben, es seye weder in jenem noch in diesem, sondern blos in rein historischem Sinn, als Schritt für Schritt mit den unverdächtigsten Zeugnissen belegte Darstellung der Thatsachen, geschrieben worden, wie ich mich hierüber zur Zeit des lebhaftesten Conflictes ganz offen erklärt habe. Jetzt hat es Gott so gefügt, daß ich in dem einen Zeugniß eine befriedigende Anerkennung verehren, wegen des andern gleichgültig bleiben kann, ohne daß deßwegen meinem Bewußtseyn gegenüber das, wozu dieses letztere antrieb, gerechtfertigt wäre.

Eine schwache Seite, wenn er dieß auch noch so entschieden ablehnt, verräth der Protestantismus immerhin durch sein Begehren, daß in den Verlauf der Ereignisse weit vor der Zeit seines Entstehens nur von demjenigen Standpunct dürfe geschaut werden, den er nachmals aufgestellt hat. Er hat darin eine große Aehnlichkeit mit den Anhängern und Herolden der Revolution, die ebenfalls für Beurtheilung der Thätigkeit und der Bestrebungen der Könige nur einen Maßstab, denjenigen nemlich, der jener entnommen ist, wollen gelten lassen. Hinter derartigem Postulat lauert immer, wenn es auch nicht ins Bewußtseyn hinaustritt, eine dunkle Ahnung des Unrechts, und es verräth Jedenfalls eine mißliche Sache, wenn man es mich über sich gewinnen kann, rechtmässigen Zuständen der Vergangenheit parteilose Anerkennung widerfahren zu lassen; dieß blos deßwegen nicht, weil dieselben einerseits noch fortdauern, indeß man anderseits sich davon losgesagt hat. Hiebei läge die Vermuthung nahe, durch ein solches gewaltsames Anpassen des[304] Urtheils der Geschichte an ein später aufgestelltes System sollte entweder die Mangelhaftigkeit desselben verhüllt, oder jeder Zweifel an unantastbare Rechtmässigkeit desselben beschwichtiget werden. Unbefangener und würdiger wäre es allerdings, die Verdienste des Pontificats um Erhaltung des Christenglaubens, um Verbreitung desselben, um die Versitlichung des Menschengeschlechts, um die Verbesserung des gesellschaftlichen Zustandes, um Wahrung gedeihlicherer bürgerlicher Ordnung anzuerkennen, als, wie so häufig geschieht, in demselben, mit Verläugnung aller Wahrheit, nur den Mittelpunct von Verwirrung, Ränken, Gewaltthätigkeiten und selbstsüchtigen Zwecken suchen zu wollen. Indem man aber die Geschichte des Pontificats zu einem ununterbrochenen, von dessen Wesen gleichsam unzertrennlichen, Gewebe von dergleichen Dingen metamorphosirt, läßt sich die Auflehnung gegen dessen Autorität allerdings besser beschönigen, indeß bei jenem redlichen Geständniß die Frage nahe läge: warum denn habt ihr euch so gewaltsam von dieser Institution losgerissen, warum glaubten zu deren Herabwürdigung euere Stifter nicht Schmähworte genug austreiben zu können? – Was zu jener Zeit vorübergehend in solcher Weise mich berührte, ist mir erst seitdem vollkommen klar geworden, und es leuchtet mir nunmehr hell genug ein, daß das Werk auf meine damaligen Confessions-Verwandte eine andere Wirkung nicht haben konnte. Der Eindruck, den es nach der einen Seite gemacht hat, mußte, wie die Sachen stehen, nothwendig den entgegengesetzten nach der andern Seite hervorrufen; daß dieser aber hier und dort so weit gehen würde, hieran dachte ich freilich nicht.

Ob und inwiefern zwischen meinen Ansichen über Freiheit Recht, Ordnung und Verfassung der Kirche und den Forschungen über Innocenz und seine Zeit eine Wechselbeziehung sich begründet habe, das vermöchte ich nicht zu ermitteln; ebensowenig als ob diesen Forschungen nicht etwelcher Einfluß auf mein Benehmen an der Spitze und in Verbindung mit der Geistlichkeit zuzuschreiben seye. Wer nach einem Ideal, ob noch[305] so fern, ob noch so unerreichbar hoch es gestellt seye, unablässig den Blick gewendet hat, dem mag, wie eng begränzt der eigene Wirkungskreis und wie tief gestellt auch die eigenen Verhältnisse seyen, dennoch der Versuch nahe liegen, irgend etwas davon in die Realität überzutragen; wobei jedoch ruhige Ueberlegung, ein klarer Blick und blos das nöthigste Maaß von Klugheit ihn niemals in das Gewagte, Unausführbare werden hinüberschreiten lassen. Das aber schwebt in vollem Lichte vor meinen Augen, daß ich in meiner Phantasie das ganze Leben von Innocenz durchgelebt und es in mir ripristinirt habe, gleich als hätte ich nicht nur alle Eindrücke der damaligen Weltereignisse an mir selbst erfahren, sondern dabei mitgewirkt und mitgehandelt. Ich weiß wohl, daß hierüber Viele mich tadeln, aus diesem offenen Geständniß eine Unfähigkeit für parteilose Darstellung deduciren, hinter den mir immer als ruchlos vorgekommenen Satz sich verbergen werden: der tüchtige Geschichtschreiber dürfe weder Religion noch Vaterland haben. Andere dürften anders urtheilen; mir aber macht es Freude, mich zu geben, wie ich bin, anbei die anfangs leisen, allmählig immer frischer und voller hervortretenden Spuren der Bereitung zum Willen Gottes zu verfolgen.


Unerwartet, plötzlich, starb Ende Februars 1835 derjenige, welcher vor zwei Jahren statt meiner zum Antistes improvisirt worden war. Er verdient das Zeugniß eines gutmüthigen, vertragsamen Mannes, der eben die, in lächerlicher politischer Abneigung gegen mich ihm zugewendete, Stelle behandelte, wie er seine Landpfarrei behandelt hatte, und dem ich eine gewisse wehmüthige Theilnahme um so weniger versagen konnte, als leicht zu durchschauen war, daß die Gunst, in die er so unerwartet gekommen, bei seinen Gönnern nur so weit vorhielt, um sich selbst über deren unerwartete Zuwendung nicht allzusehr[306] zu compromittiren. Er hatte am letzten Sonntage des Februars in der ehemaligen Antistitialkirche noch gepredigt; Montags, Morgens neun Uhr, wurde mir sein Hinscheid gemeldet.

Das war wieder einer der Fälle, für welchen alle eventuell möglichen oder nothwendigen Maßregeln längst überdacht waren. Zwei Stunden nach Empfang jener Nachricht saß ich schon in dem Wagen, um nach dem Kloster Muri zu fahren, nachdem ich vorher noch der Wittwe schriftlich mein Beileid bezeugt, und dieß nicht Schicklichkeitshalber oder blos zum Schein, sondern in wahrer Theilnahme, da das Unerwartete mich wahrhast erschüttert hatte, und ich gegen den Mann, der, wahrscheinlich ohne daran zu denken, zum Spielball der Mißstimmung gegen mich sich bequemen mochte, mehr mit Mitleid als mit Unwille erfüllt war. Ich hatte Muri als einsweiligen Aufenthalt deßwegen gewählt, weil die Jahreszeit für eine weitere Reise nicht einladend war, weil das Kloster von Schaffhausen nicht sehr weit entfernt liegt, weil ich eines guten Empfanges mich versichert halten konnte, weil ich mir für meinen Innocenz aus der dortigen reichen Bibliothek noch einigen Gewinn versprechen durfte (dieß wahrlich nicht vergeblich), endlich weil ich nicht in einer Stadt mich aufhalten wollte. Eben als ich in Bereitschaft stand, in den Wagen zu steigen, kam noch mein Freund, der jetzige Staatsschreiber Peyer im Hof, zu mir, um in halbofficiellem Auftrage mich zu fragen: ob ich den Vorschlag zu der erledigten Stelle annehmen würde? Ich erwiederte nur: man möchte thun, was man für zweckmässig erachte; ich stünde im Begriff abzureisen.

Hiezu hatte ich mehrere Beweggründe. Zum ersten freute es mich, aus der Ferne zuzusehen, welches Spiel in meiner Abwesenheit würde getrieben werden, oder nach meiner Rückehr zu vernehmen, welches wäre getrieben worden. Sodann konnte ich leicht vermuthen, daß, nun der »einzig vollkommen Tüchtige« gestorben seye, man wohl auf den minder Tüchtigen verfallen und das gleiche Getriebe schwerlich zum Zweitenmal versuchen[307] dürfte. Meine persönliche Ehre gebot aber, auch des leisesten Scheins von Entgegenkommen mich frei zu halten, alle Vermuthungen, Gerüchte und Sagen, die an meine Person sich knüpfen konnten, unmöglich zu machen, gegen die Einflüsterung von Freunden wie gegen Gehässigkeiten von Feinden mich sicher zu stellen, was Alles einzig durch die schnellste Entfernung sich erzwecken ließ. Endlich, da meine politischen Gesinnungen sich noch nicht im mindesten geändert hatten, und ich den größten Werth darauf legte, daß man wisse, es könne weder Ungunst noch Zuneigung einen Einfluß auf die selben üben, wollte ich von vornherein allem unnützen Gerede den Faden abschneiden, als hätte ich meine Ueberzeugungen den Meinungen, so wie dieselben gerade in jenen Tagen normirt seyn mochten, gemäß rectificirt, wohl gar der erledigten Stelle zu lieb mit der Revolution einen Pact geschlossen. Ob ich die Würde eines Antistes erhalten sollte oder nicht, das war mir das Gleichgültigste von der Welt; zehn solcher Stellen hätten die Kränkung auch nur über den leisesten Argwohn in jener Beziehung nicht aufzuwägen vermocht. Die Stelle vermehrte meine pecuniären Mittel, die überhaupt bei Allem, was mich betrifft, zuletzt in Anschlag kommen, nicht. Auch bedurfte ich ihrer nicht, um mir Ansehen zu verschaffen. Die Rangerhöhung konnte mich ebenfalls nicht besonders locken; das Bewußtseyn, zu nichts Unwürdigem, mir Widerstrebendem Hand geboten zu haben, galt mir mehr als alles Andere.

Der Berechnung nach hätte die Wahl noch in der gleichen Woche statt finden sollen. Für dergleichen Sachen bestanden ehedessen bestimmte Vorschriften, über die man sich niemals hinwegsetzte: jetzt, wo man vor lauter Gesetzen, Formeln und Reglementen kaum mehr Raum zum Wandeln hat, ist für Willkür, Laune und Planchen der offen oder verborgen, in Salons oder in Kneipen Lenkenden ungleich größerer Spielraum eröffnet. Was den Aufschub veranlaßte, weiß ich nicht. (Dießmal war es doch nicht die Heuernte, wie im Jahr 1829, wo eine sehr wichtige und längst erwartete Berathung des Großen[308] Raths nur deßwegen verschoben wurde, weil ein Mitglied vom Lande bemerkt hatte, den angesetzten Tag habe es zur Heuernte auf seinen Wiesen bestimmt.). Ich kam nach acht Tagen aus meinem Asyl zurück, nicht zweifelnd, die Wahl werde erfolgt seyn. Sie war aber noch nicht vor sich gegangen, was mich für mehrere Tage auf mein Haus beschränkte, indem ich nicht durch Verkehr mit Andern den Zweck meiner Entfernung vereiteln wollte. Kurz, fremder als ich damals konnte nie Jemand einer Wahl bleiben. Wie mir hierauf angezeigt wurde, sie seye vor sich gegangen, war die erste Frage: ob man mehrmals habe wählen müssen? Denn auch dessen war ich fest entschlossen, die Stelle augenblicklich auszuschlagen, sofern sie nicht in der ersten Wahlverhandlung mir zufiele. Künsteleyen wie vor zwei Jahren hielt ich mit meiner und zugleich mit der Ehre der Stelle selbst unvertragsam. Die Antwort des Rathsdieners lautete aber, daß blos ein einmaliges Stimmengeben nothwendig gewesen seye. Daß keine besonders große Majorität sich ergeben hatte, durfte dagegen keinen Scrupel veranlassen, da in solchen Fällen weniger die Minderheit zu berücksichtigen, als die Gesinnung der Mehrheit zu ehren ist, auch die Rücksichten auf die eigene Person ihr Ziel haben müssen.

Aber zu ernster Bethätigung meiner Gesinnungen und zu Wahrung des


incontaminatis fulget honoribus


mit voller Entschiedenheit aufzutreten, ergieng blos zwei Monate später eine unabweisliche Aufforderung. Die neuen Einrichtungen haben neben vielen andern auch die Formalität geschaffen, daß der kleine Rath alljährlich dem großen einen Bericht über seine und die Geschäftsführung der mit ihm verbundenen Behörden zu erstatten hat. Da mußte bei dem Bericht von dem Kirchenrath auch der Antisteswahl gedacht werden. Diese Berichte wurden seit ihrer Einführung Jedesmal durch den Druck bekannt gemacht. Ich darf mit Recht des Wortes mich bedienen: der allerzufälligste Zufall habe mir denjenigen für das eben ablaufende Verwaltungsjahr von 1835 in Handschrift[309] zur Kenntniß gebracht, zugleich mit der Bemerkung eines Dritten: »da könnte ich sehen, wie bereits in Betreff meiner Person gesprochen, über mich geurtheilt werde.« Daß die etwas dick aufgetragenen Lobsprüche, welche dem kurz zuvor Verstorbenen ertheilt wurden, klar genug die Absicht durchblicken ließen, hiedurch einen Schatten auf mich zu werfen, befremdete mich nicht; ich war dergleichen gewohnt, und fand Jedesmal reichlichen Ersatz in der Zusammenstellung früherer zufälliger Aeusserungen über die Betreffenden mit dergleichen solemnen Ovationen. Aber kaum traute ich meinen Augen, als ich folgende, mich betreffende Stelle las:

»Es ist dem Großen Rath bekannt, wem aus dem dreisachen Vorschlag des Kirchenrathes die erledigte Stelle eines Hauptes der Kirche übertragen wurde; – einem Mann voll Geist und Kraft; und diejenigen, welche zweifeln möchten, ob der Neuerwählte, der sich häufig so offen und scharf ausgesprochen, wie wenig er mit den gegenwärtigen Einrichtungen sich befreunden könne, für die ihm übertragene Stelle sich eigne, mag die Ueberzeugung Beruhigung gewähren, daß er selbst, die Wichtigkeit seines Berufes erkennend, sich bei Annahme derselben werde überzeugt haben, daß die Kirche und um so mehr ihr Haupt, durch ein Streben ganz in Anspruch genommen werde, durch das nemlich, die Glieder derselben ihrer Bestimmung zuzuführen, und daß ein gewissenhaftes Streben der Art kein Anderes mehr zulasse. Das erkennt gewiß der Neuerwählte; sein eigenes Gefühl ist uns Bürge dafür. Und wer zweifelt daran, daß er mit Annahme der wichtigen Stelle nicht auch dem, dessen Diener er ist, das Gelübde werde abgelegt haben, die mit demselben verbundenen ernsten Pflichten getreulich zu erfüllen?«

Um diese Stelle in ihrer vollen Bedeutung zu würdigen, es vollkommen zu begreifen, wie und warum sie den unangenehmsten Eindruck auf mich machen, ja geradezu mich emporen mußte, wäre die genaueste Kenntniß des Verlaufs von Sympathien und Antipathien während langer Zeit, der Stimmung,[310] der Persönlichkeiten, einer Menge kleiner Nebenumstände nöthig, die man nur erleben, nicht aber aufzeichnen, noch weniger anschaulich machen kann. Aber sicher ist es, daß von so Manchem, was seit der Revolution von 1831, nicht immer unerwartet und überraschend, mir widerfahren war, nichts je in solche Aufregung mich gebracht hatte, als das Lesen dieser Stelle. Dem meisten Bisherigen hatte ich in das Auge blicken, daher in die erforderliche Fassung leicht mich setzen können; dieses aber sollte hinter meinem Rücken geschehen, ja, ohne daß mir nur ein Entgegenwirken möglich gewesen wäre. Vollends dann durch den Druck veröffentlicht, wie hätte ich den, immerhin mich herabwürdigenden, Eindruck verwischen können?

Das vorübergehend ertheilte Lob konnte mich nicht bestechen, da dergleichen überhaupt niemals mich bestochen hat. Daß ich häufig ausgesprochen, wie ich mit den gegenwärtigen Einrichtungen mich nicht befreunden könne, – eigentlich aber vorzüglich nicht mit der Weise, wie, mit den Mitteln, wodurch, und mit den Absichten, aus denen sie eingeführt wurden, – ist wahr; daß es offen geschah, ist ebenfalls wahr, und schwerlich unehrenhaft; über das »scharf« hingegen ließe sich rechten, wenn anders der Ausdruck nicht mit entschieden gleichbedeutend seyn sollte. Mir aber wollte aus dem ganzen Zusammenhang hervorgehen: es könnte zu allererst der Zweck meiner Entfernung zur Zeit der Wahl durch diese Worte vereitelt, es könnte aus denselben gefolgert werden, ich hätte meine Ueberzeugung der Stelle zum Opfer gebracht; oder es würde wenigstens amtlich, öffentlich, gegen jede Einwendung gesichert, ausgesprochen: ich hätte mich bisher wie ein unartiges Kind geberdet, nun aber, da mir, wider all mein Verdienen, freundlich ein Leckerbissen seye zugeworfen worden, stehe zu gewarten, ich würde mich dadurch reumüthig zum Gelöbniß der Besserung erwecken lassen.

Das jedoch war noch nicht das Kränkendste. Weit ungehaltener wurde ich darob, daß man sichs herausnehmen wollte, in meiner Abwesenheit, vor einer Versammlung von 78 Köpfen[311] – und welcherlei darunter! – meine Person zum Gegenstand einer solchen anmaßlichen Schulmeisterei zu machen. Wäre mir bei irgend einer Feyerlichkeit dergleichen ins Gesicht gesagt worden, ich würde es zwar etwas unpassend gefunden, doch, ohne mich gekränkt zu fühlen, weil vielleicht durch die Veranlassung gerechtfertigt, es angenommen haben. Hier dagegen erschien es als ein Urtheil über meine Person, wozu man vermöge einer gewissen postulirten Superiorität der amtlichen Stellung volle Befugniß in Anspruch nehmen zu dürfen glaubte. Ich aber konnte eine solche weder dieser, noch irgend einer socialen, auch keiner persönlichen Stellung und ebensowenig irgend einer Individualität über mich einräumen. Es erschien mir als die unbemessenste Insolenz gegen meine Person, als eine unverkennbare Herabwürdigung derselben, unberufen und aus bloßer Eigenmacht erklären zu wollen: ich würde bei Annahme der Stelle mich selbst überzeugt haben, »daß ein gewissenhaftes Streben im Sinne derselben kein anderes mehr zulasse.« Mir waren die Anforderungen einer »Stelle,« die ich nicht als solche, sondern als Würde zu behandeln geneigt war, gewiß klarer als jedem politischen Schreiber, und ich steckte die Gränzen für dieselben gewiß weiter, als die landläufige Meinung zu thun pflegte. Was aber jenseits dieser Gränzen noch zulässig seye, das zu ermitteln oder herauszufühlen, mußte meinem eigenen Tact überlassen werden, der ebensogut hätte Bürge seyn können, daß ich wohl wissen dürfte, wie Beides genau auseinanderzuhalten wäre. Hätte dieß nicht in mir gelegen, durch dergleichen Mittel wäre es gewiß am wenigsten erzielt worden. Und welche, um den gelindesten Ausdruck zu brauchen, welche Unzartheit, vor einer solchen Versammlung zu sagen: »ich würde mit Annahme der wichtigen Stelle dem, dessen Diener ich seye, das Gelübde abgelegt haben, die mit derselben verbundenen ernstlichen Pflichten getreulich zu erfüllen?« Das konnte, das durfte außer mir selbst Niemand sagen; das mußte mit vollem Vertrauen erwartet, durfte nicht, durch wen es gewesen wäre, mir in's Gewissen geschoben weiden. – Dergleichen und Aehnliches,[312] was später berichtet werden wird, gehört zu den Ergötzlichkeiten, die man in modernen Republiken auszustehen hat, sobald man die Nullen nicht vermehren mag, die einer jeweils geltenden Ziffer sich anhängen.

Ich darf mich gottlob nicht über schlaflose Nächte beklagen; die Entdeckung aber, daß man auf Kosten meiner persönlichen Würde, meiner Ehre, der Unwandelbarkeit meiner Grundsätze, meiner bisher immer bewiesenen getreuen Pflichterfüllung, meiner selbst unbewußt und außer Standes, den leicht vorauszusehenden Eindruck neutralisiren zu können, ein solches Spiel mit mir treiben wolle, das beunruhigte mich in der folgenden Nacht fortwährend, und ich war bald mit mir einig, welcher Pfad hier zu betreten seye. Der damalige Bürgermeister (oder vielleicht in diesem Augenblick nur dessen Stellvertreter, dann bald hierauf an diese Stelle gewählt) war ein bejahrter, friedlich gesinnter, in jeder Beziehung wohlwollender Mann; gegen mich hatte er sich stets freundlich erwiesen, und Achtung und Vertrauen gegen mich bei allen Gelegenheiten an den Tag gelegt, wofür ich auch bis an das Ende seines Lebens dankbare Aufmerksamkeit ihm zu erzeigen mir angelegen seyn ließ. Diesem wies ich jene Ausdrücke vor, mit dem Bemerken, nun mir dieselben bekannt geworden wären, könnte ich unmöglich schweigen und noch weniger zugeben, daß ich auf solche Art mit meinen innersten Ueberzeugungen und meiner bisanhin unabänderlich befolgten Handelnsweise öffentlich in gewisser Beziehung verdächtigt würde. – Der Bürgermeister äußerte sein tiefes Bedauern darüber, daß der Friede, den er durch die Wahl nun hergestellt glaubte, so unerwartet wieder sollte gestört werden. Er konnte die Richtigkeit meiner Bemerkungen nicht in Abrede stellen und versprach zu thun, was ihm möglich, um mir zu entsprechen.

Aber unablässig beschäftigte mich der Gedanke, so unerwartet und aller Wahrheit entgegen nicht blos als wetterwendisch, sondern als unehrenhaft, weil unbedeutender äußerer Vortheile wegen von dem bisherigen Pfad weichend, oder als Einer, der[313] blos durch das Zuwerfen einer Stelle zu Erkenntniß seiner Verpflichtungen könne geführt werden, erst vor dem Großen Rath, sodann vor dem Publikum dargestellt zu wer den, dabei aller wirksamen Mittel der Abwehr mich beraubt zu sehen. Ich sandte daher unverweilt meinen Vetter zu dem Bürgermeister und ließ ihm sagen: er wisse, daß ich die Stelle eines Antistes nicht gesucht, weil nicht bedurft, auch deßwegen, um jeden Anschein, als buhlte ich um dieselbe, zu vermeiden, seiner Zeit mich entfernt hätte. Der fragliche Passus müßte daher aus dem Bericht gestrichen werden, oder ich betrachte die Wahl als nicht erfolgt, verbleibe an meiner vorigen Stelle, und ließe statt meiner wählen, wen man wolle; was um so leichter möglich, als das Amt eines Antistes von mir noch nicht angetreten seye. Blendwerk und Spiegelfechtereyen waren mir von jeher verhaßt, ich pflegte nie mit Worten zu spielen, oder mit Maßregeln blos des Scheins wegen zu drohen; man dürfte daher mit aller Bestimmtheit darauf zählen, daß ich diesem Vorsatz würde getreu bleiben. Hatte die Sache auf's Aeusserste kommen müssen, so wäre vielleicht der Ausweg beliebt worden, zu sagen: die eine Stelle wolle ich also nicht annehmen, zu der andern könnte ich nun nicht wieder zurückkehren. Aber auch in dieser Beziehung war der Entschluß bereits gefaßt: ich wäre nur der Gewalt gewichen; ich hätte entweder die Verrichtungen fortgesetzt und, was zu verhindern unmöglich gewesen wäre, mir die Temporalien sperren, oder es darauf ankommen lassen, ob ich an jenem durch thatsächliche Maßregeln wolle gehindert werden.

Es wurde nun durch den Bürgermeister mit demjenigen, der den Bericht verfaßt hatte, eine Zusammenkunft veranstaltet, bei welcher ich jene Erklärung in den entschiedensten Ausdrücken wiederholte und jeden Versuch einer andern Deutung jenes Passus von der Hand wies. Allein Auslassung oder Veränderung desselben, hieß es, seye unausführbar, weil der Bericht bereits vor dem Kleinen Rath verlesen und genehmigt worden, so auch dem Großen Rath müsse mitgetheilt werden; hingegen wurde mir auf das Bestimmteste versprochen, denselben[314] nicht drucken zu lassen. Hiezu biete sich ein augenfälliger Vorwand dar, indem darin einer angehobenen Unterhandlung mit Baden Erwähnung geschehe und die Klugheit es räthlich mache, daß diese nicht vor ihrem Abschluß öffentlich bekannt werde.

Mein Unwille war vorzüglich durch die Gewißheit rege geworden, daß die mißbeliebige Stelle gedruckt werden sollte, und dem Radicalismus im engern und weitern Kreise zu verunglimpfenden Folgerungen gegen meine Person erwünschten Stoff darbieten könnte. Ich überlegte, daß man in allen Fällen mit dem Anerbieten des Möglichen sich begnügen müsse und nicht durch Forderung des Unmöglichen die Sachen auf's Aeusserste treiben dürfe; ich konnte mir nicht bergen, daß bei dem Ablesen weitläufiger Acten selten Aufmerksamkeit genug vorwalte, um das Einzelne festzuhalten; daß in einer großen Versammlung nur Wenige hinreichende Gewandtheit besässen, um bei schnell verhallendem Ton jeden Ausdruck seinem vollem Gehalt nach zu würdigen; daß endlich auf solche Weise mit der Acte nach deren Ablesen auch meine Besorgnisse in die Gruft des Archives würden beigesetzt werden. Daher erklärte ich mich mit diesem Auswege befriedigt, aber unter dem bestimmten Vorbehalt, daß, wenn irgendwie die kränkende Stelle zu öffentlicher Kunde gelangen sollte, ich diese Unterhandlung als nicht erfolgt betrachten und zu meiner vorigen Erklärung: wieder in mein früheres Amt einzutreten, zurückkehre. Man konnte wohl wissen, daß ich mit dergleichen keinen Scherz zu treiben gewohnt seye. – Die Taktik, durch amtliche Acten mich in falsches Licht zu stellen, ist später noch greller angewendet worden.


Aus dem bisher Mitgetheilten treten drei Hauptelemente meiner Ueberzeugung, inwiefern dieselbe das Kirchliche berührt, hervor. Zuerst das unverrückte Festhalten an den Grundlehren der Offenbarung, wie dieselben von allen anerkannten christlichen Religionsparteien gemeinsam angenommen werden; sodann[315] die Forderung von unbeschränkter Autonomie der Kirche, als unentreißdares Eingebinde, welches von ihrem Begründer ihr in die Wiege mitgegeben worden, in voller Anerkennung und Wirksamkeit hervortretend zur Zeit Innocenzens des Dritten, und dargestellt in seiner Geschichte; endlich Mißbilligung des wilden Reformationssturmes und des abgeschmackten Geschreyes, welches die Laute der Wahrheit niederjubeln sollte, bisweilen angedeutet in Anzeigen von Büchern. Es darf nun wohl gefragt werden, wie ich namentlich bei den letztern, niemals verhehlten Gesinnungen meine Stellung als Geistlicher und als Vorsteher der Geistlichkeit mir gedacht und behauptet habe?

In allen Beziehungen des Lebens mehr durch die erhaltenden als durch die entwurzelnden Kräfte angezogen und bewegt, größeres Gewicht auf das Bejahende als auf das Verneinende legend, ignorirte ich, was ausgerissen und verneint worden, und glaubte in dem, was als ewige und von Gott selbst, durch des Menschen Speculation oder Selbstgenügsamkeit unantastbar, eingesetzte Bejahung sollte erhalten werden, ernster und unbegränzter Verpflichtung genug mich unterzogen zu haben, um für fernere ungefährdete Bewahrung, Beschirmung, Fortpflanzung dieses Erhaltenen allen Willen, alle Kraft und alle Thätigkeit einzusetzen. Bot sich mir, ohne auf das Suchen auszugehen, gleichsam in innerer Anwandlung, von dem Ausgerissenen etwas zu unverweigerlicher Annahme für mich selbst dar, wie jener Zug zu der allerseligsten Jungfrau, so stemmte ich mich nicht dagegen, sondern hielt dafür, wer stets sich befleisse, jede Schuld gegen Andere in vollgewichtiger Münze treulich abzutragen, habe ihnen keine Rechenschaft über das zu geben, was er etwa noch in der Tasche behalten möge, um so weniger, wenn er es nicht versuche, dasselbe in Umlauf zu setzen und sich der Einsicht bescheide, daß das Uebriggebliebene als cursirende Sorte doch niemals würde anerkannt werden. Ich mochte mich auf jenes Wort des ewigen Wortes berufen: »noch Vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnet es jetzt noch nicht fassen.« Habe ich hierin einen Fehler begangen, so haben[316] nicht diejenigen sich darüber zu beschweren, welchen hievon nur so viel ist mitgetheilt worden, als gestattet war; sondern der Fehler, – und ich erkenne es jetzt wohl: ein sehr schwerer – ist begangen worden gegen diejenige, welche selig preisen sollen alle Geschlechtsfolgen auf der Erde; und nichts bleibt hier übrig, als in Demuth die Gnade der Mutter aller Gnaden anzuflehen. Wird aber zugestanden, es seye protestantisch, in vorgeschriebenen Gebeten und liturgischen Formularien von der Kanzel Manches als Wahrheit zu verkünden, was man im Herzen für Phantasterei halte, sollte es nach solchem Vorgang weniger protestantisch seyn, eine Wahrheit, indeß man ihr für sich selbst ein größeres Gewicht einzuräumen sich gedrungen fühlt, nur bis zu dem Grade zu verkünden, in welchem dieß weder Anstoß noch Widerspruch erregen kann? Soll das Minder unbedenklich gerechtfertigt, das Mehr aber von vornherein verdammt werden?

Inwiefern die Stifter der verschiedenen protestantischen Fractionen, bei aller Abweichung unter einander, doch in Bewahrung der Grundartikel des christlichen Glaubens, wie sie dieselben in der katholischen Kirche vorgefunden haben, übereinstimmten, und inwiefern sie dieselben den Nachkommen (wie diese in individuelle Meinung sich zersplitterten, konnte hier nicht als Normalzustand gelten) zu treuer Erhaltung überlieferten, insofern betrachtete ich mich gleich einem Krieger, dem die Vertheidigung eines wichtigen Aussenwerkes anvertraut ist. Hat dasselbe gleich Beschädigung erhalten, ist es gleich von dem Hauptwerke getrennt, so wird es doch durch dieses noch gedeckt, und des Vertheidigers Pflicht ist, zu wachen, seine Mitstreiter anzufeuern, herzhaft den Kampf zu bestehen, nicht zu ermatten, in keinen Verkehr mit dem Feinde sich einzulassen, keinen Waffenstillstand zu schliessen, unter welchem Ueberlistung möglich wäre. Für einen solchen Feind habe ich zu jeder Zeit die Freischaaren der Zeitphilosophen, die Geschwader der Rationalisten und die Schwärme der Indifferentisten gehalten. In solcher Ueberzeugung habe ich vor Jahren schon, als ich jenes[317] Bollwerk noch zu hüten berufen war, in Hinblick auf die Streitigkeiten, welche der 20. November 1837 hervorrief, gesagt9:

Ja wohl, viel edle Kräfte – wer kann das leugnen? – sind in diesem Kampfe nutzlos vergeudet, viel böses Blut ist auf beiden Seiten gemacht, viel alter Haß, der längst darniedergefahren schien, ist wieder aus der Finsterniß heraufbeschworen worden. Sollte eine Verständigung unmöglich, sollte es für diejenigen beider Seiten, welche doch noch Etwas wollen, nicht gerathener seyn, entweder sich zu verbinden, oder wenigstens gegenseitig sich friedlich gewähren zu lassen, um Blick, Kraft und That gegen diejenigen zu richten, die im Grunde gar nichts wollen, daher die gefährlichsten Feinde Beider sind? Dieß wenigstens wäre eine Irenik, wodurch der Stand der Sachen im Alten, jede Partei bei ihrem Recht oder Unrecht belassen würde und jedem Theil Freiheit, Macht und Sicherheit bliebe, ungetheilt die Aufmerksamkeit auf näher Liegendes und dahin zu wenden, wo es mehr Noth thun dürfte. Denn bei dem Kampfe, wie er jetzt schwebt, gewinnen nur diejenigen, welche beiden Orts Alles wegzudeuteln, wegzuvernünfteln, wegzutoleranzen, auszuklären, abzuziehen, zu verflachen sich bestreben. Gegen diese waffne, gegen diese ziehe, gegen diese streite man! Stellt ihn ein den Ruf, der allmitternächtlich hinüberschallt von einem Kriegslager zum andern: hie Welf! hie Waibling! Es schleicht durch beide Heere ein ganz anderer Feind, der in Treuen weder zum Welfenpanier noch zur Waiblingsstandarde geschworen hat, sondern eine eigene Fahne in der Tasche führt, die er entrollen wird, sobald ihm der Augenblick günstig erscheint. Er folgt einem ganz andern Heerfürsten als Welf und Waibling; er hofft eine ganz andere Herrschaft zu begründen, als dieser oder jener; er träumt sich Beide einst niederzutreten. Und schon wehen seine Signale von den Bergen, und schon flüstern sie sich das Wort zu, und schon hoffen[318] sie, laut das Feldgeschrei erheben zu können. Wie bald möchte nicht zu spät die Warnung kommen: »Wachet und betet, denn euer Widersacher gehet umher wie ein brüllender Löwe und suchet, wen er verschlinge.«

In jenem Sinne, bauend auf Gottes, in Treu und Glauben angenommenes Wort, erhaltend, was dieses uns mittheilt, daran stets mahnend, daß es nicht als todter Schatz im Herzen verwahrt bleiben dürfe, sondern schaffend und wirkend in Früchten sich zeigen müsse, für mich selbst so Pflicht als Recht eines Botschafters an Christi Statt anerkennend und fordernd, habe ich stets mein Amt zu führen mich beflissen. Ich habe zu Ansang voriges Jahres beinahe ein paar Duzend Predigten herausgegeben, nicht als Schaustücke, sondern herausgegriffen aus einem Vorrath von mehr als tausend. Ich könnte sie Alle vorzeigen und Jeden auffordern, ein Abweichen von der eigentlich christlichen Lehre mir nachzuweisen. Sie sind alle protestantisch im Sinne der wesentlichsten Puncte, die vor drei Jahrhunderten noch angenommen wurden, alle aber auch katholisch, insofern jene Puncte zu jener Zeit diejenigen der Mutterkirche waren. Controversen, das bekenne ich jetzt noch mit Freude, habe ich nie berührt; denn mit dem Apostel hielt ich »alle Schrift von Gott gegeben, nützlich zum Lehren, zum Beschelten, zum Zurechtweisen, zum Unterrichten in der Gerechtigkeit, damit der Gottmensch vollkommen seye, angewiesen zu jedem guten Werk;« Allem, durch den Apostel hier Angemerkten, erachtete ich blosses Streiten niemals als förderlich. Nakte Moralpredigten konnten mir ebensowenig zusagen; die geoffenbarte Wahrheit mußte entweder die Grundlage, die Moral das Abgeleitete seyn, oder jene als pulsirende Kraft diese durchströmen. Das sicherste Kriterium, inwiefern eine Predigt ihrem Ideal, wie dasselbe mir vorschwebte, entspreche, lag für mich darin, ob sie mich selbst ergriff, bewegte, emporhob; daß dieses immerfort gelungen seye, will ich nicht sagen.
[319]

Noch in dem legt abgewichenen Jahrzehend machte der Pietismus auch in unserer Stadt auffallende Fortschritte. Viele der jüngern Geistlichen erweisen sich als Förderer desselben; Bibel- und Missions-Vereine und veranstaltete Feste wurden dessen Pflanzstätten. Ich habe die Ansicht von der Wirksamkeit dieser Art Missionen nie theilen können. Man will den uncultivirten Völkern zuerst metaphysische Wahrheiten beibringen und vergißt, daß sie, den Kindern gleich, etwas in die Sinne Fallendes verlangen, woran dann erst jene sich anknüpfen lassen. Die Bibel ist kein Altar, und das Wort kein Cultus, Und dann diese verschiedenen, in Glaube und Praxis oft weit von einander abweichenden Secten, deren jede ihre Sendlinge bestellt, jede die Heiden nach ihrem Wesen zu formen sich bestrebt, so viel immer sie kann, wollten mir nie einleuchten. Es schien mir immer, man gehe mehr darauf aus, Zuwachs für seine Partei, als dem Christenthum Bekenner zu gewinnen, Auch da ist die Praxis der katholischen Missionäre der menschlichen Natur und dem menschlichen Bedürfniß ungleich angemessener; darum sind auch, was man immer dagegen zu sagen sich bestrebe, ihre Erfolge weit umfangsreicher, weit sicherer, Aber nicht das allein, sondern ihre Missionen alle werden in dem gleichen Geist und zu dem gleichen Zwecke unternommen. Ob der Lazariste, der Franziscaner, der Dominikaner, der Jesuite, der Weltgeistliche, ob ein Franzose, ein Deutscher, ein Italiener, ein Spanier irgendwo als Missionär erscheine, Jeder lehrt das Gleiche, Jeder beabsichtigt das Gleiche, und würde der Lazarist dem Jesuiten, der Deutsche dem Franzosen weichen, in demselben Geist, in welchem der Erste das Werk begonnen, würde der Andere es fortsetzen. Wäre dieß mit den Missionären der mancherlei protestantischen Secten, Völker und Zungen ebenso?

Einige ältere Geistliche, die mehr eine rationalistische Färbung an sich trugen, waren jenen überhandnehmenden Zusammenkünsten gar nicht hold, und blickten in dieses Umsichgreifen des Pietismus mit scheelen Augen. Bei mehr als einer Gelegenheit[320] lagen sie mir an, ich sollte mich dieser bedenklichen Erscheinung entgegensetzen, das Möglichste anwenden, um die jüngern Geistlichen davon zurückzuhalten. Konnten sie etwas Nachtheiliges über diese erfahren, irgend Etwas zu Ungunsten derselben vorbringen, so säumten sie nie, es mir mitzutheilen, es in meiner Gegenwart zu besprechen, die unerfreulichen Folgen überhaupt hervorzuheben, die an das Ueberhandnehmen dieser Partei bereits sich knüpften, mehr noch für die Zukunft drohten. Allein alle diese Bemerkungen glitten an mir ab, jene Versuche blieben wirkungslos. Andere dann, welche in dogmatischer Beziehung von den Erstgenannten wesentlich verschiedenen Sinnes waren, stellten mir die Engherzigkeit und Einseitigkeit der pietistischen Richtung vor, wie dieselbe in die kirchliche Verbindung allmählig eine gewisse Formlosigkeit einzuschwärzen sich bestrebe, oder dieses, wenn es nicht geradezu absichtliches Bestreben seye, doch unfehlbar daraus hervorgehen müsse. Auch diese Bemerkungen machten keinen besondern Eindruck auf mich. Obgleich der Pietismus mich niemals hätte anziehen, noch weniger gewinnen können, trat ich doch dieser Partei nicht nur nie entgegen, sondern blickte mit Wohlgefallen auf dieselbe, ließ sie gerne gewähren und würde, wo es noth gethan hätte, als ihr Anwalt und Beschirmer aufgetreten seyn; denn ich ehrte in ihr das Festhalten an eben denjenigen geoffenbarten Grundwahrheiten, an welchen ich festhielt, ihr bestimmtes Zurückweisen aller rationalistischen Anwandlungen, entschiedene Opposition gegen diese und hiedurch die Erhaltung des christlichen Glaubens unter dem Volke; ich betrachtete sie als rüstige, zugleich aber auch als redliche Mitstreiter auf jenem vorhin erwähnten Bollwerke.

Es ist wahr, ich habe schon damals Allerlei gehört von dem geistlichen Hochmuth der Pietisten, von ihrem anmaßlichen Scheiden der Menschen in Auserwählte und in Verkommene oder gar Verlorene. Aber ich stellte Vieles von dem Gehörten auf Rechnung der Uebertreibung, des üblen Willens, des religiösen Indifferentismus, anbei geneigt, Anderes, was in diese[321] nicht passen wollte, wenigstens zu entschuldigen. Lieber blieb mir immer das Positive in rauher, als das Negative in glatter Form-Zwar bemerkte mir einst ein verständiger Landmann: wie denn er und Andere noch in die Kirche gehen könnten, da der Pfarrer immer nur von den Auserwählten spreche und an die Auserwählten sein Wort richte, und Jedermann wissen könne, wen er unter diesen verstehe, diejenigen nämlich, welche in seinem Hause zusammenkämen und fleissig zu den Missionsversammlungen nach der Stadt wanderten? Es ist wahr, Manche, nachdem Gesellschaften und Reigen und das Hofmachen aufhören mußten, haben nun einen Hof in Bauernkitteln und mit Gesangbüchern um sich geschaffen, – immerhin ist es doch ein Hof; nachdem die Feuer auf dem Heerd erloschen sind, und es in den Töpfen nicht mehr brodelt und dampft, singen sie: Herr Jesus, sey' Du unser Gast, – immerhin läßt man doch noch eine Einladung ergehen; nachdem man den höhnischen Blick auf Andere mit dem Ausdruck: il n'est pas de la haute volée, vielfältig hat cassiren müssen, findet man vollen Ersatz in dem selbstgenügsamen: er ist ein Babylonier, – immerhin ist es doch eine Ausscheidung; und nach der Reduction auf eine ein, zige Magd citirt man die himmlischen Heerschaaren, immerhin kann man dabei durch zahlreichere Bedienung vor Andern glänzen. Wer früher auf seinen Gängen nach dem irdischen Reich ob er wenigstens irdischem Reichthum über Prügel gefallen ist, vielleicht gar noch darob Andern Löcher und Beulen aufgeschlagen hat, wird jetzt zum Kirchenlicht und Kirchenvater; und wem Treue und Redlichkeit nach dem Goldgewicht feil war, der will nun zum Felsen des Glaubens sich aufwerfen und den sittlichen Krebs durch Rosenwasser curiren. Seit zehn Jahren hat dieses Alles immer mehr sich entwickelt, nach Ablauf von zehn Jahren ist manche Schuppe von meinen Augen gefallen und manche Illusion zerronnen. Einmal jedoch in jener Zeit hätten sie über der unbegränzten Anmassung dieser Partei mir aufgehen können. In die Capelle, in welcher sie ihre Missionsversammlung hielten, war Wasser gedrungen; da giengen[322] sie, ohne mir ein Wort zu sagen, zu dem Meßner meiner Kirche, liessen sich dieselbe öffnen und zogen mit ihrer Versammlung ein. Das war mir doch zu viel Ich begnügte mich aber, einem der Häuptlinge in einer Zuschrift aufs freundlichste zu bemerken, daß Solches nicht angienge, indem, wenn Jeder sich anmassen dürfte, nach eigenem Gutdünken die Kirche sich öffnen zu lassen, auch jeder Andere, und dann leicht zu ganz andern Zwecken, Aehnliches verlangen konnte; auf eine Anfrage wäre gewiß kein Abschlag von mir zu befürchten gewesen. Abermals benützten jene Geistlichen diesen Anlaß, mich zu fragen: ob ich denn Alles dulden wolle? die andern hingegen, einmal in die Kirche eingezogen, meinten hiemit das volle Recht erlangt zu haben, ihre Versammlungen dahin zu verlegen.

Vielleicht erinnert sich mein Freund, Hr. von Moy, noch einer lebhaften Erörterung, in die wir auf einer Fahrt vom Kloster Dietramszell nach München geriethen. Er hob die Rationalisten im Gegensatz zu den Pietisten hervor; ich dagegen vertheidigte diese mit Wärme. Jene, meinte er, wären unbefangenere Leute, wogegen diese über den engen Ideenkreis, in dem sie sich bewegten, nie sich hinauszuschwingen vermöchten, daher jeder andern Wahrheit unzugänglich blieben. Ich dagegen hielt immer fest daran, daß bei der Wendung, welche der Protestantismus meisten Orts genommen habe, die Erhaltung christlicher Glaubenslehren und die Verbreitung derselben unter dem Volk einzig noch den Pietisten zu verdanken seye, daher eine Regierung, welche dem allmähligen Verschwinden alles positiven Christenthums aus den Gemüthern nicht gleichgültig zusehen wolle, dieselben nothwendig begünstigen müsse. Ich kannte damals ihre Ausschließlichkeit noch nicht; ich ahnete noch nicht, daß sie das Wort des Herrn auf ihre Partei anwendeten: wer nicht mit uns ist, der ist wider uns; ich meinte, wo richtiger Glaube, da könnte die demselben entsprechende, weil aus ihm nothwendig hervorgehende, Moralität nicht fehlen. Ich meine damit nicht die Moralität, die gegen Polizei und Tribunalien sichert, sondern jene höhere, edlere, zärtere Moralität,[323] welche, als Blüthe wahren Christenglaubens, alle Verhältnisse mit dem, was wahrhaft, was ehrbar, was gerecht, was lieblich, was wohllautend ist, durchdringt, erleuchtet, adelt. Welcher Mensch kann sagen, daß er nicht immerfort bis an das Ende seines Lebens lernen müsse? Soviel ist gewiß, daß derjenige, welcher mit ununterbrochener Obsorge bemüht ist, Andern die Ausstattung zu bewahren, welche sie aus dem väterlichen Hause mit sich genommen haben, ihre Rückkehr in dasselbe nicht erleichtert. Der verlorne Sohn dachte dann erst an diese Rückkehr, als er nicht einmal mehr mit Trebern seinen Hunger stillen konnte, und die Gemeinde der Kinder Israel murrete wider Mose und Aaron erst in dem Augenblick, als sie in der Wüste Mangel litt; der Rationalismus aber kann kein Manna vom Himmel fallen lassen.


Diese Gesinnung, ernstlich ergreifen und treulich festhalten zu wollen, was zu unverkümmerter kirchlicher Lehre in Beziehung stand, abzuweisen, was dieselbe zu schwächen schien, habe ich auch beharrlich beurkundet während vier Jahren, da durch eine Commission der Geistlichkeit ein neues Kirchengesangbuch zu bearbeiten war. Daß in einer Vereinigung von sieben protestantischen Geistlichen zu Behandlung eines Gegenstandes, welcher das Gebiet des Glaubens nach seinem weitesten Umfange berührt, allermindestens verschiedenartige Schattirungen vor kommen, wird Jeder zugeben müssen, der von derartigen Zuständen nur die mindeste Kenntniß hat. Der Mangel einer leitenden und in letzter Instanz entscheidenden obersten Autorität tritt am fühlbarsten hervor bei derartigen Unternehmungen. Da erschien dem Einen dieses Lied allzudogmatisch, allzuernst in den Geheimnissen des Glaubens sich ergehend, dem Andern jenes Lied zu allgemein gehalten, allzuflach, mit Gefühlen spielend, oder Moralien ableyernd, in den innern Kern des Glaubens zu wenig eindringend. Obwohl eigener Ueberzeugung gemäß[324] mehr nach der Seite der Erstern hingezogen, fand die Vorliebe der Andern keinen Widerstand an mir, sobald irgend einem in Frage gekommenen Lied anderweitige Vorzüge nicht abgiengen und Innhalt und Ausdruck nicht mit dem contrastirte, was ich als vorherrschenden Typus einer solchen Arbeit aufzustellen geneigt war. Da die protestantische Kirche im allgemeinen, ebensowenig als irgend eine Abtheilung derselben eines noch so kleinen Landes, aus einem Guß besteht, erachtete ich es als Pflicht, alle in ihr vorhandenen Elemente zu berücksichtigen, insoferne dieselben zu dem unveränderlichen Wesen des Christenthums eine erkennbare Beziehung noch bewahrt hatten; nur diejenigen, welchen Beseitigung des Christlichen als Fortschritt des Christenthums galt, sollten und durften nicht in Betracht kommen.

