I. Mein erstes Auftreten als Virtuos.

Ich war elf Jahre alt, als der wichtigste Tag in meinem bisherigen Leben erschien.

Eines Morgens empfing mich mein Lehrer mit einer sehr feierlichen Miene; und nachdem er sich geräuspert und mich einige Secunden bedeutungsvoll angeblickt hatte, sagte er: »Ich habe dir eine wichtige Nachricht mitzutheilen. Du sollst künftigen Montag im Theater auftreten. Ich muß zeigen, daß du Etwas bei mir gelernt hast. Du wirst das Concert von –«

Ja wahrhaftig, ich habe nicht allein keine einzige Note mehr davon im Gedächtniß, sondern selbst den Namen des Componisten vergessen. Ich erinnere mich nur noch, daß das Concert aus G-dur ging.

Wie mir bei der Rede des guten Mannes zu Muthe wurde, wie außerordentlich wichtig mir die Sache vorkam, können sich nur die vorstellen, die sich in einem ähnlichen Falle befunden haben.

Ich Junge von elf Jahren wurde für würdig gehalten, vor dem Hofe und dem ganzen Publikum auf dem Theater – Flöte zu blasen! Dieser Gedanke hob meinen bisher stets schüchtern gesenkten Kopf plötzlich in die Höhe, auch fühlte ich, daß meine Gesichtszüge eine würdevolle Zeichnung annahmen.

Der Lehrer langte die Violine hervor: »Ich will« – sagte er – »das Tutti spielen. Denke, du ständest vor dem Publikum, und mache deine Sache gut.«

O weh! – bei diesen Worten und den Vorstellungen, die dabei lebendig in mir wurden, überfiel mich eine entsetzliche Angst! Zu Hause und beim Lehrer hatte ich das Concert fehlerfrei und leicht executirt. Heute war es, als habe eine besondere Schwäche meine Lippen betroffen, als hänge sich ein schweres Gewicht an meine Finger. Die Noten tanzten mir vor den Augen herum, ich mußte jede Phrase durch unzeitiges Athemholen zerreißen, da mir die Luft mangelte; der Ton tremolirte in den getragenen Stellen, in den Passagen quirlten die Figuren untereinander, und trotz allen Zählens und Takttappens[4] des Lehrers jagte ich angstgehetzt viel zu eilig durch das Tempo hin, – die Production fiel gar nicht gut aus.

Der Lehrer machte ein bedenkliches, dann ein ängstliches, dann ein verdrießliches Gesicht!

»Wenn du umwürfest und durchfielest«, rief er erschrocken aus – »ich glaube, mich rührte der Schlag vor dem ganzen Publikum, ich wäre auf der Stelle todt, und ich glaube nicht, daß ich je wieder den Muth bekäme, mich vor den Leuten sehen zu lassen!«

Man sieht, der gute Mann war noch bestürzter als ich; er fürchtete sich, nach seinem Tode sich wieder vor den Leuten sehen zu lassen.

Ich mußte an mich halten, um nicht zu flennen. Mein Kopf senkte sich wieder. – Ich schlich, niedergeschlagen wie ein im Examen durchgefallener Schüler, die Treppe hinab.

Glücklicherweise haftet die Sorge nicht in der Jugend, das leichte Blut wirft sie bald aus dem beweglichen Gemüth hinaus. Mit jedem Schritt in der frischen Luft fand sich der Muth crescendo wieder ein, und schon auf der Hälfte des Weges erklang ein neues starkes Forte von Hoffnung auf Ehre und Ruhm in mir.[5]

So kam ich, erhitzt von immer schnellerm Gehen, nach Hause, und verkündete mit leuchtenden Augen die große Botschaft. Meines Vaters Antlitz ward im ersten Augenblick noch blasser, das meiner Mutter noch röther als gewöhnlich. Dann wogte große Freude auf. Es lag ja zwischen dem heutigen Tage noch eine Nacht, und noch ein Tag und noch eine Nacht! Aber der Morgen kam, an welchem es hieß: wie werden wir uns am Abend nach dem Theater wiedersehen! Ich befand mich in unbeschreiblicher Aufregung; meine Aeltern konnten nicht essen und trinken, ja mein Vater mußte zuweilen den Pinsel hinlegen, womit er, für das Bertuch'sche Bilderbuch arbeitend, seine Familie kümmerlich nährte, und in der Stube hin- und hergehen, weil ihm die Angst vor dem verhängnißvollen Abend keine Ruhe ließ.

