Im Examen

[99] Der eine Verfasser dieses Buches hat in Deutschland und in der Schweiz etwa tausend Prüfungen abgenommen – Doktorate, Lizentiate, Lehramtsprüfungen, Zwischenprüfungen aller Art. Er war auch selbst mehrere Male Kandidat und kann darum sagen, er habe einige Erfahrung. Damit dieser Abschnitt nicht zu einem Buch wird, werden wir hier nur von drei Dingen sprechen: von der Problematik schriftlicher Prüfungen, vom Verhalten der Prüfenden und vom Verhalten der Prüflinge.

Der rapide Anstieg der Kandidatenzahlen auf allen möglichen Gebieten – vom Führerschein bis zur Habilitation – hat es mit sich gebracht, daß man seit etwa dreißig Jahren versucht, die Prüfungen zu rationalisieren. Dabei hat man vor allem die (zugegeben zeitraubenden) mündlichen Prüfungen durch schriftliche ersetzt. Und bei den schriftlichen hat man das alte System, bei dem der Kandidat seine Kenntnisse in gewöhnlicher Sprache darlegen konnte, fast überall durch formalisierte Systeme ersetzt: Der Kandidat muß seine Antworten in einer bestimmten Form geben, zum Beispiel durch Ankreuzen von einer der angebotenen Antworten (sogenanntes »multiplechoice [99] Verfahren«) oder durch Ankreuzen der Antworten »ja« oder »nein«.

Dadurch wird ohne Zweifel das Korrigieren vereinfacht; man kann es sogar einem Computer übertragen, nachdem man die Antworten von ungeschulten Kräften hat aufbereiten lassen. Auch gibt es keine »halbrichtigen« Antworten, die ja immer schwer zu beurteilen sind, sondern nur noch richtige und falsche. Man könnte also meinen, die Objektivität und damit die Gerechtigkeit der Prüfungen sei eindeutig größer geworden.

Sprachwissenschaftlich betrachtet, sehen die Dinge freilich anders aus. Bekanntlich stecken in jeder Kommunikation Anlässe zu Mißverständnissen. So auch bei Prüfungen. Und hier hat die mündliche Prüfung den unschätzbaren Vorteil, daß der Kandidat, wenn er etwas nicht ganz verstanden hat, rückfragen kann. Auch bei den schriftlichen Prüfungen der alten Sorte, bei denen der Kandidat in längeren Sätzen zu antworten hat, gibt es die Möglichkeit, so etwas wie eine Rückfrage einzufügen.

Die formalisierten schriftlichen Prüfungen haben das traurige Privileg, daß bei ihnen solche Rückfragen nicht möglich sind. Daraus ergeben sich potentiell Ungerechtigkeiten, wie wir an einem Beispiel zeigen möchten.

In einer Autozeitschrift waren einige Fragen, die bei (schriftlichen) Fahrprüfungen gestellt worden sind, abgedruckt. Darunter fand sich folgende:


»Sie fahren auf eine Kreuzung zu. Auf der Kreuzung steht quer zu Ihnen ein Polizist und hebt die Hand. Was tun Sie?«


Wir haben diese Frage einer Anzahl von Personen, die seit langem erfolgreich ein Auto fahren, vorgelegt. Die meisten sagten: »Ich bremse« und lieferten dazu folgende Begründung:


»Wenn der Polizist quer zu mir steht, so kehrt er mir das Gesicht zu; hebt er die Hand, so gilt das mir, also muß ich bremsen.«


Dies war nun aber merkwürdigerweise nicht die vom Tester verlangte Antwort. Was er erwartete und als richtig taxierte, [100] war: »Ich mache mich fahrbereit«. Seine Überlegung war nämlich offenbar die gewesen:


»Wenn ein Polizist quer zu mir steht, so steht er so, als ob er in Richtung des Querverkehrs marschieren wollte; hebt er also die Hand, so gilt das dem Querverkehr, und ich kann demnächst losfahren.«


Fast alle unserer Versuchspersonen fanden diese Interpretation entweder einfach falsch, oder dann ausgesprochen spitzfindig. Und alle betonten, daß man die Antwort »Ich bremse« nicht als falsch bezeichnen dürfe.

