Scene III.

[37] Klodion. Alwina (die ihm heiter entgegeneilt).


ALWINA.

Geliebter Vater! endlich schlägt die Stunde,

Der Theure, Heißersehnte naht –

Doch wie?

Immer noch seh' ich auf deiner Stirn

Die düstre Wolke.

Soll nie die Tochter wissen,

Was dir den Busen bewegt?

Vor Kurzem noch[37]

Erfüllte dich die nahe Ankunft Wittekind's

Mit hoher Freude,

Und jetzt – –

KLODION.

Jetzt läßt sie Alles mich fürchten! – –

Wisse: seit Albuin zurückgekehrt,

Füllt düstre Ahnung mir die Brust.

Eine Leidenschaft seh' ich

In seinem Busen wühlen

Und alle Zeichen deuten mir,

Daß du die Ursach' bist

Geheimer Wünsche,

Die seine Brust verschließt. –

Bald wird er hier sein,

Uns zu des Festes Feier zu geleiten –

Ich fürchte – er wird sich dir entdecken.

ALWINA.

O, ist es dies,

Dann sei ruhig.

Wird er die Braut

Des Bruders wohl begehren?

Er ist ein edler Mann.

KLODION.

Doch rauh und ungemessen,

Wenn's seine Wünsche gilt,[38]

Und Widerspruch

Reizt schnell zum Zorn ihn auf. –

Weh mir! Schon seh' ich Bruderzwist

Die blut'ge Geißel schwingen.

Viel Volk und Krieger halten treu

Bei ihm; geringer nicht

Ist seine Macht, als uns're –

Und ahn' ich recht,

Entzweien sich die Brüder,

Dann ist des Landes Schicksal schnell

Entschieden.

Von innen Zwist,

Von außen der mächt'ge Feind,

Wird's ihm ein Leichtes sein,

Auf ewig unser Vaterland

Ins Sklavenjoch zu beugen. –

Und du, du sollst die Ursach' sein

Der Schmach –

Begreifft du nun?

Doch still – – er naht. –

ALWINA wirft sich angstbewegt an seine Brust.

O, möchtest du dich täuschen!


Quelle:
Lobe, Johann Christian: Aus dem Leben eines Musikers. Leipzig 1859, S. 37-39.
Lizenz:

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