Um 10 Uhr des Morgens war meine Probe angesagt.

Ich weiß nicht mehr, welchen Weg ich nach dem Theater eingeschlagen, ich weiß nicht, welches Wetter es war, noch was und wer mir auf dem Gange begegnet, – aber von dem Augenblick an, wo ich das Schauspielhaus betrat, steht mir heute noch jeder Moment in deutlichster Erinnerung vor der Seele.[6]

Um nicht zu spät zu kommen, war ich viel zu früh von Hause weggegangen. Bisher hatte ich das Theater nur in den abendlichen Vorstellungen gesehen, wo Alles hell erleuchtet, die Bühne von den Agirenden, das übrige Haus von den Zuschauern angefüllt aufs Bunteste belebt war. Als ich jetzt eintrat, befand ich mich ganz allein in dem weiten dunkeln Raume. Das Orchester war leer, Pulte und Stühle darin in Unordnung; Parterre, Logen, Balcon, Gallerie, Alles lag stumm und öde da. Ich tappte über die Bühne und stellte mich in eine Coulisse. Da stand ich in der Finsterniß, zitternd vor Frost, mit bangem, beklommenem Herzen. Nach längerm Harren endlich erschien der alte, grämliche Orchesterdiener unten, rückte Stühle und Pulte zurecht und zündete die Lichter an. Nach und nach kamen denn auch die Musiker heran und nahmen ihre Plätze ein. Zuletzt erschien mein Lehrer und stellte sich mit der Violine ans Dirigentenpult.

Er rief mir zu: »Mach' dich fertig« – nicht ohne Bewegung, denn er liebte mich wie seinen Sohn. Unter immerwährendem Herzklopfen setzte ich die Stücke der Flöte zusammen. Der Orchesterdiener brachte das für mich bestimmte Pult auf die Bühne, stellte es knapp vor den Souffleurkasten hin, legte[7] die Principalstimme darauf, und zündete die Lichter an.

Alle diese Dinge sind für euch, liebe Leser, Bagatellen, nur nicht für den, den sie betreffen! Auf mich, den in der Stube der Armuth erzogenen, furchtsamen, menschenscheuen Knaben machten sie eine erschreckliche Wirkung; sie kamen mir wie Zurüstungen zu meiner Hinopferung vor.

Ich mußte A angeben zur Einstimmung des Orchesters. Ach Gott! das meckerte wie eine alte Frau, die in der Kirche singt.

»Der hat schöne Angst!« rief höhnisch ein zweiter Violinspieler meinem Lehrer zu, laut genug, daß ich es hören konnte. Diese Aeußerung der Schadenfreude wurde mein Glück. Sie weckte den Trotz in mir, und gab mir plötzlich Fassung.

Das Tutti begann. Wider Erwarten ging die Sache, ich will nicht sagen, so sicher wie zu Hause, namentlich konnte ich der zitternden Lippen mit aller Willenskraft nicht ganz Herr werden, aber die Finger bezwang ich, und sie mußten gehorchen. Auch fror ich, und das, sagte ich mir tröstend, wird heute Abend bei erwärmtem Hause nicht der Fall sein.

