Johann David Michaelis

Lebens-Beschreibung

Ich, Johann David Michaelis, bin zu Halle den 27ten Februar 1717 gebohren. Mein Vater war Christian Benedict Michaelis, damahls Professor der Theologie und der orientalischen Sprachen, aus Elrich in der Grafschaft Hohenstein gebürtig. Meine Mutter war Dorothea Hedewig Heldbergin, Tochter des Hofraths Heldberg zu Zelle. Johann Heinrich Michaelis ist zwar mit mir nahe verwandt, aber weder mein Großvater, noch auch, so viel man weiß, von eben der Familie; seine Schwester,[1] Anna Catharina Michaelis aber, war meines Vaters Mutter.

Meinen ersten Schulunterricht hatte ich bis Michaelis 1729 von mehrern Privatlehrern in meines Vaters Hause. Daß sie nicht alle waren, wie sie sehn sollten, versteht sich wohl von selbst.

Einer verklagte mich unaufhörlich bey meinem Vater, weil ich bey seinem langsamen Lesen der Autoren, und grammaticalischen Analysiren rebellisch ward, und dieser sollte mich in der lateinischen Poesie unterrichten, daraus aber natürlicher Weise nichts wurde. Einem geschickten Hauslehrer, den ich viertehalb Jahr gehabt habe, und der zu Lüneburg als Prediger gestorben ist, zur Linden, habe ich das Meiste zu danken. Es ist wahr, er quälte mich auch ein wenig zu viel mit der Grammatik; allein er las doch mit mir die lateinischen Autoren so geschwind, wie ich wollte, und brachte mich so weit, daß ich auf Schulen, zum kleinen Verdruß meiner Mitschüler, keine grammaticalische Fehler mehr machte. Auch brachte er mich in der Geographie und Historie, eigentlich vermittelst[2] des Hübners, ziemlich weit. Zu einem grossen Schaden für mich wurde das Griechische bis in das letzte halbe Jahr meines Hausunterrichts ausgesetzt, und dann demjenigen Lehrer aufgetragen, mit dem ich, und der mit mir immer unzufrieden war.

Um Michaelis 1729 gieng ich in die öffentliche Schule des Waisenhauses, die damahls in manchen Studien sehr vorzüglich war. Nur im Griechischen war sie schlecht, man las das neue Testament, und analysirte zum Ekel, daher ich auch hier wenig lernte und die letzten anderthalb Jahre ganz aus den griechischen Lectionen wegblieb. Es ist also mein Schicksal gewesen, daß ich das, was ich vom Griechischen weiß, eigentlich blos als Erwachsener aus dem Lesen der Autoren habe lernen müssen.

Das Hebräische sollte ich auf der Schule nicht lernen, sondern ich hörte schon damahls darüber einige Collegien bey meinem Vater. In der Theologie hatte ich Baumgartens Unterricht, der mir auf der Schule wirklich besser gefiel, als hernach auf der Universität; nur zum Unglück wurde ich,[3] doch ohne alle seine Schuld, denn ich hatte mir wohl selbst ohne viel Kunst eine Theologie gemacht, da ich im Anfange des fünfzehnten Jahrs confirmirt werden sollte, als ein halber Pelagianer befunden. Es war aber kein grosses Unglück, denn der Prediger, der mich privatim unterrichtete und confirmirte, Freylinghausen, war ein sehr vernünftiger Mann, sagte mir blos, ich hätte Unrecht, und suchte, mich zu belehren, und an Ablegung eines öffentlichen Glaubensbekenntnisses, das mir nachher immer wie harter Gewissenszwang vorgekommen ist, war nicht zugedenken; sondern die Confirmation geschahe in seiner Studirstube.

Am meisten aber habe ich Baumgarten (Siegmund Jacob, dem berühmten Theologen,) in der Philosophie zu danken, welche ich die letzten anderthalb Jahre meiner Schuljahre, da ich in einer Classe, die Selecta hieß, saß, in seinen Collegien hörte. Diese Collegien las er für die Schüler in Selecta und für Studenten zugleich. Die wolfische Philosophie war damahls in Halle aufs äusserste verboten und die ärgste Ketzerey; allein unter[4] der Firma des Waisenhauses ward sie gelehrt, doch mit Weglassung einiger Dinge, als der Harmoniae praestabilitae, von der blos historischer Unterricht gegeben wurde. Diese Vorlesungen über die Philosophie machten, daß ich hernach auf der Universität gar keine Philosophie gehört habe, (Physik ausgenommen,) und wenn meine Commilitonen mich beredeten, bisweilen in philosophische Collegien mit zugehen, ich lange Weile hatte; weil ich vom Schulunterricht her schon mehr wußte, auch das Trügliche der damahligen wolfianischen Modebeweise fühlte.

Zweimahl habe ich unter Baumgarten auf der Schule über eine philosophische von mir aufgesetzte Abhandlung, die er nicht änderte, aber mir seine Remarquen, Lob und Tadel darunter schrieb, öffentlich disputirt. Was dieser Unterricht in meine künftige Bildung für Einfluß gehabt hat, werden Leser meiner Schriften merken. Sie werden einen in der leibnizischen Philosophie nicht übel Unterrichteten finden; nur harmonia praestabilita und die Monadenlehre haben mir nie gefallen wollen.[5]

Am aller vortheilhaftesten aber war mir der Unterricht, den ich in den letzten anderthalb Jahren in Selecta von Goldhagen genoß, demjenigen, der hernach den Herodot übersetzt hat und als Rector zu Magdeburg gestorben ist. Auf der Schule, die über 600 Schüler hatte, war das sehr Gute, daß in den obersten Classen nur wenige fassen; denn der grosse Haufe gieng aus der dritten, vierten, oder fünften Classe von oben herab, (groß Tertia hieß sie,) auf die Universität, ohngefähr so gut, oder etwas besser vorbereitet, als jetzt gemeiniglich auf unsern Schulen aus Prima. Für die Einkünfte der Schule war jenes freilich nicht einträglich, aber desto vortheilhafter für die Schüler, die etwas mehr lernen konnten und wollten. Z.B. in Prima waren um die Zeit, als ich darin war, unserer 14, ein Beweis einer vortreflichen Schule, anstatt, daß ich, wo ich von 40 oder 60 in dieser Classe höre, gleich glaube, die Schule sey schlecht. Noch wenigere waren in der Classe, die man nur bey ausserordentlichen Gelegenheiten anlegte und Selecta nennte; in den drei halben Jahren,[6] in denen ich darin war, waren unserer das erste halbe Jahr vier, das zweite drei, und das dritte sechs. Alle Woche mußte disputirt werden, über Theses, die sich jeder selbst wählen konnte, nur mit der größten Gesittetheit und Ordnung, auch in gutem Latein; es versteht sich also, daß jeder oft an das Disputiren kam. Allein im zweiten halben Jahre, da unserer nur drei waren, fügte es sich, daß der eine fast die ganze Zeit krank war, und der andere sehr häufig, beym Disputiren aber fast beständig, ausblieb. Mein Lehrer Goldhagen hatte also niemand als mich, alle Woche disputirte ich, und weil der, welcher mit mir disputiren sollte, ausblieb, ward mein Lehrer, wenn ich Respondent seyn sollte, Opponent, und so umgekehrt. Diese Uebung ist mir in meinem ganzen Leben die vortheilhafteste gewesen, und hat mich am besten gewöhnt, Latein zu reden und auch ordentlich zu denken.

Ich habe vergessen, noch einen Lehrer zu erwähnen, der sich um mich verdient gemacht hat, den ersten, welchen ich im Lateinischen hatte, aber nur ein Vierteljahr lang,[7] weil ich geschwind in eine höhere Classe kam. Dieser war Boltzius, der nachher Prediger der Salzburger in Georgien geworden ist. Ich habe vorhin gesagt, daß mein Privatunterricht in der lateinischen Poesie mir sehr unnütz war; unter dieses neuen Lehrers Anführung aber war in der ersten Hälfte des Vierteljahrs alles schon völlig überwunden, und da ich seine Classe verließ, war ich, so wie ein Schüler es seyn kann, (das ist, wohl eben nicht mit Geschmack, aber doch immer prosodisch richtig,) ein lateinischer Dichter. Es sind auch wirklich nachher von mir lateinische Gedichte gedruckt; aber nachdem ich nach Göttingen gekommen bin, habe ich das lateinische Dichten aufgegeben, weil es mir wie Pedanterey vorkam.

Indessen hatte dieß für mich den Vortheil, daß ich den Virgil sehr lieb gewann, ihn unaufhörlich für mich zum Vergnügen las, auch beynahe auswendig behielt; und da ich immer gegen die Grammatik eine Abneigung hatte, so hat Virgil bey mir bis in die spätesten Jahre die Stelle der Grammatik vertreten, indem mir gleich beyfiel, wie das[8] Wort heissen müsse. Eine grosse Bestätigung dessen, was der sel. Geßner vom grammaticalischen Unterricht im Latein geschrieben hat.

Zweierley Gelegenheit, die ich hernach nie wieder gehabt habe, ließ ich auf der Schule unbenutzt: erstlich, zur Astrognosie, und dann zum andern vorzüglich zur Botanik; ich darf bey dieser letzten nur den Mann nennen, der Lehrer war, Steller; ich gieng auch wirklich mit denjenigen aus, die botanisirten, aber das freie Feld hatte zu viel Reiße für mich, als daß ich den Hauptzweck beobachtet hätte, sonderlich da so manche meiner Mitschüler eben so flüchtig waren.

Sonderbar ist es, daß ich von der damahligen grossen Anzahl, die in einer guten Schule meine Mitschüler waren, nur einige nennen kann, welche in der Welt berühmt geworden sind: 1) Reiske, der im ersten Vierteljahr gerade in eben der Classe nicht allein neben mir saß, denn wir hatten unsern bestimmten Sitz, sondern auch beym Examen neben mir stand, weil wir nach der Grösse gestellt wurden, und wir beide die Jüngsten waren. Uebereinstimmung der Gemüther war[9] eben zwischen uns nicht, denn ich war zu jovialisch für ihn. 2) Alexander Baumgarten, mit dem ich aber keinen Umgang hatte. 3) Nathanael Baumgarten, mit dem ich mehrmahls in einer Classe saß, und genauer bekannt war. 4) Krüger. 5) Mittelstädt in Braunschweig, der wegen seines Genies mein Liebling war.

Die gute Seite der Schule, auf der ich das Glück hatte erzogen zu werden, wird man aus dem Vorhergesagten sehen; sie hatte aber auch ihre sehr schlimme, besonders in moralischer Rücksicht, Verführungen zu Sünden, die noch jetzt auf Schulen im Schwange gehen. Hier war es nun für mich ein grosses Glück, daß ich nicht auf der Schule wohnte; ferner daß ich früh in den höhern Classen saß, in welchen doch meistentheils schon bessere Leute waren. Religion hatte damahls noch nicht viel Wirkung auf mich. Diese letztere ward auf der Schule, die man sich gemeiniglich als pietistisch vorstellet, zwar mit Eifer betrieben und dazu ermahnt; aber gewiß niemanden aufgezwungen, auch kein sonst moralischer Jüngling deßhalb zurück gesetzt,[10] weil man sie an ihm zu vermissen glaubte. Die rührendsten Vorträge davon, und die bisweilen alle Zuhörer auf eine erstaunlich Weise in Bewegung setzten, hielt wohl der sel. Baumgarten, und diese schweben mir noch lebhaft im Gedächtniß. Ich habe ihn auf der Schule ganz anders gekannt, wie hernach auf der Universität. Um Ostern 1733 verließ ich die Schule, und mußte sie wohl verlassen, weil die Classe, in der ich war, eingieng, und bezog die Universität.

Der sel. Baumgarten pflegte für diejenigen, welche aus der obersten Classe weggiengen ein Programm zu schreiben, gemeiniglich war er im Lobe sehr sparsam und zurückhaltend; mit dem, was er von mir schrieb, konnte ich völlig zufrieden seyn, denn es war besser wie gewöhnlich, allein einen sonderbaren Verdacht äusserte er mit den Worten, si illos scopulos praetervectus fuerit u.s.w. den ich damahls nicht verstand; nach ein paar Jahren aber erst auf der Universität durch meine Commilitonen verstehen lernte, denn er hatte sich gegen sie merken lassen, daß er fürchtete, ich mögte ein Religionsspötter[11] werden. Wodurch ich dazu Gelegenheit gegeben habe, kann ich nicht errathen; daß aber seine Furcht, Gott Lob! nicht in die Erfüllung gegangen ist, weiß jeder, der mich und meine Schriften kennt. Er meinte es indessen gut und wollte mich warnen.

Um Ostern 1733 fieng ich also an, Vorlesungen auf der Universität Halle zu besuchen. Ein Schade ist es für mich immer, daß ich auf ihr allein gewesen bin; denn dadurch wird die Denkungsart zu einförmig, und der Schade würde für mich noch grösser gewesen seyn, wenn ich nicht nachher nach England gereiset wäre. Auch war manches im Unterricht wirklich sehr mangelhaft, z.B. Historia litteraria und Bücherkenntniß wurden fast gar nicht getrieben, und ich hatte keine Gelegenheit, etwas darüber zu hören, welches mir freilich in meinem künftigen Leben Schaden gethan hat. Die vortreflichen Uebungen, zu denen Baumgarten einigen seiner vertrauten Schüler, z.E. Heilmann und Semler, in seiner ziemlich reichen Bibliothek Anlaß gab, aus der sie Bücher beschreiben mußten, fielen erst in eine spätere Zeit, da ich nicht mehr auf der[12] Universität, ja nicht mehr in Halle war. Auch die Universitätsbibliothek in Halle war äusserst ärmlich. Dergleichen Mängel waren noch mehrere.

Meine Erwählung eines Studiums war ganz zufällig, aber nicht völlig willkührlich. Mein Vater hatte zwar sehr oft gesagt, er wollte niemahls einem Sohn vorschreiben, was er studiren sollte; allein ich weiß nicht, wie es kam, meine Aeltern setzten zum voraus, ich würde Theologie studiren, und mein Vater hatte wohl dabey sehr den Wunsch, daß ich in den morgenländischen Sprachen sein Nachfolger werden mögte. Indessen ich hatte gar keine Prädilection für ein gewisses Studium, ausgenommen für Historie, sagte also nichts dagegen. In der That wäre es für mich besser gewesen, ich hätte überlegt, allein einer in den Jahren kennt die Sachen zu wenig, um überlegen zu können; bey einem andern Studium, sonderlich der Medicin, hätte ich vermuthlich in der Welt eine glänzendere und mir vortheilhaftere Rolle spielen können, und gerade meine beiden Söhne haben sie gewählt.[13]

Noch ein sonderbarer Umstand war, an den damahls niemand dachte, auch ich nicht, bey der Theologie stand ich in Gefahr, künftig entweder brodlos oder gewissenlos zu werden: denn wenn ich in ein Predigtamt gekommen wäre, welches desto leichter hätte der Fall seyn können, weil meine Predigten früh gefielen, und ich zum Universitätsleben eben keine vorzügliche Neigung hatte; so würde ich wenigstens nach meinem, in dem Stücke, was Zusage, pacta und unrechtes Gut anbetrift, etwas ängstlichen Gewissen, mein Amt früh haben niederlegen müssen, weil ich eben nicht alles in den symbolischen Büchern glaubte.

Allein auch dieß war in meinen Studentenjahren einer der Mängel der Universität Halle, daß man sich um die symbolischen Bücher zu wenig bekümmerte, ich und fast alle meine Mitschüler hatten sie auf der Universität nie gelesen. Man vergaß zu sehr, daß man sie wenigstens als Vertrag des Lehrers mit der Kirche kennen sollte. Doch allen diesen Mängeln der Ueberlegung und des Zufalls hat am Ende die Providenz abgeholfen.[14]

Daß ich auf der Universität die eigentlich so genannte Philosophie gar nicht gehört habe, ist schon vorhin gesagt; die Collegia waren zu schlecht gegen das, was ich schon auf der Schule gelernt hatte; Wolfens Philosophie wurde auch damahls noch als anbrüchig angesehen.

Gleich da ich auf die Universität kam, brachte mein Vater mir Wolfs Metaphysik, die damahls noch halb ein liber prohibitus war, und dieß hängt mit meinem künftigen Leben sonderbar zusammen. Ich las und ob ich gleich wirklich, ohne es zu wissen, ein Wolfianer war, gefiel mir doch das Ganze nicht, sonderlich misfiel mir sein Beweis des, von mir freilich sehr herzlich geglaubten und noch jetzt angenommenen principii rationis sufficientis. Ich glaubte, er machte einen Syllogismus von 4 Terminis, und sein ganzer Beweis beruhe auf einer Doppelsinnigkeit einer deutschen Redensart. Gerade dieser schädliche Einfluß einer Zweideutigkeit der deutschen Sprache, gerade in eben der Metaphysik von Wolf bemerkt, gab 25 Jahr nachher der berlinischen Academie der Wissenschaften,[15] die Veranlassung zur Aufgabe der Preißfrage vom Einflusse der Sprache in die Denkungsart und der Denkungsart in die Sprache des Volks; meine Schrift: De l'influence des opinions sur le langage etc. erhielt 1767 den Preiß, und in der war gerade, wie auch in dem Extract bemerket wird, dasselbe Exempel angeführt, das die Frage veranlaßt hatte.

Mit desto mehrerem Eifer legte ich mich auf die Mathesis, welche ich auf Schulen noch nicht gehört hatte, (vermuthlich weil der sel. Baumgarten meinem Vater gesagt haben mogte, daß sie da schlecht docirt würde). Zuerst hörte ich sie, eigentlich auf Baumgartens Veranstalten, der sechs Studenten zusammen brachte, bey einem Magister Körber, dieser that uns aber gar kein Genüge und Baumgartens eigener Bruder war der heftigste gegen ihn; ich aber mogte den armen Mann nicht betrüben. Da ich sahe, daß ich zu wenig gelernt hatte, hörte ich sie noch einmahl bey dem Professor Lange, und da gewann ich sie sehr lieb, vorzüglich einige Theile der angewandten Mathematik, nur[16] hielt es schwer, sie zu Stande zu bringen, weil der Geschmack der Studirenden in Halle damahls eben nicht der beste war; endlich kamen, da Lange sie noch einmahl anschlug, unserer 3 zusammen, und ich muß zum Ruhm des Mannes dankbar sagen, daß er, weil er sich frenete, Liebhaber seiner Wissenschaft zu finden, sie las und treu las, ob er gleichwohl wenig Bezahlung davon haben konnte; denn von mir, als eines Collegen Sohn, wollte er durchaus keine nehmen. Doch gieng dieß Collegium auf nichts weiter, als was in Wolfs Anfangsgründen stand.

Historie wäre eigentlich mein Lieblingsstudium gewesen; allein zu dieser war in Halle keine so gute Gelegenheit, wie ich wünschte.

Die Universalhistorie hörte ich bey Schmeitzeln, mit dem ich sehr schlecht zufrieden war, weil, um die Stunde zu füllen, statt Historien, lang gedehnte Spässe vorkamen, und ich in der europäischen Staatenhistorie, die ich etwas besser verstand, als die alte, gar zu grobe Fehler wahrnahm. Bey dem Canzler von Ludwig hörte ich die Reichshistorie, die[17] gefiel mir nun freilich besser; allein sie wurde gar nicht mit politischem, sondern, wie sich fast zum voraus schon vermuthen läßt, ganz mit juristischem Blick gelesen, und dabey mit einem etwas übertriebenen Patriotismus für das Haus Brandenburg. Von diesem sonderbaren. Mann darf ich doch noch sagen, daß ich nach seinem Tode seine Bibliothek und Manuscripte in Ordnung bringen musste, und da ich alle seine Editionen von der Germania princeps vor mir hatte, fand ich blos in der letzten mit seiner Hand, wie sie im hohen Alter war, die Prätension des Hauses Brandenburg an Schlesien, von der er selbst lange vorher die Deduction gemacht hatte, am Rande beygeschrieben.

Zum Griechischen war auch in Halle die Gelegenheit damahls nicht so, wie sie jetzt auf manchen, Universitäten ist.1 Collegien über das neue Testament konnte man hören,[18] und die besuchte ich mehrentheils bey meinem Vater. Blos bey dem wirklich grossen Gelehrten Schultze hatte ich Gelegenheit, über einen Theil des Homers und Herodians zu hören, und der Unterricht war so gut, daß mir noch bis jetzt aus ihm ganze Stellen des Homers, und was er bey ihnen gesagt hat, selbst mit seinem Ton, im Gedächtniß schweben. Dieser Mangel ist nun wiederum für mich ein grosser Schade gewesen, und was ich im Griechischen gelernt, habe ich für mich selbst aus den Autoren lernen müssen. Noch als einen grossen Mangel darf ich es anführen, daß Stephans Lexicon nicht zu haben war.

