VIII. Vierundzwanzig Takte aus dem Wasserträger.

[148] »Der wahre Künstler thut keinen Streich ohne Zweck und Bedeutung.«

Goethe.


Das wirksamste Mittel, der Kunstjünger Sinn auf das Gehaltvolle ihrer Kunst zu richten, sie anzuspornen, keinen Strich ohne Zweck und Bedeutung zu thun, ist die Hinweisung auf solche Beispiele, in welchen große Meister ihren Objecten eine tiefe, ungeahnte Seite abgewonnen haben. Zugleich sind die Erklärungen derselben geeignet, dem musikalischen Publikum Blick und Lust zu schärfen für das innigere Eindringen in die Bedeutung gehaltreicher Werke. Es werden dadurch des Kunstjüngers Schaffenskraft und des Publikums Verständnißfähigkeit zugleich geschärft und erhöht.[148]

Ich wähle zum ersten Versuch ein Musikstück, nur 24 Takte lang, von wenigen Instrumenten ausgeführt, im Figurenmaterial gewöhnlich, in einigen Takten fast trivial, wie z.B.:


8. Vierundzwanzig Takte aus dem Wasserträger

Dennoch ist dieses kleine Musikstück ein ächtes Kunstwerk, durchaus originell, und kein Strich darin ohne Zweck und Bedeutung gethan.

Ich rede von dem Melodrama im zweiten Acte des Wasserträgers von Cherubini.

Den Anlaß dazu giebt folgendes Gespräch:

Antonio. Der Vater! er kommt eben recht.

Micheli (kommend.) Nun, was Geier ... was macht ihr denn noch hier? Ich glaubte euch schon eine Stunde weit.

Antonio. Ja, wenn man uns nicht angehalten hätte.

Micheli. Wie, angehalten?

Sollte man meinen, daß über diesen scheinbar unbedeutenden Dialog ein Musikstück zu machen, welches[149] den erkennenden Verstand entzückt und das Gemüth zugleich mit Angst und Rührung erfüllt? – Um das zu begreifen, muß man alle Beziehungen des vorliegenden Gesprächs zu der Handlung kennen. Es thäte Noth, man erzählte den Inhalt der ganzen Oper, um 24 Takte der Musik darin vollständig zu erklären.

Micheli, ein armer Wasserträger, hat, in den Straßen von Paris Wasser herumfahrend, zwei unbekannte Personen, einen Herrn und eine Dame, verfolgenden italienischen Soldaten für den Augenblick entzogen, und jene auf den Abend in seine Wohnung beschieden, um für ihre weitere Sicherheit zu sorgen. Als er nach Hause gekommen, sich allein befindet – die Familie ist ausgegangen, beschäftigt er sich mit Nichts als mit dem Gedanken an die Rettung der Verfolgten. Es macht sich das erregte Gemüth Luft durch den in mannigfaltigen Nuancen ausgesprochenen Grundgedanken: »Himmel, laß mich die Armen retten«, welches den Inhalt zu einem gefühlvollen Gesange giebt:


Guide mes pas, ô providence,

D' mon plan seconde le succès!

Ah! pour moi quelle jouissance

D' sauver deux époux, deux Français etc.


Der Rettungsplan Micheli's besteht nun bekanntlich darin, den Volksfreund Grafen Armand und dessen[150] Gemahlin (sie haben sich dem edeln Manne zu erkennen gegeben), Letztere als seines Sohnes Antonio Schwester, nach Gonesse, wo er Hochzeit hält, den Grafen selbst aber in einem Fasse versteckt durch die Barrieren von Paris zu schaffen, und außerhalb derselben zu weiterer Flucht wieder zusammenzubringen. Aber Sohn und vorgebliche Schwester werden am Thore angehalten, weil das Signalement der Letzteren nicht zutrifft, und man ist eben daran, Beide zu verhaften. In diesem Augenblicke hört man in der Ferne Micheli sein: »Kauft Wasser« rufen und der Barriere nahen, mit dem im Fasse versteckten Grafen! Jetzt beginnt obiger Dialog: »Der Vater. Der kommt eben recht!« ruft Antonio aus, hoffend, der kräftige, gewandte und entschlossene Mann werde eher einen Ausweg zur Rettung finden als er, Antonio.