Der erste Act des wichtigen Drama's war vorüber. Ob es am Abend als Lust- oder Trauerspiel auslaufen[8] werde, blieb freilich noch sehr zweifelhaft. Vor der Hand fühlte sich die Brust erleichtert. Mein Lehrer empfing mich am Ausgang des Komödienhauses und sprach seine Zufriedenheit aus. Auch die Musiker stärkten durch freundliche Worte meinen Muth für den Abend. Nur jener zweite Geiger machte eine Ausnahme. Das war ein seltsamer Mensch. Er hatte eine schmächtige Statur, schielte, und schnaubte stets so stark durch die Nase, daß man ihn zehn Schritte entfernt schon nahen hörte. Dennoch war er ungeheuer eitel auf seine Person und verwendete den größten Theil seiner geringen Besoldung auf elegantestphantastische Kleidung, mit der er sich, wenn er keinen Dienst hatte, in den Straßen zeigte. Er trug Sporen an seinen Stulpenstiefeln und führte eine silberverzierte Reitpeitsche in der Hand, obgleich er in seinem Leben auf kein Pferd gekommen sein mochte. Die Natur hatte ihm alles Talent versagt, aber ihn mit einem überschwenglichen Ehrgeiz beschenkt. Einen großen Theil des Tages arbeitete er auf seinem Instrumente herum, immer mit der Hoffnung, nächstens als großer Virtuos auftreten zu können, während er in der That sein Leben lang nur mühsam eine zweite Violinpartie im Orchester auszuführen vermochte. Als ich aus dem Theater hinaustrat, schoß er wie[9] eine wilde Katze an mir vorüber und warf mir im Vorbeigehen einen so giftigen Blick zu, während er ein grinzend-freundliches »Bravo« herausschnarrte, daß ich fast erschrak. Er schwang dabei seine Reitpeitsche so zweideutig hin und her, daß mir nicht klar wurde, ob er blos die Luft oder meinen Rücken damit durchfuchteln wollte. Ich hielt mich nicht sicher vor der zweiten Chance und bog demüthig aus. Der arme Kerl nahm später ein trauriges Ende.

Was mich am glücklichsten machte, waren zwei Freibillets, die ich auf Verwendung meines braven Lehrers für meine Aeltern erhielt. Die sollten nun neben meinem Auftritt auch ein schönes Theaterstück sehen, ein Fest, das ihnen sonst nicht zugänglich war. Man kann sich ihre Freude vorstellen, als ich ihnen den glücklichen Ausgang der Probe berichtete, und zugleich das unverhoffte Geschenk in ihre Hände legte.

Der Nachmittag verging. Es fing bald an zu dunkeln, denn es war tief im Winter. Die Toilette wurde gemacht. Um 6 Uhr ging die Vorstellung an. Eine halbe Stunde vorher traten wir den schweren Weg an. Drei arme Menschenherzen pochten ungestüm in peinlicher Angst. Keines sprach ein Wort. Am Theater trennten wir uns. Die Aeltern gingen auf die Gallerie, ich begab mich auf die Bühne.[10]

Jetzt sah sie anders aus als am Morgen. Die Gardine war heruntergelassen und verschloß den Blick ins Haus. Ein kurzer Prospect, der eine bürgerliche Stube vorstellte, hatte den Raum verengt. An den Coulissen stiegen Lampenreihen empor und verbreiteten Tageshelle. Zu dem Stück costümirte Schauspieler standen leise conversirend auf der Bühne, andere gingen, ihre Rollen repetirend, hinter den Coulissen hin und her. Arbeiter aller Art hantirten geschäftig da und dort. Ein alter Theaterdiener schritt mit einer kleinen Räucherpfanne auf und ab. Alles geschah still und geräuschlos und kam mir so ahnungsvoll, so feierlich vor! Als ich in der Coulisse stand, trat ein Acteur auf mich zu und redete mich freundlich an.

»Du bist ja noch nicht geschminkt, mein kleiner Virtuos!« bemerkte er. »So kannst du nicht vor dem Publikum erscheinen. Nur Geister und dem Tod Verfallene dürfen der Schminke entbehren. Der Lampenglanz macht das blühendste Antlitz bleich. Komm, ich werde dir die Rosen der Gesundheit auf deine Wangen malen, die dein Flöteblasen bereits verscheucht zu haben scheint.« Er führte mich in die Garderobe, und pinselte mir aus einem Schminkbüchschen dickes Roth auf die Wangen. »So, mein Junge«, sagte[11] er, »nun kannst du dich nicht allein hören, sondern auch sehen lassen.«

Indem hörte man aus der Ferne des Hauses drei starke Schläge. Das war der Hoffourier, welcher mit seinem Stabe die Ankunft des Hofes anzeigte. Die Ouvertüre unten begann. Meine Production sollte zwischen dem ersten und zweiten Acte vor sich gehen. Die Flöte in der Hand, trat ich in die nächste Coulisse am Proscenium, um dem Spiel zuzusehen.

