IX. Osmin's Lied in Mozart's Entführung aus dem Serail.

[159] Wer ein Liebchen hat gefunden,

Die (!) es treu und redlich meint,

Lohn' es ihr durch tausend Küsse,

Mach' ihr all' das Leben süße,

Sei ihr Tröster, sei ihr Freund!

Trallera, Trallera!


Betrachten wir die Worte vorstehender Strophe rein für sich, ohne ihren Bezug zur Oper, ohne die vorhandene Mozart'sche Musik und ohne eine sonstige Ueberschrift dazu, so empfangen wir zunächst eine Reihe von Vorstellungen, als: gefundenes Liebchen, treues Meinen u.s.w. Hiermit wüßte die Musik Nichts anzufangen. Sie kann durch Töne ein Liebchen nicht in unsere Einbildungskraft malen, nicht[160] dessen treues Meinen schildern u.s.w. Aber diese Vorstellungen schlagen aus der Einbildungskraft hinunter in das Gemüth, wecken Regungen darin, und die können Töne ausdrücken. Nehmen wir in der Musik zu einem Gesangtexte die Uebereinstimmung der Tonregungen mit den Gemüthsregungen wahr, so erkennen wir Wahrheit des Ausdrucks; finden wir nicht Aehnlichkeit zwischen beiden, so ist der Ausdruck unwahr.

Zu den Gefühlen gehören Personen, in denen sie leben. Ist eine Person nun bei einem Texte nicht bezeichnet, so können die durch Musik geschilderten Regungen nur aus dem Gemüthe des Tonkünstlers selbst kommen. Wie sie in seinem Gemüthe bei den erweckten Vorstellungen des Textes sich zeigen, erfahren wir durch seine Musik, vorausgesetzt, er besitze die Kunst, sein Inneres durch Töne für Andere wahrnehmbar auszudrücken. Ob nun gleich der Componist den Anlaß zu den Regungen von Außen, durch die Vorstellungen des Dichters, empfangen, und diese also etwas Objectives sind, so geht doch die Schilderungsweise der Regungen selbst unmittelbar nur aus der eigenthümlichen Gefühlsweise des Componistengemüthes hervor, und wir nennen deshalb das Resultat derselben subjectiven Ausdruck.[161]

In obigem Liede geben sich zärtliche Regungen kund, und das Trallera deutet auf eine heitere Gemüthsstimmung. Also wäre der Grundcharakter des ganzen Liedes: heitere Zärtlichkeit. Der durchaus voneinander verschiedenen Gefühle in ihren Grunderscheinungen giebt es nicht viele, Modificationen aber nach Klima, Geschlecht, Alter, Lebensart, Bildung u.s.w. unzählige. Man denke sich, ein junger, heiterer, leichtfertiger Franzose sänge obiges Lied, wie heiter und leichtfertig müßte die Melodie dazu hinhüpfen, wenn sie dem Hörer naturwahr erscheinen sollte! Da die Regungen nur im Gemüthe aufleben, so können die Modificationen derselben auch nur von den Gemüthsarten der Menschen ihre besondere Färbung erhalten. Obige Strophe in der Oper singt ein alter, träger, hämischer Türke. Der fühlt aber anders – als der junge joviale Mozart. Wollte dieser also Wahrheit des Ausdrucks zeigen, so durfte er nicht seine, sondern er mußte Osmin's Regungen in Tönen schildern. In Osmin's Gemüthe aber ziehen träge, mißmuthige Schatten über alle Gefühle hin, die Sonne der Heiterkeit bricht da nicht durch, sie malt sich nur grau auf dunkeln Wolken ab. So hat Mozart das Lied auch aufgefaßt, ganz der Natur des alten Türken gemäß, und weil der Componist[162] hier nicht aus seinem, sondern aus einem anderen Gemüthe herausgeschrieben hat, so nennen wir das Resultat solcher Schilderungsweise objectiven Ausdruck.

Aus diesen Beobachtungen ergeben sich bis jetzt zweierlei Ausdrucksweisen eines Wortinhalts durch Musik: eine subjective und eine objective.

In dem Liede, wie es in der Oper erscheint, war Mozart zu der letzteren verbunden. Wie fing er es an, uns mit Tönen zu sagen: seht, so trübe Färbung erhalten Heiterkeit und Zärtlichkeit in dem dunkeln, trägen Gemüthe des alten Türken!

Hörte Einer, dem die Mozart'sche Musik nicht bekannt wäre, die Melodie zu dem Liede Osmin's, ohne Worte, den Gesang auf ein Instrument übertragen, er würde weder Etwas von einer bestimmten Person noch von bestimmten Vorstellungen derselben erfahren, am allerwenigsten aber in dieser Tonweise und deren Accompagnement heitere und zärtliche Gemüthsregungen wahrnehmen. Im Gegentheil, Tonart G-moll, Tempo und Taktart langsamer 6/8-Takt, Rhythmus, Modulation u.s.w. Alles, einzeln und zusammen betrachtet, entspricht dem Wesen der Trägheit und einer mäßigen Melancholie. Dieses aber sind die Grundzüge in Osmin's Gemüth,[163] die für gewöhnlich darin herrschen, wenn nicht außerordentliche Anlässe es in eine außerordentliche Aufregung bringen und einen dritten Hauptzug in ihm wecken, Wuth und Rache. Alle Vorstellungen, die ihn nicht außerordentlich aufregen, lassen ihn in seiner gewöhnlichen melancholischen Trägheit, und auch die zärtlichen und heiteren Worte des Liedes haben nicht Kraft und Macht genug, um es in lebhafte, wirklich heitere Bewegung zu bringen.

