Amerika

November 1885 bis Juli 1886


Meine erste Amerikareise war einstweilen zur beschlossenen Tatsache geworden, der Kontrakt, der mich über drei Monate an die Metropolitan Opera in New York band, unterschrieben, und auf der »Eider« (Bremer Lloyd), die am 4. November abging, für mich und meine Begleitung bereits Plätze belegt.

Seit einigen Jahren schon merkte man, daß Hülsen nicht mehr der Alte, sein Interesse am Beruf vermindert, sein Zepter nach und nach in die Hände des Direktors der Oper geglitten war, der es Hülsen zwar bequem machte, aber nicht zum Wohle der Kunst auf seine Art waltete. Dieser war weder mein Freund noch der unserer autoritativen Kollegen, die ihm leicht in die Karten zu sehen verstanden. Einige junge unbedeutende Kräfte wurden protegiert, ältere zurückgesetzt; am liebsten wäre man diese ganz los geworden. Viel zu vernünftig, fand ich es selbstverständlich, daß eine oder die andere meiner alten Rollen an jüngere Sängerinnen abgegeben wurden, die doch auch vorwärts kommen wollten. Dafür aber sollte man mich durch andere Rollen entschädigen, was man zu tun vergaß. Auch war ich seit längerer Zeit schon bedeutend weniger beschäftigt als sonst, was bei meiner geringen Gage von 13500 Mark und 45 Mark ungarantiertem Spielgeld, das mir der Kaiser auf 90 Mark erhöht hatte, bei so reduzierter Beschäftigung einen großen Ausfall bedeutete. Wäre mir nicht auch hier ein glücklicher Zufall zu Hilfe gekommen, würde man mich wahrscheinlich vor meiner Abreise nur noch im Feldlager – das mir zum Leide wieder einstudiert wurde – die Vielka haben singen lassen. Frau von Voggenhuber erkrankte plötzlich schwer. Da Frau Sachse die großen dramatischen Rollen eigentlich gar nicht sang, sah man sich plötzlich der unangenehmen Tatsache gegenüber, weder die eben neueinstudierte Lucrezia Borgia noch die große Zugoper Walküre geben zu können. Vier Wochen trennten[99] mich noch von meiner Abreise in die neue Welt, in denen ich meine Dienste »dem Vaterlande« hätte widmen können. In der ersten Verlegenheit griff man auch dazu und ließ mich wirklich Brünnhild und Lucrezia singen, mit denen ich mich längst vertraut gemacht. Letztere mahnt mich an eine wirklich komische Episode. Man hatte der Oper Lucrezia Borgia das reizende Ballet: Wiener Walzer angehängt, dessen Schlußbild im Wurstelprater spielte. Mehrere unserer Kollegen beteiligten sich daran, und Betz und mir fiel es nach der Oper ein, den Scherz ebenfalls mitzumachen. Im Hausanzug, von einem roten Sonnenschirm beschützt, mischten sich Arm in Arm Betz-Alfonso und seine giftmischerische Gattin Lehmann-Lucrezia unter die heitere Volksmenge des Wurstelpraters. Plötzlich sahen wir, wie mein von mir eben erst unversehens vergifteter, mausetoter Sohn Genaro (Paul Kalisch, der neuengagierte Tenor) einer daherwandelnden Amme das Kind vom Arme nimmt, es in einen Korbwagen legt und nun damit – immer hinter dem herzoglichen Paare – herfährt. Des Lachens war kein Ende, in das selbst Hülsen, der gute Miene zum lustigen Spiel machte, einstimmte.

Vom 4.–19. Oktober sang ich beide Rollen je zweimal und hätte sie bei ihrer Zugkraft bis zum 4. November noch öfter singen und damit dem Theater nützen können. Hülsen war von beiden Rollen außerordentlich befriedigt, eine Anerkennung, die mir wieder ehrliche Freude bereitete. Um so mehr wunderte ich mich, sie nach dem 19. Okt. nicht mehr angesetzt zu sehen. Während der letzten Vorstellungen lud mich die Firma Steinway in London ein, ihre neue Konzerthalle am 22. Oktober mit dem Pianisten Franz Rummel einzuweihen. Da ich unbeschäftigt, sandte ich Hülsen das Telegramm mit der Frage, ob ich für zwei Tage entbehrlich sei? Am 24. stünde ich wieder zur Disposition, doch läge mir, so bald vor meiner großen Reise, gar nichts daran, wenn er es abschlüge. Hülsen ließ mir nach einigen Stunden sagen, daß er den Urlaub bewillige, da ich vor Amerika nicht mehr auftreten würde. Merkwürdig! Frau von Voggenhuber krank; Niemann mußte, unbeschäftigt, ausbezahlt werden; große Opern konnten ohne mich jetzt nicht gegeben werden, und dabei saß ich unbeschäftigt und von Rechts wegen unbeurlaubt noch elf Tage in Berlin! Das hieß doch mindestens die kgl. Kasse schädigen! Und nicht einmal der[100] Mühe wert hatte man gefunden, mir mein letztes Auftreten vorher anzuzeigen oder das Publikum davon zu verständigen.

Im Londoner Konzert wurde mir ein prachtvoller Kranz von »Bayreuther Verehrern« überreicht, und durch Mr. Bambridge ließ mich der Herzog von Edinburgh zu einem Kirchenkonzerte bitten, das ich aber meiner bevorstehenden Reise nach den Vereinigten Staaten halber leider absagen mußte. Ich war ehrlich müde nach all der Arbeit, sehr nervös, mochte nicht lange in dem traurigen Oktobernebel sitzen, mich nicht von England sondern lieber von Bremen einschiffen.

Nach Berlin zurückgekehrt, frug ich Strantz nach der mir noch immer unbekannten Ursache der merkwürdigen Behandlung, worauf er mir entgegnete: »Wissen Sie, liebe Lehmann, es ist uns lieber, Sie gehen vierzehn Tage früher und kommen vierzehn Tage früher wieder.« Nun wußte ich, woher der Wind wehte, noch ehe ich Seefahrerin geworden, und konnte mich des Mißtrauens nicht erwehren, daß ich den so überaus bereitwillig erhaltenen Urlaub für Amerika, London usw. bereits der Regie zu danken haben mochte, die mich wahrscheinlich je ferner, je lieber sah. Daß mein Argwohn nur zu begründet, bewiesen die kommenden Ereignisse. Herrn von Strantz sagte ich gründlich, was ich dachte, ehe ich dem Hofoperntheater Lebewohl sagte.

Der Abschied von der Heimat, die erste Reise über den weiten Ozean in eine andere Welt, wo mich nur Unbekanntes erwartete, machten mir das Herz schwer. Tat ich auch mutig, meinen Tränen konnte ich nicht gebieten, als ich auf dem kleinen Dampfer »Willkommen« der großen »Eider«, mit meiner kleinen lieben Begleiterin, Hedwig H., entgegenfuhr, um Europa für Kurze Zeit – wie ich damals glaubte – den Rücken zu kehren, was mich nicht hinderte, mich oft noch nach ihm umzublicken.[101]


Als ich der ehernen Gestalt unseres Kapitän Hellmers ansichtig ward, der am Schiffszugang seine Passagiere begrüßte, reichte ich ihm vertrauensvoll mit der festen Überzeugung die Hand: dieser Mann wird über uns wachen! Das Schiff, das uns von weitem so klein erschien, wuchs zusehends vor unsern Augen, in welchem jede einzelne Passagierklasse während der 10–12 Tage Überfahrt eine einzige Familie bildete. Schnell waren wir in einer Mittschiffskabine eingerichtet, und wohl verhüllt eilte ich wieder hinauf, Luft und Meer zu genießen. Vorbei ging's am roten Sandleuchtturm die Weser hinunter in die Nordsee; an Feuerschiffen der holländischen Küste vorüber, und tapfer hielt ich den Wellenbewegungen stand. Schon hier nahm ich mich mit schwerem Essen und Trinken in acht und blieb in frischer Luft, bis mich die Nacht zu Bette zwang. Am Morgen jagten uns Trompetensignale, unter denen Siegfried- und Schwertmotive nicht fehlten, aus dem »Sarg«, wie ich mein Kojenbett – das viel Ähnlichkeit mit ihm hatte – zu nennen liebte, und nur an Sonntagen waren es fromme Choräle, die zum Frühstück Gesunde und Kranke luden, denen bei dem bloßen Gedanken nur noch übler wurde. Noch war die Schiffsbewegung gering, Waschen und Anziehen vollzog sich ohne Störung, und schnell ging's vor dem Frühstück noch auf Deck. Um 10 Uhr passierten wir Dover und fuhren nun an der mir wohlbekannten, prachtvollen »Isle of Wight« entlang, von deren Felsen ich schon manch einen überseeischen Dampfer mit der leisen Frage hatte vorbeifahren sehen: ob auch ich einst auf einem solchen hinübergleiten würde in die neue Welt? Nun bogen wir auch schon in die kleine Wasserstraße nach Southampton ein, die schlechteste Ein- und Ausfahrt für große Dampfer, wo wir Passagiere, die über England kamen, und Post einnahmen. 900 vollgefüllte leinen Briefbeutel, unter denen eine lederne, festverschlossene Posttasche »der[102] Bismarck« genannt, mir auffiel; ferner 17 Millionen in Gold, in kleine Kisten verpackt, an denen je zwei Mann schwer trugen, und die der Schatzmeister in Empfang nahm. Dann sagten wir dem letzten europäischen Anlegepunkt Lebewohl und fort gings bei prächtigem Wetter in mir noch unbekannte Weiten. Noch blieb Wight dicht neben uns; aber mit dem Passieren der entzückenden »Needles«, wo ich meiner jungen Nichte Hedwig Helbig einen herzlichen Kuß für die zu verlassende Heimat gab und sie in ihr umschlang, verlor der Blick auch diesen letzten Halt, wir waren dem Festlande entrückt und dem Ozean preisgegeben. Der ganze Anprall desselben machte sich uns in weiten Wogen vom Fuß bis in die Kopfnerven hinauf bereits fühlbar, und schleunigst suchten wir unsere »Särge« wieder auf, um vorderhand einmal 36 Stunden darin zuzubringen und eine günstige Gelegenheit abzuwarten, die es erlauben würde, uns wenigstens sukzessive zu reinigen und anzuziehen. Immer noch recht wacklig, schlich ich mich am zweiten Tag auf Deck, wo ich gleich von dem ersten Offizier – einem ollen tüchtigen Seebär – mit den Worten empfangen wurde: »Na, nu hatten Sie sich in der Nordsee so tapfer gehalten und lassen sich nun doch noch unterkriegen!« Na ja, ich schämte mich ja auch vor ihm, vor allen andern, denen es einst doch auch nicht besser ging. Ist's denn aber eine so große Schande, wenn man als Erdkloß, der sich nur auf stillstehender Erde – was man von unserer Erde so stillstehen heißt – zu bewegen gewöhnt, sich nicht sofort den ewig wechselnden Bewegungen eines vom Ozean herumgeschleuderten Schiffes anzupassen vermag? Wir ließen uns, gleich allen Damen, von fremden Herren bemuttern oder bevatern, uns auf Liegestühlen in warme Decken wickeln, von Stewards, die uns Früchte brachten (ein Labsal für arme Seekranke), wie neugeborene Kinder verhätscheln, denen man nach der scheußlichen Krankheit verteufelt ähnlich sieht. Sehr stolz bin ich aber darauf, daß ich, auch bei schlimmstem Wetter, nie wieder rückfällig wurde.