Warum gerade diese Frage mißverständlich ist, kann mit Hilfe der Linguistik ermittelt werden3: Der Gebrauch des Wortes »quer« setzt eine prominente Horizontaldimension voraus. Man kann deshalb von einem liegenden Polizisten ohne weiteres sagen, ob er quer oder längs »sei«, von einem stehenden ist das jedoch kaum möglich. Der Linguist würde sagen: In dieser Testfrage wurde die Kollokations-Restriktion (Einschränkung der Verbindbarkeit von Wörtern) zwischen »quer« und »stehender Polizist« mißachtet, und darum ist das Wort »quer« nicht eindeutig.

Dem Prüfling in seiner Klause sagt niemand, wie es der Tester nun gemeint hat; er kann nur raten, und darum wird eine solche Prüfung zu einer unfairen Lotterie. Und selbstverständlich sind in solchen Fällen »falsche« Antworten nicht das geringste Indiz dafür, daß der Kandidat sich im wirklichen Verkehr falsch verhalten würde.

Wir hörten auch von einer medizinischen Prüfung, bei der verschiedene Symptome geschildert wurden, aus denen der Kandidat Diagnose stellen mußte. Dabei hieß es unter anderem: »Der Patient hat Fieber« – wobei aber nicht gesagt wurde, ob mittleres oder hohes Fieber gemeint sei.

Mißverständliche Testfragen sind häufiger, als man allgemein annimmt; sie führen zu krassen Ungerechtigkeiten in der Prüfung. Prüfungen, die keine Rückfrage erlauben, sind deshalb [101] grundsätzlich suspekt. Sicher gibt es gewisse »harte« Fächer, bei denen eine gerechte Prüfung durch Ankreuzen von »ja« und »nein«, von »richtig« oder »falsch« möglich ist, aber im allgemeinen sind solche Prüfungen aus reinem Sachzwang entstanden; je rascher sie durch andere ersetzt werden, umso besser. Wir möchten den Studenten warm ans Herz legen, gegen diese Art von Prüfungen zu demonstrieren.


Und nun ein paar Hinweise für mündliche Examina. Und hier zunächst einige Ratschläge für Prüfer. Unter ihnen gibt es solche, die aus Gutherzigkeit den Kandidaten nicht gleich am Anfang mit harten Fragen bestürmen wollen; sie beginnen dann mit einer Einleitung oder Einstimmung, die mit der Prüfung noch nichts zu tun hat. Dies ist falsch. Der Kandidat ist gekommen, um sich harte Fragen vorlegen zu lassen; er empfindet es als »Tierquälerei«, wenn eingangs noch allerhand Konversation gemacht wird, wodurch die auf ihn zukommenden Fragen bloß aufgeschoben und nicht aufgehoben sind. Die Sache kann auch, wie das folgende Beispiel zeigt, völlig schiefgehen.

Ein berühmter Professor der Romanistik wollte einen Kandidaten über die Liebesthematik bei Racine prüfen. Der Kandidat war zufällig ein katholischer Geistlicher, und der Professor begann die Prüfung so: »Nun, Herr Pater, sind Sie auch schon mal verliebt gewesen?« Damit wollte er sachte auf das kommende Thema, die Liebestragödie, hinlenken. Aber der Pater verstand es ganz falsch: er meinte, der Professor wolle ihn an diesem »Tag der Abrechnung« auch über sein Leben examinieren und ihn als Sünder entlarven. Er kam ins Schwitzen, und wenn er die Prüfung doch noch bestand, so war es eher ein Glücksfall.

Eine zweite Regel für Prüfer besteht darin, sich in den Reaktionen zurückzuhalten. Jeder Kandidat gibt einmal eine unerwartet falsche Antwort; dies geschieht besonders am Anfang, wenn man noch nicht aufeinander eingespielt ist. Wenn nun der Prüfer, was er sicher gerne möchte, seufzt oder gar in Wehklagen ausbricht, dann bringt er den Kandidaten aus der Fassung. [102] Also in einem solchen Fall lieber ein trockenes »Hm, gehen wir mal weiter.« Natürlich darf man hier auch nicht zu weit gehen: Man darf dem Kandidaten, wenn er dauernd schlecht antwortet, nicht durch, zustimmende Worte den Eindruck geben, er sei eigentlich recht gut; sonst fällt er nachher aus allen Wolken, wenn man ihm sagen muß, es sei nicht gut gegangen.