Micheli kommt mit der gefährlichen Bürde im Fasse langsam angefahren, ohne Etwas vom Vorgange am Thore zu wissen:

Welche Stimmung mag in seiner männlich edeln Seele herrschen, in diesem kritischen Augenblicke? Gewiß keine andere, als die er im ersten Acte schon als inbrünstige Bitte zum Himmel sandte:


Guide mes pas, ô providence,

D' mon plan seconde le succès! etc.[151]


Was aber im Innersten seiner Seele vorgeht, dürfen die italienischen Soldaten im Entferntesten nicht ahnen, sollen die Zuhörer jedoch wissen, um es mit zu fühlen in möglichster Stärke. Wie ist das zu bewirken, da es durch keinen Laut, kein Wort, keinen Zug des Gesichts an Micheli sich kundgeben darf, er vielmehr, um nicht den leisesten Verdacht zu erregen, ganz gleichgiltig und in seiner den Soldaten wohlbekannten heitern Laune erscheinen muß.

Hier tritt die Musik ein, und übernimmt das wunderbare Geschäft, uns Micheli's Brust zu eröffnen, daß wir hineinsehen und mit fühlen müssen, was in ihr lebt. Was er nämlich im ersten Acte mit Worten sang, die Melodie auf die Worte: »Guide mes pas etc.«, beginnt hier das Orchester blos zu spielen, und sagt damit dem sinnigen und aufmerksamen Hörer ganz deutlich: sieh, das denkt und fühlt jetzt Micheli:1[152]


8. Vierundzwanzig Takte aus dem Wasserträger

8. Vierundzwanzig Takte aus dem Wasserträger

Warum stockt hier die Melodie? Micheli erblickt etwas Unerwartetes – Sohn und Gräfin, die er über die Barrieren hinaus in Sicherheit wähnte.

Er erschrickt! die innere inbrünstige Bitt- und Hoffnungsmelodie, denn er glaubte ans Gelingen, wird darum von der schrecklichen Gegenwart verscheucht?

Das würde wohl bei Vielen der natürliche Fall gewesen sein; aber Cherubini hatte das Wesen seiner Person tiefer ergründet. Micheli ist nicht der Mann, der in jedem Hindernisse gleich das Schrecklichste, das rettungslos mißlungene Vorhaben erblickt; er ist im Gegentheil eine jener starken Naturen, die ein Ereigniß von der unverfänglichsten Seite nehmen und die Ruhe sich so lange als möglich zu erhalten suchen, denn: »Kopf verloren, Alles verloren!« Er stutzt zwar einen Augenblick und die Musik als die begleitende Dolmetscherin[153] seines Innern mit, aber er glaubt, die Anwesenheit Beider habe keine andere Ursache, als daß sie sich plaudernd aufhalten, um ihre Eile zu verbergen und keinen Verdacht zu erregen. Seine Stimmung ist also noch dieselbe, noch bittet und hofft er innerlich, und: »Was Geier« ausgesprochen, geht die Melodie in ihm weiter:


8. Vierundzwanzig Takte aus dem Wasserträger

Bis hierher waren Hoffnung und Zuversicht in Micheli's Seele, die Aeußerung Antonio's nun aber: »Ja, wenn man uns nicht angehalten hätte!« schlägt wie ein vernichtender Blitz hinein, und verschwunden, wenigstens für den ersten Augenblick, dessen mächtiger Gewalt auch die stärkste Seele nicht widersteht, sind jene. Diesen plötzlichen Riß ins Gemüth, wie scharf drückt ihn die einfache Figur des Quartetts[154] aus, im Gegensatze zu der vorhergehenden weichen Melodie der Flöte und des Fagotts:


8. Vierundzwanzig Takte aus dem Wasserträger

Und so, ohne Schluß, unbestimmt, wie in diesem Moment die Lage der Armen, endet die Musik.


Einige Betrachtungen mögen sich der Analyse des kleinen Meisterwerkes hier noch anschließen.

Wie tief bedeutend und scharf ausdrückend die Musik sein kann, wenn sie ihre Hilfsmittel alle kennt und zu benutzen versteht, zeigt das vorstehende Melodrama. Die Hauptwirkung kommt durch die Ideenverknüpfung. Diese spielt in Geist und Gemüth eine wunderbare Rolle und erweist sich dem Componisten besonders hold zu treffenden Seelenschilderungen.

Wenn ein früher empfundenes Gefühl bei einem spätern Anlaß wieder in unserm Gemüth hervorgerufen wird, so verkündet die Musik die gleiche Stimmung leicht und unverkennbar durch die gleiche Melodie, wie Cherubini hier treffend an Micheli offenbart[155] hat. Gesellen sich aber durch neu eintretende Umstände Modificationen hinzu, so kann und muß die Musik auch diese mit an dem wiederholten Tonbilde versinnlichen, wenn die Wahrheit vollständig werden soll.