Kapitän Hellmers, der sich ganz besonders um uns mühte, hatte mir schon bei der Ausfahrt die Kommandobrücke als besten Aufenthalt angewiesen, eine Auszeichnung, die ich nicht zauderte, mir nutzbar zu machen. Dabei lernte ich Hellmers als Prachtmenschen, seine Offiziere, den ganzen Ton des Schiffes kennen.[103]

Hellmers nahm es heilig ernst mit seinem so verantwortungsvollen Amte, sah nach allem und jedem, hielt peinlich auf Ordnung und Sauberkeit; er war ein Mann, in dessen Hut man sich geborgen fühlte. In der Weser und im Kanal kommt der Kapitän nicht zur Ruhe; beide Wasserstraßen verlangen seine ganze Aufmerksamkeit und Vorsicht; allüberall muß er die Augen haben, denn selbst wenn die Lotsen an Bord sind und das Kommando übernehmen, bleibt der Kapitän der verantwortliche Mann. Auf einer andern Fahrt mit Hellmers war ich Augenzeuge einer recht unangenehmen Szene. Wir fuhren gegen Abend bei herrlichem Wetter in den Newyorker Hafen ein, der Lotse kommandierte. Um nicht zu stören, saß ich abseits, während das Schiff durch beleuchtete Bojen hindurchfuhr. Auf einmal sah ich Hellmers an mir vorbei nach dem Achterdeck stürmen und hörte ihn mir zurufen: »Wie die Kinder sind sie, man darf ihnen keinen Augenblick trauen.« Und dann fühlte ich unsern Riesenkasten – es war die »Lahn« – sich rückwärts bewegen, um aus dem falschen Fahrwasser zu kommen, in das sie der Herr Lotse hineinkommandiert hatte. Erst im Atlantischen Ozean, wenn alle Küsten außer Sicht sind, darf der Kapitän sich Ruhe gönnen, das Schiff mit den 2000 und mehr Passagieren und allen seinen Schätzen auf Stunden seinen Offizieren anvertrauen.

Der Ozean ist öde. Man sieht sieben Meilen vor-, rückwärts, links und rechts, und weiter noch, wenn ein Mast am Horizont auftaucht, oder auch die Rauchlinie eines vorüberfahrenden Dampfers. Seitdem die Schiffsrouten geregelt sind, begegnet man oft tagelang keinem einzigen. Manchmal sieht man Schweinsfische zu Hunderten um das Schiff herum ihre Kapriolen ausführen, sich hoch aus dem Wasser schnellen und schleunigst wieder untertauchen; sieht man sie zufällig vor seiner Kabinluke rauf- und runterhopsen, muß man laut auflachen, so lustig sind die Kerle. Äußerst selten gewahrt man den Kopf eines Walfisches oder sieht sie weit entfernt ihre Fontänen aufspritzen; sieht ein bißchen Tang oder Holz im Golf treiben, Tausende von kleinen grauen Enten in der Nähe Neufundlands oft in schwerer nördlicher Dünung am Schiffe auf- und untertauchen, und das ist eigentlich so ziemlich alles, was der Ozean Reizvolles im Winter bietet. Immer aber reinste salzige[104] Meeresluft, von der man gar nicht genug einatmen kann. An den berüchtigten Banks vor Neufundland stürmt und wettert es immer kalt und unfreundlich. Das genierte uns aber nicht mehr. Die Nähe der amerikanischen Küste, wo um diese Zeit noch immer Prachtwetter herrscht, machte ihren Einfluß bald darauf geltend. Damit war auch der Tag des Schiffskonzerts zum Besten der Seemannskasse gekommen, bei dem mitzuwirken kein »fahrender Künstler« sich ausschließt und aller »fahrenden Dilettanten« Ambition ist. Diesmal spielte Herr Leo Lorenz (Kompagnon von Wesendonks Bruder in Newyork) mit dem Schiffsarzt ein Violinduett, ich sang, andere spielten und deklamierten; am Schluß wurde Haydns Kindersymphonie von lauter Dilettanten aufgeführt mit einer »Wachtel«, die – wie sich der »geschätzte Dilettant« ausdrückte – von meinem Taktstock mehr geschlagen wurde, als sie selber schlug. Hedwig H. akkompagnierte das ganze Konzert. Gleich nach dem dinner – das Konzert fing eine Stunde später an – wurde es in den Kabinen lebendig. An den Türen sah man Notenhefte mit Stecknadeln befestigt, hörte Skalen singen, geigen, pfeifen, flöten, klappern; Stirnlöckchen wurden wieder riskiert und Schnurrbärte gewichst; ein jeder machte sich extrafein. Heute durfte auch gegen Entree die II. Klasse in den Salon, und nun ging's los.

Nach jeder Pièce wurde dem betreffenden Künstler ein Bukett im Namen des Kapitäns überreicht, das fein künstlerisch aus Hobelspänen und frisch gedrechselten Gemüseblumen bestand und mit bunter Maschinenputzwolle geschmückt war.

Diese Unterhaltungen wiederholen sich auf allen Fahrten; das Konzert, die Wetten auf die Lotsennummer, ein paar Spiele bringen etwas Abwechslung in das ewige Einerlei, das hauptsächlich aus kolossalen Fressereien besteht – denn anders kann man die ellenlangen Menus, die schon mit dem ersten Frühstück beginnen – nicht nennen. Der Römer sagt, daß der Mensch nicht stirbt, sondern sich zu Tode ißt; von den Ozeanfahrern hat er sicherlich recht. Ein Gutes aber hatte diese Fahrt für mich; ich schief, soviel ich nur schlafen konnte, und stärkte mich auf diese Weise für vergangene und künftige, anstrengende Arbeit; immer schlief ich bei offenem Fenster, sobald der Seegang es erlaubte, und rieb mich allabendlich mit Ozeanwasser ab; denn damals konnte man die[105] Bäder noch nicht, wie in den 90er Jahren, alltäglich und allstündlich haben.

Viele Menschen lernt man kennen auf einer Ozeanreise; viele, denen man, Gott sei Dank, nie wieder begegnet, manche, die sich einem fürs Leben anschließen. Als ich auf späteren Fahrten nicht mehr alles für bare Münze nahm, was sich elegant aufspielte, mußte ich manchmal im stillen denken: na, wer weiß, was der oder jener angestellt hat, und hielt bald jeden dem Kapitän Unbekannten für einen Verbrecher. Der Kapitän hat scharfe Augen und sieht mehr, als er zu sehen zugibt.

Als mir am 14. November früh ein weißer schmaler Streifen rechts am Horizont auffiel, frug ich einen Offizier, ob das wohl Land sein könnte? Hurrah! Es war die amerikanische Küste, und bald sollten wir Fire Island haben! »Wie merkwürdig,« sagte ich zu mir selbst, »daß man doch wieder ankommt?« »Ja,« meinte der erste Offizier, »wir wundern uns auch manchmal, daß wir wieder ankommen!« Was dies heißen sollte, wurde mir erst auf späteren Reisen klar, wo uns schwere Stürme lange Zeit zurückhielten oder auch 40–50 Meilen außer Kurs drängten.

Schon mittags fuhren wir von Sandy Hook in den herrlichen Hafen von Newyork ein. Welche Pracht! Die reizenden, noch mit herbstlich buntblättrigen Bäumen und Sträuchern bestandenen Ufer, aus denen freundliche Häuser hervorlugten; das Meer, das der klare Sonnenhimmel überblaute; Governors Island, von wo allabendlich ein Böllerschuß den Sonnenuntergang verkündet; die Liberty-Statue vor Staaten-Island; und rechts ein phantastisches Gewebe, das sich über Fluß und Städte schwingt: die wundervolle Brooklynbridge! Ein überwältigender Triumph deutschen Genies, der nur immer gewaltiger wirkt, je öfter man in seinem Anblick versinkt. Und hier große und kleine Ferryböte, die Tausende von Menschen, Fuhrwerke und ganze Eisenbahnzüge den Fluß hinüber-, herauf- oder herunterführen. Welch ein Anblick, welch ein Leben! Und über alle dem ein südlich blauer Himmel! Kein Rauch aus Schornsteinen oder Schloten über der Stadt, nur leichte weiße Dämpfe, alles klar und rein. Nun wurde unsere Eider auch wieder majestätisch in der Nähe menschlicher Wohnungen und Werke. Nur die Brooklynbridge ist überirdisch und bleibt's! Unter ihr fahren[106] große Segelschiffe mit hohen Masten und Dampfer aller Arten. Ja dieser Hafen von New York! Wie oft fuhr ich mitten im Winter stundenlang auf einem Ferryboot in Sturm und Regen, Gewitter und Kälte darin umher, oft krachte und barst das Eis nach allen Seiten hin. Und staunend sog ich überglücklich ein, was sich mir da aufdrängte. Wie hab' ich diesen Hafen in mein Herz geschlossen, wie genossen! Keiner von all den Künstlern kann ihm soviel Anhänglichkeit bewahrt haben, keiner ihn mit so dankbaren Gefühlen gegen ein gütiges Geschick und alles Liebe, was mir Amerika gegeben, immer wieder gesehen und bewundert haben.

Wenn in früheren Jahren ein Impresario berühmte Künstler hinüberbrachte zur »Show«, wie man im Westen noch heute Konzerte und Theateraufführungen nennt, ein Wort, das den Leuten von früher her den Begriff von Menagerie und Zirkus verbindet, so wurden sie mit Extra-Reklameboot und Musik im Hafen empfangen. Zu meiner Zeit hatte man eben damit aufgeräumt, die Metropolitan-Opera bedurfte solcher Reklamemittel nicht mehr; nicht einmal Blumen durften auf der Szene mehr gereicht werden; eine Unsitte, an deren Abschaffung ich eifrig mitarbeitete, wie überhaupt an allen die Kunst fördernden Reformen, worauf ich stolz zu sein ein gutes Recht besitze. Diesmal waren nur einige Interviewer der Presse erschienen, die gleich mit der Frage an mich herantraten: »how do you like Amerika?« Mein Gott, wie kann man Amerika beurteilen, ohne noch den Fuß auf seinen Boden gesetzt zu haben? Aber es schupste mich wer, ich solle sagen: großartig, und ich sagte: »very much.« Was durch diese Interviews den Zeitungslesern für Zeug aufgetischt wird, ist haarsträubend, und oftmals wandelt einen die Lust an, ihre unglaublichen Fragen mit noch unglaublicheren Antworten zu übertrumpfen. Aber in Amerika ist man höflich, muß sich und andern Aufregung und Ärger sparen; ein jeder ist sein eigener Herr, und man gewinnt dabei mehr als man verliert. – Regisseur Habelmann bewillkommnete mich im Namen der Direktion.

Die Steuerformalitäten spielen sich noch auf dem Schiffe ab, was aber nicht verhindert, daß man stundenlang auf dem zugigen Pier der Gepäckrevision zu harren gezwungen wird. Man frug[107] mich, ob ich Geschenke mitbrächte? »O nein«, sagte ich, »aber ich hoffe, hier welche zu erhalten!« (Es war nicht mein Ernst.) –

Nun hieß es Abschied nehmen vom Kapitän, den ich mit wahrer Dankesschuld verließ für alle Vorsicht und Pflichttreue, mit der er unsere Fahrt geleitet, und dem ich noch heute eng befreundet bin. Als ich ihn nach zwanzig Jahren frug, warum er nicht mehr »fahren« wolle, sagte er mir: »Ich denke, ich habe genug gefahren. Einundzwanzig Fahrten im Jahre, die ungeheuere Verantwortung für so vieler Menschen Leben, glauben Sie mir, es ist genug.« – Dann sagten wir den Offizieren und Mannschaften Lebewohl, und allen, die in unserer Arche mit eingesperrt gewesen, um nun in alle Winde auseinanderzustieben. Kaum saßen wir im Wagen, der uns durch ein paar schmutzige, holprige, durch tiefe Löcher gefährdete Straßen in Hoboken führte, in denen die kleinen blau- oder rotbemalten Häuserchen doch sehr lustig wirkten, so standen wir auch schon auf einer großen Ferry, die uns ans andere Ufer des herrlich belebten Hudson führte. Auch hier waren Schmutz und Pflaster nicht viel besser; erst von der fünften Avenue und dem Brodway an präsentierte sich Newyork, und schon standen wir an der 38. Straße am Hotel Normandie still, das uns für die nächsten drei Monate beherbergen sollte. Das Komitee hatte drei Zimmer mit Bad im 1. Stock für mich genommen und glaubte damit die Primadonna besonders zu ehren. Aber schon nach einer Stunde zogen wir aus dem Straßenlärm in den 7. Stock hinauf, mit herrlichster Aussicht über die Stadt und auf die über dem Hudson gelegenen Pallisaden (Felsen), die Berge von Jersey, die Liberty und ein Stück Hafen. Von der Klarheit des amerikanischen Himmels macht man sich überhaupt keinen Begriff; auch nicht von der mit Elektrizität geschwängerten Luft, die dem Fremden manch lustig Stückchen spielt1. Welch herrliche Sonnenuntergänge verschönten allabendlich die Aussicht; wie prachtvoll wirkte die anhaltende Dämmerung, die sich in orangefarbenem Ton über dem ganzen westlichen Himmel breitete, wie ich es nie und nirgend[108] noch gesehen. Wenn dann noch der Abendstern sich darin abhob, der hier viel größer erschien als in Europa, stand man wieder vor einem Wunder! Dann wird es plötzlich dunkel, und am Morgen, der spät hereinbricht, ist es in umgekehrter Reihenfolge eben wieder so.


Eine Straße nur trennte das Normandiehotel vom Metropolitan-Operahouse, das nicht nur ein Riesentheater, auch große Säle, Gesellschaftsräume, ein Appartementhotel mit Restaurant einschloß und einen ganzen Straßenblock einnahm. Der in drei Ränge eingeteilte Zuschauerraum enthielt bequeme Fauteuils und Logen mit gelben Damastvorhängen und -Sitzen, machte einen einfachen und gerade darum so vornehmen Eindruck. Wenn an Abendvorstellungen das Theater gefüllt von den elegantesten und schönsten Frauen, die ich je gesehen, im Glanze ihrer Schönheit und der Lichter widerstrahlte, dann wirkte es künstlerisch harmonisch. Ein klassisch einfacher Peluchevorhang, in Farben und Zeichnungen kunstvollendet, trennte den Zuschauerraum von der Bühne, und elegante, bequeme Garderoben machten den Künstlern den Aufenthalt darin äußerst angenehm. Große Foyers, aus welchen breite Türen fast direkt auf die Straßen führten, sicherten dem Publikum ein schnelles Fortkommen bei Feuersgefahr, was erst dann besonders wichtig erscheint, sobald man die Bekanntschaft mit dem amerikanischen Leichtsinn, d.h. dem Fortwerfen brennender Zigaretten oder Zigarren, und den ewigen »Zünseleien« der lieben Jugend gemacht hat.

An ein Märchen aus tausend und einer Nacht mochte die Entstehung dieser üppigen Kunststätte erinnern. Üppig, weil die italienische Opernstagione mit den Stars: Patti, Nilson, Albany usw. sie zwei Jahre vorher eingeweiht hatte, namenlose Summen verschlang (wohl auch teilweise einbrachte), weil, abgesehen von den kolossalen Honoraren, jedes Kostüm, jeder Schuh und Strumpf von Worth aus Paris dazu geliefert wurde.

Bis vor dieser Zeit hatte die Oper ihre Heimstätte in der Academy of Music, einem eleganten, sehr akustischen Opernhaus in der 14. Straße gehabt. Als aber eine der schönen Milliardärinnen an einem besonderen Abend nicht die Loge erhielt, in der sie zu glänzen beabsichtigte, sondern eine andere schöne Frau ihr[109] zuvorgekommen war, machte der Gatte kurzen Prozeß und ließ das Metropolitan-Operahouse erstehen, worin nun seine teuere Ehehälfte strahlen konnte, wohin nun alles strömte und die alte Academy of Music schnell vergessen machte.

Montag, Mittwoch und Freitag abend gab man Opernvorstellungen, die um 8 Uhr begannen und beinahe bis Mitternacht währten. Sonnabend nachmittag und später auch noch Mittwochs fanden Matinees von 2–1/26 Uhr, hauptsächlich für auswärts wohnende Abonnenten statt, die, meist nur von Damen besucht, jeden Putz und Toilettenzwang ausschlossen. Das Publikum war ernst wie die Kleider, die es trug, und man kann nicht sagen, daß es festlich ausgesehen hätte. Diese Matinees waren und blieben mein Kummer, solange ich drüben sang. Nie konnte ich meine Stimmungen an die nüchterne Nachmittagszeit gewöhnen, die jedem Zauber der Abendvorstellungen entgegenwirkte, die mir weder in Konzerten noch in Opernvorstellungen jemals die geringste Befriedigung gewährte.

Oft auch mußte ich einer kleinen Erzählung gedenken, in der es ungefähr hieß, daß deutschen Besuchern auf der Insel Java sich ein scheinbar Eingeborener (Stiefelwichser) als ehrlicher braungeschminkter Sachse mit den Worten: »Ei Herr Jässes, sein sie och aus Dräsden?« zu erkennen gibt, als überall alte Bekannte auftauchten. Für New York bedeutete das nichts Wunderbares; aber auch im entfernten Westen fanden sich Verbindungen mit Heimat, Kindheit, Jugend, Eltern, und überall klingelte der elektrische Heimats- und Herzensapparat der großen, kleinen Welt. Als Kollegen fand ich auch den lustigen Emil Fischer aus Dresden und Adolf Robinson hier wieder, die sich in Abwesenheit der lieben dramatischen Rosa damit zu trösten suchten, daß sie sich im Pokerspiel die schönen amerikanischen Honorare gegenseitig abnahmen; außer ihnen noch meine liebe Kollegin Marianne Brandt, die schon in vorhergehender Saison hier engagiert gewesen.