Ein geschickter Prüfer wird auch, wenn der Kandidat auf eine Frage schweigt, nicht dieselbe Frage wiederholen, sondern sie sogleich etwas umformulieren, eventuell das Problem von einer ganz anderen Seite her neu aufrollen. Wir haben von einem Professor erzählen hören, er stelle vier- bis fünfmal die gleiche Frage und trommle dazwischen mit den Fingern auf den Tisch; er sei sonst ein lieber Mensch, aber es falle ihm einfach nichts anderes ein. So ähnlich stellen wir uns die Hölle vor.

Was uns als das beste erscheint, das ist ein fast privates Gespräch, in das der Professor den Kandidaten unversehens verwickelt, indem er es nicht bei Fragen bewenden läßt, sondern auch immer seine eigene Meinung einbringt, bis der Kandidat fast vergessen hat, daß er sich in einer Prüfung befindet. Vor vielen Jahren ergab sich einmal Gelegenheit, dabei zu sein, als Paul Hindemith einen Doktoranden über Strawinsky prüfte – das war ein verschwörerisches Raunen; abwechselnd deutete einer der beiden eifrig auf eine Stelle in der Partitur, die vor ihnen lag – »sehen Sie sich bloß diesen Leitton an« sagte der eine, und »ja, so macht der das gerne, weil ...« der andere, und beide waren sichtlich enttäuscht, als ihre Zeit zu Ende war. So, als partnerschaftliches Gespräch, stellen wir uns eine akademische Prüfung vor, nicht als frontales Abfragen.

Und nun einige Regeln für Prüfungskandidaten – dabei soll es wiederum um mündliche Prüfungen gehen. Zunächst etwas, was nur indirekt mit Sprache zu tun hat. Mancher Kandidat wird vor der Prüfung von dem Albtraum heimgesucht, er könne in der Prüfung eine Art »Kurzschluß« erleiden und alles Gelernte plötzlich vergessen haben. Wir können diesen Kandidaten aus langer Erfahrung heraus beruhigen. Natürlich gibt es [103] immer wieder den Fall, daß man sich auf einfache Dinge, die man sonst gewußt hat, plötzlich nicht mehr besinnen kann; aber das kennen die Prüfer, und es geht auch meist gleich vorüber. Daß jemand einen völligen und dauernden Blackout hat, ist so selten, daß man nicht daran zu denken braucht.

Wie soll man sich verhalten, wenn man eine Frage nicht beantworten kann. Darauf ist einmal folgendes zu sagen: Rückfragen an den Prüfenden, solange sie nicht zur Gewohnheit werden, sind durchaus erlaubt. Angenommen, ein Prüfer habe den Kandidaten etwas »über die Grenzen zwischen den Wörtern« gefragt, so ist es absolut legitim, wenn der Kandidat fragt:


»Meinen Sie jetzt Grenzen zwischen Wörtern, die in einem Satz aneinanderstoßen, oder meinen Sie die Grenzen zwischen bedeutungsmäßig benachbarten Wörtern wie ›Brücke‹ und ›Steg‹?«


Jeder einigermaßen gute Prüfer wird es schätzen, wenn der Kandidat Phantasie zeigt und verschiedene Möglichkeiten der Interpretation sieht, und er wird ihm gerne Auskunft geben. Wenn man nun wirklich einmal keine Antwort weiß, so mag es wenigstens den Fall geben, daß man wüßte, wo die Antwort zu finden wäre. Dann darf man getrost antworten:


»Ich weiß es im Moment nicht; aber ich würde in der großen Grammatik von Jespersen nachschlagen; der hat, es ist im zweiten Band, ein längeres Kapitel über die Adjunkt-Funktion.«


Eine solche Antwort muß jeden intelligenten Prüfer befriedigen, denn sie zeigt, daß der Kandidat sich im Normalfalle – nämlich außerhalb der Prüfungssituation – zu helfen wüßte. Es ist verwunderlich, wie selten sie gegeben wird. Offenbar sind die meisten Kandidaten der falschen Meinung, so etwas sei nicht statthaft.