Ich kann nicht sagen, daß ich durch irgendwelche persönliche Leistungen das Werk gefördert hätte; von den Erfordernissen hiezu besaß ich keine; das Feld, welches bearbeitet werden mußte, war mir durchaus unbekannt, auch hätte ich ohnedem die viele Zeit, die während vier Jahren unablässig auf diesen Gegenstand verwendet werden mußte, lieber zu Anderm genützt, fand mich daher nicht geneigt, außerhalb der häufigen Sitzungen ihm noch mehr Zeit zu opfern. Aber die durch die Stellung auferlegte Verpflichtung, die Einsicht in die Nothwendigkeit der Sache, die Ueberzeugung, zu etwas Frucht- und Segenbringendem die Hand bieten zu können, ließ zu so beträchtlichem Zeitaufwand immer bereitwillig mich finden. Ob mein Einwirken, ob mein unablässiges Bestreben, im Innern der Commission freundliche Verständigung zu erzielen, nach Aussen das Vertrauen zu ihr zu festigen, leicht mögliche unbefugte Einmischung ferne zu halten, Susceptibilitäten, auftauchende Spannungen durch vermittelnde Dazwischenkunst zu unterdrücken, sogar kränkende Verdächtigungen, die bisweilen auftauchen wollten, zu beseitigen, wohlbegründeten Ausstellungen nachmals das Wort zu reden, bloßer Krittelei aber den Zugang zu versperren, – ob dieses Bestreben zu einem befriedigenden Gedeihen gar nichts beigetragen habe, oder[325] etwa nicht einmal vorhanden gewesen seye, hierüber bleibe das Urtheil selbst denjenigen überlassen, die ich bald nach glücklicher Beendigung des Unternehmens wohl schwerlich mehr zu meinen Freunden zählen durfte. Ob dann ferner die formelle Behandlung der Sache, die Art und Weise, wie ich, neben unbedingter Achtung vor freyer Meinungsäusserung, Alle für dieselbe zu gewinnen mich befließ, auf den endlichen Erfolg in Mitte der gesammten Geistlichkeit ohne Einfluß geblieben seye, darüber möchte wieder Berufung genommen werden an Jeden, der, unter allem nachmaligen Auseinandergehen, doch einen Rest von Unbefangenheit und Aufrichtigkeit sich noch zu bewahren gewußt hätte.

Diesen Pflichten unterzog ich mich mit wahrer innerer Freubigkeit, zu dem schwerern Opfer der Zeit bequemte ich mich, umgeachtet ich schon im ersten Augenblick mit der größten Zuversicht erwarten konnte, daß hieraus (zufällig) nicht unbedeutender materieller Nachtheil mir erwachsen würde. Da es mit zu dem Eigenthümlichen der jetzigen Zustande in der Schweiz gehört, daß die politischen Meinungen den Maßstab geben, nach welchem in jedem einzelnen Falle die Gerechtigkeit ausgemessen wird, so fällt es nicht schwer, die innere Vergnüglichkeit mir vorzustellen, mit welcher eine Behörde in der Mehrzahl ihrer Glieder später die erwünschte Gelegenheit mag ergriffen haben, zugefügtem Schaden die Farbe des Rechts anzustreichen, und einem unbelehrbaren und unverbesserlichen Aristokraten zu beweisen, von welchem Firmament Schlossen fallen und Sonnenschein strahle.

Hiemit glaubte ich die Obliegenheiten meiner Stellung als Geistlicher und Antistes nach den wesentlichsten Bestandtheilen der Anforderung an sie gewissenhaft wahrzunehmen, so wie jetzt noch jede Verunstaltung, die in Unkenntniß des wahren Thun und Lassens ihre Entschuldigung, so wie jede Verdrehung, die in subjectiver Lügenhaftigkeit Anderer ihrer Wurzel finden mag, ruhig von der Hand weisen zu dürfen.[326]

Von der Idee der Kirche, als einer selbstständigen Institution, dann von der organischen Scheidung ihrer Glieder in Seele und Leib, in Geistliche und Layen, konnte und wollte ich mich nicht lossagen; aber ebensowenig mochte es mich je anwandeln, irgend einen unzeitigen Versuch zu machen, gegen das, was seit dreihundert Jahren sich eingebürgert hatte, in welcher Weise es gewesen wäre, anzukämpfen. Ich nahm diese Einrichtungen als unabweisliche Thatsache an, ließ sie in ihrem Werth oder Unwerth auf sich beruhen, froh, daß hierüber keine Erörterungen je eintreten konnten. Wären solche nothwendig geworden, so würde ich meiner Ueberzeugung gewiß keinen Zwang angethan, und sicher der immer mehr aufkommenden Redensart: die oberste Landesbehörde seye der Bischof, um keinen Preis beigepflichtet haben. Würde je, dachte ich mir öfters, das Handwerk der Schmiede einen Schneider oder einen Perückenmacher oder Bürstenbinder gutwillig als Obmann anerkennen? Ich habe es auch anderwärts ausgesprochen10, daß die weltliche Gewalt kein sichereres und für sie selbst glimpflicheres Mittel, um von meiner Stelle mich zu entfernen, hätte können ausfindig machen, als jene Behauptung in Schrift zu verfassen, und durch Unterzeichnung von Seite der Geistlichen Anerkennung der Richtigkeit derselben zu fordern. Glaubt wohl Jemand, ich hätte auf irgend eine Weise hiezu mich verstehen mögen?

Daß hieraus ein Beweis sich ableiten lasse, ich hätte die Bedeutung des Protestantismus, als eines in den Staat hineingeschmolzenen, lediglich durch und für diesen bestehenden Elementes, oder eines Wesens, welches, unabhängig von allen sichtbaren Formen, in dem reinen Geistesgebiet sich bewege, niemals gehörig erfaßt, das will ich gerne zugeben. Erfassen doch Andere weit höhere, wichtigere und unerläßlichere Lehren nicht, ohne dabei zu ahnen, daß sie mit ihrer Bestimmung und[327] Verpflichtung in Widerspruch sich setzen, so wenig als der kleinen Zahl Solcher, die eine Ahnung laut werden lassen, die Kirche sollte nicht die willenlose Magd der bürgerlichen Einrichtungen und Gewalten seyn, dieses verargt wird. Seufzer nach Befreyung ertönen wohl hie und da, wie aber diese mit geordnetem und die Geister auch nur leidlich einigendem Fortbestehen zu vereinigen seye, das ist das große Dilemma, woran selbst der reinste Wille scheitern muß.

Die innere Mißbilligung der Verknechtung der Kirche ist bei mir hervorgegangen aus der Idee derselben und verstärkt worden durch die genaue Erforschung des ganz andern Zustandes, worin sie ehedem sich befunden. Allein tauchen nicht dergleichen Aeusserungen hie und da in der protestantischen Kirche, nachdem man schon über drei Jahrhunderte in diese Ertödtung des Lebens sich gefügt hat, auch bei Solchen hervor, auf die man kaum den Verdacht werfen kann, daß ein tieferes Hineinblicken in die ehemaligen Verhältnisse dieselbem veranlaßt habe? In Frankreich z.B. haben die Protestanten darin wenigstens größere Freiheit, als die katholische Kirche, daß ihnen kein Act ihres Cultus untersagt ist, am allerwenigsten aus Gefälligkeit gegen die Katholiken, diese hingegen an keinem Orte, wo sich ein protestantisches Consistorium befindet, mit der Fronleichnamsprocession zur Kirche hinausziehen dürfen; und dennoch klagt der Graf Agenor von Gasparin in seiner Schrift: »Interessen des französischen Protestantismus«, daß der König von Frankreich die protestantische Kirche so gut bevogte, wie der Rath des Cantons Thurgau die Klöster. Erscheinen nicht von Zeit zu Zeit Constitutionsprojecte für die protestantische Kirche in Deutschland, denen nichts Anderes, als eben dieses Gefühl zu Grunde liegt; und sind nicht aus dem gleichen Gefühl unlängst jene Stimmen hervorgegangen, welche die Einrichtung der bischöflichen Kirche Englands als nachahmenswerth anempfohlen haben? Oder will Jemand den Lobpreiser von Zuständen machen, die am Ende dahin führen mußten, daß in der Hessen-Kassel'schen Rangordnung vom 10. August 1821 und[328] 30. April 1827 die »Prediger« den »kurfürstlichen Bratenmeistern, Waschcontroleurs und Hofkiefermeistern« gleich gestellt werden?

Wie ich wenigstens im Innern der Kirchengebäude, die ich nicht blos als Locale zu den gottesdienstlichen Versammlungen, sondern wirklich, wenn nicht als geheiligte, doch als ausgeschiedene Wohnungen Gottes unter den Menschen betrachtete, gewaltet habe, das wurde seiner Zeit in einer andern Schrift berührt11.

Ich könnte noch Mehreres beifügen, was Alles sammt Jenem beweisen würde, daß meine Ueberzeugungen in Betreff des Wesentlichen und des Zufälligen, des Geistes und der Form, sich gegenseitig ergänzten und diejenigen, welche das Unsichtbare umfaßten, nicht ohne Einfluß auf die Ansichten in Betreff des Sichtbaren blieben. Wurde dabei das Eine und Andere erreicht, und der Wiederspruch dagegen am Ende überwältigt, so ist dieß nur deßwegen möglich geworden, weil subjective Beweggründe niemals und in nichts bei mir sich einmischten.

So hatten einige Geistliche die Herstellung einer Amtskleidung in Anregung gebracht und dabei Bequemlichkeit, Sorge für Gesundheit und Rücksicht auf Decenz als empfehlende Gründe hervorgehoben. Ich nahm mich der Sache mit Freuden an, und leistete ihr den möglichsten Vorschub. Gerne griff ich alle jene Motive auf; aber sie traten bei mir vor einem, für mich ungleich wichtigern, ob zwar, weil ich wohl wußte, daß ich damit nur schaden würde, niemals ausgesprochenen, in den Hintergrund: hiedurch nemlich die Geistlichen von den Layen doch wieder in Etwas zu unterscheiden. Es kostete Mühe, für den Antrag unter den Geistlichen eine Majorität zu gewinnen, immerhin, ohne zu verlangen, daß die Minorität ihr sich füge. Wie dann aber die Meinung verlautete: es sollte bei dem Kirchenrath um Erlaubniß angefragt werden, da erklärte ich[329] unverholen, daß ich zu solcher Unwürdigkeit niemals mich hergeben, sondern lieber auf das Vorhaben Verzicht leisten wollte. Zu einer einfachen Anzeige bequemte ich mich blos deßwegen, weil ich in vorhergehender Privatunterredung mich überzeugt hatte, daß die Anzeige als solche ausgenommen werden und keine Erörterung veranlassen würde; denn so dieß auch nur von ferne zu befürchten gewesen wäre, hätte ich sie unterlassen, oder alsbald wieder zurückgezogen; da ich mir durchaus nicht klar machen konnte, wie die weltliche Gewalt über das, in eines Jeden freyen Willen gestellte Vorhaben einer Anzahl Geistlichen, in dieser oder jener angemessenen Kleidung ihre Amtsverrichtungen wahrnehmen zu wollen, irgend Etwas zu verfügen oder gutzuheißen haben sollte. In dergleichen Fällen trat mir immer das Wort meiner seligen Mutter in das Gedächtniß: »wo du selbst Etwas thun kannst, da brauchst du keinen Gehülfen.«

Indem ich bald nachher für die Aufnahme der geprüften Candidaten in den geistlichen Stand ein öffentliches Ceremoniell, größtentheils dem Ordinations-Rituale der anglikanischen Kirche abgeborgt, erst bei der Geistlichkeit, sodann bei der Behörde beliebt zu machen und einzuführen wußte, hatte ich eigentlich neben dem wesentlichsten, in der Sache selbst liegenden Zweck noch drei andere Zwecke im Auge. Die beiden ersten waren der Anforderung einer freyen Stellung der Kirche eng verwandt. Nach genügend befundener Prüfung eines Candidaten war es nämlich nicht, wie dem richtigen Begriff der Kirche gemäß hätte geschehen sollen, der Antistes, welcher den Betreffenden in den geistlichen Stand aufnahm und ihm zu Ausübung der Befugnisse desselben die Vollmacht ertheilte, sondern der Bürgermeister; womit doch klar ausgesprochen war, daß der Geistliche seine Mission nicht von der Kirche, sondern von der weltlichen Gewalt empfangen, dieser mithin vor jener verpflichtet seye. Dieses wekte immerdar ein peinliches Gefühl in mir; eine etwelche Milderung lag nur darin, daß es in der verschlossenen Rathsstube geschah, verborgen vor den Augen des Publicums.[330]

Nun wollte ich durch ein öffentliches Ceremoniell, bei welchem blos der Antistes und drei andere Geistliche zu functioniren hätten, das Volk allmählig daran gewöhnen, daß es die eigentliche Aufnahme in den geistlichen Stand an diesen Act knüpfe, und die Befugniß zu geistlichen Verrichtungen nicht von weltlicher Gewalt, sondern von geistlichem Ansehen ableite; wohl berechnend, daß das Sichtbare vor dem Verborgenen unschwer das Uebergewicht gewinne. Das nun der erste Zweck. Der zweite war diesem nahe verwandt. Wurde nemlich ein Geistlicher in eine andere Pfarrei versetzt, so bestimmte der Kirchenrath, ob eine Vorstellung vor der Gemeinde statt haben sollte, oder nicht. Im ersteren Fall hielt der Antistes in der Gemeinde die Predigt, ein weltliches Glied des Kirchenraths begleitete ihn und fügte eine Rede bei. Gegen dieses war nichts einzuwenden. Aber während ein Theil der Präsentationsformel verlesen ward, legte nicht blos der Antistes, sondern auch der Weltliche dem Vorzustellenden die Hand auf. Dieß erschien mir Jedesmal als ungebührlicher Eingriff in das Wesen des geistlichen Standes. Gestützt auf mein Ceremoniell, hoffte ich dieses Handauflegen, als bereits erfolgt, und deßwegen nicht zu wiederholen, in Zukunft gänzlich zu deseitigen, und den Weltlichen in die natürlichen Schranken seiner Rede zu verweisen.

In dem Wechsel von Gesängen, Anreden und Gebeten dauerte das eingeführte Ceremoniell etwas mehr als eine Stunde. Eine Predigt dabei hielt ich für überflüssig, und wollte hiedurch den Beweis leisten, daß eine Stunde in dem Hause Gottes in aller Andacht und zu wahrer Erbauung könne zugebracht werden, ohne immer predigen und wieder predigen zu müssen und Gottesdienst und Predigen als gleichbedeutende Worte zu nehmen.

Diese Bestrebungen und Zwecke schienen mir aus der Natur der Sache, aus richtiger Würdigung des Standes derjenigen, die sich, als » berufen« zu predigen das Evangelium Gottes, als »Botschafter an Christi Statt« erkennen sollten, nothwendig hervorzugehen; also, daß man weniger darüber sich verwundern sollte, daß je Einmal Einer sie ernst ins Auge[331] faßte, als darüber, daß selbst jede Erinnerung daran so leichtlich hat können abhanden kommen. Will man diese Absichten und Zwecke mit dem Beiwort hierarchisch beehren, so wäre ich dessen schon damals zufrieden gewesen, dafern man nicht die Hervorstellung der eigenen Person darunter verstanden, sondern den Sinn des Ausdruckes auf das beschränkt hätte, was er der That nach war: das Bemühen um ein allmähliges Emporheben der gesammten Geistlichkeit auf einen gefreitern und deßhalb würdigern Standpunct. Daher mag ich das Wort zu Bezeichnung der genommenen Richtung als Vordermann gegen Aussen in seiner vollen Bedeutung gelten lassen; sollte aber darunter diejenige in umgewendeter Stellung verstanden werden, so muß ich mich hiegegen auch jetzt noch mit aller Macht verwahren, und, um früher angedeutetes nicht zu wiederholen, auf dieses verweisen12.

Das aber war damals meine Praxis, deren ich nicht nur heutigen Tages noch mir bewußt bin, sondern die ich auch unter den ehevorigen Verhältnissen jetzt noch befolgen würde: daß ich nie anders als durch die Geistlichen, für die Geistlichen und mit den Geistlichen Etwas suchen oder erreichen wollte, und allfällig hierüber erweckte Mißstimmung gerne auf meine Person nahm, wenn nur der Zweck: Jene zu einigen oder zu heben, erreicht werden konnte. Vielleicht, ich will es gerne gestehen, haben die Studien über Innocenz auch hierauf etwelchen Einfluß geübt. Wie er seine Person in der Kirche aufgehen ließ, so war ich geneigt, die meinige unter den Geistlichen aufgehen zu lassen. Deßwegen darf ich den oben berührten Ausdruck mit dem heitersten Bewußtseyn ablehnen, da fern er auf meine Person, von Jenen getrennt, wollte angewendet werden. Daß, sowie der Körper höher steht, auch das Haupt höher gestellt wird, läßt sich allerdings nicht bestreiten. Die richtige Auffassung wird aber durch wahrheitsgemäße Beantwortung der Frage bedingt: will die Höherstellung des Körpers zum Mittel zu[332] diesem Zwecke gemacht, oder nur die natürliche, unzertrennliche Folge hievon in Empfang genommen werden? Ich bewegte mich entschieden innerhalb dieser Schranke.

Wer sich der Vergangenheit erinnert, anbei redlich der Wahrheit Zeugniß jetzt noch geben möchte, könnte wohl hie und da einer Aeusserung oder eines Vorganges gedenken, welche das Vorwalten solcher Gesinnung bestätigen müßte. Von manchen solcher Vorgänge schwebt mir noch einer ganz unverblichen vor Augen. Als im Jahr 1835 die Universität Basel mich mit der Doctorwürde beehrte, bemerkenswerth genug wegen Kenntniß der Kirchengeschichte – »quam nuper libro eximio comprobavit« – und bei dem Mahl der Geistlichen mein College hiefür in einem herzlichen Trinkspruch mich beglückwünschte, erwiderte ich, ich könnte die Beehrung nur als eine, der Geistlichkeit des mit Basel vielfach befreundeten Schaffhausens zugedachte, mich aber blos als deren Träger betrachten; also, insofern ich darin eine Anerkennung des Werthes meiner sämmtlichen Amtsbrüder erblicken müsse, gewinne sie erst ihren wahren Werth für mich. – Wer je wähnen möchte, über flacher Schönrednerei mich ertappt zu haben, der trete keck auf! Schönrednerei steht mir nicht einmal da zu Gebote, wo sie in den nichtssagenden Ausdrücken einer conventionellen Höflichkeit ganz an ihrem Platz wäre.

Ueberhaupt habe ich für mich selbst, d.h. blos meiner Person wegen, zu keiner Zeit und unter keinen Umständen Etwas gesucht. Wäre es mir früher schon möglich gewesen, unabhängig, unbetheiligt mit öffentlicher Stellung, von öffentlichen Geschäften unbeladen, die Zeit nur dem zu widmen, was mir behagte, ich hätte es allem Andern vorgezogen. Weil ich aber diesem mich unterziehen, zu jener mich bequemen mußte, so anerkannte ich es als hohe Verpflichtung, unter allen Verhältnissen zu wirken, was möglich. Da indeß diese Stellung nicht eine isolirte, eine an sich zufällige oder vorübergehende, auch nicht ein Gewerbe war, welchem der Mensch blos in Rücksicht seiner selbst obliegt, so trieb es mich an, in der Gesammtheit, zu der[333] ich in so enger Beziehung stand, das Bewußtseyn eines organischen Ganzen hervorzurufen, von welchem ich weder getrennt seyn konnte, noch so auch nur mich denken mochte. Alle gegebenen Verhältnisse sind Jederzeit von mir respectirt worden, aus ihnen heraustreten zu wollen, hat mich nie angewandelt; auch dann nicht, wenn ich mir selbst sagen durfte, daß ich, hätte es in meiner Macht gestanden, sie nicht so würde gestaltet haben, wie ich sie vorfand, daß sie weit hinter dem idealen Bild, welches mir vor Augen trat, zurückstanden,

Allerdings habe ich auf den Ausdruck: der Antistes wäre primus inter pares zu keiner Zeit ein solches Gewicht legen können, wie Andere darauf legen, oder Alles dasjenige daraus herauspressen zu können meinten. Ich habe dieses nicht gekonnt zur Zeit, da ich unter die Geistlichkeit aufgenommen ward, und nicht daran denken durfte, daß ich je zu dieser Würde gelangen mochte; ich habe es noch weniger gekonnt, als ich sie wirklich bekleidete. Ich pflichtete dem Ausdruck mit voller Ueberzeugung bei, insofern damit gesagt werden wollte, entweder: es seye zwischen dem Primus und den Nachfolgenden keine Kluft befestigt, sondern es bestehe ein organischer Zusammenhang, oder derselbe könne für sich allein kein besonderes Recht über die Andern in Anspruch nehmen. Ausser diesem aber blieb mir prunus immer primus und es war mir rein unmöglich, in dieses etwas Anderes hinein zu interpretiren. Wie groß auch von dem Zweiten an die Summe der Nachfolgenden seyn mochte, in meinen Augen konnte durch keine noch so große Zahl das primus je in ein anderes Verhältniß zu diesen hinübergeschoben, noch weniger indifferenzirt werden. Ebenso habe ich mir auch zu aller Zeit die ächte Aristokratie gedacht: als unzertrennliche Verbindung des äussern Vorrangs und behaupteter Würde mit aufmerksamer Berücksichtigung aller Rechtsverhältnisse, mit freundlichem Entgegenkommen gegen Jedermann, mit uneigennütziger Dienstbarkeit, mit liebreichem Wesen bei allen Vorkommenheiten, mit Wohlwollen nicht blos gegen Gleichgestellte, sondern auch gegen Andere; dieses Alles betrachtete ich[334] als unentbehrliche Folie, um jene erst in das wahre Licht zu setzen.


Das Jahr 1836 führte zwei Ereignisse herbei, von denen das eine in der Folge erst auf die Verhältnisse, worin ich mich befand, sodann auf meine Person einen wesentlichen Einfluß übte, das andere, neben gewichtigern Factoren, zu Förderung gegen die Bahn, nach welcher ich bald sollte hinüber gezogen werden, doch immerhin Etwas beigetragen hat.

Im April des erwähnten Jahres machte mir der seither verstorbene Fürstabt von Muri von seiner Herrschaft Klingenberg aus einen Besuch. Er theilte mir die Schritte mit, welche die Gebietiger des Cantons Aargau gethan hätten, um sich des Guts seiner Abtey zu bemächtigen und dasselbe einer Staatsverwaltung zu überantworten. Er, beschworener Verpflichtung gegen sein Stift Genüge zu thun, habe wenigstens die ausländischen Schuldtitel des Klosters sammt einigen der kostbarsten Pectoralen gerettet. Da er sich aber bei ähnlichen Gesinnungen der thurgauischen Regierung in Klingenberg nicht mehr sicher glaube, seye er entschlossen, nach Schwaben sich zu flüchten, bäte mich aber, die geretteten Gegenstände einstweilen, da sie ihn auf der Reise belästigen müßten, in Verwahrung zu nehmen, bis er darüber verfügen könne.

Ich bemerkte dem Fürstabt, daß unter den obwaltenden Umständen und solchen Individualitäten gegenüber, wie sie gegenwärtig im Canton Aargau die Gewalt übten (das Jahr vorher war die gerechtigkeitsmörderische Verfolgung des Hrn. Decan Groth und anderer katholischen Ehrenmänner geschehen), wehrlos der Willkür von Menschen Preis gegeben, welche fürstlicher Rang und priesterliche Würde nur zu größerer Rücksichtslosigkeit stacheln dürfte, seine Entfernung, als Sicherstellung der Person und durch diese der Würde, von jedem rechtlich Gesinnten müsse gebilligt werden, daß ich aber einen allzulangen Aufenthalt in[335] Schwaben nicht anrathen könnte. Leicht würde er sich der Gefahr aussetzen, zurückgerufen, und, so er hiezu sich nicht verstünde, was auch kaum möglich, seiner Stellung verlustig erklärt zu werden. Denn daß zu Aarau Willkür und Gewalt, nicht das Recht, maßgebend seye, habe er seit mehreren Jahren genugsam erfahren können. Es seye nicht zu zweifeln, daß eine Entfernung ausserhalb der Schweiz den Machthabern höchst willkomm seyn dürfte, indem sie ihnen vor der unwissenden und revolutionär-fanatischen Menge die erwünschtesten Scheingründe zu dem gewaltthätigsten Verfahren darbieten könnte. Er selbst müßte hiedurch unfehlbar sein Kloster den bittersten Verwickelungen bloßstellen; indem einer, möglicher Weise verlangten, neuen Wahl die Conventualen keineswegs sich fügen dürften, hiemit aber der Gewalt, die nach keinem Recht frage, förmlich würden ausgeliefert werden. Besser wäre es daher, wenn er als Zufluchtsstätte ein Kloster in der Schweiz wähle; zumal ich überzeugt seye, daß er an jedem andern Ort, ausser in einem solchen, sich höchst mißbehaglich finden dürfte. Aus einem solchen dann könnte er auch späterhin offen die Beweggründe darlegen, welche ihn zu Rettung der fraglichen Capitalien bewogen hätten.

Der Fürstabt fand meine Bemerkungen wohlbegründet und änderte seinen Vorsatz dahin ab, blos auf kurze Zeit nach Rottweil zu gehen, wo er erwartet werde; von da vielleicht noch weiter sich zu begeben, in jedem Fall aber früher oder später in die Schweiz zurückzukehren. Es standen kaum drei Wochen an, so traf er schon wieder bei mir ein. Der alte Mann erregte mein tiefstes Mitleid; er war verzagt, niedergeschlagen, rathlos, wußte nicht, wohin sich wenden; einzig darüber war er entschieden, daß er seinen Aufenthalt in einem schweizerischen Kloster nehmen wolle. Allein in der Wahl, wohin er sich begeben sollte, wurde er von mancherlei Bedenklichkeiten hin- und hergetrieben. Am Ende kamen wir darin überein, daß er vorerst nach Einsiedeln gehe, um die gehörige Fassung wieder zu gewinnen und von dort aus weiter sich umzusehen. Er nahm[336] hierauf seine Pectorale mit sich, bat mich aber, die Schulddocumente einstweilen zu behalten.

Gerne willigte ich nicht ein, indem die Bewahrung von fremdem Gut bei so manchem Unerwartetem oder Unabwendbarem, was begegnen kann, mit großer Verantwortlichkeit verbunden ist. Aber die Bedrängniß, in der ich den Greisen sah, bewegte mich, und zu dem Vertrauen, welches er in mich setzte, kam noch das Rechtsgefühl, welches gerne Hand bot, rechtmässig besessenes Gut widerrechtlicher Gier zu entreissen. Es trat hier nicht sowohl das Kloster als kirchliche Institution, sondern es trat der vollberechtigte Eigenthümer, dem sein wohlerworbenes und geheiligtes Eigenthum durch schnöde Uebermacht will entrissen werden, vor meine Augen. Die freundlichen Beziehungen, in die ich seit einiger Zeit zu Muri getreten, die Nächstenpflicht, das Gefühl, einer gerechten Sache mich anzunehmen, das Bewußtseyn, zu Vereitlung gewaltthätigen Frevels wenigstens theilweise beizutragen, dieß Alles mußte mich bestimmen, dem Ansuchen zu entsprechen. Es ist nur die Stimme meiner innersten Ueberzeugung, welche einst gesagt hat und heutiges Tages, unabhängig von dem 16. Juni dieses Jahres, noch sagt: »Stünde es in meiner Gewalt, gefährdeten Besitz der katholischen Kirche zu vertheidigen, ich würde es mit gleicher Bereitwilligkeit thun, wie ich einst den Besitz der Stadt Schaffhausen vertheidigte, wie ich den Besitz einer jüdischen Synagoge vertheidigen würde, wenn ich dadurch dem rechtmässigen Innhaber einen Dienst zu erweisen, Beraubung und Ungerechtigkeit abzuwehren im Stande wäre.« Das Entsprechen stellte sich mir als politische und als Liebespflicht zugleich dar; daß aber bei Liebespflichten weder in activem noch in passivem Sinn nach der Confession dürfe gefragt werden, lehrt Lucas X, 30ff., gegen jede Einwendung erhaben.

Ich wollte die Gegenstände nicht annehmen, ohne dem Hrn Prälaten für alle möglichen Fälle ein Document zu behändigen. Nachdem er dieses in Empfang genommen, reiste er ab, und ich hatte die Freude, ihn in folgendem August in der Abtey[337] Engelberg beruhigt, heiter und, so weit es die Umstände gestatteten, vergnügt wieder zu sehen. Trotz einer nachher den garganischen Gebietern zugesandten offenen Erklärung, weßhalb er jene Schuldtitel mit sich genommen, wie er dieselben seinem Gotteshaus treulich zu bewahren gedenke, trug die radicale Pöbelhaftigkeit dennoch keine Scheu, ihn in dem großen Rath mit dürrem Wort einen Dieben zu nennen, die rohe Gewalt kein Bedenken, ihn, gleich einem gemeinen Verbrecher, allen gerichtlichen Formen Preis zu geben. Da niemand den Sachverhalt besser kannte als ich, verfaßte ich, mit Vermeidung aller urtheilenden oder würdigenden Ausdrücke, und rein objectiv gehalten, einen actenmässigen Bericht über dieses Flüchten eines Theils des Klosterguts von Muri und sandte denselben an die Allgemeine Zeitung von Augsburg. Diese hatte von jenen Verhandlungen des Aargauer großen Raths das Wesentlichste aufgenommen, stand damals vielfachen Mittheilungen aus der Schweiz im Sinne der revolutionären Partei immerwährend offen, rühmte sich anbei der größten Unparteilichkeit. Ich durfte daher wohl erwarten, daß eine ruhig gehaltene und wahrheitsgetreue Berichterstattung über einen Gegenstand, der etwelches Aufsehen erregte, und die das hämisch entstellte Verfahren eines achtungswerthen Mannes in das gehörige Licht setzte, wohl Aufnahme finden werde. Zu meinem größten Erstaunen kam die Handschrift mit dem Bemerken zurück: es mangle zu baldiger Aufnahme des Eingesandten an Raum. Ich gab dem Bericht eine etwas veränderte Gestalt und brachte ihn unter dem Titel: »Staatsstreiche des Cantons Aargau,« in die historisch-politischen Blätter, womit zugleich meine Verbindung mit den Herausgebern derselben angebahnt wurde, die wieder nicht ohne bedeutende Rückwirkung auf mein inneres Wesen blieb. Wohin ich daher blicke, nehme ich einer Menge vereinzelt und an sich unbedeutend scheinender Umstände wahr, deren Zusammenwirken zur Macht wurde, die am Ende dahin mich führte, wohin ich absichtlich nicht gewollt hatte. Wäre damals mein Bericht in die Allgemeine Zeitung aufgenommen worden, schwerlich hätte[338] ich je der historisch-politischen Blätter gedacht, wäre vermuthlich Verschiedenes ungeschrieben geblieben, woran meine Ueberzengungen immer mehr sich entwickelten und festigten.

Während drei Jahren bewahrte ich jenes Depositum, im Interesse des rechtmässigen Eigenthümers nach verschiedenen Seiten correspondirend, unterhandelnd, in Versuchen, diesen Besitz dem Kloster unentreißbar zu sichern, nicht ermüdend. Schmerzlich fiel mir daher, alsbald nach erfolgtem Tod des Hrn. Prälaten im November 1839, der Auftrag, das so lange Verwahrte herauszugeben, weil dieß die Bedingung einer neuen Abtswahl seye.

Durch dieses Verhältniß zu Muri kam ich bald hernach auch mit den Klöstern des Thurgaus in Verbindung Diese vertrauten mir die Verfechtung ihrer Angelegenheiten ebenfalls an. Dieselben Beweggründe, welche mich bewogen hatten, dem Wunsche des Fürstabts von Muri zu entsprechen, bewogen mich, auch ihnen zu willfahren. Dieß geschah zwar nicht auf die erste Aufforderung, indem ich einerseits glaubte, sie würden leicht, wenn nicht einen, so schreyende Ungerechtigkeiten entschiedener verabscheuenden, doch einen erfahrnern und gewandtern Anwalt finden, anderseits, weil ich hiemit eine Art von Arbeiten übernehmen sollte, die mir bisdahin fremd war, der ich mich daher nicht hinreichend gewachsen glaubte. Indeß hilft das Bewußtseyn, einer gerechten Sache sich anzunehmen, bald nach, es giebt Licht und Kraft; und so habe ich gegen Willkür und Gewaltthat, gegen Lügen und Machinationen manch ernstes Wort gesprochen. Ich fand bald Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß freche Ausgeschämtheit die erste Eigenschaft eines revolutionären Gebietigers seyn müße. Denn nachdem ich im Jahr 1841 die Fälschungen, womit der thurgauische Gesandte die Tagsatzung hintergangen, aus den Inventarien und Rechnungen der Klöster Schritt für Schritt in Zahlen nachgewiesen, wurden weder jene berichtigt, noch weniger die öffentlich ertheilte Beleuchtung angefochten, so daß die spätere Zeit im Fall seyn wird, über die Mittel, durch welche der Zweck wollte erreicht[339] werden, ein vollkommen richtiges Urtheil zu fällen. Ueberhaupt gewann ich durch diese alljährlich wiederkehrenden Arbeiten immer größere Fähigkeit, in das schamlose Treiben der Revolutionsmänner, in ihr empörendes Spiel mit Gesetz und Recht, in den Widerspruch ihrer vorgeblichem Zwecke und der angewendeten Mittel, in ihren frechen Hohn gegen Wahrheit und Treue, in ihre Würdelosigkeit und Hartnäckigkeit, den triftigsten Gründen blos den gehegten Willen entgegenzusetzen, tiefer hineinzublicken, als ohne dieß geschehen wäre, hiedurch für meine Beurtheilung der Revolutionstendenzen einen festern und unverrückbarern Haltpunct.


Folgereicher für meine Person war die Billigung zu Gründung einer katholischen Kirche in Schaffhausen. Versuche hiezu waren seit Anfang des Jahrhunderts schon mehrmals gemacht worden, bisdahin aber ohne Erfolg Selbst in den Versammlungen der Geistlichkeit hatte sich eine Stimme mehr als einmal hiefür verlauten lassen; natürlich, ohne Anklang zu finden, aber auch ohne schiefer Beurtheilung zu erliegen. Im Jahr 1828 erklärte sich selbst der Kirchenrath geneigt dafür, nicht so der kleine Rath. Es ist damals Niemand eingefallen, jenem beßwegen einen Vorwurf zu machen. Im Jahr 1836 wurde der Versuch erneuert, ernstlicher als früher; die Umstände hatten hiezu gewissermaßen getrieben. Dießmal war der kleine Rath günstiger gestimmt als vor acht Jahren, er forderte den Kirchenrath auf, sich zu berathen, ob entsprochen werden könne oder nicht, im erstern Fall einen Entwurf der Bedingnisse vorzulegen, unter denen in das Begehren dürfte eingewilligt werden. Auch dießmal erzeigte sich der Kirchenrath nicht abgeneigt, sondern beauftragte mich samt zwei andern Mitgliedern, einen solchen Entwurf zu bearbeiten, und ihrerseits ersuchten diese beiden Mitglieder mich, die Grundzüge zu entwerfen.[340]

Ich unterzog mich dem Geschäfte, glaubte aber die Bewilligung in einer Weise verklausuliren zu sollen, die einerseits den Katholiken ausserhalb des Gottesdienstes nicht das Mindeste einräumte, anderseits die confessionellen Rechte der Stadt auf's genügendste sicherte, die Bewilligung unter allen Umständen als Gunst erscheinen ließ. Selbst in Bezug auf die Ernennung des Geistlichen wollte ich ungleich weniger einräumen, als nachmals meine beiden Collegen beizufügen für gut fanden. Hätte ich zu jener Zeit auch nur von ferne ahnen können, hiemit zum Bau eines Hauses mitzuwirken, in welchem ich nach acht Jahren selbst Zuflucht und den wahren Altar des Herrn finden, mein Leib und Seele in dem lebendigen Gott sich freuen sollten, gewiß würde ich versucht haben, die Bedingnisse anders zu entwerfen, in diesem oder jenem sie günstiger zu gestalten. Die Bemerkung des damaligen apostolischen Nuntius in der Schweiz, des jetzigen Cardinals de Angelis, mit dem ich seit seinem Eintreffen in freundschaftliche Verbindung ge kommen war: diese Bedingnisse wären drückender als in andern Cantonen, und so, daß kein katholischer Bischof sie sanctioniren könnte, – mag doch wohl beweisen, daß ich nicht auf zweideutige Art die Interessen, deren Wahrung mir oblag, gefährden wollte. Die Frage hingegen: ob ich überhaupt für das Ansuchen an sich stimmen sollte, war eine solche, deren Beantwortung ich unmöglich an Andere abtreten oder von dem Gutfinden Anderer abhängig machen durfte.

Die acht Bedingungen, welche aus unserer Besprechung hervorgiengen, erlitten in dem Kirchenrath keine Veränderung, einzig wurde auf den Antrag eines weltlichen Mitgliedes noch beigefügt, daß für künftig mögliche, gegenwärtig nicht vorauszusehende Verhältnisse der kleine Rath sich freye Hand vorbehalte, namentlich für den Fall, daß die katholische Genossenschaft die Schranken ihrer Befugnisse überschreiten sollte. Auch diesem gab ich meine Zustimmung ohne die geringste Einwendung; es schien mir natürlich, daß man in dieser Weise sich vorsehe. Von dem Kirchenrath gelangte die Angelegenheit an[341] den kleinen Rath, und dieser fand an den aufgestellten Bedingnissen wieder nichts zu ändern. Am 22. Dez. 1836 endlich wurden dieselben der Sanction des großen Raths unterlegt, welcher diese wieder ohne alle Veränderung ertheilte. Wer hätte nach dem Allem und nachdem in drei Behörden nicht die mindeste Einwendung gemacht, nicht das Geringste beigefügt oder hinweggenommen worden war, ahnen sollen, daß lange nachher bei – vielleicht nicht erwartetem – Gelingen der Sache einzig mir und dazu noch mit aller denkbaren Gehässigkeit Vorwürfe würden gemacht, später aufgespürte vermeintliche Mängel in der Verklausuliruug, die in drei Behörden Niemand je bemerkt oder berührt hatte, gewissermaßen mir wollten zur Last gelegt werden?

Die Einführung des katholischen Gottesdienstes war an die Nachweisung eines Capitals von 20,000 Gulden geknüpft. Es mußten daher milde Beiträge gesammelt, es mußte an allen Thüren angeklopft werden, um dergleichen zu erhalten. Hiezu bedurfte es einer an die christliche Liebe gerichteten Bittschrift. Die Katholiken, die an der Spitze des Unternehmens standen, ließen sich durch Jemand, den sie demselben günstig hielten, eine solche verfassen, die hierauf lithographirt und durch Unterschriften beglaubigt wurde. Am Vorabend seiner Abreise nach der Schweiz, um die Unterstützung von Regierungen und Privatpersonen nachzusuchen, kam der Capellmeister, Hr. Joseph Pilger, zu mir, um einige Empfehlungsbriefe an Bekannte in Empfang zu nehmen, wobei er zufällig ein Exemplar jener Bittschrift aus der Tasche zog, um es mir mitzutheilen. Hatte Hr. Pilger je, während ich die Schrift durchlas, den Blick auf mich gerichtet, so konnte er aus meinem immerwährenden Kopfschütteln bereits mein Urtheil darüber errathen; denn kaum ich zu Ende gekommen war, sagte ich: »Aber, lieber Hr. Pilger, haben Sie die Schrift wirklich gelesen und sie dennoch unterzeichnen können? Wollen Sie noch vor dem Beginn Ihrem Vorhaben den Todesstoß geben? Darf man eine erhaltene Bewilligung dadurch vergelten, daß man die Vorfahren[342] und die Verhältnisse derjenigen angreift, von denen dieselbe ausgegangen ist? Hatte die Curia romana gegen die Reformation sich erklären wollen, dann möchten Inhalt und Ton der Schrift angemessen seyn, nimmermehr aber in einer Bittschrift um milde Gaben. Auch hätten Sie meine persönliche Stellung besser würdigen sollen, um nicht unbefugter Weise meinen Namen hineinzuflechten. Stellen Sie Ihre Reise ein, vernichten Sie die vorhandenen Exemplare und, sollten Sie eines derselben schon in Umlauf, gesetzt haben, so wenden Sie Alles an, desselben wieder habhaft zu werden, denn die erste Bekanntmachung müßte das Zurückziehen der Bewilligung unfehlbar zur Folge haben. Sorgen Sie für eine anders abgefaßte Empfehlung Ihrer Sache, mit dieser aber thun Sie keinen Schritt.«

Ich wies nun Hrn. Pilger die auffallendsten Stellen nach, und er mußte mir beistimmen, gestand mir aber, er habe in den Verfasser das volle Vertrauen gesetzt, derselbe würde besser wissen, was gesagt werden dürfe, als er selbst; doch versicherte er mich, es seyen noch keine Exemplare ausgegeben, und er wolle den ganzen Vorrath in Verwahrung nehmen. Darauf wurde eine zweckmässigere Schrift abgefaßt, und nach allen Seiten ergiengen Bitten um Beiträge.

Die Protestanten haben keine Ahnung von dem lebendigen Born der Liebe, der in Theilnahme, Fürbitte, Verwendung und Mithülfe in und durch die katholische Kirche quillt. Der Bräutigam der Kirche, der aus Liebe Mensch geworden ist, und aus Liebe am Kreuzesstamme mit Gott uns ausgesöhnt hat, hat mit dieser Fülle seines eigenen Wesens die Braut als mit einem überreichen Brautschmuck ausgestattet, und in alle Zeiten bleiben die bewegenden Kräfte des Bräutigams: Gehorsam und Liebe, zugleich die bewegenden Kräfte der Braut. Die geforderte Geldsumme stand der ertheilten Bewilligung in runder Zahl voran und verhüllte, was durch solche nicht ausgedrückt, darum von Manchen nicht in Anschlag gebracht werden kann. Beinahe mochte ich vermuthen, dieser oder jener habe der Bewilligung seine Zustimmung gegeben, oder nicht dagegen gesprochen,[343] aus Zuversicht, in jenen 20,000 Gulden liege ein untrügliches Schutzmittel gegen ihre Verwirklichung. Horte ich doch ein Mitglied des Kirchenraths alsbald sich äußern: »Es wird lange genug anstehen, bis sie jene 20,000 Gulden haben; wahrscheinlich wird die Sache niemals zu Stande kommen!«

Aber bald konnte man wahrnehmen, daß dynamische Kräfte gewichtiger sind als materielle Zahlen. Es kamen Zusagen eidgenössischer Stände, Beiträge von Bischöfen und Klöstern, Gaben vom Inn- und Auslande, und mehrere deutsche Fürsten der Nachbarschaft ordneten freiwillige Steuern an; die Aussicht des Gelingens, und zwar baldigen Gelingens, wurde täglich heller. Dieß mochte mißstimmen, allzuspät den Gedanken anregen, man hätte sich von Anfang an wiedersetzen sollen. Ungeziemende Reibungen, die in einer Schenke vorgefallen seyn sollen, weckten entschiedenere Abneigung. Man suchte durch Vorgeben mancher Art auf die Gemüther der Menge einzuwirken, was besonders an den Pietisten guten Erfolg hatte. Hiezu wurde ein Exemplar jener zurückgezogenen Schrift benützt, welches nicht auf dem geradesten Wege in andere Hände gekommen zu seyn scheint. Fünfzehn Monate, nachdem der große Rath dem Gesuch seine Sanction ertheilt und keine Einwendung dagegen laut geworden war, wurde die zurückgezogene und niemals in Gebrauch gekommene Schrift, mit bittern und aufreizenden Bemerkungen begleitet, veröffentlicht.

Nun wollte man mir zumuthen, gegen dasjenige, was ich mit Andern entworfen, mit noch Mehrern berathen und gutgeheißen, welchem eine andere Behörde ihre Zustimmung, die oberste ihre Sanction gegeben, fünfzehn Monate später an der Spitze der Geistlichkeit aufzutreten, wenigstens zu irgend einer Demonstration dagegen mich herbeizulassen. Und worauf gestützt? Gewiß auf irgend Etwas, was innerhalb dieser fünfzehn Monate vorgefallen, auf irgend etwas Wesentliches, was durch sämmtliche Behörden übersehen worden wäre? Nein, blos gestützt auf ein so geheißenes Actenstück, was aber, weil[344] es nie in Anwendung gekommen, kein Actenstück war, kein grösseres Gewicht haben konnte, als irgendwelche Versuche mit einer neuen Schreibfeder, höchstens als Privatausdruck der Gesinnung ihres vermeintlichen Verfassers, der hierüber Niemand Rechenschaft schuldig war, gelten durfte. Ich mochte, so entschieden es geschehen konnte, einwenden: eine Schrift, von der nie Gebrauch gemacht, ja die sogar unterdrückt worden, seye keine Acte, ein bloßer Zeitungsartikel dürfe für die Geistlichkeit nicht Motiv zu irgendwelchem Entgegenwirken werden, und dieß nach so langem Zeitverlauf um so weniger; es half nichts, die Schrift mußte ein Actenstück seyn und bleiben, es wurde die Erwartung der Bürgerschaft, die Beängstigung der Gemüther, die Mangelhaftigkeit der neun Puncte, die Nothwendigkeit, daß durch die Geistlichkeit ein Schritt geschehe, hervorgehoben.