Mit Carmen begann ich am 25. November und wiederholte sie am 28. als Matinee; und da Sonntags das Orchester extra bezahlt werden mußte, so fand am Sonnabend nach der Carmen-Matinee die Walküren-Probe statt, die von 8–1 Uhr Nachts dauerte. Das passierte mir aber niemals wieder. Die Walküre hatte einen[110] unglaublichen Erfolg, und schon beim Anfang des II. Aktes begrüßte uns ein Sturm der Begeisterung, der den ganzen Abend anhielt. Dann kam die Saba heraus mit einer Prachtausstattung für 80000 Dollars. Eine Riesencomparserie stand dem Theater zu Gebote von echten braunen und schwarzen Sklaven, Sklavinnen und Kindern, die ich um ihre Hautfarbe beneidete, weil ich mir als Aïda gerne eine solche angeschminkt hätte. Scherzend frug ich einen der braunen Bengels, woher er die Farbe zum Schminken nähme? worauf er mir ganz entrüstet antwortete: »oh no, I am not colored!« Als die Kinder nun vor König Salomon mit ihren Geschenken knieten und standen, entwand der braunen Kindergruppe sich ein Bächlein, das munter und sicher dem Souffleurkasten zurieselte, dort unauffallend verschwand, seine Spur zur Freude des ganzen Theaters aber zurückließ. Ländlich sittlich!

Entsetzlich waren die Zwischenaktspausen der ohnehin so langen Opern, die lebhaft an Bayreuth erinnerten. Das Theater war den neuesten maschinellen Anforderungen gar nicht gewachsen, kein Mensch an schnelle Arbeit gewöhnt, und so verwandelte sich jeder Umbau zur Geduldsprobe für deutsche Regie und Künstler, die mich oft zur Verzweiflung brachte. Da hieß es sich aufs Bitten verlegen: »Bitte, bringen Sie noch eine Latte. Bitte, noch einen Nagel hierher; bitte, befestigen Sie diese Stiege, die Barrière, die Bank, den Teppich etc. etc.« Dann wurde alles schneckenhaft besorgt. Ich gab einmal den Rat, man solle, wie Direktor Löwe in Breslau, den Arbeitern einen Extralohn versprechen, wenn sie eine Stunde früher fertig würden, ihnen dann aber das nächste Mal ebensoviel abziehen, falls sie nicht fertig würden. Das Mittel wurde gut befunden, war aber nicht anwendbar. Es wurde also ruhig weiter getrödelt und blieb ein nie endender Kampf meiner Geduld und der überseeischen Gewohnheiten. Überall legte ich selbst Hand an, um nicht dem Fallen, Erschlagen- oder Zerrissenwerden ausgesetzt zu sein. Schließlich aber hatte ich es doch so weit gebracht, daß Mr. Stanton, unser sehr eleganter, junger Direktor, der sich später »Intendant« nannte, eigentlich aber Sekretär des großen Hausunternehmens war, mit weißen Glacéhandschuhen alle Kulissen schüttelte oder treppauf und -ab rannte, um die Befestigung zu probieren, ehe der Vorhang aufging, und endlich wurde ich auch[111] Herrin der unglaublichen Unruhe hinter den Kulissen, wo alles trampelte, pfiff, laut sprach, Türen zuschlug etc. Ich erklärte, nicht mehr singen zu wollen, und das half. Nun wurde es mäuschenstill; die Arbeiter erhielten weiche Schuhe, und Mr. Stanton fing nun auch an zu hören und zu sehen. Manchmal fluchte ich echt deutsch – ich weiß, es war nicht ladylike – aber ich fluchte doch um mir Luft zu machen, und hatte es schließlich erreicht.

Am 19. Dezember sang ich nach der Saba-Matinée den Messias in englischer Sprache und sang ihn als Requiem für unsere alte Freundin, Frau Römer, deren Tod uns eben angezeigt, mich aufrichtig bewegte. – Dann ging's gleich nach Weihnacht, auf zwei Wochen, zu den Quäkern nach Philadelphia, und am 7. März endigte in New York die Saison, da in der Fastenzeit, im lent, niemand mehr ins Theater ging. Die Zeiten haben sich geändert. Was man damals für Sünde hielt, betrachtet man heut als fashion ohne sich der Sünde noch zu erinnern. – Ein Konzert für Bayreuth, ein zweites für den Chor, ein drittes für die deutsche Klinik schaffte auch unserem Wohltätigkeitsdrang Genugtuung.


Richard Wagners Lieblingsschüler, Anton Seidl, der Talentierteste und Ernsteste der 76er Bayreuther Gilde, der auch mir der liebste aller Wagnerdirigenten war und blieb, der unter Angelo Neumann begonnen, ohne nach sensationellen Dirigentenkünsten zu suchen, unauffallend und elastisch den Taktstock führte, war erster Kapellmeister. Ich darf wohl sagen, daß wir uns glücklich fühlten unter seiner vollendeten Führung, und muß es andernteils auch ihm zum Glücke anrechnen, daß er so vielen künstlerischen Autoritäten, im geistigen Sinne, nur zu folgen brauchte, was beiden Teilen Ausgezeichnetes zu leisten ermöglichte. Wir verstanden uns, und nie erhob sich zwischen den Künstlern da oben und dem Kapellmeister da unten, der sein prachtvolles Orchester herrlich leitete, die geringste Differenz. Die deutsche Oper hatte Anton Seidl viel zu danken. Hier konnte man wieder einmal sehen, wie sich recht viele »Autoritäten« glänzend ineinander zu fügen wußten, und wieviel besser es um ein Theater mit vielen, in guter Schule erzogenen Künstlern bestellt ist, als um eines, an dem die Regie anstatt mit[112] der Künstler Talent, mit an Schnüren gezogenen Puppen Kunst zu machen sich unterfängt.

Als zweiter Kapellmeister war der noch blutjunge Walter Damrosch angestellt, der Talent, viel Keckheit, aber damals noch nicht die geringste Reife hatte, sie nicht haben konnte. Mit Walter Damrosch lag ich oft im Streit. Wenn er sich in Klavierproben z.B. nicht an das hielt, was im Klavierauszug stand, sondern sich in Varianten erging, weil ihm drei egale Achtelnoten zu langweilig erschienen, was sich weder Halévy noch Bellini gefallen zu lassen brauchten; und in diesem Falle vertrat ich den Komponisten, den er mißhandelte; oder auch wenn ich ihm sonst etwas am Zeuge zu flicken hatte. Wir wurden aber ganz gute Freunde, als ich sah, daß er gute Lehren mit Humor zu nehmen verstand, denn Walter Damrosch war klug und wußte, was er tat.

Das Opernhaus wurde an freien Tagen anderweitig vermietet, und auch die philharmonischen Konzertproben hielt Theodor Thomas darin ab. Einer Konzertprobe beiwohnend, fiel mir etwas am Klang des Orchesters auf, was mir noch an keinem andern aufgefallen war. Was mochte es wohl sein? Immer wieder ließ ich mich davon berauschen, bis ich mir endlich nach langem Hin- und Herraten das Wunder zu erklären vermochte. Die Violinen strichen gleichmäßig die Bogen, Aug' und Ohr fanden Ruhe; die Holzbläser, die ihre Einsätze genau den vorhergehenden Instrumenten in Ton und Klangfarbe anpaßten, klangen nicht schrill oder gar unharmonisch, wie man es zu hören gewöhnt ist, sondern mischten sich unauffällig weich, melodisch in das Tongefüge, ohne daß man ihrer oder der andern Instrumente Ein- und Absätze gewahr wurde. Das war des Rätsels Lösung, der Zauber, der mich entzückte! Warum lassen sich diese Wirkung fast alle Instrumentalisten entgehen? Warum die Dirigenten?

Als Thomas nach einer Pause die Probe fortsetzte, klopfte er sofort wieder ab, indem er sich ans Orchester wandte: »Aber Kinder, stimmt doch Eure Instrumente, es ist ja nicht auszuhalten!« Ich muß gestehen, daß ich trotz meines feinen Ohrs nichts besonders Unreines vernommen hatte; heute freilich, wo mein Tonsinn sich durch meine Studien so enorm verfeinert hat, heute würde ich hören, was Thomas schon damals hörte. Thomas war ein Mann,[113] nehmt alles nur in allem, dem ich ein Monument setzen möchte. Ein Prachtkern in rauher Schale, dem die Musik, d.h. seine ideale Kunst, so unendlich hoch stand wie mir die meine. Ich kann nicht sagen, daß er schön dirigierte, aber sein Orchester verstand ihn, und er gab nicht nach, dem amerikanischen Publikum, wenn er es belehren wollte, zuzusetzen mit dem, was er durchzusetzen vorhatte. So brachte er den Mephisto-Walzer von Liszt zum ersten Male in New York. Das Publikum, nur an italienische oder klassische Musik gewöhnt, pfiff und zischte das Orchester nieder und zwang Thomas, aufzuhören. Mehrere Versuche der Wiederaufnahme mißglückten vollständig. Da nahm Thomas seine Taschenuhr zur Hand, erzwang sich Ruhe und wandte sich mit folgenden Worten ans Publikum: »Ich gebe Ihnen fünf Minuten, den Saal zu verlassen; dann werden wir den Walzer von Anfang bis zu Ende spielen. Wer ohne zu demonstrieren zuhören will, mag bleiben; die andern bitte ich, sich zu entfernen. Ich werde es durchsetzen, auch wenn ich bis 2 Uhr nachts hier stehen bleiben sollte; ich habe Zeit.« –

Das Publikum blieb, hörte den Walzer bis zu Ende, und Thomas hatte gesiegt. – So machte er es noch oft und zeigte den Meister. Nach einer großartig gespielten Fuge von Bach in Robert Franzscher Bearbeitung, die nicht stürmisch anerkannt wurde – wo würde sie das? – sagte er ganz wegwerfend vom Publikum: »if they don't like it, I like it.« »So do I«, konnte ich ihm darauf erwidern, denn ich schwelgte einmal wieder und war ganz seiner Ansicht.