Nur aber die Regungen des Gemüths kann die Musik schildern, die auf dem Grunde der Seele webende und lebende Wahrheit, unbekümmert, ob die aus dem Munde kommenden Worte damit übereinstimmen, oder ihr widersprechen.

Das Wesen der musikalischen objectiv wahren Ausdruckskunst besteht demnach darin, sich nie und nirgends durch Worte täuschen zu lassen, sondern stets nur zu malen, was hinter den Worten, tief unten im Gemüthe, als ächte Wahrheit sich regt. Sagt das Wort: ich bin heiter, und der Mensch ist es wirklich im Gemüthe, so malt die Musik dieses. Sagt der Mensch: ich bin heiter, und er ist traurig im Gemüthe, so malt die Musik die Traurigkeit als die ächte Wahrheit, und straft das Wort Lügen. An dieser Maxime festhaltend, kann der Componist nie[164] fehlgreifen, nie einen Wortinhalt falsch auffassen, er muß immer ohne alle Ausnahme objectiv wahr ausdrücken. Man untersuche zunächst von diesem Standpunkte aus alle einzelnen Stücke aller Mozart'schen Opern, und man wird erstaunen über die durchgängig entwickelte objective Wahrheit des Ausdrucks.

Eine weitere, zweite Bedingung objectiver Schilderungsweise werde ich später an einem anderen Beispiele zu entwickeln versuchen. Hier bemerke ich nur noch Folgendes.

Es leuchtet ein, daß, um überall so objectiv wahr schildern zu können, Mozart die innere Natur des Menschen in ihren Grundzügen sowohl, als in den unzähligen Modificationen derselben nach den mannigfaltigsten Charakterverschiedenheiten scharf beobachtet und tief ergründet haben muß. So wußte er in Hinsicht auf gegenwärtigen Punkt, daß ausgesprochene Worte eines Menschen in dreierlei verschiedenen Beziehungen zu den Gemüthsregungen stehen können. Der Mensch ist sich nämlich erstens eines Gefühlszustandes bewußt, und will ihn durch Worte kundgeben, wie z.B., wenn er heiter ist und es auch sagt. Oder er ist sich zweitens eines Gefühlszustandes bewußt, will ihn aber auch verbergen und einen anderen durch Worte vorheucheln, wie[165] wenn er sich z.B. traurig fühlt und sagt: er sei heiter. Oder er ist sich drittens seines inneren Zustandes selbst nicht klar bewußt, täuscht sich selbst, wie wenn er z.B. glaubt und ausspricht, er sei heiter, während er in der That traurig ist. Dieser letzte Fall entsteht am häufigsten aus der herrschenden Gemüthsart der Menschen und in diese Kategorie gehört Osmin. Er glaubt, als er das Lied singt, er spreche sein Inneres wahrhaftig aus, er sei Wunder wie heiter, gutmüthig, liebenswürdig, während diese Dinge gar nicht in seinem Gemüthe wohnen, sondern die Hauptzüge in ihm vielmehr düstere, träge und hämische sind.

Aus vorstehenden Beobachtungen läßt sich noch eine Frage leicht und bestimmt beantworten, nämlich die: sind reine Gedanken des Verstandes durchaus unbrauchbar für musikalischen Ausdruck?

Nehmen wir an, ein Lehrer sagte zu seinem Schüler: die Erde steht still. An und für sich hätte die Musik mit diesem Satze gar nichts zu thun. Sehr falsch aber wäre es, wenn man daraus folgern wollte, reine Verstandessätze seien für das Gebiet der Musik absolut unbrauchbar.

Denken wir uns zwei Männer im Gespräch. Der eine behauptet: die Erde steht still; der andere: sie[166] bewegt sich. Jeder will die Wahrheit seines Satzes dem andern begreiflich machen; und keiner will glauben. Darüber werden sie warm. Jetzt bleibt der Gedanke nicht blos in dem Verstande, sondern er blitzt hinunter in die Gemüthswelt, zündet darin, und die Flammen der Affecte lodern auf. Sobald aber dieses geschieht, sobald das Gemüth in Bewegung geräth, ist auch der Musik ein Ausdrucksstoff geboten.

Es folgt hieraus, daß die Musik nicht Alles ausdrücken kann, was Worte sagen, daß sie aber Alles ausdrücken kann, was als Gemüthsbewegung irgend welche Worte begleitet.[167]

Quelle:
Lobe, Johann Christian: Aus dem Leben eines Musikers. Leipzig 1859, S. 159-168.
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