Nicht in der Absicht, dem hervorgerufenen und genährten Geschrei eines Haufens zu huldigen, durch ein Element mich bestimmen zu lassen, in welchem ich zu keiner Zeit für mich einen Bestimmungsgrund erkennen konnte, noch weniger, um nach fünfzehn Monaten den Behörden zeigen zu wollen, daß es ihnen an genugsamer Ueberlegung gefehlt habe, am allerwenigsten aber, um durch den Widerspruch späterer Räthe mit frühern mich mit mir selbst in Conflict bringen zu wollen, sondern einzig in derjenigen, aufzuhellen, abzurathen, mißverstandenem Eisern entgegenzutreten, im äussersten Falle auch Verwahrung einzulegen, versprach ich, gelegentlich die Geistlichkeit versammeln zu wollen. Zufälligkeiten, hierunter selbst Rücksichtsnahme auf die Abwesenheit der hitzigsten Betreiber des Entgegenstrebens unter den Geistlichen, verzögerten dieß; ein, während vorübergehender Entfernung meiner Person dießfalls gefaßter Beschluß wurde mir zu spät mitgetheilt, und eine Geschäftsreise nach Frankfurt, welche sich nicht mehr verschieben ließ, hinderten mich nachher, dieser Versammlung beizuwohnen. Da ich wohl wußte, welche Agitation hervorgerufen und durch die Preßlicenz in Ausfällen gegen die katholische Kirche in gewohnten Verdrehungen und Entstellungen geflissentlich genährt[345] werde und wie einzelne Geistliche als tribuni plebis hierin sich gefielen, anbei nie gewohnt, aus wichtigen Fragen, bei denen Recht und Verpflichtung zum Sprechen mir zukam, durch bequemtes Schweigen mich herauszuziehen, hinterließ ich ein Schreiben, in welchem ich der Geistlichkeit sagte: »Zeh muß Ihrem Ermessen, Ihrem Gefühl, Ihrem richtigen Tact die Beurtheilung anheimstellen, ob die Geistlichkeit, fortgezogen in dem Schlepptau der Zeitungspolemik, die dann freilich auch Andere fortgerissen hat, eine richtige, eine ihrer würdige Stellung einnehme?«

In der That, die Hauptfrage war für mich in den Hintergrund getreten, und das, was diese Bewegung und diesen Eifer der Geistlichkeit hervorrief, hatte deren Stelle eingenommen. Durch anonyme Ausfälle in den Zeitungen sich antreiben zu lassen, das trat mit dem Begriff, den ich von der Würde und der Stellung der Geistlichkeit stets in mir trug, in den grellsten Gegensatz. Ich habe alles Einwirken auf höher Gestellte von unten herauf von jeher abgelehnt. War mir das Erwerben von Popularität durch hintennachfolgende Anerkennung verdienstlicher Bestrebungen erfreuend, so galt mir das Haschen nach Popularität als das Nichtswürdigste und Verwerflichste, was einen Menschen anwandeln kann, ja jede bessere Anlage, jede Selbstständigkeit desselben durchaus zerstören muß13. Ich hatte daher in jenem Schreiben zugleich erklärt, daß ich eine Schlußnahme gegen das bereits Sanctionirte niemals würde unterzeichnet haben, und zwar, gehindert durch mein früheres amtliches Handeln in dieser Angelegenheit, noch mehr aber im Bewußtseyn persönlicher Würde. Der Wortlaut des Schreibens ist das getreueste Abbild meiner dießfallsigen Ueberzeugung; darum dessen Schluß hier eine Stelle finden mag:

»Sie wissen, wie im Jahr 1831 der Schwindel, welcher der Masse eingehaucht und von so Vielen in grösserem oder gerimgerem[346] Maaße aufgenommnen wurde, mir nichts anhaben konnte. Es kann Ihnen noch in Erinnerung seyn, wie ich später durch diejenigen, welche an der Spitze der Gewalt standen, mich weder in Sinn noch Wort bestimmen ließ, sondern nach meinen Ueberzeugungen stets handelte und sprach, ungeachtet es eben so schwer nicht war, vorauszusehen, was erfolgen würde. Nun müßte ich mir ganz fremd geworden seyn, wenn Schuster, Gerber und Leineweber, Bürstenbinder und Todtengräber mit Einemmal eine Macht über mich üben könnten, welche in ebenso wichtigen Beziehungen weder die gesammte Masse, noch die obersten Capacitäten über mich üben konnten. Wer möchte wohl billigermaßen erwarten, daß sich Friedrich Hurter als Lanzenträger in den Schweif einreihe, den ein Verkappter anführt und den er durch Zeitungsartikel zusammentrompetet?

Mag für Sie die Stimme einer Zeitung die Hahnenstimme werden, welche nach anderthalbjährigem Schlummer den Petrus zur Buße weckt, für mich kann sie es nicht werden. Aber überlegen Sie es wohl, ob Sie Ihre Stellung, Ihr Ansehen, den Frieden gut berathen, wenn Sie Sich durch das seit einiger Zeit losgebrochene Getriebe gegen eine zuvor mehrfach berathene und erwogene Schlußnahme des großen Rathes hinreißen lassen?«

Die Folge jener Berathung war eine Art Proclamation der Geistlichen an die Einwohner des Cantons Schaffhausen welche nicht sowohl belehren, als das Geschäft der Aufregung aus seiner bisherigen dunkeln Werkstätte in die Tageshelle versetzen sollte. Sie strotzte von den abentheuerlichsten Behauptungen und sprühte den giftigsten Haß gegen die katholische Kirche. So hieß es geradezu: dieselbe halte sich für die rechtmässige Herrin aller Länder. Ein Beweis, daß sie sich auf alle Weise auszubreiten und ihre Herrschaft auf die Länder zu begründen suche, wären die Bischöfe in Partibus. Noch vor kurzem habe der Nuntius in Wien erklärt: Rom könne ketzerische Könige absetzen. Kinder aus gentischten Ehen würden von der katholischen Kirche grundsätzlich als unehlich angesehen.[347]

Sie seye proselytenmacherisch, umsichgreifend (und die von Genf her Frankreich durchwandernden Bibeltrödler!). Verschiedenes dann zu Verschärfung der Bedingnisse wurde vom großen Rath begehrt, das jedoch, worauf wahrscheinlich der größte Werth gelegt wurde, nicht erreicht. – Da man sich aber nicht Wort halten wollte, durch die Zeitungen in diese Effervescenz gediehen zu seyn, mag mein Schreiben einen Stachel zurückgelassen haben, dessen Daseyn und Wirken bei erster Gelegenheit sich offenbaren sollte.

Es ist mir zwei Jahre später bemerkt worden: dadurch, daß ich der Bewilligung eines katholischen Gottesdienstes nicht aus vollen Kräften mich widersetzt hätte und sogar die zuletzt versuchten Bemühungen der Geistlichkeit nicht würde getheilt haben, wäre ich ihres Vertrauens verlustig gegangen. Aber man hatte weder den Muth noch die Offenheit, mir dieses geradezu zu erklären, ungeachtet meine Aeusserungen bei Vorlesung des Protokolls über die in meiner Abwesenheit gehaltene Sitzung die leichteste Veranlassung dazu hätten geben können. Ebensowenig wollten die fortgesetzten Bemühungen um das Gedeihen des neuen Gesangbuches und das Bestreben, zu ungetheilter Annahme alle Meinungen zu freyem Zusammenstimmen zu vereinigen, die Ueberzeugung hervorrufen: die reformirte Kirche in Schaffhausen habe, trotz Innocenz III und ungeachtet einer kurz zuvor erfolgten Reise nach Wien, von mir nichts zu befürchten. Es wurde für besser gehalten, diese Gesinnungen zu verbergen, scheinbar das bisherige Verhältniß fortbestehen zu lassen, indeß, wie der Sprachgebrauch sich ausdrückt, mir auf den Dienst zu lauern; in der süßen Hoffnung, die Gelegenheit, um bequemer und ergiebiger mit der wahren Gesinnung hervorrücken zu können, werde wohl noch sich darbieten.

Man hatte dieser Angelegenheit wegen sich so große Mühe gegeben, se viele Besorgnisse zu wecken gewußt, daß der kleine Rath sogar in einer Proclantation, mittelst der er alljährlich den Bettag anzukündigen pflegt, Rücksicht darauf zu nehmen, gewissermaßen seine Verfügungen rechtfertigen zu müssen glaubte.[348]

Es findet sich in jener Acte folgende Stelle: »die Gefühle der Toleranz, ein wesentliches Gebot der neuesten Zeit, haben die oberste Behörde des Cantons schon am Ende des Jahres 1836 geleitet, einer Concession Folge zu geben, welche sechs Jahre früher bereits zum Ausspruche reif gewesen, damals aber den politischen Conjuncturen untergeordnet werden mußte. Diese, den in der Stadt Schaffhausen und ihrer Umgegend wohnenden Bekennern des käthölischen Glaubens gewährte Bewilligung hat ein Jahr, nachdem solche ertheilt worden, eine Beunruhigung unter euch erregt, welcher Wir Uns bewogen finden, einige Worte zu widmen. – Zahlreiche Beispiele von beiden Confessionen in der Schweiz haben uns bewogen, die Wünsche der katholischen Einwohnerschaft der Stadt Schaffhausen und ihrer Umgegend, ihnen einen eigenen katholischen Gottesdienst zu gen statten, empfehlend an die oberste Behörde des Cantons zu bringen. – Unter angemessenen, selbst das beängstigteste Gemüth beruhigenden Bedingungen, ist diese Bewilligung an ein harmloses Häuflein ruhiger und friedlicher Einwohner ertheilt worden, und Wir versehen Uns zu dem verständigen Sinne Unserer Mitbürger, daß sie in dieser Bewilligung lediglich einen Beweis der christlichen Toleranz und keineswegs Unsere Absicht erblicken werden, dem christlichen Glauben irgend Eines unter ihnen zu nahe zu treten!«


Rachsucht und Neid sind zwei Leidenschaften, die nur einer hohen christlichen Gesinnung, einer tiefen Gottesfurcht, einem demüthigen Glauben, nicht aber einem beengenden Frömmeln, einer hochmüthenden Ausschließlichkeit weichen; ja sie finden in engen Verhältnissen einen räumlichern Tummelplatz, als in größern. Für das Erste liegt ein Beweis darin, daß sich in dieser Beziehung ein ganz eigener Ausdruck seit alten Zeiten schon in Schaffhausen eingebürgert hat: das Darandenken; nicht im Guten, als Erinnerung an Wohlthaten, an Dienstleistungen,[349] an diejenigen Erweisungen, die angenehm seyn könnten, sondern in umgekehrter Richtung. Behalte deine freye Meinung, glaube dich zu einem unabhängigen Urtheil berechtigt, hilf nicht zu Allem mit, was gerade im Schwange ist, stoße dich etwa, selbst ohne die mindeste Absicht, an Einen an, auf den auch nur der winzigste Theil öffentlicher Gewalt übergegangen ist: man wird dir »darandenken«; und wenn selbst ein langer Lauf der Jahre reine Tafel in deiner eigenen Erinnerung gemacht hat, so mag auch dann noch leicht Gelegenheit sich bieten, die Virtuosität des Gedächtnisles Anderer zu bewundern. – Der Neid dann berührt nicht allein die materiellen Verhältnisse, er zernagt nicht blos denjenigen, welcher das Seinige durchgebracht hat, gegen denjenigen, der es zu bewahren suchte, nicht blos den Trägen gegen den Regsamen, wenn dieser in bessere Lage sich emporarbeitet; er kehrt sich auch, und dann nicht immer in den niedern Schichten der Gesellschaft, gegen andere Güter, die dir zu Theil werden mögen; angenehme Verbindungen, erlangte Auszeichnung, erworbener Ruf, manch Derartiges kann da und dort einen Wurm einsetzen, der nicht stirbt, auch bei Solchen, denen noch Anderes, als bloße Silberlinge, zu dem Weltglück zu zählen möglich ist.


Bis zum Jahr 1837 hatte ich meinen Wohnort selten, nie für lange Zeit, immer nur auf unbeträchtliche Entfernung verlassen. Eine Reise einige Stunden über Stuttgart hinaus, zum Besuch von Verwandten, als Begleiter meines Vaters, im Jahr 1818, und zehn Jahr später ein zufällig von Freiburg unternommener Ausflug nach Straßburg, um den glänzenden Einzug Carls X. in diese Stadt zu sehen, waren von seltenen Reisezielen die weitesten. Ebenso hatte ich zu dieser Zeit noch sehr wenige persönliche Bekanntschaften, dergleichen nicht einmal in der Schweiz, weil Anknüpfspuncte, so wie Gelegenheiten, dergleichen zu erwerben, mangelten, eine innere Ahnung,[350] es möchte bei den mancherlei Gesellschaften, welche jährlich Leute aller Cantone zusammenwehen, neben den ausgehängten Zwecken noch verborgen gehaltene mit unterlaufen, von diesen mich ferne hielt. Nicht einmal in brieflichem Verkehr von einiger Ausdehnung stand ich bis dorthin. Mit dem Jahr 1837 trat ein Wendepunct ein, der nicht deßwegen für mich sehr folgereich geworden ist, weil ich von da an jährlich mehrere Länder besuchte, sondern weil die erste dieser Reisen mit allen nachfolgenden Ausflügen in enger Verkettung stand, jede nachfolgende in der vorangegangenen ihre Veranlassung oder ihren Beweggrund hatte; weil nicht allein aus denselben mannigfaltigere Berührungen hieraus hervorgiengen, sondern in der Folge zum Theil auch alle diejenigen Bestrebungen wider mich ihre Rechtfertigung finden sollten, durch deren Folgen die in mir liegenden Elemente geweckt, sodann ihrer Entwicklung und endlichen Gestaltung entgegengeführt werden konnten. Aber erst in der letzten Zeit, da ich dasjenige, was in seiner momentanen Erscheinung blos den vereinzelten Eindruck des Augenblicks auf mich machen konnte, ungesucht in einem innern Zusammenhang zu überblicken im Stande war, durfte ich wohl dem Jahre 1837 eine Bedeutung zuerkennen, die gleich einer reisen Frucht aus einem augenblicklich wenig beachteten Samenkorn allmählich aufgegangen ist, und darum in dem Verlauf der göttlichen Führungen meiner Person nicht die unwesentlichste Stelle einnimmt.

In gedachtem Jahr feyerte die Universität Göttingen ihr hundertjähriges Jubelfest. Schon seit längerer Zeit hatte ich mir vorgenommen, zu demselben mich einzufinden. Zwar durfte ich nicht hoffen, akademischen Freunden daselbst zu begegnen, denn deren hatte ich einst nur wenige gezählt, mehrere von ihnen waren längst gestorben, andere kaum im Falle, sich einfinden zu können. Von den Professoren zogen keine mich hin; der einzige, dem ich wahre Anhänglichkeit immer bewahrt hatte, Heyne, lebte nur noch in der Erinnerung so vieler dankbarer Schüler; die wenigen Lehrer, die seit dreissig Jahren noch übrig waren, hatte ich früher nicht einmal gekannt. Es war mir[351] blos vergönnt, dem Herrn Oberbibliothekar Reuß meine Dankbarkeit für freundlichen, in Benutzung der Bibliothek mir einst erwiesenen Vorschub noch bezeugen zu können. Diese selbst, in der ich so manche Stunde geweilt, den Ort, an dem ich beinahe zwei Jahre nicht ganz nutzlos verlebt, nach mehr als dreissig Jahren wieder zu sehen, hie und da Stätten wieder zu betreten, an welche harmlose Erinnerungen sich knüpften, dieß Alles hatte Reizes genug für mich; größerer bot mir darin sich dar, unterwegs in verschiedene Städte wiederkehren, in andern, die mir in frühern Jahren unbekannt geblieben, mich umsehen, hie und da einen mir interessanten Mann kennen lernen, vielleicht neue Bekanntschaften anknüpfen zu können. Die vorzuglichste Annehmlichkeit gewann die Reise dadurch, daß sie mit einem werthen Collegen, dem vielseitig gebildeten Herrn Professor Maurer-Constant, der so geistreich und anziehend das Leben seines später hingeschiedenen Vaters zu behandeln wußte, gemeinschaftlich konnte gemacht werden. Es darf mich jetzt noch wahrhaft freuen, wenn wir, wie während sechswöchentlichen Zusammenseyns, so noch in der Rückerinnerung an heiter zugebrachte Tage zusammenstimmen.

Die Hoffnung, mit Welt und Menschen in nähere Berührung zu treten, als dem, in enge Umgränzung stets Gebannten bisanhin möglich gewesen, ging schon zu Tübingen in Erfüllung, wo ich Herrn Professor Hefele, als Recensenten der Geschichte Innocenzens des Dritten in der Quartalschrift, besuchte, durch ihn mit andern Professoren bekannt wurde. Das nahe Rottenburg konnte nicht übergangen werden. Ich hatte kurz zuvor bei dem dortigen Bischof willfähriges Entsprechen zu (damaliger würtentbergischer Gesetzgebung gemäß zwar erfolgloser) Verwendung gegen einen Nachdruck meines Werkes erfahren; als bei einem ehemaligen Nachbar unserer Stadt, daher mit manchen mir bekannten Personen einst in freundschaftlicher Beziehung gestanden, durfte ich geneigte Aufnahme um so eher erwarten. Ich fand mehr als dieß; ich fand das herzlichste Entgegenkommen. In der vielseitigsten Unterhaltung, in welcher[352] ich unter andern die Nothwendigkeit der Einheit der Kirche und der organischen Verbindung der Bischöfe mit ihrem Oberhaupt lebhaft vor ihm verfocht, gieng Stunde um Stunde hin, bis über Mitternacht hinaus. – Angenehme Tage waren mir durch Fürsorge von Verwandten in Stuttgart bereitet, andere zu Backnang bei einem Freunde, den ich vor 30 Jahren in St. Blasien kennen gelernt, mit dem kurz zuvor meine Besorgung des Eigenthums von Muri durch den sonderbarsten Zufall mich wieder in Verbindung gebracht hatte; ähnliche in dem lieblichen Jaxtthal, von wo in dem nahen Mergentheim die reichen Denkzeichen fürstlicher Forschungsliebe unter unkultivirten Völkern vorübergehend beschaut wurden. In Würzburg wollte der vorige Bischof in den Schriften über das Jubiläum der Universität Heidelberg Materialien zu nachheriger Vergleichung des beabsichtigten Zweckes meiner Reise mir zustellen, und den Entscheid möglich machen, ob in sinniger Veranstaltung von Festen Süddeutschland von Norddeutschland übertroffen werde, dafern die kurz bemessene Zeit das Auffinden jener Gedenkblätter mich hätte abwarten lassen. Ein köstlicher Abend wurde auf der Wartburg zugebracht, die um eben diese Zeit durch Montalemberts heilige Elisabeth zu neuem Ruf gelangen sollte. Was es in diesen Landschaften heisse, von der gebahnten Straße abweichen, um auf vermeinten Fahrwegen irgend einen Ort zu erreichen, das haben wir damals, in der Absicht nach Reinhardsbronn zu gelangen, ohne vorerst Gotha zu berühren, gleichwie später in Hessen zwischen Jesberg und Treisa, genugsam erfahren; dießmal kamen wir mit angestrengtem Schieben des Wagens zur Nachhülfe für die Pferde davon, das Anderemal aber lief das, was sie Straße nannten, in einen so inpraktikabeln Holzweg und zuletzt in einen so engen Fußpfad aus, daß wir Kutscher, Wagen und Gepäcke nach Marburg zurücksenden, dann aufs Gerathewohl durch Wald und Wiesen in menschenleerer Gegend über Fußsteige wandern mußten, und kaum die Erreichung unseres Zieles hoffen durften. – Das anmuthige Reinhardsbronn mit so mancher übriggebliebener[353] Spur vormaliger Bestimmung, welche vicissitudines rerum! Aber, wie lieblich es auch seye, doch kein Hohenschwangau keine Franzensburg, nicht einmal harmonisch, wie auf der Wilhelmshöhe die Löwenburg. Unter die Lichtpuncte der Reise zähle ich die persönliche Bekanntschaft des trefflichen Perthes und seiner liebenswürdigen Familie; bei ihm verflossen in Gotha zwei Tage, wie ebensoviele Stunden. – Die Nachfrage nach einem, meiner Person zwar durchaus fremden, Rechtsfall in Schaffhausen, worüber ich jedoch einst, durch bloße Liebe zur Gerechtigkeit angetrieben, einem Verwandten eine Species facti nach Heidelberg zugesendet hatte, um die Ansichten dortiger Juristen zu vernehmen, wurde an der Abendtafel zu Müllhausen auf dem Eichsfelde alsbald zum Anknüpfspunct mit zwei andern Göttinger-Jubilanten, dem Herrn Geheimen Instizrath Martin und Herrn Professor Guyet, Deputirten der Universität Jena, zu dem Feste, und gewährte für den kurzen Aufenthalt an der Georgia Augusta je in vorüberfliegendem Zusammentreffen vergnügliche Augenblicke.

Hier am Morgen vor dem Feste in der längst bereit gehaltenen Wohnung angelangt, war die erste Bekanntschaft diejenige des Herrn Professor Phillips von München. Ich gestehe, daß ich ihn damals noch nicht einmal dem Namen nach kannte. Er dagegen fragte mir Nachmittags in dem Gewühle der vielen Festbesucher in Ulrichs Garten nach; und wie selten auch in dem Hin- und Herwogen der folgenden Tage wir uns treffen konnten, wir fanden uns dennoch in diesen rasch vorübereilenden Stunden je bisweilen zusammen.

Wie groß auch die Zahl der Schweizer seye, die in Göttingen ihre Studien gemacht hatten, Maurer und ich waren die Einzigen, die unser Vaterland bei dieser Feyer vertraten. Aber an die Herzlichkeit, Gemüthlichkeit und sinnige Aufmerksamkeit gewöhnt, welche in den Festlichkeiten unseres Landes die Fernestehenden einigt, befriedigt, und solche Tage für sie in Lichtblicke des Lebens zu verwandeln versteht, wollte es uns bedünken, wären hier die Vielen aus allen Weltgegenden mehr[354] herbeicitirt worden, um der Georgia Augusta die Cour zu machen, und dann zu sehen, wie sie im weitern sich abfinden möchten. Jedenfalls stimmten wir darin vollkommen überein, daß sie es im Norden nicht so wie im Süden verstünden, Feste zu veranstalten. Die pomphaften Berichterstattungen, die nachmals nach allen Richtungen in die Welt verjagt wurden und den mangelnden Kern durch klanghafte Phrasen ersetzen sollten zwangen meinen Reisegefährten und mir auf dem langen Heimweg manches Lächeln und manche Aeusserung des Unwillens ab.

Für den Rückweg war Cassel aufgespart, mit mancherlei Rückerinnerungen aus früherer Zeit. Unser Erstes war, Johann von Müllers Grab aufzusuchen. Kaum war es zu finden. Die einfache Steinplatte, die es bezeichnete, war schon eingesunken. Irre ich nicht, so veranlaßte Maurer die Wittwe des treuen Fuchs, auf etwelche Besorgung desselben Weniges zu verwenden. – Aber wie Vieles hatten nicht die Wasserwerke auf der Wilhelmshöhe eingebüßt gegen ehedessen! Hier zerrinnt zwischen den Steinfugen und Ritzen das Wasser, dort auf Spielbänken das Geld. Diese Wasserwerke und die Kattenburg, welche traurige Sinnbinder der Zeit, die das Begonnene nicht vollenden, das Vollendete nicht erhalten kann, vielleicht nicht einmal mag! – Sind Gasthöfe und Schenken der Barometer der Cultur, wie tief steht nicht Hessen unter der Schweiz! Hier würde man in einem Städtchen wie Treisa zwischen mehreren stattlichen Wirthshäusern die Wahl haben, dort findet sich eine erkleckliche Herberge nur in dem Hause eines begüterten Bäckers. Doch für uns war gesorgt. Eine Base, die während meines Aufenthalts in Amsterdam erst auf dem Wege zur Geburt sich befand, bewohnte den ehemaligen Edelsitz der Grafen von Ziegenhain. In ihrem Mann, dem Advocaten Wittekind, lernte ich einen tüchtigen, redlichen und mit Recht allgemein geachteten Verwandten kennen, dessen bald nachher erfolgter Hinscheid in den kräftigsten Jahren mich als Zeugen einer glücklichen Ehe um so mehr schmerzte. – Zu Marburg stellte der reiche Reliquienkasten der heiligen Elisabeth die Sinnigkeit und Arbeitstreue[355] der Künstler, zugleich mit der Bereitwilligkeit der Großen des Mittelalters, zum Schmuck der Gegenstände ihrer Ehrerbietung das Kostbarste zu verwenden, in einem der bewundernswerthesten Denkmäler sich mir vor Augen, gleichwie die Elisabethenkirche mit dem prachtvollen Portal selbst in ihrem jetzigen verwahrloseten Zustand als würdige Umgebung jenes Denkmals gelten mag. Aber auch das Bild der leichtfertigsten Frevelhaftigkeit gieng an mir vorüber, welche die irdischen Ueberreste der edlen Ahnfrau, der Zierde ihres Geschlechts, unter würdelosem Hohn der Ruhestätte entrissen und sie mehr als vermehren konnte. Sollte hierin ein Zug »hoher Gesinnung« erkannt werden? – Im schönsten Schmuck herbstlicher Tage zeigte sich das fruchtbare Lahnthal, das überreiche Rheingelände, hinauf von Coblenz nach dem alten Sitze des heiligen Bonifacius.

Die folgenreichsten Verbindungen wurden in Frankfurt angeknüpft, zunächst mit dem für seine Familie, seine Vaterstadt, die Wissenschaften und die grosse Zahl seiner Freunde allzufrüh und so unerwartet dahingeschiedenen Bürgermeister Thomas. Gleiche Vorliebe zu Erforschung der Zustände des Mittelalters, obzwar nach verschiedenen Seiten desselben, ähnliche Ansichten über manche Erscheinungen der Gegenwart, verwandte Neigung, Bestehendes lieber zu erhalten und zu vertheidigen, als in raschem Aburtheilen zu verwerfen, über diesem Allem eine seltene Großartigkeit und Gediegenheit des Charakters, verbunden mit der anspruchlosesten Einfachheit und der einnehmendsten Anmuth im Umgange, mußten zu demselben hinziehen und alsbald das zusagendste Verhältniß begründen. Die nicht lange vorher im Vorübereilen durch meine Vaterstadt gewonnene Bekanntschaft der Hrn. Bibliothekar Böhmer und Dr. Passavant wurde erneuert, bei längerem Verweilen gefestigt, die zufällige Empfehlung von Perthes an den Buchhändler Schmerber Veranlassung, den Besuch von Frankfurt im nächsten Frühjahr zu wiederholen.

Die Frankfurter Freunde empfahlen dringend, an Heidelberg nicht vorüberzureisen, ohne auf dem lieblichen Stift Neuburg[356] bei Hrn. Rath Schlosser anzukehren; was um so lieber geschah, da ich einst dessen verstorbenen Bruder zu meinen Göttinger Bekannten gezählt hatte. Für so Viele in Deutschland mag es genügen, die Namen Schlosser oder Stift Neuburg nennen zu hören, um zu wissen, mit welcher zuvorkommenden Freundschaft ich dort empfangen wurde, wie anregend und lehrreich die wenigen Stunden verflossen, die ich dießmal, gleichsam nur zu baldiger Wiederkehr mich anmeldend, dort zubrachte.

Der Spätherbst war so sonnigmild, daß wir unsere Heimreise gar nicht beschleunigten, sondern gerne Karlsruhe ein paar Tage widmeten, zumal das Wiedersehen des damaligen bayerischen Bevollmächtigten, jetzt Bundestagsgesandten, Freiherrn von Oberkamp, des Freundes der meisten meiner Freunde, mich lockte. Freiburg war die letzte Station. Es knüpften sich an diese Stadt die lieblichsten Erinnerungen einer heitern Jugendzeit, da ich alldort vor damals bald drei Jahrzehenden jedes Jahr ein paar frohe Wochen in dem Ittner'schen Hause verlebt hatte. Ich fand noch Bekannte, deren Kreis aber in den nachfolgenden Jahre durch manche Gesinnungsverwandte in eben dem Maß an innerer Bedeutung zunahm, in welchem er sich der Zahl nach erweiterte. Wie, was sie so gerne mit dem bedeutungslosen Wort Zufall bezeichnen, oft die Menschen unversehens zusamenführt und verbindet, was gegenseitig ungeahnet sich nahe zu kommen bestimmt ist, so fand ich in der erzbischöflichen Wohnung den Herrn Dommherrn Räß, jetzigen Bischof von Straßburg, mir bisher kaum dem Namen nach bekannt, was in den Vormerkungen über das bleibende Heben von dieser Reise nicht eine der unbedeutendern Stellen einnimmt.


Hier darf ich einen Umstand, der auf merkwürdige Weise in meine Lebensführungen sich verflicht, nicht unberührt lassen: daß nemlich in Deutschland, Frankreich und Italien viele, durch Gelehrsamkeit, Stellung und intellectuellen wie moralischen Werth[357] ausgezeichnete Männer mir entgegenkanten, die erst in ihren spätern Jahren Glieder der katholischen Kirche geworden stud. Wir haben eine so große Vorliebe für das Wort »Zufall,« daß es insgemein an alle unsere Erinnerungen, meist an unsere ganze Auffassungsweise der Gegenwart sich anknüpft, in alle unsere Begegnisse und in alle einflußreichern Bezüge der Aussenwelt zu unserer Person sich hineinwebt, darum ich dieses Wortes ebenfalls mich bedienen will, nicht deßwegen, weil ich dasselbe Gewicht darauf legte, sondern darum nur, weil ich die wenigsten dieser Männer aufgesucht habe, vielmehr absichtslos mit den meisten von ihnen zusammengetroffen bin, weil in jenem Umstand niemals das verbindende Mittel lag, ich meistentheils – wie es bei Philipps und bei der Familie Schlosser der Fall war – erst, nachdem die Bekanntschaft sich angeknüpft und vielleicht schon längere Zeit gedauert hatte, zur Kenntniß ihrer vorigen oder jetzigen kirchlichen Beziehung gelangte.

Wann und wie ich mit Hallern bekannt wurde, habe ich früher erwähnt; es geschah zu einer Zeit, wo zwischen dem gereisten Manne und dem kaum zum Knaben werdenden Kinde andere Berührungspuncte, als diejenigen einiger freundlichen Worte und schüchterner Erwiderung, noch nicht statt finden, auch nach einem Jahrzehend dieselben blos nach Maaßgabe des inzwischen vorangeschrittenen, für jene Zeit aber immer noch trennenden Lebensalters sich modificiren konnten. Zwischen jenem Tage des Ueberganges des österreichischen Heeres über den Rhein und Hallers Rückkehr in die katholische Kirche liegt aber ein sehr langer Zwischenraum, und ein beinahe ebenso langer zwischen dieser und den nachmals vielfältiger gewordenen Beziehungen. Dennoch hat später unbegreiflicher Mangel an Ueberlegung und vorurtheilsfreyem Urtheil mir aus jener, von den Tagen der Kindheit herrührenden Bekanntschaft einen Vorwurf, oder sie zu einem schlimmen Anzeichen für meine Gesinnungem machen wollen, was doch unbestreitbar ein großes Maaß von Engherzigkeit, um nicht zu sagen von übelm Willen, voraussetzt.

Als bemerkenswerth hat erst in weit späterer Zeit, erst[358] seitdem ich auf Manches, was an meine Lebensführungen sich knüpft, aufmerksamer geworden bin, oder werden mußte, die Thatsache mir sich dargeboten, daß, wie ich früher erwähnt habe, von meinen akademischen Bekannten drei in die katholische Kirche zurückgekehrt sind, und ein vierter, mehr als bloßer Bekannter – Freund und Mitbürger – unfehlbar den gleichen Gang würde genommen haben, hätte ihn nicht bald nach seinem Abgang von Göttingen der Tod hinweggerafft. So war ich von dem Jahr 1837 an ungesucht überall Manchen begegnet, die einst nicht zur katholischen Kirche gehört hatten, von denen ich es aber meistens erst dann erfuhr, als ich mich bereits durch sie angezogen gefunden hatte. So in Mailand Baron von Meysenburg, damals österreichischem Legations-Secretär in Turin, in Wien dem berühmten Dr. Jarke, in München, außer Hrn. Professor Philipps, noch einigen Andern zu denen, im Rückblik auf frühere Geistesrichtung, selbst Clemens Brentano dürfte gezählt werden; in Paris dem so gelehrten und arbeitsamen als liebenswürdigen Engländer Dighby und seiner Familie, dem Abbé Theodor Ratisbonne, andern bemerkenswerthen Personen; in Rom endlich der glaubensfreudigen und glaubensthätigen Fürstin Wolkonsky, mehreren Deutschen verschiedenen Standes und Berufes, unter denen ich einzig den Wiederhersteller jener, von dem tiefsten christlichen Geist durchhauchten Kunst und zugleich dieses Geistes reinstes Gefäß, Overbeck, aufsuchte, mit allen Uebrigen mehr zusammentraf, oder zu ihnen mich hinleiten ließ.


Eine Wahrnehmung, die seit vielen Jahren schon mir sich darbot, ja von Zeit zu Zeit, ich darf wohl sagen, mit unwiderstehlicher Macht, mir sich aufdrängte, schweigend zu übergehen, fällt mir schwer, noch schwerer aber, meiner jetzigen Ueberzeugung wegen, sie zu berühren. Aber trotz dessen, daß ich wohl ahnen mag, wie man von einer Seite her auch das[359] bescheidenste Wort gegen mich wenden und in großer Vergnüglichkeit einer Anwandlung mich bezüchtigen werde, deren ich mich vollkommen frei weiß und auch frei erklären darf, und weil diese Wahrnehmung eine solche ist, die weder von heute noch von gestern datirt, kann ich dieselbe doch nicht unberührt lassen: diejenigen über die Persönlichkeit und die Beweggründe so vieler, zu der katholischen Kirche Zurückgekehrter. Angefangen von Stollberg, der ersten Rückkehr eines bedeutenden Mannes in der Zeit, da ich mir ein Urtheil erlauben durfte, bis hinab zu den neuesten, welcherlei Individualitäten stellen sich uns dar? Ob sie, wie mit einer gewissen entschiedenen Hoffahrt erklärt werden will, das Vollkommene an das Unvollkommene, das Lautere an das Trübe, die Freiheit an die Knechtschaft und das Licht an die Finsterniß vertauscht haben, das ist ihre Sache, ein unbedingt gültiges Urtheil in diesem Sinne darf hier nicht zugestanden werden. Wenn sie daher die Ueberzeugung von einen Tausch im umgekehrten Sinne jenes Vorgebens in sich trugen, kann einzig noch die Frage über Lauterkeit oder Unlauterkeit der Beweggründe erörtert werden.

Es läßt sich aber derselben diejenige noch voranstellen: durften diejenigen, von denen sie sich ausgeschieden haben, sich glücklich schätzen, ihr los geworden zu seyn, die Andern, denen sie sich angeschlossen, darüber klagen, daß sie dieselben nun unter die Ihrigen zählen müßten? In Bezug auf kiese Frage wäre bei richtiger Würdigung der Individualitäten ein parteiloser Urtheilsspruch möglich, würde durch jene sogar wesentlich erleichtert. Mögen diese Individualitäten, deren Namen bekannt sind, alle die Zweifel, die an ihre richtige und klare Einsicht, an ihre Geistesunabhängigkeit sich knüpfen, mögen sie alle Vorwürfe, daß sie die Finsterniß mehr liebten als das Licht, die Fortschritte der Menschheit mit scheelen Augen ansähen, den Aufschwung derselben in neidischem Entgegenstreben hemmen wollten, geruhig hinnehmen; aber herausfordern dürfen sie, wenigstens alle Notabilitäten unter ihnen, herausfordern dürfen sie Jedermann, darüber Rede zu stehen, ob irgend ein[360] Bewußtseyn von Unerlaubtem, irgend ein sittlicher Mackel, der an ihnen gehaftet hätte, irgend eine Nothwendigkeit, gerechter Ahndung sich entziehen oder durch solchen Uebergang zu der alleinigen Kirche irgend eine Schuld von sich wälzen oder decken zu müssen, ob etwas solcher Art aus der vorigen Verbindung sie hinweggetrieben, sie genöthigt habe, eine Sicherheitsstätte außerhalb derselben zu suchen? Fragen wir dann ferner jener höhern Moralität nach, deren Mangel jenseits des Bereichs aller Gesetze und Tribunalien liegt, deren Besitz die Zierde des Menschen und das bekräftigende Siegel des Christenglaubens ist, finden wir diese z.B. eher bei Voß, der seinen ehemaligen Freund nur deßwegen, weil er seiner Ueberzeugung und der Leitung der göttlichen Gnade folgte, mit dem bittersten Groll auf die hämischste Weise herabzuwürdigen, zu verunglimpfen, so es möglich gewesen wäre, zu entehren sich bestrebte, oder bei Stollberg, der, auch das Kränkendste ihm verzeihend, noch sterbend seinen Kindern Versöhnlichkeit und milde Gesinnung gegen den zum erbitterten Feind gewordenen Freund empfahl?

Aber, heißt es weiter: Wenn nicht gerade strafwürdige, so kommen doch unlautere Beweggründe dabei zum Vorschein, laufen solche wenigstens mit. Aber welche denn? Etwa daß die Einen leichter Stellen und Einkünfte aufgegeben, als ihrer Ueberzeugung Gewalt angethan haben? daß Andere leicht vorauszusehenden Verfolgungen und endlosen Neckereien sich unterzogen (wie vor Jahren aus einem gewissen Land mehr als Einer merkwürdige Zeugnisse hätte ablegen können)? daß diese ihrer Heimath den Rücken wenden, jene bitteren Entbehrungen sich bloßstellen mußten? Ist eine solche Bereitwilligkeit, in der Wahl zwischen unabweislicher Ueberzeugung und den äußern Dingen, ob nun von diesen die anziehenden müssen aufgegeben, die sonst zurückstossenden gewählt werden, ist eine solche Bereitwilligkeit, nicht wankend in der Mitte zu beharren, sondern um jener willen Alles daran zu setzen, ohne sittliche Kraft (um nicht zu sagen Werth) auch nur denkbar? Hat sich dann aber, nachdem in redlichem Entschluß diese Wahl getroffen worden, Einzelnen[361] aus Jenen, dieweil sie Intelligenz und praktische Brauchbarkeit zuvor bewährt und durch ihre Rückkehr in die Kirche an beiden keine Einbusse erlitten, den Einen in der Folge wieder eine ehrenvolle Laufbahn, den Andern ein angemessener Wirkungskreis, der gegen Durst sie sicher stellte, eröffnet, so berechtigt dieß zu keinem schiefen oder herabwürdigenden Urtheil; indem jedes Kind wissen kann, daß zwischen der freyen Handlung von heute und den ohne unser Zuthun sich bildenden Umständen von morgen bei weitem nicht immer ein Causalnexus bestehe. Oder haben die Sieben von Göttingen, deren Erklärung seiner Zeit Manchen zu so rauschendem Beifall stimmte, dieselbe in Voraussieht und zu dem Zweck abgegeben, daß der Eine in Berlin, der Andere in Tübingen, ein Dritter in Bonn und Jeder, wo immer, eine Anstellung finden werde? Sicher wandelt euch da kein solches unbefugtes Urtheil an; und wollet ihr euch es erlauben, mit Recht könnten Jene euch iniuriarum belangen. Soll aber das, wessen ihr dort Bedenken trüget, ja euch schämen würdet, hier, weil es gerade christliche Ueberzeugung und kirchliches Verhältniß berührt, unbedingt frei gegeben seyn?

Diese Frucht haben wir wenigstens dem Indifferentismus unserer Tage, dem auf religiöser Gleichgültigkeit ruhenden Getriebe der heutigen Staaten, und dem mit protestantischen Elementen durchsäuerten Princip der jetzigen weltlichen Gewalten zu danken, daß kein Gelüste nach zeitlichem Vortheil dasjenige, was blos Wirkung der Gnade und der die innersten Tiefen durchdringenden Klarheit seyn soll und darf, fernerhin zur bloßen äußern Maske herabwürdigen kann. Wahrlich, wem irdische Ehre, zeitliche Güter, gesellschaftliche Stellung das Höchste sind, wem, wie man zu sagen pflegt, eine Carriere zu machen Ziel und Zweck des Lebens wäre, der würde wohl besser dadurch sich berathen, daß er einer, unter allen Formen der katholischen Kirche entgegenwirkenden, vielleicht sogar, wenn nicht mehr ihr Erdrücken, so doch ihr Verenden bezweckenden Verbrüderung sich einverleibte, als daß er frey und offen vor aller Welt diese Kirche für seine Mutter erklärte, zurückkehrte in ihre Arme, da[362] er zuvor ferne von derselben gestanden. Es ist hier der gleiche Fall, wie in der Schweiz mit den politischen Meinungen. Wer denjenigen, welche das laute Wort führen und damit zugleich die Herrschaft an sich gerissen haben, entgegentritt, wer sich nicht scheut, dem Blendwerk, das mit jenem getrieben wird, das Licht unter das Spiel zu halten und die Handlungen und Bestrebungen der Beweger nach den absoluten Principien der Wahrheit und des Rechts zu beurtheilen; wer nicht von den Wogen sich will treiben lassen, sondern selbst ihnen entgegenzurudern den Muth hat: auf dem darf gewiß nicht der Verdacht lasten, daß er seine Person vorandrängen wolle, daß er nach irgend einer Stelle trachte; denn ganz andere und wahrlich leicht anzuwendende Mittel würden ihn solchen Zweck ohne große Anstrengung weit sicherer erreichen lassen.

In dieser Beziehung mag die katholische Kirche, mögen die Vielen, die nicht zu den Unbemerkbarsten unter ihren Zeitgenossen gehören, zu Würdigung der Beweggründe ihrer Rückkehr mit freyem Bewußtseyn herausfordern einen Jeden, der unbefangenen Sinnes, parteilosen Willens dieselbe vornehmen mag. Könnte wohl niemand aufrichtiger, als ich, denjenigen bedauern, der eigener Selbstständigkeit dermassen baar und blos wäre, um, so zu sagen, von Anderer Beispiel leben zu müßen, der, nicht blos in dem Wichtigsten, sondern selbst in Unwichtigem, einzig in dem Benehmen von Vormännern zu irgend Etwas einen Bestimmungsgrund fände, – so darf doch das Summarium homogener Erscheinungen in jenem Sinne reichen Stoff zu ernstem Nachdenken genug bieten. – Ammon sagt in seinem Buche von der »Einheit der evangelischen Kirche«: »Auch mir kommt es vor, als sey etwas in unserm jetzigen Protestantismus, was einen ehrlichen Mann zwingen kann, katholisch zu werden; ich meine Kerns-, Wesens- und Inhaltslosigkeit unseres Glaubens – die Sublimirung alles materiellen Glaubens in wesen- und leblose rationelle Begriffe – das unruhige Vordringen des Verstandes auf dem Gebiete des Glaubens, welches Christum austreibt, und sich dafür an dessen[363] Stelle setzt. Wehe dem ganzen Protestantismus, wenn er sein urkatholisches Princip verkennt und verläugnet.«

Es kommen, die Thatsache ist nicht in Abrede zu stellen, in dieser Zeit auch Austritte aus der katholischen Kirche vor, und niemals fehlt es bei denselben an sogenannten rechtfertigenden Gründen, welche auf dichte Schatten und gewaltige Gebrechen in derselben hinzuweisen sich bemühen. Aber eine Zahl in die Kirche zurückgekehrter und eine gleiche Zahl aus derselben ausgetretener Individualitäten einander gegenübergestellt, sollten nicht unter den Letztern weit mehr als unter Jenen Solche sich finden, an welche die Vermuthung sich knüpfen dürfte, es möchten rein subjective Gründe wenigstens eben so großes Gewicht gehabt haben, als die Einsicht in jene Gebrechen, als der tiefernste Abscheu vor denselben, der brennende Durst nach befriedigenderer Seelenlabung? Sehet dort jene Layen, die, durch irgend eine Wendung ihrer Lebensbahn, durch irgend ein überraschendes Begegniß, durch irgend einen an sie vorzüglich gerichteten und nur von ihnen bemerkten Wink der göttlichen Gnade geweckt, gemahnt, ergriffen, in sich selbst kehrten, suchten, sich leiten, belehren liessen, endlich nach schwerern oder leichtern Kämpfen die Feßeln sprengten, durch die sie sollten zurückgehalten werden! Wollt ihr ihnen unter gleicher Werthung denjenigen an die Seite stellen, der, durch eine lüderliche Literatur in seinem geistigen Lebensmark vergiftet, erst die geordnetere Form des Glaubens von sich wirft, um bald darauf desto leichter auch diesem den Abschied zu geben? oder denjenigen, der in theoretischer und praktischer Zügellosigkeit der Autorität auf bürgerlichem Boden, wo er nur immer kann, entgegentritt und darum, so schnell es ihm möglich, die kirchliche vollends abschüttelt, hierauf verhöhnt und bekämpft? oder denjenigen, der, durch die Wucht materieller Bestrebungen darniedergefallen, jede geistige Anwandlung um so grinsender verlacht, je bestimmter sie an dem Menschen sich will geltend machen? oder jenen grundgemeinen Mammonsknecht, den die Gebühren für eine Gnadenbewilligung zur lächerlichen Wuth gegen die Kirche und ihre[364] Ordnung stachelt? Wollet ihr euch vermessen, neben jene gewichtvollen Meister in der Wissenschaft, die auf das Erforschen der Wahrheit das Leben mit allen seinen geistigen Kräften eingesetzt, die mit derselben und um dieselbe so lange gerungen, die, nachdem sie von ihr sich bezwungen gefühlt, Gold und Ehre, Wirksamkeit und geruhiges Daseyn freudig daran gegeben haben (wie wir dessen erst in den laufenden Tagen ein so leuchtendes als ergreifendes Beispiel gesehen haben), wollet ihr neben diese jene oberflächlichen Gecken in die Wagschale legen, die durch dummdreistes Verhöhnen des tiefgewurzelten Gesammtglaubens auf wohlfeilem Wege Zeitungscelebrität sich zu erbaschen suchen; jene fahrenden Mimen, die ihren Themis-Karren zur angeblichen religiösen Belustigung des Volkes aufschlagen, wo immer sie Zuschauer finden mögen; jene Wander-Prediger, denen in Gelagen, bei Champagnergläsern und unter lobhudelnden Zechsprüchen zusammengetrommelter Kirchenfeinde und in Ermanglung dessen in schmutzigen Bierhöhlen das Pfingstfest ihrer Kirchleins winkt, wonach sie zur Erholung als geistliche Müscadins mit den Weibleins sich ergehen; oder jene, welche die Auflehnung wider ihre Obern zum Kern eines mühelos ersonnenen und ohne Beschwerde an den Mann gebrachten Evangeliums machen?

Das jedoch, abgesehen von allen tiefern Anschauungen und Beweggründen, wird Niemand läugnen wollen, daß die katholische Kirche ungleich mehr fordere, ungleich mehr auferlege, in ungleich größere Zucht nehme, als jede Religionsform außer ihr. Der Zurückkehrende daher – ist ihm anders die Sache nicht blos Spiel, welches mit leichtem Sinn Form an Form und Namen an Namen tauscht – nimmt Vieles über sich, was der Austretende hingegen von sich wirst. Was aber dem natürlichen Menschen leichter falle, der Autorität sich unterzuordnen, oder derselben sich zu entziehen, in Anforderungen und Beschränkungen einen heilsamen Zweck, oder einen lästigen Zwang anzuerkennen, in dem Joch etwas Sanftes, in der Last etwas Leichtes zu ehren, oder Beide als unerträglich abzuschütteln, darüber[365] mag Jeder, seye er wer er wolle, Antwort leicht sich ertheilen.