Gleich nach den ersten Vorstellungen flogen mir Anträge von der Oper und andern Seiten zu; ich sollte wiederkommen, ja, ganz in Amerika bleiben. Letzteres lehnte ich entschieden ab. Da trat das Haus Steinway mit dem Antrag an mich heran, nach Schluß der Saison noch weitere vier Wochen in den Staaten zu bleiben, und bot mir für dreißig Konzerte eine Summe, für die ich in Berlin drei Jahre hätte singen müssen. Dieses Geld von Ort und Stelle noch mitzunehmen, war allerdings sehr verlockend, und gerne fand man mich geneigt, eine diesbezügliche Anfrage an unfern General-Intendanten zu richten, von dessen mir bekanntem Verständnis für derartige Situationen ich hoffen durfte, meinen Wunsch[114] erfüllt zu sehen. Ehe dies aber geschah, drang auch schon wieder das Theaterkomitee in mich, meinen Berliner Kontrakt zu lösen und mich auf mehrere Jahre für New York zu verpflichten. Eben so offen wie ich sage, daß mir der große Antrag äußerst verlockend schien, ebenso offen sage ich, daß ich absolut nicht gewillt war, zuzugreifen, sondern mich sehr lange mit mir selbst, dann mit einem Kreise alter, gewiegter Geschäftsmänner, wie William Steinway, Ottendorfer (New Yorker Staatszeitung), Carl Schurz und anderen beriet, die ich zu einer Konferenz bei Ottendorfer zusammenbat, ehe ich nach vielem für und wider zu folgender Resolution kam: Da ich die mir für die Konzerte garantierte Summe wenn irgend möglich mitzunehmen gedachte, wollte ich Hülsen um Verlängerung des Urlaubs bitten und mein Gesuch dadurch unterstützen, daß ich ihn auf die etwaigen Folgen einer abschlägigen Antwort vorbereitete, indem ich dann vielleicht die Anträge der Metropolitan-Opera anzunehmen mich genötigt sähe. Dann allerdings würde ich meinen Berliner Kontrakt lösen und würde, falls man mich für kontraktbrüchig zu erklären gedächte, die im Kontrakte vorgesehene Konventionalstrafe von 13500 Mark sofort nach meiner Rückkehr persönlich in die Hände des General-Intendanten legen. Dieses Schreiben ging in doppelten Exemplaren mit verschiedenen Schiffen an Hülsen ab. Meiner Bitte um verlängerten Urlaub wurde – entgegen meinen Erwartungen – nicht entsprochen, und vom Tage meines Nichteintreffens an stand ich als »kontraktbrüchig« allabendlich auf dem Theaterzettel. Niemann hatte das im nächsten Jahre klüger angefangen und indirekt durch Hülsen sein Gesuch an den Kaiser selbst gerichtet, der es sofort bewilligte. Wie wenig meine Ahnung mich in betreff des Herrn von Strantz trog, bewies mir sein Ausspruch bei Erörterung meines Kontraktbruchs, den mein alter Freund Mensing in einer Gesellschaft zufällig mit anhörte: »Wir sind froh, daß wir die Lehmann los sind, sie ist 40 Jahre alt und wäre der Pensionskasse sehr bald zur Last gefallen.« So geschehen im April 1886!

Gelegentlich Paul Lindaus 70. Geburtstags, dem zu Ehren ich die »Allmacht« im Kreise aller ihn umringenden Künstler sang, sah ich auch Strantz zum ersten Male wieder. Da konnte ich nicht umhin, meinem mir unschuldig zulächelnden, einstigen Direktor[115] freundlich zu sagen: »Sehen Sie, lieber Strantz, ich bin noch immer nicht pensioniert, und es sind doch schon 25 Jahre, seit ich von Berlin schied und Sie mich als reif dafür erachteten!«

Nicht ganz so leicht, wie ich's heut' niederschreibe, war mir der Entschluß geworden. Es gehörte viel Mut, starkes Selbstvertrauen, klares Abwägen des zu Verlierenden und zu Gewinnenden dazu. Nicht Geldes wegen allein wäre ich imstande gewesen, mich von der Kunststätte zu trennen, die mir nebst vielen anderem teuer war und auch noch heute ist. Ich habe nie vergessen, was ich dort geworden bin. Gefühl, Talent und Streben schrien aber nach stärkerer Anerkennung; aus vollster Kraft und tiefstem Gefühl heraus verlangte ich nach einem dramatischen Arbeitsfeld, nach dem ich mich so lange schon sehnte, wozu mir – wie ich wohl wußte – in Berlin niemals, oder doch nur im Verlegenheitsfalle, vorübergehend Gelegenheit geboten worden wäre. Von nun an konnte ich mich ungehindert auf die künstlerische Stufe stellen, die mir zukam, die mir als Ziel meines Ringens so lange schon vorschwebte, die sich mir nun – zum ersten- und vielleicht zum letztenmal – in der ganzen Fülle aller Zugeständnisse darbot. Zugreifen, wenn es gilt, ist Glück, und ich hatte es niemals zu bereuen gehabt, solchergestalt in mein Geschick eingegriffen zu haben. Mein Selbstvertrauen konnte mich nicht mehr trügen, es war erprobt; und meine Devise: »Immer weiter, immer höher hinauf« trug mich ans Ziel.

Was ich zurückließ, war nicht wenig, was ich zu erringen trachtete, unendlich viel; und eines ohne das andere nicht zu erreichen. Dicht stand ich vor dem langersehnten Ziel, durfte nicht kleinmütig rasten, nicht zurückblicken. Manch einem, vielen vielleicht, mochte damals mein Tun undankbar und unrecht erscheinen, und doch war ich es mir selber schuldig. Und während ich heute ohne Groll und dankbaren Herzens zurückblicke auf Erlebtes, würde ich – ohne mein Ziel erreicht zu haben – verbittert, als königliche Beamtin von der Gnade eines Intendanten, Direktors oder Regisseurs abhängig, nach und nach zu dritten Rollen verdammt worden, oder wie Strantz meinte: schon seit 25 Jahren der königlichen Pensionskasse zur Last gefallen sein!

Nein, Künstler sind Gottbegnadete, nicht zu Beamten geschaffen. Sie mögen sich beizeiten selbst regieren lernen, sich selbst die strengsten[116] Richter sein. Einsperren läßt sich nicht ihr Streben, ihr Talent nicht in Schraubstöcke zwängen. Sie sollen nicht betteln müssen um ihre Lebensaufgaben, sollen sie mit Lust und Liebe der Menschheit zur Freude und Erhebung ausführen dürfen. Denn der freie dramatische Bühnenkünstler, der sein Ideal annähernd erreicht, ist vielleicht der einzige Mensch, der sich in seinem hohen Beruf ausgeben, sich in den ihm und seinem Genius zusagenden individuellen Aufgaben unserer großen und allergrößten Meister ausleben darf.


Wie herrlich war's am Hudson, der in seinen oberen Partien am Catskillgebirge vorüberrauschend, mich lebhaft an den Rhein erinnerte, wenn wir, im Zuge an seinen Ufern vorüberjagend, ihn still und friedlich schlummernd noch in blaue Schleier gehüllt erblickten. Burgen und Schlösser mit ihren Sagen und Erinnerungen fehlen ihm freilich, d.h. letztere fehlen uns, weil wir sie nicht in zerbröckelten Steinmauern, alten Türmen, verwitterten Festungsmauern erhalten sehen. Gewiß sind sie ihm zu eigen von den Indianern her und vielen andern, die ihn gewandert kamen seit Jahrhunderten, dort gelebt haben und verschollen sind. Die armen Rothäute sind vertrieben, auf fernere Plätze angewiesen, wo sie, scheu sich vor jedem Fremden verbergend, dem englischen Branntwein ganz zu erliegen drohen. Wie schade! Sie gehören zur Landschaft in diese Natur, die ohne sie eine andere geworden. Man sollte Amerika wenigstens einige Stämme zu erhalten versuchen, anstatt sie systematisch auszurotten. Eines Sonntags besuchten wir am Ontariosee eine kleine Kirche, in der ein Engländer ungefähr vierzig Indianern predigte, und ein Indianer das Gehörte in seine Sprache übersetzte. Ob die Leute durch Jesus Christus glücklicher geworden, lasse ich dahingestellt sein. Mir taten diese Menschen, deren Land ich nun kennen lernte, und deren Art und Weise ich durch Sealsfield schon lieben gelernt hatte, unendlich leid.

Vorbei ging's auf unserem Zuge nach Westen, an – vor 27 Jahren schon – elektrisch erleuchteten, aufblühenden Städten und Ansiedlungen; über den breiten Susquehannariver nach den blauen Erie- und Ontarioseen, die der herrliche Niagarafluß und -fall verbindet, weiter an den Michigan, den größten der drei Seen, nach Chicago und Milwaukee. An den Detroitriver bis an den St. Lorenzstrom[117] und wieder zurück nach New York, um abermals in einem Atem nach Minneapolis und der Schwesterstadt St. Paul, also bis an die Mississippifälle hinauf, um zwei Tage darauf den ganzen Mississippi entlang, auf der Plattform des Waggons sitzend, in 46 Stunden bis St. Louis und Louisville an den Ohio und Missouri herunterzufahren. – Da ich vom Innenlande bisher noch nichts gesehen hatte, interessierte mich jedes Fleckchen Erde, jedes Häuschen, jeder Vogel, ja alles, alles, dessen meine Augen habhaftig werden konnten. Schmerzlich berührte mich die barbarische Ausrottung der Urwälder. Wenn ich an Plätzen vorübersauste, wo die verbrannten, schwarzverkohlten Baumriesen noch da und dort als Wahrzeichen menschlicher Vernichtungswut standen, dann erfaßte mich ein wahrer Jammer, und ich hatte mehrere Stunden lang keine Lust mehr, hinauszusehen. Wie reizend hingegen war's, wenn an Schilfrohren die Robins und eine Art Stare, mit rotem Stich auf der Brust, ähnlich wie die Dolchstichtauben, hingen; amerikanische Wachteln mit ihrer reizenden schwarzen Nickfeder am Kopfe in den Büschen nach Nahrung suchten, oder Tausende von Schildkröten in allen Größen in den Sumpfgegenden vor St. Louis auf alten Holzstücken, Stämmen, dicken Ästen, Gestein usw. sich unbeweglich sonnten und aussahen, als wären sie selbst alte Stücke schwarzen Holzes. Und furchtbar komisch sahen die Kühe auf einsamen Farmen aus, im Winter zum Schutz vor Kälte mit buntkarrierten alten Steppdecken überhangen, wenn sie in den nun von Fruchtkolben entblößten Maisfeldern standen, um, was noch übrig, abzufressen. Pferde und Esel stehen frei in Boxen und gucken aus großem Lugaus frei heraus, sind nie mit dem Gesicht zur Wand gesteht, das Unvernünftigste, das man einem Tier, das »wittert«, antun kann.

Bin ich schon bei den Pferden angelangt, dann mag man mich auch gleich aussprechen lassen, wie glücklich ich mich in New York gefühlt habe, aus dem alle Pferdeschinderei verbannt, die Peitsche kaum mehr dem Namen nach bekannt ist, dem Pferde niemals mehr zugemutet wird, als es bequem zu ziehen vermag, und das mehr zu den Menschen rechnet als bei uns ein Hund. Wer oft auf dem Brodway in einer Car gefahren ist, wo sich Hunderttausende von Lastwagen zwischen Tausenden von Cars durchzuwinden[118] gezwungen sind, und dann sieht, wie sich das alles ohne Schimpferei, ohne Schutzmann, von selbst entwirrt, muß den Amerikanern recht geben, wenn sie sagen, was ich so oft zu hören bekam: »Die Pferde sind klüger als die Menschen.« Jahrelang beobachteten wir, wie Pferde, auf dem Brodway einfach ausgespannt, straßenweit ihrer Stallung allein zugingen; wie Lastkarren, undirigiert vom Kutscher, vom Pferde dorthin gebracht wurden, wohin es seine Last zu bringen gewöhnt war. Ein Milchwagenpferd gab mir »die Pfote«, so oft ich's von ihm verlangte. Lastwagen wurden oft vom Trottoir aus durch ein freundliches Wort dirigiert, nie aber habe ich ein Pferd schlagen sehen. Das hat Dr. Bergh, der große Tierschützer, dem die Polizei freie Hand gab, der, wenn Pferde schlecht geschirrt, sie mitten in der Straße von jedem Lastwagen und jeder Equipage abzuspannen das Recht hatte, eingeführt. Tausendfach sei der Mann und sein Andenken dafür gesegnet! Einem Mann, einem einzigen gelang, was in Berlin einer ganzen Schar mildtätiger, geistig bedeutender Menschen bis heute noch nicht gelungen ist. Dafür kann man den Amerikaner hier oft fragen hören, wie es möglich ist, daß solche Roheiten gegen Tiere, wie man sie hier zu sehen bekommt, in einem gesitteten Staate noch geduldet werden?! Nun, ich kann etwas davon erzählen! –

Beim Vorüberrasen scheinen sich die meisten Städte wenig voneinander zu unterscheiden. Reizvoll war mir die Umgebung eines jeden Städtchens, und immer nahm ich mir die Zeit, diese Freude auszukosten. Auch Anknüpfungspunkte fanden sich genug, allüberall traf man auf deutsche Freunde. In Boston, der schönsten, geistig sehr hochangesehenen und europaähnlichsten Stadt, trafen wir Kapellmeister Wilhelm Gerike von der Wiener Hofoper, der die großen Sinfoniekonzerte leitete, die Mr. Higginson, ein sehr reicher, ernster Mann, den Bostonern zum Geschenk gemacht, die er ein Jahrzehnt schon künstlerisch gefördert und pekuniär fundiert hatte, denen später auch Arthur Nikisch und Dr. Carl Muck vorstanden, und welche heute in höchster Blüte, ein sicheres Geschäft, eine Quelle geistiger Erhebung bilden. Wie viele herrliche Abende genossen wir so musizierend in damaliger Zeit zusammen, welch wundervolle Erinnerungen entsprossen dieser und anderen künstlerischen Vereinigungen (mit den großartigsten Orchestern Boston – Gerike, New[119] York – Thomas und Seidl), die ich Amerika zu danken habe und, ich darf's wohl sagen, andererseits auch Amerika uns zu danken hat.

Rochester und New York gab uns das Wiedersehen mit zwei verheirateten Schülerinnen meiner Mutter; St. Louis eine ganze Familie unserer Verwandten Künzles; Milwaukee die einstige königliche Schauspielerin Math. Kühle, nun an Kapellmeister Catenhusen verheiratet, die uns während des Musikfestes im Juli 1886 gastfrei ihr Haus zur Verfügung stellten, wo Marianne Brandt, Herr von Witt und Staudigl mitsangen. Dort trat schon nach meinem Winterkonzert ein alter kleiner Herr an mich heran, indem er mich mit den Worten des Mendelssohnschen Frühlingsliedes: »Es weckt mich ein alter, süßer Traum« ansprach, mit welchen ich soeben geschlossen hatte, und sagte: »Ich habe Ihre Mutter oft gehört und hätte Sie an Ihrer Stimme als ihre Tochter erkannt!«

Die inneren Geschäftsgegenden der Städte sind sich verteufelt ähnlich und nur interessant für den, der sich einmal das Treiben und Leben darin anzusehen vorgenommen hat, dann aber hat man genug for ever. Da, wo Kohlen- und Eisenindustrie wie in Cincinnati und Pittsburg die Hauptrolle spielen, oder in Chicago, wo unzählige Eisenbahnlinien münden und Fabriken nie stille stehen, sind die Städte schwarz, mit Kohlenstaub geschwängert, man sieht nicht Himmel noch Gestirne, ja selbst den See, an dem unsere Hotels in Chicago lagen, sahen wir bei längeren Frühlingsgastspielen oft wochenlang nicht.

Aber die Villenkolonien außerhalb derselben, die meilenweiten Parks, die old english fashion Landhäuser oder auch die neuen im Queen-Anne-Stil erbauten Villen, von alten Baumgruppen, Parks, Rasenflächen umgeben, die nicht einmal durch Zäune, weder vom Nachbargarten noch von der Straße getrennt sind, weil man dort gegenseitig das Eigentum respektiert, sind reizvoll und lieblich und entschädigen für allen Schmutz, Ruß und Staub. Eine Meile außerhalb Chicago und den andern Kohlennestern scheint die undurchdringliche Nebelwand wie mit einem Schwerte abgeschnitten, die Sonne – deren Existenz man bereits bezweifelte – lacht am blauen Himmel, und aufatmend fühlt man sich wieder Mensch.

Als ich in den neunziger Jahren in Pittsburg mit der Oper gastierte und die Brünnhild in der Götterdämmerung sang, war[120] ich in angenehmer Garderobe, in die man durch einen Salon gelangte, untergebracht. Fast fertig angezogen und geschminkt, kam's mir vor, als legte sich plötzlich ein grauer Schleier vor meine Augen. Wie ich um mich sah, fand ich den ganzen Raum und auch den Salon in dunkelgrauen stickigen Dunst gehüllt, sah meine weißen Kleider, Arme, Gesicht, Haare voll schwarzen Rußes. Ich lief auf die Bühne, man riß Tür und Fenster auf, ich schickte zu Damrosch, er möchte augenblicklich kommen. Man hatte die Heizung unter meiner Garderobe mit nassem Kohlenstaub gespeist, der ganze Kohlenqualm und Ruß war durch den Fußboden gedrungen. Ich hustete, spuckte, schneuzte, weinte kohlschwarze Tränen, war schwarz von oben bis unten. Nun hieß es – wenn ich überhaupt nach all der Aufregung singen konnte – mich von oben bis unten zu reinigen und umzuziehen; dann konnte mit einer Stunde Verspätung die Oper angehen. Ich will nur noch erwähnen, daß nach sechs Bädern mit Bürsten, Seifen und allen kosmetischen Mitteln meine Schwester zu mir sagte: »Lilli, du bist noch immer schwarz!«