In den orientalischen Sprachen bin ich blos meines Vaters Zuhörer gewesen, aber auch in allen Collegien, welches denn wiederum freilich zu viel Einförmigkeit im Denken zuwege bringen konnte. Der Fehler, den der sel. Semler in seinem eigenen Lebenslauf, als Zuhörer an ihm bemerkt, daß er die orientalischen Sprachen mit dem Deutschen habe vergleichen wollen, muß allerdings eingestanden werden, nur an dem nahm ich früh keinen Antheil, und war nicht so gefällig,[19] wie Semler von sich sagt, auf ein deutsches Wort zu rathen, das mit dem und dem arabischen verglichen werden könnte; denn ich fühlte, daß dieß die schwache Seite meines Vaters sey. Ich hörte bey ihm nicht blos über die ganze Bibel, sondern auch Rabbinisch, Syrisch, Arabisch, dieß letztere zweimahl; das Aethiopische konnte aus Mangel der Zuhörer nicht zu Stande kommen, allein er las es ein Vierteljahr privatissime, eigentlich um meinetwillen, seinem Collegen, dem damahligen Dr. Clausewiz, dem Herrn Boysen, und mir. Die Aussprache konnte ich allein nachahmen, die andern aber nicht, am wenigsten freilich Clausewiz, der ein Sachse und schon bejahrt war. Den ganzen weit ausgebreiteten Nutzen der orientalischen Sprachen und ihr Interesse in Sachwissenschaften sah ich damahls noch nicht so ein, als jetzt; sonst wäre ich wirklich in ihnen weiter gekommen.

In der Theologie war wiederum Baumgarten mein Lehrer, der mir aber auf der Universität nicht mehr so gut gefiel, als auf der Schule. Sein sehr Tabellarisches und Einförmiges, dabey auch das beständige Dictiren,[20] bey dem ich jedoch nie nachschrieb, machten mich mißmüthig; bey der Dogmatik fand ich in den Beweisen keine Ueberzeugung, und das scheint auch der Fall mehrerer gewesen zu seyn, daher ich gerade unter seinen Schülern so manche finde, die entweder an der Lehre der evangelischen Kirche, oder der christlichen Religion selbst irre geworden sind. Seine Philosophie drang auf strenge Beweise und in seiner Theologie mangelten sie sehr. Vielleicht hätte dieß bey mir gleiche Wirkung gehabt, wenn ich nicht nach England gereiset wäre, wo sich wegen der Theologie meine Denkungsart änderte.

In der Kirchenhistorie war der sel. Knapp mein Lehrer, den ich gern hörte; bald wurde ich auch sein vertrauter Freund. Meinem Vater lag sonst noch zweierley, wie es schien, sehr am Herzen. Das erste sagte er mir selbst, das andere verschwieg er mir, und suchte, mir unbemerkt, Anstalt dazu zu machen. Ihm hatte es, wegen gewisser in den ersten 20 Jahren der Universität Halle herrschenden theologischen Vorurtheilen, viel Schaden gethan, daß er nicht predigen konnte;[21] man wollte ihn z.B. deßhalb nicht zum Professor der Theologie haben, ob es gleich selbst Franke wünschte, und mein Vater hätte diese Stelle, vor der ich geflohen bin, gern gehabt; er ermahnte mich also früh, das Predigen nicht zu verabsäumen. Aber dabey hatte er eine Diffidenz in mich, um welcher Willen er nicht gern wollte, daß ich in meiner Vaterstadt Halle mit Predigen den Anfang machen sollte. Er nahm also die Gelegenheit wahr, da ich, meiner damahls schwächlichen Gesundheit wegen, zu einem Prediger auf dem Lande verreiset war, um da, von Geschäften entfernt, den Brunnen zu trinken, diesen zu bitten, daß er mir eine Predigt auftragen mögte; denn wenn ich auf dem Lande auch in der Predigt stecken geblieben wäre, so war nicht viel daran gelegen. Die Sache gieng glücklich, und die Predigt erhielt bey den Bauern grossen Beyfall, den sie mir, wenn ich in der Allee spatziren gieng, auf sonderbare Weise bezeigten. Nachher habe ich in Halle sehr häufig gepredigt, und zwar mit Beyfall, noch häufiger in England, in Göttingen aber niemahls. Das andere war, mich zum Vortrag[22] auf Universitäten zu zubereiten, aber auch vorher zu sehen, ob ich mich dazu schickte. Hierzu gebrauchte er folgendes Mittel: auf seinen Rath mußte ich unentgeldlich in der Schule des Waisenhauses, derselbigen, darin ich gewesen war, in den obersten Classen Unterricht geben, erst im Lateinischen und hernach im Hebräischen. Die Sache ward ganz von ihm veranstaltet, aber freilich auch sehr gern angenommen; heruntersetzend war sie damahls gar nicht, weil gerade wenige Jahre vorher Baumgarten, damahls bey weitem der beliebteste Lehrer auf der Universität, dasselbe gethan hatte, und zwar, so viel ich weiß, nicht unentgeldlich. Dieß hat mir grossen Nutzen geschafft. Im Lateinischen ward es mir vorzüglich leicht, weil ich die classischen Autoren immer geliebt und gelesen hatte; es veranlaßte mich aber auch, daß ich sie von neuem mit mehrerer Aufmerksamkeit las, auch mir manches aus ihnen auszeichnete, was mir neu oder merkwürdig schien. Hieraus sind einige tausend Anmerkungen zu Fabers Lexicon entstanden, wenn ich einen Gebrauch des Worts dort nicht angemerkt[23] fand, und die mir nachher oft beym Nachschlagen nützlich gewesen sind. Eine Probe von ihnen findet man in den göttingischen gelehrten Anzeigen, Jahr 1757, Stück 85, wo ich als Recensent Bernholds lateinisches Lexicon, und, ob er das geleistet hatte, was er versprach, prüfete. Beym Lesen eines classischen Autors war dieß meine Art: ihn erst in einemweg, ohne irgendwo Anstand zu nehmen, durchzulesen, aber, wo ich etwas schwer fand, am Rande einen Strich beyzuzeichnen; beym zweiten Durchlesen gieng ich genauer, aber da waren gemeiniglich alle Schwierigkeiten verschwunden. Mein Lesen der classischen Autoren geschahe gewöhnlich laut.

In einem Stück änderte sich meine Denkungsart auf der Universität sehr. Ich habe schon vorhin gesagt, daß ich auf der Schule nicht religiös war, (sonst wohl moralisch tugendhaft, sonderlich in zwei Stücken strenge, im Mein und Dein und in der Wahrheitsliebe); allein auf der Universität wurde ich religiös und zwar ängstlich religiös. Ich bekam auch manche Zweifel, die mich sehr beunruhigten, nicht hauptsächlich dogmatische,[24] denn an denen war mir weniger gelegen, sondern moralische, und dazu war der Grund eigentlich durch die mir früh eingeprägte lutherische Lehre vom Abendmahl gelegt, die bey andern so unschuldig ist. Hier sollte man blos dem Buchstaben folgen, und gar nicht die Vernunft zu Rathe ziehen; soll nun eben diese hermeneutische Regel bey moralischen Geboten der Bibel befolgt werden, so kommt bisweilen etwas Uebertriebenes oder Wunderliches heraus; doch war nicht eigentlich die Bergpredigt, auf die man vielleicht zuerst deuten könnte, der Gegenstand meiner moralischen Zweifel2. Dieses hatte einige Zeit auch in meine Gesundheit Einfluß. Hätte ich damahls bemerkt, was vollkommene und geläufige Kenntniß der griechischen Sprache hier zur Auflösung von dergleichen Zweifel thun könnte; so würde ich eigentlich aus Gewissenhaftigkeit sie mit dem größten Eifer studirt, und es auf Universitäten weiter in ihr gebracht haben.[25]

Neues Testament und griechische Sprachkunde wurden auch auf der Universität zu sehr von einander getrennt, Philologie als Stück der Gelehrsamkeit geliebt, aber ihr grosses Interesse in den Sachwissenschaften, selbst in der Theologie, die durch sie gebessert und zur Gewißheit gebracht werden soll, nicht berührt; denn die Theologie glaubte man ja nun einmahl, und war mit jedem Beweise zufrieden.

Da ich mehrere Jahre auf der Universität blieb, und in manchen Vorlesungen nicht viel Neues hörte; so hatte ich bisweilen lange Weile, die ich mir dann aber durch Umgang mit guten Freunden und durch andere Vergnügungen, auch Ausreisen zu vertreiben suchte. An eine künftige Lebensart dachte ich gar nicht. 1739 that mein Vater mir den Vorschlag, zu promoviren und den Anfang zum Dociren zu machen. Ich that dieß, und vertheidigte unter meinem Vater, der aber so höflich war, ganz stille zu schweigen, am 7ten October 1739 eine Dissertation de antiquitate punctorum vocalium und bald darauf 1740 eine pro loco über Pf. XXII: 17 als Präses. Beide Disputationen[26] sind den damahligen Meinungen, die ich gelernt hatte, gemäs; ich bin aber hernach sehr von ihnen abgegangen. Ich machte auch in demselben halben Jahre gleich den Anfang, einige Collegien zu lesen für einen Anfänger mit ziemlichem Beyfall, mußte sie aber im nächsten halben Jahre abbrechen, weil ich um Ostern 1741 eine Reise nach England vornahm. Diese sollte anfangs nur auf ein Jahr seyn, allein das Verlangen des damahligen ersten deutschen Hofpredigers in London, Ziegenhagen, machte, daß ich ein halbes Jahr länger bleiben mußte. Er war wegen seiner Gesundheit nicht im Stande, die Nachmittagspredigt in der Schloßcapelle, die ihn alle 14 Tage traf, zu übernehmen, sein Gehilfe gieng ihm ab, und nun bat er mich, noch länger zu bleiben, da ich denn diese Nachmittagspredigt für ihn beständig, oft aber auch die Vormittagspredigt übernahm.

Zu dieser meiner Reise nach England war zu wenig System gemacht, ich reiste, wie Deutsche häufig zu reisen pflegen, ohne Endzweck; Empfehlungen hatte ich auch nicht, ausgenommen an den ebengenannten Ziegenhagen,[27] der mir schon vorhin eine Stube in London gemiethet hatte; aber auf meinem Briefe stand nicht einmahl, wo ich den Mann suchen sollte, denn (nicht mein Vater, sondern ein anderer Correspondent von ihm) hatte gedacht, der Mann würde ja leicht in London zu finden seyn, wiewohl er nicht einmahl in London wohnte, sondern eine halbe Stunde davon. Als ich ihn auffand, wunderte er sich, wie man in meiner freilich kleinen Vaterstadt so hätte denken können.3

Unterweges in Holland hatte ich den berühmten Schultens kennen lernen, der mir unter allen holländischen Gelehrten am besten gefiel, auch sehr gütig gegen mich war.

Eben weil meine Reise nach England ohne System und Zweck gemacht wurde, hat sie mir auch nicht den Nutzen gebracht, welchen ich von ihr hätte haben können; sondern etwa hauptsächlich nur den, daß ich die Sprache fast so gut als Muttersprache sprechen[28] lernte, die ich aber nun, 50 Jahre nachher, nicht mehr fertig reden kann. Doch geschahe dieß nicht in London, denn da sind zu viele Deutsche, sondern in Oxford, wo ich einen Monat blieb, und blos unter Engländern war. Die Aufnahme, welche ich zu Oxford erhielt, war so, als ich sie nimmer erwarten konnte; ja ich glaube, wenn ich in den Jahren, da ich als Gelehrter in England bekannt war, hingekommen wäre, würde ich nicht haben besser aufgenommen werden können. Die Gastfreiheit gieng aufs höchste, ich ward fast beständig Mittags und Abends von den Häuptern der Collegien (Heads of Colleges) zu Gaste gebeten, und zwar von solchen, die ich gar nicht kannte, auch sie nicht besucht hatte; blos ein paar deutsche Einwohner waren kaltsinnig gegen mich, und der eine sogar grob. Auf gewisse Weise war die Zeit meines Aufenthalts zu Oxford die angenehmste meines Lebens, und überhaupt bin ich fast nie völlig so gesund gewesen, als in England. Ich muß aber auch dabey bemerken, was ich erst hernach, bey Gelegenheit der Theurung in England, aus den englischen[29] Zeitungen erfahren habe, daß seit der Königin Elisabeth Zeit die Jahre 1741 und 1742 die schönsten, fruchtbarsten, und wohlfeilsten in England gewesend sind. Man mögte vielleicht bey der Gelegenheit fragen: ob ich nicht gewünscht hätte, in England zu bleiben? Aber auch der Gedanke ist mir nicht eingefallen, ich liebte wirklich mein Vaterland, doch nicht eigentlich Halle. Den letzten Abend, als ich in Oxford war, besuchte mich noch einer meiner besten Freunde, Brown, so viel ich weiß derjenige, welcher nachher durch seine Schrift Estimate of Manners, und dadurch, daß er sich selbst erschossen hat, in England so bekannt geworden ist; dieser sagte zu mir, er glaubte, ich werde mit meiner Aufnahme in Oxford vergnügt seyn, und wenn ich mich bey meinen Landsleuten, deren einige kurz vorher da gewesen waren, erkundigte, so würde ich es noch mehr seyn. Er machte mir hierauf einige Complimente; allein, fuhr er fort, auch das hat mit dazu beygetragen, man hat bey ihnen nie die geringste Spur gefunden, daß sie den Wunsch gehabt hätten, in Oxford zu bleiben,[30] wäre dieß gewesen, so versichere ich sie, es würde das Gegentheil erfolgt seyn.4[31]

Ich habe aber doch in Oxford zweierlei versäumet, das mir hernach sehr leid gethan hat:

1) Ich machte mit Lowth keine persönliche Freundschaft. Er war damahls Lector der Poesie, und las unter allen öffentlichen Lehrern in Oxford am fleissigsten. Meine besten Freunde unter den Docenten, die eigentliche Collegien lasen, aber privatissima, waren nicht zu bewegen, mich einmahl mit hineinzunehmen und mir den Zutritt zu gestatten. Sie mußten vielleicht nicht sehr musterhaft seyn; der eine sagte, seine Lehrlinge würden sich[32] schämen und nicht antworten, (wenn ein Magister hinein käme, denn das ist in England mehr wie in Deutschland.)5 Oeffentliche Vorlesungen wurden nicht gehalten, da ich aber meinen Freunden gar zu sehr anlag, sie mögten mich doch einmahl mit in ein Collegium nehmen; so sagten sie mir, Lowth würde den und den Tag öffentlich lesen, und nahmen mich mit hinein. Er hielt damahls gerade seine zweite Prälection de poesì sacra Hebracorum; er gefiel mir sehr wohl und vorzüglich sein Blick, nach lavaterischer Denkungsart mußte ich ihn schätzen und lieben. Allein ich besuchte ihn doch nicht; damahls ahnete mir nicht, daß er in der Folge noch der grosse Mann, und zugleich (den einzigen Pringle ausgenommen) mein wärmster Freund in England werden würde. Ich war[33] wirklich von andern, die damahls zu Oxford in grösserem Ansehen und höherem Range standen, zu sehr verwöhnt, und vergaß den einzigen, über dessen persönliche Bekanntschaft ich mich hernach sehr gefreuet haben, ja der mir vielleicht damahls zu einer wichtigen Entdeckung nützlich gewesen seyn würde.

2) Ich erhielt zwar, nach Ablegung des gewöhnlichen Eides, der mir wegen seines Inhalts etwas fürchterlich war, den freien Zutritt zur bodlejanischen Bibliothek. Da wollte ich hauptsächlich die hebräischen Handschriften, welche nachher noch so berühmt geworden sind, durchsehen und ließ mich in der Zeit, da die Bibliothek verschlossen war, ich aber gerade am meisten frei hatte, Morgens von 10 bis Nachmittags halb 2 Uhr, mit hebräischen codicibus auf dem grossen Saal einschliessen. Allein allgemeine Vorurtheile der damahligen Zeit machten, daß ich das nicht fand, was mir vor Augen lag. Ich hatte mir von meinem sel. Vater ein Verzeichniß solcher Stellen schicken lassen, wo er etwa Varianten vermuthete, und ich die codices nachsehen sollte. Man stand damahls[34] in Deutschland und auch in England allgemein in den Gedanken, die hebräischen codices wären einander in den Consonanten gleich; alles also, was er mir schickte, betraf Puncte und grammaticalische Kleinigkeiten. Der ganze Vortheil von meiner Mühe war also ausserdem, was zur Grammatik gehöret, daß ich codices kennen lernte. Hätte ich irgend einen meiner Freunde zum Nachlesen in einer gewöhnlichen Edition mitgenommen, (doch das war schwer, denn nur sehr wenige verstanden Hebräisch) so hätte ich etwas Wichtigeres6 aus Oxford mitgebracht. Auch würde dieß der Fall gewesen seyn, wenn ich Lowth persönlich hätte kennen lernen, denn bekanntermasen wollte dieser nicht glauben, daß die hebräischen Handschriften so einstimmig wären, als man vorgab, und war der erste, welcher Kennicotten im Disputiren rieth, nur eine Probe zu machen, und ihm sehr glücklich die[35] Stellen vorschlug, bey denen er sie machen sollte. In einem Stück, das die Theologie betrifft, hat sich meine Denkungsart in England glücklich geändert. Ohngeachtet ich schon auf Schulen halb ein Pelagianer war, so wurde doch hernach die Lehre von der übernatürlichen Gnade so getrieben, daß ich sie für biblisch hielt; ob ich gleich aus der Philosophie, wenigstens aus meiner Erfahrung, Einwürfe dagegen hatte, und bey mir selbst zwar wohl religiöse Gemüthsbewegungen, aber nichts finden konnte, das mir übernatürlich vorkam. Dieß änderte sich in England ganz, da ich die Schriftstellen, die von übernatürlicher Gnade handeln sollten, anders erklären lernte. Bücher und Umgang trugen das Ihrige dazu bey, auch der Mann, für den ich so oft predigen mußte, ob er gleich, wie man es nennen mögte, ein Pietist und noch dazu ein ziemlich eifriger war, aber er entdeckte mir (doch damahls nur im Vertrauen,) seine Zweifel dagegen, die natürlicher Weise, mit den meinigen verbunden, stark herauf wuchsen. Sogleich da ich nach Deutschland zurückkam, legte ich meine Zweifel mündlich Theologen vor,[36] zu denen ich Zutrauen hatte, eigentlich Wolfianern, denn von denen wußte ich, daß sie mit mir im principio von Sparsamkeit der Wunder übereinstimmten; die beantworteten sie mir orthodox und so gut sie konnten, allein gar nicht zu meiner Befriedigung.

Im September 1742 reisete ich von London über Hamburg nach Deutschland zurück; wir hatten einmahl auch Sturm und zwar, wie mir der Schiffscapitain sagte, einen ziemlich starken, den ich aber doch auch unter das Gute meines Lebens rechne, weil ich sonst keine richtige Idee von einem Sturme haben würde. Ein Frauenzimmer war mit uns auf dem Schiffe, des berühmten und guten Mennonistenpredigers, Dennert, Tochter, die schon einmahl Schiffbruch gelitten hatte, und eine Zeit lang in der See gewesen war. Die eigentlich fürchterlichste Zeit war, als man in der Nacht die Laterne des gefährlichen Helgolandes erblickte. Dieß verbrietete allgemeine Furcht; allein da ich mich erkundigte, wie weit es wohl noch entfernt wäre, zeigte es sich, daß wir erst nach Sonnenaufgang den gefährlichen Ort erreichen würden, ja[37] zum Glück legte der Sturm sich noch vorher. In Hamburg machte ich vorzüglich mit dem damahligen Senior Wagner Bekanntschaft, wenn ich meine Absicht sagen soll, wohl eigentlich, weil ich ihn für einen wichtigen Theologen hielt, und zu ihm, als Wolfianer, das Zutrauen hatte, daß er meine Einwendungen gegen die übernatürliche Gnade am besten verstehen, und wo möglich beantworten würde; indeß auch ohne diese Absicht würde unsere Bekanntschaft fast eben so genau gewesen seyn, denn er kam mir mit Gütigkeiten auf eine unerwartete Weise zuvor. Nur auf meine Zweifel waren seine Antworten nicht befriedigend, und dieß befestigte mich in meiner Meinung noch mehr.

In Halle fieng ich wieder an, zu lesen, theils über die Bibel, das Syrische und Chaldäische, theils über Naturhistorie und lateinische Autoren, und mit dem Beyfall konnte ich sehr zufrieden seyn; wirklich hatte ich bisweilen so viele Zuhörer, daß ich ihrer in Göttingen in meinen besten Jahren nicht viel mehrere gehabt habe; doch war auch in Halle die Zahl der Studirenden, sonderlich der Theologen,[38] viel grösser, als in Göttingen. Ich predigte auch noch oft. Eine andere Arbeit war, daß ich an meines Vaters Stelle, der Bibliothecarius war, wöchentlich dreimahl auf die (kleine) Universitätsbibliothek gehen und sie eröffnen mußte. Ausser diesem mußte ich nach meines gewesenen Lehrers, des Canzler Ludwigs, Tode, seine sehr zahlreiche Bibliothek in Ordnung bringen und einen Catalog davon machen, weil der vorhin von dem Professor Ursinus gemachte Catalog von dem sel. geheimen Rath von Nüßler, Ludwigs Schwiegersohn, war verworfen worden. Diese Arbeit nahm mir viel Zeit weg. Dieß machte mich auch mit einem Mann genauer bekannt, der den Catalog in Verlag nahm, und durch dessen Umgang lernte ich etwas von Buchhändlergeschäften, das mich hernach bewogen hat, es einmahl zu versuchen, und eines meiner Bücher (Beurtheilung der Mittel, welche man anwendet, die ausgestorbene hebräische Sprache zu verstehen) selbst zu verlegen.