Vernehmen wir hierüber das Zeugniß eines Mannes, den Niemand in Verdacht haben kann, nicht aus tiefster Ueberzeugung dem Protestantismus, wie wir denselben aus früherer Zeit noch kennen, zugethan gewesen zu seyn, doch nicht in dem Maaße, um darüber den richtigen und freyen Blick zu verlieren: Joh. Jacob Moser. Er sagt in dem Leben des Freiherrn Georg von Spangenberg: »Man kann in Beurtheilung einer sogenannten Religionsveränderung nicht behutsam und vorsichtig genug seyn; und geradehin zu billigen oder zu tadeln, zu loben oder zu verdammten, wenn ein gesetzter Mann, dem man Nachdenken, Prüfungsgabe, Rechtschaffenheit, Sorge um seine Seele, Uneigennutz etc. zutrauen kann, von einer kirchlichen Verfassung zu der andern übertritt, däucht mir Unbilligkeit, Ungerechtigkeit, Unverstand, es treffe eine Religonsparthei, welche es wolle, Ja, frei zu bekennen, ich habe an Personen jener Gattung, die aus Ueberzeugung (von Seelenverkäufern, die aus Ehrgeiz, Hunger oder anderer leiblicher Noth es thaten, ist die Rede nicht) katholisch wurden, mehr Treue vor Gott, mehr Reinigkeit des Lebens, mehr praktische Religion wahrgenommen, als unter Solchen, die aus der katholischen zu der protestantischen Kirche übergetreten sind.«

Endlich, wenn man nicht vor Allem die Augen schliessen und sogar den nackten Zahlen ihre Beweiskraft absprechen will, so dürften selbst diese stummen Zeichen mit gewaltiger Stimme sprechen. Unsere Zeit, das läßt sich nicht läugnen, sieht häufigere Uebergänge aus der einen Confession in die andere, als das vorige Jahrhundert, und denjenigen, welche da und dort auf irgend eine Weise zu den Bemerkbaren gehören, schliessen noch viele sich an, die vor der Welt minder bedeuten, darum aber an innerem Werth, an Festigkeit der Ueberzeugung, an Lauterkeit der Absichten, an Allem, was vor dem Herzenskündiger einzig Werth hat, auch den Ausgezeichnetesten nicht nachstehen, Wie verhalten sich nun diese Zahlen zu einander; wo ist das[366] Uebergewicht, und zwar ein sehr entschiedenes Uebergewicht, auf Seite der Austretenden oder auf Seite der Zurückkehrenden? Schlaget die ersten besten Blätter auf, ihr werdet jene Zahlen finden. Sollte diese unbestreitbare Erscheinung mit ein paar hoffärtigen Declamationen, mit ein paar in Abschätzigkeit hingeworfenen Federzügen sich abfertigen lassen? Dürfte darin nicht ein leiser, oder, wenn man will, ein ernster Wink liegen über das Bedürfniß der menschlichen Seele, über ein in ihren Tiefen verborgenes Sehnen nach göttlicher Offenbarung?

Diesem dann liegt die Einwendung nahe: aber unzählige Namen sind in die Verzeichnisse der katholischen Kirche eingetragen; doch wie sehr würde diese irren, wenn sie auf die große Zahl derselben stolz seyn wollte? Denn weiter, als daß diese Namen eben auf jenen Verzeichnissen stehen und die Genannten ihre Jugendjahre in dem Bereich, vielleicht unter der Obsorge der Kirche zugebracht haben, geht ihre Beziehung zu derselben nicht. Wollten sie von ihren Gesinnungen getreue Rechenschaft ablegen, so dürften wir sie mit größerm Recht zu den von ihr Abgewendeten zählen; sie haben sich von ihr emancipirt, so gut als diese; sie theilen deren Ansichten über dieselbe vollkommen, ja nicht selten sind sie noch entschiedenere und, könnten sie je die Gesinnung zur That werden lassen, grimmigere Widersacher derselben, als jene. Wollte Jemand dieses in Abrede stellen? könnte er bestreiten, daß Viele dem Wesen nach von der Kirche so gänzlich geschieden seyen, daß hiezu gar nichts als die äußere Erklärung mangle? Und doch erfolgt diese nur selten. Warum? Sie halten es nicht der Mühe werth, mit dieser hervorzutreten. Der thatsächliche Indifferentismus genügt ihnen hinreichend, sie kommen mit der Verneinung der Kirche vollkommen aus, die unsichtbare Kirche überragt ja so alle sichtbar gewordenen religiösen Vereine, daß es ein eigentlicher Ueberfluß wäre, einem solchen sich anzuschliessen, indeß der Preis vorurtheilsfreyer und aufgeklärter Menschen ihnen in keiner Weise entgehen kann. Warum also, wo die Sache spricht, Namen an Namen tauschen? Warum also, da man aus dem[367] organischen Gefüge sich ausgelöst hat, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob man diesem oder jenem Gehäuse sich anreihen wolle?

Wie aber im allgemeinen unserer Zeit der Charakter des Unbeständigen, Beweglichen und Fluthenden beinahe in allen Dingen, in den ganz unbedeutenden wie in den wichtigsten aufgedrückt ist, so hat wohl kaum ein Jahrhundert der Conversionen auf kirchlichem, staatlichem und literarischem Boden so viele gesehen, wie das unsrige. Indeß meistentheils nur die ersten die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und besprochen worden, sind die andern nicht minder zahlreich, öfters nicht minder auffallend. Bemerkenswerth bleibt dabei, daß die wortlaute Masse gemeinhin mit hellem Jubel diejenigen Umkehrungen begrüßt, welche in centrifugaler Richtung erfolgen, bei denjenigen hingegen, die in centripetaler sich erzeigen, keiner Gründe Rechnung trägt, sondern bloß knirschend über ihnen die Zähne fletscht. Huldigt der Mensch in politischen Fragen unverrückt dem erhaltenden und ruhig fortbildenden Princip, dann ist er ein starrer, verknöcherter Aristokrat, unbelehrbar, unzugänglich aller Erfahrung, ein Hors d'oeuvre der Zeit. Gienge ein solcher in das Heerlager der zerstörenden Partei hinüber, dann wäre des Preises seiner Einsicht, seines hellen Verstandes, seiner tiefdringenden Urtheilskraft, des in ihm gehäuften Vereines aller leuchtenden Eigenschaften kein Ende. Durchblickt Einer, der in Verblendung, aber in guten Treuen, eine Zeitlang mit der Schaar der Zerwühler es gehalten, deren letzten Zwecke, fällt es ihm wie Schuppen von den Augen, daß auf diesem Wege die vorgespiegelte Wohlfahrt der Gesellschaft nun und nimmermehr zu erreichen seye, graut es ihm vor dem Ausgang, den hiebei die allgemeinen Angelegenheiten nehmen müßten, und macht er erst Halt, kehrt er dann in sich selbst ein, wendet er sich hierauf von seinen forthämmernden Genossen hinweg, dann darf er sicher seyn, von allen Seiten, nach allen Richtungen, unter allen Formen sich angegriffen und kecken Sinnes aller Eigenschaften, die zuvor an ihm hervorgehoben worden, allermindestens untheilhaft[368] erklärt, sich fortwährend dergestalt beurtheilt zu sehen, als wäre, wie man zu sagen pflegt, nicht ein einziger guter Faden an ihm. – So in der Literatur. Bei wie Manchem läßt sich nicht eine Umkehr der Principien, der Richtung, des Wesentlichsten nachweisen? Aber auch hier nicht selten vom Erhaltenden zum Zerstörenden, vom Bessern zum Schlechtern. Gewöhnlich dann geberden sich diejenigen, welche in derartigen Conversionen gerade diesen Pfad eingeschlagen haben, am grimmigsten gegen Solche, die den andern Weg erwählten, wie dann gegen Jeden überhaupt, der durch die Macht gewissenhafter Würdigung und tieferwogener Gründe zu einer centripetalen Umkehr ist hingezogen worden. Sie werden mit Wuth erfüllt gegen denjenigen, der an die Stelle hintritt, von der sie in leichtfertiger Wetterwendigkeit sich hinweggewendet haben, und nichts vermag sie zurück zu halten, sowohl den Mangel als die Niederträchtigkeit ihrer Gesinnungen mit bombastischer Schamlosigkeit zur Schau zu tragen, Ja die Furcht, es dürften offener Geradsinn, gewissenhafte Treue und wankellose Redlichkeit (ohne welche z.B. Geschichte sich machen, nicht aber schreiben läßt) doch noch in der Wagschale neben Talent und reichem Wissen Etwas ziehen, wird ihnen zum Stachel, um alles Gift, welches boshafter Gehässigkeit nur immer zusammen zu brauen gelingen mag, in selbstgefälliger Vergnüglichkeit auszuspritzen. Berückt von dem Wahn, aus Keckheit in Verbindung mit gewandter Handhabung der Sprache lasse sich der bleibend vorhaltende Firniß über die Grundlüderlichkeit der Gesinnung bereiten, reißen sie selbst die Gelegenheiten herbei, um die Posaunen des eigenen Ruhms in die Ohren der Zeitgenossen gellen zu lassen, gleich als ob solches Bürgschaft gewährte, daß hiemit der Nachwelt ein Lebensbild überliefert werde, wie die sich blähende Eitelkeit es fordern zu dürfen wähnt, und als ob hiemit die lebende Erinnerung an früheres, eben nichts weniger als preiswürdiges Benehmen könnte getödet, die vielfach sprechende für die Nachkommen zum Schweigen gebracht werden.
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Beobachtungen, wie die zuvor berührten, haben seit einer langen Reihe von Jahren mir sich aufgedrängt. Wer meinen möchte, sie hätten Einfluß auf mich üben können, der würde eben so sehr mich falsch beurtheilen, als irren. Aber eben so seltsam müßte die Forderung seyn, daß die sich darbietenden Beobachtungen hätten abgewiesen werden, oder zu andern Schlüssen leiten sollen. Daß der Mensch, hat er irgend einen ernsten und gewichtigen Vorsatz durchgeführt, hintennach in den Personalitäten, wel che ähnliche Bahnen betreten haben, eine etwelche Bestätigung oder Rechtfertigung seiner Wahl finde, ist doch natürlich.

Wer überhaupt so lesen und urtheilen will, wie sichs gebührt, wer mit ehrlichem Sinn aufnehmen mag, was in ehrlichem Sinn ihm gegeben wird, der muß wohl sich überzeugen, daß ich nicht Jahrbücher meines Lebens schreibe, in welchen Gedanken und Wahrnehmungen immer nur in derjenigen Reihenfolge aufgezeichnet werden, wie sie zu wurzeln begannen, sich entwickelten und zur Reise gediehen; daß vielmehr Einzelnes, was zu dieser erst später gelangte, berührt wird, wie es eben während des Schreibens sich darbietet. So knüpft sich an jene weit in die Vergangenheit zurückreichenden Wahrnehmungen eine andere, worin zu bemerkenswerthen Schlüssen Stoff liegt. Bei mehr als Einem, der aus der katholischen Kirche ausgetreten ist, dürften etwa noch, neben vorauszusetzenden innern Geistesoperationen, worüber Andern ein zutreffendes Urtheil nicht möglich ist, ein stabbrechendes nicht zukommt, Veranlaßungen zu Grund liegen, welche diesem weniger sich entziehen: es ist vielleicht ein gewisser Drang nach Befreyung; es tritt selbst bei mehr als einem Fall die Nothwendigkeit ein, dieser oder jener Ursachen wegen, zu diesem oder jenem Zwecke, in andern Verhältnissen hier Schutz, dort Vorschub zu suchen; es mag dergleichen bisweilen so in den Vordergrund treten, daß es die Ahnung von tieferer Veranlaßung überflügelt; – im einen wie im andern Fall läßt die katholische Kirche das von ihr sich trennende Glied gehen, wohin es ihm beliebt; sie wird es[370] allerdings seiner selbst wegen bedauern, weil es hiedurch die Fülle der Heilmittel, welche sie darbietet, übermüthig oder selbstgenügsam verschmäht, nie aber wird sie es angreifen, beirren, am wenigsten verschmähen. Es lebt in ihr zu hell das Bewußtseyn, daß ihr Ansehen, ihre Bedeutung, ihr segnender Einfluß auf die Gmüther nicht das Geringste einbüße, wenn auch da oder dort der Einzelne jenes nicht mehr anerkennen mag, diesem sich entziehen will. Sie fühlt wohl über solchen Verlust eine Bekümmerniß, aber nur eine solche, die auf denjenigen sich richtet, der von der Mutter sich trennt, der ihre Einwirkung auf sich für eine werthlose erachtet. Die Bekümmerniß um einen Menschen läßt sich aber von Milde gegen denselben nicht trennen; diese dagegen verbannt alles stürmische, ungeberdige Wesen, unter welchem der Gegenstand, wider den es sich wendet, vor demjenigen, der solcher Stimmung Macht über sich einräumt, zurückweicht, dagegen gekränkter Stolz, eine selbstgeschaffene Unfehlbarkeit, der Wahn einer alles überragenden geistigen Hohe immer zwischendurchblickt.

Wie wird es umgekehrt gehalten? und zwar durch alle Schichten der Gesellschaft, je nach den verschiedenen Arten der Aeusserungen, die denselben möglich oder angemessen sind. Man erinnere sich, nicht sowohl wie viele Federn, als vielmehr in welcher Weise dieselben in Bewegung gesetzt wurden bei der Rückkehr von Stollberg, Haller, Anderer? Sollte dieses Stürmen, Pochen, Scheelsehen, Verdächtigen, Bemitleiden unter dem Wahn von absoluter Vortrefflichkeit, von hellerer Erleuchtung, von preiswürdiger Freiheit, von Beseitigung mancherlei nichtiger Vorurtheile, von beneidenswerther Entwicklung, sollte dieß mit dem vornehmen Dünkel, womit man auf das Gesammte der katholischen Kirche, ja selbst auf ihre noch immerfort bestehende Fortdauer herabsieht, zusammenhängen? Sollte es zusammenhängen mit dieser subjectiven Selbstverherrlichung, die man nicht bloß in polemischen Schriften, in wissenschaftlichen Werken, in Geschichtsbüchern zur Schau trägt, sondern womit man sogar Romane, Flugblätter, Volksbücher, selbst Kalender[371] ausstaffirt, und indem man vergnüglich sich schaukelt und herabschaut auf den Haufen, welcher so tief unten in Ketten und Banden und schwüler Luft daherkeucht und aller Schwungkraft, um zu jenen Hohen sich emporzuheben, gänzlich ermangelt? Sollte daneben an so manchartig hervortretender Gereiztheit und Aerger und Geschrei nicht ein dunkles Gefühl der Störung und des unzeitigen Aufrüttelns aus behaglichem Traum und eine Mahnung an innere Schwäche (bei allem Umsichwerfen von Kraft) zum Vorschein kommen, sobald Männer, die ebenfalls bequem auf jenen Höhen hätten wandeln und ebenfalls mit jenen Gütern stolziren können, freiwillig hinübertreten in das Gebiet, welches man als Niederung zu bezeichnen gewohnt ist; wenn sie einem Gehorsam sich unterziehen, in dessen Beseitigung man die zweifellose Gewähr der Größe sucht, und mit entschiedenem Zeugniß Gütern einen Werth beimessen, denen der Eigendünkel solchen schon längst abgesprochen hat? Ist es unter allen Umständen eine mißliche Sache um dem Selbstruhm, so ist der maaßlose Dünkel, der bei dergleichen Veranlaßungen so gerne wiederkehrt, eine doppelt bedenkliche Erscheinung.

Es ist bekannt, daß der italienische Schauspieler Grimaldi, als im Jahr 1781 unter dem Londonerpöbel eine gewaltige Aufregung gegen die Katholiken herrschte und Ausbrüche gegen diese befürchtet wurden, die Ueberschrift über der Hausthüre: no pope ry (nicht zum Papst sich bekennend), worin Viele ihr Schutzmittel suchten, in diejenige erweiterte: »Kein Christenthum!« Mag auch die Anekdote bloßer Schwank seyn, sie ist dennoch wahr, denn sie wiederholt steh häufig in vollkommenster Wahrhaftigkeit. Erkläret euch selbst vor denjenigen, welche von den göttlichen Offenbarungen noch mehr beibehalten haben, als den Kartendeckel des Einbandes, und von dem Christenthum mehr, als die gleichgültige Benennung, erkläret euch vor ihnen nicht blos als vollendete Rationalisten, sondern selbst als entschiedene Atheisten, sie werden es vielleicht bedauern, daß euere Geistesfreiheit euch so weit geführt habe, sonst aber zu[372] allen Dingen euch für tüchtig und geeignet zu Allem halten; erklärt ihnen aber: die ausserhalb der katholischen Kirche vorkommende Mangelhaftigkeit und Unsicherheit in demjenigen, was die tiefsten Grundsätze der Erkenntniß, des Glaubens und des Heils berührt, hätten euch zur Rückkehr in diese nicht allein veranlaßt, selbst gezwungen: sie werden zurückschaudern, sie werden diese Anwendung euerer Geistesfreiheit als Frevel erachten, sie werden entweder an euerem Verstand oder an der Reinheit eueres Willens zweifeln und nicht verhehlen, daß ihr alles ehevorigem Werthes hiemit verlustig gegangen seyd. Sie werden vielleicht nur mit etwas minder nackter Offenheit jene Meinung eines jungen Menschen theilen, dem die Bemerkung gemacht wurde: in dem großen Rath des vormals ganz protestantischen Genfs sässen jetzt dreissig Katholiken, und die Sachen giengen darum nicht schlimmer als ehedem: »er seines Orts würde lieber dreissig entschiedene Atheisten in demselben sehen, als so viele Katholiken.« – Ja, ließen in solchen Angelegenheiten Versuche sich anstellen, sicher würde die Erklärung, zu dem Muhamedanismius sich bekennen zu wollen, ungleich ruhiger vernommen werden, als eine Rückkehr in die Kirche, man würde diesen Vorsatz höchstens als Idiosynkrasie belächeln, oder darüber, als über eine seltsame Extravaganz, die Achseln zucken. Sollte nicht auch dieß auf einen, hinter alles Pochen sich verbergenden Zweifel hinweisen?


Indeß giebt es noch eine Potenz, vermuthlich bei mehr als einer Rückkehr in die Kirche vorwaltend, die bisher wahrscheinlich am wenigsten in Anschlag gebracht, weil am wenigsten begriffen, vielleicht nicht einmal geahnet worden ist. Diese Potenz ist unendlich erhaben über alle denkbaren Factoren, die bloß in dem Niedern, Subjectiven und Vergänglichen wurzeln könnten, und denen die träge Oberflächlichkeit oder der verschmitzte Abere wille so gerne, nicht allein das Gewicht, sondern das alleinige[373] Uebergewicht ansinnen möchte. Diese Potenz ist ferner höher als jede Würdigung der äußern Erscheinungen der katholischen Kirche, als da sind: Zeitdauer, gesellschaftliche Einrichtung, Cultus; darüberhin ist sie unbegreiflich tiefer, als selbst das Bedürfniß nach nahrhafterer Seelenspeise und erfrischenderem Trank, als der so nach innen als nach aussen verkümmerte und verlebte Protestantismus sie dem Geist und dem Herzen zu bieten vermag. Ich möchte diese mächtige und da, wo ihr Walten sich kund giebt, Alles besiegende Potenz die geheimste Innerlichkeit des Geistes-, Gemüths- und Seelenlebens nennen, eben das, was ich früher als Prädisposition des Geistes zu bezeichnen mir erlaubte. Man kann den Organismus der Kirche, als denjenigen jeder andern Institution ebensosehr überragend, als der menschliche Organismus jeden sonst bekannten überragt, bewundern; man kann durch den Cultus derselben, dessen genauere Kenntniß uns einen Blick in die Harmonie des Aeussern mit dem Innern, des Bezeichnenden mit dem Bezeichneten, des Abbildes mit dem Urbilde eröffnet, unwiderstehlich hingerissen sich fühlen; man kann in der Mannigfaltigkeit der dargebotenen Heilmittel die wahre und für Alles zureichende Befriedigung der tauchartigen unabweislichen Seelenbedürfnisse durchschauen; man kann in den Lehren, zumal in dem Ganzen des Lehrgebäudes, die unverkennbare Manifestation des Unnahbaren und Unerforschlichen zu Herstellung der zerrissenen Einigung mit Ihm verehren; man kann durch die bewältigende Einwirkung des einen oder des Andern dieser Elemente, oder durch deren zusammenwirkende Macht, sich bewogen, ja gezwungen fühlen, zurückzukehren dahin, von wo das hergestellte Leben der Menschheit ausgegangen ist, wo der reine, ewig fliessende Quell sprudelt, in welchen auch das Leben des Einzelnen sich tauchen soll, um gesund, urkräftig, fürderhin ungefährdet zu pulsiren, zu walten, zu wirken; über diesem Allem aber giebt es noch Etwas, was jene Elemente zumal nicht allein in sich beschließt und einigt, sondern sie durchdringt und überragt: es ist dieß das Sehnen, einzugehen in den unermeßlichen Kreis, in welchem[374] Organismus und Cultus und Heilmittel und Lehren, und was ihnen verwandt wir uns denken mögen, Radien sind, die von dem unerschaffenen Lichte im Centrum, nach allen Punkten, dieselben erleuchtend und mit sich verbindend, ausstrahlen, von diesen zurückglänzen nach der Mitte, von welcher Alles die Wandelbahn gewinnt und auf derselben nach dieser Mitte stets zielt.

Die Reformation ist das Heraustreten aus diesem Kreise. Sie hat erst sich, dann jede Individualität, die ihr huldigte, als Mitte und bewegende Kraft und bestimmende Ursache der Wandelbahn aufgeworfen. Ob dann auch den Strahlen, die aus der Mitte jenes Kreises in unendlicher Lichtfülle hervorgehen, kein Ziel gesetzt ist, jenseits dessen ihr Licht erlöschen könnte, so muß doch immerhin das, was ausserhalb desselben steht, wenn es auch nicht gänzlicher Finsterniß verfallen ist, nur durch gebrochenes Licht erleuchtet werden; und ist auch etwelcher Reflex noch möglich, so ist dieser doch nimmer ein Strahl, der dahin zurückleuchtete, von wannen er hervorgegangen und allein hervorgehen konnte; sondern es ist blos ein confuses Filmmern, welches, nach allen Seiten gerichtet, als innern Kern dasjenige erscheinen laßt, was nur gebrochener Widerschein der mehrern oder mindern Helle ist. So kommt es, daß, Alles genau erforscht und gewürdigt, die, so von der Kirche getrennt sind, jedes wahre Gute, was ihnen verblieben ist und worauf sie Werth setzen, einzig dieser zu verdanken haben, und dagegen aber Eigenthümliches nichts schaffen, nichts besitzen können, was nicht die Kirche in vollkommenerem Maaße, und geweiht und vollendet durch ihr unverrücktes Bestehen in jenem Kreis, längst schon besessen, durch die ihr innewohnende, durch ihre Verbindung mit jenem Mittelpunct hervorgerufene Lebenskraft geschaffen hätte.

Nehmet die Lehrer! Auf die Einen fällt noch Etwas von dem Lichte dieses Mittelpunctes in gebrochenem Strahl, die Andern sind jene Irrsterne, die der heilige Apostel »Fluthen des tobenden Meeres« nennt, »die ihre Irrsale ausschäumen.« Selbstständige Sonnen wollen sie seyn, mit innewohnender Befugniß,[375] zu bestimmen die Wandelbahn demjenigen, was in ihren Bereich tritt. Während dort Alle in geordneter Wandelbahn und mit gleichem, nur dem Maaß nach verschiedenem Glanz um das eine, ewige, unveränderliche Licht kreisen, stellt hier die Strahlenbrechung unendliche Gestaltungen auf, deren jede ihres Laufes eigener Urheber zu seyn sich berechtigt glaubt. – Nehmet die Gebräuche, wo noch welche sind! Was an ihnen ersprießlich und wirksam ist, findet in der katholischen Kirche sich ebenfalls, aber in Leben empfangender und Leben ausströmender Beziehung zu jener Mitte ausgegangen und sich erhaltend; und wo denselben in der Trennung Etwas soll beigefügt werden, läßt es sich nur der Kirche entlehnen, kann es nur als Schale, deren Kern darnieder getreten, als Form, deren Geist ausgetrieben worden, auf andern Boden sich verpflanzen lassen. – Nehmet die Heilmittel! Noch tragen sie die vorigen Namen, noch tönen manche Worte in herkömmlichem Klang, aber das Strömten von und zu jenem Mittelpunct ist unterbrochen, sie sind zum Schatten geworden, alldieweil nur dort das Wesen geblieben ist, wovon die Eucharistie und besonders das Bußsacrament zeugt. – Schauet auf die Lebensäusserungen! Es werden an beiden Orten die Worte gelesen: »gehet hin und lehret alle Völker!« Wer aber hat sie der Zeit nach zuerst in Anwendung gebracht, wer hat sie dem Geist nach richtig verstanden? Wer hat den alten Missionseifer, der einst die Schüler des heiligen Franziscus und Dominicus nach dem feindseligen Afrika, nach dem fernen Asien getrieben, zu allen Zeiten genährt, geordnet, zu rastloser Thätigkeit befeuert? Waren es nicht die Oberhäupter der Christenheit und durch sie jene ertauchte Gesellschaft, welche Gott in der grossen Krise der Kirche mit allseitig wirkender Heilkraft begnadete? Wer ist in Stiftung der großartigsten Anstalt zu diesem Zwecke vorangegangen? Ist es nicht der oberste Hirte und Lehrer der Gläubigen, der in seiner Schule zu Verbreitung des Gaubens Boten für alle Erdgürtel und Himmelsstriche seit bald drei Jahrhunderten erziehen läßt? Wenn von anderer Seite Aehnliches unternommen[376] wird, so hat die Kirche im Wollen dazu den Antrieb, im Vollführen das Vorbild gegeben. Wie aber jenes Wort, in welchem der Weltheiland gleichsam sein Endvermächtniß hinterlassen, so von der Kirche als von den Andern verstanden und verwirklicht werde, das habe ich Seite 320 dieser Schrift angedeutet; denn auch diese Lebensäusserung, wie jede andere, kann ebensowohl innerhalb jenes Kreises und dann unter den belebenden Einflüssen, die nur in diesem zu finden sind, als ausserhalb desselben als Scheinwesen statt finden und es heißt in verblendeter Anmaßung die laut sprechenden Jahrbücher des Menschengeschlechts bei Seite setzen, wenn eine von der allgemeinen losgerissene Kirche das Verdienst, die ersten Verbindungen zu Verbreitung des Glaubens sich zueignen will.

Und die Obsorge um die Armuth, Hülfsbedürftigkeit, Noth in jeglicher Gestalt, welchem Boden ist sie als eine der duftigsten, lieblichsten, segensreichsten Blüthen entsprossen; auf welchem Gebiete wird sie am sinnigsten, sorglichsten, emsigsten gepflegt? Bietet nicht auch hiezu die Kirche den in jeder Beziehung entsprechenden, gedeihlichen, fruchtbaren Boden? Sie allein erkennt den zweifachen Bedarf und verflicht in einander die doppelte Sorge – diejenige um die leibliche und diejenige um die geistliche Noth, die Sorge um den sterblichen Körper und um die unsterbliche Seele. Und allerdings haben in Vieles, was die verkannte und zugleich verwünschte »Werkheiligkeit« in gottgeheiligtem Darangeben in vergangenen Zeiten zu Stande gebracht, Andere jetzt warm sich gebettet; aber meisten Orts hat mit solcher thatsächlichen Besitznahme die Erkenntniß der geistigen Bedürftigkeit und der unablässigen Wachsamkeit um diese sich verflüchtigt, und an die Stelle der geistlichen Leitung sind staatsgewaltige Regulative getreten, und Administratoren, Calcul und Controlle mühen sich ab, von aussenher zusammen zu halten, wo sonst von innen die christliche Liebe durch alles Geäder den gesunden Lebenssaft getrieben. Was dann in unerschöpflicher Liebe, in unbegränzter Dahingebung in stillem, durch die tägliche Hinwendung zu Gott gekräftigtem[377] Walten, daher in unbemessener Wirksamkeit zu Besorgung der Unheilbaren, zu Herstellung der Kranken, zu Zurückführung der Verirrten, zu Emporhebung der sittlich Gefallenen, zu Aufrichtung der Niedergebeugten, zu Berathung der Verlassenen, zu Unterweisung der Unwissenden, zu Heranbildung der Unmündigen auf beiden Gebieten, dem leiblichen wie dem geistigen, und immer in Erkenntniß des Ineinanderlaufens oder des gegenseitigen Bedingens beider, in spätern Jahrhunderten jener erlauchte Orden, der in dem Demantschmuck der Braut des Herrn als einer der köstlichsten Edelgesteine glänzt, seit seinem Daseyn unternommen, gewirkt, ausgerichtet hat, auch das hat zuletzt unter allem Daherfahren wider die Wurzel, welcher einzig auch diese Frucht entwachsen konnte, das Staunen selbst der Gleichgültigen geweckt und zu Anerkennung selbst die Hasser von jener gezwungen; es hat zu dem Versuche getrieben, ein Nachbild ausserhalb jenes Kreises und abgetrennt von jenem Mittelpunct aufzustellen, ohne es jedoch weiter zu bringen, als theilnehmende Cousinen da hervorzurufen, wo die Kirche barmherzige Schwestern geboren hat. Denn gerade dasjenige, was die hintendrein hinkende Nachahmung als unwesentlich und zufällig nicht beachten, ja sogar von vorneherein verwerfen zu dürfen glaubt: die sacramentalische Einigung mit jenem Mittelpuncte dürfte durch den Gegensatz des Nachbildes als das Wesentliche, Nothwendige, ja Unerläßliche unverkennbar sich herausstellen. Nur in dieser Einigung ist das getreue Abbild jener hier so besonders fördersamen Tugenden möglich, deren wegen der »Bräutigam der Jungfrauen«, die »Krone aller Heiligen« in der »Litanei von seinem süssen Namen«, als »der Liebwürdigste, Ehrwürdigste, Demüthigste, Aermste, Sanftmüthigste, Langmüthigste, Gehorsamste, Keuscheste« gepriesen wird. Nur das immerwährende Naheseyn des Erlösers in dem täglichen Opfer, nur die hieraus hervorgehende klare Einsicht, daß in jeglicher Gestaltung das Leben ein fortlaufender Gottesdienst seyn sollte, nur die unzertrennliche Verkettung mit ihm, nur die unbedingte Hingebung unter seinen Willen, nur die Verschmelzung[378] der Individualitäten durch Gottesdienst, Gelübde und Gehorsam in ein Bewußtseyn und in eine Lebensaufgabe, nur die, durch diese sich hindurchziehende Anerkennung, daß mit dem Schluß der Pforten gegen die äussere Welt diejenigen einer andern sich öffnen, einzig dieses Alles verbunden kann zu dem schweren Dienst erforderlichen Muth, genugsame Ausdauer, Ernst und zugleich Freudigkeit und Beharrlichkeit verleihen; kann, was noch mehr ist, sämmtlichen Verrichtungen dieser Gefässe der reinsten christlichen Liebe jenen zarten, geistigen Blüthenduft anhauchen, unter welchem jede Pflege nicht allein für die Leistenden leicht, sondern für diejenigen, denen sie zu gut kommt, wenn sie auch in nächster Beziehung nur den Körper betrifft, zur wahren geistlichen Segnung sich verklärt.

Es ist nicht zu mißkennen, die Philanthropie hat ausserhalb des Bereiches der Kirche Vieles geleistet, Schönes zu Stande gebracht, manchem Schaden zu wehren, mancher Noth zu steuren, manchem Bedürfniß abzuhelfen gesucht. Vielerlei Anstalten erkennen sie als Mutter, Vielen in dem Wogendrang des Lebens reicht sie die helfende Hand, Unzähligen wird sie im Kampfe des Daseyns die emporhaltende Kraft, die geleitende Beschirmerin. Aber darf sie neben der Charitas, die das reich ausgestattete, alle denkbaren Vorzüge vereinigende Kind des Christenthums, die der lichtumgebene Brautschmuck der katholischen Kirche ist, als ebenbürtig sich hinstellen? Wir sollen nicht zum Richter des Innern der Menschen uns aufwerfen, darum nach allen den Beweggründen, durch welche die Philanthropie in Thätigkeit kann gesetzt werden, nicht grübelnd forschen; freuen wir uns, wenn Gutes geschieht, wo, weßwegen, durch wen es vollführt werde! Das aber dürfen wir sagen, daß die Charitas (wofür uns Deutschen leider der erschöpfende, scharf bestimmende Ausdruck mangelt) nach innen und nach aussen, in Beziehung auf ihren Träger, so wie auf ihren Gegenstand, in Allem nach dem Vollkommenen strebt; denn Beides, ihre Regungen sowohl, als ihre Aeusserungen, stellen sich in jenen oben angedeuteten Kreis, in jenes, aus dessen Mittelpunct[379] leuchtende Licht, wenden ihre Strahlen demselben wieder zu, Während die Philanthropie in der Unterschrift zum Beitrag für eine gemeinnützige Anstalt, zur Betheiligung bei der Abhülfe in dringlicher Noth, zur Beisteuer in gewaltig anklopfender Calamität mit einem Federzug gemacht und fertig dar steht, ist die Charitas eine expansive Kraft, die geheimnißvoll aus den Tiefen unseres, nicht blos allgemein sittlichen, sondern unseres durch die Wiedergeburt mit Christo geeinten Wesens aufquillt und niederströmt und so wenig Stillstand als Gränzen und Formt der Erscheinung kennt. Die Charitas allein erstreckt sich über Alles, umfaßt Alles, durchdringt Alles, bringt Alles, nicht mit sich, sondern durch sich mit Christo in Verbindung, Er und Er allein ist ihr Ausgang und ihr Ziel, ihr Saatkorn und ihre Frucht; was sie thut, thut sie durch Ihn, mit Ihm, in Ihm und für Ihn. Sie offenbart sich in der Gabe der Hand so gut, als in der Gabe des Mundes, in dem Almosen wie in dem Wort, in dem Brod, das sie dem Hungernden bricht, wie in dem Rath, den sie dem Fragenden ertheilt. Aber eben dieses ihr innerliches Wesen will sie auch, – nein, sie will nicht, sie muß, denn könnte sie es unterlassen, so wäre sie die Charitas nicht mehr – übertragen auf das, was sie ins Daseyn ruft. Es genügt ihr z.B. bei einer Wohlthätigkeitsanstalt nicht, durch die erforderlichen materiellen Mittel dieselbe dem äussern Bestehen nach zu sichern, sie muß dieselbe auch durch die spirituellen mit demjenigen in Verbindung setzen, von dem und zu dem sie selbst pulsirt; sie hat nichts gethan, wenn sie den Leib des Nackten bekleidet, sie sorgt ihm zugleich für das Hochzeitkleid zum Brautmal des Lammes; es genügt ihr nicht, dem Hungernden das erdentwachsene Brod zu reichen, sie giebt ihm zugleich das Brod, das vom Himmel kommt; sie beschränkt sich nicht darauf, dem Obdachslosen ein schirmendes Haus zu öffnen, sie will ihn auch zum Eingang führen des Hauses, welches nicht Menschenhände gebaut haben; sie bietet dem Kranken körperliche Pflege und Arznei zur Genesung des Körpers, aber die Pflege seiner Seele, die Mittel, um deren Gesundheit zu[380] erhalten oder herzustellen, sind ihr eben so wichtig. An dieses Alles denkt die Philanthropie entweder gar nicht, oder nur wenig, oder fügt es nur bei, dieweil es so Brauch und Ordnung noch ist; manchmal sogar, wie durch jenen Stephan Girard in Philadelphia geschah, der sein gestiftetes Waisenhaus sogar gegen den bloßen Besuch der Geistlichen jeder »Secte« absperrte, weist sie es noch vorsätzlich ab: die Charitas aber fügt es nicht an, sondern schmelzt es hinein.

Zöget ihr nicht mit den Schwertern der weltlichen Gewalt, mit den Stangen der Gesetzgebung und mit den Laternen der Polizei aus, um Christum abermals zu fangen und zu binden und euern Landpflegern zum Verhöhnen und zum Geisseln zu überantworten; däuchtet ihr euch nicht weise und gewaltig, klug und mächtig, tief verständig und hoch erhoben, wenn ihr die Kirche von ihrem Allod verdränget, wenn ihr sie in euerem verblendeten Dünkel als unverbesserlichen Störenfried in ihr Haus eingränzet, wenn ihr selbst in dieses einen eurer Trabanten mit Dreispitz und Degen zur Ueberwachung noch einlagert, wenn ihr die leiseste Lebensregung derselben zu Protokoll nehmen, was vorgegangen, durch einen Berittenen an allerhöchsten Ort allerunterthänigst citissime einberichten lasset, alsdann hättet ihr nicht mehr nothwendig, mit der Philanthropie als dem dürftigen Surrogat der Charitas euch zu behelfen und Gott zu danken, wenn noch irgend ein geistiger Factor Etwas zu Stande bringt, wo es euch an Wille wie an Geschick fehlt. Versucht es aber, setzet sie wieder ein die Kirche, als die mit euren Staaten von gestern her allermindestens Ebenbürtige, setzet sie wieder ein in ihr von Gott angewiesenes, von euch aber durch Felonie usurpirtes Gebiet; nehmet sie von ihr die Ketten, deren Klirren eurem mißgestalteten Ohr wie Harfengetön klingt; rufet ihn ab den Trabanten, dessen bloße Gegenwart sie verunehrt; gebet sie frey die Kirche, und die erste Wirkung ihrer Freiheit wird das Wiederaufblühen der Charitas seyn, die über euern Staat und über euere Gemeinden und über euere Familien und über eure Anstalten und über eure Schulen und über[381] Alles einen Segen verbreitet wird, von dem ihr freilich in euren Registraturen, Protokollen, Geschäfts-Manualen und Diarien nichts, rein nichts verzeichnet findet. Schauet auf Frankreich – ich bin weit entfernt, es in Allem als Muster aufstellen zu wollen – aber dort werdet ihr sehen, was bei einer weniger geknechteten Kirche und überall da, wo die christliche Liebe, als Gottestochter, um sich bethätigen zu dürfen, nicht erst zu der Mesalliance mit der erdgebornen, »allerhöchsten Staatsbewilligung« gezwungen wird, die Charitas geleistet hat und alltäglich leistet.

Diese Charitas wird aber in der katholischen Kirche nicht blos erörtert, besprochen, anempfohlen und wohl auch mitunter geübt; sondern sie ist der wahre Lebensausdruck derselben, die verklärte Lebenskraft und Daseynsbedingung, welche, herniedersteigend von oben und hinaufsteigend von unten, empfangend und gebend, ein- und ausströmend, jeden Gläubigen zum einigenden Träger beider Richtungen weiht. Die Thatsachen des Glaubens entzünden sie, und in den Begriffen, Gewohnheiten, Aeusserungen und Bethätigungen des Lebens strahlt sie wieder. Am Altare bietet sie in Christo selbst sich dar, und an eben diesem Altare wird sie mittelst der Gegenwart der Gläubigen auf Lebendige und Verstorbene, auf Anwesende und Abwesende, auf Bekannte und Unbekannte, auf Freunde und Feinde übergetragen. Im Gebete wendet sie sich durch den Mund und den Sinn des Flehenden an ihre Fülle und zerbreitet, was sie aus dieser geschöpft, über Nahe und Ferne, über die, denen sie enge befreundet ist, wie über diejenigen, deren Namen sie nicht einmal weiß. In der Opfergabe bei dem Trauergottesdienst für das verstorbene Glied des engeren Kreises wird sie in Thätigkeit erhalten für die sichtbar Verbundenen; in der Fürbitte bei so manchen geistlichen und leiblichen Nöthen, um Schutz und Hülfe in äußerer Drangsal, um Kräftigung und Erleuchtung in innerer Ungewißheit, wird sie in dem Bewußtseyn gefestigt, um mit gleicher Innigkeit alle unsichtbar Vereinigten zu umfassen. Das Flehen für die Kirche bei besondern Gefahren oder Kümmernissen derselben, für deren Hirten und Lehrer, für Abwendung[382] von Trübsal und Heimsuchung, wie im Allgemeinen so im Einzelnen, für Stärkung der Schwachen, für Aufrechthaltung der Wankenden, für Belehrung der Unwissenden, für Zurückführung der Irrenden, ist nichts Anderes, als die im eigenen und im gemeinsamen Ausdruck laut werdende Stimme der Charitas. Wo aber ist der Geist des Gebetes und die Freudigkeit zum Gebet und das allumfassende Band des Gebets so lebendig und so thätig und so stark als in der katholischen Kirche, deren Charitas hinausdringt über deren Gränzen, und ihre reinsten, ihre mildesten, ihre, alle Segnungen in sich begreifenden Gefühle und Wünsche auch denen zuwendet, die jenseits dieser Gränze stehen, und die sie dennoch mit ihren Liebensarmen umfängt? Und vollends jene Geneigtheit, die Gedanken des Heils, die Regungen des Herzens, die Handlungen des Lebens, durch die der Christ der göttlichen Gnade sich gewisser zu machen hofft, auf den Andern hin überzutragen, sich selbst mit der That zu begnügen, diesem aber die Frucht zuzuwenden, hiemit des verherrlichten Hauptes Gesinnung gegen uns in schwachem Abbild wieder zu geben, was ist es anders, als die reinste und duftigste Blüthe dieser Charitas, von der der heil. Augustin sagt: »Sie erneuert uns, daß wir neue Menschen sind, Erben des neuen Bundes, Sänger des neuen Liedes? Diese Liebe hat die alten Gerechten, Patriarchen und Propheten, so wie nachher die heil. Apostel erneuert. Sie erneuert auch die Volker und macht aus dem ganzen Menschengeschlechte, das über den Erdkreis verbreitet ist, Eines und sammelt ein neues Volk, den Leib der neuvermählten Braut des Sohnes Gottes, von der es im Hohen Liede heißt: welche ist diese, die weiß aufsteigt?«

Hierüber habe ich Erfahrungen gemacht, anmuthige, wohlthuende, erquickende; nicht einmal nur, mehrmals, in den bedeutendsten Momenten des Lebens. Glaube niemand, ich hätte mich, bestochen durch das Aeussere, verleiten, gleichsam bethören lassen, einzutreten in das Innere der katholischen Kirche. Allerdings leuchtete Jenes in die Augen, aber nicht um hierüber die Pflicht ernster und genauer Prüfung der Grundlagen zu beseitigen;[383] nicht, um die Nothwendigkeit, im Innern ohne Uebereilung mich umzusehen, bei Seite zu setzen. Ich bin erst hineingetreten als neugieriger Fremdling; ich bin erst umhergegangen mit offenem Auge, wie etwa der Kauflustige in einem Hause, welches er zu beziehen zwar Neigung hätte, nicht aber in überstürzter Hast zugreifen will; ich habe mir hiedurch vielleicht eine, auch das Einzelnste durchforschende Einsicht erworben, mehr als Mancher, der selbst in dem Hause geboren worden, dessen Leben in demselben verlaufen ist; ich habe mir freyen Entscheid lange genug vorbehalten, um sagen zu können: das Haus gefällt mir, oder es gefällt mir nicht, dieses, jenes, hätte ich daran auszusetzen. Erst nachdem ich es fest, dauerhaft, wohnlich, in jeder Beziehung zusagend gefunden, erst da hätt' ich mir nimmer Gewalt anthun, nimmer mit der durch die genaueste Einsicht gewonnenen Ueberzeugung in Widerspruch mich setzen, oder mich anstrengen mögen, Fehler herauszucalculiren, wo vielleicht einer der Vorübergehenden nur eine Befleckung hingeworfen, welche Aufmerksamkeit bald wahrnehmen, treue Sorgfalt leicht beseitigen wird. Denn wahrlich nicht von innen, sondern von aussen wird manchmal das Haus entstellt; und geschieht es dort, so geht es nicht von denjenigen aus, welche über dasselbe gesetzt sind, sondern von Solchen, die sich eingedrungen und ein Recht der Aufsicht, das in seiner Anwendung oft mehr der Luft zum Verwüsten und Zerstören gleich kommt, sich angemaßt haben. Aber eben über diesem Beschauen, Forschen, Prüfen hat sich mir die Charitas genähert zu einer Zeit, da ich sie noch nicht einmal kannte. Verborgen und dennoch theilnehmend ist sie mir gefolgt, da ich's noch lange nicht zu ahnen vermochte. Sie hat meiner sich angenommen, ihre reinsten, zartesten, erquicklichsten Blüthen mir zugewendet unter Umständen, da ich sie noch nicht einmal zu würdigen, sie von ihm mangelhaften, des Gotteshauches entbehrenden Nachbilde noch nicht zu unterscheiden wußte. Sie hat in den Anempfehlungen so vieler Priester an Gott unter dem heiligen Meßopfer, in der Fürbitte verschiedener klösterlicher Communitäten beiderlei[384] Geschlechts, in den Gebeten so mancher Layen und größerer religiöser Vereinigungen, selbst in dem Flehen vieler Kinderstimmen, nachmals in Danksagungen von den Altären, mir unbewußt und erst in letzter Zeit zu meiner Kenntniß gelangt, mich umgeben, getragen, längst schon die geistigen Bande geflochten, durch welche alle wahren Gläubigen unter einander verbunden und geeinigt werden, dessen Gottesthat der Erlösung in ihrer Richtung zu den Menschen die vollkommenste Erscheinung der absoluten Liebe ist, nach des Heilandes eigenem Wort, das er im Evangelium Johannis III, 15 gesprochen.

Wollte man meinen, diese Memento's, diese Gebete, diese Seufzer wären hervorgegangen aus andern Beweggründen, als aus den heitersten, lautersten Regungen der Charitas? Etwa aus dem Wahn, die Kirche werde an mir einen Gewinn machen, meine Rückkehr in dieselbe könnte für sie, meiner äußern Verhältnisse wegen, von einigem Werth seyn, und was dergleichen Voraussetzungen mehr wären? Hiemit würde man den edelsten Gliedern derselben und zugleich Tausenden und Tausenden, die wenig Bedeutung haben in der Welt, nur dessen sich freuen, daß ihre Namen im Himmel angeschrieben sind, Etwas unterschieben, was doch ihre Liebe niemals zu trüben vermöchte, nie je in ihre Gedanken kommen konnte. Die Kirche sucht keine Parteigänger, sie kann keine solche suchen, sie bedarf ihrer nicht, denn sie ist keine Partei. »Sie bedarf, wie ich es anderwärts ausgesprochen, nicht der Menschen, wohl aber bedürfen die Menschen der Kirche. Wenn dieser Hunderte und wenn Tausende und aber Tausende zu ihr zurückkehren, so hat nicht sie, sondern haben diese von Gewinn zu sprechen. Würde aber die Mutter, wenn sie die Zahl anhänglicher Kinder sich mehren sieht, nicht für diese selbst sich freuen, alsdann wäre sie die treue, die mit allen Schätzen der Gnade ausgestattete Mutter nicht.« Es waren auch alle mündlichen, alle schriftlichen Glückwünsche, die mir nachher zugekommen sind, insgesammt der einstimmige Ausdruck dieser Charitas, die nur dessen sich freute, aus ihrer Verborgenheit vor mir endlich an das Licht[385] treten zu dürfen. Ferne blieb jeder andere Ton, der nur als Mißklang sich würde hineingemischt haben.