Ich übergehe die Schilderung meines innern Zustandes während aller dieser erzählten Momente. Es war ziemlich derselbe, wie ich ihn am Morgen in der Probe schon einmal durchgemacht und geschildert.

In dem Stück war eine Kinderrolle. Ein Mädchen, ungefähr in gleichem Alter mit mir, spielte sie. Ihr Abgang nach einer Scene, der ihr rauschenden Applaus einbrachte, führte sie in meine Coulisse. Da blieb sie stehen, stellte sich mir gegenüber, und heftete ihre Blicke neugierig auf mich und mein Instrument.

So standen wir den Verlauf des Actes über, betrachteten einander, sprachen aber kein Wort.

Dieses Mädchen – dachte ich – tritt keck hinaus vor alle die Zuschauer, und spielt ihre Rolle so schön und furchtlos ab, und du, ein Mann (!), bebst! Mit dieser geheimen Rede an mich selbst wollte ich meinen Muth[12] aufstacheln. Aber im selben Augenblick fiel die Gardine. Wenn sie wieder aufgezogen wird, mußt du hinaus, dachte ich, und mit meinem eben gefaßten Anlauf war's vorbei. Du mußt hinaus, und du wirst dich blamiren. Du wirst keinen Athem haben, und deine Finger zittern ja jetzt schon fieberhaft!

Und der Orchesterdiener kam, wie in der Probe, und stellte das Pult mit den zwei brennenden Lichtern und der Principalstimme darauf ganz nahe an die Gardine. Verzweifelnd sah ich mich wie nach Hülfe um, oder wenigstens nach mitleidigen Gesichtern für meine schreckliche Lage. Aber Nichts dergleichen war zu spüren. Der Orchesterdiener stellte das Pult so gleichgültig und gefühllos hin; die Schauspieler, die Arbeiter, Alle waren nur mit sich beschäftigt. Niemand nahm die geringste Notiz von mir.

Da trat der Regisseur, der alte Genast, zu mir, er mochte mir die Angst wohl ansehen – und sagte freundlich: »Nun, Kleiner, nur Muth! du sollst ja recht schön in der Probe geblasen haben. Halte dich bereit, ich werde sogleich das Zeichen zum Aufziehen des Vorhangs geben. Wenn die Gardine oben ist, gehst du hinaus, machst zwei Verbeugungen, die erste vor der Hofloge, die andere vor dem Publikum, und dann fang' in Gottes Namen an.«[13]

Es klingelte! der Vorhang fuhr rauschend in die Höhe. Zahllose Köpfe aus allen Räumen des Hauses richteten sich plötzlich erwartungsvoll auf das noch leer stehende Pult auf der Bühne!

Das Mädchen war bis dahin nicht von ihrer Stelle gewichen, und hatte ihre lieblichen blauen Aeuglein nicht von mir gewendet. Ihr Blick sprach tiefe Theilnahme, Mitleid, ja Angst für mich aus. – Als ich mich zum Hinausschreiten anschickte, lispelte sie mir mit bewegter Stimme nach: »Ich wünsche Glück.«

Diese Worte wirkten elektrisch auf mich. Ich fühlte mich plötzlich wunderbar ermuthigt. Ich fühlte, daß sie mir aufmerksam und theilnehmend zuhörte, ich blies für sie.

Es ging gut. Stürmischer Beifall rauschte mir nach jedem Satze in die Ohren.

Ach, ihr wißt ja Alle, wie es bei Virtuosenproductionen der Kinder hergeht, wenn sie ihre Sache leidlich machen. Aber ihr wißt Nichts von den langweiligen, mühseligen Uebungen, die ein solch armes Geschöpf nach den Schulstunden erst, in der dumpfen Stube abgesperrt, beginnen muß, während seine Altersgenossen im lieblichen Frühling durch das Feld streifen, im grünen Sommer sich in tausend heitern Spielen ergötzen, mit des farbigen Herbstes frischen[14] Lüften erhöhte Gesundheit einsaugen, im weißen Winter unter den wimmelnden Flocken fröhlich einander jagen! Ihr wißt Nichts von den peinlichen Tagen, Stunden, die dem öffentlichen Auftreten vorhergehen. Der Virtuos tritt auf, er gefällt euch, ihr klatscht mit den Händen zusammen; er gefällt euch nicht, ihr laßt die Hände ruhen, oder lacht oder zischt ihn wohl gar aus, und legt euch dann ruhig zu Bett, während jener, habe er gefallen, oder sei er durchgefallen, in fieberischer Aufregung sich schlaflos in seinem Bett herumwälzt, im ersten Fall allerdings glücklich, im zweiten in den wildesten Schmerzen gekränkten Ehrgefühls.

