Scene VII.

[43] WITTEKIND.

Wie schleicht ihr trüben Stunden

In dieser Oede dahin,

Es dehnt ein jeder Tag

Zur Ewigkeit sich hier. –

Schon viele Monden harr' ich vergebens

Auf der Freunde erlösenden Ruf.

Geliebtes Vaterland!

Geliebte Alwina! euch,

Euch muß ich meiden. –[43]

Ha, lebtest du nicht, Hoffnung,

Tröstend noch in mir,

Dem stolzen Frankenfürsten

Einst blutig zu vergelten,

Nicht trüg' ich diese Schmach! –

Doch – gelobt hab' ich den Freunden

Nach jener unglücksel'gen Schlacht,

In diesem fernen Wald

Der Rache Stunde mich zu sparen.

Wohlan! ich gab mein Wort,

Ich halte es.

Bezähme deinen Schmerz,

Armes Herz! – –

O, Wodan, hör' mein heißes Flehen,

Erleuchte diese dunkle Nacht.

Das Vaterland laß frei mich sehen,

Vernichte des Tyrannen Macht.

Gieb, ach! die Heißgeliebte wieder,

Die jetzt die Ferne mir verhüllt;

Dann senkt der Friede sich hernieder

In diese Brust, von Gram erfüllt.


Pause. Dann hört man ganz in der Ferne das Hornsignal der Krieger, die ihn suchen.


Was war das? Klang's nicht wie Hornesruf

Durch diese Berge? – wär's möglich!

Alles still. Ach, es war Täuschung.


[44] Signal von einer andern Seite und näher.


Nein, das ist nicht Täuschung.

Das sind der Freunde Zeichen,

Sie suchen mich,

Sie sind mir nah.


Am Morgen ging das Componiren wirklich und wahrhaftig los, und es dauerte ununterbrochen wieder ein Jahr, denn die Oper hatte drei Acte. – Endlich schrieb ich auch davon die letzte Note hin, und dahinter: Fine! –

Beinahe drittehalb Jahre waren seit dem Augenblick vergangen, wo ich von der Hauptwache auf die Bibliothek gelaufen. Leser, einige Beharrlichkeit und Willenskraft wirst du mir wohl zugestehen. Ich gestehe dafür auch, daß die Musik vielleicht frischer und anmuthiger geworden wäre, wenn ich nicht einen großen Theil der Kräfte an den Text vergeudet hätte.

Fertig war die Oper, aber nun galt es – das Schwerste – die Aufführung zu erwirken. – Eines Morgens trug ich Text und Partitur, sauber geschrieben und elegant eingebunden, zu dem Bassisten und Oberdirector Stromeier, für den und für Frau von Heigendorf ich die Hauptpartien geschrieben und berechnet hatte. Ich bat ihn schüchtern,[45] in sehr verlegener, abgebrochener Rede, um Aufführung des Versuchs. Wird er sie annehmen? Wird er sie abweisen! Das Blut stürmte wild nach dem Herzen. Er schien keine besondern Erwartungen zu hegen. Ich gestand ihm, daß ich die Rolle des »Wittekind« für ihn geschrieben habe, und er war gutmüthig genug, mich ans Klavier zu weisen.

»Lassen Sie was hören, ich will singen!« –

Ich schlug seine erste Scene auf, ein Recitativ und Adagio – dessen Text man am Ende des vorgelegten Bruchstückes gelesen hat.

Als seine wundervolle Stimme – nie hat es eine zweite von solchem Umfang und von solchem himmlisch sonoren Klange gegeben – ertönte, hob ich mich stolz, denn meine Composition schien verklärt aus dem Himmel herabzukommen. Stromeier wurde auch freundlicher, versprach, das Ganze durchzusehen und mir bald Resolution zu ertheilen.

Die Oper wurde angenommen. Die Proben begannen, und eines Tages erschien als Ankündigung der nächsten Vorstellung im Theater: »Sonnabend, zum ersten Male: Wittekind, große Oper in drei Acten, Text und Musik vom Hofmusikus Lobe.«

Ach! das Leben ist doch schön! Das fühlte ich recht lebhaft, als ich die Ankündigung in unserm[46] damaligen Wochenblatt immer und immer wieder las, und nun auch den von mir selbst gemachten Text, hübsch gedruckt, vor mir sah!

Und doch schlich ich am Tage der Aufführung in großer Angst und Sorge um fünf Uhr schon in das Haus – das Mitspielen im Orchester war mir auf meine dringende Bitte erlassen – drückte mich in eine dunkle Ecke auf der Gallerie, und saß da in dem noch ganz öden Hause, Nichts vernehmend als die starken Schläge meines Herzens.

Das Theater füllte sich nach und nach, der Kronleuchter wurde herabgelassen und verbreitete sein glänzendes Licht.

Endlich ging's los!

Die Sänger wurden applaudirt. Wie konnte das anders sein! War doch damals in Weimar ein Ensemble vorhanden, wie es wohl selten in solcher Vortrefflichkeit sich zusammenfindet. Stromeier »Wittekind«, – die Eberwein »Alwina«, Moltke »Albuin«, Deny »Klodion«. Die Sänger erhielten also reichlichen Beifall, auf die Musik, da fühlte ich, kam wenig von dem Applaus, und der Text – hatte wenig Interesse.

Meine Freunde und Bekannte machten mir Elogen; ich aber war aufs Tiefste niedergeschlagen und herzlich[47] froh, als das Werk nach der zweiten Aufführung zurückgelegt wurde. Ich glaubte überzeugt sein zu müssen, auch nicht das geringste Talent zu besitzen – und versank einige Zeit in Schwermuth und völlige Unthätigkeit.

Welche Hoffnungen, welche ausdauernde Anstrengungen, und – welcher Erfolg! Habe ich damit nicht aber auch die Geschichte von der Mehrzahl aller deutschen Componisten, wenigstens im Anfang ihrer Laufbahn, erzählt?

Es handelte sich bei dieser Erzählung natürlich ganz und gar nicht darum, welchen Werth das Werk an sich hatte. Ich sprach nicht von den Thaten meines Talents, sondern von dem Producte meines Willens und Fleißes, von dem Resultate der Beharrlichkeit.

Ohne alle Vorkenntnisse, Vorbildung, ohne Lehrer, ohne Hülfe eine so langathmige Arbeit in drei langen Perioden, – Vorstudien – Text Musik – durchzusetzen, das ist Etwas, wie der finden wird, der's versuchen will – und jeder kann's, wenn er will.

Diese meine erste Oper ist mir, nebenbei bemerkt, noch in anderer Hinsicht eine merkwürdige Erinnerung.

Die Partie des Vaters hatte ich Deny einstudirt. – Eines Abends fand ich bei ihm einen jungen Mann[48] mit einem Stutzbärtchen. Es war Rellstab. Er sang einen Kanon aus meiner Oper mit frischweg vom Blatt.

Deny war, wie schon früher, so auch diesen Abend sehr sonderbar aufgeregt. Bei der zweiten Aufführung zeigten sich unverkennbare Spuren des – Wahnsinns, nicht über meine Oper, aber in derselben. Am andern Morgen mußte er nach Jena ins Irrenhaus gebracht werden, wo er später starb.[49]

Quelle:
Lobe, Johann Christian: Aus dem Leben eines Musikers. Leipzig 1859, S. 43-50.
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