Ich will von manchen Zeugnissen, die ich als Beleg hiefür beibringen könnte, nur Nachstehendes aus einer Zuschrift anführen, die ich am letzten Tage Nov. 1844 von einem, mir längst befreundeten Mitgliede der Versammlung des Allerheiligsten Erlösers aus Alt-Oetting erhalten habe. »Das glücklichste Ereigniß für Sie, schrieb mir der würdige Mann, erfuhr ich zuerst in Wien, bei dem Nuntius Fürsten Altieri, wenige Tage, nachdem es geschehen war. Als Sie mir vor etwa sechs Jahren nach Belgien schrieben, so faßte ich den Entschluß, Sie täglich der ganz besondern Fürbitte der Gnadenmutter anzuempfehlen und beim heiligen Meßopfer täglich ein Memento für Sie einzulegen. Ich weiß, daß mehrere Priester am Rhein und an der Maas ein gleiches thaten.« (Daß es auch in andern Gegenden Deutschlands, hie und da in der Schweiz, selbst in Frankreich und Italien geschehen seye, ist mir nachher zur Kunde gekommen, gleichwie es fortwährend für diejenigen geschieht, die meinem Herzen am nächsten stehen). »Mich trieb dazu nicht nur die große Verehrung, die mir Ihr Innocenz eingeflößt, sondern auch Dankbarkeit. Denn, was Sie selbst vielleicht kaum gemüthmaß, ist dennoch wahr: daß nämlich Gott sich Ihrer ganz besonders bedient hat, um mich der Rückkehr zur Kirche zuzuwenden und mich dadurch der ganzen Gnadenfülle theilhaft zu machen, die an einen solchen Schritt geheftet ist. Daß Gott Ihnen die Erkenntniß von der Nothwendigkeit der Gemieinschaft mit der Lebensquelle alles Christenthums verleihen werde, daran zweifelte ich niemals.«

Dieß über die Charitas, als die unter allen Gestalten zum Vorschein kommende Lebensäusserung der wahren katholischen Kirche.
[386]

Ich wende mich wieder zu jenem Kreise, dem Born alles wahren, von Gott strömenden, zu Gott wieder sich wendenden Lichtes und Lebens.

Indem die Reformation herausgetreten ist aus diesem Kreise, hat sie nicht allein von demselben sich losgesagt, sondern zugleich, erst gegen sein Einwirken auf die innerhalb Verbliebenen, sodann selbst gegen dessen Daseyn Protest eingelegt. Erst hat sie mit aller ihrer damals noch übrigen Habe, sodann mit ihrer ganzen Zukunft ausserhalb desselben sich gestellt, und es von jeweiligem Standpunct und jeweiliger Bewegung abhängig gemacht, ob und wie viel von dem über seine Peripherie hinaus dringenden, durch diese aber gebrochenen Licht theils auf Einzelne, theils auf die besondern Gruppen noch fallen möge. Da haben die Einen in unsicherem Zwielicht sich gebahret, als sässen sie an dem vollen, heitern, ungetrübten Sonnenstrahl; Andere fanden sich behaglich in einem nebelhaften Schimmer, den sie als wahre, vollkommlich genügende Erleuchtung ausgegeben haben; viele sind zurückgewichen in die äusserste Finsterniß und haben von dorther versichern wollen, da nur lasse sich's recht ungestört und bequem und heiter sitzen; darin aber sind alle übereingekommen, daß der Lichtkreis nur ein Traumgebilde seye, welches kein gesicherteres Bestehen habe, als alle Phantasmata einer krankhaften Einbildungskraft, oder als die Vorspiegelungen eines befangenen Wahns, oder als die wohlberechneten Täuschungen der Gewandten und Pfiffigen.

Ihrer Stellung wegen sind sie um die Erkenntniß der Wahrheit, ihres Protestirens und Negirens wegen um den Glauben an das Daseyn der Wahrheit gekommen. Und da dieser zweifache Verlust die obersten Regionen des Geistes, die höchsten Manifestationen des Lebens berührte, mußte er natürlich auch nach unten sich erstrecken, und ebensowohl die Habe als die Habenden angreifen. So ist es denn gekommen, daß an die Stelle der Wahrheit, d.h. der Erkenntniß der Wahrheit und des Glaubens an eine selbstständige Wahrheit, der nackte Zweifel getreten ist, und Allem, nicht blos dem Wissen[387] als Object, sondern auch der Anwendung des Wissens auf die Erscheinungen und Zustände, der Zweifel sich angehängt, derselbe Wissen und Thun immer mehr durcharbeitet, darniedergezogen, an die Erde gekettet und zuletzt die tollsinnige Behauptung erzeugt hat, daß er nur die Quelle der Wahrheit seye, das Negative die Mutter des Positiven; womit man wieder zu der Trostlosigkeit des Arcesilaus, des Stifters der zweiten Schule der Akademiker, zurückgekehrt war.

Und in der That sehen wir in unsern Tagen alle Institutionen, alle Wissenschaften, alle Lebenserscheinungen, ja das Leben selbst durch den Zweifel untergraben, zerrissen, durchfurcht, und Alles dahin gediehen, daß derselbe, wie einst die Wahrheit es war, beinahe zum einzigen Factor der politischen, wissenschaftlichen, sittlichen und gesellschaftlichen Welt geworden ist, und für seine Organe eine unantastbarere Berechtigung in Anspruch genommen hat, als es je von der Wahrheit geschah. Er hat damit begonnen, daß er die göttliche Einsetzung der Kirche erst in Frage stellte, hierauf bestritt, zuletzt geradezu abläugnete. Mittelst dieser Operation schlich er sich von den Gebieten, auf denen er gezeugt und groß gezogen worden, auf diejenigen hinüber, die ihn lange noch ferne gehalten hatten. Er wußte schon, wo er aufmerksame Zuhörer, gelehrige Schüler finden würde. An diese wendete er sich, bei diesen fand er erst Gehör, hernach Aufmerksamkeit, sodann Zuneigung, endlich Beipflichtung; denn es winkte aus der Lehre mancher Vortheil und erfreulicher Gewinn. Obwohl nun die Zeiten nachwärts so gekommen sind, daß sie bedeutende Zweifel gegen die Wahrheit jenes Zweifels nicht allein aufgestellt, sondern eigentlich eingepaukt haben, so ist nun manchen Orts der sonderbare Zustand des Zweifels am Zweifel entstanden, ohne deßwegen noch der Wahrheit zum vollen Durchbruch verhelfen zu können.

Darauf hat der Zweifel in leichtem Uebergang an den Organismus der Staaten und an die bürgerlichen Einrichtungen sich gemacht, und zuerst deren Grundlage, bald darauf Alles, was über derselben sich erhob, angegriffen. Da mußte er seine[388] Zuhörer in andern Kreisen aufsuchen. Aber es fiel ihm ebensowenig schwer, solche für diese Modalität seiner Erscheinung zu finden, als für die erste. Dieselben waren ebenso gelehrig, als jene, und er sah deren Zahl von Tag zu Tag sich mehren. All dieses Herumfühlen nach zusagenderen Staats- und bürgerlichen Einrichtungen, all' dieses Constituiren, Modificiren, Organisiren, Reglementiren und Paragraphiren, worin wir uns gleichsam auf immerwährender Fluth und Ebbe in unsern Tagen herumgetrieben finden und nimmermehr den festen Boden, die sichernde und zusagende Gestaltung zu gewinnen vermögen, ist nichts Anderes, als die Frucht des Zweifels, oder der Zweifel selbst, welcher uns unfähig macht, die Wahrheit zu finden, weil unfähig, sie zu erkennen, weil unfähig, an deren Daseyn zu glauben.

Nach diesem ist er auf das Gebiet der individuellen Existenz und aller derselben sich anknüpfenden Bedingungen und Sonderthümlichkeiten übergegangen. Da hat er abermals ein weites Gefilde, einen empfänglichen Boden für seine Aussaat gefunden. In manchen Beziehungen ist diese bereits, hier dichter, dort sparsamer, aufgeschossen; und wenn anderwärts dieß minder der Fall war, so hofft er auf den Wind, der aus den vollen Halmen ihn weiter wehen wird, auf die Zugvögel, die entweder in ihrem Schnabel ihn über das Land tragen, oder in ihren Excrementen auf dasselbe fallen lassen, unbesorgt, daß günstige Witterung zu seinem Aufgehen nicht früher oder später eintreten dürfte. Er hat sich in der neuesten Zeit an das Letzte, an den individuellen Besitz und dessen Rechmässigkeit und Uebereinstimmung mit demjenigen, was er (in Frevel das Wort verkehrend) göttliche Ordnung nennt, gemacht, und hiefür nicht zu verachtende Anknüpfspuncte gefunden. Denn wenn es auch zur Zeit noch gelungen ist, den Uebergang dieser Gestaltung des Zweifels in eine wahrhafte und durchgreisende Thatsache für den Augenblick zu verhindern, so dürfen diejenigen, welche zur Abwehr auf diesem Gebiete die Hände sich zu reichen noch so geneigt, wenigstens berufen wären, der[389] Hoffnung entschiedener Erfolge gar nicht in stolzem Wahn sich hingeben, dieweil sie seinem Walten in andern Bereichen mit der höchsten Gleichgültigkeit lange genug zugesehen, ohne dabei zu ahnen, daß es ihm nicht schwer fallen werde, zu erneutem und verstärktem Angriffe Hülfskräfte im Verborgenen, und, so die Noth drängte, offen gerade aus jenen an sich zu ziehen. Ja dadurch, daß er den Bereich der staatlichen Einrichtungen sich dienstbar gemacht und durch alle Gesetzgebung in ihren weit ausreichenden Verzweigungen sich eingeschlichen, hat er für dem dringlichern Fall unerläßlicher Abwehr zum Voraus schon, wenn nicht den Willen gelähmt, so doch die Hände gebunden, und in den Rückerinnerungen, die er entgegenhalten kann, ein niederschmetterndes Wort zu seiner Hülfe sich aufbewahrt.

Dort hauptsächlich, in dem Gebieten des Wissens, hat er sich festgesetzt, diese hat er erobert, da vornemlich schreibt er Gesetz, Ordnung und Gang vor. Er hat die Theologie abgelöst von der Grundwurzel, also daß sie nicht mehr die Gottesgelahrtheit ist, das Wissen, in welchem Gott selbst uns lehrt, was er seye, in welchem Verhältniß zu uns er stehe, in welches wir zu ihm gesetzt seyen; nicht mehr die Lehre, wie wir nicht blos zur Erkenntniß Gottes, sondern zur Verbindung mit ihm gelangen können. Sie ist, von dem Zweifel durchdrungen und aufgetrieben, zum Aggregat menschlicher Speculationen geworden, welche keine absolute Wahrheit mehr zugeben, sondern derselben höchstens noch eine gleiche Möglichkeit neben dem einräumen, was sie erfunden und von heute auf morgen ausgebrütet. Und die Wissenschaft der Auslegung und Erklärung hat der Zweifel vollends von der Wahrheit hinweggeschoben; hier hat er es in Anspruch genommen und errungen, daß diese das Legalitäts-Zeugniß nur von ihm sich dürfe ausstellen lassen, wofür er dann, um ja nicht allzuoft darum angegangen und in seinem Herrschen beeinträchtigt zu werden, Formalitäten und Cautelen in reichem Maaße zu schaffen gewußt hat.

Die Rechtswissenschaft hat sich in den eigentlichsten Ausdruck[390] des Zweifels verwandelt, ist gleichsam aufgegangen in denselben und hat einen förmlichen Cultus des Zweifels in das Leben eingeführt. Sie ist aus einer Juris peritia, aus der auf positivem Grunde ruhenden Erfahrenheit in demjenigen, was Rechtens ist, in eine Juris prudentia hinübergezogen, aber nicht in die Prudentia, die nach Cicero in delectu rerum bonarura et umlarum erkannt wird, sondern in eine Prudentia, die sich selbst als Zweck setzt, und von diesem Standpunct aus urtheilt, was ihr zuträglich, was nicht. Damit, daß ihr der Begriff einer objectiven Wahrheit gänzlich entgangen ist, daß sie von Anerkennung derselben übermüthig sich losgesagt hat, ist ihr der Stoff, an welchem die Juris peritia ihre Anwendung finden konnte, unter den Händen zerronnen; ein solcher ist in letzter Beziehung für sie gar nicht mehr vorhanden, und so verläuft sich ihre Prudentia ganz in dem Schaffen von Formen und in dialektischer Spitzfindigkeit, um das Gewebe so künstlich anzulegen, als möglich. Hiedurch hat in so vielen Rechtsfällen der Stoff, über den sie walten, in das Accidens sich verkehren müssen, und ist zum Principale die Form erhoben worden; wer es dann am besten versteht und wem es am sichersten gelingt, diese mit zwingender Gewalt über jenen hinaufzustellen und jenen vor ihr möglichst zurückzudrängen, dem wird der Preis zuerkannt. Unter solchem Bestreben wird von der heutigen Rechtspflege das sittliche Moment nicht allein gar nicht mehr anerkannt, sondern als ein Fremdartiges, wo nicht gar Feindseliges, ausgeschieden. Welchen Einfluß aber dieses auf Menschen und Leben, auf Stellung und Verkehr, auf Glaube und Unglaube übe, hierüber liesse sich Vieles sprechen.

Auch die Arzneiwissenschaft findet sich durch den Zweifel unterjocht. Sie anerkennt als wahr nur, was sie betasten, zerlegen, der Einwirkung materieller Mittel unterwerfen kann. Damit ist sie in so Manchen ihrer Pfleger durchaus fleischlich geworden. Der Mensch erscheint ihnen bloß als eines der mannigfaltigen, wenn immerhin das vollendeteste, Gebilde der Körperwelt; sie betrachten ihn als ein Rechenexempel, dessen[391] allfällige Verstöße sie zu corrigiren haben, bis es von der Tafel rein ausgetilgt wird; sie nehmen ihn für eine Maschine und sich für Maschinisten, welche vorkommenden Störungen des Räderwerkes nachsehen und nachhelfen, bis das kunstreiche Gebilde unbrauchbar geworden, in seine Bestandtheile zerlegt wird, um als Rohstoff zu neuen Formen verwendet zu werden. Daher ihr ganzes Wissen zu einer Kunde des nackten Leibeslebens einschrumpft, zu dessen durchgehender Kenntniß Skalpell und Reagentien die untrüglichen, daher ausschließlich zureichenden Hülfsmittel sind, wobei das Psychische, wenn höchstens dieses noch anerkannt wird, seinen letzten Erscheinungsgrund doch nur in den Organen des Leibes finden darf; dieweil der Zweifel an den ungreifbaren und höhern Potenzen, die mit dem Mittelpunct in jenem Kreise in unmittelbarem Rapporte stehen, Anderes nicht aufkommen läßt.

Die Philosophie vollends! Sie hat den Zweifel zum Grundprincip erhoben und ihn zum fertigen System ausgebildet. Sie verläuft sich in dem umgekehrten Proceß, den die großen christlichen Denker der Vergangenheit eingehalten haben. Auch diese sind nicht zurückgebebt vor dem Zweifel, auch sie haben ihn verfolgt bis in seine subtilsten Verflechtungen, bis in sein lichtlosestes Dunkel; aber dann erst, nachdem sie der Wahrheit ein volles, kräftiges, unumwundenes Zeugniß gegeben, nachdem sie dieselbe mit dem Zweifel ausser alle Berührung gesetzt, gegen jede Anfechtung durch diesen sie aufs genügendste geschirmt hatten. Diese haben in reiner, ungemischter Objectivität denselben angeschaut, und ihm zu der eigenen, festgewahrten Ueberzeugung keine Beziehung gestattet. Jetzt ist die Stellung vertauscht, die Wahrheit wird dahin verwiesen, wo damals der Zweifel stund, und dieser wird behandelt, wie damals jene behandelt wurde. Noch darf sie ihre Danksagung erstatten, wenn ihr ein Recht zur Existenz ebensowohl zugestanden, wie für jenen postulirt wird.

Die Geschichte, an welche die Forderung der Wahrheit als unabweisliches Postulat sich anzuklammern scheint, und welche[392] durch ihre falschen wie durch ihre wahren Priester dieselbe als unverkümmertes Vermächtniß in Anspruch nimmt, hält dennoch durch so Manche ihrer Bearbeiter der Wahrheit den Zweifel als Schild mit dem Medusenhaupt entgegen. Nachdem die Lüge auf ihrem Gebiete breit und derb sich festgesetzt, und bei Jahrhunderten mit autokratorischem Ansehen über dasselbe gewaltet, Gesetz und Vorschrift gegeben und, daß hieran ihr Wille geschehe, in immerwährenden Erlassen kund und zu wissen gethan, hat es seit jüngster Zeit die Wahrheit angewandelt, zu meinen, dort gebührte eigentlich das Dominium ihr, und hat ihrerseits einige Satzungen aufzustellen begonnen. Da hat Jene alsbald ihren Getreuen, Edeln und Vesten, den Zweifel, aufgeboten, daß er sammt Knappen und Heergefolge, wohlbewehrt mit Roß und Harnisch erscheine und ausziehe gegen die Widerwärtige. Und er hat sich ausgemacht, nicht nur wider das, was diese gesetzt, sondern wider sie selbst, nicht bloß wider die Befugniß, die sie in Anspruch genommen, sondern wider diejenigen, welche ihr zu huldigen geneigt sind; er hat seine Redner alle, zusammt ihren Künsten, aufgeboten, daß sie in breitem Wortstrom es ihnen zur Kunde bringen: ihre Göttin seye eine Nebelgestalt, ein körperloser Schemen, weit entfernt von aller Realität.

Und in welchen Jammertönen klingt nicht der Zweifel durch die Poesie? Ihrer mehr als Einer hat ihn zum Substrat derselben gemacht. Sie haben ihn zum Pieridenquell geadelt, an dem sie sich tränken; er ist ihnen der Hybla, von dem die Honigbäche rieseln; er wird ihnen zum Gott, von dem sie in einer höchst seltsamen Art von Hochgefühl bekennen:


suadente calescimus illo.


Sie empfehlen, sie preisen, sie verherrlichen ihn, gleich als wär' er eine schaffende Macht, ein emporhebender Vorzug, eine der kostbarsten Anlagen des Geistes. Epos und Lyrik müssen das Strahlendiadem um seine Stirne binden, welches die innere Finsterniß, das verzweiflungsvolle Ringen, die trostlose Zerrissenheit[393] geflochten haben. Andere, die es noch nicht zur objectiven Huldigung gegen den Zweifel gebracht, aber seinem Einwirken auf ihre Subjectivität Thür und Thor geöffnet haben, tönen wenigstens ihr Von-Gott-Verlassenseyn, ihr in die ziellose Leere hinausschweifendes Sehnen, ihre unter dem Glutwind des Zweifels entstandene Dürre, ihr umherirrendes Suchen, ihr stolzes Darangeben jeglicher Hoffnung, das Zusammenbrechen jeder emporhebenden Stütze, den Verlust von Steuer und Compaß auf der unsichern Fahrt durch die Fluthen des Lebens in Weisen aus, welche mehr unheimliche Gefühle als wahres Mitleid wecken, mehr inneres Entsetzen als Wehmuth hervorrufen. Es ist der Kampf der Verzweiflung gegen ein Ungethüm, das hier in frevlem Uebermuth, dort in wildwüstem Leichtsinn herausgefordert worden ist, und gegen welches sie nur ihrer Ohnmacht, der Unzulänglichkeit ihrer Waffen, der schaurigen Zuversicht der Erfolglosigkeit sich bewußt werden. In enger Verbindung mit diesen Weisen der finstersten Trostlosigkeit, vielmehr bloß die der Welt, wie sie ist, zugekehrte Seite der heutigen Verzweiflungspoesie ist jene andere, die uns das innere Wühlen und Kochen und Zerarbeiten gegen die realen Zustände verräth, insofern noch Hüter von Schranke und Ordnung aus ihnen heraustreten. Da schäumt der Zweifel gegen den Willen, gegen die Möglichkeit, Befriedigung den Gemüthern zu gewähren, anders, als durch Auflösung in ein allgemeines Wirrsal. Da hören wir sie, sich in die Brust werfend, als erfreuten sie uns durch Gesang, stöhnen:


Vorwärts dann – bis über's Grab!

Vorwärts – ohne Wanken!

Jede Rücksicht werf' ich ab,

Satt hinfort der Schranken!

Rur das Kühnste bind' ich an

Meinen Simsonsfüchsen; –

Mit Kanonen auf dem Plan,

Nicht mit Schlüsselbüchsen.
[394]

Diese Vulkane der Jetztzeit, welche einem in wildem Gebrause sich bäumenden Titanengeschlecht, wahren Kindern der Tellus, »hinter dem Weinglas in der Krone« Waffen »gegen die Kronen« zusammensingen und mit schneidender Ironie ihr wirres Summen und Brausen und Toben, unter welchem Alles zusammenbrechen sollte, als »süßen Brei« bezeichnen, welcher das lechzende Menschengeschlecht sicherer laben würde, als Sitte, Ordnung und Gesetz, – sie ziehen vorüber gleich dämonischen Gestalten, welche die schwarze Fahne schwingen, auf die sie mit blutgetränktem Griffel das Wort »Zweifel« als Losungswort, als Laut der Einigung zur allgemeinen Zerrissenheit gezeichnet haben.

Das Leben selbst endlich, wie ist es nicht in seinen tiefsten Zuckungen angefressen von dem Zweifel? wie ringt es nicht mit demselben, ohne dessen giftige Schlangennatur zu erkennen, ohne Tüchtigkeit, seiner zusammenpressenden Umschlingungen sich erwehren, noch ihn selbst überwältigen zu können? Was ist das Mißtrauen, welches in unsern Tagen zu einer Triebkraft und zu einem Regulator der Gesellschaft geworden ist; was sind die Cautelen, mittelst deren man alle Aeusserungen des Lebens zu verbollwerken sich befleißt und befleissen muß; was ist jene Scheelsucht, welche neben der Eigensucht Quelle des allgemeinen Centralisirens mit seinen Reglementen, Verfügungen und Formularien geworden ist; was sind diese alle Anderes, als der Zweifel an der Kraft des selbstständigen Lebens, ja an dem Daseyn desselben, als die absolute Herrschaft des Zweifels, der die wahnstolzen Freyen als Fronknechte hinter sich herkeuchen laßt? Er hat gleich jenem zerstörenden Holzwurm das Leben in seinen edelsten Theilen angebohrt, Rinde und Mark desselben zernagt und, statt des durch alle Gliederungen strömenden Saftes, jenes trockene Mehl zurückgelassen, welches von der Zersetzung und dem Absterben Zeugniß giebt, wie auch die zeitweilig noch vorkommende Grüne zu widersprechen scheine.

Diesem Alles anfressenden, zernagenden und zerstörenden Zweifel tritt die Wahrheit entgegen, wie sie inmitten jenes Kreises[395] ewig, ungetrübt, unbeirrt thront und ihre Lichtfülle ausgießt über alle Stellen und Gruppen und Gebilde innerhalb des Kreises; und so wie die aussen Stehenden sich einfügen würden in denselben, müßte der Zweifel sich lösen und zerrinnen und zurückweichen in das Dunkel, aus dem er aufgestiegen, dieweil er seiner Natur nach vor der Wahrheit nicht bestehen mag. Dann würde die Kirche erkannt als diejenige, welche eigentlich den Kreis umsäumte und die, zurückstrahlend das Licht, welches der Mittelpunct auf sie ausströmt, mit den wahren, so wie äusserlichen, also vornehmlich auch innerlichen, Lebenselementen Alles durchdringe. Mit dem freyen und redlich willigen Zurücktreten in diesen Kreis würde auch der Staat das innere Gleichgewicht, das sichere Bestehen und das Wirken ohne Uebergriff oder Beschränkung, ohne künstlich angelegte Ränke oder zurückscheuchende Gewalt wieder finden. Dem individuellen Daseyn aber, dem bald vielfach zerrissenen, bald schwer gefährdeten, würden die verläßlichen, die bewährten, die sicher zur Genesung wieder führenden Heilmittel sich darbieten, wonach wohl das Bedürfniß sich aufdrängt, nicht aber die Fähigkeit, sie zu ermitteln, vorhanden ist. Die Gottesgelehrtheit würde wieder an denjenigen sich anknüpfen, ohne dessen Erkenntniß und Verehrung sie ein immerwährendes Herumtappen des Blinden ist, der über Allem, was ihm in die Hände fällt, sein »Gefunden« ausjubelt. Die Jurisprudenz würde es einsehen, daß sie Werth und Ansehen und segnende Einwirkung auf die Menschen nur dann gewönne, wenn der Strahl jenes Lichtes auch durch sie durchgienge, und daß in demselben den Dingen eine reellere Wahrheit zuständig seye, als ihren formellen Gebilden. Die Arzneiwissenschaft würde durch die tiefere Ueberzeugung von dem Leben, als ebenfalls jenem Mittelpuncte entquellend und in seiner höhern Erscheinung zu demselben zurückzielend und niemals mit ihm ausser Beziehung stehend, eine höhere Befähigung gewinnen, die Störungen seines Verlaufes zu heben. Diese Philosophie würde umgekehrt, wie die Theologie von der Mitte zum Umkreis sich erweitend, von dem Umkreis[396] zur Mitte streben. Die Geschichte dann würde die Begegnisse und Erscheinungen, statt nach dem Widerstreben gegen das wahre Licht, nach dem Maßstab würdigen, welchem gemäß sie in dasselbe hinein sich stellen. Die Poesie würde wieder eine gottesfreudige, mit dem Quell des Lebens und der Wahrheit geeinte, die himmlischen Accorde um den Thron der Majestät wiederhallende werden; und das gesammte Leben würde von anziehenden, verbindenden und bejahenden Kräften durchströmt sich fühlen, wo es jetzt nur allzusehr das Vorwalten der abstoßenden, trennenden und verneinenden zu beklagen hat.


Der erste Besuch in Frankfurt wurde ohne vorherige Absicht zur Veranlassung eines zweiten im folgenden May. Der Buchhändler Schmerber schien mir der geeignete Mann, um ihm meinen Sohn als Lehrherrn anzuvertrauen; eingezogene Erkundigungen bestätigten, was das erste Zusammentreffen mich hatte vermuthen lassen. Da ich einen besondern Werth darauf setze, Söhne in Städten unterzubringen, in welchen ich auf Freunde zählen durfte, und persönliche Einführung eines Kindes befriedigendern Erfolges versichert seyn kann, als bloß briefliche Empfehlung, so begleitete ich meinen Sohn dahin.

Unterwegs erneuerte ich die vorjährige Bekanntschaft mit dem Erzbischof von Freiburg, mit welchem ich damals in freundschaftliche Verdindung getreten war, die bis an seinen Tod fortdauerte. Während ich mit ihm in seinem Gartenhause saß, erlaubte ich mir manche freimüthige Bemerkung über den Stand der kirchlichen Angelegenheiten seines Erzsprengels. Gerade damals war das Treiben der sogenannten Synodiker in seinem schönsten Lauf. Es gehörte keine besondere Divinationsgabe dazu, um einzusehen, daß es diesem Volk nicht um Synoden, im Sinne der katholischen Kirche und zu dem Zwecke der Befestigung im Glauben, der Einigung in der Lehrer- und Hirtenpflicht, der Erneuerung der Kirchenzucht, der Beseitigung[397] vorhandener Uebelstände unter Layen und Klerus, sondern bloß um Einschwärzung des demokratischen Princips und manches Andern, was unvermeidliche Folge seiner Anerkennung seyn würde, in die Kirche zu thun wäre, die unter so merkwürdigem Treiben verlangten Synoden unausweichlich mit dem Zusammentritt zu ebendem werden, was in dem Bereich des Staates die zweite Kammer. Man würde gleissende Theorien aufstellen, um dadurch den vorlauten Theil des Volles zu berücken und zu ködern; Redner würden da ihren Tummelplatz suchen und finden und, um kirchliche Vorschrift und Sanction unbekümmert, wegstürmen, was ihnen unbequem oder beschwerlich fiele, zum Gesetz erlärmen Alles, wofür eine Majorität zusammenzurednern ihnen gelänge. Kann noch ein Zweifel hieran übrig bleiben, wenn man den Geist würdigt, der zu solchem Ungestüm antreibt? Dieser Form, welche so vielfältig an die Stelle der Juno eine Wolke schiebt und den Fürsten zum bloßen Figuranten herabwürdigt, schon auf dem Boden der Landesverwaltung wenig geneigt, hätte ich, auf die Leitung der katholischen Kirche angewendet, noch weit weniger das Wort reden können; durch sie würde das bisherige Verhältniß geradezu umgekehrt und jedes Gelüste bloß dadurch, daß es Einem über die Hälfte andemonstrirt und angebrüdert und angerumort werden könnte, zu einer wohlthätigen Vorkehrung gestempelt. Ich bemerkte daher dem Erzbischof, daß, sobald er solchem Ansinnen nicht allen Ernstes sich entgegenstemme, der Tag des Zusammentrittes einer derartigen Synode zugleich derjenige des Erlöschens seiner Rechte und seiner Würde könnte genannt werden, diese bloß noch auf das Pontificiren und einige andere kirchliche Functionen sich beschränken, er unfehlbar zu den Ketten des Staats noch die Stricke der radicalen Geistlichen würde zu tragen haben. Der Erzbischof pflichtete mir unbebingt bei. Aber von der Stellung des Vorstehers der Kirche eines protestantischen Ländchens, und dazu noch einer Republik heutzutägigen Schlages, scheint er keinen rechten Begriff gehabt, dieselbe wirksamer sich gedacht zu haben, als sie je war. Denn als[398] zwei Jahre später diese Synodiker das Bierhaus zur schwarzen Straußfeder in Schaffhausen abermals zur Capelle für ihr Conciliabulum ausersehen hatten, wendete er sich an mich, in Voraussetzung, es würde mir möglich seyn, Solches zu verhindern.

Von Freiburg war dem Hrn. Domherrn Räß, so wie dem jetzigen Bischof von Speier und dessen Vorgänger, dem nunmehrigen Hrn. Erzbischof von Cöln, ein Besuch zugedacht. Ich erwähne dessen, da nirgends so anschaulich, weil in die Zeit weniger Stunden zusammengedrängt, die Gegensätze zwischen dem lebendigen, freyen und geistreichen Verkehr mit den vielseitig ausgebildeten höhern katholischen Geistlichen und der beengenden Berührung mit Pietisten mir vor Augen trat. Ein Mittagmahl bei dem damaligen Domdechanten Hrn. Dr. Weiß, dem auch der Bischof, Hr. von Geissel, beiwohnte, war eigentlich ein Symposion im Sinne der Alten, gewürzt durch die belebteste Unterhaltung über kirchliche Verhältnisse, politische Zustände, literarische Erscheinungen, über Alles aus jeglichem Gebiete der Gegenwart und der Vergangenheit, was den Geist anregen kann, hiebei die Obsorge um des Leibes Nothdurft nur als Vehikel betrachtet, um jene Gaben gegenseitig sich darzubieten. Jedes Gastmahl hat dann nur Werth, wenn es zum geistigen Kränzchen wird, bei dem keiner der Gäste ohne Festgabe erscheinen darf. So war dieß hier der Fall.

Kaum in meinen Gasthof zurückgekehrt und schon zur Abreise bereit, erstattete mir ein königlicher Beamteter den Besuch, welchen ich ihm des Vormittags hatte machen wollen, und überredete mich, Speyer ja nicht zu verlassen, bevor ich einen der ersten dortigen protestantischen Geistlichen noch gesprochen hätte. Ich kannte denselben aus öffentlichen Berichten als einen rüstigen Kämpfer für die Rechtgläubigkeit, jenem seichten und verfaulten Rationalismus gegenüber, der in Rheinbayern seit langem schon Feldgeschrei und Marschroute von Heidelberg her sich geben ließ. Insofern willigte ich gerne in den Vorschlag ein. Aber in welch' eine ganz andere Athmosphäre, als eine Stunde zuvor, fand ich mich jetzt versetzt! Gleichsam von der[399] Höhe eines sonnigen Berggipfels, auf welchem Blumen sich wiegen, um den erfrischende Lüfte säuseln, in die dumpfe Schwüle einer eingeschlossenen Niederung! Da rückte von zwei Seiten der beengende Pietismus mit seinen Traktätleins und Missionsvereinen und Bibelfesten und allem langweiligen Baslerkram gegen mich heran, so daß ich mich leibhaftig in der Lage von Hiobs armem Sünder befand, der auf Tausende nicht Eines antworten kann. Kein freyer Gedanke, kein Flug in die heitern Räume des Wissens; eitel Gewimmer, und doch nicht die milde, treuherzige, in Gott sich wiegende Einfalt der alten Asketik! Ich war froh, daß Pferde und Wagen bereit standen und ich raschen Laufes aus der drückenden Lage heraus mich bewegen konnte.

In Frankfurt selbst erweiterte sich der Kreis werther Bekanntschaften. Folgereich war die Einführung bei dem Bundestagspräsidenten, dem Hrn. Grafen von Münch-Bellinghausen, indem ich durch dessen Vermittlung Sr. Durchlaucht, dem Hrn. Fürsten von Metternich, bekannt wurde.


Dieß zum Theil, die Hoffnung, dem rühmgekrönten Veteranen der europäischen Staatsmänner persönlich mich vorstellen zu können, neben dem Wunsch, wenigstens die Vorhalle von Italien und die großartigen Festlichkeiten der lombardischen Königskrönung zu sehen, ward Veranlassung, in dem Herbst des gleichen Jahres nach Mailand zu gehen. Hier ward mir die Ehre zu Theil, erst dem Hrn. Erzherzog Johann, sodann dem großen Lenker der europäischen Politik meine Aufwartung machen zu dürfen.

Wieder ward diese Reise der Keim zu einer folgenden, durch die ich, ohne dessen auch nur die leiseste Vorahnung, noch weniger hiezu den Willen haben zu können, bem Ziele, zu dem ich geführt werden sollte, ohne alles eigene Vorbedenken, daher ohne eigenen Willen, um einen bedeutenden Schritt näher[400] gebracht wurde. Ich lernte nämlich zu Mailand in den Vorzimmern seiner kaiserlichen Hoheit, des Hrn. Erzherzogs Johann, dessen Adjutanten, Hrn. Major von Frossard, als schweizerischen Landsmann kennen. Die Unterhaltung wendete sich, neben manchem Andern, auf die k. k. Ingenieur-Akademie, über deren Einrichtung und Zweck ich von Hrn. von Frossard, als deren ehemaligem Zögling, Vieles vernahm, was meine Aufmerksamkeit auf sich zog und später das Vorhaben reiste, bei Sr. kaiserlichen Hoheit um die Gnade nachzukommen, meinen zweiten Sohn in dieselbe aufnehmen zu wollen. Da meine Bitte huldreich gewahrt ward, durfte ich den fünfzehnjährigen Knaben die weite Reise nicht ohne Geleite vornehmen lassen; hiebei war der Anlaß, die Kaiserstadt, so Vieles, was auf dem Wege dahin Sehenswerthes sich darbietet, zu besuchen, allzulockend, als daß ich denselben ungenützt hätte sollen vorüber gehen lassen.

Ich war nicht mehr ganz unbekannt; da und dort hätte die Geschichte Innocenzens des Dritten mir zur Empfehlung gedient, freundliche Aufnahme bereitet; mehr aber noch that für mich abermal ein schweizerischer Landsmann, Hr. Meinrad Kälin, Prior des Benedictiner-Stifts zu St. Stephan in Augsburg, durch empfehlende Briefe in alle berühmten Abteyen Oesterreichs, an welchen der Weg mich vorüber führte. Ich habe in diesen Abteyen viel Schönes und Merkwürdiges gesehen, manchen kenntnißreichen und verdienten Mann kennen gelernt, in wissenschaftlichem Umgang und freundlichem Verkehr schöne Tage verlebt. Das Resultat meiner Wahrnehmungen und Erlebnisse auf dieser Reise wurde unmittelbar nach meiner Rückkehr niedergeschrieben und unter dem Titel: »Ausflug nach Wien und Preßburg,« in zwei Banden veröffentlicht.

Sollte man es glauben können, daß hernach ein Vorwurf gegen mich daraus wollte abgeleitet werden, nicht nur, daß ich im Vorübergehen so manche Klöster besucht hätte, sondern selbst, daß ich nach Wien und überhaupt in ein katholisches Land gegangen seye? Und dennoch geschah dieses, ungeachtet, wie ich[401] anderwärts gesagt habe, »männiglich wissen konnte, daß die Veranlaßung zu dieser Reise (wie zu andern) weder in Calw zu suchen, noch in Treuenbriezen zu erreichen gewesen wäre.« Aber freilich, wer Andere überreden will: die katholischen Geistlichen seyen nach dem Essen ganz anders als während des »Essens, denn alsdann trete die Polemik mit ihrer ganzen Unduldsamkeit hervor,« demjenigen ist es nicht zu verargen, wenn er in dergleichen Besuchen Verdacht wittert. Hätte aber nicht auch hier wieder ein sehr bescheidenes Maaß von Ueberlegung und richtiger Beurtheilung es natürlich finden sollen, daß Einer, der als Dilettant in der Wissenschaft gelten mag, eher werthvolle und mit vielem Merkwürdigem ausgestattete Bibliotheken und andere Sammlungen und Männer, die mit ihm auf dem gleichen Gebiete sich ergehen, aufsuche, als hundert andere Dinge, denen er kein Interesse abgewinnen kann, oder bei deren Anblick er gleichgültig und fremd sich findet?

Man hat sich zwar wohl gehütet, Dergleichen in meiner Gegenwart alsbald durchblicken zu lassen; vor Andern glaubte man sich weniger Zwang anthun zu dürfen. Gewiß aber wird es Niemand befremden, daß ich, zumal bei der offenkundigen und selbst unabweislichen Veranlassung zu einer solchen Reise, Jenes nicht einmal zu ahnen vermochte, daher im Kundgeben der mancherlei erfreuenden Eindrücke, die ich von so vielen Männern und so manchen Gegenständen zurückgebracht hatte, keinen Zwang mir auferlegte. Hätte ich nicht in meiner gutmüthigen Unbefangenheit und stets bewährten Offenheit die festeste Zuversicht haben dürfen, mit Allem, was ich gesehen, erlebt, besprochen, mit dem, was ich zu bemerken Veranlassung gefunden, selbst vor der gallsüchtigen Kriteley zu bestehen, ich würde schwerlich mit solcher Rückhaltslosigkeit über Alles mich geäussert, Alles mitgetheilt haben. Wer Ursache hat, dieses zu verhüten, der schweigt, selbst wenn er zum Reden aufgefordert würde. Hatte derjenige so Unrecht, welcher seiner Zeit mich beklagte, daß ich alle »Unbilden eines neuen Abdera« zu tragen[402] gehabt hätte? Doch auch dieses hat zur Zeitigung der segnenden Frucht beigetragen, darum jetzt dessen sich zu freuen ist.


Indeß finde ich hier Veranlassung, eine, während mancher Jahre gemachte Erfahrung im Vorübergehen wenigstens zu berühren. Von dem Jahr 1837 an trat ich in Deutschland, Frankreich und zuletzt in Italien mit vielen katholischen Geistlichen jedes Ranges in gesellschaftlichen Verkehr; aber nie und nirgends kamen Religionsdifferenzen zur Sprache, nie und nirgends wurde ein Anwurf gemacht, als dürfte ich mich leicht in der katholischen Kirche zurecht finden, ihr vielleicht näher stehen, als ich wohl selbst glauben möchte. Der einzige Cardinal-Bischof von Mailand ließ einst eine solche Bemerkung fallen, doch nur flüchtig, selbst ohne großes Gewicht darauf zu legen. Wurde auch niemals verhehlt, daß die Geschichte Innocenzens des Dritten allen wahren Katholiken höchst willkomm gewesen seye, daß Keiner, der dieser Kirche angehöre, den großen Papst gegen die langst landläufig gewordenen Entstellungen, Verdrehungen und Verunglimpfungen besser hätte rechtfertigen können, als dieß durch mich geschehen seye, so beschränkte sich hierauf Alles. Und ich gestehe, daß diese zarte Schonung (worauf ich später zurückkömmen werde) von mir stets gewürdigt, neben tiefern Gründen zu Anerkennung der mir klar gewordenen Wahrheit für mich zu nicht geringem Gewicht geworden ist. Wollte man auch annehmen, bis zum Jahr 1841 hätte meine öffentliche Stellung etwelche Zurückhaltung geboten, so fiel diese mit jenem Jahre weg. Die freundlichen Beziehungen zu manchen Geistlichen des obersten Ranges verminderten sich nicht, gegentheils sie wurden zahlreicher, aber auch das Benehmen veränderte sich nicht, höchstens gaben sie etwa in allgemeinem Ausdruck der Wunsch zu vernehmen: Gottes Gnade möchte mich doch vollends erleuchten, um die Wahrheit in ihrem umfangsreichsten Lichte zu erkennen; nie aber ward eine förmliche Aufforderung[403] auch selbst da nicht gemacht, wo längerer Umgang etwelche Vertraulichkeit herbeigeführt hatte. So bin ich mit dem jetzigen Herrn Cardinal de Angelis während seines zehnjährigen Aufenthaltes in der Schweiz als Nuntius öfters zusammengekommen, in ununterbrochenem Briefwechsel mit demselben gestanden; er wußte, daß das unterdrückte Recht an mir seinen beharrlichen Verfechter finde; aber niemals hat er jene Saite berührt, niemals es versucht, meinem Willen eine Richtung zu geben. Der Eifer, mit welchem der Bischof von Nancy vor wenigen Jahren für den Ankauf und die Erziehung von Chinesenkindern zu wirken suchte, ergriff mich so, daß ich zur Verwendung in Deutschland ihm mich anerbot. Er nahm das Anerbieten mit der größten Freude an, ohne, wozu sich hierin so bequeme Gelegenheit dargeboten hätte, einen Wunsch oder eine Zumuthung in Betreff meiner Person daran zu knüpfen, ja auch nur von ferne die kirchliche Differenz zu berühren. Und wie vielfältig bin ich nicht mit den Herrn Prälaten von Einsiedeln, Muri, Rheinau, vielen andern Weltgeistlichen und Religiosen jedes Ranges und jedes Ordens zusammen gekommen? Niemals ist Derartiges weder in offenem Wort, noch nur in leiser Anspielung zur Sprache gekommen. Auf meiner Reise nach Rom brachte ich noch einen vollen Tag in Einsiedeln zu; ich bin überzeugt, daß der Herr Prälat den heissen Wunsch in sich trug, es möchte erfolgen, was erfolgt ist; es hätte sich bei Uebergabe einer dem Oberhaupt der Kirche einzureichenden Bittschrift der bequemste Anlaß zu etwelchen Andeutungen auf die Rückkehr in dieselbe dargeboten, aber es geschah nicht. Der mir so theure Prior der Carthäuser zu Ittingen hatte in seiner warmen Theilnahme an meinem allseitigen Wohlergehen den Erfolg meiner Reise nach Rom vielleicht geahnet, jedenfalls um Gebete hiefür gesorgt, doch ohne vor meiner Rückkehr von allem dem nur das Mindeste verlauten zu lassen, ungeachtet er am Vorabend meiner Abreise noch gekommen war, mir ein herzliches Lebewohl zu sagen. – Diese überall mir begegnende Discretion hatte größern Werth für mich, als die aus dem reinsten[404] Wohlwollen hervorgehenden Versuche, mich zu bewegen oder zu bestimmen, würden gehabt haben. Da darf ich mit der reinsten Wahrheit alle Vermuthungen und Verdächtigungen, wozu die Unkenntniß der Personen so geneigt ist, für Traumbilder einer irregeleiteten Einbildungskraft erklären.

Dagegen, wie oft ich zwar im Verkehr mit Geistlichen jeder Rangstufe über die Verfassung, das Regiment, die Justitutionen, die Stellung der Kirche gesprochen habe, enthielt ich mich doch immer aller Theilnahme an äussern Gebräuchen. War mir das Kreuzzeichen, als unablässig in das Leben sich verflechtende Erinnerung an die in Christo erschienene Gnade, stets theuer und war ich von Jahren her gewohnt, mit demselben mich niederzulegen und von meinem Lager zu erheben, und beseufzte ich manchmal in meinem Innersten den protestantischen Kreuzeshaß, der das Zeichen des Heils nur da duldet, wo es der Eitelkeit fröhnt, so wird doch kein katholischer Geistlicher sagen können, daß er je in seiner Gegenwart, weder bei dem Eintritt in eine Kirche, noch vor Beginn oder am Ende eines Mahles gesehen habe, daß ich mit solchem mich bezeichnet hätte. Die Sache selbst war mir zu heilig, und die Achtung vor der eigenen Person stand, wenn man will, bei mir zu hoch, als daß ich mich je zu Etwas hätte verstehen können, wovon die Vermuthung so nahe gelegen wäre, es geschehe einzig, um den Menschen zu gefallen, oder bloß des Scheines wegen. Das sind schwache Seelen, welche nicht ahnen, daß man ein Kreuz machen könne, ohne die Hand zu bewegen und das mea culpa bei der Messe sprechen, ohne an die Brust zu schlagen. Wohl bin ich selten an einem Kreuz am Wege vorübergefahren, ohne demselben meine Ehrerbietung zu bezeugen Aber, wer hat es gesehen? Muß man denn, um Solches zu thun, gerade den Hut abnehmen? Doch läßt sich ebenfalls fragen: wäre ein protestantischer Geistlicher deßwegen weniger würdig und tüchtig, weil ihn sein Inneres mahnte, das Kreuz, in Erinnerung an denjenigen, der das Heil daran bewirkt hat, zu ehren? Wenn die Masse mit weniger durchkommen kann, Glück auf[405] den Weg! Derjenige, der sein Mehr weder dem Andern entrreißt, noch aufdringt, dürfte doch immer nebenher und selbst voran laufen mögen.


Wie bereits angedeutet, die verschiedenen Reisen, seit jener nach Göttingen, standen in einem unzertrennlichen Zusammenhange. Ohne nach Göttingen zu gehen, wäre ich schwerlich nach Frankfurt, ohne dieß nicht nach Mailand, und ohne den Besuch in Mailand nicht nach Wien gekommen; welch letzteres auf die nachmaligen Ereignisse nicht ohne wesentlichen Einfluß blieb. Gerade dieser innere Zusammenhang des in seiner Vereinzelung zufällig Scheinenden bildet eine der Strecken, durch welche der Lebenspfad sich zog, und worüber erst nachher von dem (damals noch fernen) Ziele aus, das wahre Licht sich verbreitete. Jarke sagte es mir im Herbst 1839 voraus, ich würde nicht mehr lange in Ruhe bleiben. Er hatte die Erfahrung, die tiefere Weltbeobachtung für sich, ich meine Unbefangenheit, mein Bewußtseyn, meine bessere Meinung von den Menschen. Ich lachte über seine Besorgniß, und je mehr ich lachte, desto ernster nahm er es, und desto unbelehrbarer kam er mir vor. Der Richterspruch, der zwischen beiden entschied, ließ nicht lange auf sich warten. In Erinnerung an die kurz zuvor zwischen uns statt gefundenen Erörterung deutete ich ihm den Beginn des bald nachher gegen mich ausgebrochenen Sturmes mit den Worten des alten Kaunitz an den Kaiser Joseph an: »Sie haben dennoch geschossen;« denn von der Unwahrscheinlichkeit, daß seine Vorhersage je könnte in Erfüllung gehen, war ich noch fester durchdrungen, als jener von der Ruhe der Holländer, mit der sie dem Lauf seiner Schiffe zur Schelde hinaus ins Weltmeer zusehen würden.
[406]

Denn eben am Anfang des gleichen Jahres, in welchem ich Wien besuchte, hatte ich in jenem vermeintlichen Bewußtseyn, den Anforderungen meiner Stelle nach allen Beziehungen zu genügen; voll Eifers, zu Allem, was meinen Mitbürgern nützlich und gemeinsamem Wohl förderlich seyn könnte, redlich mitzuwirken; in gutmüthiger Voraussetzung, durch alle Arten von Dienstleistungen und durch immer sich gleich bleibendes offenes, zutrauliches und entgegenkommendes Benehmen auf die Achtung, das Wohlwollen und das Vertrauen der Geistlichen zählen zu dürfen; hiebei dann befriedigt sowohl durch meine öffentliche Thätigkeit, als durch die persönlichen Verhältnisse, in denen ich mich befand, den Antrag eines Ministers, der in einem der ansehnlichsten unter den deutschen Staaten eine ehrenvolle Stellung mir anbieten ließ, vornehmlich unter Berufung auf alle jene Verhältnisse und Voraussetzungen, von der Hand gewiesen. Ebenso unberücksichtigt blieb der Wink, welchen ein auswärtiger Gesandter mittelbar mir zugehen ließ: ich würde sammt den Meinigen mit offenen Armen in den Staaten seines Herrn empfangen werden und alle Fürsorge finden, wobei jedoch Rückkehr in die katholische Kirche erstes Bedingniß gewesen wäre. Meine politischen Ansichten, meine geschichtlichen Versuche, meine Verwendungen im Bereiche des Rechts und meine Gesinnungen in Bezug auf die katholische Kirche, die von denjenigen der meisten meiner Confessionsverwandten wesentlich abwichen, mochten denselben zu der Vermuthung gebracht haben, ich könnte zu dieser Rückkehr leichter mich entschließen, als es damals noch der Fall gewesen wäre.