Der Luxus hatte schon damals eine beträchtlich hohe Stufe erreicht, von der man in deutschen Landen noch nichts wußte; förmlich beängstigend war's für mich, die so wenige Bedürfnisse dafür mit auf die Welt gebracht, und immer drängte sich das »böse Beispiel« mir vor Augen. Protzenhaft und geschmacklos fanden wir nur einige deutsche Parvenus eingerichtet, die im geschäftlichen Amerika immerhin eine große Rolle spielten; um so geschmackvoller und eleganter dafür, was zu den Patrizierfamilien holländischen Ursprungs zählte. Cornelius Roosevelt z.B., Mensings Schwager und Schwägerin, die trotz ihres Reichtums ihre feine Herzensbildung und vornehm wohltuende Ruhe in einer beinah kindlichen Art und Weise sich bewahrt hatten und Freunden gegenüber zum Ausdruck brachten. Nur um ein kleines Bild des Reichtums und Geschmacks zu geben, erlaube man mir, das Interieur einiger mir befreundeten Häuser ein wenig näher zu beschreiben. Viele davon waren so halb und halb Museen und trotzdem praktisch und wohnlich eingerichtet. Für Marquauts Musikzimmer z.B. hatte Alma Tadema sämtliche Möbel gezeichnet und mehrere feine Bilder gemalt; Meissoniers Meisterhand den Klaviaturdeckel eines kostbaren[121] Steinwayflügels mit Apoll und den Musen geschmückt. Eine Sappho von Marmor nahm eine Fensternische ein, die, von feinen grünen Schlingpflanzen umrahmt, die Figur durchsichtig erscheinen ließen. Das Zimmer allein repräsentierte ein Vermögen und war ein künstlerisches Heiligtum. – James Havemeyer hatte sich wieder aus allen Weltgegenden Kunstschätze mitgebracht, die zu beschreiben man nicht zu Ende kommen würde. Als man mich bei meinem ersten Besuch in die Bibliothek führte, befand ich mich ein paar Minuten allein in dem großen, lichten, viereckigen Raum, dessen Wände, nur durch einen großen Kamin unterbrochen, Bücherregale umgaben. In der Mitte stand ein einfacher großer Tisch, Lederfauteuils und Stühle, an denen Streichinstrumente lehnten, denn Mr. Havemeyer machte viel Kammermusik. Das alles übersah ich im Augenblick, sah es aber bald nicht mehr, da mein Blick auf vier, über den Regalen hängende, echte Rembrandts fiel, bei deren Ansicht ich vor Vergnügen laut aufjauchzte. Erschrocken sah ich mich um und gewahrte die liebenswürdige Gattin des glücklichen Besitzers, die mir freudestrahlend die Hände reichte. Diese Frau ist darum noch besonders bemerkenswert, weil sie ihre Kinder bei allem Reichtum aufs einfachste erzog. Sie ließ sie ihre Zimmer selbst reinigen, ihre Betten machen und sie nebst allen gesellschaftlich notwendigen Kenntnissen auch alles Praktische lernen. Wenn sie doch alle so vernünftig sein wollten, anstatt unzufriedene Nichtstuer, Verschwender oder noch Schlimmeres zu erziehen! – Bei Theodor von Havemeyer, dem Bruder des vorigen, der, wie ich glaube, den Zuckertrust eingeführt hatte, ein Geschäft, das im ersten Jahre 56 Millionen Dollar einbrachte, ging's noch viel großartiger zu. Prachtvolle Gobelins zierten die Wände des großen, sehr eleganten Hauses; man aß bei besonderen Gelegenheiten dort auf Gold und trank Wein zu 60 Dollar die Flasche. Das ganze Haus war dann mit frischen Orchideen von oben bis unten geschmückt, die Tausende kosteten, aber dem Hause und ihren eleganten, liebenswürdigen Besitzern vollständig entsprachen. Frau Theodor von Havemeyer war Österreicherin, geborne von Lössell, ebenso schön als elegant, hatte viel Kinder und in späteren Jahren unendlichen Kummer durch sie erfahren. Damals, als ich sie kennen lernte, war sie noch glücklich in dem lebenswarmen Hause, das Kind und Kindeskinder ihr verschönten.[122]

Am behaglichsten fühlten wir uns in der lieben Familie von Sachs, an die ich Empfehlungen genugsam hatte, wo alle Künstler zusammentrafen. »Zu Hause« fühlten wir uns hier und auch noch in einer zweiten Familie, wo man sich geistig einmal »en robe de chambre« sehen lassen durfte. Ein Bedürfnis, das nur derjenige zu verstehen vermöchte, der eine Ahnung von dem so viel maltraitierten Gedächtnis der Bühnenkünstler hätte, das, in geistige Schraubstöcke gespannt, Stunden, Tage, Nächte, ja ein ganzes Leben lang nicht zur Ruhe, geschweige denn zum Ausruhen gelangt.

Lebensfreundschaften erstanden mir in Amerika, denen mich ehrliche Herzenssympathie und Dankbarkeit verbindet. Was mir an Liebe und Güte von so vielen Seiten erwiesen wurde, wie sehr man mich verwöhnte, wie könnte ich's mit wenig Worten aussprechen? Die mir ans Herz wuchsen, die lieben Menschen, sie alle müssen es fühlen, wie sehr ich sie liebe, sie nie vergessen könnte, ihnen fern und nah unwandelbare Treue halten und nie genugsam werde danken können für das große Verständnis, das mir fast ausnahmslos dort zuteil wurde. Ja, das Verständnis! Sie sprachen nicht deutsch und verstanden mich doch; ich gab ihnen mein Gefühl in meiner Kunst, und sie fühlten mit mir! Die höchste Befriedigung hob mich himmelhoch über alle irdischen Interessen hinauf, wenn ich die Empfindung gewann, ihnen ein Werk unserer größten Meister nahe gebracht zu haben, was in Verbindung mit so vielen ausgezeichneten Kollegen zu vollbringen mir nicht schwer wurde. Ihr Begriff vom Verstehen eines Werkes, einer Figur daraus, drückte sich oft fabelhaft fein aus, wovon ich gern ein kleines Beispiel hierher stellen möchte. Nach der Premiere der Götterdämmerung sagte mir eine Dame vom Lande, die große Rosengärtnereien selber leitete und ein kostbares Verständnis für die Feinheiten der Natur besaß: »Lilli, ich war so froh, daß Sie Siegfried auf der Bahre nicht berührten!« Ganz erstaunt antwortete ich, was sich doch von selbst verstand, »daß ich das ja nicht dürfe!« »well,« sagte sie, »ich empfand es so und mußte es Ihnen sagen!«

Und oftmals, wenn ich im fernen Westen Lieder sang und fürchtete, daß dies oder jenes unverstanden bliebe, mußte ich's wiederholen, oder es wurde mir in bescheidenster Weise gerade dafür besonderer Dank ausgesprochen. Durch das Entgegenkommen so[123] tiefen Verständnisses fühlte ich gerade hier meine Kunst zu einer Mission erhoben, die zu erfüllen mich beseligte, mir Kräfte und Flügel wachsen ließ, sie zu vollbringen.

Man möge mich bei diesen Worten nicht der Eitelkeit zeihen. Nie bin ich es gewesen, nicht auf mein Talent, nicht auf meine Persönlichkeit; vielleicht war ich es zu wenig. Die Kunst galt mir alles, und nur das Bestreben, ihrem Ideal möglichst nahe zu kommen, hieß mich ihr dienen. Nicht meine Person wollte ich aufs Piedestal heben; mit meinen schwachen Kräften aber versuchte ich jeder mir anvertrauten Rolle eine ideale Seite abzugewinnen, und niemals war mir eine zu schlecht, daß ich nicht versucht hätte, die Figur zu einer menschlichen und gleichzeitig künstlerischen zu gestalten. Was in mir nach Befreiung lechzte, zeichnete ich in allen Darstellungen meiner Künstlerlaufbahn, die meine Lebensaufgabe hieß, vom Anfang bis zu Ende. Eine stolze Aufgabe, für die schon mancher Künstler eine sichere Existenz hinwarf, den Hunger vorzog, wenn er – zum Ziele zu gelangen – unpraktisch, einen falschen Weg eingeschlagen hatte.


Nach Ablauf der 30 Steinwaykonzerte waren noch 6 Musikfeste mit rund 23 Konzerten dazu gekommen, die mich allerdings bis zum 25. Juli in Amerika festhielten und mich die Sehnsucht nach der Heimat zu unterdrücken zwangen. Unter allen amerikanischen Musikfesten nahmen die großartigen, Cincinnati-Festivals, die sich unter Th. Thomas' Leitung alle zwei Jahre wiederholten, die erste Stelle ein. Ein Sängerchor von 1000 Menschen, das Orchester nur von allerersten Instrumentalisten der amerikanischen Symphonieorchester, die schöne würdige Halle, ein Elitepublikum, die ganze New Yorker und Bostoner Presse, die herrlichen Programme von Bach aufsteigend bis zu Wagner, das alles war ganz wundervoll und unvergeßlich. – Dagegen gestaltete sich ein weniger großartiges Fest in Toronto- Canada äußerst komisch, wo ein alter städtischer Kapellmeister so wenig von Mozartschen Partituren kannte, daß ich ihn nach meiner Entführungsarie, vor dem Komitee – allerdings auf Englisch – einen veritablen »Esel« nannte, den er mir nicht einmal übel nahm, sondern sich noch entschuldigte. Auch das[124] war meinerseits nicht ladylike, ich weiß es, aber ich hatte das Gefühl, als müsse ich es aussprechen.

Hier darf ich gleich im Jahre 1888 Erlebtes mit einschalten, das bei weitem schlimmer ausfiel. Paul Kalisch (mein Mann) und ich waren eben wieder von einem erhebenden Cincinnati-Festival über ein anderes in Buffalo und einem herrlichen achttägigen Aufenthalt am Niagarafall im Juni bei tropischer Hitze nach St. Louis gereist, totmüde abends um zehn dort angekommen, und da am andern Morgen bereits die Proben zum Feste begannen, suchten wir schleunigst zur Ruhe zu gelangen.