Wäre z.B. Micheli, anstatt ein muthiger und kräftiger Mann, dem die Furcht wenig anhat, der sich nicht leicht aus seiner Fassung und heitern Stimmung bringen läßt, ein etwas furchtsamer gewesen, so würde die Fahrt mit dem Grafen im Fasse sein Gemüth viel ängstlicher erregt haben. Alsdann hätte Cherubini dieselbe Melodie der frühern Situation zwar, nicht aber dasselbe Accompagnement bringen dürfen, sondern letzteres die innere Angst mehr malen lassen müssen, wie die gefährliche Situation sie in einem schwächeren Gemüthe erweckt hätte.

Treten nun in den Werken großer Meister Stellen von besonders tiefer Auffassung, bedeutungsvollem Inhalt, blitzendwahrem Ausdruck u.s.w. hervor, und äußert der entzückte Kunstjünger dabei: Könnte ich solche Züge meinen Werken einverleiben! so tönt ihm wohl der Satz ins Ohr: Das läßt sich nicht ergründen und nicht erlernen; solche Stellen kommen nur dem Genie, ungesucht, als reine Offenbarungen!

Dieser Satz aber ist der wahre Mephistopheles,[156] und hat schon manchen Kunstjünger zur Seichtigkeit verführt.

Denn zu was sich die Mühe des Studirens geben, darf man denken, wenn gerade die schönsten Züge der Kunstwerke von selbst kommen, nur Gaben des Glücks, der guten Laune, des Genius sind? Entweder ich bin ein Genie – dann fliegen mir die gebratenen Tauben in den Mund, wenn ich sie brauche; oder ich bin kein Genie – dann hilft mir alles Studiren nichts.

Obiges Stück von Cherubini wenigstens wird wohl Niemand für eine bloße, ungesucht gekommene Offenbarung, Gott weiß woher, nehmen wollen. Vielmehr wird man zugeben, daß der Componist es wirklich mit klarem Bewußtsein gewollt und gesucht hat. Es ging seinem Schöpfungsproceß durch die Phantasie ein Verstandesproceß vorher, welcher den Befehl zur Gestaltung des Stückes, sowie es vorliegt, erst ausstellte, worauf die Phantasie es ausführte. Daß aber Cherubini's Verstand einen solchen Kunstbefehl ausstellen konnte, dazu hatte ihn ein langes und eifriges Studium der besten Vorgängerwerke, der menschlichen Natur und aller Erscheinungen befähigt, welche in dem Gemüthe auf die mannigfaltigsten inneren und äußeren Anlässe[157] nach bestimmten Naturgesetzen entstehen. Die Benutzung eben der Ideenverknüpfung zu musikalischen Effecten z.B. ist namentlich bei den älteren französischen Componisten sehr häufig anzutreffen, und wird Cherubini, der bekanntlich die Meisterwerke aller Nationen eifrig studirte, nicht entgangen sein. Dies will nun nicht etwa sagen, es ließe sich Alles durch Studium herbeischaffen. Es giebt einzelne Blitze, unerwartete Wendungen, kleine geistreiche Züge u.s.w., die mitunter in den Kopf des Künstlers einschlagen, ohne daß er sagen könnte, wie, woher; aber das sind die Ausnahmen in der Schaffenswerkstätte des Künstlers; die Regel bleibt immer ein durchaus bewußtes, vorheriges Kunstwollen, und ein nachheriges Suchen und Schaffen darnach.

Man sieht, daß es bei der Schöpfung des kleinen Meisterwerkes in Cherubini's Geiste ganz natürlich zugegangen, insofern wir das natürlich nennen, was in der physischen wie geistigen Welt seit Jahrhunderten nach festen Gesetzen zur Erscheinung kommt; denn freilich ist Alles, wenn wir auf die letzten Gründe hinunterdringen wollen, tiefstes, unergründlichstes Wunder. Die geistigen Proceduren aber, welche wir natürlich nennen, finden wir in allen Werken aller großen Meister aller Künste als[158] Regel: Studium, Beobachtung, Reflexion, Uebung und bewußter Wille, dies und das so und so zu gestalten. Und giebt der Verstand seine höheren ästhetischen Befehle deutlich und bestimmt, so erfüllt die dadurch in gute Stimmung versetzte Dienerin Phantasie dieselben in der Regel zur Zufriedenheit. Hingegen, wie soll sie etwas Bestimmtes bringen können, wenn man ihr blos aufträgt – nach irgend Etwas zu suchen?[159]

1

An manchen Orten singt der Wasserträger die Melodie im Anfange auf die Worte: »Wasser, kauft Wasser, lieben Leute.« Es bedarf der Bemerkung wohl nicht, daß es an der Sache gar Nichts ändert.

Quelle:
Lobe, Johann Christian: Aus dem Leben eines Musikers. Leipzig 1859, S. 148-160.
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