Hienach dürften jene, mit der breitesten Leichtfertigkeit ausgesprochenen Vermuthungen ihre Berichtigungen finden, als gehörte ich förmlich der katholischen Kirche an, ohne für gut zu finden, dieses äusserlich zu zeigen; jene Besorgnisse, als brächte ich der Anerkennung von Verschiedenem, worüber ich allerdings das landläufige Urtheil nicht theilen konnte, die Interessen, die ich zu wahren hätte, zum Opfer. Hieraus ließe zugleich ermessen, ob für mich die Rückkehr in die Kirche zur[407] Sache eines Vertrages, zum Gegengewicht für irgend einen dargebotenen weltlichen Vortheil je hätte herabgewürdigt, überhaupt als ein Wechsel angesehen werden können, welcher ebenso leicht auszuführen als zu unterlassen seye, als eine Sache, zu der man sich so eilends bequemen möge, wie zum Umtausch eines abgetragenen Rockes an einen neuen. Hienach mögen auch jene allzeitfertigen Urtheilsprecher, die in dem Innern des Menschen wie in einem aufgeschlagenen Buch lesen zu können wähnen, sich selbst fragen: ob derjenige, der bereits im Verborgenen in einer Verbindung stünde, zu der er sich wegen gemeiner Nebenabsichten vor den Menschen nicht bekennen möchte, gegen offene Erklärung wohl sich sträuben würde, sobald er sich in den Fall gesetzt sähe, auf jene nicht nur keine Rücksicht mehr nehmen zu müssen, sondern dadurch selbst noch irgend einen äussern Vortheil davon zu tragen? Auch die Frage mögen sie sich vorlegen: ob das Bekenntniß endlich gewonnener Ueberzeugung deßwegen weniger Werth habe, weil es frei von allem Hinblick auf zeitliche Verhältnisse erfolgt, als wenn es zur leicht dargebrachten Dareingabe gegen diese umgewandelt worden wäre? Wer in freyem Willen das, was Hunderte locken könnte und Tausende fesselt, ausschlägt, und in ebenso freyem Willen das, wofür ebensoviele Andere zu gar mancherlei sich verstehen würden, und, wie tägliche Erfahrung lehrt, wirklich sich verstehen, von sich wirst, der mag wohl mit der ruhigsten Fassung das wurmfräßige Gerede der Menschen über sich ergehen lassen.


In eben dieses Jahr, in welchem die Reise nach Wien unternommen wurde, fiel die Berufung Straußens nach Zürich. Unmittelbar zwar berührte dieselbe weder unsern Canton, noch weniger mich. Allein bei der nahen Verbindung Schaffhausens mit Zürich, bei dem Einfluß, welchen die dort vorherrschenden Gesinnungen und getroffenen Maßregeln auf unsere Zustände[408] stets, seit der letzten Revolution aber in vermehrtem Maaße, übten, bei dem entscheidenden Schritt, welchen hiemit der Radicalismus seinem Endziel entgegen wagte, konnte der Gang dieser Sache weder im allgemeinen mit gleichgültigem Auge betrachtet, noch weniger von mir die vielseitige Bedeutung dieses Wagnisses unberücksichtigt bleiben. Der entschiedene Unwille, welchen dasselbe nach seiner christlichen, kirchlichen und theologischen Seite bei der hiesigen Geistlichkeit hervorrief, fand seinen vollen Wiederhall in mir, verstärkt durch die Ueberzeugung, daß die politisch und social zersetzenden Tendenzen hiemit ihren Scheitelpunct erreichen müßten, indem durch die Straußischen Bestrebungen das bereits manchen Orts und in manchen Individuen hinweggenommene letzte Reagens gegen eine allgemeine Auflösung planmässig, daher in möglichst weiter Ausdehnung, allgemach müßte vollends beseitigt werden. Die Berufenden und deren bisheriges Walten auf dem politischen und bürgerlichen Boden ins Auge fassend, überzeugte ich mich bald, daß in Strauß nicht eine der manchartig protestantischen Richtungen, nicht die vermeinte Wissenschaft, mit deren Trugbild der Mythologe sich zu umhüllen suchte, nicht die seine Gesittung, die als empfehlende Seite den Widersachern, und in mehr als lächerlicher Phantasterei sogar den Widersacherinnen wollte entgegengehalten werden, sondern daß in ihm eitel nichts als die nackt auftretende Negation seye berufen worden. Es war mir daher sehr erwünscht, der erfreulich ausgesprochenen Gesinnung der Geistlichkeit durch Ausfertigung eines Theilnahme bezeugenden und ermunternden Schreibens an diejenige von Zürich entgegen kommen zu können14. Dennoch war man des ächt christlichen Ausdruckes und selbst der Formen, die nothwendig in diesen verwachsen seyn müssen, so sehr entwöhnt, daß man der[409] Zuschrift durch die Bemerkung, sie seye in mittelalterlichem Ton geschrieben, irgend Etwas anhängen zu können glaubte.


Konnte ich auch in den vornehmsten Urhebern der Reformation jene angebliche Erleuchtung, jene erhabene Intelligenz und jenen unantastbaren sittlichen Werth, mit denen man sie zu wahren Heroen des Menschengeschlechts erheben möchte, in dem gewöhnlich postulirten Maaße nicht finden, dieweil meine Augen für die Kehrseite ebenfalls offen waren; konnte ich der so vielfach angerühmten tadelfreyesten Lauterkeit der Motive zu derselben, und der Mittel zu ihrer Durchführung, wo so viele unverwerfliche Zeugnisse laut das Gegentheil beurkundeten, nicht beipflichten; konnte ich dem Gerede, erst mit ihr seye das so schmählich verunstaltete Christenthum wieder in seiner Reinheit dargestellt und aus dem Wust von Anfügseln, unter denen es begraben gewesen, wieder hervorgezogen worden, niemals mich anschliessen, weil Beweise aus der ältern und die Zustände der neuesten Zeit dagegen sprachen; konnte ich überhaupt aus politischen, kirchlichen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Gründen in das schallende Frohlocken über jene Erfolge zu keiner Zeit einstimmen: so war nun doch die Glaubenstrennung vorhanden, schien sie mir durch den Bestand von drei Jahrhunderten für diejenigen Länder, die ihr den Eingang eröffnet, sich legitimirt zu haben, und war sie hiemit zu derjenigen Form geworden, unter welcher das Christenthum auch in unserm Ländchen sollte anerkannt und erhalten werden. Demnach erkannte ich als meine Aufgabe: dahin zu wirken, daß unvermindert dasjenige wenigstens noch bewahrt werde, was jene an ächt Christlichem behalten hatte, somit das Voranschreiten des übrig gebliebenen Positiven in das absolute Nichts aus allen Kräften abzuwehren. Hierüber habe ich mit dem Ausdruck der treuesten Wahrheit zu jener Zeit folgendermassen erklärt: »Dem Antistes Hurter waren die katholische und die protestantische[410] Kirche von jeher zwei unermeßliche Thatsachen, die nun einmal bestanden; zwei Gebiete mit scharf gezogenen Gränzen, innerhalb deren auf jedem eine eigene Reichsverfassung, ein eigenes Recht, eine eigene Gestaltung hervortrat. Er nahm jede dieser Gestaltungen als etwas Gegebenes, als einen legitimen Zustand, und als revolutionär galt ihm auf jedem Boden derjenige, der zunächst die gemeinsamen Fundamente untergraben, sodann derjenige, welcher die Rechte deterioriren, die Verfassung zerstören, die Gestaltungen zertrümmern wollte. Als Protestant konnte es ihm so wenig einfallen, die katholische Kirche als eine Usurpation zu betrachten [an pietistischen Schwindlern und rationalistischen Flachköpfen, welche selbst so weit sich versteigen möchten, fehlt es auch heutzutage nicht], so wenig es ihm als Schweizer einfallen kann, das Recht des allerhöchsten Erzhauses an Oesterreich und seine übrigen Länder deßwegen für eine Ursurpation zu halten, weil die Schweiz dem größern Theil nach von demselben sich emancipirt hat.«

Ueberhaupt lassen diejenigen, welche außerhalb der katholischen Kirche stehen, jeden Augenblick auf einer höchst seltsamen Inconsequenz sich ertappen. Vermöge des eingeräumten Rechtes der freyen Forschung finden sie es gar nicht so auffallend, wenn der Eine die Uranfänge des Christenthums und ihre Bedeutung als historische Thatsache anzweifelt, der Andere seinen Stifter jeder höhern Bedeutung entkleidet, welche die heiligen Urkunden ihm beilegen, und der Dritte die Lehre selbst auf einen höchst abgemagerten Deismus zurückführt, ja Viele erkennen hierin vorzugsweise das Kriterium einer richtigen Auffassung der Reformation. Der freyeste Spielraum wird hierüber Jedem unbedenklich eingeräumt. Dagegen wird die starreste Blindgläubigkeit in Bezug auf den Werth, auf die Beweggründe und auf die Umstände der kirchlichen Umwälzung gefordert. Indeß jeder andere Zweifel unbedingt gestattet ist, soll hiegegen auch nicht das leiseste Bedenken laut werden, keinerlei Einwendung sich erheben; es brausen alsbald die verschiedenartigsten Stimmen wider derartigen Frevel durcheinander. Hierüber darf die Fackel der Kritik[411] nicht leuchten; hier soll die Vernunft sich gefangen geben; hier wird ein individuelles Urtheil Niemanden gestattet. Sollte hinter der Forderung, unter das einmal Normirte ohn' alle Widerrede sich zu beugen, die Ahnung lauern, zu welch' mißlichen Resultaten unbefugtes Nachforschen auf diesem Felde unfehlbar führen müßte?

Ich hatte aber in meinem Werke über Innocenz die Lehre von dem Papst gar nicht von ihrer dogmatischen, sondern blos von ihrer historischen, politischen und rechtlichen Seite aufgefaßt, indem ich darüber sagte: »Ob sich dessen Bestehen durch Aussprüche der heil. Schrift rechtfertigen lasse, oder ob sich dasselbe aus dem Wesen der christlichen Kirche, als einer tiefer, denn eine blos philosophische Secte, begründeten Gemeinschaft, gleichsam nach einer Naturnothwendigkeit herausgebildet habe, ist für den Geschichtschreiber, der vielmehr die Größe, den Umfang und den durchgreifenden Einfluß dieser, Jahrhunderte durch das Menschengeschlecht bewegenden Thatsache in's Auge faßt, gleichgültig.« – Dieser letztere Standpunct war es vorzugsweise, auf den ich mich gestellt hatte, wenn gleich die Auslegung derjenigen Aussprüche, aus welchen der Primat Petri abgeleitet wird, mir mehr für Bejahung als für Verneinung des Erstern zu sprechen schienen. Ich hatte mich aber mit der Prüfung der beidseitigen Gründe in Betreff dieser Frage niemals ernstlich befaßt, daher mir von Hrn. von St. Cheron die Bemerkung müssen gefallen lassen: »Diese Unentschiedenheit seye blos aus Schonung gegen meine Confessionsverwandten hervorgegangen; denn, obwohl von modernen Geschichtschreibern oft angewendet, seye die Indifferenz, welche die Rechtsfrage der Thatsache unterordne, ein allzubequemes Mittel, um aller Ueberzeugung sich zu entschlagen, als daß auch ich darnach hätte greifen können.« Auch in diesem Punct sind Freunde und Feinde zusamengetroffen. Ich aber sprach – damals noch – die volle subjective Wahrheit in den Worten, zu denen die Letztern mich veranlaßten: Will Jemand die Lehre vom Papst ein Dogma nennen, so mag er es thun; der Verfasser der »Geschichte Innocenzens[412] des Dritten« hat die Thatsache, die Institution, in ihrem wirkenden Verhältniß zu der Kirche und für die Kirche und auf die damalige Weltgestaltung aufgefaßt, ohne groß nach deren dogmatischen Begründung zu fragen. Daß bei solcher obwaltenden Stimmung im Verfolg, als Veranlassung und Gelegenheit dazu sich bot, der Uebergang auch zu der dogmatischen Gewißheit um so leichter ward, wird Niemand in Verwunderung setzen. Wer den Vorurtheilen keinen Einfluß auf sich einräumt, der steht bereits an der Pforte der Wahrheit.

Ich habe daher nach dem 16. Juni 1844 von mehr als Einem das Geständniß erhalten: die Frage, ob ich einmal zur Erkenntniß der vollen Wahrheit gelangen und in die Kirche zurückkehren würde, seye unter Solchen, die mir seit langer Zeit wohlgewogen gewesen, mehrmals erörtert worden. Denjenigen, welche zu jener Hoffnung sich bekannnt, hätte man Jedesmal diesen meinen eigenen Ausdruck entgegengehalten, welcher hier in der katholischen Kirche, dort in dem Verein der von ihr getrennten Secten zwei neben einander laufende, gleichberechtigte Strömungen erkenne, denen der Mensch, je nachdem sein Leben in die eine oder in die andere gefallen seye, mit gleicher Zuversichtlichkeit folgen könne und müsse, wenn er gleich in den Bestandtheilen beider Fluthen, oder in deren Lauf, oder in ihren Wirkungen auf das, was sie berührten, etwelche Verschiedenheiten bemerken möge. Ich könnte ja ebensogut zu denjenigen gehören, die in der einen der beiden Thatsachen das minder Unvollkommene, als in der andern, die Vollkommenheit aber in keiner von Beiden erkennten, daher ihnen die Befugniß des gleichberechtigten Nebeneinanderbestehens unbedenklich einräumen dürften.

Daß der religiöse Indifferentismus mich nie angewandelt habe, dessen wird man nach dieser Darlegung meines Lebensganges keinen Zweifel hegen können, und wird es durch Einiges, was von mir im Druck erschienen ist, genugsam bestätigt finden, sofern Verdrehungssucht nicht auch dieses sich zurechtzumachen beflissen ist. Erklärt man aber jene eigenen[413] Worte als den Ausdruck des confessionellen Indifferentismus, so liesse hiegegen wenig sich einwenden. Eine unabweisliche Hinneigung aber zu der Meinung, daß bei Einführung der Reformation das Wegfegen gar rasch und rührig betrieben und Manches, etwelchen unheimlichen Aussehens wegen, und noch weit mehr in einseitiger Beurtheilung, als Schlacke seye behandelt worden, woran bei minder Hast und Eifer und bei größerer Redlichkeit das edle Metall wohl zu erkennen gewesen wäre, ist sicher auf die damalige Ansicht nicht ohne Einfluß geblieben. Dieser confessionelle Indifferentismus, zumal wenn das Gemeinsame und Wesentliche darunter nicht Noth leide, schien mir zu jener Zeit etwas ganz Zulässiges. Die göttliche Gnade hat kräftig Hand angelegt, um mich aus dieser Verblendung herauszutreiben. Jetzt urtheile ich Anders, übereinstimmend demjenigen, was ein mir Unbekannter in der Zeitschrift »der Katholik« hierüber gesprochen hat. »Das Christenthum,« sagt er, »fand bei seinem Auftreten« auch »›zwei unermeßliche Thatsachen‹ vor, ›zwei Gebiete mit scharf gezogenen Gränzen,‹ das Judenthum und das Heidenthum; es ›nahm dieselben auch als etwas Gegebenes,‹ aber nicht ›als einen legitimen Zustand,‹ sondern ruhte nicht eher, als bis es dieselben in sich aufgehoben hatte, überzeugt, daß die Legitimität derselben mit dem Eintritte der Erlösung aufgehört hatte. Der Antistes Hurter ist ein geborner Protestant: als solchem kann man es ihm nicht verargen, wenn er präsumirt, daß der Protestantismus das ›legitime‹ Christenthum sey; aber bei dieser Präsumtion darf er nicht stehen bleiben, er muß mit sich selber und mit seiner Confession ins Reine kommen. Entweder ist die Reformation Wiederherstellung des reinen Christenthums, oder sie ist eine Verschlechterung desselben. Im ersten Falle ist die Legitimität der katholischen Kirche vernichtet, denn der Irrthum und die Sünde hat kein göttliches Recht; im andern Fall ist die Reformation von Geburt aus eine illegitime Empörung, und ein Abfall von der Kirche kann in alle Ewigkeit durch keinen Besitzstand, weil ›sie nun einmal besteht,‹ legitim werden,[414] so wenig als die katholische Kirche selber sich jemals dazu bestimmen wird, dem Protestantismus irgend ein göttliches Recht zuzuerkennen.«

Noch richtiger hatten den Standpunct, auf dem ich bis zu jener Zeit mich befand, die »historisch-politischen Blätter« aufgefaßt. Sie bemerken über die angeführte Stelle: » Hurter hat also das Leben und Wirken der katholischen Kirche als welthistorische Erscheinung nur von der äußerlichen, menschlichen, natürlichen Seite aufgefaßt. Wie Tacitus den Römern die Sitten der Germanen und die hervorragenden Charaktere einer bessern Zeit, so hat er seinen Glaubens- und Zeitgenossen die Geschichte der katholischen Kirche und den großen Papst Innocenz III entgegengehalten. Der nämliche Abscheu vor der Zerfallenheit und Armseligket dieser Zeit und ihrer Erzeugnisse, nicht die höhere, heilige Sehnsucht nach den geistlichen Gütern, deren Verlangen jene Zeit erfüllte, hat ihn bewegt. Er stellt sich ausschließlich, von dem geistlichen absehend, auf den politischen Standpunct, und in diesem Gebiete zeigt er sich von ausnehmender Tüchtigkeit; aber das übernatürliche Leben der Kirche und dessen Verhältniß zum natürlichen Leben der Menschheit möchte er als ein verschlossenes Räthsel bei Seite lassen, ja ganz ignoriren. – Wollte er freilich den Dingen des geistlichen Lebens dieselbige lebendige Theilnahme zuwenden, die er für das politische hat, so würde er unfehlbar von den Prämissen, die ihm durch seine Arbeit über Innocenz zu Handen kamen, rasch zu den äußersten Folgerungen vorgedrungen seyn, und die Bruchstücke, deren er habhaft geworden, hätte er bald zum Systeme ergänzt; aber er scheint sich davor zu scheuen, sonst hätte er unmöglich im Verfolge solcher Arbeiten um die katholische Kirche sich nicht bekümmern können; und darin liegt der Schlüssel des ganzen Räthsels,« u.s.w.

Das Urtheil ist etwas scharf, es kam mir damals beinahe zu schneidend vor, und Hr. Dr. Phillips selbst scheint diese Ansicht getheilt zu haben; denn, ohne daß ich eine Bemerkung darüber machen konnte (ich lag zu jener Zeit schwer krank),[415] mißbilligte er es und bemerkte mir: der Aufsatz würde in dieser Form wohl schwerlich in »die historisch-politischen Blätter« eingerückt worden seyn, wenn nicht seiner Abwesenheit wegen die Redaction andern Händen hätte müssen anvertraut werden.– Jetzt, da volle vier Jahre mit allem ihrem Forschen, Prüfen, Nachdenken, mancherlei Studien, Beobachtungen und Erlebnissen, dann aber vornehmlich auch unter mancherlei Einflüssen göttlicher Gnade nicht an mir vorübergegangen, sondern durch mich genützt worden sind, muß ich jenem Unbekannten das offene Geständniß ablegen, daß er richtiger gesehen, als ich damals nur hätte eingestehen mögen, und daß überhaupt während langer Zeit dem politischen Standpunct von mir nur allzusehr das entschiedene Uebergewicht seye eingeräumt worden. Aber eben so sehr überzeugt mich jetzt der Rückblick auf den Gang meines Lebens, daß gerade auf jenem Standpunct allmählig die Sphinx heranwuchs, ohne welche das noch zur Seite liegende »verschlossene Räthsel« mir vermuthlich niemals wäre er schlossen worden.

Erst nach dem 16ten Juni 1844 ist mir abermals klar geworden, welche unverwüstliche Glaubenskraft in allen wahren Gliedern der katholischen Kirche lebendig seye; welches Vertrauen an den endlichen Sieg der Wahrheit wie über das Ganze, so über den Einzelnen, dafern dieser nur etwelche Empfänglichkeit für sie bewahre, dieselben durchwalle. Lagen auch Vielen ähnliche Urtheile, wie das angeführte, nahe, bekannten Viele offen, daß solche Besorgniß mitunter wohl auch sie angewandelt hätte, so gestanden sie mir auch, daß sie in der Hoffnung, es werde mir unter Gottes Leitung die innerste Fülle aller Wahrheit doch noch sich erschliessen, nie gewankt hätten. Diese, an der Geschichte Innocenz III bewährte Empfänglichkeit für Wahrheit, die Entfernung aller Vorurtheile, erklärte mir nicht blos ein Einziger, habe zu der Erwartung berechtigt, es würde dieselbe Wahrheit, so sie auch nach andern Beziehungen mir begegnen sollte, wenigstens nicht auf Hindernisse und Widerstand stoßen. So wie es habe müssen anerkannt werden,[416] daß göttliche Gnade es mir möglich gemacht, die Geschichte Innocenzens in derjenigen Weise zu schreiben, wie sie vorliege, habe man sofort an fernerem Fortwirken dieser Gnade nicht zweifeln dürfen. Darum vernahmen so Manche meine Rückkehr in die Kirche mit aller Ruhe, als eine Sache, die nicht habe ausbleiben können, da Gott nicht auf halbem Wege inne halte. Hiemit drückte sich abermals die lebensvolleste Ueberzeugung aus, dergleichen seye »nicht Sache des Wollenden oder Laufenden, sondern des erbarmenden Gottes.« Eine Gesinnung, welche diejenigen sich merken können, die so viel von dem Pelagianismus der katholischen Kirche zu faseln wissen.


Ferner sagte ich damals: »Um das Dogma der katholischen Kirche hat sich in Wahrheit der Antistes Hurter bisanhin noch wenig bekümmert; dasjenige seiner Kirche kennt er, an diesem hält er, ohne es sich durch die Exegeten verkümmern, durch die Dogmatiker gefährden, durch die Philosophen verfälschen zu lassen. Von der katholischen Kirche kennt er, was geschichtlich oder was sichtbar ist – ihre Reichsverfassung, ihr Recht, ihren Besitz, wohl auch ihre Umgebung in Cultus und Disciplin.«

Man hat die im Anfang dieser Stelle ausgesprochene Bersicherung in Zweifel ziehen wollen. Dennoch enthielt sie das aufrichtigste Geständniß. Wird vorausgesetzt, daß mir im allgemeinen geschichtlich nicht unbekannt gewesen sey, was außer dem von den Protestanten Beibehaltenen, Lehre der katholischen Kirche seye, so hätten allerdings die Zweifler recht gehabt. Aber durch den Ausdruck: »um Dogmen sich bekümmern,« dürfte doch etwas Anderes bezeichnet werden, als ein blos oberflächliches und je zufällig über andern literarischen Beschäftigungen erfolgtes Bekanntwerden jetzt mit diesem, dann mit einem andern Lehrsatz. Ich wenigstens habe unter diesem Ausdruck ein absichtliches Erforschen, ein Prüfen, Vergleichen, mit einem Wort[417] ein dogmatisches Studium verstanden, wobei allein der innere Zusammenhang eines Lehrgebäudes, Begründung und Bedentung aller Theile, Gehalt und Werth derselben, so wie des Ganzen, uns einleuchten kann. Jene Aeußerung von diesem Standpuncte aufgefaßt, – und ich erkläre denselben für den allein zulässigen und richtigen, weil von mir in solchem Sinne wirklich eingenommenen, – ist und bleibt der Ausdruck der vollen Wahrheit.

Ganz anders – und abermals muß ich jetzt in voller Ueberzeugung beifügen: mit größerem Recht – wurde dieses Geständniß von katholischer Seite aufgefaßt. Die Zeitschrift »der Katholik« sagte hierüber: »Wir dürfen gewiß seyn, die sogenannten ›Amtsbrüder‹ haben diese Stelle unter allen am meisten befriedigend gefunden, falls ihnen nicht ihre Höflichkeit die Ausflucht an die Hand gegeben [und der Verfasser dieses Aufsatzes hatte richtig gesehen], der Antistes habe sich hier etwas Menschliches begegnen und zu einer Behauptung hinreissen lassen, die sie nicht ganz glauben können. Aber dieses Opfer, das er dem Protestantismus gebracht, ist viel zu gering. Er hätte sich um das katholische Dogma gar nicht [ich hatte gesagt ›wenig‹] kümmern, sondern dasselbe vornweg ignoriren, entstellen, verläumden sollen. – Er hat aber in den angeführten Worten ein furchtbares Bekenntniß des Protestantismus ausgesprochen. So weit also ist es in dem Protestantismus mit der salschen Sicherheit gekommen, daß auch die Besten, die Vortrefflichsten unter ihnen sich um das Dogma derjenigen Kirche, von welcher man abgefallen, ›wenig bekümmern!‹ Ist die Wahrheit und Seligkeit durch sie so wenig werth, daß man sich nicht einmal die Mühe nimmt, sich in Sachen des Heiles möglichste Zuverlässigkeit und Sicherheit zu verschaffen? Gesetzt, die katholische Kirche sey allein im Besitz der vollen christlichen Wahrheit; gesetzt, der Weg außerhalb der Kirche führe zum Verderben: welche Entschuldigung hat der protestantische Prediger, dem die Kenntniß von den Principien und Lehren der Kirche so nahe liegt, und der dennoch, ohne sich um dieselben zu kümmern, die[418] That des Protestantismus mir nichts dir nichts zu seiner eigenen That macht, und Hunderte und Tausende, denen er Führer und Lehrer ist, in der Trennung von der Kirche unterhält? Von einer solchen Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit weiß man in der katholischen Kirche nichts: der Priester, obschon fest begründet im Glauben an die Unfehlbarkeit der Kirche, erachtet es nichtsdestoweniger für seine Pflicht, sich um die Lehren und Grundsätze der von der Kirche getrennten Parteien recht sehr zu bekümmern, um seine formale Katholicität auch durchgängig zu einer materialen zu erheben, und sich überall als in seinem guten Recht mit der Verwaltung des Lehramtes zu wissen. F. Hurter – ist so sorglos gewesen, sich ›um das Dogma der katholischen Kirche wenig zu bekümmern.‹ Bei diesem wenig kann und darf er es nicht belassen; er ist es sich selber und ist es der Wahrheit schuldig, kein blinder Nachtreter seiner Vorgänger und Zeitgenossen zu seyn.« – Gottes Führungen haben übrigens Gewährung des wohlmeinenden Wunsches des theilnehmenden Verfassers bald nachher angebahnt: »um das Dogma der katholischen Kirche von ganzem Herzen mich zu bekümmern.«


Während ich in Wien im Beschauen so vieler Merkwürdigkeiten aller Art, in Berührung mit so manchen Personen, im Genuß so erfreuender Erweise von Wohlwollen froh und behaglich mich bewegte; während ich Jarke's Voraussage: der Protestantismus werde mir meine Geschichte Innocenzens niemals verzeihen, nicht blos ungläubig, sondern scherzend von der Hand wies; während ich dem Bewußtseyn, mit vollem Ernst zu wollen, was ich kraft treuer Würdigung des Obliegenden nur immer sollte, fröhlich mich hingab, schienen die bereits vor einem Jahr sich regenden, von mir aber wenig beachteten Keime des Bruches und nachmaliger Erbitterung sorgfältig gepflegt worden zu seyn. Denn als bald hierauf beide mit all der Heftigkeit hervorbrachen, woran eine in bittere Entfremdung umgewandelte[419] Freundschaft gewöhnlich sich bemerkbar macht, wurde der Vorwurf unüberlegten Handelns in so stürmischem Herantreten wider mich durch die Erwiderung abgelehnt: »die Sache seye schon längst reiflich überdacht worden.« Indeß schien es gerathener, vorerst noch an sich zu halten, gegentheils, den Schein anzunehmen, als interessire man sich für so vieles Schöne, was ich auf meiner Reise gesehen, für alles Angenehme, was mir während derselben wiederfahren, als freue man sich mit mir dessen Allen, was in jenen Tage mich erfreut. Anerborene Offenheit hat Solchen gegenüber, welche gerne ausforschen, anbei den Schein hievon pfiffig zu vermeiden wissen, eine schwierige, meist unhaltbare Stellung. Es fällt mir nicht schwer, Etwas ganz unberührt zu lassen; hingegen bedarf es eines fest gefaßten Vorsatzes, wenn ich, sobald ein, mir nicht ganz gleichgültiger Gegenstand zur Sprache gebracht wird, meine Meinung in mich verschliessen soll. Allzugroße Offenheit hat mir hin und wieder im Leben Nachtheil gebracht; dennoch vermag das durch mancherlei Erfahrung gerechtfertigte Mißtrauen aus der Theorie selten zur Praxis vorzudringen; noch weit weniger aber könnte ich mich dazu verstehen, dieselbe bei irgend einer Frage an äusserlich beipflichtendes, innerlich abweichendes Zustimmen zu vertauschen. Weiter als zum einfachen Schweigen in solchen Fällen habe ich es nie gebracht, begehre auch nicht, es weiters zu bringen.

Man hat sich nachwärts dessen kein Hehl gemacht, daß nur einer bequemen Veranlassung seye geharrt worden, um mit, »dem längst schon reiflich Ueberdachten« wider mich loszubrechen. Man stürzte dabei auf das Unglaubliche, Widersinnigste, ohne Rücksicht auf die trübe Quelle, aus der man es auffangen mußte, und ohne zu überlegen, daß man damit die letzte Ahnung dahingebe, als wäre alle – ich will blos sagen gemeine – Klugheit und nothdürftige Ueberlegung von mir gewichen.

Je geringfügiger an sich diese Veranlassung erscheint, je bedeutungsloser sie anfangs mir selbst vorkam, je schneller der concrete Vorgang in das Gebiet abstracter Forderungen hinüberführte,[420] je umfangsreicher, gewichtiger und entscheidender die letzten Folgen sich erwiesen, und je bemerkenswerther in dem Verlauf der Sache die allmählige Entfaltung der höhern Absichten, die dessen Allen als Mittel zu ihren Gnadenzwecken sich bediente, mir werden konnte und zuletzt werden mußte, desto mehr glaube ich ein etwelches näheres Eingehen in den Verlauf dieser Begegnisse und in die selbsteigene, erst beschränktere, hierauf freiere Auffassungsweise derselben gerechtfertigt. War doch hiedurch der Knoten geschürzt, der in jahrelanger innerer Bewegung einer so segensreicher Lösung entgegengehen sollte!

In die Angelegenheiten der thurgauischen Klöster, die ich seit ein paar Jahren zu verfechten hatte, waren auch diejenigen des benachbarten Frauenklosters St. Catharinenthal mit innbegriffen. Ungeachtet dasselbe blos anderthalb Stunden von Schaffhausen entfernt liegt, war ich doch dort ganz fremd. Daß aus jener Ursache die hochwürdige Frau Priorin mit den übrigen Conventualinnen, denen solcher Verwendung wegen mein Name nicht unbekannt seyn konnte, ein Verlangen hegten, mich persönlich kennen zu lernen, ist leicht erklärlich. Sie ließen mir mehrmals den Wunsch ausdrücken, ich möchte sie doch einmal besuchen; immer aber traten Hindernisse dazwischen. Den Winter pflegte mein Freund, Hr. Graf von Enzenberg zu Singen, gewöhnlich in Schaffhausen zuzubringen. So ergieng gleichzeitig an uns Beide die Einladung, ob nicht an irgend einem beliebigen Tag er mit seiner Tochter, ich mit meiner Frau in das Kloster kommen möchte. Hiezu wurden mehrere Tage vorgeschlagen; wir konnten uns aber auf keinen derselben vereinigen, da jetzt den Einen dieses, dann den Andern jenes im Wege stand; endlich konnte man sich auf den Donnerstag einer folgenden Woche vereinigen. Der Tag war bereits verabredet, als sich mir die Bemerkung darbot, es seye der 19. März, St. Josephstag. Dem Grafen war dieß doppelt lieb, weil der Festtag ihm ohnedem die Verpflichtung des Kirchenbesuches auferlegte, mir, weil er mein Geburtstag war, den ich auf solche Weise angenehm zubringen konnte. Ich ließ mir[421] also den Vorschlag, früher von hier abzufahren, damit der Gottesdienst nicht versäumt werde, gerne gefallen, und bemerkte: ich würde ebenfalls in der Kirche mich einfinden.

Da wir unsere Ankunft auf gedachten Tag zuvor angezeigt hatten, veranstalteten die Frauen, in Aufmerksamkeit gegen den Grafen, daß die vorderste Bank in der Kirche mit einem Teppich behangen wurde, wie dieß immer zu geschehen pflegt, wenn angesehenere Gäste erwartet werden. Wir Beide, mit der Kirche unbekannt, fragten, um nicht durch Nachsuchen Störung zu veranlassen, den Beichtvater, wo wir unsern Platz finden könnten? Dieser erbot sich, nach beendiger Predigt uns denselben anzuweisen; was auch geschah. Die Kirche war ziemlich angefüllt und wir folgten insgesammt an die für uns bereitete Bank. Ich wohnte dem Hochamt in der Weise bei, wie ich es bisher, in der Nähe wie in der Ferne, ob gekannt oder ungekannt, immer zu thun pflegte: mit erforderlichem Anstand, Da es mir aber von jeher schwer fiel, sitzend oder stehend allzulange in unbeweglicher Ruhe mich zu halten, beugte ich mich bisweilen, und dazu noch in einen Mantel gehüllt, über die etwas niedere Vorderlehne hinüber, und richtete mich zwischenein wieder auf. Erstere Stellung konnte leicht derjenigen eines Knieenden gleichen, wurde aber häufig auch in einer unserer Kirchen, wo gerade Geklegenheit sich ergab, in gleicher Weise angenommen. Wirklich knieen zu wollen konnte mir um so weniger zu Sinn kommen, als die Kirche mit Menschen angefüllt war, blos anderthalb Stunden von meiner Vaterstadt entfernt liegt, ich wohl vermuthen durfte, unter den vielen Anwesenden wahrscheinlich mehr als Einem von Person bekannt zu seyn. Hätte ich aber auch dieß unberücksichtigt lassen können, ich würde schon meines Freundes wegen nicht anders mich benommen haben, wieder aus dem Grunde, welchen ich S. 405 berührt habe, um nicht den Argwohn von Menschengefälligkeit auf mich zu laden.

Meine Vermuthung hatte mich nicht getäuscht. Wenigstens fand sich ein Bauer unseres Cantons, in der Nachbarschaft[422] wohnend, ebenfalls in der Kirche wohnend, doch, wie er nachmals selbst gestand, in einiger Entfernung von mir. Kaum nach Hause gekommen, schlich derselbe bei einigen Geistlichen herum, um sie mit dem Schrecklichen bekannt zu machen, wessen er Zeuge gewesen: der Antistes habe während des Hochamts geknieet, sogar andere Ceremonien mitgemacht. Sofort wurde für schnelle Verbreitung dieser Aussage gesorgt, an Erweiterung und Ausschmückung, die bis zum Ministriren bei der Messe gieng, fehlte es ohnedem nicht. Volle zehen Tage gieng die glückliche Entdeckung des Bauers von Mund zu Mund, während ich dessen nicht die mindeste Ahnung hatte; seit zehen Tagen wußten mehrere Geistliche darum, und nicht einer derselben hatte den redlichen Willen, mir, ausser einer kurzen, flüchtig gegebenen und darum auch blos ebenso berücksichtigten Andeutung, eine Anzeige davon zu machen; ungeachtet, wo es Verwendung und Dienstleistung galt, Jeder zu aller Zeit, in jeder Stunde mich sicher zu finden und zu treffen wußte. Erst nach zehen Tagen bei einem Leichenbegängniß, zu welchem die meisten Geistlichen sich einfanden, glaubte ich eine gewisse Zurückhaltung, eine Art Ausweichen an mehreren derselben wahrnehmen zu können. Im ersten Augenblick fiel es mir als etwas höchst Ungewöhntes allerdings auf; ich vergaß es aber alsbald wieder, weil ich mir keinen Zusammenhang, keine Veranlassung denken konnte, fuhr daher arglos nach Hause zurück.

Am folgenden Tage, dem 30. März, war Prüfung der Studenten, zu welcher, theils als Mitglieder der Behörde, theils als Professoren mehrere Geistliche sich einfanden. Ich bewegte mich unter ihnen mit gewöhnter Zutraulichkeit und Freundlichkeit, die immer ohne Unterschied Allen gleich wohl wollte, in Allen Mitbrüder anerkannte. Dießmal ließ man mich durchaus nichts merken, ungeachtet der Augenblick des Ausbruches nahe stand, ohne Zweifel bereits beschlossen war. Denn selbst die nachmals gebrauchten Ausdrücke, gleichwie die ganze Weise der bald hierauf erfolgten Ausführung der Sache, lassen gegen vorangegangene Verahredung keinen Zweifel aufkommen. Wäre[423] es auch möglich, sowohl die Rechtmässigkeit als die Untadelhaftigkeit des ganzen nachmaligen Verfahrens durchzufechten, so müßte es doch sehr schwer fallen, das bis zum Augenblicke des Ausbruches beobachtete Zurückhalten, das tiefe Geheimniß, womit das Vorhaben umzogen wurde, zu rechtfertigen. Hiezu lag gewiß keine Veranlassung in der Stellung, konnte kein Vorwand in meiner Sinnesart, noch weniger in meinem Benehmen gegen Andere gesucht werden. Wer es vermöchte, in meine Täuschung und nachherige Enttäuschung ihrem ganzen Umfang nach sich hinein zu versetzen, der könnte sich darüber nicht verwundern, daß ich gerade durch dieses erst mysteriöse, hierauf hastige Betreiben der Sache amt empfindlichsten mich verwundet fühlen mußte.

Es fand nämlich nach jener Prüfung eine kurze, blos formelle Zusammenkunft derjenigen Geistlichen statt, die in Schaffhausen anwesend waren. Für diese kleine Versammlung nun war eine Art officieller Anfrage verspart worden: wie es mit dem durch Stadt und Land und über dessen Gränzen hinaus sich verlaufenden Gerüchte über meine Theilnahme an dem Gottesdienst in St. Catharinenthal verhalte? Schon darüber war ich aufs höchste erstaunt, daß eine Sage, von der ich ausser jener kurzen Andeutung bis zu diesem Augenblick auch nicht eine Sylbe vernommen hatte, zu einem so weit und so laut verbreiteten Gerücht geworden seyn sollte. Ich fand mich über solche Mittheilung ebenso verwundert, als überrascht; brachte aber bei diesem ersten Stadium das Schroffe der Form, neben welcher frühere, offene Mittheilung und freundschaftlicheres Nachfragen dem Verhältniß, wie ich mir dasselbe stets geträumt und von meiner Seite stets sorgfältig gepflegt hatte, angemessener angenehmer, und entsprechender gewesen wäre, gar nicht einmal in Anschlag, sondern dankte selbst noch, daß mir nun Gelegenheit gegeben seye, wahrheitsgemäße Auskunft im Kreise meiner Amtsbrüder zu ertheilen, für die ich nicht nur vollen Glauben zu finden, sondern durch die ich zugleich volle Beruhigung zu verschaffen hoffte, Denn in der That, ich dachte mir die Sache[424] so: diese, die mit der Aussenwelt in mannigfaltiger Berührung standen als ich, hätten die Sage vernommen und nun, da sie dieselbe weit verbreitet gefunden, aus meinem eigenen Munde ein Zeugniß vernehmen wollen, um desto entschiedener gegen dieselbe sprechen zu können. Ich zweifelte sogar nicht, daß dieses bis jetzt schon werde geschehen seyn, und einzig die Absicht vorwalte, bei richtiger Kenntniß des Sachverhalts Solches mit mehr Gewicht thun zu können. Somit wurde diese Auskunst nicht allein mit der größten Unbefangenheit, sondern mit wahrer Freudigkeit ertheilt. Ich muß mich jetzt noch darüber verwundern, daß ich Aeusserungen, wie: man wäre mir allerdings Glauben schuldig, aber der Bauer verdiene wenigstens ebensoviel Glauben als ich, er seye ein » frommer« Mann (über welche Frömmigkeit nachher allerlei wollte gesagt werden), er mache sich anheischig, seine Aussage (die sich später in bloße Vermuthung verwandelte) mit einem Eide zu erhärten; daß ich ferner die wörtliche Wiederholung der ganzen Lüge in dem vollen Umfange der abentheuerlichsten Entstellungen, hier aber unverkennbar zur zweifellosen Wahrheit gestempelt, daß ich dieses Alles so ruhig anhören und hierin noch nicht die mindeste Spur von Mißstimmung oder andere Absicht, durch mich selbst Aufschluß zu erhalten, argwohnen konnte, als blos die natürliche und redliche. Dieß war einzig deßwegen möglich, weil ich immer noch an das Daseyn eines, auf gegenseitiges Wohlwollen und brüderliche Gesinnung gegründeten Verhältnisses glaubte, noch unendlich fern von der leisesten Ahnung stund, es könnte dieses in das Entgegengesetzte je umschlagen, oder bereits umgeschlagen haben. Selbst da mein Werk über Innocenz, die Reise nach Wien, mein Besuch in den österreichischen Abteyen, meine anderweitigen Verbindungen und Aehnliches als Gründe der Verdächtigung aufgeführt wurden, die Sage von St. Catharinenthal immer mehr in den Hintergrund trat, und es sich erwies, daß die anfangs verlangte Auskunft gar nicht beabsichtigt, oder doch nicht berücksichtigt werde, selbst da noch ließ ich mich in alle jene Fragen ein, immerwährend[425] mit derjenigen Offenheit und Gelassenheit, welche sich in dem Kreise wohlwollender Freunde glaubt, und der es daher unmöglich zu Sinn kommen kann, daß aus dergleichen Vorwänden ein Grund zu Verdächtigung wolle abgeleitet werden, oder auch nur sich könne ableiten lassen. Endlich rückte einer der Anwesenden mit der Hauptsache heraus: »Ich hätte mich der Gestattung eines katholischen Gottesdienstes nicht widersetzt und später die (nach 16 Monaten durch anonyme Zeitungsartikel hervorgerufene) Bemühung der Geistlichkeit für schützendere Maßregeln nicht getheilt, hiedurch deren Zuneigung eingebüßt.« Hierauf erklärte ich aber alsbald: »Dafern die Frage über Bewilligung eines katholischen Gottesdienstes noch nicht entschieden wäre, sondern erst heutiges Tages entschieden werden müßte, so würde ich, ungeachtet dieser Bemerkung, ganz wieder so stimmen und handeln, wie vor vierthalb Jahren.«

Hiemit hatte die Wendung, welche meinem Leben sollte gegeben werden, für mich auf die unerwarteteste Weise ihren Ansang genommen; sie hatte denselben genommen an einer scheinbar höchst unbedeutenden Veranlassung, an einer Sache, die an sich ganz unschuldig war, und die nur durch eine Lüge zu demjenigen sich brauchbar machen ließ, wozu sie benützt wurde. Die Wahl des Tages zu jenem Besuch war so unabsichtlich erfolgt, als nur möglich, und an diesen knüpfte sich doch Alles. Weder an dem vorangehenden noch an dem nachfolgenden, noch an manchem andern Tage, der hiezu sich hätte ausersehen lassen, würde ich mit dem Kloster auch zugleich den Gottesdienst, besucht haben, das war nur an diesem Festtage möglich. Darum es um so weniger befremden darf, wenn das ursprünglich zufällig Scheinende, weil durchaus Absichtslose, allmählig für mich in den Bereich des Bedeutungsvollen und ernstlich Berücksichtigungswerthen hinübertrat.

Wie bitter mir daher auch im Verfolg, und zwar in steigendem Maaße, dasjenige ward, was aus diesen Anfängen sich entspann, bitter – ich spreche hiemit die innerste, die aus der reinsten Wahrheit hervorgehende Ueberzeugung aus – weniger[426] am Ende meiner Person wegen, sondern derer wegen, die vorzüglich dabei handelten, weil sie hiemit in völlig umgekehrtem Lichte sich darstellten, als ich sie mir zu denken gewohnt war; wie sehr auch die Sache eine Zeitlang mich in Bewegung setzte und den Verlust mancher Stunde bedauern ließ, die ich lieber harmloser zugebracht und zu friedlichern Zwecken verwendet hätte: ein Moment trat aus dem anfänglichen Gewirre sehr bald hervor; ein Moment, welches ich – anfangs wider, dann mit Willen – selbst bis auf die heutige Stunde festhalten mußte, welches immer von neuem meiner Erwägung mit unabweislicher Macht sich darbot, welches, zuerst ein kleines flimmerndes Lichtlein, an Helle immer zunahm und allmählig zur leuchtenden Fackel wurde, das Moment nemlich: daß die Veranlassung zu jener Wendung, die dem innern Leben vor dem äussern das Uebergewicht und jenem die endliche Bestimmung gab, an meinen Geburtstag sich knüpfte.