Indessen gefiel mir nun Halle gar nicht mehr, und ich war über meinen dortigen Aufenthalt sehr mißmüthig, weil ich zu einem[39] künftigen Amt, das seinen Mann ernähren konnte, keine Aussichten sahe. Professuren, die ertheilt wurden, waren ohne Besoldung, und fesselten den Professor, daß er nicht weggehen konnte, daher ich auch mich gewiß nicht zu ihnen drängte, sondern sie eher flohe. Mein eifriger Gönner und der bey dem Könige viel ausrichten konnte, Reinbeck in Berlin, war um die Zeit gestorben, da ich in England war; wäre der am Leben geblieben, so würde ich schwerlich nach Göttingen gekommen seyn. Aus Semlers Lebenslauf, (der in Halle mein Zuhörer gewesen ist,) sehe ich auch, daß einigen meine Anwesenheit in Halle nicht lieb war, und ich habe selbst Spuren davon gehabt, die ich aber ganz verschweige, weil ich sie doch für redliche Leute halte, die ihren Einsichten folgten. Um diese Zeit ließ der sel. Münchhausen mir antragen, erst nur als Privatdocent, mit einem sehr kleinen Gehalt, nach Göttingen zu kommen. Ungeachtet des Ungünstigen, das dabey war, nahm ich es gleich an; meinem Vater that es leid, und er hatte von der Universität Halle sehr hohe Begriffe, die ich vom damahligen[40] Zustande nicht eben so hatte; allein nachher hat er mir selbst gesagt, ich hätte besser gethan, nicht in Halle zu bleiben. Ich gieng also um Michaelis 1745 nach Göttingen. Die ersten Jahre meines Aufenthalts waren mir nicht angenehm, doch bekam ich bald einen sehr warmen Freund, den ich gar nicht suchte, und von dem mir noch dazu einige andere frühere göttingische Freunde, die mit ihm aber sehr gespannet waren, äusserst widrige Begriffe beygebracht hatten; der hingegen wirklich mich suchte, und nachher einen grossen, mir vortheilhaften Einfluß in das Schicksal meines Lebens gehabt hat: den sel. Haller. Wirklich, ich weiß mich eines so warmen und beständigen Freundes aus meinem Leben nicht zu erinnern, er war sonst etwas argwöhnisch, und wurde leicht, auch durch eine Kleinigkeit, beleidiget. In den Jahren 1752 und 1753 waren auch einige, die mich um seine Freundschaft bringen wollten und ihm deßwegen allerley Unwahres, ihn beleidigendes, von mir erzählten; er glaubte ihnen aber niemahls, verbat sich ihre Nachrichten, gieng auch noch einen Schritt weiter und erzählte[41] mir mit Nennung der Namen wieder: dieser oder jener hätte Böses von mir gesagt. Es waren nun freilich auch die Leute darnach. Sonderbar ist mir diese ungesuchte Freundschaft immer vorgekommen; er war damahls ein angesehener, sehr wichtiger Mann, und ich ein bloser Anfänger, dessen Freundschaft er wenigstens nicht aus Eigennutz suchen konnte. Von ihrer Entstehung weiß ich weiter nichts, als dieß, er hörte mich gleich im ersten Vierteljahr ein deutsches Gedicht vorlesen, das verlangte er von mir, schickte es mit einer sanften Critik über einzelne Stellen wieder zurück, und war von nun an mein warmer Freund. Es sind einige gewesen, die mich in eben den Jahren 1752 und 1753 gegen ihn mißtrauisch machen wollten, und seine Freundschaft für Eigennuß ausgaben, weil er mich gebrauchen könnte; mir war dieß ganz unglaublich, und beym Anfang der mir fast aufgedrungenen Freundschaft war aller Eigennutz unmöglich. Habe ich ihm irgend können nützlich seyn, und dazu Gelegenheit und Vermögen gehabt, so ist es erst gewesen, da er von Göttingen weg war, etwa in[42] den Jahren 1754 und 1755. Dabey war es noch ein glückliches Schicksal, daß die mit ihm nicht gut stehenden Segner und Gesner auch meine Freunde waren, und mit dem letzten habe ich bis an seinen Tode eine genaue Freundschaft fortgesetzt.

Im Jahr 1746 wurde ich ausserordentlicher und 1750 ordentlicher Lehrer der Philosophie; Professor der orientalischen Sprachen, wie mich manche genannt haben, bin ich nie gewesen, ob ich sie gleich lehrte.

Im Jahr 1751 wurde ich auf Hallers Verlangen, Secretair der damahls neugestifteten göttingischen Societät der Wissenschaften, mußte auch, aus den Memoires des zwischen dem sel. Münchhausen und Haller Abgeredeten, die Gesetze derselben lateinisch entwerfen, die im ersten Theil der Commentariorum, bis auf weniges nicht fürs Publicum Gehörige, gedruckt sind. An den Sachen hatte ich weiter keinen Antheil, als daß ich sie mit den Mitgliedern der Societät überlegen und bey etwaiger Verschiedenheit der Meinungen die Sache vergleichen mußte; denn dieß Geschäfte, das sonst wohl eigentlich für den Präses[43] gehört hätte, fand Haller zu übernehmen Bedenken, da er mit zweien unter ihnen gespannet war. Von der Zeit an habe ich auch mit an den göttingischen gelehrten Anzeigen gearbeitet; anfangs nur wenig, nachher aber mehr. Als Haller 1753 Göttingen verließ, wurde mir die Direction über die gelehrten Anzeigen, die er vorhin gehabt hatte, aufgetragen, welche ich bis 1770 fortgesetzt, doch in den letzten Jahren nicht mehr selbst so viele Recensionen als vorhin gemacht habe. Im Jahr 1756 resignirte ich das Secretariat, blieb aber als ordentliches Mitglied in der Gesellschaft, wurde 1761 nach Gesners Tode Director derselben, welches Amt ich aber 1770 niederlegte und auch als Mitglied aus der Societät trat.

Im Jahr 1761 bekam ich das Prädicat als Hofrath.

In dem siebenjährigen Kriege habe ich freilich manches Unangenehme, aber doch auch wirklich sehr vieles Angenehme erlebt. Ueberhaupt hatten wir die besten Feinde, welche man mir haben kann, und die sehr artig, ja freundschaftlich mit uns umgiengen, besonders[44] wurde die Universität sehr distinguirt. Im Jahr 1757 waren die Professoren von aller Einquartierung frei, eine sehr grosse Wohlthat. Dieß hörte bey der neuen Besetzung der Stadt 1760 auf, doch wurden sie wirklich sehr geschonet, und ich muß noch insonderheit einen vom Marschal von Broglio hierher geschickten Generaladjutanten, Namens Beville, der in meinem Hause einquartirt war, wegen seiner edlen, und freundschaftlichen Begegnung rühmen; mein Vertrauen zu ihm gieng so weit, daß, wenn ich verreisete, ich ihm wegen möglicher Feuersgefahr den Hauptschlüssel überließ. Nur sonderbar änderte sich dieß auf einmahl. Der Generaladjutant ließ mich aus dem Collegium rufen und sagte, der General de Vaux wolle mich sogleich sprechen, er sahe dabey etwas verstört aus. Ich gieng zu de Vaux, und er sagte mir, es sey eben Befehl von dem Marechal de France gekommen, daß mein Haus von aller Einquartierung frei seyn sollte. Ich verstand nun, warum der Generaladjutant ein ungewöhnliches Gesicht gehabt hatte, er mußte denken, ich hätte über ihn geklagt; ich nahm also zwar gleich diese[45] Gnade und wirklich ganz besondere Distinction, die mich völlig zum Herrn meines Hauses machte, mit dem größten Dank an, setzte aber hinzu, ich bäte wir aus, den Generaladjutanten bis auf das Frühjahr, welches ganz nahe bevorstand, comme une illustre sauvegarde zu behalten und würde dieses dem Marschal selbst schreiben. Dieß that ich auch, und nach wenigen Wochen war ich von aller Einquartierung frei, das im Kriege sehr viel ist, und als der General d' Etrè das Commando in Deutschland übernahm, erneuerte er die Exemtion. Die Ursache, die dieß bewirkt hatte, erfuhr ich bald: mein wärmster Freund in Paris, (wiederum ein Medicus,) der berühmte Thierry, hatte vorgestellet, ich müßte durch Einquartierung nicht in meinen Geschäften, sonderlich nicht in Abfassung der Fragen, die ich auf Befehl des Königs von Dänemark, für die arabische Reisegesellschaft aufsetzte, gestört werden. Er war sehr accreditirt bey dem Premierminister, (unter dessen Couvert seine Briefe an mich, und meine an ihn auf der französischen Post giengen,) auch vielleicht beym Marechal von[46] Broglio; also war die Sache leicht abgemacht. Wirklich sehr wichtig war sie mir; meine damahlige Einquartierung raubte mir zwar keine Zeit, denn der Generaladjutant kam blos bisweilen des Abends nach Tische zu mir herüber; allein der wäre doch nicht lange geblieben, und fast alle einquartirten Officiers waren, wegen ihrer grossen Umgänglichkeit, für den arbeitsamen Gelehrten Zeitverlust. Die nicht blose Höflichkeit, sondern auch die wirkliche reelle und dauernde Freundschaft und Zuneigung, welche ich von den vornehmsten Officiers, auch von de Vaux genossen habe, kann ich nicht anders als dankbar erkennen, und ihre Tafel, bey der ich so häufig war, hat mir in der That viele vergnügte Stunden gemacht. De Vaux war ein sehr ernsthafter Mann, als General von strengem Character, nur mit einem sonderbaren Gastfreiheitsrecht; wer bey ihm zur Tafel gewesen war, durfte sich, wenn er es auch verdient hätte, nichts Hartes von ihm besorgen, (ich habe ein eigenes Exempel davon an einem Manne, von dem ich genau wußte, daß de Vaux, und das mit Recht, nicht gut von ihm dachte,) und von[47] wem er vermuthete, daß er ihm einmahl, weil es der Krieg nothwendig machte, hart begegnen müßte, der wurde nie zu seiner Tafel gebeten. Indeß machte er einen grossen Unterschied, und sahe bey seiner Schätzung sehr auf Redlichkeit. In einem Hause, wo ich oft speisete, war ein fürchterlicher Officier, der damahlige Fouragemajor, ein Mann von grosser Courage (Neron), zur Einquartierung eingelegt, um meinen Freund, bey dem ich speißte, und der dem de Vaux verdächtig war, als gäbe er den Hannoveranern Nachrichten, (de Vaux hat mir dieß selbst hernach einmahl geschrieben,) zu beobachten. Jener Officier kam gemeiniglich gegen Ende der Tischzeit herein, mit mir zu sprechen und ward sehr mein Freund. Dieß mogte vielleicht de Vaux auch noch mehr mir zum Freunde machen; noch, nachdem er Göttingen verlassen hatte, schrieb er an mich, und kurz vor seinem Tode hatte er in einem Schreiben an die hiesige Universität, bey Gelegenheit ihres Jubiläums, sich meiner noch namentlich erinnert. Dieß machte nun freilich den Krieg für mich sehr erträglich.[48]

Noch einmahl wurde ich aus meinem Collegium durch eine Wache nach de Vauxs Wohnung abgerufen, weil ein französischer General mich sprechen wolle. Es war der Marquis de Lostanges, ich kannte ihn gar nicht. Er kam von Paris, und weil er von jemand gehört hatte, ich hätte einmahl gesagt, daß ich Abulfeda's Geographie zu haben wünschte, brachte er mir das Manuscript desselben, aus dem ich nachher Abulfeda's Aegypten edirt habe, ganz ungebeten mit, und zugleich die Erlaubniß, es so lange zu behalten, als ich es brauchte; nur die hannöverische Regierung mußte dafür, ungeachtet des Krieges, gutsagen und das that sie auch gern. Wir wurden nachher sehr genaue Freunde, und so viel ich weiß, ist er eigentlich Ursache, daß die Academie des Inscriptions etc. zu Paris mich 1764 zu ihrem Correspondenten ernannte, zum Mitglied, das konnte sie damahls nicht, weil keine Stelle erlediget war.

Ich glaube, daß zu dieser Achtung oder Freundschaft der französischen Generalität und ersten Officiers eben die von Paris gekommene[49] Ordre, welche mich von Einquartierung befreiete, viel beytrug; allein zwei Bücher, die in der Zeit herauskamen, meine Dissertation de l' influence des opinions sur le langage etc. und die französische Uebersetzung meiner Fragen für die arabischen Reisenden, sind mir auch bey unsern französischen Gästen sehr vortheilhaft gewesen. Einer von den vornehmsten der Garnison, der, wie er mir selbst hernach sagte, sehr gegen mich aufgebracht gewesen war, weil ich etwas abschlug, das alle andere thaten, wurde durch sie mein Freund; da wir vorhin nur höflich mit einander umgegangen waren. Ich wurde von ihm und mehrern in eine französische litterärische Correspondenz über allerley Sachen hinein gezogen, die mir in dieser Sprache eine gute Schreibart würde verschaft haben, wenn meine Sprachmeister länger geblieben wären. Indeß kostete es mir und auch dem Herrn von Colom Zeit; denn weil ich in der französischen Grammatik nicht fest war, mußte letzterer die Aufsätze vorher corrigiren. Ich machte meinen Correspondenten auch kein Geheimniß daraus. Es[50] schien, sie hatten es einmahl darauf angelegt, mich zum französischen Schriftsteller zu machen. Ich glaube, dieser Bekanntschaft im siebenjährigen Kriege habe ich es vorzüglich zu danken, daß mein Name noch bis jetzt in Frankreich bekannt geblieben ist.

Ich habe vergessen, zu sagen, daß im Anfange des Krieges 1757 und 1758 das Regiment Royal Pologne hier lag, von diesem habe ich sehr viel Freundschaft genossen; die Officiers waren fast alle Schweden, und die hatten eine Art von Nationalzuneigung zu mir, weil die hier studirenden Schweden, und unter diesen auch von vornehmer Abkunft, meine Zuhörer waren. Ich lernte unter andern den Obristen Lilienhök, der bey Roßbach blieb, und den Obristen Steenflykt, dessen Vater den König Stanislaus aus Danzig gerettet hatte, kennen; beide waren mir interessante Männer, und zugleich meine Freunde; doch an dem, was gleich folget, hatten sie keinen mir bekannt gewordenen Antheil.

Im Anfange des Jahrs 1758 stand nämlich unserem Lande ein schreckliches Schicksal[51] bevor, das auch nachher aus hannöverischen Staatsschriften bekannt geworden ist: es sollte zur völligen Wüste gemacht, und abgebrannt werden, und die Ordre hatte Richelieu schon auf alle Fälle gegeben, wenn er sich zurück ziehen müßte, damit alle Werkzeuge der Verwüstung in voller Bereitschaft wären. Solche Ordren waren auch nach Göttingen gekommen, nicht blos Pechkränze in Bereitschaft zu halten, sondern auch andere Dinge, die jeden Löschenden hinderten, sich zu nähern; so viel ich etwa muthmase, war Arsenicum unter die brennenden Materien gemischt, das den sich nähernden tödtet. Die Sache war ein tiefes Geheimniß und unsere Stadt deßwegen ganz ruhig; allein Officiers von jenem Regiment liessen mir durch einen meiner Zuhörer davon Nachricht geben und anrathen, einige Säcke, mit Wachstuch überzogen, zu denen mir die Vorschrift gegeben wurde, machen zu lassen, damit ich meine Bücher und Schriften, auch was sonst nöthig wäre, leicht transportiren könnte; und Pferde der Officiers sollten alsdann bereit seyn, die Säcke aufzuschnallen. Daß ich die Sache[52] verschwiegen hielt, und daß man nicht wußte, wozu ich die Säcke machen ließ, versteht sich wohl von selbst. Wäre blos Göttingen abgebrannt, wie die Officiers meinten, so hätte ich sehr leicht alles auf diese Weise retten können; denn meine Bibliothek war damahls ungemein klein, weil ich mir wenig Bücher anschaffte, da ich doch gewiß manche der mir nöthigsten von meinem Vater erben würde, und mich mit Borgen von der Universitätsbibliothek behalf. Ich hätte sogar alles in mein Gartenhaus vor der Stadt können bringen lassen. Ich war also ziemlich ruhig; wäre aber des Herzogs von Richelieu abscheuliches und seiner würdiges Project völlig ausgeführt, und das ganze Land, nebst allen Dörfern, auch vielleicht das benachbarte Hessen durch Feuer zur Wüste gemacht worden; so würde diese Hilfe doch zu schwach gewesen seyn. Allein die Providenz rettete das ganze Land, Richelieu mußte zurück nach Frankreich, und der Abzug der Franzosen aus Göttingen geschahe so eilig und so in der Stille, daß sie, mir ganz unbemerkt, von Göttingen weg[53] waren, als ich des Morgens um 11 Uhr aus dem Collegium kam.

Könnte man bessere Feinde haben als diese waren, und zwar gegen einen, der sich gar nicht zudrängte und nie schmeichelte? Ich habe dann aber auch auf meiner Seite im ganzen Kriege nie mit etwas zu thun gehabt, das irgend hinterlistig, oder verrätherisch gewesen wäre. Dieß wirklich nicht blos aus Dankbarkeit, sondern aus meiner Erkenntniß von Pflicht, die man in meiner Einleitung in das n.T.S. 1455, 1456 detaillirt finden wird. Gelegenheit hätte ich sonst genug dazu gehabt, denn gerade ich konnte ausreiten und reisen, wie ich wollte, und meine Briefe giengen unerbrochen. Durch einen sonderbaren Zufall wußte ich sogar die mißlungene Expedition gegen Braunschweig 1762 eine Zeit lang zum voraus; denn einer der vornehmsten französischen Officiers hatte im Eifer des Disputirens, (der gerade dieser Nation so gefährlich ist,) da ich behauptete, sie würden Hannover schwerlich erobern, und mich auf gewisse Gegenden berief, die sich leicht vertheidigen liessen, mir geantwortet, der Weg[54] würde über Bräunschweig genommen werden. Ich muß zwar bekennen, ich glaubte damahls die Sache nicht, weil sie mir so sehr gewagt vorkam; sonst weiß ich beynahe nicht, was ich bey diesem ausserordentlichen Falle gethan haben würde. Es wäre eine grosse Collision der Pflichten gewesen. Einer meiner Zuhörer gab sich damit ab, Spion zu seyn, und der hannöverischen Armee ausserhalb Göttingen, allerley Nachrichten zu bringen; einmahl glaubte er, eine sehr wichtige zu haben, die, zu rechter Zeit angebracht, die Ueberrumpelung der Stadt bewirken könnte, und weil er kein Pferd in der Stadt erhalten konnte, bat er mich, ihm das meinige zu leihen, mit voller Entdeckung der Absicht; ich antwortete ihm aber, daß ich es nicht thun könnte und die Sache wider mein Gewissen wäre. Vielleicht mögte man fragen, ob ich nicht als Patriot hätte anders handeln sollen? Nach meinen Grundsätzen konnte ich es nicht; aber auch unseres Curators, des sel. Münchhausen, seine stimmten völlig damit überein; denn da ich für diesen wirklich sehr fleissigen und armen Zuhörer bey ihm wegen einer Freitischstelle,[55] eine Fürbitte einlegte, und dabey, weil sonst wohl bey ihm etwas zu erinnern war, diese seine Art von Verdienst anführte; (da meine Briefe alle sehr sicher giengen, konnte ich es ohne seine Gefahr thun,) so antwortete er mir: gerade wegen des bemerkten Umstandes könne er ihm keinen Freitisch geben, Verdienste dieser Art könne er nicht belohnen, das müsse der Herzog Ferdinand thun. Ich machte darauf, daß mein Zuhörer unter die Soldaten gieng, wozu ich einen göttlichen Ruf bey ihm zu entdecken glaubte, und wäre das Corps, unter dem er stand, nicht einen Monat darauf geschlagen und ganz zerstreuet worden, so würde ich ihn vielleicht jetzt als einen berühmten Mann nennen können.

In die Zeit dieses siebenjährigen Krieges fallen noch einige andere Umstände, die in meinem Leben wichtig waren. Im Jahre 1758 wollte ich nach Berlin reisen, um bey dem sel. Scholtz das Koptische zu lernen, denn Autodidaxie ist mir verdächtig. Sechs Wochen waren zu dieser Reise bestimmt, und die Collegien schon so eingerichtet, daß sie früh[56] genug konnten geendiget werden. Allein, da es in jenen Gegenden sehr gefährlich aussahe, nahm Münchhausen schlechterdings die zur Reise gegebene Erlaubniß wieder zurück; und so habe ich Berlin nie gesehen. Die Ferien von 6 Wochen waren mir aber auf andere Weise nöthig; durch Verkältung, da ich bey einem Ritt vom Platzregen war durchnässet worden, bekam ich ein sehr schweres hitziges Fieber, das kleine rechte Krisis hatte, und Folgen hinterließ. Hier war es gut, daß ich meine Collegien schon vorher geendiget hatte.

Im Jahr 1759 erhielt eine Schrift von mir: über den Einfluß der Sprache eines Volks in seine Meinungen und seiner Meinungen in die Sprache, den Preiß von der berlinischen Academie der Wissenschaften. Ein solcher Preiß nimmt zwar sonst in einem Lebenslauf keine so wichtige Stelle ein, allein hier ward er doch wichtig. Zwei Gelehrten, Merian und Premontval in Berlin, verbanden sich, eine französische Uebersetzung von ihr zu geben, zu der ich ihnen noch Zusätze schickte; so erschien sis wirklich in einem sehr schönen und reißenden französischen[57] Gewande, und trug sehr viel zur Vermehrung der Zuneigung der Franzosen gegen mich, sowohl hier in Göttingen, als auch in Frankreich bey.