Introduktion: Kaum aber lagen wir in den glühenden Betten, so klopften fünf Finger eines Schwarzen an unsere Türen. Ich sage fünf Finger, weil die dienstbaren Schwarzen sich's angelegen sein lassen, die flache Hand an die Tür zu stemmen, um dann der Reihenfolge nach die fünf Finger in trommelnde Bewegung zu setzen. Auf meine Frage wurde mir der Bescheid, daß das Komitee mich unten zum Feste erwarte. Ich bitte, mich zu entschuldigen, da ich, totmüde, bereits zur Ruhe gegangen sei. Nach 20 Minuten abermaliges Trommeln; ich schweige. Der Fingertrommler aber läßt nicht nach und zwingt mich endlich doch aufzustehen. Nun waren's die Damen, die mir Blumen und Geschenke zu überreichen wünschten. Neuerliche Entschuldigung meinerseits und dringende Bitte um Ruhe. Endlich schlafe ich ein. Da wecken mich paukenartige Schläge und zehn trommelnde Finger aus dem Schlaf; ich zittere am ganzen Körper, und diesmal sind's die Blumen und Geschenke ohne Damen, die ich mit einem furchtbaren – inneren – Fluche zu nehmen gezwungen bin, da mich der Schwarze von der Abnahme derselben zu entbinden nicht geneigt ist.

I. Konzert. Exposition: unbedeutend durch schlechten Kapellmeister.

II. Konzert. Entgleisung. Siegfriedduett, ich mit Mar Alvary. Der Kapellmeister glaubt keine Probe nötig zu haben, er kennt alles auswendig. Am Abend gelingt es uns Sängern, mehrere Klippen zu umschiffen, bis wir endlich vor Schiffbruch nicht mehr zu retten sind. Der Kapellmeister dirigiert die große Fuge am Schlusse des Duetts anstatt alla breve im 4/4 Takt, also gerade noch'mal so langsam, als es vorgeschrieben. Unser New Yorker Orchester geht[125] mit uns Sängern, die anderen folgen dem Taktstock; es ist zuletzt nicht mehr möglich, in dem Kuddelmuddel durchzufinden oder weiter zu singen. Endlich gebe ich es vollends auf und setze mich resigniert auf meinen Platz. Alvary laviert mit Todesverachtung, obwohl ohne jede Hoffnung auf Erfolg, und bittet mich, sobald auch er schweigen muß, weiter zu singen. Ich schüttle in ohnmächtiger Wut mit dem Kopfe. Endlich hatte sich ein Orchestermitglied Wagners erbarmt, fing an zu dirigieren, das Orchester fand sich zusammen, und nun konnten auch wir mit einstimmen, das Duett zu Ende zu führen. Großer Jubel im Publikum, furchtbare Empörung oben. Indessen schien das Publikum von der Störung gar nichts gemerkt zu haben oder nahm gar keine Notiz davon, weil es glaubte, daß es so klingen müsse. Ich dachte die Schande nicht zu überleben.

III. Konzert. Ländlich sittlich. Andern Mittags in der Sonntagsmatinée singt Paul Kalisch Eleazars große Arie aus der Jüdin. Vor ihm in erster Reihe sitzt eine junge Negerin mit einem Wickelkind im Arm. Das Kind mochte sich während des Rezitativs erschrocken haben, fing an zu schreien und schrie während des ganzen prachtvollen Vorspiels zur Arie: »Recha, als Gott Dich einst zur Tochter mir gegeben.« Mein Mann verzweifelt, deutet der Frau bei den Worten »und zitternd diese Hand dem Kinde Nahrung bot« an, sie möge dem Kinde zu trinken geben. Sie versteht aber erst, nachdem es ihr jemand von hinten auf Englisch zuflüstert; dann knöpft sie ihr Kleid ruhig auf, legt ihr kleines schwarzes Wesen an die Brust, das nun gleichzeitig mit der Milch der frommen Denkungsart und dem verzweifelten Eleazar Ruhe findet.

IV. Konzert. Die Katastrophe. Zwar saß ich angezogen im Künstlerzimmer, aber ich weigerte mich energisch, unter diesem Leiter weiter zu singen, und Frau Emma Juch sang für mich sowohl das Fidelioquartett als die Venusszene alten Ursprungs. Ich wollte sofort abreisen, aber erst nach Schluß des Konzerts erhielt ich mein Honorar und konnte fort. Es war das letztemal, daß man mich mit einem mir unbekannten Kapellmeister zu singen bereit fand.

Nach dieser Abschwenkung muß ich zurück nach Indianapolis, einer Stadt, die ich ihrer Ruhe willen liebte, wo man mich mit Blumen überschüttete und wir in einem »old fashion Hôtel«[126] Amerikas alte goldene Zeiten ein wenig kennen lernten. – Nun aber winkte uns die wohlverdiente Ruhe am Niagarafall in Kaltenbachs kleinem deutschen Hotel, das ein reizendes »Zuhause« war. Fünf Wochen lang umlagerten wir die Stromschnellen des oberen Flusses, die mir noch gewaltiger schienen als der Fall selbst; durchliefen die wasserdurchronnenen Cedar Islands, die die beiden Fälle miteinander verbinden, wo uns Kolibris gleich wilden Schmetterlingen den Kopf umschwirrten. Oder wir standen auf kanadischer Seite über dem Whirl-Pools und sahen dem Fallen des Wassers zu, oder fuhren mit dem »Spreemädchen«, d.h. dem kleinen Dampfer »Maid of mist« (ich nannte es Mistmädchen) in die fallenden, tosenden Wassermassen, deren ungeheurer Luftdruck das Schiffchen, lange ehe sie es berührten, in den Strudel zurückwarf. An beiden Seiten der hohen Ufer gingen wir stundenweit dem himmelblauen Bande des Flusses entlang, dem Eriesee zu, oder saßen auf unserem Balkon unter uralten Ulmen, an denen Oriols (Bülows) ihre hängenden Nester webten und ihre Flötenstimmen erschallen ließen beim fernen Donner der tosenden Fälle. Auch bei Kaltenbachs klingelte es heimatlich, denn neben uns wohnte Dr. Salomon, der einstige Gouverneur von Minnesota, ein schöner, älterer Mann, der mich lebhaft an meinen Vater mahnte, dessen Gattin eine Bewunderin und Bekannte von Theodor Wachtel war, und so oft sie mich sah, mit mir von ihm zu sprechen wünschte. Beide lieben Menschen beschlossen in Frankfurt ihr Leben, wo ich sie noch oft zu sehen die Freude hatte. – Die Höhe der Niagarafälle enttäuscht wohl im ersten Augenblick; die 15 Millionen Kubikmeter Wasser aber, die jede Minute über die Felsplatten abstürzen, kommen einem, gleich den oberen Stromschnellen, erst zum vollen Bewußtsein, wenn man entfernt ihre Großartigkeit und Schönheit im Erinnern zu genießen versteht.

Der Aufenthalt in Milwaukee, einer fast durchwegs deutschen Stadt am Michigan, war nur eine angenehme Fortsetzung unseres Landlebens am Niagara, wo unsere liebenswürdigen Wirte Catenhusens mir die Arbeit zu einem wahrhaftigen Feste durch ihre entzückende Häuslichkeit gestalteten. Die vier Festkonzerte hatte Catenhusen, als vorzüglicher Praktiker, mit weiser Umsicht zu größtem Erfolge geführt und die Solisten gebeten, im letzten Konzert die[127] amerikanische Nationalhymne, das »starspangled banner« am Schlusse mitzusingen, das wir alle nicht kannten, ich nie gehört hatte; wir sollten wenigstens »dabei« sein, meinte er, auch wenn wir nicht sängen. Man hatte uns Stimmen gereicht und wir sangen tapfer mit. Auf einmal starrt mir das Wort Solo entgegen, der Chor schweigt, und noch ehe ich mich vom ersten Schreck zu erholen und einzusetzen vermag, höre ich Marianne Brandt todesmutig neben mir die zweite Stimme dieses Solos brummen, was mir die Situation so komisch gestaltete, daß ich, des Lachreizes nicht Herr, Marianne Brandt ansteckte, und auch diese nicht mehr ernst bleiben konnte, so daß wir beide das Soloduett zu Ende kicherten. Alles das dauerte nur wenige Sekunden. Der Chor rettete schließlich durch seinen Einsatz uns und das »starspangled banner« vor weiteren Unfällen, und so schloß dies schöne Fest mit dem Siegesjubel des patriotisch elektrisierten Publikums, dem sich ein Festessen anschloß. Die deutschen Künstler aber feierten am andern Morgen von 11 bis 5 Uhr nachmittags bei unseren lieben Wirten das Fest der Zusammengehörigkeit mit deutscher Herzlichkeit, mit deutschen Toasten auf das schöne Amerika und die liebe schöne deutsche Heimat, wohin es uns nun mächtig zog nach all den Erlebnissen, wohin auch Catenhusens sich seit langem sehnten und wohin sie ein gütiges Geschick – wenn auch sehr viel später – doch noch leitete.


Amen.

1

Wenn man auf den dicken Zimmerteppichen die Füße wetzt, knipfen elektrische Funken aus Nase, Händen und Armen sobald man an eine Blume riecht, ein Bad bereitet, Türklinken berührt, jemand beim Anziehen hilft oder umarmt. Selbst das Gas kann man auf solche Art mit dem bloßen Finger anzünden und unzählige Male erschrickt man täglich über die unerwarteten elektrischen Schläge.

Quelle:
Lehmann, Lilli: Mein Weg. Leipzig 1913, S. 96-128.
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Florentin

Der junge Vagabund Florin kann dem Grafen Schwarzenberg während einer Jagd das Leben retten und begleitet ihn als Gast auf sein Schloß. Dort lernt er Juliane, die Tochter des Grafen, kennen, die aber ist mit Eduard von Usingen verlobt. Ob das gut geht?

134 Seiten, 7.80 Euro

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Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

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