Und nun eine allgemeine Regel. Der Kandidat soll weder zu viel noch zu wenig sprechen. Das klingt einfältig, ist aber ein gutes Prinzip. Als Prüfer beobachtet man beide Extreme. Da ist einerseits der Kandidat, der, sei es aus Angst, sei es aus Ehrerbietung, nur ganz kurz und einsilbig antwortet. Auf die Frage: »Kennen Sie ein wichtiges und umwälzendes soziales Ereignis [104] im England des frühen 19. Jahrhunderts?« wird er antworten: »Ja, die industrielle Revolution«, und dann wieder schweigen. Das ist zwar eine richtige Antwort, aber erstens hat sie etwas Mechanisches – sie kommt wie das Bonbon aus dem Automaten – und kann darum den Prüfer nicht völlig befriedigen. Und zweitens nimmt sie nur ganz kurze Zeit in Anspruch, so daß der Prüfer gezwungen ist, gleich wieder eine Frage zu stellen, und je kürzer die Antworten, um so zahlreicher natürlich die Fragen.

Es ist also für beide Teile befriedigender, wenn man eine Antwort nicht auf das Minimum beschränkt. Unsere Antwort wird also besser so heißen:


»Ja, die industrielle Revolution, also die Summe aller Umwälzungen, die durch die Erschließung der technischen Mittel ausgelöst wurden. Man kann eigentlich sagen, daß sie bis heute fortdauert«.


So oder ähnlich soll geredet werden. Die Antwort soll nicht nur aus Knochen bestehen, sondern auch aus Fleisch. Dies gibt auch dem Prüfer Gelegenheit, an einer bestimmten Stelle einzuhaken und weiterzufragen, was seine Arbeit erleichtert und ihn fröhlich stimmt – und das ist erwünscht.

Auf der anderen Seite muß man sich natürlich vor dem Gegenteil hüten. Es gibt unter den Prüflingen auch den Tausendsassa, der auf jede Frage hin einen langen Redestrom ausschüttet, die Prüfung vereinnahmt und den Prüfer am weiteren Fragen zu hindern sucht. Von dieser »Technik« ist dringend abzuraten. Die meisten Prüfer, ausgenommen die grünsten Grünhörner, kennen sie und wissen wohl zu unterscheiden zwischen dem Kandidaten, der sich aus wirklicher Begeisterung für den Gegenstand zu längerem Reden hinreißen läßt, und dem, der in primitiver Weise auf Zeitgewinn aus ist.


Zu diesem Thema – zu viel und zu wenig sprechen – noch eine Nebenbemerkung. Zum Vielreden neigen vor allem diejenigen Kandidaten, die vor der Prüfung ein Anregungsmittel genommen haben; sie sind dann enthemmt und sprechen drauf los. [105] Andererseits tendieren diejenigen, die ein Beruhigungsmittel genommen haben, dazu, passiv zu sein, also nichts als das Allernötigste zu sagen. Beides ist falsch, und darum ist es ratsam, vor einer Prüfung überhaupt kein Mittel zu nehmen.

Wenn jemand schon meint, darauf nicht verzichten zu können, so soll er wenigstens die Wirkung des Mittels vorher einbis zweimal an sich ausprobieren. Es ist eine fast kriminelle Dummheit, in eine unbekannte Situation – wie sie eine Prüfung darstellt – einzusteigen und dazu erst noch die eigene Psyche durch ein nicht ausprobiertes Medikament in eine unbekannte Verfassung zu manövrieren.


ZU BEACHTEN


Mündliche Prüfungen sind gerechter als schriftliche.


Der Prüfer soll am Anfang nicht Konversation machen, sondern gleich mit dem Prüfen beginnen. Er soll seine Reaktionen auf schlechte Antworten auf ein Minimum beschränken.


Der Kandidat darf rückfragen und eine Präzisierung der Frage verlangen.


Wenn er eine Antwort nicht weiß, kann er wenigstens angeben, wo diese zu finden wäre.


Nicht zu viel und nicht zu wenig sprechen.


Pharmazeutische Mittel, wenn überhaupt, nur nehmen, wenn vorher ausprobiert.

Quelle:
Leisi, Ilse und Ernst: Sprach-Knigge oder Wie und was soll ich reden? Tübingen 21993, S. 99-106.
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