Wenn ich diese erste Producirung meines Talents theuer bezahlen mußte durch alle die Qualen vorher, und mit Recht einem armen Sünder vergleichbar war, der den Vorbereitungen zu seiner Hinrichtung beiwohnen muß, so kam nun freilich, als die Sache glücklich abgelaufen war und ich meinen letzten linkischen »Diener« für das letzte Händeklatschen gemacht hatte, dann in die Coulisse, aus der ich verzweiflungsvoll gewankt, als Sieger zurück- und eintrat, einiger Lohn dafür. Die Schauspieler und Schauspielerinnen umgaben mich freundlich, und machten mir artige Complimente über meine große Fertigkeit[15] und mein schönes Spiel. Die Kleine stand auch noch auf ihrem Platze und sah mich mit ihren hellen blauen Augen glänzend freundlich an. Sie sagte zwar Nichts, aber ich fühlte, daß sie mich achtete, als Virtuosen und gleichsam als Collegen von ihr an diesem Abend. Der lastende Alp war herab von der Seele. Ich schwamm nun in einem Meer von Glück, und was meine Situation noch angenehmer machte, war der Gedanke, daß ich nun die kleine liebliche Actrice ohne jene Unruhe vor meinem Auftritt betrachten konnte. Besonders freute ich mich, daß ich nun ihrem Spiel, wenn sie wieder aufträte, mit aller Ruhe zusehen konnte.

Sie hatte im Verlauf des Abends noch in zwei Scenen aufzutreten. Als die Gardine zum nächsten Acte aufrollte, und die erste Scene angefangen hatte, sagte sie, wie zu sich selbst: »Ich muß nun in die andere Coulisse«, worauf sie langsam fortging. Mir rief eine innere Stimme sogleich gebieterisch zu: »Du mußt auch in die andere Coulisse«, und so folgte ich und stellte mich ihr stumm wieder gegenüber. Sie schien das natürlich zu finden, wenigstens zeigte sie kein erzürntes Gesicht. Jetzt neigte sie ihr liebliches Lockenköpfchen, um auf ihr Stichwort zu hören, und als es kam, hüpfte sie hinaus auf die Bühne[16] und spielte, ach, so natürlich, so allerliebst, daß ich ganz entzückt darüber war. Bei ihrem Abgang wurde sie rauschend applaudirt. Sie kam zurück und stellte sich wieder an den vorigen Platz mir gegenüber, und wir sahen uns abermals verstohlen an. Im letzten Acte mußte sie wieder in die andere Coulisse und ich natürlich auch.

Als die Gardine endlich zum letzten Mal herabrollte, warfen wir einander einen freundlichen Blick zu. Sie ging in die Garderobe, ich über die Bühne hinweg, hinunter. Meine Aeltern erwarteten mich vor der Thür. Die Mutter küßte mich mit einer Thräne im Auge, der Vater drückte mir freundlich die Hand. »Es ist gut gegangen«, sagte er, »du hattest wohl große Angst?«

»Ach ja, lieber Vater!« sagte ich.

»Meine Angst war doch noch größer!« sagte die Mutter.

Wir gingen schnell auf dem Nachhausewege. Es war zwar böses Stöberwetter eingetreten, aber wir fühlten wenig davon; die Freude strömte erwärmend durch unsere Adern. Und splendid feierten wir den glücklichen Abend, denn es wurde nicht nur warme Suppe gekocht, sondern es gab sogar nachher noch Butter und Käse![17]

Quelle:
Lobe, Johann Christian: Aus dem Leben eines Musikers. Leipzig 1859, S. 4-18.
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