Anfangs zwar, wie noch Alles, was in den ersten Monaten nachher folgte, gleich einem unentwirrten Knäuel vor mir lag, konnte dieses in augenblickliche Vergessenheit kommen, vorübergehend unbeachtet bleiben. Sobald aber etwelche Ruhe eintrat, später vollends, als ich mit heitererem Blicke rückwärts und mit forschendem Sinne in die Zukunft schauen mochte, da stellte sich der Geburtstag des Jahres 1840 immer von neuem als Denkstein auf, an welchem das Auge des Gemüthes haften mußte. Gehen doch von des Menschen Geburtstag alle Beziehungen zu dem jenigen aus, was rückwärts jedes, in dem Laufe der Zeit festgehaltenen Momentes liegt; darum war in diesem der Sinn nimmer von der Ahnung loszureissen, daß derselbe tu solchem mahnenden Heraustreten zu der Zukunft gleichfalls nicht ohne folgereiche Beziehung bleiben könne. Die Sache sammt deren Folgen, zu welcher Bedeutung für mich diese auch erwuchsen, trat zuletzt, so zu sagen, vor dem Tag in den Hintergrund, oder theilte doch mit demselbem alles Gewicht. Dieser gewann für mich je langer desto mehr die Bedeutung eines[427] unverkennbaren göttlichen Winkes, zu dessen Verständniß zu gelangen mein Bestreben fortan gerichtet seyn müsse. Hiemit gieng dann über dieses, nur im allerersten Beginn unbeachtete Zusammentreffen immer heller das Licht auf; das scheinbar Zufällige verklärte sich immer mehr zum Absichtlichen in der Fügung eines Höhern; und aus dem Dunkel, welches von dort her anfänglich mich zu umziehen schien, ist allmählig heiterer und heiterer und endlich in vollem Strahlenglanze am erneuten Himmel die Gnadensonne herausgezogen. Hätte ich wohl am St. Josephstag des Jahres 1840 ahnen dürfen, daß ich am St. Dominicustage des Jahres 1844 in derselben Kirche von St. Catharinenthal zu nicht geringer Freude der theilnehmenden Klosterfrauen unmittelbar nach ihnen die heilige Communion empfangen würde? Zwischen innen liegt die Vollendung der göttlichen Führungen. »Wer darf sagen, daß Etwas geschehe ohne des Herrn Gebot?« spricht der Prophet. Auch da mag wohlfeile Weisheit sich Deutungen oder nüchterne Belehrungen erlauben, sicher hätte ich diese seiner Zeit ohne beträchtlichen Geistesaufwand selbst mir geben können; aber es war in jenem Zusammentreffen eine Macht über mir, der ich nicht zu entfliehen vermochte. Gerade darum auch, weil die Sache mit allen ihren Folgen an meinen Geburtstag sich knüpfte, gleichsam der erste Laut der göttlichen Mahnungen, welche von da an immer ergreifender und verständlicher geworden sind, an diesem erschallte, habe ich vorliegender Schrift den Titel Geburt und Wiedergeburt gegeben. Der gleiche Jahrestag, mit welchem das bereits begonnene leibliche Leben heraustrat, um sichtbar zu werden und zu beginnen seine Functionen, wenn auch in seinen Anfängen seiner selbst noch nicht bewußt, eben dieser Jahrestag sollte das innere Leben ablösen von der Hüller die sein selbstständiges Regen bisanhin gehemmt; eben dieser Jahrestag sollte die ersten Pulsschläge dieses Lebens, ebenfalls ihm noch unbewußt, hervorrufen, damit auch sie, gleich denen des leiblichen Lebens, unter Einflüssen von Aussen und[428] unter Schmerzen und Zuckungen erstarken und so hinaustreten in das volle, freye, klare Bewußtseyn.


»Ist schon das Individuum, welches in seinem Wollen und Vollbringen durch Zeitungsblätter sich bestimmen, seinen Bündel rerum expetendarum et fugiendarum durch solche sich schnüren läßt, in tiefstem Herzensgrunde zu bemitleiden, was läßt sich alsdann über Behörden sagen, welche durch dieselben ihr Geschäftsverzeichniß sich anfertigen lassen und hierin noch den Anschein sich geben möchten, als fielen ihnen die Blätter blos zufällig in die Hände. So ward, da gleichzeitig mit dem Auftreten mehrerer Geistlicher gegen mich ein Zeitungsblatt jenes Gerede – jedoch vorerst nur als solches – berührte, durch die weltliche Gewalt, ohne jede andere Veranlassung als diejenige unbefugter und verkappter Einmischung eilfertig berathschlagt und beschlossen: dem Kirchenrath Untersuchung aufzutragen.« Dergleichen regiminelle Eigenthümlichkeiten in einem Republiklein, in welchem Persönlichkeiten und an diese sich anreihende Sympathien und Antipathien eine so große Rolle spielen, dürfen nicht befremden. Bei einem würdevollen und geordneten Geschäftsgang würde dergleichen schwerlich vorgefallen seyn; er würde, ob ich irgend einen Schritt thun wollte, abgewartet, zuletzt, wäre dieß unterblieben, mir insinuirt haben: entweder ich, oder die Behörde. Jetzt dagegen, wo doch offenbar der erste Schritt von mir ausgehen mußte, sey' es nun, daß ich bei der Behörde Schutz wider Angriffe verlangen, sey es, daß ich, unsern Rechtsformen gemäß, auf richterlichem Wege Genugthuung suchen wollte, jetzt machte jene Ueberweisung die Sache zur Staatsangelegenheit, und lieh ihr alles Gewicht, welches einer solchen gebürt, indeß dieselbe später, als es heilige Pflicht gewesen wäre, das nach eigenem Willen Begonnene bis zu dem letzten Ziele: der Genugthuung für mich, hinauszusühren, sie sich zurückzog und mich auf den richterlichen Weg verwies,[429] Indeß war ich der Intention nach der Behörde, der Schlußnahme nach die Behörde mir zuvorgekommen. Benn bevor ich von jener etwas wissen konnte, hatte ich am 3. April vor dem Beginn einer Sitzung des Kirchenraths dem Bürgermeister erklärt: am Schluß derselben würde ich Veranlassung nehmen, über die verbreiteten Gerüchte die erforderliche Auskunft zu ertheilen. Derselbe hatte aber bereits den Auftrag, in erwähntem Sinne die Sache zur Sprache zu bringen.

Der damalige Amtsbürgermeister Im Thurn war ein billigdenkender Mann, der die Meinung, daß anonymen Zeitungsstimmen ein Einfluß auf die öffentlichen Angelegenheiten einzuräumen seye, nicht theilte. Er gehörte noch zu Denjenigen, welche der Ueberzeugung sind, daß das Gemeine Wesen nicht besser fahre, wenn jeder Lotterbube sich's herausnehmen dürfe, höher Gestellte entweder zu meistern, oder sie zu verdächtigen, oder zum Richter über sie sich aufzuwerfen. Schon dem Ton seiner Rede, so wie den gewählten Ausdrücken, womit er im Auftrag des kleinen Rathes im Kirchenrath die Sache berührte, konnte man es entnehmen, daß es der Erguß seines tiefsten Gefühls seye, wenn er sagte: er erfülle eine peinliche Pflicht, indem er einen Gegenstand zur Sprache und Berathung bringen müsse, der das hohe Ansehen, welches der Vorsteher der vaterländischen Kirche mit vollem Recht genieße, nahe berühre, Allein die Nothwendigkeit erheische, daß die fragliche Anschuldigung in objectiver und subjectiver Beziehung genau untersucht werde, »damit die Ehre und das Ansehen des Antistes sowohl, als der gesammten Geistlichkeit, bestens gewahrt werden könne.« – In gutem Glauben, die Behörde habe in ehrlicher und redlicher Absicht mit dieser Angelegenheit so eilfertig sich betheiligt und werde sie auch in solcher an das leicht zu findende Ziel führen, bezeugte ich meine Freude über dieses amtliche Einschreiten, gab übrigens auch hier jene Auskunft, welche ich bereits einige Tage früher den Geistlichen gegeben hatte.

Der Kirchenrath ernannte eine Commission zur Untersuchung[430] d.h. zum Verhör jenes Bauern. Sie bestand aus ein paar Geistlichen, denen es um nichts weniger, als um die Beweisführung der Wahrhaftigkeit meiner wiederholten Erklärungen zu thun war, die jenes hintennach hinkende Anstreben gegen Bewilligung eines katholischen Gottesdienstes am meisten betrieben hatten; dann aus einem Weltlichen, der im Anfang der Revolution und bei Anlaß jener Theilung des Stadtguts ungemein viele conservative Meinungen vor mir zur Schau getragen und häufig über die Richtigkeit der Lehren in Hallers Restauration mit mir gesprochen, nie aber den Muth gehabt hatte, sie öffentlich zu bekennen, hier nun ganz durch jene Beiden um so willfähriger sich bestimmen ließ, da er eine der Hauptstützen des schaffhauserischen Pietismus war, welcher überhaupt in der ganzen Sache eine merkwürdige Rolle spielte. Es wurde mir später gesagt, jene Geistlichen wären so weit gegangen, daß sie sich sogar in die Kirche von St. Catharinenthal begeben und dort das Maaß der Bank genommen hätten, die uns seiner Zeit angewiesen worden, um hieraus zu ermitteln – ich weiß selbst nicht was; da eine leere Bank schwerlich Zeugniß darüber ablegen kann, welche Stellung einst Jemand in derselben angenommen habe. Indeß müssen die Aussagen des Bauern, als des Urhebers des Geredes, gar nicht befriedigend ausgefallen seyn, denn es wurde am 24. April berichtet: es seye für Bestätigung jener Anschuldigungen nichts gefunden worden. Weil aber inzwischen ein paar Subjecte, wahrscheinlich aus politischer Abneigung und von dem heutzutage vielfach vorkommenden Uebermuth wider höher Gestellte getrieben, gegen die Commission aus Hörensagen verlauten ließen: es dürfte möglicher Weise von Andern zu vernehmen seyn, was der Bauer nun nicht mehr Wort haben wollte, – so meinten jene drei, die Acten wären noch nicht geschlossen, d.h. es lasse vielleicht auf anderem, als auf dem gewiesenen Wege, doch noch etwas sich ergrübeln.

Trotz dessen beschloß der Kirchenrath, vorerst die Acten dem kleinen Rath mitzutheilen, der am 27. April eine weitere Untersuchung[431] von sich aus verfügte, abermals eine Commission damit beauftragte, die jedoch am 4. Mai wieder nichts Anderes berichten konnte, als: das verbreitete Gerücht seye unbegründet und unwahr, es ergebe sich aus Allem nichts als die Thatsache, »es habe der Antistes Hurter an gedachtem Tage dem Gottesdienst in der Kirche zu St. Catharinenthal beigewohnt.« In Folge dessen wurde wörtlich in das Protokoll aufgenommen: »Es gehe für den kleinen Rath aus den veranstalteten Untersuchungen die vollkommene Ueberzeugung hervor, daß das verbreitete Gerücht, als hätte der Antistes am dießjährigen St. Josephstage in Gesellschaft des Herrn Grafen von Enzenberg die Kirchenfeyer nach den Vorschriften der kathol. Kirche mitgefeyert und da durch dem Publikum ärgerlichen Anstoß gegeben – ungegründet und unwahr – seye, und aus diesen Untersuchungen lediglich die Thatsache sich ergebe, daß er an gedachtem Tage dem Gottesdienst in der Klosterkirche zum St. Catharinenthal beigewohnt habe. Unter solchen Umständen seye für den kleinen Rath keine Veranlassung vorhanden, weitere Schritte in dieser Sache zu thun.«

Eben diese Behörde also, die 24 Tage früher hatte ankünden lassen: es müsse eine Untersuchung angestellt werden, damit (d.h. zu dem Zweck) »die Ehre und das Ansehen des Antistes – bestens gewahrt werde,« fand nun keine Veranlassung, in dieser Sache weitere Schritte zu thun, durch diese Schlußnahme förmlich zu bekennen, jener angebliche Zweck seye nichts weiter als ein Vorwand gewesen, der nichts weniger als bindend für sie seyn könne. Welcher Wiederspruch in diesen beiderlei, unter gleichem amtlichen Ansehen gegebenen Erklärungen! Welche Lojalität der Gesinnungen! Welche Würde des Verfahrens!

Da in der Zwischenzeit diese Angelegenheit sowohl zu einem Bruch zwischen mir und einem Theil der Geistlichkeit als zu einer Parteyung in dieser selbst geführt hatte; da sie, wie an einem kleinen Ort, wo Alles sich näher steht, dieß natürlich ist, nicht blos zum allgemeinen Tagesgespräch geworden war, sondern[432] Manche mit Bitterkeit gegen mich, Andere (die sich bei Hrn. Hengstenberg in Berlin dafür bedanken mögen, daß er sie in elobo zu Indifferentisten, Wüstlingen und Schwelgern gestempelt hat) für mich gestimmt; da endlich jene amtliche Erklärung des Amtsbürgermeisters im Kirchenrath: »Wahrung der Ehre und des Ansehens des Antistes« als Zweck der angeordneten Untersuchung hervorgehoben hatte, glaubte ich, wäre es, nun der vorgegebene Zweck unzweifelhaft erreicht wäre, Obliegenheit des kleinen Raths, irgend einen öffentlichen Schritt zu thun. Hatte er ja durch Ueberweisung an den Kirchenrath nicht nur mit der Sache sich behelligt, durch Niedersetzung zweyer Commissionen und Einvernahme, ich weiß nicht von welchem und von wie viel Personen, der Sache nicht allein Publicität, sondern öffentliche Wichtigkeit gegeben; anbei – da doch wohl Behörden Untersuchungen nicht blos zu Befriedigung ihrer Neugierde anstellen – durchblicken lassen, daß, sofern irgend etwas von dem Ausgesagten mir erweislich würde können zur Last gelegt werden, die Behörde ihrer amtlichen Stellung und ihrer Pflicht würde wahrnehmen. Schwerlich wird Jemand daran zweifeln, daß bei einem andern Ergebniß der Untersuchung sehr Mißbeliebiges meiner würde gewartet haben. Ueberdem wird unsere Zeit auch deßwegen als eine vorangeschrittene und glückhafte gepriesen, weil die Formen ungleich mehr ausgebildet seyen als ehedessen, weil die gesammte Staatsmaschine ungleich mehr innerhalb derselben sich bewegen müsse, weil hierauf der vorzügliche Werth gelegt wird. Ich theile zwar diese Ansicht keineswegs; war sie aber einmal angenommen, suchte man sie bei manchen Gelegenheiten mit allem Gejauchze als die unbedingt gültige zu präconisiren, so müßte man auch hier diese Gültigkeit anerkennen. Wie indeß der menschliche Organismus, neben den allgemeinen, noch an besondern, climatischen, landschaftlichen oder beruflichen Gebrechen leidet, andere hinwiederum verschiedenen Zeitperioden eigen sind, so können gewisse Ungerechtigkeiten nur in dem großen, andere blos in dem mikroscopischen Staat begangen werden. Die Königskrone und[433] die Jakobinermütze haben ihre Kabinetsjustiz, der Adler und der Zaunkönig ihre Idiosynkrasien.

Die beabsichtigte Untersuchung hatte amtlich, und von Behörde zu Behörde gehend, eine lobenswerthe Absicht angekündigt. Die Untersuchung vollzogen, ward die Absicht – nicht vergessen – nein, rundweg abgeläugnet, gleich als gäbe es keine Protokolle. Offen war durch das angeordnete Verfahren bezeugt worden: am Ende könnte doch Etwas an der Sache sehn; offen zu erklären: es ist nichts daran, – dieser Schuldigkeit glaubte man sich überhoben. Es war, als hätte man sich in das Ohr geraunt: »uns gelüstet, der noch unermittelten Anschuldigung die größte Oeffentlichkeit zu geben; sollte jedoch aber hieraus eine Rechtfertigung hervorgehen, so muß diese sorgfältig in unsern Kreis verschlossen bleiben; wird es uns möglich zu handeln, so wissen wir, was wir zu thun haben; wird es uns dagegen unmöglich, so mag der Andere dieser Unmöglichkeit sich freuen.« Der Burgdorfer Hans Schnell hat einst von einer ungleichen Elle gesprochen, nach welcher die Leute ihrer politischen Meinung gemäß zu behandeln wären; hier war gar keine Elle vorhanden, nichts als ein altfränkisches: Fügen euch zu wissen, wenn ich nicht wohl will, dem will ich nicht wohl – hienach habt ihr euch zu achten. Man nennt dieses in hämischem Seitenblick auf vormalige Rechtszustände republikanische Regeneration.

Hätte sich die Behörde in die Sache entweder gar nicht, oder blos auf mein Ansuchen eingemischt, so konnte ich von ihr auch nichts verlangen. Jetzt aber (dieß sagte mir, ohne Rechtsgelehrter zu seyn, das natürliche Rechtsgefühl) da sie mit desselben sich betheiligt habe, unter natürlichem und gewiß, wie von Jedermann, so auch von mir anerkanntem Vorbehalt, eventuellen andern Ausganges, kraft ihrer Stellung wider mich aufzutreten, jetzt seye es ebensosehr ihre Schuldigkeit, wenn nicht gerade für mich aufzutreten, doch ein evidentes Zeugniß zu geben, daß zu Jenem keine Veranlassung vorhanden seye. Was öffentlich begonnen worden, hätte auch öffentlich sollen beendigt[434] werden; öffentlicher Erklärung der Möglichkeit, Etwas zu finden, hätte öffentliche Erklärung folgen sollen: es habe nichts sich finden lassen. Rechtskundige mögen nach dieser kurzen aber getreuen Darstellung entscheiden: ob hiemit nicht ein bloßes Absolviren ab Instantia (und selbst nicht einmal dieses, da solches wenigstens dem in Untersuchung Gezogenen eröffnet wird, mir aber verschwiegen wurde) eingetreten seye, und ob in vorliegendem Fall dasselbe auch nur von ferne sich rechtfertigen lasse; da durch eine solche Schlußnahme »die Ehre« eines Beklagten nichts weniger als »gewahrt wird,« sondern das aliquid Hæret unzertrennlich damit verbunden ist.

Während vollen fünf Wochen hatte ich der ganzen Angelegenheit in vollkommener Ruhe nach dieser Seite hin ihren Gang gelassen, ohne bei Jemand demselbem nachzufragen, ohne Jemand Aufschlüsse ertheilen zu wollen, ja selbst ohne mit Jemanden darüber zu sprechen. Ich setzte in die oberste Behörde noch das volle Vertrauen pflichtgetreuer Redlichkeit. Als ich hierauf von ferne her vernahm, jetzt seye die Sache durch dieselbe erledigt worden, doch ohne daß eine Mittheilung an mich erfolgte, war es natürlich, daß ich zuletzt den Amtsbürgermeister befragte, was, nun die Untersuchung beendigt wäre, in Gemäßheit der offen und bestimmt angekündigten Absicht derselben wolle gethan werden? Ich war ganz erstaunt über die Antwort: »der kleine Rath habe das Ergebniß in sein Protokoll niedergelegt, weiter werde nichts geschehen.« – »»Aber so, bemerkte ich, könnte ja Einer öffentlich des Diebstahls bezüchtigt, Untersuchung verordnet, und nach Erfund seiner Schuldlosigkeit auf das Begehren um Rechtfertigung erwidert werden, diese stehe in irgend einem Protokoll niedergeschrieben, wo weder der Regen sie verwischen, noch Sonnenschein sie verbleichen, noch keines Menschen Auge sie sehen, aber auch er gegen Niemand darauf sich berufen könne.« – Empört über eine solche Handeinsweise und zwar durch eine Behörde, welcher in letzter Beziehung die obersten Interessen, wie diejenigen der Gesammtheit so des Einzelnen, mit Zuversicht sollten anvertraut werden[435] können, und welche von allen Bürgern nicht bloß Achtung, sondern »Hochachtung« fordern will, richtete ich unter dem 6. Mai an dieselbe nachstehende Zuschrift:

»Mit dem morgigen sind 14 Tage verflossen, seit von dem Kirchenrath die fernere Untersuchung in Betreff der Aussage jenes Menschen wieder an den kleinen Rath zurückgieng. Bis heute Abend fünf Uhr harrte ich, ob wohl in dieser Angelegenheit eine Schlußnahme erfolgt seyn und mir mitgetheilt werden möchte. Bis heute Abend fünf Uhr ist mir nichts zugekommen, woraus ich wohl entnehmmen darf, die Sache habe noch nicht wollen beendigt werden. Nach sechswöchentlichem ruhigem Zuwarten und Schweigen wird man es nun nicht mehr zu frühe finden, wenn ich letzteres vorläufig breche und ein Resultat nicht mehr erwarte, sondern bestimmt fordere.

Lassen Sie mich einen flüchtigen Blick werfen auf den Gang dieser Sache! Eine namenlose Zeitungslüge veranlaßte am 2. April den kleinen Rath, nicht mich, wie ich es von freyen Stücken anerboten, zu vernehmen, sondern, weil die oberste Autorität unserer Tage, eine Zeitung, gesprochen hatte, von vornherein eine Schuld anzunehmen, den Kirchenrath zur Untersuchung aufzufordern, was am 3. April beschlossen und sofort, wie dieß in einer kleinen Stadt zu geschehen pflegt, allgemein ruchtbar und zum Mittel wurde, die Erwartung so oder so zu spannen. Im Kirchenrath wird mir zwar eine Erklärung abzugeben gestattet, was aber der kleine Rath demselben zur Kenntniß zu bringen für gut finde, vorenthalten. Es wird zur Untersuchung eine Commission niedergesetzt, von dieser über die Depositionen desjenigen, der die Sache in Umlauf gebracht, ein Protokoll vorgelegt, von dessen Inhalt aber demjenigen, gegen welchen die Untersuchung gerichtet seyn soll, wieder nicht das Mindeste mitgetheilt. Das Resultat einer langen Sitzung des Kirchenrathes scheint damals kein anderes gewesen zu seyn, als die Acten zu abermaliger Untersuchung an den kleinen Rath zurückgehen zu lassen, indem, dem öffentlichen Gerüchte zufolge, das Glück einen Dritten auf die Bahn brachte, der deßwegen,[436] weil er von Hörensagen Etwas vernommen, ebenfalls als vollgültiger Zeuge ausgesagt hat, bleibt mir wieder ein Geheimniß, und nun nach weitern 14 Tagen steht die Sache gerade noch da, wo sie am 31. März gestanden, und ist bis heute Abend 5 Uhr mir wenigstens nichts notificirt worden, was auf Beendigung derselben schliessen liesse.

Dieses für mich räthselhafte Procedere läßt sich aus zwei Standpuncten beurtheilen: von dem rechtlichen und von dem moralischen. Wenn ich nun, unter gewissenhafter Darlegung des Standes der Sache und des bisherigen Verfahrens, von irgend einer Rechtsfacultät, welcher Universität es seyn möchte, mir ein Gutachten über diesen eingeschlagenen Weg und das bisherige Resultat wollte verfassen lassen, wie glauben Sie wohl, Tit., daß beide würden beurtheilt werden? Wie kann Einer förmlich angeklagt, unter Sang und Klang Untersuchung angestellt, dann, während man zusehends wahrnehmen kann, daß durch Zögerung nur gemeinste Leidenschaftlichkeit gegen den Betreffenden fortwährend genährt werde, die Sache so ruhen bleiben? Wie kann man, sie vielleicht gar noch einschlummern zu lassen, die Absicht haben?

Nun aber der andere Standpunct – der moralische. Er öffnet die Aussicht nach zwei Richtungen, gegen Sie, Tit., sodann gegen mich. Es kann Ihnen nicht unbekannt seyn, wie willkommen jene Aussagen für Einige, welche die Larve der Achtung, der Zuneigung und des Vertrauens dann schnell abwerfen konnten, geworden sind; wie diese Aussagen nicht allein schnell verbreitet, sondern auch noch manches Andere daran geknüpft wurde; wie erwünscht Einigen eine solche, weit hinausgezogene Ungewißheit seye; wie, nachdem sie genug bescheint haben, daß ihnen gegen mein Ansehen, meine Person und meine moralische Würde kein Mittel zu gemein, zu schlecht, zu verwerflich seye, wie diese ein solches Zögern auszubeuten wissen; wie Manche wenigstens, die eine unbefangenere Meinung lange noch festhielten, nun je länger desto mehr wankend gemacht werden müssen; wie alle diese Ungewißheiten nur auf meine[437] Kosten ins Endlose hinausgezogen werden: – dieß zu entwickeln, bedarf es keiner langen Erörterung, keiner weitläufigen Ausseinandersetzung. Tit., erklären Sie herzhaft, Alles, was ich unaufgefordert, bei meiner Ehre, bei meinem Gewissen, als Mann von Stand, Rang, Würde und Charakter versichert habe, für Lüge, erklären sie die Lüge, wie sie durch die Zeitung auch zu Ihnen gelangt ist, für unumstößliche Wahrheit: so haben Sie doch einen Spruch gethan, zwar in etwas orientalischer Weise; aber es ist doch ein Spruch, es ist doch eine Erklärung, es zeigt doch noch einen Willen, es heißt doch noch regiert; während dieses Hinausziehen, dieses Tergiversiren, dieses Winden, um Jemand Recht zu halten, dem man lieber Unrecht gäbe, eine Quelle des Verderbens und, wer weiß es, zuletzt noch der mannigfaltigsten Verwicklungen werden könnte.

Der moralische Standpunct öffnet aber auch die Aussicht auf Sie, Tit.. Zwar kenne ich den obersten Grundsatz der jetzigen Regierungen wohl: daß sie Niemanden verantwortlich seyen als Gott und ihrem Gewissen. Wer aber mag es demjenigen, der hiermit allein nicht sich zufrieden stellen kann, verargen, wenn ihn, wie es bei mir der Fall ist, bei längerer Verzögerung einer vollkommen befriedigenden Erklärung am Ende der Argwohn beschleicht: die Untersuchung seye unternommen worden, einzig in Hoffnung, Etwas gegen ihn herauszufinden; jetzt nun, da diese Hoffnung zerronnen, biete sich allmähliges Erlöschenlassen als letztes Mittel, ihm doch noch Etwas wenigstens anzuhängen. Wer kann es mir verargen, wenn ich bei der ganzen Sache noch andere Elemente üblen Willens im Spiel glaube? Wer kann es mir verargen, wenn ich ein solches Beginnen, Fürschreiten und Ausgehen in enge Verbindung mit meinem Geschlechtsnamen, mit anderweitigen Meinungen, mit Manchem bringe, was ich hier nicht einmal auszusprechen wagen darf?

Sie werden sagen, Tit., diese Zuschrift sey nicht in geziemendem Ton abgefaßt. Es mag seyn! Aber habe ich nicht sechs Wochen ruhig gewartet? Habe ich nicht unbedingtes Vertrauen[438] in die Behörden gesetzt? Habe ich nicht deßwegen über Alles, was so vielfältig gegen mich gerichtet wurde, geschwiegen? Habe ich je an den Behörden getrieben? Habe ich einzelne Mitglieder um den Stand der Sache befragt, oder gar dieselben zu stimmen gesucht? Habe ich mich nicht immer getrost auf mein Bewußtseyn, auf die Unpartheilichkeit, auf die Gerechtigkeitsliebe der Behörden verlassen? Und nun, da ich bis heute noch einen Bescheid zu erhalten hoffte, da ich, fortan in derselben Ungewißheit, so zu sagen einem vehmgerichtlichen Verfahren mich blosgestellt sehe, nun glaube ich, durch alles jenes Zuwarten, durch alle jene Ruhe mir ein Recht erworben zu haben, nicht bitten zu können, sondern fordern zu dürfen, daß endlich Etwas geschehe; dieß um so mehr, da ich je länger desto weniger von der Ueberzeugung mich trennen kann, daß, wenn mir irgend etwas Bestimmtes hätte zur Last gelegt werden können, man wohl rascher würde zu Werke gegangen seyn.

Sollte, wie ich kaum zu besorgen wagen möchte, die Mehrzahl der Glieder des kleinen Raths durch diejenigen, die Alles in Bewegung setzen, wider mich eingenommen seyn, deßhalb irgend etwas vollkommen Befriedigendes mir versagen, dann würde ich mich genöthigt sehen, dieses ganz merkwürdige Verfahren zuerst, wenigstens anzeigsweise, zur Kenntniß des großen Rathes, sodann aber mit aller möglichen Einläßlichkeit zu derjenigen des Publicums sowohl in- als außerhalb der Schweiz zu bringen. Sollte auch der große Rath den Machinationen einiger Weniger gegen meine Person das Wort reden, so würde ich zuletzt, wenn immerhin ungerne, es vorziehen, ein Land zu verlassen, in welchem Gesetz und Obrigkeit nur dem muthwillig Angreifenden Schutz gewähren, gegen die Angegriffenen dasjenige kehren, was sonst in ehevoriger Zeit gegen jene gewendet wurde.


Genehmigen« u.s.w.


Der Amtsbürgermeister theilte den Brief nicht der Behörde, sondern blos einem Mitgliede derselben mit. Man fand es für gut, meinem Freund, dem Rathsschreiber Peyer Im Hof,[439] Auftrag zu geben, mir dessen Zurücknahme beliebt zu machen. Die eigentlichen Beweggründe zu diesem Auswege kenne ich nicht, da Vorwände des Wohlmeinens aus der Sache leicht hergenommen werden konnten; indeß dürfte bei einem entscheidenen Schritt von meiner Seite die Behörde vor unverblendeten und rechtlich Urtheilenden wenig Ehre aufgehoben haben. Wiewohl manche Erfahrung das entschiedenste Mißtrauen hätte rechtfertigen können, ließ ich mich doch zu der angetragenen Zurücknahme bewegen. Doch bald nachher reute mich meine Bereitwilligkeit; denn ich habe mich schon öfters überzeugt, daß der nach etwelcher Ueberlegung gefaßte Entschluß des Augenblickes, ohne Rücksicht auf Anderer Gutachten, wie sehr auch deren Wohlmeinen Anerkennung verdienen mag, gewöhnlich doch der beste seye, durch Abweichen von demselben eine schiefe Bahn weit leichter betreten werde. Die Reue, daß ich mich so leicht bewegen ließ, ist bis auf den heutigen Tag geblieben. Hätte ich den Brief nicht zurückgezogen, so würde ich der Sache schnell eine andere Wendung gegeben, zwar höchst wahrscheinlich Rechtszertretung aus Rechtszertretung veranlaßt, hiermit aber doch aller Unannehmlichkeit mit Einemmal ein Ende gemacht, auch Andern Manches erspart haben, dessen Unterbleiben für sie ebenfalls besser gewesen wäre. Es giebt Augenblicke im Leben, wo die heroischen Mittel die vorzüglichern, alle andern weder das Leben zu sichern, noch den Tod herbeizuführen im Stande sind; als Panaceen der Halbheit mögen sie Werth haben, kräftigere Naturen können durch sie nur angewidert werden.

Gutmüthigkeit hatte ich noch genug, gerade dieses scheinbar wohlwollenden Schrittes wegen nicht zu zweifeln, es werde wenigstens das Unbedeutendste und Unverfänglichste, was geschehen konnte, und was unserer Uebung gemäß bei keinem Rechtshandel verweigert wird, mir zugestanden werden: nemlich zu Abwehr aller weitern Anfechtungen, und um den natürlichen Vorwurf, daß das Schweigen der Behörde nach so augenfälligen Schritten immer zu etwelchem Argwohn berechtige, einen Auszug aus jenem Protokoll zu erhalten und zu bewirken, daß[440] auch der Geistlichkeit ein solcher zugestellt werde. Ich ersuchte also den Amtsbürgermeister hiefür, indem ich das bereitwillige Zurückziehen der Zuschrift als Beweis meines Vertrauens (wofür es auch damals in Wahrheit gelte konnte) und billiger Erwartung hervorhob.

Derselbe fand mein Begehren sehr natürlich und verhieß, es zu unterstützen. Dieß war kein leeres Versprechen. Er that bei der Behörde, was möglich, und fand bei zwei andern, mir immer befreundeten Gliedern Mitwirken. Bereits lag es auf der Wage, daß meinem Begehren sollte entsprochen, wenigstens das mindeste Maaß der Gerechtigkeit noch eingehalten werden. Da trug ein Mitglied darauf an, man solle die Sache noch auf acht Tage ins Bedenken nehmen. Der Grund lag nicht darin, daß es hier viel zu denken gegeben oder besonderes Nachsinnen oder Nachforschen erfordert hätte, sondern einzig in der Abwesenheit eines Mitgliedes, welches in den meisten vor kommenden Fragen für die Mehrzahl gewissermassen den Vordenker machte. Da man nicht wußte, zu welcher Maaßregel dieses Mitglied stimmen, und ob es die getroffene nachher billigen oder mißbilligen würde, hielt man es für gerathener, den Entscheid bis zu dessen Rückkehr zu verschieben, da man dann sicher wäre, weder zu irren, noch zu Etwas, was Vordenker allfällig mißbeliebig, Hand geboten zu haben.

Schon nach vier Tagen war für die Mehrzahl der Rathsglieder der ersehnte Augenblick gekommen, die trügliche persönliche Meinung einer untrüglich regulirenden unterordnen zu können. Der Amtsbürgermeister erneuerte seine Bemühungen für eine meinen Wünschen entsprechende Schlußnahme. Allein jetzt weit vergeblicher, als vier Tage früher. Doch war die Mehrheit auch dießmal weder ehrlich noch keck genug zu sagen: wir willigen in das gestellte Begehren nicht ein, weil wir eben nicht wollen, und weil zu bestimmen, was Rechtens seye, in unserer Macht steht; sondern es sollte der Abweisung ein Schein des Wohlbedachten und Pflichtgemässen angefärbt werden, daher gegen die Zulässigkeit meines Begehrens folgende glänzende Gründe aufgestellt wurden:
[441]

1. Die Untersuchung habe nicht die Legitimation des Antistes zum Zwecke gehabt (man erinnere sich der offiziellen Mittheilung an den Kirchenrath!) sondern es seye dabei lediglich in Frage gestanden, wie es sich mit dem über ihn ausgestreuten Gerücht verhalte. (Demnach würdelose Neugierde.)

2. Es seye mit dem Ausspruch: daß das Gerücht sich als ungegründet darstelle, auch die sorgfältig verschwiegene Erklärung (gegen wen?) verbunden worden, daß für die Regierung keine Veranlassung vorhanden sey, weitere Schritte in dieser Sache zu thun; und eine officielle, zur Legitimation des Antistes dienende, dießfallsige Mittheilung an denselben würde mit diesem Ausspruch um so mehr im Widerspruch stehen, als dabei die Absicht obgewaltet, daß:

3. wofern er sich in dieser Sache persönlich gekränkt fühle, es ihm unbenommen bleibe, die richterliche Hülfe gegen die Verbreiter jenes Gerüchts in Anspruch zu nehmen (wozu ihm aber sorgfältig die Basis müsse entzogen werden); und endlich

4. zu beachten seye, daß Protokolls-Auszüge nur von Beschlüssen über Parteisachen, oder über Regierungsangelegenheiten, bei denen Einzelne als Petenten (ja nicht als Petirte) in ähnlicher Beziehung interessirt seyen, ertheilt würden.


Jede Beleuchtung der Windungen dieser argen und grundfaulen Sophistik müßte allen Eindruck schwächen, welchen dieselbe in ihrer nackten Blöße auf jeden Unparteisamen, der über der Sache von der Person absehen kann, unfehlbar machen kann Nicht einmal diese Schlußnähme wurde mir mitgetheilt, um wie viel sorgfältiger also die meisterhaften Vordersätze, die ihr zur Unterlage dienen sollte, vorenthalten! Diese sind mir erst nach Jahresfrist zur Kenntniß gekommen. Wie es geschehen, soll in der Folge berührt werden.[442]

Allein man begnügte sich weltlicher Seits nicht damit, durch ein so auffallendes Verfahren jedem Wagniß gegen mich Vorschub zu leisten, und den Beweis zu geben, daß für mich kein Gesetz, kein natürliches Rechtsverfahren, ja nicht einmal die einfachste Anwandlung der Billigkeit vorhanden seye, sondern die amtliche Stellung wurde sogar noch dazu mißbraucht, um hinter meinem Rücken an einem Ort, an welchem es für mich gar keine Möglichkeit der Vertheidigung oder des Schutzes gab, die Behörden und hiemit zugleich die allgemeine Meinung wider mich zu präoccupiren. Zu einer Zeit, in welcher die entstandenen Irrungen zwischen der Geistlichkeit und mir blos noch zwischen beiden Parteien schwebten, noch keinerlei officielle Anzeige an irgend eine weltliche Behörde ergangen war, keine daher über den Stand der Sache irgend etwas Anderes kennen konnte, als was das Gerücht herumbot, daher auch bei richtiger Würdigung des Zuständigen keine damit sich befassen sollte, zu dieser Zeit schon wurde in einen, dem grossen Rath unter dem 17. Juni mitgetheilten »Bericht und Antrag der Petitions- Commission,« förmlich vom Zaun heruntergerissen, folgende Stelle aufgenommen und durch den Druck in das Publicum geworfen, vielleicht zur Vergeltung, daß ich fünf Jahre früher das Kundwerden einer andern, mich unfreundlich berührenden Stelle zu vereiteln gewußt hatte:

»Bald nachher erhoben sich auch Zweifel, ob nicht Bürger, die von amtswegen Einfluß auf die herrschende Kirche des Landes zu üben haben, Grundsätzen huldigen, die die Grundpfeiler derselben zu untergraben vermöchten. Ein freundbrüderliches Wort der Beruhigung wurde verweigert und die Beängstigung dadurch vermehrt. Ob es nicht besser gewesen wäre, den Willen, unerschütterlich consequent zu scheinen, der Ruhe zum Opfer zu bringen, das mögen die entscheiden, die darüber zu urtheilen berufen sind.«

Daß die immer weiter sich entspinnenden Irrungen zwischen Geistlichen und mir nicht mehr lange innerhalb dieses engen Kreises würden gebannt bleiben können daß in kurzem auf irgend[443] eine Weise die weltlichen Behörden damit müßten betheiligt werden, war leicht vorauszusehen. Allein bis jetzt hatte die Irrung noch keinen officiellen Schritt außer den Versammlungssaal der Geistlichen hinaus gethan. War daher nicht mit dieser Bemerkung das Verfahren der einen Partei als ein vollkommen rechtsbefugtes erklärt, über dasjenige der andern, bevor man sie gehört, deren Gründe vernommen, diese gewürdigt hatte, gewissermassen der Stab gebrochen? War mir nicht damit ein unverkennbarer Wink gegeben, wessen ich mich von der Unparteilichkeit derjenigen, welche die Einsicht und den Willen der Mehrzahl der Behördeglieder lenkten, werde zu versehen haben?

Unter jenem Bericht standen drei Unterschriften. Aus welcher Feder er geflossen seye, war für mich nicht einen Augenblick zweifelhaft. Dabei durfte ich nicht ohne Grund vermuthen, die bereitwillig Unterschreibenden hätten die Bedeutung der Stelle nicht einmal geahnet, noch weniger überlegt, wie sie damit aus ihrer Befugniß in diejenige der grellsten Rechtsverletzung gegen einen Dritten hinausgetreten wären. Ich bequemte mich daher dazu, in eine Schenke zu gehen, in welcher einer jener Drei seinen gewöhnlichen Aufenthalt hatte, um ihm geradezu zu erklären, dieß hätte ich nicht erwartet, hiezu wäre die Commission nie befugt gewesen; ich aber wolle das Billigere voraussetzen, nemlich: »daß bei Unterzeichnung des Ganzen wahrscheinlich nicht einmal bedacht worden seye, daß er und seine Collegen hiemit über die Gränzen ihrer Aufgabe hinausgeschritten wären. Wohnten wir in einem Lande, in welchem Alles nur in den durch das Recht vorgeschriebenen Gränzen sich bewegen dürfte, so sollte es mir nicht schwer fallen, die Unterzeichner wegen Concussion ernstlich zu belangen; bei uns hingegen, wo so häufig in besondern Fällen Persönlichkeiten die bewegende Kraft wären, müßte ich Solches wohl bleiben lassen.« – Der Betreffende suchte unter allerlei Windungen die Sache zu rechtfertigen, war aber froh, durch das Bemerken: die Rathssitzung habe begonnen, den unbequemen Einwendungen und triftigen Erorterungen entschlüpfen zu können.[444]

Wie die Sachen zwischen den Geistlichen und mir sich gestaltet hatten, konnte bei allem Mangel officieller Mittheilungen dennoch Niemand unbekannt seyn. Hätte man weltlicher Seits nicht größeres Behagen daran gefunden, das Feuer eher anzublasen, als es zu dämpfen, so würde man sich nicht verhehlt haben, daß einfache Mittheilung des Ergebnisses der so schnell und so laut angeordneten Untersuchung der Sache bald eine andere Wendung geben müßte. Da man kein Bedenken trug, dieses zu unterlassen, und das, durch das Voranschreiten der Angelegenheit gebotene Mittel nicht in Anwendung zu bringen, so konnte nichts mehr von dem weitern Schritte zurückhalten: durch die in dem erwähnten Bericht mit einer gewissen solennen Oeffentlichkeit gegen mich ausgesprochene Mißbilligung denjenigen, die wider mich aufgetreten waren, einen leicht verständlichen Wink zugehen zu lassen, im Vertrauen zu anderweitiger Unterstützung auf dem betretenen Wege fortzuwandeln. Zu diesem Allem kam dann noch eine, zwar in Dunkel gehüllte, aber doch bisweilen wahrnehmbare Verbindung meiner entschiedensten Gegner unter der Geistlichkeit mit Ton- und Maßgebenden auf weltlichem Gebiet. Dieß war so wenig ein Trugbild, als die Wechselbeziehung zwischen Beiden eine blos muthmaßliche. Was zu so unklärlichem Benehmen Veranlassung gegeben habe, ist mir unbekannt; höchst wahrscheinlich jene Selbstständigkeit in den obersten Principien, die sich für berechtigt hält, neben Andere, nicht unter sie sich stellen zu dürfen. Dieses Zusammenwirken konnte mir um so weniger verborgen bleiben, als mehr denn einmal in dem Kirchenrath, wenn von der Angelegenheit die Rede war, Weltliche gerade dasjenige als ihre Meinung vorbrachten, was nicht lange vorher in den Versammlungen der Geistlichen von diesem oder jenem der Hauptbeweger als Maaßregel gegen mich war vorgeschlagen worden.

Was auf Privatwegen gegen mich unternommen wurde (z.B. ein eitler Versuch, durch arge Vorgeben meinen aufrichtigsten Freund, den Grafen von Enzenberg, mir zu entfremden[445] u.a.), berühre ich nicht, denn das Endziel, zu welchem Gott Alles gelenkt hat, überwiegt jede derartige Erinnerung und hat auch die leiseste Mißstimmung gegen die Personen dergestalt beseitigt, daß ich vielmehr Jedem, der damals mit unverdientem Uebelwollen, ja in greller Feindseligkeit wider mich auftrat, Dienste, welcher Art sie wären, mit der größten Freudigkeit leisten würde. Darum beschränke ich mich blos auf dasjenige, was, so auf der einen als auf der andern Seite, in Gemäßheit äußerer Stellung geschah. Mögen diejenigen Alle, welche, was in dem Menschen ist, besser zu kennen vermeinen, als er selbst, von Bitterkeit sprechen, die mich erfülle, von Gereiztheit, welche die Feder führe, so darf ich doch mir selbst mit frohem Bewußtseyn das Zeugniß geben, daß ich diese Angelegenheiten gegenwärtig so rein objectiv behandeln kann, als hätte ich eine Geschichte der Vorzeit, ein Ereigniß zu berichten, was eine dritte Person berührte, was dann freilich eine gerechte Würdigung der angewendeten Mittel und des eingehaltenen Verfahrens nicht ausschließen darf. Da ich jetzt, in diese Vergangenheit zurückschauend, nicht nur von derselben mich abgelöst, sondern Ursache habe, in Allem, was mir damals widerfuhr, mit unaussprechlichen Dank Gottes Gnade zu preisen, die dadurch zur Erkenntniß der Wahrheit und zur Einverleibung in die Gemeinschaft der ewigen Wahrheit mich leiten wollte, wie sollten Anwandlungen der Bitterkeit oder der Mißstimmung diesen Dank zurückdrängen, oder trüben können? Nur diejenigen, welche von dem innern Frieden, der einen durch das Licht göttlicher Gnade erleuchteten Geist, ein durch die milde Flamme wahrer christlicher Liebe durchwärmtes Herz, einen in den Strömung christkatholischen Lebens sich wiegenden Geist durchdringt, keine Ahnung haben, Solche nur können es nicht begreifen, daß man aus dem sicheren Hafen von erlittenen Stürmen mit voller Vergegenwärtigung ihres Tobens und Brausens sprechen, zugleich aber Gott danken könne, daß er sie zugelassen; solche nur werden es nicht zugeben wollen: daß man wiederfahrener Unbilden sich erinnern, anbei dennoch versöhnlicher[446] Gesinnungen in seinem Herzen gegen diejenigen sich bewußt seyn möge, die dazu mitgewirkt. Sind für Liebe und Wohlwollen auch Andere nicht unempfänglich, die wahre Liebe ist doch nur die allumfassende, die katholische, und diese ist die einzige Tochter des einzigen Vaters – des katholischen Glaubens.

Begegnet es doch wohl, daß für einen an hartem Uebel darnieder Liegenden Heilung und Herstellung nicht anders möglich ist, als durch Schneiden und Brennen und Anwendung schmerzhafter und herber Mittel. Dieser zwar kennt den Zweck dessen, was mit ihm vorgenommen wird; er ist damit einverstanden; er darf fest an der Ueberzeugung halten, daß es nicht Absicht des Arztes seye, ihm wehe zu thun, daß keineswegs übler Wille denselben treibe, ihm Schmerz zu veranlassen. Obschon er nun dieses Alles kennt, wird doch Niemand ihm es verargen, wenn er unter der Operation tobt und schreit und gar nicht glimpflich auf den Arzt zu sprechen ist. Kömmt er dann in späterer Zeit, nachdem er genesen, auf jene Tage des Schmerzens zu reden, und giebt er Bericht von dem, was er dabei erlitten und ausgestanden, und tritt er in alle Einzelnheiten der Operation ein, zugleich unter Andeutung seiner damaligen Stimmung, selbst mit Wiederholung manchen scharfen Wortes, so wird deßwegen Niemand ihn verdächtigen, daß er dem Arzt abhold seye, daß er nicht dennoch in ihm denjenigen anerkenne, ohne welchen er vermuthlich seine Herstellung nicht wieder würde erlangt haben. So wurde der heilige Augustinus nur durch heftige Brustschmerzen gezwungen, seine Schule der Redekunst in Mailand aufzugeben. Es geschah gleichsam wider seinen Willen. Aber in seinen Büchern gegen die Akademiker anerkennt er, daß blos dieser Zwang ihn in den Schooß der wahren Philosophie geführt, dem Wahnglauben des Manichäismus, entrissen habe.

Wiewohl nun der Verlauf dessen, was im Jahr 1840 gegen mich sich richtete, der Operation des Schneidens und Brennens füglich verglichen werden mag, nur mit dem Unterschied, daß denjenigen, welche dieselbe verrichteten, der Zweck des Heilens[447] ebensowenig kann zugeschrieben werden, als dem Eisen in der Hand des Wundarztes, so läßt sich nunmehr von dem Gang solcher Operation und den dadurch hervorgerufenen Empfindungen dennoch mit aller Umständlichkeit reden, ohne daß deßwegen diese aus der Vergangenheit in die Gegenwart müßten hinein versetzt werden. Auch kann der Mensch über Manches, was ihn einst bewegt, angezogen oder abgestossen, in späterer Zeit genaue Rechenschaft ablegen, ohne daß hieraus sich folgern liesse, die gleichen Kräfte oder Empfindungen übten noch den gleichen Einfluß. Wenn ich daher den Verlauf jener Begegnisse, wie er von anderer Seite in Fluß gesetzt wurde, auch jetzt wieder berühre, so würde man mir sehr Unrecht thun, wenn man glauben wollte, die damals veranlaßten Eindrücke und Gefühle wären noch die gleichen. Dagegen wolle man nicht meinen, daß die Zeit geheilt habe; eine solche Kraft läge in ihr nicht, oder ich hätte vielleicht dieselbe nicht einmal auf mich einwirken lassen; nein, die Heilung ist einzig und allein aus der bewährten Quelle hervorgegangen, aus Einverleibung in die mißkannte, angefeindete, gehaßte, wahre katholische Kirche.


Ich hatte das, was in der erwähnten Versammlung einiger Geistlichen vorgekommen war, immer noch arglos aufgenommen, für eine vorübergehende Aeusserung abweichender Ansichten gehalten, es daher auf mein offenes und freundliches Betragen selbst gegen diejenigen, welche dabei den meisten Eifer gezeigt, keinerlei Einfluß üben lassen. Erst am folgenden Tage, da mir ein augenfälliger Beweis gegeben wurde, man halte sich für berechtigt, selbst von meiner amtlichen Stellung ferner keine Notiz nehmen zu dürfen, sodann in dem Widerspruch der hiefür vorgebrachten Entschuldigungen, vollends aber einen Tag später, als in ungestümer Hast, unter Umgehung meiner Person, durch das Organ meines Collegen, des Hrn. Triumvir [448] Maurer, die ungesäumte Einberufung aller Geistlichen verlangt ward, und das zu einer Zeit, wo des nahe bevorstehenden Osterfestes wegen sonst unter vorgeschütztem Geschäftsdrang Alles jederzeit von der Hand gewiesen wurde, erst dann begann ich zu ahnen: ich mochte in meiner Gutmüthigkeit mich getäuscht haben, so zufällig und vorübergehend möchte doch das Unternommene nicht seyn, es dürfte wohl Etwas gegen mich im Plan liegen. Indeß war mein Entschluß bald gefaßt; ich sagte meinem Collegen auf den 9. April die Versammlung zu, verspürte aber, da ich wohl ahnen konnte, daß eine compacte Partei sich's herausnehmen würde, zu Censoren meiner Gesinnungen, selbst meiner Privathandlungen sich aufzuwerfen, keine Luft, mit Leuten mich herumzubalgen, die mir bereits einen Vorschmack gegeben hatten, welche Sprache gegen mich zu führen sie sich für berechtigt halten möchten. Deßwegen übersandte ich der Versammlung ein Schreiben, in welchem ich – in Rückerinnerung an den Ton, welchen man sich am 30. März gegen mich erlaubt hatte – erklärte: daß ich in dem Convent kein heiliges Officium, noch weniger einen Richter über meine Person anerkenne, daher lieber im Frieden von der Geistlichkeit scheiden, auf meine Stelle als deren Decan (Präsident in den Sitzungen) Verzicht leisten, im übrigen Freundlichkeit, Dienstbereitwilligkeit und Wohlwollen einem Jeden fortan bewahren werde.

Das Schreiben war entschieden, der Ausdruck meiner tiefsten Ueberzeugung, hinweisend auf das in meine innerste Lebenskraft eingegangene Element, welches alles blos Negirende, Zerstörende, als fremdartig, in festem Willen von sich abhalte, zugleich über verschiedenes, in der katholischen Kirche Vorsindliche, mir eine andere Ansicht aufdringe, als es von dem beengten Standpunct eines Compendiums der Polemik geschehen möchte. Hierin liege der Schlüssel zu mancher meiner Ansichten über Thatsachen der Vergangenheit, über Begegnisse der Gegenwart. Ich bezeichnete drei Standpuncte zu Beurtheilung meines gesammten Wirkens. I. Die öffentliche Thätigkeit; –[449] da seye Jeder ausgesordect, irgendwelche bemerkte Pflichtverletzung anzuzeigen, über jeden, in Widerspruch mit der heiligen Schrift, je aufgestellten Lehrsatz mich zu Verantwortung zu ziehen; II. mein Leben; – hierüber werde das Recht zu Prüfung, Erörterung, selbst Nachforschung, hienach Klage, Jedem eingeräumt; III. dasjenige, was ich mir zuweilen schriftlich zu behandeln erlaube. In Beziehung auf dieses erklärte ich mich folgermaaßen:

»Das werden Sie doch finden, daß selbst in dem Alter, in welchem auch die Jüngsten unter Ihnen stehen, also in dem meinigen um so weniger, es nicht mehr passend wäre, das Thema zu einer schriftlichen Ausarbeitung entweder bei einem Einzelnen oder bei einem Collegio zu holen, ebensowenig das, was Einem zu behandeln beliebt, nachmals als Exercitium einer Correctur zu unterwerfen. Da ich aber wohl begreifen kann, daß das, was Dr. Friedrich Hurter schreibt, mit den Begriffen und Ansichten von Manchen unter Ihnen nicht zusammenstimmt, so stehen ja einem Jeglichen, der Beschwerde führen zu können glaubt, drei Wege offen, deren Betreten ich nicht hindern könnte, noch weniger hindern möchte:


1. derjenige der Widerlegung;

2. der lojalen und ehrlichen Kritik;

3. derjenige des Preßgesetzes, welches ich zwar nicht kenne, welchen Weg aber mit Jedem zu wandeln ich zum voraus mich anheischig mache.


In Weiteres hierüber mich einzulassen, hieße sich der Lächerlichkeit Preis geben, – die einzige denkbare Potenz in der Welt, welche mir Furcht einzujagen vermag.«

Ueberschaue ich nun den Anfang dieser Zerwürfnisse nach Verfluß von fünf Jahren, so stellten sich darin formell schon zwei nicht blos unvereinbare, sondern geradezu feindselige Principien einander gegenüber, bei deren Zwiespalt ein Bruch nicht anders zu vermeiden gewesen wäre, als wenn das eine oder das andere dieser Principien entweder freiwillig sich zurückgezogen hätte, oder eines durch das andere hätte können unterjocht[450] werden. Das eine, vertreten durch Ton und Stellung derjenigen, welche der Bewegung gegen mich den Anstoß gegeben hatten, das andere durchblickend durch die Grundlage, Haltung und Richtung meines Schreibens; ja man könnte jenes füglich das ultrademokratische, mir überall zuwider, in der Kirche aber am meisten, dieses das aristokratische nennen. Ich habe so gut als irgend Einer unter meinen Gegnern angenommen und (wie sie es auch nicht in Abrede zu stellen vermochten) mir zur Lebensvorschrift gemacht das Wort des Meisters: »Wer unter euch der Grössere werden will, der sey euer Diener, und welcher unter euch der Erste seyn will, der sey euer Knecht;« aber ich habe dafür gehalten, der Bestimmungsgrund hiezu könne einzig in Anerkennung des Willens desjenigen liegen, der also gesprochen, nie aber in einem Begehren derjenigen, zu deren Besten jenes Wort in Anwendung gebracht werden soll. Mir däuchte immer, das Wort spreche gegen diejenigen, zu denen es gesagt ist, eine Verpflichtung aus, ohne deßwegen Andern förmlich ein Recht einzuräumen. Von der Seite meiner Widersacher dagegen scheint nicht nur dieß angenommen, sondern alles Gewicht darauf gelegt und den Ausdrücken »Größerer« und »Erster« Realität nur insoweit zugestanden worden zu seyn, als Willfährigkeit, diesem in Anspruch genommenen Recht sich zu unterwerfen, vorhanden wäre. Ich habe auch nicht ermangelt, in dem Schreiben darauf hinzuweisen, daß ich des Dienens stets mich beflissen hätte und fortan mich befleissen würde, immer aber blos in freyer Anerkennung der hiezu von oben ergehenden Aufforderung.

Die Versammlung am 9. April war stürmisch. Viel Unfreundliches wurde gesprochen, in mancher höchst anmaßlichen Bemerkung trat das erwähnte Princip mit voller Entschiedenheit hervor. Mehr als eine conciliatorische Stimme ließ sich vernehmen, verhallte aber unbeachtet, wohl gar verschmäht. Man entsetzte sich später selbst über die Treue, mit der das Protocoll verfaßt worden und versuchte es durch Nachträge zu rectificiren. Doch ich zähle dieses zu denjenigen Dingen, deren Wiederberühren[451] mit dem Zweck dieser Schrift nicht in dem mindesten Zusammenhange steht, und, wenn nicht in mir, so doch in Andern unangenehme Rückerinnerungen wecken müßte. Deßwegen werde blos das Resultat erwähnt, welches darin bestand, von mir eine Erklärung zu verlangen: »daß ich der evangelischreformirten Kirche von Herzen zugethan seye.« Dieß wurde begründet auf »Beweise von unverkennbarer Vorliebe, mit welcher katholische Zustände, Einrichtungen und Verhältnisse geschildert würden« und auf jene Aeusserung meine Zuschrift, »daß ich Vieles in der katholischen Kirche anders ansehe, als die evangelisch-reformirte (ich hatte aber nur gesagt: ›Manche von Ihnen‹) Kirche es ansehe, daß der Gedanke unangenehm berühre, ob nicht hierin zwischen mir (d.h. meiner Privatperson) und dem Geistlichen und Vorsteher jener Kirche ein Zwiespalt vorhanden seye.« Den von mir »auf der Kanzel und in meiner sonstigen amtlichen Thätigkeit ausgesprochenen christlichen Lehrsätzen und Ueberzeugungen lasse aber die Geistlichkeit volle Gerechtigkeit widerfahren.«

War ich damals über jene Frage, als über eine unbefugte und höchst anmaßliche empört, so darf ich mich heutiges Tages darüber freuen, daß sie so schroff, und eine Beantwortung im Grunde nicht einmal zulassend, an mich gestellt worden ist. Eben dem zähen Festhalten an derselben verdanke ich die Entledigung aller Bande, die sicher dem Fortschreiten in der Erkenntniß hinderlich gewesen wären; die Hinwegräumung der Hemmnisse, welche der Entfaltung des in mich gelegten Keimes in dem Wege gestanden und mich in eine Stellung gebannt hätten, in welcher ich den Besitz eines Theiles der Wahrheit in denjenigen des Ganzen schwerlich je würde erweitert haben, Der Ausdruck, womit ich etwas später ein abgedrungenes Wort nach anderer Beziehung schloß: »Gott hat es gut gemacht,« ist nun auf eine Weise in Erfüllung gegangen, wie ich es damals noch nicht im Auge haben konnte.

Es ist zu jener Zeit, so wie früher schon und noch mehr in der Folge, durch Manche, in deren System meine Ueberzeugungen,[452] zu deren Zwecken meine Bestrebungen nicht paßten, allerlei über mich in die Welt hinausgeschrieben worden, und Aehnliches wahrscheinlich wird auch seit dem 16. Juni hinausgeschrieben worden seyn und fortan geschrieben werden. Sprach ich z.B. für die Legitimität und die Rechte der Throne, so mußte ich im Sold bald dieser bald jener Macht stehen; vertheidigte ich die Rechte der katholischen Kirche gegen die Anfechtungen der Gleichmacher und Verneiner, nahm ich mich bedrängter und aller Ungerechtigkeit Preis gegebener Institutionen derselben an, so mußte ich heimlich in diese Kirche übergetreten, mir selbst das Unmögliche als Lohn verheissen seyn. Das Aushecken von dergleichen Verdächtigungen macht immerhin den Leuten Freude, sie meinen damit Beweise entweder ihres Scharfsinnes oder ihrer Vigilanz zu geben; sie finden eine Befriedigung darin, Andere, die ihnen nun einmal nicht behagen, nicht so zu nehmen wie sie sind, sondern von denselben ein Bild sich vorzustellen, je nachdem es ihnen beliebt; vielleicht auch so, wie sie nach ihrer Erfahrung, oder selbsteigenem Bewußtseyn gemäß, die Menschen einzig sich zu denken vermögen. Man muß ihnen diese Freude nicht verkümmern, aber ebensowenig sich böses Blut darüber machen. Die wenigsten Menschen unserer materialistisch gewordenen Zeit können es eben begreifen, daß man, ohne je nach zeitlichem Vortheil zu fragen, ja selbst dergleichen Nachtheil nicht allzusehr in Anschlag bringend, gegen das, was man als verderblich, ungerecht und gewaltthätig, für das, was man als wohlbegründet und rechtmässig anzuerkennen, durch eine höhere und verborgene Macht sich gezwungen fühlt, frey und offen anstreten könne, unbekümmert, so wie um den Beifall, so um den Tadel der Wortführer unter den Zeitgenossen, oder derjenigen, welche der Gunst derselben als ihrem Götzen huldigen.

Um diesen sich anzureihen, dazu bedarf es in der That wenig. Die Segel nach jedem Winde zu richten, hiezu wird kein sonderlicher Muth, keine wesentliche Anstrengung, keine ausnehmende Entschlossenheit erfordert. Ein Bischen Gewandtheit,[453] ein wenig Verschliffenheit reicht gewiß vollkommen zu. Das Allerweltsfreundchenmachen ist weder so kopfzerbrechend, noch so herzangreifend; gegentheils, je weniger man von dem Einen oder von dem Andern besitzt, desto leichter mag es von statten gehen. Wer durch die Menge sich ziehen läßt, der darf keine Besorgniß hegen, einen schmalen und beschwernißvollen Pfad unter seine Füße zu bekommen, denn jene findet zuverlässig immerdar den breitesten und mühelosesten Weg. Wollte man aber meinen, denjenigen, die Solchen nicht sich zugesellen mögen, gienge die Einsicht ab, daß sie durch das Betreten einer andern Bahn sich weder Beifall, noch Gunst, noch Auszeichnung, noch Behaglichkeit, noch die mancherlei Vortheile gewähren würden, die nur aus jenem hervorgehen? Sollten dann dieselben, dafern jenes Alles auch für sie als Ziel der heissesten Wünsche gölte, geradezu blind seyn, um die Mittel, die so nahe zur Hand liegen und an hunderten von Beispielen vor ihren Augen sich erproben, zu übersehen, und an deren Statt nach den allerunfruchtbarsten, ja verkehrtesten zu greifen? Und vollends, wenn das Leben in einem republikanischen Ländchen verlaufen ist, welches selbst auf einer Specialcharte nur einen winzigen Raum einnimmt! Sollte es dagegen so ganz und gar nichts heissen, einem innern dynamischen Princip vor allen äussern materiellen Einflüssen und Rücksichten das Uebergewicht einzuräumen, und dadurch gleichsam jene alte Askese wieder zu rehabilitiren, die weniger groß darin war, daß sie das Rauhe ertrug, als daß sie dem Einfluß des Glatten und Geschmeidigen sich entzog.

Ich habe damals gesagt: »ich gehöre so wenig heimlich als offen der katholischen Kirche an.« Hätte man daher die Frage an mich gestellt: ob ich dieser angehöre? so würde ich ein entschiedenes Nein mit der freyesten Aufrichtigkeit erwidert haben, Aber ein solches Nein wäre auch erfolgt auf die Frage: ob ich der katholischen Kirche abgeneigt seye, oder ob ich überzeugt wäre, daß die Reformatoren in Allem, was sie von derselben verworfen, Recht gehabt hätten? Ich würde dessen kein Hehl[454] gemacht haben, daß die Zerstörung der wohlgegliederten Verfassung der katholischen Kirche, besonders aber die Auslieferung der von ihr getrennten Kirchen an die Staatsgewalt und die Verknechtung derselben durch diese, daß ich die Verwandlung der Gebäude der Andacht in Einöden der Andacht, daß ich die Beschränkung alles Gottesdienstes auf das immer wiederkehrende Predigen, daß ich die Beseitigung so vieler Mittel, um die Hinwendung zu Gott zu heben und das innere Leben zu nähren, unmöglich als ein Glück anpreisen könne. Denn, nie gewohnt, und in ernsten Augenblicken am wenigsten, das, was ich für wahr gehalten, zu verschweigen, demjenigen, was mir nicht einleuchtete, Beifall zu zollen, würde ich auch dannzumal jenes Alles nicht verhehlt haben. Aber zwischen demjenigen, »der an der katholischen Kirche manches Schöne sieht, in ihr manches Zweckmässige findet, selbst von Gliedern derselben manches Freundliche erfahren hat,« und zwischen deren eigentlichem Glied und Bekenner, ist noch eine sehr große und weite Kluft befestigt; glücklich, wenn ihm die Gnade von jenem Rand zu diesem die Brücke baut! Daß aber derer, welche des Weggefegten Verschiedenes, vielleicht sogar Vieles wieder zurückwünschen, eine so ganz kleine Zahl, und, könnte man die Einzelnen wägen und würdigen, deren die Leichtesten und Unbedeutendsten nicht seyen, liesse sich so mancher Klage, so manchem Vorschlag, wie unter den von der Kirche Getrennten dem Cultus und religiösem Leben aufzuhelfen wäre, entnehmen; obwohl dann anderseits Viele an Formlosigkeit und Dürre hohes Behagen finden, weil sich hiemit unbegränzte Möglichkeit darbietet, an die Stelle der Kirche ihre eigene Person zu setzen.


Jene Frage war nun nicht allein eine anmaßende, sondern zugleich eine unfaßbare, indem eine bestimmte Definition hätte müssen vorausgehen: was unter evangelisch-reformirter oder protestantischer Kirche zu verstehen seye, dafern überhaupt eine[455] solche genügend sich geben läßt. In Bezug auf das erste jener Beiwörter habe ich bemerkt: »Ich könnte nicht einmal die Gesammtheit der Geistlichkeit, wie viel weniger einen Theil derselben, als meinen Obern, noch weniger als Behörde erkennen, welcher ein Recht zu solcher Frage inhärire, am allerwenigsten ein reformirtes Inquisitionstribunal, dem ich mich zu unterwerfen hätte. Aber nicht allein den Convent könnte ich zu einer solchen Frage niemals für berechtigt anerkennen, sondern auch Niemand Anders. Würde der Kirchenrath, würde der kleine Rath, würde der große Rath, würde eine ganze Landsgemeinde, würde selbst der Scharfrichter mit dem Schwert in der Hand diese Frage an mich stellen, so würde ich keine Antwort geben, würde ich auf die Thatsachen, würde ich auf die Lehre verweisen.«

Die Frage war auch unbefugt, indem sie sogar in das forum internum eindringen, selbst das Herz erforschen und dieses in der Antwort gleichsam als Pfand eingesetzt wissen wollte. Hatte derjenige so Unrecht, welcher darüber sagte: »Der katholische Christ hat keine Vorstellung von solchen Plackereyen und Verfolgungen; denn in seiner Kirche würde er sich vergeblich nach einem Orte umsehen, in welchem solch eine systematische Hetze von confessionswegen angestellt würde. Man denke sich den Terrorismus eines kleinen Freistaats im Vergleich mit der gesetzlichen Ordnung einer großen, wohlregierten Monarchie, und man hat einen Schattenriß protestantischer Ketzergerichte in ihrem Verhältniß zu dem legitimen Glaubenstribunal in der katholischen Kirche.« – Die Frage wurde durch jenen Beisatz »von Herzen« zugleich höchst beleidigend, indem sie dem Verdacht Raum gab, als könnte ich wohl zum Schein eine bejahende Antwort ertheilen, im Herzen aber doch andere Gesinnung hegen. Es war dieß ein Beweis mehr, daß gewöhnlich nichts weniger gewürdigt wird, als bewährte Offenheit; eine Offenheit, die da, wo sie zur Rede verpflichtet ist, einen Zwiespalt zwischen dieser und den Gesinnungen für das Verwerflichste und Unwürdigste erachtet.[456]

Die Frage war endlich unfaßbar. Ich hätte ihr zuerst diejenige entgegenstellen können: was ist die evangelisch-reformirte Kirche und wo ist diese Kirche? Ich habe später folgendes Zeugniß eines protestantischen Theologen gelesen: »In einer Stadt des nördlichen Deutschlands ist es dahin gekommen und zu einer bekannten Sache geworden: einen andern Glauben lehrt die Universität, einen andern das Schullehrerseminar, einen andern die Gelehrten-, einen andern die Bürgerschule, einen andern lehren die beiden Nebenschulen, einen andern dreissig bis vierzig Privatinstitute; so daß es sich findet, was auch nicht anders seyn kann, daß Eltern und Kinder, Brüder und Schwestern, Ehemänner und Ehefrauen, Vornehme und Geringe, Gelehrte und Ungelehrte, in ihrem Glauben wenigstens sehr weit von einander abstehen, und doch gleichmässig alle für protestantische Christen gehalten seyn wollen.« – Wie nun, wenn ich dieses entgegengestellt und allererst verlangt hätte, es sollte aus diesem Gewirre, das, wie es hier auf einen einzigen Ort sich beschränkt, durch alle Länder sich durchzieht, die zum Protestantismus sich bekennen, das Gemeinsame herausgefunden und was demnach wesentlich und einigend seye, mir vorgelegt werden?

Denn nach meinem Begriff ist die Kirche nicht ein Aggregat zahlloser Einzelner, die an verschiedenen Orten, in verschiedenen Gebäuden, jedoch aber an den gleichen Tagen und ohngefähr in den gleichen Stunden zu Gebet und Anhörung eines beliebigen Vortrages zusammen kommen; sondern die Kirche ist die organische Vereinigung Aller zu einem selbstständigen Ganzen, belebt durch die gleiche Lehre und denselben Glauben, sich erstreckend über die Bewohner sämmtlicher Länder, die zu diesem Glauben sich bekennen. Lehre und Glauben bilden den Centralpunct, und die Aufnahme beider in sich bewirkt in allen Einzelnen eine centripetale Kraft. Bloße Agglomerate mit äußern Bindemitteln sind keine Kirche, daher es wohl protestantische Kirchen, aber keine protestantische Kirche giebt. Dieß scheinen Viele zu fühlen, wenn sie Jenes auch nicht zugeben mögen. Deßwegen haben sie, seit der abstracte Centralpunct[457] in den Bekenntnißschriften zu Fetzen gegangen und längst in alle Welt vertrieben ist, in dunkler Ahnung, daß es doch eine Einigung geben müsse, zu der Fiction einer unsichtbaren Kirche ihre Zuflucht genommen und deren Thore so weit aufgesperrt, daß Gog und Magog, Crethi und Plethi in dieselbe Eingang und Aufnahme finden können, eine wahre Arche Noe, worin reine und unreine Thiere wohlbehaglich neben einander hausen mögen. Wollte man aber zu jenem ehebevor einigenden, zu jenem Centralpunct der Bekenntnißschriften zurückkehren, wollte man die volle und unbedingte Annahme von diesen – wie es in der Vorväter Zeiten Brauch war – zum Schiboleth machen, und hienach an jeden Einzelnen die Frage stellen: »ob er der durch diesen Glauben geeinigten Kirche von Herzen zugethan seye?« wie Viele wohl könnten mit einem entschiedenen und aufrichtigen Ja antworten? Wie Viele dagegen, die gewiß das Ja nicht »von Herzen« aussprechen könnten, würden es dennoch ferm und flott mit dem Munde aussprechen, um wenigsten Haus und Garten, Korn und Wein, Holz und Geld zu retten?

Blicken wir uns inn- und ausserhalb der Schweiz die Sache etwas näher an! Waren nicht in Zürich der ehrwürdige Antistes Heß und der Theologus Johannes Schultheß Beide Reformirte, Kirchenlehrer an einer und derselben Kirche, Letzterer noch darüberhin der Bildner aller künftigen Geistlichen? Wo ist aber der einigende Punct zwischen dem Verfasser des Planes von dem Reich Gottes und demjenigen, welcher die neutestamentlichen Wunder für baare Fabeln erklärte, »wie Kröten, die er in einem Napf voll Milch zappeln sehe?« – Gehörte nicht der liebenswürdige Antistes Falkeisen zu Basel, der Herold göttlicher Offenbarungslehre, mit dem Professor de Wette, der in Jesu (wir sagen mit unsern Vorvätern – in Christo) ein Werkzeug in Gottes Hand sah, welches aber in seinem Plan sich betrogen hätte, ebenfalls Beide derselben Kirche an? Wo ist die Ausgleichung? – In der Waat finden sich gewiß noch Anhänger der helvetischen Confession; wird aber jener Staatsmann sich für einen schlechtern Reformirten[458] halten, als Jene, indem er die Stelle der Glaubensbekenntnisse durch das bloße Gewissen ersetzen wollte, und (grundsätzlich richtig) die Bekenntnißschriften nur als einen protestantischen Papismus ansah? Wie dort ebenso folgerichtig Andere, ohne deßwegen auf die Benennung Reformirte verzichten zu wollen, die Meinung aussprechen, daß Bekenntnißschriften als Regulative des Glaubens mit dem obersten Grundsatz der freyen Forschung im Widerspruch stünden, einzig vollkommene Cultusfreiheit demselben entspreche. – Welche Gemeinschaft besteht in Genf zwischen der reformirten Kirche des Herrn Malans und der anerkannten, durch die Venerable Compagnie repräsentirten, welche seit langen Jahren schon die eintretenden Mitglieder verpflichtet, niemals über die heilige Dreieinigkeit zu predigen, die Erbsünde zu ignoriren und die Gottheit Christi unberührt zu lassen? Es sind doch beide reformirte Kirchen, und wer der einen oder der andern diese Eigenschaft absprechen wollte, würde gegen jede einen harten Stand bekommen. – Wie es unter der Geistlichkeit von Schaffhausen beschaffen war, wie die Lehre des verstorbenen Antistes Kirchhofer und diejenige einiger seiner jüngern Mitbrüder harmonirte, das mag bei Manchen, die nicht blos auf das Predigthören sich beschränken, sondern auch wissen, was gepredigt werden soll, noch in Erinnerung seyn.

Hat es etwa an Solchen gefehlt, die vor wenigen Jahren, da Strauß nach Zürich berufen wurde, nur auf der Lauer lagen, um zu beobachten, wie es sich wenden würde, bereit, dem neuen Lichte sich zuzukehren, so dieses auf den Scheffel sollte erhoben werden, aber auch sich zu bequemen, nothdürftig an dem alten ferner zu schüren, so lange die Mehrheit diesem noch sich zuwenden wolle? Es ist zur Zeit jener Berufung ein Pfarrer genannt worden, der eines Sonntags im Sinne des Mythologen vor seiner Gemeinde aufgetreten seye, inzwischen aber die Weisung erhalten habe, diese stimme mit ihm gar nicht überein, daher am kommenden Sonatag ganz geschmeidig Christum wieder als das gelten ließ, wofür die Gemeindegenossen[459] ihn haben wollten. Ein solches Verfahren würde gewiß niemals zu der Frage führen: »ob der Betreffende Protestant von Herzen seye?« Diejenigen, welche es damals bekannt haben und noch bekennen, daß Strauß im Grund doch Recht habe, daß man aber das Volk nur allmählig zu seiner Einsicht heranbilden könne und müsse, unterscheiden sich von Manchen, die erst nach dem Mißglücken des Versuches wider ihn aufgetreten sind, blos durch größere Ehrlichkeit. Oder fanden sich keine »Diener des Worts,« die an innerem Halt, an Gediegenheit des Charakters, an Würdigkeit ihres Wesens mit jenen Zeitungsfabrikanten es hätten aufnehmen können, welche Weitling, so lange er noch in der Waat und in Genf schriftstellerte, als neuen Genius der Menschheit, als Apostel einer künftigen socialen Glückseligkeit verherrlichten; hierauf, als er zu Zürich in dem Kerker saß und auf den Schub geliefert wurde, nur noch von dem »Schneider Weitling« zu sprechen wußten? Gab es nicht Leute, die formell wider Strauß auftraten, materiell so sehr nicht von ihm abweichen mochten; sobald aber die Sachen den bekannten Gang nahmen, auf jenes großes Gewicht legten, indeß bei anderer Wendung dieses, als Beweis, daß man gegen den Fortschritt auch nicht ganz eingerostet seye, hätten aufrufen mögen? Ein rechter Passe-par-tout schließt Pantheon und Gemonien auf, je nachdem die Umstande es anrathen, und der Mann, in dessen Händen er liegt, denselben anzuwenden weiß.

Sicher hat in der protestantischen Kirche Dr. Paulus einen weitschallenden Ruf und großes Gewicht, und schwerlich würde er sich das Prädikat eines echten Protestanten rauben lassen, wenn er schon die Apostel Packesel Jesu Christi nennt und den Tod des Erlösers läugnet. Aber nimmt Claus Harms jenes Prädicat nicht ebenfalls in Anspruch? Wer kennt nicht Wöllners Religionsedikt, womit er dem zerfallenden, durch seine Lehrer zernagten Protestantismus beispringen wollte? Und zwanzig Jahre später sucht in ebendem Berlin, in welchem Wöllner die Reste des Glaubens retten zu können wähnte,[460] ein als Hauptförderer des vorwärts schreitenden Protestantismus uns gepriesener Prediger und theologischer Lehrer die Auferstehung Christi als eine gleichgültige, das Wesentliche des Christenthums nicht berührende Sache zu beseitigen, und fordert auf: »den heiligen Manen Spinoza's eine Locke zu opfern.«

In eben diesem Berlin jubelten Einzelne über Einführung der neuen »Kirchenagende für die Hof- und Domkirche,« Andere ließen sich durch Flachhauen über deren Vortrefflichkeit belehren und noch weit Mehrere kamen ihr mit Bücklingen entgegen; Röhr aber urtheilte in seiner Prediger-Bibliothek darüber: »sie habe die alten Formulare selbst zu überbieten gesucht; d.h. in der Wiederaufstellung altgläubiger Dogmen und in der Geltendmachung einer Erlösungstheorie, welche der anthropopathischen Vorstellung von Gott, die unsere redlichfrommen (das Beiwort ist bemerkenswerth) Altväter hegten, völlig angemessen war, die sich aber bei der reinern religiosen Begriffsweise unserer Zeit (!!) nicht mehr zu rechtfertigen im Stande seye.« – Dräfecke und Sintenis in Magdeburg, Guericke und Wegscheider in Halle werden doch insgesammt »von Herzen« der protestantischen Kirche zugethan seyn wollen; an welche soll man sich halten, oder kann man Allen von ihnen gleichzeitig beipflichten? In der Veranlassung zu Kählers Schrift: »Ueber die doppelte Ansicht: ob Christus ein jüdischer Landrabbiner oder Gottes Sohn gewesen seye,« in dieser selbst, so wie hinwiederum in Demjenigen, welcher dieselbe in den »Heidelbergischen Jahrbüchern« zerzauste, machte der Protestantismus sich geltend; bei welcher aber dieser abweichenden Meinungen fand sich der richtige? – (Möge man sich nebenbei an Luthers »verteufelte, eingeteufelte und durchteufelte Sacramentirer« – Zwinglianer – und an Zwinglis Lutheraner erinnern, »die nach Knoblauch und Zwiebeln in Aegypten schmecken und auf den Zurzacher Markt gehören, wo gilt: Bescheiß wer mag!«). – Der protestantische Kirchenvater Röhr schrieb in seinen Briefen über den Rationalismus schon im Jahr 1813: »Da ein namhafter Theil gelehrter Theologen, bald vermöge gewisser[461] unauslöschlicher Jugendeindrücke, bald aus einer tadelnse werthen Besorgniß für die Autorität der biblischen Urkunden, bald aber auch aus bloßer Anhänglichkeit an das Alte und aus Abneigung, das erste Princip ihres Systems zu prüfen, dem Glauben an eine unmittelbare Offenbarung von Religionswahrheiten huldige, so könne es nicht befremden, daß dieser Glaube unter der Masse des Volkes noch einheimlisch seye, bis sie Antheil nehme an der Cultur der Weisen und Gelehrten.«

Es ließe sich ein reicher Schatz der erbaulichsten Aeusserungen und Vorgänge, welche solchen herzlichen Protestantismus beurkunden, aus allen Ländern zusammentragen. – Als Stern erster Größe an dem Himmel des sächsischen Protestantismus glänzte z.B. bei vierzig Jahren Rosenmüller in Leipzig. Dieser unternahm es, das apostolische Symbolum zu saubern, indem er die Sätze: »empfangen vom heiligen Geist,« »geboren aus Maria der Jungfrau,« »Auferstehung des Fleisches,« wegprotestantisirte. Voriges Jahr drang ein jüngerer Geistlicher auf Herstellung derselben. Darob entstand Spaltung, indem die Einen Rosenmüllers Autorität, die Andern diejenige des Symbolums vertheidigten. Aus dieser Fäulniß wurde das Ungeziefer von Flugschriften erzeugt; es hieß: man wolle ein neues Papstthum einführen, die Leute in den verschollenen Obscurantismus zurückdrängen, u.dgl.; endlich befahl hochweiser Stadtrath: es solle bei Rosenmüllers Säuberung einsweilen sein Verbleiben haben. – Welches sind nun die wahren Protestanten, Rosenmüller, Stadtrath und Mithafte, oder einige jüngere Geistliche? Oder wäre Verneinen und Bejahen gleich möglich?

Will man aber von dem strengern Gebiet der Dogmen noch ein wenig auf demjenigen der Moral sich umsehen, so dürfte auch da, in Betreff des Protestantismus von Herzen, allerlei Curioses zum Vorschein kommen. Der Generalsuperintendent Henke würde einen sonderbar angesehen haben, hätte man ihn nicht zu den Protestanten zählen wollen; er dagegen zählte die. Monogamie und das Verbot unehelicher Vermischung[462] unter die Ueberbleibsel des Mönchthums. – Sein Zeit- und Amtsgenosse Canabich beseitigte in seiner praktischen Religionslehre (für Viele gewiß sehr praktisch) das sechste ( V II.) Gebot gänzlich: da ja ein gemässigter sinnlicher Genuß der Liebe ausser der Ehe so wenig als in der Ehe, der Sittlichkeit zuwider seye, nur müsse man Obacht geben, daß man dabei weder an Ehre noch an Gesundheit Schaden nehme; – nut andern Worten dasjenige, was vor mehr als dreissig Jahren ein Pfarrer zu Basel einem jungen Menschen als Lebensregel für die Fremde mitgegeben hatte: Si vous ne craignez pas Dieu, craignez au moins la verole. Dieser Ehrenmann stand aber weder im Verdacht des Katholizismus, noch in demjenigen, die Jesuiten zu begünstigen; daher schwerlich Jemand beigefallen wäre, an seinem Protestantismus »von Herzen« zu zweifeln. – Hegel und Rosenkranz, der Herausgeber des Erstern, sind zwar nicht Geistliche, aber der Eine war und der Andere ist Universitätslehrer, Lehrer an einer Anstalt, durch welche die Blüthe der Jugend, und daher Viele, die für den geistlichen Stand sich bestimmen, ihre wissenschaftliche Bildung erhalten. Welchen Einfluß nun können nicht Lehrer üben, von denen der Eine in entsetzlicher Ruchlosigkeit den Satz aufstellt: »die griechische Knabenliebe ist noch wenig begriffen. Es liegt eine edle Verschmähung der Weiber darin, und deutet darauf, daß ein Gott neu geboren werden solle;« wozu der Andere die Bemerkung macht: »das Christenthum schuf den Gedanken der von der Sinnlichkeit unbefleckten Mutter, welche den Menschen gebiert, der sich mit Gott Eines weiß. Das Christenthum stellt damit das Weib dem Manne gleich; es emancipirte das Weib und vernichtete damit natürlich die antike Romantik der Knabenliebe?«

Die Parallelen könnten noch unendlich weit fortgesetzt werden. Man blicke nur auf die mehr als hundert Sekten Englands, deren nicht eine den Namen von Protestanten oder Reformirten sich würde streitig machen lassen. – Welchen Sinn kann mithin eine derartige Frage haben, sofern man nicht behaupten[463] will, das Abgekehrteste und Widersprechendste lasse sich auf übereinstimmende positive Lehren zurückführen?

Darum ist es allerdings ein scharfes, aber von einem, den meine Widersacher zugleich mit mir als einen der Trefflichsten anerkennen werden, von Claus Harms geäussertes Wort: »Daß er alle Lehren, in denen die Protestanten noch einig wären, auf den Nagel seines Daumens schreiben wollte.«

Aber, wird man sagen, die heilige Schrift, vorzüglich das neue Testament, sind das einigende Princip! Weiß man denn nicht, daß alle Secten, auch diejenigen, die am weitesten auseinander gehen, hierauf sich berufen? Oder will man das Bindende und Maaßgebende der heiligen Schrift auf jene allgemeinen Notionen und moralischen Vorschriften beschränken, die man bei Plato und Confucius, bei Seneca und in den indischen Vedams findet, und damit dem Ausspruch des Professors Paulus beipflichten: »man hätte gleich bei der Reformation das neue Testament abschaffen sollen, indem eine positive Religion noch zu den Vorurtheilen der Apostel gehört habe; daß dasselbe nur zu Schwärmerei führe und man ohne dasselbe, und auch wenn der Name Jesu ganz in Vergessenheit käme, sich mit Religion genugsam behelfen könnte.« Endlich mag noch daran erinnert werden, wie erst Auslegungskunst und Accomodationslust, laut jubilirend über ihren gründlichen und ungetrübten Protestantismus, gewetteifert haben, die heilige Schrift auf ein mildheimisches Noth- und Hülfsbüchlein zu reduciren, wie sodann die höhere Kritik uns dieselbe unter den Händen escamotirt, bis endlich unter Straußens Behandlung Alles in eine Mythe sich verwandelt und in seinen Nachfolgern in Dunst und Dampf und zuletzt in noch Schlimmeres sich verflüchtigt hat.

Oder wäre etwa die Zeit vorüber, in welcher Johann v. Müller gegen einen seiner Berlinerfreunde in die Klage sich ergoß: »Selbst Theologen (d.h., was man jetzt evangelische nennt) machen sich's zum Geschäft, die Grundsätze des ächten Christenthums in einem seichten Deismus zu verschwemmen;[464] die Grundlehren des Christenthums nennen sie theologische Vorurtheile; ihre Religion ist nun zu einer armseligen Hütte geworden, die kaum noch gegen Wind und Wetter deckt. Es existirt eigentlich unter den Protestanten keine Kirche mehr, d.i. eine Verbindung von Christen, die durch denselben Glauben und dieselben religiösen Grundsätze und Heilsmittel vereinigt sind; sondern ein Hause von Menschen, wovon – vorzüglich unter den cultivirten und gelehrten Ständen – der geringste Theil dem Luther, Calvin, Zwingli u.s.w. mehr anhängt, der größere aber seinen eigenen Meinungen folgt, so falsch und irrig sie auch seyn mögen, und die Schrift als ein bloßes Vehikel behandelt, in welches man – der weniger aufgeklärten, noch zu bigotten und abgöttischen Bibelverehrer wegen – die Moral einhüllen müsse; indessen der größte Theil die ganze heilige Schrift, die Offenbarung und die Dogmen des Christenthums verwirft und dem Deismus, dem Halbbruder des Atheismus, huldigt.« – Wie kommt es aber, daß man gegen diese so weit verbreitete Erscheinung gleichgültig ist, blos im Privatgespräch sie beseufzt, etwa in einem Blatt der eigenen Färbung Klage darüber führt, anneben mit ihr, zumal wenn es gegen die katholische Kirche geht, gute Brüderschaft pflegt, als wandelte man vollkommen auf gleichem Wege, als huldigte man gleicher Wahrheit, als strebte man einem gleichen Ziele entgegen? Wie kommt es, daß man dem Hinwegnehmen, bis auf das Letzte hinab, mit der heitersten Ruhe zusehen kann, aber schon die bloße und dazu noch grundlose Furcht, es könnte Etwas gegeben werden, solchen Allarm veranlaßt? Sollte es daher kommen, daß das Wegwerfen und Verläugnen eines Theils der Wahrheit auch gegen den zurückbehaltenen gleichgültig macht, hiemit nach der einen Seite keine innere Festigkeit, nach der andern nur diejenige des blinden Ungestüms vorhanden seyn kann?

Denn jene Alle, sowohl diejenigen, welche dem Standpunct ihrer Vordermänner noch so ziemlich nahe sich gehalten haben, wie jene Andern, die von demselben ins unbemessene Blaue[465] hinausgeschritten sind, sie Alle haben ihres Protestantismus zumal sich gerühmt, Bretschneider wie Hengstenberg, Edelmann wie der Pastor Grundtvig, der weitherzige Lichtfreund wie der beengte Pietist; wenn gleich Dieser scheel sieht auf Jenen, weil er mit dem, was ihm als Wahrheit gelte, allzufrevelhaft verfahre, der Eine dagegen über die Achsel blickt auf den Andern, weil sein starrer Formalismus zu plump seye, um der vor drei Jahrhunderten ergangenen Bewegung der Geister zu folgen. Alle aber, wie auch Gemeinschaft und Einigung unter ihnen sonst nicht zu finden ist, wagen es, der Welt laut zu verkündigen: »der Mensch ist frey in seinem Glauben von aller menschlichen Gewalt und in seinem innwendigen Menschen Niemand unterthan, denn allein Gott und seinem Worte,« nur wird von den Meisten noch beigefügt – und seiner Vernunft. Und doch gerieth dieser, von aller Gewalt unabhängige inwendige Mensch in etwelchen argen Conflict da, wo er einer neuen Agende nicht fügsamlich unterthan werden, wohl gar bei dem Glauben, gerade so wie sein Urglaubensvater Luther denselben formulirt hatte, verbleiben wollte.

Wie abgekehrt und widerstrebend jedoch die zahllosen Meinungen seyn mögen, der einigende Punct fehlt ihnen nicht, nur finden sie denselben nicht in dem Positioen, sondern blos in der Negation; blos darin, daß sie nicht allein Dieses oder Jenes in der katholischen Kirche, sondern daß sie überhaupt die Kirche selbst verwerfen. Es ist nicht die Liebe zu einander, es ist blos der gemeinsame Haß gegen diese, welcher sie einigt. Der Haß aber ist keine bauende Kraft, einzig in der Liebe wohnt eine solche; darum hat sich auch keine sogenannte evangelische Kirche, welche diese Benennung wahrhaft verdiente, erbaut, höchstens Werkstücke liegen umher, wie in jenem Bilde des Hirten. Was schon im 13ten Jahrhundert Reiner von den Irrlehrern seiner Zeit gesagt hat, gilt noch vollkommen gleich von denjenigen, deren Feldgeschrei seit dreihundert Jahren Licht, Wahrheit, Freiheit ist: »Die Irrlehrer, sagt er, sind unter sich in Secten getheilt,[466] jedoch im Ankämpfen wider die Kirche geeinigt. Finden sich Irrlehrer in demselben Hause zusammen, da streiten, während die eine Secte die andere verdammt, alle gleichzeitig gegen die römische Kirche.«

Dieser Eifer hat dem Doctor Hengstenberg in Berlin, bekanntlich für die positiven Lehren des Christenglaubens, welchen die Stifter der Reformation bei ihrem Austritt aus der Kirche mitgenommen haben, einer der eifrigsten Streiter, einen sonderbaren Streich gespielt. Man kennt die Entschiedenheit, mit welcher er gegen Paniel in Bremen, gegen Sintenis in Magdeburg und ähnliche betrübende, leider aber mit vollem Recht ächt protestantisch zu nennende, Erscheinungen stets aufgetreten ist. Ich zollte diesem Verfechter geoffenbarter Wahrheit zu jener Zeit den aufrichtigsten Beifall. Man weiß, mit welcher Entschiedenheit dieser Vorkämpfer die Hauptlehren derselben: von der Erbsünde, von der göttlichen Natur Christi, von der Erlösung durch seinen Tod, Lehren, welche ohne die katholische Kirche den Protestanten längst abhanden gekommen wären, mit aller Macht ponirt, durch alle Gründe unterstützt, mit vielerlei Aufwand von Gelehrsamkeit vertheidigt. Ich bin sicher, daß Niemand auftreten und mir vorwerfen kann, jemals von diesen Lehren nur um ein Jota gewichen zu seyn. Nun war in seiner Kirchenzeitung Nro. 95, 96, Jahrg. 1840, ein Aufsatz zu lesen unter der Aufschrift: »Der Hauptpastor Wolf und das Hamburger Ministerium.« Diesem Wolf wird nachgewiesen, daß er an Christum gar nicht glaube, denselben auch nicht lehre, den Namen eines christlichen Geistlichen gar nicht verdiene, die Hamburger Geistlichkeit überhaupt auf arge Weise von der Bahn ihrer Pflicht und ihres Berufes gewichen seye. In den gleichen Nummern dieser Zeitung dann fand sich ein, durch Verdrehung, Entstellung, Verläumdung Alles überbietender Aufsatz unter dem Titel: »Dr. Friedrich Hurter und die evangelische Kirche Schaffhausens,« in welchem mich der Vorwurf trifft, daß ich an Christus in der strengen und bindenden Form der katholischen Kirche glaube und deßwegen, weil[467] katholische Sympathien den höchsten Unwillen des Glaubenswächters erregt hatten, raset hier der Haß noch wilder. Man steht, welche Bedeutung in dem Munde dieser Leute das Wort, hat: »werdet nicht der Menschen Knechte.« Glaubet ihr, was Andere glauben, uns aber nicht gefällt, dann seyd ihr Knechte, frei nur dann, wenn ihr glaubet, was wir, oder am Ende auch gar nichts. Wer daher nicht gerade in derjenigen Form glaubt, die sie beliebt haben, der fällt in die Brüche; doch nie so tief hinab derjenige, der gar nichts glaubt, als derjenige, der über ihre Formel hinaus glaubt. Wir haben uns mehrmals an der zwischen Rationalismus und Pietismus freudig eingegangenen Offensiv-Allianz wider Alles, was die katholische Kirche berührt, oder derselben eigenthümlich ist, im Kleinen wie im Großen ergötzen können. So wie aber die Allianz wieder sich löst, kann der Rationalismus sich überzeugen, daß er der Gefoppte gewesen seye.


Indeß konnte jene an mich gerichtete Frage zugleich noch eine, dem »evangelisch-reformirten« oder protestantischen Princip offen widersprechende an sich genannt werden. »Denn, wenn der Mensch frey seyn soll in seinem Glauben von aller menschlichen Gewalt, und in seinem innwendigen Menschen Niemand unterthan,« so folgt doch nothwendig daraus, daß er noch freyer seyn müsse und noch weniger unterthan seyn dürfe menschlicher Gewalt in demjenigen, was den Glauben höchstens von ferne berührt, wie z.B. die Auffassung geschichtlicher Erscheinungen in der Vergangenheit, anderweitiger Einrichtungen in der Gegenwart. Wird das Princip der freyen Forschung, was doch ebensoviel sagen will, als in seinem Glauben von aller menschlichen Gewalt frey seyn, als oberstes aufgestellt, so muß doch dieses unfehlbar die Befreyung von menschlicher Gewalt nicht blos nach der Gegenwart, sondern weit mehr noch nach der Vergangenheit in sich schliessen, und kann Alles, was von Menschen ausgegangen ist, wer nun diese seyn und zu welcher Zeit[468] sie gelebt haben mögen, für ihn, der den letzten und höchsten Bestimmungsgrund in sich selbst trägt, weder zur Richtschnur noch zur Schranke werden. Alle menschlichen Formeln, von wie Vielen auch dieselben einst gutgeheissen und von woher auch die Sanction ihnen ertheilt worden, können als richtige Mitte nur so lange gelten, als der Mensch sie anerkennen und in freyem Willen über sie nicht hinausschreiten mag. Fiele es ihm aber ein, von dieser, durch die Formmel selbst, durch die Weise ihres Entstehens und durch das Wesen derjenigen, die sie aufgestellt haben, ihm vollkommen eingeräumten Befugniß des freyen Willens Gebrauch zu machen; bliebe hiebei für Andere gar nichts übrig, als das Zusehen, wie er nach der Linken immer weiter bis