Diese Schrift war auch D' Alembert zu Gesichte gekommen, und gab Gelegenheit, da er nach geschlossenem Frieden in Berlin war, daß er mit dem Könige von mir mündlich redete, und ich 1764 von demselben einen Antrag bekam, in seine Dienste zu treten; wovon ich unten noch weiter reden werde. Daß D' Alembert die Gelegenheit dazu gegeben hatte, erfuhr ich erst lange nachher; denn blos in den letzten Jahren seines Lebens hat er mit mir correspondirt; mogte es auch wohl eine Zeit lang übel genommen haben, daß ich einen gewissen litterarischen Antrag, der ein paar Jahre darauf an mich geschehen war, nicht erfüllet hatte, von dem ich aber gar nicht wußte, daß er von ihm herkäme, auch wirklich, aus Mangel der Fertigkeit, französisch zu schreiben, nicht dazu im Stande war. Aber wegen dessen stand er in einem grossen Irrthum, den ich ihm erst in den letzten Jahren seines Lebens benahm;[58] denn weil er das Französische der Preißschrift sur l'influence du langage für mein eigenes ansahe, hielt er mich für einen sehr guten französischen Schriftsteller, und machte mir, als ich in einem französischen Briefe wegen meiner Schreibart um Vergebung bat, dieß unverdiente Compliment: die schönen Geister in Paris würden sehr vergnügt seyn, wenn sie so gut französisch schreiben könnten, wie die Schrift sur l' influence geschrieben wäre. Daß ich nicht stolz darauf wurde, wird man leicht denken, und ich schrieb ihm gleich, das ganze mir gegebene Lob eines classischen französischen Schriftstellers gehöre Merian und Premontval zu, ich könnte ohne Mühe und Furcht zu fehlen, den Brief nicht einmahl schreiben, welchen er hier von mir bekäme.

In eben diesem Kriege kam 1760 meine lateinische Dogmatik, unter dem Titel: Compendium Theologiae dogmaticae, die aber jetzt nicht mehr zu haben ist, heraus. Ich hatte vorhin schon seit 12 Jahren, mit besonderer Erlaubniß der königlichen Regierung die Dogmatik privatissime gelesen, bisweilen für Juristen, bisweilen für Theologen, und legte dabey[59] lateinische Dictaten, die aber nicht gedruckt waren, zum Grunde. In den ersten Jahren hatte ich darüber manche sonderbare Anfechtungen von der theologischen Facultät; sie, oder einzelne Glieder derselben, verklagten mich in Hannover, ich sey reformirt und lehre das absolutum decretum, (wirklich eine wunderlichere Anklage konnte wohl nicht seyn, da ich eher hätte beschuldiget werden können, ich glaubte keine übernatürliche Gnade,) ich schickte zur Verantwortung meine sehr ausführlichen Dictaten, die man noch jetzt im Compendium lesen kann, über diese Materie nach Hannover, und die Theologen wurden eines besseren belehrt. Allein als ich die Direction über die gelehrten Anzeigen hatte, erneuerten sie ihre Klage, auf eine sehr lächerliche Weise. Haller hatte eine reformirte, methodo mathematica geschriebene Dogmatik recensirt, sonst mit manchem Lobe, aber gesagt, wenn der Autor nicht in der Kirche gebohren wäre, in welcher er gebohren sey, so mögte man vielleicht das absolutum decretum, Ewigkeit der Höllenstrafen, etc. nicht mathematisch demonstrirt finden. Hier hatten[60] sie nun Anstoß gefunden und meinten, was man für mathematisch demonstrirt hielt, gäbe man auch für zuverlässige Wahrheit aus. Mir wurde in einem Pro Memoria der Inhalt der Beschwerde communicirt, doch ohne mich zu beschuldigen, und nur verlangt, ich mögte den Recensenten nennen; oder wenigstens ihn ermahnen, in Zukunft vorsichtiger zu schreiben. Ich antwortete: der Recensent sey der Präses der Societät, Herr von Haller, was er geschrieben habe, sey ein feiner Spaß, blose Persiflage gewesen, woraus ich ersähe, daß er jetzt kein absolutum decretum mehr glaube; was etwa theologisch gegen ihn erinnert werden könnte, wäre allenfalls das angehängte von der Ewigkeit der Höllenstrafen. Uebrigens könnte ich ihm, als dem Präses der Societät, wohl nichts in seinen Aufsätzen corrigiren, wie überhaupt nicht, da ich keine Censur hätte. Der sonderbare Erfolg war ein Rescript, in dem mir die Censur in theologischen Artikeln, auch, (weil man eben daran gedacht haben mogte,) in dem, was die Rechte des Königes anbetrift, aufgetragen wurde;[61] von der Zeit an hat mich die theologische Facultät unangefochten gelassen.

Diese Dictaten nun gab ich umgearbeitet und erweitert 1760 heraus, doch mit Weglassung Einiges vom Canon des alten Testaments, das in der Zeit anstössig gewesen seyn würde; (in der deutschen Dogmatik findet man es und noch etwas mehr, § 16). In Deutschland erweckte dieß Buch, ob es gleich von dem vorhin gewöhnlichen merklich abwich, weder Aufsehen, noch starken Widerspruch, und es ist eine Anmerkung, die ich von einem meiner Freunde gehört und wahr befunden habe, daß die Orthodoxen mit mir billiger umgegangen wären, als mit andern. Der selige Münchhausen, der es mit besonderer Neugier las, eben weil ich vorhin war verketzert worden, schrieb mir: er freue sich, daß ich manches so vorsichtig ausgedrückt hätte; mein anderer vorzüglicher Gönner, der geheime Rath von Schwichelt, schrieb mir im Scherze: er wünschte mir, daß, weil ich eine Dogmatik geschrieben hätte, anstatt ein anderes wie er glaubte, nützlicheres Buch zu schreiben, die Theologen wie Bienen über mich herfallen[62] mögten; nur sein Wunsch wurde nicht erfüllet. Aber ganz anders gieng es in Schweden, wo ich sonst wirklich durch meine gewesenen Zuhörer damahls vorzüglich beliebt war. Meine Dogmatik wurde confiscirt und die Nachricht davon auch früh in Deutschland ausgebreitet. In der That grämte ich mich darüber eben nicht sehr, und einem meiner schwedischen Freunde in Deutschland, der darüber betrübt war, sagte ich im Spaß, meine Verlegerin, die Wittwe Vandenhoek, habe einen in Schweden bestochen, die Confiscation zu bewirken, um mehr Abgang zu haben; er reisete bald darauf nach Schweden, und da er zurückkam, sagte er, was ich von der Vandenhoek gesagt hätte, mögte wohl wahr seyn.7 Indeß konnte ich damahls gar noch nicht vermuthen, was für Wirkungen, die Confiscation[63] haben würde. Der erste Schwede, der meine Dogmatik hierauf mit Aufmerksamkeit las, war der Reichsrath, Graf Hoepken, wo ich nicht irre, damahls Canzler der Universität Upsal, deren Werk eigentlich die Confiscation war. Er gerieth nun darüber in einen grossen Unwillen, den er auch öffentlich bezeugte, wurde, ohne daß ich ihn kannte, mein Gönner, und mehrere Jahre hindurch der Leser meiner Schriften.

So wenig ich mich grämte, war ich doch begierig, zu wissen, was man eigentlich Heterodoxes in der Dogmatik gefunden, und was die Confiscation veranlaßt habe. So viel ich habe erfahren können, war es der 118te §: posintne sine fide salvari, qui evangelium sine sua culpa ignorant? Man lese ihn aus Curiosität durch. Die Hauptursache aber soll gewesen seyn, daß Forskål, ein sehr eifriger Zuhörer von mir, dem vornehmsten Professor der Theologie zu Upsal in einer Disputation als Opponens extra ordinem sehr beschwerlich gewesen ist, und dieser geglaubet hat, ich richtete meine Zuhörer dazu ab. Das hatte ich nun wohl bey Forskål[64] nicht nöthig, die Natur hatte da schon alles gethan, und einen grösseren Zweifeler und beharrlichern Disputanten, als ihn, habe ich nicht gekennet. Er hat mich sehr oft mit Zweifeln und Disputiren recht eigentlich ermüdet, wenn ich mit ihn spatziren gieng. Habe ich ihn worin verführt, so war es im politischen Fache, und das so stark, daß es zuletzt für ihn fast nöthig war, Schweden zu verlassen.

Ich lernte Schwedisch von ihm, und da sagte ich ihm, das schwedische Vriheet sey ganz etwas anders, als was wir Freiheit nennten. Dort dürfe niemand seine Meinung laut sagen, noch weniger drucken lassen, und das nennten wir Sclaverey. (Es war unter der Herrschaft der so genannten Hüthe.) Unsere Discurse fielen hernach sehr oft auf diesen Punct. Was ich sagte, fiel auf einen so guten Acker, daß es hundertfältig trug. Als er wieder zurückkam, wollte er die Preßfreiheit behaupten, ließ drucken und gegen die herrschende Parthey drucken; dieß machte grosses Aufsehen, er verlor seine Hofnung, in Schweden befördert zu werden; ja einmahl soll ihm ein vornehmer Herr, der ihm seine[65] Schriften hart verwies, bey seinem fortbauernden Widersprechen, etwas von der Gefahr, den Kopf zu verliehren, vorgesagt haben. Worauf Forskål geantwortet: Ja! aber doch nun nicht mehr, und dieß mit Vorzeigung der dänischen Vocation zur Reise nach Arabien, die er eben erhalten hatte.

In die Zeit des siebenjährigen Krieges fällt auch der Anfang der auf Kosten des Königes von Dänemark, Friedrich des fünften, auf meinen Vorschlag nach Arabien geschehenen Reise. Ihre Geschichte, sofern sie meinen Antheil daran betrifft, ist folgende. Ich hatte an den seligen geheimen Rath von Bernstorf geschrieben: daß wir vom glücklichen Arabien noch so wenig wüßten, und durch die Reise eines verständigen Mannes dahin, für Wissenschaften, sonderlich Geographie, Naturkunde, Sprachkunde und Erklärung der Bibel sehr viel zu gewinnen sey; ob nicht der König von Dänemark, der so vieles für die Wissenschaften gethan habe, über Tranquebar einen Gelehrten dahin schicken könne? Nur müsse es ja kein Missionär oder Geistlicher seyn. Dieß war ein sehr kleines Project, das aber bald unter Bernstorfs[66] Hand wuchs. Ich mußte, so viel ich mich erinnere, einen ausführlichen Aufsatz machen; Bernstorf legte ihn dem Könige vor, der König billigte ihn, und ich sollte die Direction der Reise führen, auch den Reisenden ernennen. Die Instruction, welche der König den Reisenden mitgab, und die vor meinen Fragen an sie steht, ist auch ganz von mir entworfen. Die mir wider mein Erwarten aufgetragene Wahl eines Reisenden wurde mir anfangs schwer; doch daß der Auftrag an mich ergangen wäre, wurde geschwind in Copenhagen bekannt, und so geschahe es, daß ein sehr fleissiger Zuhörer von mir, aus Copenhagen gebürtig, Herr von Haven, sich bey mir zu dieser Reise anbot, und das sehr dringend. Dieß setzte mich in eine wahre Verlegenheit. Zwar hätte ich dazu kaum einen geschicktern finden können; denn er hatte schon im Arabischen, das doch zu dieser Reise nöthig ist, ziemlich viel gethan, auch unter meiner Anführung sich geübt, Manuscripte zu lesen, hatte beynahe alle meine Collegien, sonderlich über die Bibel gehört, in denen so oft vorkam, was eigentlich im Orient zu suchen[67] wäre, und kaum jemand war im Stande, Fragen, die ich vorlegte, besser zu verstehen, als gerade er. Dabey war er ein gebohrner Däne, und hatte ansehnliche Verwandten. Nur machte mich gleich, bey dem ersten Antrage, sein Körper bedenklich, von dem ich kaum glauben konnte, daß er die Beschwerlichkeiten, einer solchen Reise ausstehen würde. Ich stellte ihm dieß sogleich und wiederholt vor, allein er versicherte, daß er keine Gefahr scheue, und bestand auf seinem Vorsatz nicht blos ernsthaft, sondern fast enthusiastisch. Aber noch ein besonderer Umstand kam hinzu, um dessen Willen ich nicht wohl unterlassen konnte, ihn vorzuschlagen: er hatte etwa anderthalb Jahre vorher, da er sich von mir für beleidigt hielt, Grobheiten gegen mich begangen, dieß gereuete ihn aber in wenig Monaten, er bat sie mir von freien Stücken schriftlich und sehr inständig ab, und bat sich aus, wieder in meine Collegien kommen zu dürfen, denn er hatte vorhin gedrohet, er wolle meine Vorlesungen nie wieder besuchen. Man überlege, was man von mir würde gedacht haben, wenn ich unter[68] diesen Umständen sein Gesuch abgeschlagen hätte. Ich schlug ihn also dem seligen Bernstorf vor, doch so, daß ich mein einziges Bedenken, die Gesundheit betreffend, nicht verschwieg; allein der Vorschlag wurde sogleich genehmigt, und nur dabey gefragt, ob noch wohl etwas zu seiner weitern Vorbereitung nöthig wäre. Der König hatte auch die Gnade, ihn, wo ich nicht irre, anderthalb oder zwei Jahre nach Rom zu schicken, um da vorher das Arabische noch vollständiger zu lernen, als es hier in Göttingen möglich war.

Indessen dehnte sich, ohne mein Zuthun, der Plan der Reise sehr glücklich viel weiter aus, als ich ihn anfangs zu entwerfen gewagt; sondern nur überhaupt gesagt hatte, daß auch Naturgeschichte und Geographie ein Hauptzweck dieser Reise seyn müßten. Der König, der zu allem die Kosten hergeben wollte, befahl mir durch den Herrn von Bernstorf, auch einen Reisenden für die Naturgeschichte zu ernennen. Hier war die Wahl bey Erbrechung des Briefes sogleich getroffen; keinen besseren konnte ich finden, als den seligen Forskål, einen Schweden, der sich schon in seinem Vaterlande sehr auf die Naturgeschichte[69] gelegt, und sie nach dem linneischen System studirt hatte, in allen Collegien mein Zuhörer gewesen war, also gerade das verstand, was ein Reisender im Orient thun sollte, im Arabischen vielleicht noch weiter, oder doch eben so weit war, als Herr von Haven, um die Zeit, da er Göttingen verließ, alles leicht lernen konnte, was er wollte, dabey ein grosser Zweifler war und nicht so leicht glaubte, auch ein junger Mann von fester Gesundheit und unerschrockenem Muth. Nur war er schon von Göttingen weg, und es hielt schwer, ihn zu erhalten; denn da ich das erste Mahl an ihn schrieb, wollte er gern in seinem Vaterlande bleiben, auch sein Vater war mit dieser weiten Reise nicht zufrieden. Nur ich schrieb ihm nochmahls, stellete ihm nicht blos die für ihn interessanten und glücklichen Aussichten der Reise vor, sondern auch, daß er in seinem Vaterlande, wegen dessen, was geschehen war, schwerlich Beförderung zu erwarten habe. Ich wußte davon schon so viel Specielles, daß meine Ermahnung Eindruck machte; er nahm den Ruf an, und das gewiß zu rechter Zeit.[70]

Nun kam von neuem der Befehl an mich, auch einen Mathematiker auszusuchen. Ich bekam bald einen geschickten jungen Mann, aber der wurde auch bald wieder wankelmüthig und wollte im Hannöverischen bleiben. Sogar der sel. Münchhausen, welcher ihn im Lande gebrauchen wollte, schrieb an mich, und wünschte, ich mögte nicht weiter in ihn dringen. Nun einen, der mit Unwillen die Reise angetreten hätte, überließ ich seinem Vaterlande gern. Ich bat nun den Herrn Hofrath Kästner, mir einen vorzuschlagen, und der schlug mir Herrn Niebuhr vor, den einzigen, der von der Reise übrig geblieben ist, und sie so meisterhaft beschrieben hat. Noch ein glücklicher Umstand kam hinzu, ich sollte einen nennen, dem man die Casse am besten anvertrauen könnte, ich nannte Niebuhr; denn er hatte eigenes Vermögen, war ein gesetzter junger Mann, und schon als Student, wo ich mich recht entsinne, Vormund über einen Sohn seines eigenen gewesenen Vormundes. Noch kamen kurz vor der Abreise zwei Leute vor, die der König mitschicken wollte, ein Medicus und ein Zeichner oder Mahler.[71] Mit der Wahl dieser habe ich nichts zuthun gehabt, und konnte auch nicht ihrentwegen befragt werden, weil die Sache Eile hatte, und der Posteurs nach Göttingen durch den Krieg sehr unterbrochen ward. Einen Mahler hätte ich auch schlechterdings nicht zu schaffen gewußt, theils weil ich von dieser Kunst nichts verstehe, theils weil sie auch in Göttingen gar nicht blühete. Einen Medicus hätte ich vielleicht verschaffen können; ich darf nur den Namen dessen nennen, auf den mein Gedanke den ersten Augenblick gefallen seyn würde, Hensler, der damahls in Göttingen studirte. Wäre der mitgereist, so wären vielleicht auch einige der gestorbenen Reisenden am Leben geblieben, und was hätte man von einem solchen Genie für Entdeckungen zu erwarten gehabt!

Das erste Project der Reise war: daß Africa umsegelt, und dann die Reise von Tranquebar aus nach dem glücklichen Arabien vorgenommen werden sollte. Allein dieß wurde zum Glück noch abgeändert. Bernstorf fragte mich, ob ich nicht glaubte, daß der Weg auch über Aegypten und das rothe[72] Meer genommen werden könnte. Dieß, welches viel mehr Kosten erforderte, hatte ich vorzuschlagen gar nicht gewagt; ich zog diesen Weg sehr vor, nur mit der Bemerkung, daß er etwas gefährlicher wäre. Er wurde gewählt, und so haben wir noch von mehreren Ländern, als dem glücklichen Arabien, eine schöne Beschreibung erhalten. Aber noch auf andere Weise ist er von wichtigen Folgen gewesen, und hat grosse unerwartete Einflüsse gehabt, welche die Engländer vortreflich benutzt haben. Als Niebuhr in Ostindien war, bekamen, wie er selbst erzählt, einige dortige Engländer eine genaue Nachricht von seinem Wege über das rothe Meer; dieser wurde von neuem probirt und untersucht, (vielleicht zuerst in Handlungsabsicht,) als aber die Engländer wegen Amerika mit Frankreich und Holland in Krieg kamen, nutzten sie diesen Weg vortreflich, um zu ihrem ungemein grossen Vortheil geschwind Nachrichten nach Ostindien zu bringen. Die Franzosen haben es ihnen nachher auch abgelernt. Die Dänen aber haben bisher noch keinen Vortheil davon gehabt, obwohl die es sonst noch[73] am meisten verdienten. Was mir diese Entdeckung einige Jahre nachher für unruhige Zeit gemacht hat, will ich unten sagen. Einige Zufälle haben den vollen Nutzen dieser arabischen Reise gehindert und erschwert. Meine Fragen an die Reisenden wurden, ehe sie noch gedruckt waren, sogleich, wie ich geschrieben hatte, im Manuscript von Bernstorf den Reisenden nach Aegypten nachgesandt, trafen sie aber durch einen Unglücksfall da nicht mehr, an, so grosse Vorsicht auch Bernstorf gebraucht hatte; erst Niebuhr erhielt sie in Tranquebar, ehe er zum zweitenmahl nach Arabien zurückreiste, und beantwortete sie wirklich, so viel er konnte, ja mehr als sich von ihm erwarten ließ. Allein ein grosser Theil derselben war eigentlich nicht für ihn, sondern für Forskål und Haven geschrieben, und die erhielten sie nicht. Gerade diese beiden verstanden auch, weil sie bey mir über das Hebräische gehört hatten, meine Fragen besser, und wußten, daß sie sich nicht bey Juden und Rabbinen, sondern blos bey einheimischen und vollbürtigen Arabern erkundigen sollten; denn was gelehrte[74] Juden von manchen Dingen sagen, wissen wir in Europa besser, und jene asiatischen, wenn sie sehr gelehrt sind, nehmen es aus europäischen Rabbinen. Also der Nutzen meiner Fragen fiel zum Theil weg, und sie können vielleicht künftig von Reisenden noch besser beantwortet werden. Der Tod von 4 Reisenden hat die Frucht der Reise vermindert. Von Haven, für den ich gleich anfangs besorgt gewesen war, starb, aber Forskål, für den ich gar nichts fürchtete, starb auch; ferner der Mahler, auch, der ein besseres Exempel hätte geben sollen, der Medicus. Für diese Todesfälle kann nun wohl niemand; wären die sämtlichen Reisenden wider zurück gekommen, wie viel grösser würde der gelehrte Gewinnst der Reise gewesen seyn! Der Verlust wurde noch dadurch vergrössert, daß sie keine vollständige Tagebücher geführet hatten, wie ihnen doch in der Instruction aufgetragen war; vermuthlich im Vertrauen auf ihr Gedächtniß und auf ihr fortdauerndes Leben. Der einzige Niebuhr kam zurück, und der hat viel mehr geleistet, als man von ihm allein erwarten konnte.[75]

Er nahm seinen Weg über Göttingen, und bey seinem Aufenthalt erzählte er mir mündlich so vieles, daß ich schon sahe, es auch dem sel. Bernstorf schon zum voraus versicherte: er bringe reiche Ausbeute der Reise mit. Gern hätte er mir auch etwas Schriftliches und Zeichnungen zum Durchsehen im Hause gelassen, das wollte ich aber nicht annehmen; sondern lieber im Druck erwarten. Es war damahls in Dänemark eine Gegenparthey gegen Bernstorf, die diese Reise verhaßt zu machen suchte und von der Rückreise über Göttingen Gelegenheit dazu nahm: man ließ in schwedische Zeitungen, die nach Dänemark giengen, setzen: Niebuhr reise über Göttingen, um der Societät der Wissenschaften Rechenschaft von seiner Reise abzulegen. Dieß wäre nun freilich kein angenehmes Compliment für dänische Gelehrten gewesen, ich mußte ihn also bey seinem Aufenthalt in Göttingen selbst bitten, nicht gar zu freigebig gegen uns zu seyn.

Während des Krieges im Jahr 1761 starb Gesner, der bis an den Tod mein Freund geblieben, oder vielmehr gegen das Ende seines[76] Lebens es noch mehr geworden war, mir noch auf dem Todesbette auftrug, das Programm auf ihn zu machen, auch von seinen Religionsgesinnungen das hineinzusetzen, was ich wußte, welches aber seinem Schwiegersohn unangenehm war; denn es schien, er glaubte, Gesner erscheine da heterodox.8 Das[77] Programm ist in meinem Syntagma commentationum T. II. N. 8. abgedruckt.[78]

Auf meinen Rath ließ Gesner, einige Tage vor sei nem Tode, seine ganze Correspondenz[79] mit Münchhausen in einen Kasten packen, und dann mit seinem und meinem Siegel[80] versiegeln. Diesen Kasten übersandte ich, auf vorhergegangene Anfrage und Befehl, nach seinem Tode an Münchhausen. Die Ursache meines Raths war, weil vorher, bey dem Tode anderer, über dergleichen eingesehene Briefe viele Mißdeutungen und übele Reden entstanden waren, vor denen ich Gesners Namen bewahrt wissen wollte. Unser Abschied war philosophischchristlich, herzlich und aufrichtig.[81]

Sein Tod hatte auf mich von mehr als einer Seite Einfluß. Die Universität hatte nun keinen Professor der Eloquenz, den sie doch nicht wohl entbehren kann; die Verwaltung dieses Amts wurde mir so lange aufgetragen, bis es wieder besetzt werden konnte, und ich sollte Münchhausen dazu Vorschläge thun.

Das philologische Seminarium sollte damahls auf eine Zeit lang eingehen, weil es im Kriege an Geld mangelte; denn gerade diejenigen Klosterämter, aus denen ein grosser Theil der Universitätscasse floß, waren im Besitz der Feinde. Der geheime Secretär, welcher damahls das Departement der Universität hatte, meldete mir dieses im Vertrauen, mit dem Zusatz, er fürchte oder sehe vielmehr zum voraus, daß, wenn es einmahl eingegangen wäre, es nicht wieder würde hergestellet werden. Das einzige Mittel, es zu erhalten, sey, wenn ich die Direction davon ad interim übernehmen wollte; es sey aber damit kein Emolument verbunden. Ich schrieb ihm, ob ich gleich sonst schon genug beschäftiget wäre, wollte ich doch die Direction unentgeldlich9[82] übernehmen. Hierauf erfolgte sogleich das Rescript; nur mit der freilich[83] betrübten Einschränkung, die Zahl der Seminaristen solle, weil die Einnahmen fehlten,[84] auf wenigere herunter gesetzt werden, und ich mögte die würdigsten nennen, welche beybehalten[85] werden sollten, den übrigen aber das Stipendium aufsagen. Ein unangenehmes Geschäfte, ich übernahm es aber doch, damit nicht das Ganze zu Grunde gehen mögte. Ich glaube, wenn ich damahls gewußt hätte, was ich jetzt weiß, daß de Vaux so sehr edel dachte, und so überaus gut für die Universität gesinnet war; so hätte ich es nicht gethan, sondern einen andern Weg eingeschlagen.

Durch Gesners Tod wurde auch das Bibliothecariat erledigt, und das mußte schlechterdings sogleich, wenigstens ad interim, besetzt[86] werden, nicht um die Bibliothek zu zeigen oder zu vermehren, sondern weil die Custodes, der französischen Officiers wegen, welche die Bibliothek häufig besuchten, einen Bibliothecar nöthig hatten, auf den sie sich berufen konnten; denn ihnen wurde bisweilen sehr grob begegnet. Der sel. Münchhausen hatte mich aus einem sonderbaren Irrthum, schlechterdings zum Bibliothecar bestimmt. Dieß war nun ein Amt, zu dem ich mich gar nicht schickte, und wozu ich auch keine Lust hatte. Schon von meiner Universitätserziehung her, fehlte es mir an Kenntnissen in der Litterärgeschichte, und zu dem Vergnügen, das einige beym Ansehen und den Titeln schöner und seltener Bücher empfinden können, fehlte mir das Gefühl; zum Unglück habe ich auch fast gar keine memoriam localem, und kann meine eigene Bücher in meiner kleinen Bibliothek nur mit Mühe nach einem gemachten Catalog finden, und darum haben sie alle Numern, recht so, als wenn sie morgen in die Auction kommen sollten. Endlich erlaubte mir auch meine Leibesconstitution die Annahme eines solchen Amtes nicht. Daß[87] ich mich dazu weder schickte, noch Lust hätte schrieb ich früh genug; aber Münchhausens entgegengesetzter Vorsatz dauerte noch einige Jahre fort. Nur fürs Erste verlangte er von mir, ich sollte, bis ein Bibliothecar besoldet werden könnte, ohne Titel die Aufsicht über die Bibliothek übernehmen, und das that ich gern und unentgeldlich, weil ich sahe, daß ich nützlich seyn konnte. Durch Bücherzeigen freilich nicht, denn ich kannte sie nicht; auch nicht durch Anschaffung neuer Bücher, denn dazu war kein Geld da, nicht einmahl zum Binden aller bisher noch roh liegenden.

Allein gerade durch den Umstand, daß ich bey de Vaux und den vornehmsten der Garnison in Gunst stand, selbst durch die distinguirende Einquartierungsfreiheit konnte ich, wenn ich manchmahl auf die Bibliothek hinauf gieng, so aber doch nur selten geschahe, nützlich werden. Ein sehr grosser Mißbrauch oder Nachlässigkeit, so vorhin eingerissen war, wurde auch entdeckt; völlig aber konnten die Folgen davon nicht eher gehoben werden, diß viele Jahre nachher, (1789 durch den Fleiß des Herrn Professors Reuß.)[88]

Noch ein besonderer Auftrag war, ich sollte Bibliotheksgesetze entwerfen, die vorhin nicht anders als sehr unvollständig auf einem lateinischen Blatt vorhanden waren. Dieß that ich, und es sind die noch jetzt geltenden Bibliotheksgesetze; vom sel. Gesner und von den Aufsehern wußte ich so viel, daß ich sie local machen konnte. Als ich sie zur Durchsicht nach Hannover schickte, wurde einiges dagegen erinnert, und schärfer gemacht; auf Beantwortung der Erinnerungen blieb es in manchem bey dem, was ich gesetzt hatte, in andern aber mußte ich es ändern, und strenger machen, z.B. das Verleihen der Bücher ausserhalb der Stadt schlechterdings verbieten, welches aber nicht hat gehalten werden können, und früh Verdruß machte, wenn benachbarten Adlichen vom vornehmsten Range Bücher abgeschlagen wurden. Jetzt ist das alles auf die Seite gesetzt, und der Bibliothecar hat darin Macht zu thun, was er für gut findet. Die so revidirten Gesetze mußte ich nun noch einmahl den Aufsehern vorlesen, und ihre Erinnerungen hören; die zum Theil nützlich, zum Theil aber auch[89] zweckwidrig waren. Nachdem diese mit meinen Anmerkungen nach Hannover gesandt waren, kamen die nun mundirten Gesetze an das Concilium der Universität, um auch dessen Erinnerungen zu hören; dieß machte aber gar keine. Gedruckt sind diese Gesetze nicht, die Bibliothek und ich haben sie nur schriftlich.

Zuletzt sollte ich noch einen Eid für den Bibliothecar und die Custodes aufsetzen, den man bisher nicht gehabt hatte. Das Erste, antwortete ich, sey noch nicht möglich, weil noch kein Bibliothecar bestimmt wäre, und ich nicht wissen könnte, was man ihm für Pflichten auflegen würde; den andern setzte ich auf, er schien aber in Hannover zu wenig umfassend zu seyn, weil nicht alle in den Gesetzen enthaltene Pflichten, vorzüglich aber die der Subordination gegen den Bibliothecar, darin begriffen waren. Ich antwortete, und dieß ist noch meine Meinung, nicht alle Pflichten müßten im Eide stehen; und besonders würde der Bibliothecar, dächte ich, selbst wissen, sich Autorität zu verschaffen; allenfalls könne man ihm auch von Hannover aus zu Hilfe kommen. Es sey am besten,[90] wenn im Eide nur die wesentlichsten Pflichten ständen, die durch blose Gesetze nicht erhalten werden könnten, sondern die höchste Sanction des Gewissens haben müßten; alsdann werde er auch wirklich gehalten. Dieß wurde nach Ueberlegung gebilligt, und meine gelinde Eidesformel blieb.

Gesner war bisher, da vorhin das Directorat der Societät abgewechselt hatte, nach Hollmanns Austritt aus derselben, beständiger Director gewesen; auch dieses Amt wurde mir aufgetragen, das ich bis zu meinem Austritt aus der Societät geführt habe.

Ein anderes Amt, das mir gleichsam als Erbschaft des sel. Gesners zufiel, aber nicht von Hannover aus, sondern von Hildesheim, war das Decanat des Collegii Saxonici Brandisiani, einer Stiftung, aus der 8 oder 9 Hildesheimern vierteljährig Stipendien gezahlt werden. Beynahe durch ein Ohngefähr erhielt ich dieß Decanat 1762 bey einer Durchreise durch Hildesheim. Viele Mühwaltung war eben nicht dabey und grossen Nutzen konnte ich auch nicht stiften, als blos der Interessencasse durch eine gute Administration,[91] womit ich ihr wirklich einigen Vortheil geschafft habe; nur daß sie hernach in Absicht auf die Capitalien und diejenigen Zinsen, welche nicht an mich bezahlt wurden, sehr gelitten hat. Eigentlich war das Amt eine kleine Revenüe für mich. Im Jahr 1779 hörte es ganz auf; denn einen darüber geführten Proceß mit der Universität Erfurt, wo die Stiftung zuerst gewesen war, verlohr der Senior der brandisischen Familie, bey dem Kammergericht zu Wetzlar, und das Stipendium kam von Göttingen wieder nach Erfurt zurück.

Bis 1763 blieb Gesners Profession der Eloquenz und das Bibliothecariat noch unbesetzt. Gleich nach seinem Tode sollte ich einen vorschlagen; ich schlug den sel. Johann Ernst Immanuel Walch in Jena vor. Münchhausen billigte es, trug mir auf, an ihn zu schreiben, auch ihm Offerten zu thun, wie ich sie für billig und thunlich erkennen würde. Dieß Letzte wagte ich nicht, sondern fragte Walchen, was ich etwa für Bedingungen ihm ausmachen müßte, und die sollte[92] er, um aufrichtiger schreiben zu können, seinem Bruder, dem Dr. Walch in Göttingen, melden. Sie waren so hoch und so sonderbar, daß selbst Dr. Walch sie mir mit der größten Verwunderung und Mißbilligung vorzeigte; er sowohl, wie ich, schrieben nochmahls an jenen, und ich nannte die Summe, von der ich glaubte, sie ihm bieten zu dürfen; allein er beharrete bey seinen Forderungen, die er wegen des falschen Rufs, in dem Göttingen damahls wegen Stärke der Besoldungen stand, für möglich hielt. Nun überschickte ich den Brief an Münchhausen, und der antwortete, ich sollte die Sache ganz abbrechen. Sehr viele Fürsprachen und Empfehlungen für diesen oder jenen liefen beym Curator ein. Wirklich auch einige sehr wunderliche für solche, die sich gar nicht zur Profession der Eloquenz schickten. Münchhausen ließ sich über diese zusammengebundene Correspondenz, ein eigenes Register machen, das 31 Namen der Vorgeschlagenen enthielt.

Dieß übersandte er mir im Jahr 1763, und verlangte, ich sollte ihm rathen, wen er[93] unter diesen wählen mögte. Auch meinen Namen traf ich in dem Register an, und zwar nicht blos zum Bibliothecariat, darauf er noch immer bestand, daß ich es annehmen sollte; sondern auch zur Profession der Eloquenz, von der er aber wohl selbst nicht vermuthen mogte, daß ich sie wünschen würde. In der Antwort schlug ich es ein für allemahl ab, und wählte Rhunkenius unter den vorgeschlagenen. An diesen schrieb Münchhausen selbst, er lehnte aber den Antrag ab, und bemerkte, was man in Holland suche, habe man in Deutschland und schlug einen vor, der auf dem Register der Einunddreissiger gar nicht gestanden hatte, Herrn Heyne in Dresden. Münchhausen schickte mir den Brief und verlangte meine Meinung, zu der ich mir 8 Tage Zeit ausbat, weil ich erst seine Schriften durchlesen wollte; als dieß geschehen war, antwortete ich, ich riethe sehr dazu, doch da ich ihn nicht persönlich kennte, so mögte er auch Ernesti in Leipzig fragen, der ihn nothwendig persönlich kennen müsse. Herr Heyne ward nun als Professor und Bibliothecar berufen, welches leztere Amt er[94] schon in Dresden verwaltet hatte; allein demohngeachtet bestand Münchhausen darauf, daß ich erster Bibliothecar bleiben sollte. Ich verbat es nochmahls, mit Vorstellung der Gründe, allein er drang in mich, und verlangte, ich mögte es ihm zu Gefallen thun, wenigstens auf 2 Jahre, und zwar dergestalt, daß mir die zugelegte (kleine) Besoldung, auf Zeit Lebens bleiben sollte, wenn ich auch das Bibliothecariat niederlegte. Auf diese Bedingung konnte ich es thun, und viel Mühe hatte ich nicht dabey, denn die eigentliche Arbeit thaten die Custodes. Ich war aber so glücklich, es, noch ehe ein Jahr verlaufen war, niederlegen zu können; wozu viel beytrug, daß Hamberger, den ich, und andere noch mehr, als auf der Bibliothek fast unentbehrlich vorstellten, einen auswärtigen Ruf erhielt, seinen Abschied forderte, oder zur nothwendigen Bedingung seines Bleibens machte, daß er, anstatt Custos zu heissen, den Titel als Bibliothecar erhielt. Drei Bibliothecare bey einer Bibliothek und dann nur ein Custos, hätte sich nicht gut geschickt.[95]

In diesem Jahre 1763 erhielte ich ganz unerwartet einen Brief aus Potsdam von Guichard, oder wie er sich damahls auf Befehl des Königs von Preussen nennen mußte, Quintus Icilius, folgenden Inhalts:

»Da nach vollendetem Kriege Sne. Köngl. Majestät sich nichts mehr angelegen seyn lassen, als Künste und Wissenschaften in Ihren Ländern blühen zu machen, und überdem diejenigen, welche sich um dieselben verdient machen, einer vorzüglichen Hochachtung und Schutzes würdigen; so ist es wohl nicht zu verwundern, daß Höchstdieselben auf Ew. – Dessen Ruhm auf so viele wesentliche Verdienste gegründet ist, eine besondere Aufmerksamkeit haben. Ich soll Ew. – erstlich nur vorläufig fragen, ob und mit was für Bedingungen Dieselben eine Stelle in denen Preussischen Ländern annehmen würden? Es scheint, daß Snr. Majestät so viel daran gelegen ist, Ew. – zu besitzen, daß Höchstdieselben zuvor Ihre Neigung und Art zu denken wollen zu Rathe ziehen, ehe Sie Ihnen einen Vorschlag[96] machen, um desto gewisser von dessen Annehmung zu seyn. Man überläßt also Ihrem Gutdünken die Bestimmung sowohl Ihres Gehaltes, als auch der Ehrenstelle und Beschäftigung, die Sie Sich wählen. Schreiben Sie mir hierüber mit dem ehesten Dero Gedanken, ich will ein getreuer Ueberbringer hievon an Sne. Königl. Majestät seyn. Ich, der ich besonders den Werth von der seltenen Gelehrsamkeit Ew. – kenne, würde mich freuen, in eine nähere Verknüpfung mit Denenselben zu gerathen, wo ich dann allezeit mit einer aufrichtigen Verehrung und Ergebenheit zu verharren die Ehre habe

Ew. – –

Potsdam Quintus Icilius,

den 18 Julius

Officier Major dans la Suite

1763.

de S.M. le Roi de Pruffe.


Die Veranlassung hierzu habe ich erst mehrere Jahre nachher erfahren. D'Alembert war bey dem König von Preussen, hatte eben meine Schrift: de l'influence des opinions sur le Langage etc., gelesen und mit dem Könige von mir geredet.[97]

Hier beging ich wirklich eine grosse Uebereilung, die mich nachher oft gereuet hat; ohne es mit jemanden zu überlegen, ja ohne mir auch selbst nur hinlängliche Bedenkzeit zu nehmen, antwortete ich sogleich den folgenden Tag: bezeugte sehr lebhaft meine Entzückung über den Antrag des Monarchen, dessen gebohrner Unterthan ich mit Stolz wäre, und den ich so sehr bewunderte; allein ich müsse doch den Antrag ablehnen, weil Dankbarkeit für das, was mir im Hannöverischen, (noch dazu immer ohne mein Ansuchen,) widerfahren wäre, mich hinderte, zu thun, was Icilius verlangte; ich glaubte, selbst der König würde diese Gesinnungen nicht mißbilligen, und sie bey seinen Bedienten gern sehen.

Quintus Icilius antwortete mir schon den 11ten August: »Ich habe Sne. Königl. Majest. in Beyseyn des Herrn D'Alembert von allem demjenigen unterrichtet, was Dero Schreiben an mich enthalten hat. Höchstdieselben lassen Ihrer Gedenkungsart Gerechtigkeit widerfahren, und fahren fort, Dieselben unter die Zahl derjenigen zu setzen,[98] welche ihrem Vaterlande Ehre machen.«

Was D'Alemberts Name hier sollte, verstand ich damahls noch nicht. Ob auch in der Antwort des Icilius nicht vielleicht etwas Complaisance ist, und der König es gar nicht ungnädig genommen hat, weiß ich nicht. Nur so viel erfuhr ich viele Jahre nachher aus Paris von einigen Freunden: daß D'Alembert es eine Zeit lang übel genommen habe; nachdem wir aber miteinander in Correspondenz kamen, habe ich nichts mehr davon gemerket.

Dieß war nun freilich eine meiner ärgsten Uebereilungen, die nichts entschuldigen kann als Dankbarkeit, und daß ich ihre widrigen Folgen unmöglich erwarten konnte. Ganz gegen die hiesige Weise war es freilich, nach der hätte ich den Antrag nach Hannover berichten und mir Vortheile ausbedingen müssen. Dieß that ich nicht, sondern berichtete nur nachher meine schon gegebene abschlägige Antwort; erhielt aber dagegen auch gar keine Vortheile davon. Doch nicht allein dieses, sondern auch in der Folgezeit, 25 Jahre hindurch,[99] ist mir nie, wie andern, eine Verbesserung gegeben worden, wohl aber sehr viel Widriges begegnet. Gleich anderthalb Jahr nachher änderte sich das Betragen gegen mich merklich; wozu theils Geschäftigkeit gewisser Leute, die ich kenne, beytragen mogte, theils aber auch der Gedanke, daß ich nun von Göttingen nie weggehen könnte, weil das Vorgegangene jeden auswärtigen Ruf zurück schrecken würde. Dazu kam noch, daß ich mich im Jahre 1764 eigentlich zu Göttingen ansässig machte, und ein für mich sehr bequemes, aber dabey kostbares Haus kaufte. Dieß bewog mich, so viel ich konnte, die Correspondenz mit Münchhausen abzubrechen, das ausgenommen, was Wohlstand oder eigentliche Schuldigkeit und Nothwendigkeit erforderten; wegen der Societätssachen mußte ich noch als Director an ihn schreiben, wenn ich aber sonst gefragt wurde und mich nicht ganz entschuldigen konnte, so waren die Antworten kurz und zurückhaltend. Was es ihm am meisten merklich machte, daß mein Vertrauen gemindert wäre, und dieß auch thun sollte, war Folgendes. Im Namen des Königes war ein[100] Urtheil gekommen, einen Studenten, der einen andern erstochen hatte, in effigie zu hängen, und zwar gerade an einem Orte, wo der Weg nach einem sehr besuchten Wirthshause vorbeyging, und die Besuchenden, oft von schlechtem Wein berauschet, zurückkamen. Die natürlichen Folgen davon würden so übel gewesen seyn, daß ich mich für verpflichtet hielt, die Ausführung zu hindern. Ich stellete dieses also vor, aber nicht Münchhausen selbst, sondern einem meiner Freunde in Hannover, der sein ganzes Vertrauen hatte, um es ihm zu entdecken. Mit der ersten Post wurde sogleich die Vollziehung der Sache durch ein Rescript verboten; allein mein Freund war auch in der Antwort sehr unwillig auf mich, daß ich es dem Minister nicht unmittelbar geschrieben hätte. Ich muß sagen, daß nachher Münchhausen mir ausserordentlich viel Complaisance erzeigte, mich auch oft fragte, und ich ihm nach und nach etwas deutlicher antwortete; allein in eine ordentliche Correspondenz ließ ich mich nicht wieder ein; theils weil sie mir vorhin zu viel Zeit weggenommen hatte, theils wegen der Feindschaft, die sie mir bey anderen[101] machte. Ich habe also nachher an öffentlichen Sachen und Rathschlägen fast gar keinen Antheil mehr genommen.

Im Sommer 176610 bekam ich Gelegenheit zu zwei wichtigen Bekanntschaften.[102]

Pringle und Franklin kamen nach Göttingen, und wurden mir (ob sie gleich gewiß keiner Empfehlung bedurften,) vom sel. Münchhausen sehr warm, und vom hannöverischen Staatsminister in London, Herrn von Behr, in einem französischen Briefe, den ich wegen seines sonderbaren Französischen aufbewahre, empfohlen. Mit Pringle stand ich schon vorher in Correspondenz, wozu die erste Veranlassung gewesen war, daß er den damahligen hannöverischen Staatsminister in London (nicht Herrn von Behr) gebeten hatte, mich[103] befragen zu lassen, was ich vom Aussatze der Häuser in den Büchern Mosis hielte? Meine Antwort war die, welche ich nachher noch vollständiger im mosaischen Recht gegeben habe. Sie gefiel ihm so, daß wir von der Zeit an Freunde wurden. In Göttingen lernten wir uns nun kennen, unsere Freundschaft wurde wirklich sehr warm, und die Correspondenz so häufig, als ich sie sonst mit keinem Gelehrten gehabt habe; nur unter der Bedingung, die ich immer bey englischen Correspondenten machte, daß er englisch schrieb, ich aber lateinisch schreiben durfte. Pringle war ein sehr eifriger und gewissenhafter Untersucher der Religion; weil nun in England die Weissagung Daniels von den 70 Wochen für das größte Bollwerk der christlichen Religion angesehen wurde, so fragte er mich dieserhalb. Ich antwortete ihm: ich hätte nichts Gewisses, unsere gewöhnliche Erklärung sey mir sehr verdächtig, allein ich hätte immer vorgehabt, eine nähere Untersuchung, bey Gelegenheit eines Collegii critici, über diese Stelle unpartheyisch anzustellen; ich versprach ihm, die Resultate davon ausführlich zu melden.[104] Dieses veranlaßte nun einige Jahre nachher diejenige Correspondenz, welche er mit meiner Bewilligung im Jahre 1773 zu London unter folgendem Titel hat drucken lassen: Michaelis epistolae de septuaginta hebd. Danielis ad D. Iohannem Pringle Baronetum; primo privatim missae, nunc vero utriusque consensu publice editae. In Deutschland habe ich sie, wiewohl in veränderter Gestalt und nicht als Briefe, unter dem Titel: Versuch über die 70 Wochen Daniels, im Jahr 1771 drucken lassen.11 Auch[105] seine Briefe, die ich aufbewahre, sind wichtig und oft sehr weitläuftig, sonderlich einer,[106] der aber viel Persönliches enthält. Seine Freundschaft für mich ist meinem ältesten[107] Sohn, dem jetzigen Hofrath und Professor der Medicin zu Marburg, ganz ungemein[108] vortheilhaft bey seinem Aufenthalt in England gewesen, und sonderlich hat ihm Pringle den[109] Zutritt zu den Hospitälern verschafft, des sonst schwer, auf gleiche Weise und ohne grosse Kosten, zu erhalten ist.

Mit Franklin habe ich einmahl bey Tische eine merkwürdige Unterredung gehabt. Als er bey mir speisete, redeten wir viel von America, den Wilden, dem schnellen Aufblühen der englischen Colonien, ihrer Volksmenge, deren Verdoppelung in 25 Jahren u.s.f. und ich sagte: daß, als ich 1741 in London den Zustand dieser Colonien aus englischen Büchern und Nachrichten genauer hätte kennen lernen, wäre ich auf den Gedanken gekommen, den ich auch damahls gegen andere geäussert hätte: sie würden einmahl von England abfallen; man habe mich zwar ausgelacht, ich dächte aber demohngeachtet noch so. Er antwortete mir mit seinem ernsthaften, viel sagenden[110] und klugen Gesichte: darin irrete ich mich, die Americaner hätten eine sehr grosse Liebe zum Mutterlande. Ich sagte: das glaubte ich; allein das allmächtige Interesse würde bald stark wirken, jene Liebe überwiegen, oder gar auslöschen. Er konnte nicht leugnen, daß dieß wohl möglich wäre, allein der Abfall sey dennoch un möglich; denn alles, was die Americaner Wichtiges hätten, Boston, Neuyork, Philadelphia, läge den englischen Flotten ausgesetzt, Boston könne man gleich durch ein Bombardement zerstören. Dieß war mir unbeantwortlich; ich dachte damahls nicht, daß ich mit dem Manne redete, der, aber umgestimmt und in England beleidigt, wenige Jahre nachher einen so grossen Antheil an der Erfüllung meiner widersprochen Muthmasung haben würde. Indeß da die Unruhen wirklich ausbrachen, wartete ich immer darauf, daß man den Anfang mit dem Bombardement von Boston machen würde; allein die Sachen nahmen eine ganz andere Wendung.

Im Jahr (wo ich nicht irre,) 1769 überfiel mich am Ende des Februars eine sehr[111] schmerzhafte und anhaltende Gicht, die mich mehrere Wochen hindurch bettlägerig machte, und dem Arzt war das am ungelegensten, daß sie so lange ohne Fieber blieb; ich habe hernach dreimahl die Gicht gehabt, allein so schmerzhaft, wie dießmahl nie wieder. Das nöthigte mich, im Junius dieses Jahres und einige folgende Jahre nach Pyrmont zu reisen, wo auch meine Gesundheit völlig wieder hergestellet wurde. Die Ursache dieser Krankheit war wohl eine Verkältung, da ich im Winter mehrmahls in etwas dünner Kleidung ausgeritten war, wegen schlechter Wege den Schritt reiten mußte, und mein einer Arm dem darauf stossenden Winde ausgesetzt wurde. Sieben Jahre nachher, da ich nicht mehr an Pyrmont dachte, bekam ich abermahls durch eine Verkältung von ganz anderer Art die Gicht wieder, nicht völlig so schmerzhaft, aber mit einem sehr heftigen und lange anhaltenden Fieber. Hier mußte ich abermahls einige Jahre hintereinander nach Pyrmont reisen. Die Reisen nach Pyrmont haben mir viele Bekanntschaften erworben, doch weniger mit Gelehrten von[112] Profession, als mit Personen anderen Standes.12

Ehe ich von meinem Austritt aus der Societät rede, muß ich noch von dieser etwas sagen. Zweimahl war Hofnung da, daß Haller wieder hierher kommen würde. Gleich zu Anfang schrieb er mir, seine Umstände im Vaterlande wären nicht so, wie ich mir vorstellte, und er wünschte, wieder in Göttingen zu seyn. Damahls sahe ich die Unmöglichkeit, schrieb aber doch an einen speciellen Freund in Hannover, der bey Münchhausen in grossem Credit stand, er mögte zuhören, ob die Sache möglich wäre; und sie dann in meinem Namen vortragen. Münchhausen antwortete mir selbst, ich wüßte, daß die Besoldung vergeben sey, also sey es unmöglich. Haller wandte sich indeß an andere Freunde in Hannover, die aber nichts ausrichteten. Einige Jahre nachher, da ihm manches Widrige mogte widerfahren[113] seyn, schrieb er noch einmahl an mich und klagte mir sein Unglück. Hier schrieb ich es Münchhausen geradezu, und damahls war Geld in der Casse; den Vortheil für Göttingen stellte ich so stark vor, daß er mir auftrug, an Hallern zu schreiben, und mich zu erkundigen, was für Bedingungen er verlangte. Sie waren, ich muß es bekennen, höher als ich sie erwartet hatte, wohl das Doppelte seiner vorigen Besoldung, doch ohne Facultätssporteln, als die dem, der sie hatte, nicht genommen werden konnten, und so viel ich mich erinnere, sollte noch eine kleine Zeit Aufschub gemacht werden, bis Einiges in der Schweiz arrangirt wäre. Münchhausen bewilligte die Hauptsache mit der ersten Post, nur wegen einiger Nebensachen sollte es anstehen, bis ich nach Hannover käme, (denn das hatte ich in dem Frühjahr vor,) und er mündlich mit mir reden könnte. Gleich bey der ersten Unterredung waren alle kleine Zweifel gehoben, Münchhausen bewilligte alles, was Haller gefordert hatte, und das gieng so weit, daß er mir auftrug, selbst zum Secretär zu gehen und dem zu sagen, was eigentlich aufgesetzt[114] werden sollte; der machte mir zwar noch einige kleine Zweifel und wollte etwas abdingen; allein sie waren von der Art, daß sie sich leicht beantworten liessen, und die Hauptantwort war, alles sey schon vor zwei Stunden verwilliget. Hier schien es fast gewiß zu seyn, daß wir Hallern wieder bekommen würden, und das wäre für die Universität und Societät ein grosses Glück gewesen. Allein unglücklicher Weise kam, da ich noch in Hannover war, ein Antwortsschreiben von ihm an mich an. Ich hatte ihm auf Befehl geschrieben, daß wenn der König ihm die Versicherung ertheilte, ihn auf die von ihm selbst bestimmte Zeit und gemachte Bedingungen in Dienste zu nehmen, er einen Revers von sich stellen müsse, alsdann auch die Dienste anzunehmen. Diesen Revers lehnte er nun ab, und sagte, er könne ihn nach den Gesetzen seines Vaterlandes nicht geben. Ich gieng gleich zu Münchhausen, zeigte ihm den Brief, über den ich sehr betreten war; er wunderte sich, und sagte, so könne auch der König kein Versprechen geben. Anfangs meinte er, ich sollte Hallern schreiben, daß ich so[115] etwas gar nicht hätte vortragen mögen; doch hernach sagte er, ich mögte ihm nur schreiben, daß hierauf die ganze Sache beruhe, und er sich vorher kategorisch erklären müsse. Da dieß nicht geschahe, wurden alle weitere Unterhandlungen gänzlich abgebrochen.

Einige Jahre darauf, nach Endigung des Krieges, kam Hallers Herkunft wieder in Bewegung, nicht durch mich, durch wen eigentlich, weiß ich nicht, die Geldbedingungen waren die nämlichen, welche ich einige Jahre vorher ausgemacht hatte; dießmahl wollte er auch den Titel als Canzler haben. Letzteres würde ich widerrathen haben, denn dadurch zog er sich schon zum voraus viele Feinde zu. Allein auch dieser Vorschlag gieng wieder zurück, ich weiß nicht warum. Also verloren wir Hallern auf immer.

Die Commentarien der Societät waren im Jahr 1755 eines litterärischen Todes gestorben, in dem sie lange blieben, und das an der merkwürdigsten Schrift, die vielleicht je darin ist abgedruckt wurden. Der sel. Meyer hatte seine Mondestafeln, doch noch nicht[116] so vollkommen, als sie hernach wurden, der Societöt vorgelesen und übergeben; ich war so für sie eingenommen, daß ich wünschte, sie nach London schicken zu dürfen, weil ich gewiß glaubte, sie würden einen von der Admiralität auf die Erfindung der Bestimmung der Meereslänge gesezten Preiß erhalten, (der höchste, so noch nicht vergeben ist, beträgt 20000 Pfund Sterlinge;13 ich drang also in ihn, seine Erfindung vollständig der Admiralität vorzulegen. Er schlug es mir anfangs ab, und meinte, die Engländer wären viel zu partheyisch und stolz, als daß sie einem Ausländer den Preis zuerkennen sollten, er werde sich nur prostituiren. Ich behauptete stark das Gegentheil und brachte es endlich[117] so weit, daß er die Tabellen vollkommener ausarbeitete, und sie mir übergab, um solche nach London an die Admiralität zu überschicken. Unmittelbar konnte ich nun das zwar nicht thun, sondern ich hatte den Herrn von Münchhausen dazu nöthig; theils weil es in seinem Couvert gehen mußte, theils weil ich, aus Unkunde des dortigen Locals, einen von der hannöverischen geheimen Canzley in London haben mußte, der die Sache am rechten Orte übergäbe. Münchhausen schlug es anfangs ab, und zwar eben aus der Ursache, die Meyern so zweifelhaft gemacht hatte. Ich antwortete ihm: daß ich meiner Sache gewiß wäre, sein Name solle gar nicht genannt werden, sondern nur meiner, und da wollte ich den Vorwurf verschmerzen, wenn man in England sagte, der Lehrer der orientalischen Sprachen in Göttingen verstehe nichts von der Mathematik, er möge mir nur sein Couvert und des Königes Paquet leihen, (das er sonst immer that,) und mir dort einen ehrlichen und geschickten Mann von der hannöverischen Canzley nennen, an den ich mich adressiren könnte. Dieß that er, nannte mir[118] den geheimen Secretär Best, (damahls mir unbekannt und nachher mein naher Verwandter). Die Sache gieng glücklich, sogar mein Name, oder vielmehr ein auswärtiger Professor, der es empfohlen habe, hatte die Ehre in den Zeitungen zu erscheinen, und bald fanden die Tabellen bey den Untersuchenden den Beyfall, welchen sie so sehr verdienten. Allein nun wurde einige Zeit nachher gemeldet, Meyer dürfe sie nicht drucken lassen, denn sonst verlöhren sie ihre Preißfähigkeit. Einen Preis haben sie auch wirklich erhalten, aber erst nach Meyers Tode, da den Erben 3000 Pf. Sterl. (18000 Thlr.) sind ausbezahlt worden.

Die gegebene Erinnerung machte Meyern unruhig, der das erste unvollkommene Memoire von den Mondestafeln, welches er der Societät übergeben hatte, bereits in dem unter der Presse sich befindenden Theile der Commentariorum hatte drucken lassen; er verlangte also, daß diese Bogen cassirt werden mögten, und erboth sich, die Kosten zu bezahlen. Ich war damahls nicht gegenwärtig, sondern verreiset, hatte also glücklicher Weise nichts[119] mit der Sache zu thun. Hollmann, als damahliger Director der Societät, machte es mit dem damahligen Verleger Luzac aus, und der war willig, nicht blos die Bogen zu supprimiren, sondern sie auch an die Societät und an Meyern zurück zu geben. Erst bey meiner Zurückkunft erfuhr ich dieß; zum Unglück war das Versprechen der Erstattung der Druck- und Papierkosten nicht in Meyers, sondern im Namen der Societät geschehen, und das gab Gelegenheit zu Verdruß; denn nun entstand ein Streit, ob drei Bogen, so viel betrug das Memoire, oder fünf Bogen, so viel mußten cassirt werden, dem Verleger bezahlt werden sollten. Hätte man mich zum Schiedsrichter gesetzt, so hätte ich für den Verleger gesprochen; allein ich erfuhr die Sache nicht vollständig, bis am Ende des Drucks dieses Theils der Commentarien, und des gleichzeitigen Theils der Relationum de libris novis, einer Societätsschrift, die ich eigentlich veranstaltet hatte und an welcher Mitglieder der Gesellschaft arbeiteten; da mir Luzac meldete, er könne das stipulirte Honorar für beide nicht eher bezahlen, bis die Societät ihn bezahlt[120] hätte. Da ich dieß Honorar an andere auszahlen mußte; so konnte ich nicht anders, als es nach Hannover berichten. Es thut mir leid, daß ich damahls nicht den Vorschlag gethan habe: die Regierung mögte das Geld für das Umdrucken bezahlen, es sey eine Kleinigkeit; vielleicht wäre es geschehen und der ganze Prozeß vermieden worden. Kurz die Sache aigrirte sich, und mir, der ich unschuldig war, begegnete Luzac beleidigend; darauf sagte ich mich bey Münchhausen von der mir aufgetragenen Direction der Relationum de libris novis los, welches ich desto eher thun konnte, da ich diese mühsame Arbeit ganz unentgeldlich übernommen hatte. Luzac wollte diese Relationes auf andere Weise fortsetzen, allein das wurde ihm von Hannover aus verbothen; es kam zu einem langweiligen Prozeß, und nun konnten keine Commentarien mehr gedruckt werden.

Man wünschte in Göttingen und in Hannover, sie wieder herzustellen, nur hier trat ein schlimmer Umstand ein. Die Wittwe Vandenhoek hatte die Commentarios und Relationes zuerst im Verlag gehabt, wegen[121] der Correcturen der letzteren waren aber Klagen entstanden, die Societät und Universität standen damahls noch mehr als jetzt unter hannöverischer Vormundschaft; auf Befehl von Hannover sollte ihr also der Verlag aufgekündigt werden, und da ich abrieth und sagte, sie würden schwer unterzubringen seyn, wurde mir geantwortet: man habe ein für die Gelehrten und den Buchhandel sehr vortheilhaftes Project, über das ich mich freuen und verwundern würde, wenn es könnte mitgetheilt werden. Nur dieß Project war von gelehrten Männern gemacht, die aber den Buchhandel nicht kannten. Dabey stellte man sich die Commentarien der Societät, als einen sehr herrlichen Verlagsartikel vor, der starken Abgang haben würde; und das war er, wie jeder Buchhandelskundige sehen wird, gar nicht. Sogar Intraden der Gesellschaft hatte man auf das Hanorar gegründet; der vandenhoekischen Handlung konnte also dieses Buch nicht wieder angeboten werden, besonders da die Besitzerin derselben sehr empfindlich war. Der Krieg kam dazwischen, welcher der Regierung noch mehr alle Mittel benahm[122] zu helfen. Nach dessen Endigung that mir Münchhausen einen sehr genereusen Vorschlag für einen Verleger, der sie übernehmen wollte, und ich antwortete: ich würde ihm ganz gewiß einen verschaffen können; allein bald darauf wurde dieß zurückgenommen, weil andere in Hannover sagten, es wäre zu viel; solle das angewendet werden, so könne die Societät selbst den Verlag übernehmen. Darum wurde ich befragt, allein ich antwortete, das sey unmöglich. Wer den Buchhandel versteht, wird auch die Unmöglichkeiten leicht einsehen. Nach vielen vergeblichen Versuchen schrieb, ich denke im Jahr 1769, Münchhausen nochmahls an mich, und der Buchführer Dieterich hatte sich damahls merken lassen, daß er Lust hätte, sie in Verlag zu nehmen, ja wirklich war er, wie ich aus Discursen mit ihm merkte, sehr begierig darauf. Ich antwortete also: ich wüßte, Dieterich wäre dazu geneigt; allein man müsse nicht blos dafür sorgen, einen Verleger zu bekommen, sondern auch zu behalten; denn stürben die Commentarien eines zweiten Todes, so lebten sie nie wieder auf. Bey der jetzigen Einrichtung[123] und wenn der Verleger Honorar geben sollte, könne er nicht bestehen. Auch noch andere Fehler machte ich bemerkich, die abgeändert werden müßten, entwarf ein neues Project, und sagte, wenn das genehmigt würde, wolle ich es der Societät vortragen. Es wurde nicht allein völlig genehmigt, sondern auch bemerkt, manche dieser Erinnerungen habe man schon in Hannover gemacht. Ich erhielt also ein Rescript darüber, legte es der Societät zur Deliberation vor, und fand ein so einstimmiges. Ja, als wenn es eines jeden Vorschlag gewesen wäre. Alle votirten auch sich selbst das Honorar gern ab. Ich schloß nun im Namen der Societät den Contract mit Dieterich. Der Druck wurde wieder angefangen, und so verließ ich die Gesellschaft nicht eher, bis alles gehörig eingerichtet war.

In der Zwischenzeit war indessen die Societät nicht ganz todt gewesen, sondern nur die Commentarien; ihre monatlichen Versammlungen und Vorlesungen dauerten fort, und da man keine Commentarien gedruckt bekommen[124] konnte, erhielten einzelne Glieder, die es verlangten, die Erlaubniß, ihre Vorlesungen besonders herauszugeben. Dieser bediente ich mich, und gab meine, vom Jahr 1758–1762 gehaltenen, im Jahr 1763 heraus, von denen 1774 die zweite Auflage erfolgte, und die von 1763–1768 kamen im Jahr 1769 heraus, von denen aber, weil gleich die erste Auflage stärker war, keine zweite ist gemacht worden.

Im Jahr 1770 trat ich aus der Societät heraus, und mein Dimissionsrescript von Hannover ist vom 8ten September dieses Jahres. Der Austritt hatte damahls noch besondere Veranlassungen; die Sache selbst aber war schon 1769, bey einer Durchreise von Pyrmont, in Hannover mit Münchhausen mündlich abgemacht worden, und ich hatte mir eine schriftliche Ausfertigung in Form eines Rescripts darüber mitgeben lassen. Ich wurde bey dieser Anwesenheit, mit mehrerem Zutrauen, auch mit grösserer Distinction einpfangen, wie jemahls. Wirklich war es eigentlich die rechte Zeit, aus der Societät zu[125] gehen; denn den 26sten November desselben Jahres starb Münchhausen. Herr von Behr wurde sein Successor, bey dem war ich, ich weiß selbst nicht warum, in der letzten Zeit sehr übel angeschrieben, und er begegnete mir eigentlich beleidigend. Vorhin war dieß nicht so gewesen; das erste mahl, da ich ihn bey seiner Durchreise nach Regensburg in Göttingen sprach, und er mit mir im Namen des sel. Münchhausens etwas abzureden hatte, machte er mir das grosse Compliment, das ich immer wiederholen kann; ohne daß es jemand für Stolz halten wird: ich sey der größte Publicist in Deutschland. Entweder er verwechselte mich mit Püttern, oder er hatte den Gedanken, daß bey Münchhausen niemand in Achtung stehen könnte, der nicht ein Publicist wäre.

Nach dem Austritt aus der Societät habe ich, mehrere Schriften wie vorher herauszugeben, Zeit gehabt, und die machen von da an gewissermasen meinen Lebenslauf aus.

Nur muß ich einer Epoche meines Lebens gedenken, die mit 1765 angeht, von 1771[126] an aber noch ausgezeichneter wurde, nämlich die Periode der Feindseligkeit der gelehrten Zeitungsschreiber und Journalisten gegen mich. Wer in der Zeit gelebt hat, wird es sich erinnern, daß kein Monat, ja kaum eine Woche hingieng, da ich nicht aufs gröbste von ihnen angegriffen wurde. Ich kann nicht leugnen, daß es mir doch bisweilen empfindlich war, und wie Klotz, der Anfänger davon, (den ich auf seine Bitte nach Göttingen gebracht hatte, ihm aber als er den Ruf nach Halle bekam, hier keine bessere Bedingungen verschaffen konnte,) zu sagen pflegte, mit unter eine böse Stunde gemacht habe; wiewohl ich das Meiste verlachen konnte. Doch ist mir wirklich unbegreiflich gewesen, wie es zugieng, daß sich so viele ganz verschieden Denkende, die ich nie beleidigt hatte, zu einer so lebhaften Feindseligkeit gegen mich vereinigen konnten; denn dieß, und nicht blose Verschiedenheit der Meinungen, war es, wie man sehen wird, wenn man diese Recensionen durchließt. Fast nie antwortete ich darauf; blos eine Nachschrift zum dritten Theil der orientalischen Bibliothek, Nro. 49, ist gegen[127] so etwas gerichtet. Ich glaube, daß dieß dem Abgang meiner Schriften freilich geschadet hat; und ganz unwirksam kann er nicht geblieben seyn; allein ich erstaune, daß diese von allen Orten her wöchentlich ertönende Stimme des sich so nennenden Publicums, doch so wenig Einfluß gehabt hat; z.B. von meiner Einleitung in das n.T., die so sehr häufig das Ziel dieses widrigen anonymen Publicums, so gar in Romanen, gewesen ist, kam die erste und schwache Ausgabe, die nur 1000 Exemplare betrug, 1750 heraus, und hielt bis 1765 ganze 16 Jahre in Deutschland vor; allein die zweite schon viel stärkere kam in den Jahren, 1765–1768, die dritte 1777 und die vierte noch sehr viel stärkere 1788 heraus.14

Auch andere Gegner, einige billige, andere sehr feindselige, habe ich in Menge gehabt,[128] die viele Schriften gegen mich geschrieben haben. Alle kenne und besitze ich wohl nicht einmahl, und auch hier antwortete ich nicht. Nur einer macht eine Ausnahme, Kennicott, der mir seinen lateinischen Brief gegen meine Recension des ersten Theils seines alten Testaments, mit dem gebieterisch und drohend ausgedruckten Verlangen zuschickte, ich sollte ihn in der orientalischen Bibliothek drucken lassen. Ich that es im Anhang zum 12ten Theil, und setzte unten in die Anmerkungen meine Antworten. Bey diesen wird man eine eigene Erscheinung finden: sie sind gar nicht mein Latein, so daß man denken könnte, ich hätte sie mir machen lassen; die Ursache aber davon war, theils, daß wirklich bey seinem äusserst schlechten Latein mich eine unwillkührliche Nachahmung anwandelte, theils weil ich auch sahe, reineres Latein würde der Mann nicht verstehen. Er hatte geglaubt, da ich sein Freund war, und von seinem Werke so rühmlich geredet hatte; so müßte Freundschaft der Wahrheit vorgehen, und ich keine Mängel desselben aufdecken. Da er so von Freundschaft dachte, hatte ich[129] auch keine Lust, sie je wieder mit ihm zu erneuern, und habe ihm nachher auf seine Briefe zwar höflich, aber kalt geantwortet.

Im Jahr 1775 bekam ich von dem König von Schweden den Nordsternorden. Was ich zuverlässig und aus der ersten Quelle davon weiß, ist: daß der Reichsrath Graf Hoepken die ehemalige Confiscation meiner Dogmatik in Schweden für etwas angesehen hat, wofür eine Nationalsatisfaction erforderlich sey; dieses stellete er vor, und berichtete mir, der Orden sey mir vom Könige bestimmt. Nachdem ich meine unterthänigste Annehmung desselben gemeldet hatte, (wozu ich aber die Erlaubniß des Königs von Großbritannien unmittelbar aus London haben mußte, die sehr gnädig erfolgte,) übersandte mir der Reichsrath, Graf Schäffer, im Namen des Königs den Orden. Ich nahm mein mütterliches Wappen an, weil mir kein väterliches hinterlassen war, mit dem Motto: libera veritas, welches ich selbst wählen durfte.

Eine gedruckte, mir wahrscheinliche Nachricht, die ich aber nicht aus einer eben so authentischen Quelle habe, sagt: daß ich hier[130] mit meinem ersten Gönner und warmen beständigen Freunde, Haller, in eine Art von Collision gekommen sey; schon lange vorher hätten seine Freunde in Schweden, für ihn diesen Orden gesucht, aber nicht erhalten können, sie hätten nun ihr Gesuch beym Könige erneuert, der habe aber geantwortet, dieser Orden werde keinen Ausländern sondern blos Schweden gegeben; sie hätten sich auf mein Exempel berufen, allein der König habe geantwortet, das sey eine Ausnahme, eine mir gebührende Nationalsatisfaction; doch hätten sie einige Zeit nachher ihren Zweck erreichet. So viel ist gewiß, bald nachher erhielt auch Haller diesen Orden wirklich, und ich schätzte deßhalb die Ehre, ihn zu haben, noch höher, da ich sie unter Ausländern mit einem solchen Manne theilte.

Im Jahre 1782 überfiel mich die damahls epidemische Influenza auf eine Weise, die vielleicht des Aufzeichnens nicht unwerth ist. Abends von 6–8 Uhr war ich in einem für mich zu wenig geheizten Zimmer gewesen, ich gieng um 8 Uhr zu Tische, um 9 an meine Arbeit, und schrieb, wurde müde, schrieb[131] aber doch fort, fiel, mir unwissend, vom Stuhl auf die Erde, und stieß zugleich den Tisch und das Licht um. Ich hatte mich etwas am Kopfe verwundet, fühlte aber nichts, sondern blieb sinnlos und ohne Bewußtseyn liegen. Die Meinigen hörten das Fallen, kamen mir zu Hilfe, richteten mich auf, ich wurde mir nun meiner wieder bewußt, aber alles vorher gegangenen erinnerte ich mich nicht. Die Krankheit gieng in wenigen Tagen vorüber. Nur sonderbar, daß alles Geschriebene, bis auf das letzte halbe Wort, in vollem Zusammenhange, ohne Fehler in der Sache, aber mit schlechter, fast bey jeder Zeile schlaffer werdenden Hand geschrieben war.

Im Anfange des Jahres 1784 machte mir der durch die Reise nach Arabien wieder Mode gewordene Weg über den arabischen Meerbusen einige sehr unruhige Tage. Die Engländer hatten ihn zu ihrem grossen Vortheil gebraucht, nur wurden, wie ich aus Irwins Reise sahe, einige grosse Fehler begangen, welche die wichtigen Depeschen in Gefahr setzten, auch die Reise, an deren Geschwindigkeit alles gelegen war, bisweilen sehr[132] verspäteten. Etwas davon hatte ich schon im Jahre 1781 in der Recension dieser Reise, Nro. 251 des 16ten Theils der orientalischen Bibliothek, einfliessen lassen; doch behielt ich anderes für mich zurück, sonderlich einen Vorschlag, die Reise noch vortheilhafter zu machen. Freunde von mir in England wußten dieß aus meiner Correspondenz, und daß ich zur Mittheilung bereit wäre, wenn ich nur wüßte, an wen solche sicher geschehen könnte.

Es wurde ausgemacht, ich sollte meine Vorschläge an Lord Norths Bruder, den Bischoff von Winchelsea, schicken. Das sehr ausführliche Memoire wurde den 28ten December 1783 abgesendet, und gieng; wie gemeiniglich meine Sachen nach England, in des Königes Paquet an den Doctor Woide, der es weiter bestellen sollte. Man kann denken, in welche Unruhe ich gerieth, da ich bald darauf aus den Zeitungen sahe, daß Lord North sein Amt habe resigniren müssen, und nun zur Gegenparthey gehöre. Hier konnte mein Entwurf grossen Schaden thun, denn gerade an geschwinden Nachrichten nach Ostindien[133] war viel gelegen.15 Ich schrieb sogleich an den hannöverischen Secretär in London, dem es zur Bestellung sollte übergeben werden, und an Woide selbst, es, wo noch möglich, zurückzuhalten, und mir zu remittiren. Dem ersteren hatte ich, wie er mir schrieb, wirklich eine sehr unruhige Stunde gemacht. Herr Woide aber war so vorsichtig gewesen, mein Memoire nicht zu übergeben, weil sich das Ministerium geändert hatte, und so bekam ich es durch den Quartalscurier unerbrochen wieder zurück. Einen zweiten Versuch zur Abschickung zu wagen, wurde mir durch das, was hier geschehen war, die Lust verleidet.[134]

Im Februar desselben Jahres 1784 fühlte ich stark die Anwandlungen einer Krankheit, welche mich besorgt machte, und ich brauchte Gegenmittel; allein ich verlohr gerade um die Zeit, da er mir am nöthigsten war, meinen Artzt, der mich kannte. Im Anfang, des Märzes überfiel mich die Krankheit auch wirklich mit grosser Heftigkeit, die schlimmste, so ich je gehabt habe. Es war wieder eine Gicht, aber mit einem gallichten Fieber und vielen krämpfichten Zufällen verbunden, welches mehrere Wochen dauerte, und mich äusserst entkräftete. Ich wußte es damahls nicht, habe es aber hernach wohl erfahren, daß mein Leben in der größten Gefahr gewesen ist. Ich hatte eine sonst nie gefühlte Betäubung und verlohr alle meine Munterkeit, doch konnte ich noch etwas zu meinem Zeitvertreib lesen; darunter das Sonderbarste war, daß in der frankfurter Zeitung stand: der sel. Walch sey den 10ten März gestorben und ich läge ohne Hofnung. Ich hatte noch das Unglück, zwei meiner besten Freunde in dieser Krankheit zu verlieren, ohne sie sprechen zu können, den sel. Walch, der am 10ten März, eben[135] da er zu mir gehen wollte, plötzlich todt niederfiel; und den sel. Otto David Heinrich Beckmann, der am 19ten März starb; (seinen ältern Bruder, Gustav Bernhard Beckmann, einen mir sehr werthen, und wenn ich etwas überlegen wollte oder Rath bedurfte, nützlichen Freund, hatte ich schon den 4ten April 1783 verlohren.) Diese Verluste sind mir ungemein nahe gegangen und noch bis jetzt unersetzlich. Meine Genesung war sehr langsam, noch bin ich nicht völlig hergestellet; ich fühle mich immer seit der Krankheit anders, wie vorher, und sie hat viele Folgen hinterlassen. Beym Anfange meiner Erholung ritt ich noch bisweilen aus, und hätte ich das fortsetzen können, so würde es für meine Besserung sehr vortheilhaft gewesen seyn; allein auch das mußte ich bald aufgeben.

Den 5ten September 1787 ertheilte mir der König, ohne mein Gesuch, oder Veranlassung von meiner Seite, das Prädicat als geheimer Justizrath.

Im März 1789 erwählte mich die Academie des inscriptions & de belles lettres[136] in Paris, zu ihrem auswärtigen Mitgliede; dieß ist unter den litterärischen Ehren, die mir widerfahren sind, deßwegen die vorzüglichste, weil sie so selten ist; denn die Academie kann im übrigen Europa nur 8 auswärtige Mitglieder wählen, die hernach der König selbst bestätigt, welches letzte bey mir den 19ten März geschehen ist. Daß die Wahl mich treffen würde, wußte ich schon am Ende des Decembers 1788 vorher, da mehrere meiner Freunde aus der Academie, es mir an einem Posttage mit der grössesten Wärme und Theilnehmung meldeten; nur nach den Gesetzen der Academie kann die Wahl selbst nicht eher geschehen, als 3 Monate nach des abgegangenen Mitgliedes Tode. Ich kam an Bartoli's Stelle.

Bald darauf, den 30ten April 1789, erzeigte mir auch die königl. Societät der Wissenschaften zu London die Ehre, mich zu ihrem Mitgliede zu erwählen.

Seit ein Paar Jahren bin ich damit beschäftigt, dasjenige, was ich in meinem vorigen Leben gesammelt und aufgesetzt habe, und etwa des Aufhebens werth halte, noch[137] vor meinem Tode herauszugeben; und dieß um desto mehr, weil, wenn ein Gelehrter stirbt, das, was er in seinem Leben mit vieler Mühe gesammelt hat, meist verlohren geht. Ich habe dieß selbst an den hinterlassenen Schriften meines sel. Vaters gesehen, zu dessen wichtigen Disputationen ich sehr schöne Zusätze und Verbesserungen beygezeichnet besitze.16[138]

Mit dem Gelehrten sterben fast zugleich seine Bücher. Von meinem Supplementis ad Lexica Hebraica sage ich hier nichts.[139]

Die Uebersetzung des neuen Testaments, an der ich seit mehreren Jahren gearbeitet habe, aber nicht einzeln herausgeben wollte, und mir keine grosse Hofnung machen konnte, die Ausgabe wirklich zu erleben, ist nun doch im Februar 1790 im Drucke völlig fertig geworden; und mit ihr kommt noch zugleich der erste Theil der Anmerkungen zu den Evangelien des Matthäus, Marcus, Lucas, auf Ostern heraus, die übrigen werden halbjährig nachfolgen.

Ausserdem würde ich, wenn ich so lange lebte, noch herausgeben:

1) Das Leben Davids, so ich vor einigen Jahren ausgearbeitet, daraus aber keine Leichenpredigt wie Delany, oder Paßquill wie Bayle, gemacht habe; sondern es ist so eine Biographie, wie man sie von einem jeden andern ehrlichen Manne auch schreibet. Das Leben selbst ist ohne alle philologische und gelehrte Untersuchungen; diese mit den nöthigen Beweisen, wie auch einiges von dem, was Bayle und andere gegen Davids Character gesagt haben, würden in die Anmerkungen kommen; die aber nicht unter[140] dem Text stehen, sondern in einem besonderen Bändchen abgedruckt werden sollten; damit der Leser einmahl Davids Geschichte eben so lesen könne, wie man andere Geschichten zu lesen pflegt. Diese Schrift mögte wohl die erste seyn, welche heraus kommt; weil sie, meistens ausgearbeitet, schon da liegt, und nur des Abschreibens und Ausseilens bedarf.

2) Meine philosophische und christliche Sittenlehre, wie ich sie mehrmahl gelesen habe, vollständiger ausgearbeitet; denn bisher ist sie nur kurz und mir verständlich geschrieben.

3) Mein Collegium über meine eigene Dogmatik.17

Andere einzelne bey der Bibel und sehr vielen meiner Bücher beygezeichnete, oder in den Concepten meiner Vorlesungen stehende Anmerkungen, kann ich nicht sammeln, sondern muß sie denen überlassen, welche nach meinem[141] Tode Besitzer dieser Bücher werden. Blos aus meinen Vorlesungen über das n. Testament und den bey Wetsteins Ausgabe des n.T. beygeschriebenen Bemerkungen, wollte ich das, was mir eigen ist, und nicht schon in den deutschen Anmerkungen für Ungelehrte steht, sammeln, und als lateinische Anmerkungen für Gelehrte, die nach meinem Tode heraus kommen könnten, hinterlassen; allein ich glaube kaum, daß ich noch dazu im Stande seyn werde.

Nun noch von zwei Dingen, die in meinem Leben negativ sind. Prorector bin ich nie gewesen, und habe es, so oft die Reihe mich traf, abgelehnet, wozu ich jedesmahl Dispensation von der königl. Regierung zu Hannover nöthig hatte und erhielt. Professor der Theologie zu seyn, habe ich auch nicht Lust gehabt, wovon man die Ursachen in meiner vorigen orientalischen Bibliothek, Theil 6 Seite 192–194 finden wird. Ich freue mich auch jetzt sehr, daß ich kein theologisches Amt habe, denn eine gegebene Unterschrift der symbolischen Bücher würde mir viel Unruhe verursachen, ob ich gleich die Hauptsache unserer[142] Religion, wie jeder aus meinen Schriften weiß, glaube, lehre und bekenne. Einmahl bekam ich früh einen auswärtigen Ruf, mit dem auch eine theologische Proffesur verknüpft war, ich blieb aber in Göttingen. Ein einziges mahl ist hier davon die Rede gewesen, ob ich Lust hätte, Professor der Theologie zu werden. Einer meiner Collegen in der philosophischen Facultät, der unter mir war, hatte zu Hannover um eine theologische Profession gebeten, Münchhausen schrieb deßhalb an den Canzler von Mosheim, und forderte dessen Meinung; was aber eigentlich in dem Briefe gestanden hat, kann ich nicht sagen. Mosheim eröfnete mir die Sache und zugleich seine Gedanken: es würde, meinte er, unbillig und für mich beleidigend seyn, er frage mich also, ob er nicht vorschlagen sollte, daß ich, vor jenem, Professor der Theologie würde. Ich antwortete ihm, ich erkennete diese Sorgfalt mit grosser Dankbarkeit, wünschte, aber nicht, Professor der Theologie zu werden. Jenem zuerst bittenden ward hierauf sein Gesuch abgeschlagen. Ich glaube, Münchhausen, als ein sehr kluger Mann, konnte wohl merken, daß ich zu einer theologischen Profession keine Lust hatte.

Nun noch etwas von meiner Familie. Verwandte habe ich in meinem Vaterlande, im Preussischen, äusserst wenige; denn mein Vater hatte nur einen einzigen Bruder, und der ist in hannöverischen Diensten gewesen,[143] mein Grosvater, Urgrosvater etc. sind alle einzige Söhne ohne Brüder gewesen. Blos Johann Heinrich Michaelis, dessen Schwester meines Vaters Mutter war, hat im Preussischen einen Sohn hinterlassen, dessen Söhne noch dort sind; der einzige, den ich kenne, ist Rittmeister bey einem Husaren Regimente in Preussen. In Niederfachsen hingegen habe ich durch meine Mutter eine überaus zahlreiche Anverwandtschaft, und noch eine grössere durch meine Heirathen erhalten.

Ich bin zweimahl verheirathet gewesen, und die zweite Ehe dauert noch. Zuerst den 28ten Oct. 1749 mit Joh. Christ. Friederike Schachtrup, der Tochter eines Kaufmanns zu Clausthal. Sie starb den 24sten Januar 1759. Mit ihr habe ich nur einen Sohn gehabt, der den 13 May 1754 gebohren worden, Christian Friedrich Michaelis, ehedem Feldmedicus der hessencassel. Truppen in America, jetzt Hofrath und Professor der Medicin zu Marburg.

Das zweitemahl verheirathete ich mich den 17ten August 1759 mit Louise Philippine Antonette Schröder, einer Tochter des Oberpostcommissarius, Herrn Schröders, zu Göttingen; von ihr habe ich neun Kinder gehabt, von denen nur noch ein Sohn, Gottfried Philipp Michaelis, der Medicin studirt hat, und drei Töchter am Leben sind.

Fußnoten

1 Nach der Zeit, daß der grosse Litterator, Herr Professor Wolf, dorthin gekommen ist, hat man wohl keine Ursache mehr, darüber zu klagen.

D.H.


2 Vermuthlich waren es die Stellen Matth. 19: V. 12 und 24; welche er damahls noch nicht recht mag verstanden haben.

D.H.


3 Da aber doch Ziegenhagen deutscher Prediger an der Schloßcapelle in St. James war, ließ er sich auch dort leicht erfragen.

A.d.H.


4 Ueberhaupt findet man auf den englischen Universitäten eine grosse Gastfreundschaft gegen reisende Gelehrten, hauptsächlich gegen die Deutschen, welche, da sie mit den Engländern schon mehr, wie z.B. die Franzosen und Italiäner, sympathisiren, diesen sichtbar vorgezogen werden.

Besonders sind aber diejenigen unter ihnen dort sehr willkommen, welche sich auf Mathematik und Physik, oder alte Litteratur gelegt haben, und darin Kenntnisse besitzen; da diese Theile der Gelehrsam keit auch von den Engländern vorzüglich geschätzt und ercolirt werden. Der Herausgeber hat davon selbst in den Jahren 1767, 1768 bey seinem fast 2 monatlichen Aufenthalt auf beiden Universitäten, zu Oxford und Cambridge diese augenehme Erfahrung gemacht. In Cambridge wird man noch besser wie in Oxford aufgenommen, weil jene Universität nicht so oft, wie diese, von fremden Gelehrten besucht wird, und deßwegen jene noch mehr, wie diese, sich einen solchen Besuch gewissermasen zur Ehre rechnet.

Damahls haben mir in Oxford besonders Hunt, Kennicot, Swinton (Lowth war eben abwesend), und in Cambridge Schmidt, Rutherford und Shephard, sehr viele Freundschaft und Höflichkeit erzeigt.

Freilich habe aber auch ich dort gar nichts von einem Wunsche durchblicken lassen, auf einer oder der andern Universität zu bleiben; wovon ohnedem die Erfüllung für einen deutschen Gelehrten, mit fast unübersteiglichen Schwierigkeiten verbunden seyn würde.


5 Ich selbst wurde von meinen Freunden immer mit dem empfehlenden Prolog in Gesellschaften eingeführt: That Gentleman is Master of Arts, he hath taken his Degrèes.

D.H.


6 Vor 20 Jahren hielt man das freilich noch für ausserordentlich wichtig; allein nachher ist man doch von dieser Meinung wieder sehr zurück gekommen.

H.D.


7 Der schwedische Freund hat doch hier vermuthlich auch nur gescherzet. Aus der damahligen bekannten Hyperorthodoxie einiger von der hohen schwedischen Geistlichkeit läßt sich das wohl natürlicher erklären.

D.H.


8 Dieser Schwiegersohn war der Fürstlich Hessencasselische Hofrath und Leibarzt Huber zu Cassel, ein sehr würdiger Mann. Er ist schon vor mehreren Jahren gestorben, hat aber einen Sohn, den jetzigen Hrn. Hofrath Huber in Cassel, hinterlassen, der dort sowohl von Seiten des Kopfes als des Herzens allgemein geschätzt wird, und auf dem der Geist des Vaters in reichem Mase ruhet. Die Leser sind vielleicht neugierig, zu wissen, was das für Heterodoxien sind, welche sich der sel. Gesner soll haben zu Schulden kommen lassen; und da wohl die wenigsten jenes Programm gleich bey der Hand haben, so will ich die hierher gehörige Stelle ausziehen. Es heißt dort, S. 12 und 13:

»Philosophiam non solum magni faciebat, sed et crebro philosophabatur, nullis addictus partibus, sed suus. A prositenda theologia, cujus rei occasio non desutura erat philosopho sacrarum litterarum peritissimo, per omnem vitam abstinuit, quod de nonnullis aliter paulo sentiret, quam aut sentiunt ex theologis severiores, aut sentire eos, Gesnerus putaret. De bonorum enim inter Romanos, Graecos, Moslemos aliosque populos, evangelio non collustratos, salute prolixius sperabat: ad summi numinis bonitatem & sapientiam referens, quod aliquam illi populi, confictam quidem a mortalibus, sed tamen religionem Dei habuerunt, quae bonos in hac vita quodammodo redderet, inque futura divinae eos misericordiae commendaret. (In diesem Stücke bin ich nun, und hoffentlich noch gar viele rechtschaffene Leute mit mir, gerade ein so arger Ketzer, wie Gesner). Nec tamen ideo omnibus fectis aequus, aut naturalis religionis admirator: his potius, qui christianam convellere allaborant, graviter irascebatur, ut communis felicitatis hostibus, eo jam, quam olim, pestilentioribus, quod recentior aut philosophia, aut consuetudo gloriae stimulos tam Graecis, Romanisque acres, obtudisset, ut, demto numinis timore, vix boni cives futuri videamur. Ratiociniis, quibus divinitatem doctrinae christianae defendimus, minus tribuebat, quam solent, qui in theologia philosophantur, ruinas aliquas suspicans: quapropter & aegre ferebat, examen religionis commendari, eaquo, quae credi volebat ab auditoribus christianis & ab eorum doctoribus sumi animisque & adfectibus adhiberi, tanquam dubia essent, ex cathedra sacra argumentis confirmari; fluctuationi enim id dare occasionem. Est certe in his rebus modus aliquis, quem qui migrant nemini cordato probabuntur: sed tamen videbatur Gesnerus, ut alii ultra, ita ille citra hunc modum consistere velle. Qua de re cum amicis, quos diuturna consuetudine habebat exploratos, familiarius disputans, eosque contradicentes placide audiens, videbatur re proxime abesse, licet verbis non iisdem uteretur, ab eorum (nec pauci illi sunt) theologorum sententia, qui argumentis pro veritate religionis christianae nihil praeter veri similitudinem relinquunt; vim cogendi ad adsentiendum ac certitudinem exploratam negant, soli eam tribuunt testimonio Spiritus Sancti, idque totum gustus esse volunt ac sensus interni, non ratiocinii. Interrogatus enim ab his, quos vix quidquam celaturus videbatur, possetne ipsi satis certa videri Christi doctrina argumentis non cogentibus? suo se illam gustui ac sensui credere, respondit; namque & alias plurimum ex ea solatii percepisse, & cum anno 1751 gravissima ex valetudine moriturus sibi omnio videretur, tam placide animum in ea acquievisse, ut Deo auctori credat tuta hic omnia & vera esse. Saepe & addebat, maxime cum de recentioribus quibusdam theologorum litibus fermo incidisset, de quibus quid senserit facile existimatu, eam sibi displicere religionem, quae multum habeat ratiocinii, sitque enthusiasmo vacua: quo tamen nomine non illam intelligebat amentiam, quam fanaticam theologi proprie dicunt, sed partim adfectus vehementiores, quibus nostrum nobis non satis conscii abripimur, partim illud ipsum, quod Testimonium Spiritus Sanct. internum theologi, quodque Augustini vocabulo gratiam dicunt.«

Eben dieser letzteren Behauptung wegen, mögte doch wohl der sel. Gesner, von einer bekannten, ziemlich zahlreichen Partie unserer heutigen Theologen sicher für keinen Ketzer, sondern vielmehr für einen ächt orthodoxen und wahrhaft gesalbten Christen gehalten werden.

D.H.


9 Dieses wäre doch auch ein Zug, der dem sel. Manne eben keine Schande machte, und zugleich in etwas einen bekannten Vorwurf ablehnte, den man so oft mündlich hat hören, ja sogar gedruckt lesen müssen. Auch Bahrdt in seinem famensen Kirchen- und Ketzeralmanach (zwar kein klassisches, aber doch ehedem häufig gelesenes Buch) hat in dem Calender, neben Michaelis Namen gesetzt: »Ist gut Louisd'or zählen.«

Ich habe den sel. Michaelis ziemlich genau gekannt, und, um meine Meinung offenherzig zu sagen, gefunden, daß er den Werth des Geldes zwar sehr gut zu schätzen wußte, und, solches auf einejede erlaubte Art zu erwerben, auch nachher, so viel nur möglich war, aufzusparen, eifrigst suchte. Allein das ist doch noch nichts Böses; gewöhnlich wird ja diese Denkungs- und Handlungsart sogar für eine Tugend gehalten, und mit dem Namen der Sparsamkeit belegt. Hingegen habe ich nie Grund dazu gefunden, ihn für eigentlich geitzig oder habsüchtig zu halten. Doch vielleicht mögte ich hier parteyisch zu seyn scheinen; ich will deßwegen lieber eine kleine Apologie, diesen Punct betreffend, die nur ein bekannter, mit Michaelis aber in keiner besondern Verbindung stehender, Gelehrter zugeschickt hat, wörtlich hierher setzen:

»Bekanntlich wird dem sel. Michaelis ziemlich allgemein Geitz, als ein Flecken in seinem moralischen Character, vorgeworfen. So viel ich ihn aber gekannt habe, war er nicht eigentlich geitzig, so daß er sich und den Seinigen die nothwendigen Bedürfnisse, oder Bequemlichkeiten, oder Selbstgenüsse des Wohllebens aus Anhänglichkeit am Gelde, hätte versagen sollen. Auch nicht eigentliche Habsucht war sein Fehler, welche doch dann nur moralisch tadelhaft wird, wenn sie durch unrechte Mittel befriedigt werden soll. Aber wovon ich mehr als einmahl zuverlässige Spuren bey ihm bemerkt habe, war Aengstlichkeit im Erwerben. Daher sahe er gern sein Auditorium voll, schenkte nicht leicht jemanden das Honorarium, und ließ sich vom Buchhändler, (die doch noch mit seinen Schriften genug gewannen) so viel er nur erhalten konnte, bezahlen. Uebrigens besaß er gewiß eine unbestechliche Wahrheitsliebe – und, wenn ich es so nennen darf – Gerechtigkeitsliebe – d.i. er that, was er that, nicht so sehr aus und mit Empfindung, als aus Ueberzeugung, daß es so recht gethan sey – Er schenkte dem Studenten das Honorarium nicht, aus Ueberzeugung, daß er es mit Recht fordern könne, und dieser es vielleicht doch nur verschwende; (ein Fall, der wirklich oft eintrifft.) Er gab keinem Strafenbettler etwas, aus Ueberzeugung, daß dieß dem Bettler so sehr, als dem allgemeinen Besten schade. Aber als die Armenversorgung in Göttingen veranstaltet werden sollte, und dazu Subscriptionen gemacht wurden, war Michaelis der, welcher unter allen Einwohnern Göttingens das Meiste subscribirte. So hieß es wenigstens zur Zeit meines Aufenthalts in Göttingen, und diese Sache ist bekannt genug. – Aber vielleicht nicht so folgende specielle Anecdote. Zu meiner Zeit studirte in Göttingen ein armer Student, aus Gera gebürtig, welchem Michaelis seine Collegien frei gab, unter der Bedingung, daß er zuweilen des Abends zu ihm kommen und ihm etwas vorlesen sollte. Als einige Jahre nachher Gera abbrannte, erinnerte sich Michaelis, der seitdem mit diesem Manne in keiner weitern Verbindung stand, desselben wieder, und schickte unaufgefordert ihm zwei Louisd'or. – Welcher wirklich Geitzige würde das gethan haben? – Hier läßt sich keine weitere Nebenabsicht denken, als blos der Wunsch zu befriedigen, den durch das allgemeine Unglück mit verarmten Mann einigermasen zu unterstützen.«


10 Gerade damahls (nun schon über ein Vierteljahrhundert, und ich war um diese Zeit auch schon beynahe ein Vierteljahrhundert alt) studirte ich in Göttingen, und hatte Gelegenheit, beide Männer kennen zu lernen. Franklin, das erinnere ich mich noch wohl, war mir, ich weiß selbst nicht warum, weit interessanter, wie Pringle; vielleicht, weil ich jenen für einen practischen Philosophen und grossen Naturkenner (denn seine nachher gespielte grosse politische Rolle hätte ich mir damahls nicht träumen lassen), und diesen nur für einen blosen Arzt hielt.

In eben dem Sommer kam auch Lessing nach Göttingen; und der sel. Dietz (der nachher noch nach Mainz gekommen und dort gestorben ist) stellte mich ihm auf der Bibliothek vor. Dieser, unser sonst grosse Landsmann, gefiel mir doch bey weitem nicht so gut, wie jene beiden Engländer. Diese, sonst als stolz verschrieenen Britten, waren sehr leutselig und herablassend; jener Deutsche hingegen sehr hoch einherfahrend und absprechend in seinen Urtheilen, worüber der gute Dietz, der freilich auch eben so wenig, wie jener Adam, Gesellschafter des Voltaire le premier des hommes, war, mehr wie einmahl in grosse Verlegenheit gerieth. Doch, ich kann mich irren, ich habe den Mann nachher nie wieder gesehen, noch gesprochen, und der erste Anblick, die erste Entrevue kann bisweilen trügen.


11 Diese Schrift gab mir Gelegenheit, über jene Stelle auch eine Abhandlung zu schreiben, die größtentheils gegen die michaelische Meinung gerichtet war, und worin ich eine ganz neue Hypothese aufgestellt hatte. Sie ist zu Lemgo in der meyerschen Buchhandlung 1772 unter folgendem Titel herausgekommen: Versuch einer neuen Erklärung der siebenzig Wochen Daniels. 6 Bogen in 8. Sie wurde von dem sel. Michaelis wohl aufgenommen. Der Mann hatte, bey vielen andern guten Eigenschaften, auch noch diese an sich, daß er es nicht übel nahm, wenn jemand gegen ihn schrieb; zum voraus gesetzt, daß solches mit der ihm gebührenden Achtung und nicht blos in der Absicht geschah, um ihn zu necken oder gar zu verketzern. Im letztern Falle konnte er gegen seine Gegner sehr caustisch werden, und pflegte sie alsdann, besonders in seinen Vorlesungen, gar unsanft zu behandeln und weidlich mitzunehmen. War aber das, was man gegen ihn sagte, mit hinlänglichen Gründen unter stützt; so dachte er liberal genug, um seine Meinung öffentlich zurückzunehmen. Ich kann, zum Beweis davon, ein Beyspiel von seinem Betragen gegen mich selbst anführen. Er hatte in seiner Einleitung in das n.T. behauptet: die alte syrische Kirche habe die Offenbarung Johannis und einige andere apostolische Briefe nicht für ächt und canonisch gehalten. Ich studirte damahls in Göttingen fleissig die syrischen Schriftsteller und fand darin das Gegentheil von seiner Behauptung. Ihr gab deßwegen noch als Student eine kleine Schrift gegen ihn unter dem Titel heraus: Anmerkungen über die letzten Paragraphen des Herrn Hofrath Michaelis Einleitung in die göttl. Schriften des neuen Bundes, Marburg 1767, 5 Bogen in 8. Ich schickte sie ihm zu, und er nahm sie nicht allein privatim sehr gut auf, sondern bezeigte dieß auch gleich öffentlich in seiner Abhandlung von der syrischen Sprache, wo es S. 81–83 heißt: »Da ich bisweilen in meiner Einleitung in das n.T., bey den in Zweifel gezogenen Büchern, von dem Urtheil der syrischen Kirche etwas erwähnt habe, so muß ich einen in der Vorrede begangenen Fehler hier zur Probe verbessern. Ich erinnerte S. 1899, Ephräm Syrus führe die Offenbarung Johannis an den Orten nicht an, wo Lardner, aus Unkunde der syrischen Sprache und Vertrauen auf Assemanns Uebersetzung, sie angeführt zu finden glaubte; und dieß ist und bleibt wahr. Ich sagte S. 1901, mir fiele keine Stelle bey, da Ephräm die Offenbarung anführte (ich hatte ihn freilich zu diesem Endzwecke nie durchgelesen, noch mir Excerpten gemacht,) und in der Vorrede wollte ich einen wahrscheinlichen Beweis geben, daß er sie nicht für ächt erkannt habe. Allein dieser fällt nunmehr ganz weg; denn S. 332 des zweiten Theils stehen die entscheidenden Worte: Johannes sahe in seiner Offenbarung ein grosses und wunderbares Buch, von Gott geschrieben und mit sieben Siegeln versiegelt. Herr Hassencamp hat die Stelle auch in seiner, wider meine Einleitung gerichteten Schrift bemerket, und in der Vorrede den Vorsatz geäussert, aus den syrischen Vätern eine Sammlung von der Art zu machen, als wir von Lardnern aus den griechischen und lateinischen haben. Die Materialien zu dieser Sammlung sind freilich so wichtig nicht, als die, welche Lardner vor sich hatte, weil wir keine so alte syrische Schriftstellen übrig haben, und bey Zeugen fast alles auf das Alter ankommt; allein von dem Sammler erwarte ich etwas besseres, als von seinem Vorgänger. Denn Lardner war ein bloser Compilator, der immer Dank von seinen Lesern verdiente, so oft er sie mit Urtheilen und rationibus decidendi verschonte; und darin ist Herr Hassencamp das Gegentheil von ihm. Will man Lardners Fehler auf sein Alter rechnen, in dem er stets fortfuhr zu schreiben; so hat Herr Hassencamp das Verdienst, jung zu seyn. Kurz, ich rechne eine solche Sammlung mit unter den Nutzen, den Kirchenhistorie und Dogmatik aus den syrischen Denkmählern haben können. Man rechne mir doch dieß unpartheyische Zeugniß nicht zur Singularität an. Ich bin niemanden darüber böse, weil er etwan anders denkt als ich, und wider mich schreibt. Die kriegerische Art mancher Gelehrten macht, daß ich diese Entschuldigung meines guten Zeugnisses von Hrn. Hassencamp für nöthig halte.«

So dachte und handelte z.B. Kennicott nicht; er war vorher in England mein warmer Freund gewesen; als ich aber ein Jahr nachher eine kleine, mit aller Bescheidenheit aufgesetzte Schrift: Erinnerungen gegen die vom Hrn. Dr. Kennicott herausgegebenen Anmerkungen über 1 Sam. 6: 19. (Observations on 1 Sam. 1: 19) herausgab, ist er mir ganz abhold geworden.

D.H.


12 Auch da habe ich manche eben so vergnügte, als lehrreiche Stunde mit dem sel. Manne zugebracht.

D.H.


13 Hier ist doch manches Unrichtige mit untergelaufen; wem daran gelegen ist, sich davon genauer zu unterrichten, kann meine Geschichte der Bemühungen die Meereslänge zu finden, nachlesen; wovon die erste Ausgabe 1769 zu Rinteln bey Berth, die zweite stark vermehrte aber 1774 in der meyerschen Buchhandlung zu Lemgo herausgekommen ist.

D.H.


14 Das gieng sehr natürlich zu: die erste Ausgabe seiner Einleitung in das n.T. war äusserst mager und unbedeutend; die folgenden Ausgaben aber waren sehr reichhaltig; ganz andere Bücher.

D.H.


15 Diese Besorgniß war nun wohl sehr überflüssig und ungegründet. Wenn einer auch schon in England zur Opposition übergehet; so folget daraus doch wohl noch nicht, daß er nun auch gleich an der Nation ein Verräther werde, am wenigsten ein Mann, wie Lord North doch immer war. Die Minority würde einen solchen Verdacht sehr übel nehmen.

D.H.


16 Diese gelehrten und noch immer brauchbaren Dissertationen des sel. Christian Benedict Michaelis verdienten, auch noch jetzt gesammelt und, mit jenen nicht unwichtigen Zusätzen versehen, herausgegeben zu werden. Hr. Prof. Tychsen in Göttingen wäre dazu der rechte Mann. Es wundert mich, daß der Sohn seinem Vater dieß Monument nicht gestiftet, besonders da er diesen Dienst sogar Fremden, wie z.B. dem Prof. Aurivillius zu Upsal geleistet hat.

Er war es einmahl, als ich dort studirte, willens, sie herauszugeben, oder vielmehr herausgeben zu lassen. Er zeigte mir die Dissertationen mit den beygeschriebenen Bemerkungen, machte mich auf die Wichtigkeit derselben aufmerksam, und wünschte, daß ich die Ausgabe übernehmen mögte. Ich entschuldigte mich mit meinen damahligen anderweitigen überhäuften Geschäften, versicherte ihn aber zugleich, daß ich wohl in der Folgezeit die Ausgabe zu übernehmen, nicht abgeneigt wäre. Nach der Hand habe ich nichts weiter davon gehöret, und, die Wahrheit zu sagen, auch nicht wieder daran gedacht.

So that er mir auch damahls den Antrag, unter seiner Aufsicht den cassel. Codex für das kennicottische Bibelwerk zu collationiren; ich lehnte es aber ebenfalls ab, und das gethan zu haben, hat mich auch in der Folge nicht gereuet. Nachher trug er die Collation des Manuscripts zwei anderen damahls dort Studirenden auf, wovon der eine der jetzige Hr. Superintendent Schulz in Giessen war; dieser hat, wie sich das schon von selbst verstehet, das ihm aufgetragene Geschäfte sehr gut ausgerichtet; mit jenem aber (dessen Namen der sel. Michaelis nie öffentlich hat nennen wollen, und den ich deßwegen aus Discretion hier auch verschweige) war er sehr übel zufrieden.

D.H.


17 Unten in dem vollständigen Verzeichnisse der Schriften des sel. Michaelis können die Leser sehen, was seit der Zeit von jenen Werken entweder herausgekommen ist, oder noch fehlet.

D.H.


Quelle:
Johann David Michaelis Lebensbeschreibung von ihm selbst abgefaßt, mit Anmerkungen von [Johann Matthäus] Hassencamp. Nebst Bemerkungen über dessen litterarischen Character. Von [Johann Gottfried] Eichhorn [u. Johann Christoph Friedrich] Schulz u. d. Elogium. Von [Christian Gottlob] Heyne, Rinteln: Expedition der Theologischen Annalen / Leipzig 1793.
Erstdruck: Rinteln (Expedition der Theologischen Annalen) / Leipzig (Barth) 1793.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Strindberg, August Johan

Gespenstersonate

Gespenstersonate

Kammerspiel in drei Akten. Der Student Arkenholz und der Greis Hummel nehmen an den Gespenstersoirees eines Oberst teil und werden Zeuge und Protagonist brisanter Enthüllungen. Strindberg setzt die verzerrten Traumdimensionen seiner Figuren in steten Konflikt mit szenisch realen Bildern. Fließende Übergänge vom alltäglich Trivialem in absurde Traumebenen entlarven Fiktionen des bürgerlich-aristokratischen Milieus.

40 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon