Vom Reden mit Trauernden

[95] Für viele Menschen ist es eine Qual, mit Trauernden zu sprechen oder gar ihnen zu schreiben. Schuld daran ist nicht nur eine Aversion gegen alles, was mit dem Tod zusammenhängt. Noch belastender erscheint für viele die Möglichkeit, sich falsch zu verhalten, und zwar besonders in sprachlicher Hinsicht. Sie befürchten, die Trauernden noch trauriger zu machen, als sie schon sind, sie zu beleidigen und sich selbst unmöglich zu machen.

Die Abneigung gegen alles, was mit Tod und Trauer zusammenhängt, ist tief eingewurzelt und läßt sich nicht leicht überwinden. Hingegen ist die Furcht, sich gegenüber den Trauernden sprachlich unmöglich zu machen, meist unbegründet. Auf jeden Fall kann man durch Beachtung einiger weniger Regeln erreichen, daß man sich als Trauergast sprachlich richtig verhält.

[95] Viele Trauergäste machen den Fehler, daß sie sich selbst zu wichtig nehmen. Sie meinen, das, was sie sagen, werde von den Trauernden ganz besonders wichtig genommen und für alle Zeit im Gedächtnis behalten. Dies ist natürlich Unsinn. Die Trauerfamilie hat, so will es die Sitte, mit Dutzenden von Leuten zu sprechen. Und da verschwimmt ihr in der Regel vollständig, was gesagt wurde und von wem. Es müßte sich schon um einen ganz besonderen Ehrengast handeln, daß man seine Äußerungen mehr als alle anderen im Gedächtnis behielte, und in diesem Fall würde man sie wohl positiv deuten. Der Fall, daß ein Trauergast aus sprachlichen Gründen bei der Trauerfamilie Anstoß erregt, dürfte darum viel seltener sein, als befürchtet wird.

Aber es gibt natürlich Dinge, die für das Gespräch mit Trauernden mehr oder weniger geeignet sind. Viele Menschen haben die folgende falsche Idee: Sie meinen, indem man mit den Hinterlassenen von dem Verstorbenen, von seinen Verdiensten, oder von der schmerzlichen Lücke, die er zurückgelassen hat, spreche, mache man diese nur noch trauriger, als sie es schon seien. Diese Menschen versuchen dann die Hinterlassenen abzulenken, indem sie es vermeiden, den Verstorbenen im Gespräch zu berühren, und statt dessen von anderen Dingen, von der überfüllten Kirche oder von der Person des Pfarrers sprechen.

Dies ist ganz falsch. Für die Hinterlassenen ist der Verstorbene das Wichtigste, und sie haben den Wunsch, von ihm zu sprechen. Wenn sie dabei in Weinen ausbrechen, so ist das völlig natürlich: Im rechten Augenblick richtig und gut weinen können ist eine große Wohltat. Der Gast soll sich also keineswegs Vorwürfe machen, wenn er dieses Weinen ausgelöst hat. Es mußte so oder so kommen; die Trauernden sind ihm vielleicht sogar (unbewußt) dankbar, daß er ihnen zum Weinen verholfen hat. Natürlich wird der Gast nicht in quälender Weise beim Negativen verbleiben – andauernd betonen, welch ein schwerer und völlig unersetzlicher Verlust dies gewesen sei – sondern auch auf anderes kommen, auf die Verdienste des Verstorbenen und [96] auf freundliche Erinnerungen an ihn. Auch die Frage, wie es denn eigentlich in den letzten Tagen gegangen sei, wird eher als Interesse denn als Neugier gedeutet und darum meist gerne beantwortet.

Ähnliches gilt nun auch für einen Kondolenzbrief. Wer auch nur einigermaßen zum Schreiben befähigt ist, der sollte es nicht bei einer gedruckten Karte bewenden lassen, sondern selbst einen Brief schreiben – der übrigens heute durchaus auf weißem Papier geschrieben sein kann. Ein guter Kondolenzbrief ist ein großer Trost und hält noch vor, wenn alle Kränze schon verwelkt und abgeräumt sind. Wie schon gesagt, stürmen bei einer Trauerfeier alle möglichen Eindrücke auf die Trauernden ein; die verschiedenen tröstlichen Zusprüche verwirren sich, und am Abend weiß man kaum noch, wer was gesagt hat. Das Geschriebene aber überdauert die Zeit der Verwirrung; es kann später in Ruhe wieder gelesen werden und bleibt deshalb ein dauernder tröstlicher Besitz.

Was macht den guten Kondolenzbrief aus? Er soll ruhig ausführlich vom Verstorbenen sprechen, und er darf auch von der Lücke reden, die sein Tod in die Familie gerissen hat. Hingegen soll er nicht zu lang auf der Schilderung des Verlustes beharren – die Hinterlassenen wissen selber viel zu gut, was sie verloren haben, und man braucht sie darüber nicht zu belehren. Formulierungen wie: »den namenlosen Verlust« oder »Ihre grenzenlose Trauer« sind darum taktlos, weil sie den Hinterlassenen womöglich eine noch größere Trauer unterstellen, als sie schon haben. Also besser: »Ihr schmerzlicher Verlust«, »Ihre Trauer.«

Hingegen ist es durchaus erlaubt, von dem eigenen Schrecken und von der eigenen Trauer zu sprechen, die man beim Empfang der Nachricht empfunden hat. Man kann zum Beispiel den Brief mit der Wendung »In herzlicher Mittrauer« abschließen. Und vor allem: Man soll ruhig vom Verstorbenen sprechen: Wie man ihn noch gesehen und sich mit ihm unterhalten hat. Was einem an ihm einen großen Eindruck gemacht hat. Wo er einem Vorbild war. Dies mag die Empfänger des Briefes [97] zum Weinen bringen, aber es ist tröstlich für sie, weil es vom Nachwirken des nun beendigten Lebens in anderen Personen spricht und damit den Tod in gewisser, wenn auch nicht in christlicher Weise, überwindet.

Aus diesen Gründen ist ein Kondolenzbrief nicht etwa ein Ersatz für den Besuch der Trauerfeier. Man soll ihn auch dann schreiben, wenn man diese besucht, und ihn entweder gleich mitbringen oder durch die Post schicken. In der Regel soll man mit dem Schreiben eines solchen Briefes nicht länger warten als etwa eine Woche. Das heißt aber nicht, daß man später nicht mehr schreiben könnte. Wir erinnern uns an folgende Begebenheit. Zwei Monate nach dem Tode des Vaters bekam eine Familie, völlig unerwartet, noch den Brief eines Unbekannten, der etwa folgendes schrieb:


»Nach dem Hinscheiden Ihres Vaters habe ich lange gezögert, Ihnen zu schreiben, möchte dies aber jetzt doch tun. Er hat, was Sie wahrscheinlich nicht wissen, in meinem Leben einmal eine grosse Rolle gespielt, als er in einem für mich bedeutsamen Zivilprozess – es ging um die Verwertung einer Erfindung – als Gutachter amten musste. Er hat damals, obwohl er sich damit Feinde schuf, in einer so klaren und eindeutigen Weise ausgesagt, dass der Prozess sogleich zu meinen Gunsten entschieden wurde. Und in seinem Schlusswort sagte er noch: ›Wenn ich dieses Gutachten nochmals machen müsste, ich käme wieder auf das gleiche Resultat‹. Es sind jetzt seitdem gut zwanzig Jahre her; aber diese seine aufrechte Haltung ist mir bis heute lebendig in Erinnerung geblieben.«


Dieser Brief hat den Empfängern große Freude gemacht, weil sie oft den Eindruck hatten, ihr Vater sei als stiller und bescheidener Mann von manchen Men schen zu wenig geschätzt worden, vor allem habe man seine aufrechte Haltung zu wenig gewürdigt. Da kam der Brief dieses Mannes als ein unerwarteter und willkommener Trost, und gerade weil er »verspätet« war, erhielt er mehr Gewicht.

Was hier von Kondolenzbriefen gesagt wurde, gilt übrigens für alle Briefe. Ein verspäteter. Brief – und sei er ein Jahr zu spät – ist immer noch viel besser als ein nicht geschriebener Brief; er [98] wird in der Regel ebenso große, wenn nicht noch größere Freude machen als ein rechtzeitiger.


ZU BEACHTEN


Mit Trauernden darf und soll man über den Verstorbenen reden. Sie dürfen ruhig zum Weinen gebracht werden.


Auch ein kurzer individueller Kondolenzbrief ist besser als alles Mündliche – er überdauert die Zeit und tröstet noch, wenn die Kränze längst abgeräumt sind.

Quelle:
Leisi, Ilse und Ernst: Sprach-Knigge oder Wie und was soll ich reden? Tübingen 21993, S. 95-99.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Tschechow, Anton Pawlowitsch

Drei Schwestern. (Tri Sestry)

Drei Schwestern. (Tri Sestry)

Das 1900 entstandene Schauspiel zeichnet das Leben der drei Schwestern Olga, Mascha und Irina nach, die nach dem Tode des Vaters gemeinsam mit ihrem Bruder Andrej in der russischen Provinz leben. Natascha, die Frau Andrejs, drängt die Schwestern nach und nach aus dem eigenen Hause.

64 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon