Elftes Kapitel

[155] Zu Anfang Oktobers endlich verließen wir die afrikanische Küste, um unserer Bestimmung zufolge zuvörderst den Markt von Surinam zu besuchen. Zur Beschleunigung der Fahrt wandten wir uns erst südlich und gingen unter der Linie durch, um drei oder vier Grad jenseits derselben die gewöhnlichen südöstlichen Passatwinde zu gewinnen, vor welchen man dann westlich und nordwestlich hinläuft, bis man von neuem die Linie passiert, um die nordöstlichen Passatwinde zu benutzen und mit ihnen die Reise zu beendigen. Die Krankheiten und die Sterblichkeit, welche unter den Sklaven bei jeder verlängerten Dauer der Überfahrt nur zu gewöhnlich einzureißen pflegen, machen es wünschenswert, dieselbe auf jede Weise abzukürzen. Unsre Ladung bestand aus vierhundertfünfundzwanzig Köpfen, worunter sich zweihundertsechsunddreißig Männer und hundertneunundachtzig Frauen, Mädchen und Jungen befanden. Es begreift sich also auch wohl, daß es dazu auf dem Schiffe einer ganz besondern Wirtschaft bedurfte, und darüber will ich hier noch einige Worte verlieren.

Über die Art, die Unglücklichen paarweise zusammenzusesseln und das zwiefache Behältnis vorn im Schiffe, wo sie, jedoch beide Geschlechter durch ein starkes Gitterwerk voneinander geschieden, den Tag über zubringen, ist schon oben das Nötige beigebracht worden. Vor jener Plankenwand stehen zwei Kanonen, deren Mündung gegen das Behältnis der Männer gerichtet ist, und gleich anfänglich werden dieselben in ihrem Beisein mit Kugeln und Kartätschen geladen, nachdem man ihnen die mörderische Wirkung derselben durch Abfeuern gegen einige nahe und entfernte Gegenstände begreiflich gemacht hat und sie bedroht worden sind, daß ihrer bei der mindesten unruhigen Bewegung das nämliche Schicksal erwarte. Heimlich aber werden nachher die Kugeln und Kartätschen wieder herausgezogen und statt deren die Stücke mit Grütze geladen, damit es selbst im Fall einer Extremität doch nicht gleich das Leben gelte. Denn – die Kerle haben ja Geld gekostet![155]

Die Weiber und die Unmündigen, deren Schwäche sie weniger furchtbar macht, haben bei Tage ihren Aufenthalt hinter der Wand auf dem halben Deck und können ihre männlichen Unglücksgenossen zwar nicht sehen, aber doch hören. Allen ohne Ausnahme wird des Morgens etwa um zehn Uhr das Essen gereicht, indem je zehn einen hölzernen Eimer, der ebensoviel Quart fassen mag, voll Gerstgraupen empfangen. Die Stelle, wohin jede solche Tischgesellschaft sich setzen muß, ist durch einen eingeschlagenen, eisernen Nagel mit breitem Kopfe genau bezeichnet, und alles sitzt rings umher, wie es zukommen kann, um das Gefäß mit Grütze, welche mit Salz, Pfeffer und etwas Palmöl durchgerührt ist; doch keiner langt um einen Augenblick früher zu, als bis dazu durch den lauten Schlag auf ein Brett das Zeichen gegeben worden. Bei jedem Schlage wird gerufen: »Schuckla! Schuckla! Schuckla!« Den dritten Ruf erwidern sie alle durch ein gellendes »Hurra!« – und nun holt der erste sich seine Handvoll aus dem Eimer, dem der zweite, dritte usf. in gemessener Ordnung folgen.

Anfangs geht dabei alles still und friedlich zu. Neigt sich aber der Vorrat im Gefäße allmählich zu Ende, und die letzten müssen besorgen, daß die Reihe nicht wieder an sie kommen dürfte, so entsteht auch Hader und Zwiespalt. Jeder sucht dem Nachbar die Kost aus den Händen und beinahe aus dem Munde zu reißen. Da nun diese Szene jedesmal und bei jedem Gefäße schier in dem nämlichen Moment zutrifft, so kann man sich den Lärm und Spektakel denken, der dann auf dem Schiffe herrscht, und wobei die Peitsche den letzten und wirksamsten Friedensstifter abgeben muß. Diese wiederhergestellte Ruhe wird dazu angewandt, ihnen den ledigen Eimer mit Seewasser zu füllen, damit sie sich Mund, Brust und Hände abwaschen. Zum Abtrocknen gibt man ihnen ein Ende ausgedrieseltes Tau (Schwabber genannt), worauf sie paarweise zu der Süßwassertonne ziehen, da ein Matrose jedem ein Gemäß, etwa ein halb Ouart enthaltend, reicht, um ihren Durst zu stillen.

Nach solchergestalt geendigter Mahlzeit und nachdem das Verdeck mit Seewasser angefeuchtet worden, läßt man das ganze Völkchen reihenweise und dicht nebeneinander sich niederkauern, und jeder bekommt einen holländischen Ziegelstein (Mopstein) in die Hand, womit sie das Verdeck nach dem Takte und von vorn nach hinten zu scheuern angewiesen werden. Sie müssen sich dabei alle zugleich wenden, und indem sie bald vor-, bald rückwärts arbeiten, wird ihnen unaufhörlich neues Seewasser über die Köpfe und auf das Verdeck gegossen. Diese etwas anstrengende Übung währt gegen zwei Stunden und hat bloß den Zweck, sie zu beschäftigen, ihnen Bewegung zu verschaffen und sie desto gesunder zu erhalten.

Hiernächst müssen sie sich in dichte Haufen zusammenstellen, wo denn noch dichtere Wassergüsse auf sie herabströmen, um sie zu erfrischen und abzukühlen. Dies ist ihnen eine wahre Luft; sie jauchzen dabei vor Freude, und in der brennendschwülen[156] Sonnenhitze, der sie ohne alle Bedeckung den ganzen Tag ausgesetzt sind, muß es ihnen auch wirklich für eine wahre Erquickung gelten. Noch wohltätiger aber ist für sie die nun nächstfolgende Operation, indem einige Eimer, halb mit frischem Wasser angefüllt und mit etwas Zitronensaft, Branntwein und Palmöl durchgerührt, aufs Verdeck gesetzt werden, um sich damit den ganzen Leib zu waschen und einzureiben, weil sonst das scharf gesalzene Seewasser die Haut zu hart angreifen würde.

Für die männlichen Sklaven sind ein paar besonders lustige und pfiffige Matrosen ausgewählt, welche die Bestimmung haben, für ihren muntern Zeitvertreib zu sorgen und sie durch allerlei auf die Bahn gebrachte Spiele zu unterhalten. Zu dem Ende werden auch Tabaksblätter unter sie ausgeteilt, welche, nachdem sie in lauter kleine Fetzen zerrissen worden, als Spielmarken dienen und ihre Gewinnsucht mächtig reizen. Zu gleichem Behuf erhalten dagegen die Weiber allerlei Arten Korallen, Nadeln, Zwirnfäden, Endchen Band und bunte Läppchen, und alles wird aufgeboten, um sie zu zerstreuen und keine schwermütigen Gedanken in ihnen aufkommen zu lassen.

Spiel, Possen und Gelärm währen fort bis um drei Uhr nachmittags, wo wiederum Anstalten zu einer zweiten Mahlzeit gemacht werden, nur daß jetzt statt der Gerstgraupen große Saubohnen gekocht, zu einem dicken Brei gedrückt und mit Salz, Pfeffer und Palmöl gewürzt sind. Die Art der Abspeisung, des Waschens, Trocknens, Trinkens und Abräumens bleibt dabei die nämliche; nur wird mit allem noch mehr geeilt, weil unmittelbar darauf die Trommel zum lustigen Tanze gerührt wird. Alles ist dann wie elektrisiert; das Entzücken spricht aus jedem Blicke; der ganze Körper gerät in Bewegung und Verzückungen; Sprünge und Posituren kommen zum Vorschein, daß man ein losgelassenes Tollhaus vor sich zu sehen glaubt. Die Weiber und Mädchen sind indes doch die Ersêssensten auf dies Vergnügen; und um die Lust noch zu mehren, springen selbst der Kapitän, die Steuerleute und die Matrosen mit den Leidlichsten von ihnen zuzeiten herum: – sollte es auch nur der Eigennutz gebieten, damit die schwarze Ware desto frischer und munterer an ihrem Bestimmungsorte anlange.

Gegen fünf Uhr geht endlich der Ball aus, und wer sich dabei am meisten angestrengt hat, empfängt wohl noch einen Trunk Wasser zu seiner Labung. Wenn dann die Sonne sich zum Untergang neigt, heißt es: »Macht euch fertig zum Schlafen unter Deck!« Dann sondert sich alles nach Geschlecht und Alter in die ihnen unter dem Verdeck angewiesenen, aber gänzlich getrennten Räume. Voran gehen zwei Matrosen und hinterdrein ein Steuermann, um acht zu haben, daß die nötige Ordnung genau beobachtet werde; denn der Raum ist dermaßen enge zugemessen, daß sie schier wie die Heringe zusammengeschichtet liegen. Die Hitze in demselben würde auch bald bis zum Ersticken steigen, wenn nicht die Luken mit Gitterwerk versehen wären, um frische Luft zur Abkühlung zuzulassen.[157]

Zu diesem Gitter führt eine Leiter zu einer Öffnung in demselben, die nur gerade weit genug ist, um zwei Menschen durchzulassen, und vor welcher die ganze Nacht hindurch ein Matrose mit blankem Hauer die Wache hält, der immer nur paarweise aus- und einläßt, was durch irgendein Bedürfnis hervorgetrieben wird. Da indes die Rückkehrenden selten ihre Schlafstelle so geräumig wiederfinden, als sie dieselbe verlassen haben, so nehmen Lärm und Gezänke die ganze Nacht kein Ende, und noch unruhiger geht es begreiflicherweise bei den Weibern und Kleinen zu. Gewöhnlich muß daher zuletzt auch die Peitsche den Frieden vermitteln.

Aus Bewegungsgründen, auf deren nähere Entwicklung sich hier nicht einzulassen ist, werden gewöhnlich sechs bis acht junge Negerinnen von hübscher Figur zur Aufwartung in der Kajüte ausgewählt und erhalten auch ihre Schlafstelle in der Nähe derselben sowie ihre Beköstigung von den übrigbleibenden Speisen an des Kapitäns Tische, die zu dem Ende sämtlich durcheinander gerührt werden. Begünstigt vor ihren Schwestern, sammeln sie nicht nur allerhand kleine Geschenke an Kattunschürzen, Bändern, Korallen und kleinen Kram ein, womit sie sich wie die Affen ausputzen, sondern der Matrosenwitz gibt ihnen auch den Ehrennamen von »Hofdamen« sowie den einzelnen diese oder jene spaßhafte Benennung. Bei Tage aber mischen sie sich gern unter ihre Gefährtinnen auf dem Deck, wo es mit Verwunderung anzusehen ist, wie jede sofort einen bewundernden Kreis um sich her versammelt, in dessen Mitte sie stolziert und sich den Hof machen läßt.

Bekanntlich kommen all diese unglücklichen Geschöpfe beiderlei Geschlechts ganz splitternackt an Bord, und wenn sie gleich selbst wenig darnach fragen, so hat doch der Anstand (wie sehr er auch sonst auf diesen Sklavenschiffen verletzt werden mag) ihre notdürftige Bedeckung geboten. Die Weiber und Mädchen empfangen daher einen baumwollenen Schurz um den Leib, der bis an die Knie reicht und die Männer einen leinwandnen Gurt, der eine Elle in der Länge und acht Zoll in der Breite hält, und den sie, nachdem er zwischen den Beinen durchgezogen worden, hinten und vorn an einer Schnur um den Leib befestigen.

Wenn sie nun gleich auf diese Weise im eigentlichsten Verstande nichts mit sich auf das Schiff bringen, so vergehen doch kaum einige Wochen oder Monate, und sie haben allesamt, besonders die weiblichen Personen, ein Paket von nicht geringem Umfange als Eigentum erworben, welches sie überall unterm Arme mit umherschleppen. Wie man sich indes leicht denken kann, besteht dieser ganze Reichtum in nichts als allerlei Lappalien, die sie zufällig auf dem Verdecke gefunden und aufgehoben haben, abgebrochenen Pfeifenstengeln, beschriebenen und bedruckten Papierschnitzeln, bunten Zeugflicken, Stückchen Besenreis und dergleichen Schnurrpfeifereien. Hierzu erbitten sie sich nun von den Schiffsleuten[158] den Zipfel eines Hemdes oder sonst eines abgetragenen Kleidungsstückes, um ihren Schatz dahinein zu bündeln.

Aber nur zu oft begnügt sich ihre Begehrlichkeit nicht an dem, was ihnen das Glück auf diesem Wege zuwirft, sondern sie bestehlen sich untereinander, und dann entsteht denn Klage über Klage, als wären ihnen alle Kleinodien der Welt vonhanden gekommen. Der wachthabende Steuermann verwaltet sodann das gestrenge Richteramt, veranstaltet Untersuchungen, wobei jeder sein Bündel vorweisen und auskramen muß, und wobei es seiner Gravität oft schwer genug wird, sich des Lachens zu enthalten, und verfügt endlich über den ertappten Dieb einige gelinde Peitschenhiebe. So geht es heute, so morgen und so alle übrigen Tage während der Dauer der Reise, nicht anders, als ob man mit lauter Affen und Narren zu tun hätte.

Über unsre diesmalige Fahrt, quer durch den Atlantischen Ozean, weiß ich nur wenig zu sagen, wenn ich nicht die nämlichen Erscheinungen wiederholen soll, deren hundert Reisebeschreiber vor mir bereits zur Genüge erwähnt haben. Dahin gehört das Leuchten des Meerwassers in manchen dunkeln Nächten, das Emporflattern ganzer Rudel von fliegenden Fischen, wie wir's bei uns zu Lande an den Sperlingen zu sehen gewohnt sind, und manches mehr, das ich mit Stillschweigen übergehe. Dagegen bemerke ich, was meines Wissens andre noch nicht angezeigt haben, daß, wenn man sich von der Küste von Guinea etwa zehn oder mehr Meilen entfernt hat, sich das Seewasser plötzlich verändert. Es wird klarer, blauer und durchsichtiger. Gibt es nun zugleich eine vollkommene Meeresstille, wie sie in diesem Striche nicht ungewöhnlich ist, und ebnet sich dann die Flut zu einer Spiegelfläche, so gibt es einen unbeschreiblich wunderbaren Anblick, in das kristallhelle Gewässer wie in einen dichteren Himmel unter sich zu schauen und es von unzähligen Fischen und Seegeschöpfen in tausend verschiedenen Richtungen wimmeln zu sehen. Man fängt ihrer auch von allen Arten, soviel man will, doch haben sie, den fliegenden Fisch ausgenommen, alle ein hartes, unschmackhaftes Fleisch und werden für wenig gesund gehalten.

Die Sklavenschiffe beobachten auf dieser Überfahrt die Gewohnheit, das Boot, mit welchem sie den Nebenhandel auf der afrikanischen Küste betrieben haben, nicht wieder einzunehmen und aufs Deck zu setzen, weil es dort den Raum für die Neger zu sehr beengen würde. Wenn es daher die Witterung nur irgend gestattet, fährt es fort, neben dem Schiffe her zu kreuzen und wird gebraucht, mit den Schiffen, die auf dem Wege aufstoßen, nähere Gemeinschaft zu pflegen. Man besetzt es daher fortdauernd und von acht zu acht Tagen mit sieben Mann, unter denen wenigstens einer sich etwas auf Kurs und Steuerkunst versteht, und diese erhalten zugleich hinreichende Provisionen, um auch im übelsten Falle einer Trennung von ihrem Schiffe sich helfen zu können.

Ohne den geringsten widrigen Zufall langten wir gegen die Mitte des Dezembers[159] in dem Flusse Surinam an, wo wir jedoch in einer Entfernung von vier bis fünf Meilen von Paramaribo ankerten, um die Gesundheitskommission von dorther zu erwarten, weil diese zuvor untersucht haben muß, ob nicht etwa ansteckende Krankheiten am Borde des neu angekommenen Schiffes herrschen, bevor demselben die Erlaubnis zum Einlaufen gestattet werden kann. Dies war gleichwohl unser Fall nicht, da wir (was verhältnismäßig sehr wenig sagen will) binnen den vier Monaten, die ich mich nunmehr auf diesem Schiffe befand, nicht mehr als vier von unsern Matrosen und sechs Sklaven verloren hatten. Als daher jene Herren uns am nächsten Tage besuchten, fanden sie auch kein Bedenken, uns in die Kolonie zuzulassen.

Ich für meinen Teil hatte indes noch einen besondern Grund mehr, ihrer Erscheinung mit einigem Verlangen entgegenzusehen, und um dies gehörig zu erklären, sehe ich mich genötigt, hier, als an dem angemessensten Orte, etwas aus meiner frühern Lebensgeschichte nachzuholen.

Im Jahre 1764, als ich noch in Königsberg wohnte und mich im bessern Wohlstande befand, geschah es, daß ich eines Tages einen Faden Brennholz vor meiner Türe spalten ließ. Der ältliche Mann, der zu diesem Geschäft herbeigeholt worden, schien es weder mit sonderlicher Luft noch mit großer Geschicklichkeit zu verrichten. Ich ließ mich mit ihm (wie ich wohl pflege) in ein Gespräch ein und gab ihm wohlmeinend zu verstehen, daß es mir schiene, als würde er mit dieser Hantierung in der Welt nicht viel vor sich bringen. Ob er sich auf nichts anderes und Besseres verstände? – Seine Antwort war: er habe es in der Welt mit viel und mancherlei versucht, ohne dabei auf einen grünen Zweig zu kommen. Aber was einmal zum Heller ausgeprägt sei, werde nimmermehr zum Taler. – »Nun, nun!« versetzte ich scherzend, »das hinderte gleichwohl nicht, daß Ihr nicht noch einmal ein großer Herr würdet und in der Kutsche führet! Aber an Eurer Mundart vernehm' ich, daß Ihr nicht von Kind auf Königsberger Brot gegessen habt. Vielleicht sind wir gar Landsleute?« – »Könnte wohl sein; irgendein Unglückswind hat mich einmal hierher nach Preußen verschlagen. Eigentlich bin ich ein pommersches Kind und aus Belgard.« – »Ei, aus Belgard, und Euer Name?« – »Kniffel.« – »Kniffel? Kniffel?« wiederholte ich nachsinnend, indem mir etwas aufs Herz schoß. – »Und habt Ihr noch Brüder am Leben?« – »Ein paar wenigstens, die aber schon vor vielen Jahren gleich mir in die weite Welt gingen, ihr Glück zu suchen, und von denen ich weiter nicht weiß, wohin sie gestoben oder geflogen sind.«

Jetzt ließ ich mir noch die Vornamen der Verschollenen nennen, und nun war ich meiner Sache gewiß! Es waren die nämlichen Gebrüder Kniffel, die ich vormals in Surinam kennen gelernt und die sich dort zu so bedeutendem Wohlstande emporgearbeitet hatten, während dieser dritte Bruder so gut als ein Bettler geblieben. Ohne ihm darüber einen Floh ins Ohr zu setzen, ging mir doch das[160] Ding je länger je mehr im Kopfe herum. Ich erfuhr auf weiteres Befragen, daß er verheiratet sei und eine einzige Tochter, ein Mädchen von sechzehn oder siebzehn Jahren, habe. Bald auch stellte ich bei andern Leuten Erkundigung nach dieser Familie an, die den Vater als einen halben Narren bezeichneten, von der Mutter auch eben nicht sonderlich viel Gutes zu rühmen wußten, aber der Tochter das Zeugnis eines gutartigen, lieben Geschöpfes, doch ohne Bildung und feinere Sitten, beilegten.

Nun wußte ich, daß die reichen Brüder in Surinam ohne Kinder waren, und ich kannte sie als so rechtliche Leute, daß ich ihnen mit Gewißheit zutrauen durfte, sie würden gern bereit sein, etwas für ihre arme Verwandte zu tun, sobald sie mit der bedrängten Lage derselben bekannt wären. Kurz, es ließ mir keinen Frieden, bis ich wieder der gutherzige Tor geworden, der es nicht lassen konnte, sich in andrer Leute Händel zu mischen, sobald er glaubte, daß es zu irgend etwas Gutem führen könne. Ich setzte mich also hin, schrieb an jene Herren in Surinam, wie ich zufälligerweise mit ihrem Bruder bekannt geworden, und überließ es ihrem Ermessen, ob sie die dürftige Lage der Familie nicht in etwas erleichtern wollten.

Der Brief ging über Holland an seine Bestimmung ab. Da es jedoch leicht Jahr und Tag dauern konnte, bevor eine Antwort darauf zu erwarten war, so nahm ich mich denn einstweilen der Leutchen an, so gut ich es vermochte, um sie vor drückendem Mangel zu schützen. Das Mädchen ließ ich etwas besser kleiden und den früher versäumten Unterricht nach Möglichkeit wieder einbringen, wobei es denn auch nicht an guten Ermahnungen zu einem ehrbaren, christlichen Wandel mangelte, die nicht ohne Eindruck blieben. So ging das fort, bis endlich Briefe an mich einliefen, worin meine alten Gönner und Freunde mir herzlich dankten, daß ich ihnen behilflich gewesen, einen lang gehegten Wunsch zu befriedigen und ihnen ihren vorlängst tot geglaubten Bruder wieder zuzuweisen. Sie hatten die Veranstaltung getroffen, demselben durch ein namhaftes Königsberger Handelshaus eine jährliche Leibrente auszahlen zu lassen, wovon sie glaubten, daß er seine übrigen Lebenstage damit bequem und gemächlich würde ausreichen können.

Hiernächst aber eröffneten sie mir zugleich ein Verlangen, worin sie wünschten und mich aufforderten, ihnen noch näher die Hände zu bieten. Mir sei bewußt, daß sie unbeerbt lebten, und doch möchten sie gern die Freude genießen, einen Blutsverwandten um sich zu sehen und einst ihr Vermögen in dessen Hände zu übergeben. Ich möchte also dahin sehen, ob es tunlich sein würde, die Tochter ihres Bruders mit Einwilligung der Eltern dahin zu vermögen, daß sie sich entschließe, die Reise zu ihnen nach Surinam zu unternehmen. Es sei ihre Absicht, sie an Kindes Statt anzunehmen, und sie würden sie mit offenen Armen und Herzen aufnehmen. Sei sie dazu nicht abgeneigt, so würde ich dahin zu sorgen[161] haben, sie auf eine sichere und bequeme Weise nach Amsterdam an das Haus ihres dortigen Korrespondenten zu adressieren, von wo ihre weitere Reise über Meer in gleicher Art veranstaltet werden sollte. Daß diese Aufträge zugleich mit reichlichem Ersatz für meine aufgewandte Mühe und Auslagen verbunden waren, bedarf kaum noch einiger Erwähnung. Die Gebrüder hatten sich auch hierin nach ihrer gewohnten Weise ebenso groß mütig als rechtlich erwiesen.

Man kann sich leicht denken, mit welcher freudigen Überraschung die Eltern die Zeitung von dem hellen Glücksstern empfingen, der ihnen so unverhofft jenseits des Meeres aufgegangen, aber auch, daß die Wohlhabenheit, in welche sie sich so auf einmal versetzt sahen, ihnen mehr oder weniger die Köpfe verrückte. Leicht auch entschlossen sie sich, in die Trennung von ihrem Kinde zu willigen, sowie dieses selbst an Sinn und Neigung noch zu sehr ein Kind war, um nicht mit leichtem Mute in den Aufruf so gütiger Verwandten einzustimmen, die es zu sich entboten. Indes war doch auch in der Zwischenzeit in des Mädchens äußerm Wesen eine ihr sehr vorteilhafte Änderung vorgegangen, und es schien mir keinem Zweifel unterworfen, daß sie sich in der Zuneigung ihrer Oheime behaupten würde. Es fand sich Gelegenheit, sie der Obhut eines meiner Freunde, der ein Schiff nach Amsterdam führte, anzuvertrauen. Ich wußte, daß sie dort glücklich angekommen war und ebenso wohlbehalten die Überfahrt nach Surinam gemacht hatte. Von dort hatte ich die schriftlichen Danksagungen meiner innigst erfreuten Freunde empfangen; aber späterhin war unser brieflicher Verkehr unterbrochen worden, so daß ich seit mehreren Jahren nicht wußte, wie es um sie und ihr angenommenes Kind zustehen möchte. Beides hoffte ich nunmehr von den an Bord erschienenen Gesundheitskommissarien zu vernehmen.

Leider erfuhr ich auf diesem Wege, daß die Gebrüder Kniffel beiderseits schon vor einigen Jahren mit Tode abgegangen. – »Aber was ist mit einem Frauenzimmer – einer Anverwandtin aus Deutschland geworden, die vor nicht gar zu langer Zeit in die Kolonie gekommen und als die mutmaßliche Erbin ihrer Oheime angesehen wurde?« – »Ei, das ist sie auch wirklich geworden«, fiel die Antwort, »und nicht nur im vollen Besitz des ganzen ungeheuern Kniffelschen Vermögens, sondern auch gegenwärtig die Gemahlin des Bankodirektors Mynheer van Roose und zu Paramaribo wohnhaft.« – Schmerz und Freude wechselten bei diesen Nachrichten in meinem Gemüte; doch war ich voller Begierde, mich der Frau van Roose auf eine gute Art vorzustellen.

Dazu fand sich Gelegenheit gleich am nächsten Tage, als wir uns im Angesichte der Stadt vor Anker gelegt hatten, indem ich meinem Negerjungen von einer Anzahl mitgebrachter blauer Papageien, wie sie hier unter die Seltenheiten gehören, den schönsten auf die Hand und einen Affen auf den Kopf nehmen, dann aber vor mir hin nach dem mir noch von altersher gar wohl bekannten Kniffelschen Hause traben ließ, und wo auch gegenwärtig die reiche Erbin noch[162] wohnen sollte. Jetzt wimmelte es in demselben von schwarzen Sklavinnen zur herrschaftlichen Aufwartung. Durch eine derselben ließ ich der Frau van Roose mein Verlangen melden, ihr aufwarten zu dürfen.

Alsbald trat sie aus ihrem Zimmer hervor, und mein erster Blick auf ihre Gestalt ließ mich sie ungezweifelt wiedererkennen, obwohl sie seither groß und stattlich ausgewachsen war. Ich darf indes wohl gestehen, daß mir, als sie so leibhaftig vor mir stand, doch etwas wunderlich ums Herz war und daß mir's einigermaßen den Atem versetzte, als ich die Frage an sie richtete, ob es ihr nicht beliebe, etwas von meinen afrikanischen Raritäten zu kaufen? – Anstatt mir darauf zu antworten, faßte sie mich nicht weniger scharf ins Auge, als das meinige auf ihr haftete. »Mein Gott!« rief sie endlich, »Gesicht und Stimme kommen mir so bekannt vor... Es ist unmöglich, daß ich Sie nicht schon irgend einst gesehen haben sollte.«

»Ei freilich wohl!« gab ich zur Antwort. – »Den alten Nettelbeck aus Königsberg werden Sie so ganz und gar nicht vergessen haben.«

Nun entfuhr ihr ein lauter Freudenschrei; sie fiel mir mit beiden Armen um den Hals, die hellen Tränen stürzten ihr aus den Augen (und mir war's auch nicht weit davon), bis ihr endlich im Übermaß der Rührung in meinen Armen beinahe die Sinne schwanden. Darüber erhob sich ein Geschrei und Lärmen unter ihrer schwarzen Dienerschaft, das weit umher erscholl und endlich auch den erschrockenen Hausherrn herbeiführte. Dieser stutzte nicht wenig, seine Gattin in halber Ohnmacht am Halse und in den Armen eines unscheinbaren Fremden zu erblicken. Er sprang herzu, fragte, was es gebe, und fand sie ebensowenig imstande, ihm eine Antwort zu stammeln, als ich selbst mich vor inniger Rührung vermögend fühlte, ihn zu befriedigen. Endlich erholte sie sich in dem Maße, ihm zuzurufen: »Mein Kind, dies ist der Mann, von dem ich dir so oft erzählt habe – der erste Urheber meines Glücks – der ehrliche Nettelbeck, der sich in Königsberg meiner annahm. O Gott!«

Mehr konnte sie nicht sagen, weil eine neue Schwäche sie anwandelte. Der Gatte und ich nahmen sie unter beide Arme und führten sie in das anstoßende Zimmer zu einem Kanapee, wo denn der Aufruhr in ihrer Seele sich allmählich wieder beruhigte. Nun jagten sich tausend verwirrte Fragen – wie es mir gehe, was ich treibe, wie ich hierher nach Surinam komme? – und sie war nicht eher befriedigt, als bis ich ihr in der Kürze meine neuesten Lebensschicksale erzählt hatte. Ebenso unersättlich war sie in Erkundigungen nach dem Ergehen ihrer Eltern, von denen sie seit zwei Jahren keine Kunde erhalten habe. Ich war zwar selbst bereits seit vier Jahren von Königsberg abwesend und konnte sie hierüber nur wenig befriedigen, doch sagte ich, was ich wußte, daß ihr Vater den wunderlichen Einfall gehabt, sich den Titel als Lizentrat zu kaufen, und daß er dieses und jenes treibe, was man ihm zugute halten müsse. Jene Standeserhöhung[163] hatte er ihr wohlweislich verschwiegen, und sie konnte nicht umhin, recht herzlich darüber zu lachen, bis sie denn endlich hinzusetzte: »Ei, und warum auch nicht? Laßt doch dem alten Manne die närrische Puppe!«

Jetzt dünkte mir's Zeit, wieder aufzubrechen, aber ich ward mit liebreichem Ungestüm zurückgehalten. Vergebens suchte ich mich mit meinen Verhältnissen als Obersteuermann zu entschuldigen, die keine gar zu lange Entfernung vom Schiffe zuließen. Doch auch dem wußten sie zu begegnen, indem sie nach meinem Kapitän aussandten und ihn gleichfalls freundlich zur Tafel einluden. Dieser, der aus meinen früheren Unterhaltungen wußte, was für eine Erkennungsszene mich am Lande erwartete, schlug es nicht aus zu erscheinen, und seine Gegenwart diente nur dazu, unser geselliges Vergnügen noch zu erhöhen.

Unter dem lebhaftesten Hin- und Herfragen bemerkte endlich Frau van Roosen, daß auf den Sklavenschiffen oftmals einige Verlegenheit um die Herbeischaffung frischer Mundvorräte zu entstehen pflege. Diese für uns zu beseitigen, würde sie Befehl stellen, daß von allen ihren drei Plantagen täglich so viel Lebensmittel an Bord geschafft werden sollten, als wir irgend bedürfen möchten. Den Wert dafür könne der Kapitän mir nach einem billigen Maßstabe zu gut schreiben. Da dies nun auch während der vierzehntägigen Dauer unsers hiesigen Aufenthalts zur wirklichen Ausführung kam, so erwuchs mir dadurch ein kleiner Vorteil von hundertvierzig Gulden; doch noch mehr verpflichtet fühlte ich mich durch die liebevolle und freundliche Aufnahme, deren ich mich binnen dieser Zeit in dem Roosenschen Hause schier täglich zu erfreuen hatte.

Unser Hauptgeschäft bestand hier indes im Verkauf unsrer schwarzen Ware, worüber ich mich hier doch auch mit einigen Worten zu erklären habe. Gewöhnlich erläßt der Schiffskapitän bei seiner Ankunft in der Kolonie ein Zirkular an die Plantagenbesitzer und Aufseher, worin er ihnen seine mitgebrachten Artikel anempfiehlt und die Käufer zu sich an Bord einladet. Bevor jedoch diese anlangen, wird eine Auswahl von zehn bis zwanzig Köpfen als die erlesensten unter dem ganzen vorhandenen Sklavenhaufen veranstaltet; man zeichnet sie mit einem Bande um den Hals, und so oft ein Besuch sich naht, müssen sie unter das Verdeck kriechen, um unsichtbar zu bleiben. Denn die Politik des Verkäufers erfordert, daß nicht gleich vom Anfang herein das beste Kaufgut herausgesucht werde, und dann der Rest, als sei er bloßer Ausschuß, in bösen Verruf komme.

Haben sich nun kauflustige Gäste auf dem Schiffe eingefunden, so werden die männlichen wie die weiblichen Sklaven angewiesen, sich in zwei abgesonderten Haufen in die Runde zu stellen. Jeder sucht sich darunter aus, was ihm gefällt, und führt es überseite, und dann erst wird darüber gehandelt, wie hoch der Kopf durch die Bank gelten soll. Gewöhnlich kommt dieser Preis für die Männer auf vierhundert bis vierhundertfünfzig Gulden zu stehen. Auch junge Bursche von acht oder zehn Jahren und drüber erreichen diesen Preis so ziemlich;[164] ein Weibsbild wird, je nachdem ihr Ansehen besser oder geringer ausfällt, für zweihundert bis dreihundert Gulden losgeschlagen; hat sie aber noch auf Jugend, Fülle und Schönheit Anspruch zu machen, so steigt sie im Werte bis auf achthundert oder tausend Gulden und wird oft von Kennern noch ausschweifender bezahlt.

Ist nun der Handel solchergestalt abgeschlossen, so wird der Preis entweder zur Stelle bar berichtigt, meist aber durch Wechsel ausgeglichen, oder es findet auch ein Austausch gegen Kolonieerzeugnisse an Zucker, Kaffee usw. statt, und wenn die Käufer ihre erhandelten Sklaven nicht gleich mit sich hinwegführen, so bedingen sie auch wohl ein, daß der Kapitän sie im Boot oder in der Schaluppe an die bezeichnete Plantage abliefern läßt.

Zuletzt bleibt denn nun, nachdem allmählich auch die erlesenere Ware zum Vorschein gekommen ist, wirklich nur der schlechtere Bodensatz zurück, und um sich dessen zu entäußern, muß nun zu einer neuen Maßregel geschritten werden, und dies ist der Weg des öffentlichen Ausgebots an den Meistbietenden. Zu dem Ende werden diese Neger an dem dazu bestimmten Tage an Land und auf einen eigenen Platz gebracht, wo ein Arzt jeden Sklaven einzeln über seine Tauglichkeit untersucht. Dieser muß sodann auf einen Tisch treten, der Arzt legt Zeugnis ab, daß er fehlerfrei sei, oder daß sich dieser oder jener Mangel an ihm finde. Nun geschehen die Gebote der Kauflustigen, und so wird nach erfolgtem Zuschlage bis zu dem letzten aufgeräumt.

Wir indes hatten diesmal bei unserm Handel nur wenig Glück, was auch nicht fehlen konnte, da nur kurz zuvor zwei Sklavenschiffe hintereinander hier gewesen waren und den Markt überfüllt hatten. Die schlechte Erfahrung der etsten vierzehn Tage, die wir hier zubrachten, überzeugte uns daher bald von der Notwendigkeit, einen vorteilhaftern Platz aufzusuchen, und unsere Wahl fiel auf die benachbarte holländische Kolonie Berbice. Bei unserm Abgange befand sich Herr van Roose und seine Gemahlin gerade abwesend auf einer von ihren Plantagen, so daß wir uns zu meinem innigen Bedauern kein Lebewohl sagen konnten. Am 1. Januar 1773 stachen wir den noch wieder in See.

Doch schon am nächsten Tage verspürten wir plötzlich einen Leck von solcher Bedeutung, daß wir im vollen Ernst das Sinken fürchteten und uns mit der angestrengtesten Arbeit an den Pumpen kaum über Wasser erhalten konnten. Wir befanden uns hier einem unangebauten Strich der Küste und der Mündung des Flusses Kormantio gegenüber, die fünfzehn Meilen nördlich von Surinam liegt und bis dahin noch von keiner europäischen Macht in Besitz genommen war. Wollten wir nun nicht unser augenblickliches Grab in den Wellen finden oder auf den Strand laufen und auch hier es darauf wagen, alles zu verlieren, so blieb uns nur der Versuch übrig, in den gedachten Fluß einzulaufen und unsern Schaden womöglich auszubessern.[165]

Ich ging mit der Schaluppe voraus und untersuchte die Einfahrt. Die Mündung des Stromes war beinahe anderthalb Meilen breit, und in der Mitte vor derselben lag eine kleine Insel von nur mäßigem Umfange, niedrig und mit Rohr und Strauch bewachsen. Das Fahrwasser fand ich bei der höchsten Flut nur dreizehn Fuß tief, für uns ein leidiger Umstand, da unser Schiff etwas über vierzehn Fuß tief ging. Es galt demnach, dasselbe mindestens noch um anderthalb Fuß zu erleichtern, und zu dem Ende bedachten wir uns ebensowenig, unsern gesamten eingenommenen Vorrat von frischem Wasser wieder über Bord laufen zu lassen, als unsre überzähligen Stengen und Rahen ins Wasser zu lassen, sie zu einem Floße zu vereinigen und alles, was nur irgend dem Verderb nicht ausgesetzt war, auf dasselbe auszuladen.

Dennoch lief uns mit der Ebbe eine so gewaltige Strömung entgegen, daß wir uns der Mündung nicht nähern durften, sondern unter Furcht und Sorge die nächste Flut erwarten mußten, und diese führte uns denn doch so weit hinein, daß wir Schutz vor den Wellen fanden und das Schiff dicht am Lande auf den Grund setzen konnten. Bei der niedrigsten Ebbe hingegen stand es völlig trocken auf einem Sandgrunde, und das hineingedrungene Wasser lief dann wieder zum Boden hinaus. Auf diese Weise machte es uns denn auch wenig Mühe, die eigentliche Stelle des Lecks aufzufinden und gehörig wieder zu verstopfen. Doch hielt uns diese Ausbesserung hier fünf bis sechs Tage auf, während welcher Zeit uns an diesem Orte trotz unsern fleißigen Streifereien in der ganzen Gegend umher auch nicht ein einziges menschliches Wesen zu Gesichte kam, so daß wir diesen Fluß und seine Ufer durchaus für unbewohnt halten mußten.

Unter den Ursachen dieser gänzlichen Verödung mochte wohl der Mangel an frischem, trinkbarem Wasser obenan stehen; denn das Wasser im Flusse war auch bei der niedrigsten Ebbe bitter gesalzen. Hineinfallende kleine Bäche gab es nicht, und was wir in den von uns gegrabenen Brunnen fanden, war so dick und lehmig, daß wir es zwar im Notfall gebrauchen, aber doch unsre ausgezapften Wassertonnen nicht wieder damit anfüllen mochten. Diesem nach fuhr ich den Strom mit der nächsten Flut in der Schaluppe gegen vier Meilen weiter hinauf, wo er immer noch die Breite von einer Viertelmeile zeigte, wartete, bis die Ebbe völlig abgelaufen war, und gedachte nunmehr frisches und taugliches Wasser zu schöpfen. Aber auch hier fand ich es noch so gesalzen, daß es vergebliche Mühe gewesen sein würde, so daß ich den nämlichen Versuch unter gleichen Umständen noch etwa drei Meilen höher aufwärts wiederholen mußte, wo ich endlich meinen Zweck nach Wunsch erreichte. Selbst hier betrug indes die Entfernung beider Ufer immer noch gegen fünfhundert Schritte.

In dieser Gegend des Flusses war es auch, wo wir zum erstenmal an dieser Küste ein Kann mit drei Indianern entdeckten, die sich mit dem Fischfang beschäftigten. Sowie sie uns gewahr wurden, ergriffen sie die Flucht und versteckten[166] sich im Rohr und Schilf. Wir waren ihnen nachgefolgt, um womöglich einigen Verkehr mit ihnen anzuknüpfen, fanden aber nur das Kanu, worin sie ihr ganzes Fischergerät zurückgelassen hatten; sie selbst waren ans Land gesprungen und in den dicksten Busch geflüchtet. Ich bewog meine Leute, mit mir ihre Taschen auszuleeren, und was wir darin an Messern, Feuerzeugen und andern Kleinigkeiten mit uns führten (unter Verheißung einer hinreichenden Entschädigung bei unsrer Wiederkehr ans Schiff) als Geschenk für die Entflohenen in dem Fahrzeuge zurückzulassen.

Meine Absicht, diese Menschen gegen uns etwas zutraulicher zu machen, gelang auch vollkommen. Denn als wir des nächsten Tages in zwei Fluten mit beiden Booten nach jener Gegend zurückkehrten, um unsre Wasserfässer zu füllen, stießen wir auf diese nämlichen drei Indianer und suchten eine Unterhaltung mit ihnen anzuknüpfen. Allein, es gelang uns bei der gänzlichen Unkunde ihrer Sprache so wenig, uns auch nur einigermaßen mit ihnen zu verständigen, daß wir durch sie über die Beschaffenheit dieses Landes und seiner Bewohner um nichts klüger wurden. Auch stießen uns binnen den fünfzehn Tagen, die wir hier verweilten, keine anderen von ihren Landsleuten auf, und da wir nach ergänztem Wasservorrat hier weiter nichts zu suchen hatten, so säumten wir auch nicht länger, wieder in See zu gehen.

In Berbice, wo wir mit dem letzten Januar anlangten, fanden wir leider ebenso schlechten Markt, indem bereits zwei Sklavenschiffe in gleicher Absicht dort vor Anker lagen. Wir hielten uns also auch nur drei Tage auf und steuerten nach St. Eustaz, erreichten diese Insel in der Mitte Februars und hatten das Glück, hier verschiedene Sklavenkäufer von den spanischen Besitzungen auf der Terra firma anzutreffen, an welche wir unsre Ladung samt und sonders binnen drei Tagen mit Vorteil losschlugen.

Hier war es auch, wo wir mit dem Sklavenschiffe, welches mein wackrer Freund und Landsmann Mick führte, wieder zusammenstießen. Er war auf der Überfahrt von Afrika verstorben und sein Steuermann getraute sich nicht, allein mit dem Schiffe nach Holland zurückzugehen. Man warf daher die Augen auf mich, diese Führung zu übernehmen, und des Bittens und Bestürmens war so lange kein Ende, bis ich mich dazu entschloß und auch Kapitän Santleven einwilligte, mich von seinem Schiffe zu entlassen. Wir schieden als Freunde und mit einem Herzen voll gegenseitiger Liebe und Achtung; ich ging in den letzten Tagen des Februars von St. Eustaz ab und warf um die Mitte Aprils vor Vlissingen, wohin das Schiff gehörte, glücklich die Anker. Die Reeder bewilligten mir außer der mir gebührenden Gage noch ein besonderes Geschenk von hundert Gulden und würden mich auch gern in ihrem Dienste behalten haben, wenn ich nicht geglaubt hätte, einer anderweitig eröffneten Aussicht folgen zu müssen.[167]

Es war nämlich gerade um diese Zeit, daß eine englische Transportflotte mit tausendfünfhundert Seesoldaten nach der Küste von Guinea abgehen sollte, um die Besatzungen in den dortigen englischen Forts abzulösen. Zugleich aber suchte man auch für diese Expedition Seeleute und zumal Steuermänner, welche jener Weltgegend kundig wären. Bei mir, als mir ein solcher Antrag geschah, bedurfte es keines langen Zuredens, um mich zu einer solchen Fahrt zu entschließen. Ich kam nach Portsmouth, wo jenes Geschwader ausgerüstet wurde, und man setzte mich als Schiffsleutnant auf den Jupiter von vierundsechzig Kanonen und geführt von Kapitän Cappe, welcher diesem Konvoi zur Bedeckung dienen sollte. Es schien mir schon der Mühe wert, auch einmal den englischen Seedienst zu versuchen.

Schon im halben März 1774 segelte die Flotte, außer uns in sechs Transportschiffen bestehend, von Portsmouth aus, langte in den ersten Tagen des Maimonats auf der Küste von Guinea an, schiffte nach und nach ihre eingenommenen Truppen in den englischen festen Plätzen aus, nahm die Reste der alten Garnisonen wieder an Bord und stach zuletzt, etwa in der Mitte des Junius, von Kap Coast quer über den Ozean nach Jamaika hinüber. Hier langten wir nach sechs oder sieben Wochen glücklich an, verweilten auf dieser Station noch einen Monat, ließen gleichwohl unsre bisherige Begleitung, die ihre Frachten so schnell nicht einnehmen konnte, dort hinter uns zurück und erreichten im November England wieder, ohne daß uns überall irgendein denkwürdiges Ereignis aufgestoßen wäre.

Meine Lust, mich im englischen Dienst umzusehen, hatte ich mit dieser Reise vollständig und für immer gebüßt. Diese Verhältnisse und Lebensweise waren nicht für meinen nüchternen deutschen Sinn gemacht. Schwerlich auch kann man sich eine Vorstellung davon machen, wie rauh und ungefügig es auf den Schiffen dieser Nation hergeht. Da ist keine Ehre und kein Respekt; man hört nichts anders als »Goddam!« und brutale Reden ohne Zahl. Alles, vom geringsten Matrosen an, ist gegen die Offiziere im Widerspruch, wiewohl ich nicht zweifle, daß sie dennoch, wenn es irgend zum Schlagen kommt, untereinander einig und brav sind. Von der nötigen Ordnung habe ich übrigens auf diesen Schiffen nur wenig verspürt. Selbst Essen und Trinken hat keine bestimmte Zeit. Nicht selten hängt ein gekochtes Stück Fleisch von zehn bis zwanzig Pfund am Mast, wovon sich ein jeder abschneidet, wann und wieviel er will. Zu beiden Seiten daneben steht das Brotsaß und das Gefäß mit Grog (Wasser mit etwas Rum vermischt), um die offene Tafel vollständig zu machen. Dies Leben ging mir denn freilich auf die Länge zu bitter ein. Ich bat um meine Entlassung, erhielt sie und begab mich wenige Wochen nach meiner Heimkehr nach Amsterdam herüber.

Während ich hier den Winter über, wo es nichts für mich zu tun gab, bis in den März 1775 verweilte, hatte ich genügliche Muße, über meine Lebenslage[168] und was ich ferner tun und treiben sollte, reiflich nachzudenken. Ich hatte jetzt meine vollen siebenunddreißig Jahre auf dem Nacken, hatte unter tausend Gefahren und Mühseligkeiten und unter allen Himmelsstrichen meine besten Jahre und Kräfte im Dienst von Fremden verschwendet und sah immer deutlicher ein, wie wohl ich tun würde, mit meinen Erfahrungen und was ich sonst irgend vermöchte, meinem Vaterlande und mir selbst zu dienen. Dies brachte mich denn auch zu dem Entschlusse, mein ferneres Glück und Fortkommen am liebsten in meiner Vaterstadt, an der ich noch immer mit ganzer Seele hing, zu suchen, und demzufolge begab ich mich auch sofort nach wiedereröffneter Schiffahrt als Passagier von Amsterdam nach Swinemünde, von wo ich mich sodann nach Kolberg verfügte.

Eigentlich aber kam ich doch schon für dies Jahr zu spät, um eine Anstellung im Seewesen zu finden, wie sie mir am gemütlichsten gewesen wäre. Ich begnügte mich also nach alter Weise, wieder eine Navigationsschule zu eröffnen, um junge Leute für den Seedienst zu bilden; denn an solchen Anstalten fehlte es damals noch gar sehr in unserm Vaterlande. Auch darf ich mir wohl das Zeugnis geben, daß aus meinem Unterrichte nicht wenige Schiffskapitäne und Steuermänner hervorgegangen sind, welche sich des in ihre Geschicklichkeit und Anstelligkeit gesetzten Vertrauens überall wert erwiesen haben, und jetzt, so viel ihrer noch leben, auch schon mit Ehren graues Haar tragen. Einige von ihnen haben auch in der Folge hier in Kolberg meine Stelle ersetzt und sich als Lehrer in der Steuermannskunst verdient gemacht.

Da inzwischen die Lehrlinge in solchen Schulen den Sommer hindurch den praktischen Übungen des Erlernten obzuliegen pflegen und der zu empfangende Untetricht meist nur ihre müßigen Wintermonate ausfüllt, so gab derselbe auch mir nicht hinreichende Beschäftigung, deren mein unruhiger Geist dennoch so sehr bedurfte. Kurz, ich fühlte hier Langeweile, fühlte aber auch zugleich, daß ich an Geist und Leib noch keineswegs so flügellahm geworden, um untätig hinter dem Ofen hocken zu müssen. Auf die Gefahr also, für wetterwendisch gehalten zu werden, will ich nur gestehen, daß mich nebenher doch immer wieder nach der eignen Führung eines tüchtigen Schiffs verlangte und daß, da sich's damit nicht nach meinem Sinne schicken und fügen wollte, meine Gedanken abermals auf Holland und die jüngst verlassene Lebensweise standen.

Wer weiß auch, was geschehen wäre, wenn einige Freunde, die es mit ansahen, wie mich der Tätigkeitstrieb verzehrte, mich nicht aufgeredet hätten, daß ich mir das Verdienst um meine Vaterstadt erwerben möchte, sie den Sommer hindurch aus der Ferne, vom Stettinischen Haff her, und reichlicher als es bisher der Fall gewesen, mit lebendigen Fischen zu versorgen. So ganz zwar wollte dies Projekt mir selbst nicht gefallen; indes ich ließ mich dazu überreden, kaufte ein Haus am Wasser, welches die zu dieser Hantierung passende[169] Gelegenheit besaß, und war nun drauf aus, mir auch ein zu solchem Handel eingerichtetes Fahrzeug (man nennt es eine Quatze) anzuschaffen. Zu dem Ende begleitete ich meinen guten Freund, den Schiffer Blank, der eben nach Swinemünde steuerte, weil ich dort oder in der Nachbarschaft mich zu meinem neuen Gewerbe am besten zu versehen hoffte.

Ein steifer Südwestwind wollte uns an jenen Hafen nicht sogleich herankommen lassen, sondern trieb uns zwei oder drei Meilen weiter an die Küsten der Insel Usedom und in die Gegend, wo einst die alte wendische Handelsstadt Vineta im Meere versunken sein soll. Natürlich drehte sich in solcher Nähe das Gespräch zwischen meinem Freunde und mir um diesen Gegenstand. »Man muß«, sagte jener, »bei der Schiffahrt sich um so vieles und so genau bekümmern, und dieser merkwürdige Fleck ist uns überdem so nahe gelegen, daß es doch fürwahr eine Schande wäre, wenn wir darüber nicht mit was und wie und wo sollten richtige Auskunft geben können.«

»Das könnt' ich wohl«, war meine Antwort, »aber doch nur auf Treu und Glauben des holländischen Schiffers, mit dem ich meine letzte Reise als Passagier von Amsterdam nach Swinemünde machte. Dieser erzählte mir, als wir diesen nämlichen Strich hier hielten, er sei vor vier Jahren bei jener versunkenen Stadt auf den Grund geraten und habe sein Schiff verloren. Um so sorgfältiger habe er sich die Merkzeichen der Küste bekannt gemacht, um sich künftig vor Schaden zu hüten.« – »Seht dorten«, sprach er, »ist ein schwarzer Berg im Westen, und weiter ostwärts liegt ein anderer Berg von gleicher Farbe. Zwischen beiden entdeckt Ihr einen weißen Sandhügel, und gerade vor diesem, eine halbe Meile vom Lande, ist das verwünschte Steinriff, das mich bald zum armen Mann gemacht hätte.« – »Irr' ich aber nicht, so stehen uns seine angegebenen Merkzeichen dort gerade im Gesicht, und es möchte wohlgetan sein, ein wenig aufzupassen.«

Kaum noch war mir das Wort über die Lippen, so stieß unser Schiff so plötzlich und so hart auf den Grund, daß uns die Füße unterm Leibe entglitten, und wir unwillkürlich auf das Verdeck hinstürzten. Indem wir uns schnell besannen und um uns schauten, überzeugten wir uns, daß wir auf der nämlichen Stelle fest saßen, die den Gegenstand unsers Gesprächs ausgemacht hatte. Denn etwa zwanzig Klafter nördlich vom Schiffe entdeckten wir eine ebene Platte, die fast mit dem Wasserspiegel gleich stand, und deren Dasein uns nur darum entgangen war, weil der Wind gerade vom Lande kam und also schlichtes Wasser machte, daß keine Brandung auf der Untiefe entstehen konnte.

Was war indes zu tun? Der Schiffer ließ flugs das Boot aussetzen, um einen Anker auszubringen und daran das Schiff von der Bank wieder abzuwinden. Ich selbst stieg hinein, um dies ins Werk zu richten, und fuhr südlich[170] von der Untiefe, die wir im Norden liegen sahen, abwärts. In einer Entfernung von etwa achtzig Klaftern ließ ich den Anker fallen, erstaunte aber nicht wenig, als er noch über dem Wasser stehen blieb, indem die See hier an dieser Stelle nicht über vier bis sechs Fuß Tiefe hatte. Der Anker mußte wieder emporgebracht und nach dem Schiffe gezogen werden.

Jetzt begann ich (was freilich früher hätte geschehen sollen), rings umher zu sondieren, um ein Fahrwasser von hinreichender Tiefe zu finden. Es gab aber überall nichts als Klippen und Steine dicht unter Wasser; nur hinter uns war es offen, und ich sah, wir würden uns des nämlichen Weges zurück arbeiten müssen, den wir gekommen waren. Demnach ward der Anker gerade nach hinten ausgebracht und die Schiffswinde in Bewegung gesetzt; allein das Fahrzeug wollte weder wanken noch weichen. Da wir nun mit Sandballast fuhren, so ward dessen eine ziemliche Menge über Bord geschafft, um das Schiff zu erleichtern, welches noch immerfort auf den Grund stieß, jedoch ohne einigen Schaden zu nehmen.

Während jener Anstrengungen stieg ich abermalen ins Boot, um den ganzen Umfang dieser Bank noch ferner zu sondieren. Zuvörderst begab ich mich nach der Stelle, die am höchsten und mit dem Wasser gleich lag, bestieg dieselbe und fand, indem ich mit den Füßen tiefer scharrte, daß der Grund aus grobem Sande bestand, der mit einzelnen Brocken von Dachziegeln untermischt war. Meines Vermutens mochte hier wohl früher ein Schiff, mit solchen Ziegeln geladen, gestrandet sein und dieselben zu seiner Erleichterung über Bord geworfen haben.

Beim weiteren Umherfahren ergab sich, daß diese Bank durchgehends aus großen Steinblöcken bestand, die mit vier bis fünf Fuß Wasser überflossen waren. Zwischen denselben gab es eine Tiefe von sechs bis sieben Fuß und da das Wasser ziemlich klar war, ließ sich die Lage der Steine sehr wohl unterscheiden, aber in derselben durchaus keine absichtliche Anordnung und Regelmäßigkeit entdecken. Diese ganze Steinplatte mag vielleicht sechshundert Klafter in der Länge und Breite haben. Zugleich aber fallen ihre Ränder so steil ab, daß, während jene Blöcke nur auf die bemerkte geringe Tiefe unter Wasser stehen, unmittelbar daneben der Seegrund sich auf fünfzehn und mehr Fuß vertiefte.

Es währte fast sechs Stunden, bevor es uns gelang, hier wieder flott zu werden. Während dieser Zeit trieb der starke Wind ein Boot vom Lande herbei, worin sich zwei Bauerknechte, aber ohne Ruder, befanden. Statt derselben waren sie mit ein paar Stangen versehen, womit sie ihr Fahrzeug, so gut es angehen wollte, zu steuern versuchten, um bei uns an Bord zu gelangen. In der Tat stießen sie auch so unvorsichtig und heftig gegen unser Schiff an, daß wir fürchteten, ihr Fahrzeug würde davon in Stücken gehen, so wie es denn[171] auch wirklich sehr beschädigt wurde. Indes mochten sie immer noch von Glück sagen, daß wir ihr Boot festhielten und sie dadurch verhinderten, an unserm Schiffe vorbei in die hohe See zu treiben.

Erst als wir sie an Bord genommen hatten, wurden wir gewahr, daß sie sich in ihrem besten Sonntagsstaat befanden und mit einem gewaltigen Blumenstrauß vor der Brust im Knopfloch prangten; ich hätte nämlich schon früher bemerken sollen, daß es eben an einem Sonntagsvormittage war. Auf unser neugieriges Woher und Wohin nannten sie uns ihr nicht weit entlegenes Wohndorf und berichteten, sie seien soeben auf dem Wege über Feld nach der Kirche begriffen gewesen, als sie unser Schiff auf dem Grunde sitzend erblickt hätten, und da sich zufällig in ihrer Nähe ein leeres Boot am Strande vorgefunden, so wären sie in Gottes Namen hineingestiegen, um zu sehen, ob und wie sie uns damit einige Hilfe leisten könnten. Da es jedoch in dem Fahrzeuge an Rudern gefehlt, mit denen sie ohnehin nicht umzugehen wüßten, so hätten sie gemeint, sich mit den vorrätigen Stangen wohl notdürftig fortzuhelfen.

War das echt pommersch brav und gutherzig gemeint, so muß man doch daneben gestehen, daß es auch herzlich dumm beraten und ausgeführt war. Denn hatten sie nicht das Glück, vom Winde gerade gegen unser Schiff getrieben zu werden, so kamen sie immer weiter landabwärts, waren ohne Barmherzigkeit verloren, und kein Mensch hätte auch nur einmal gewußt, wo sie hingestoben wären. Sie sahen endlich selbst ein, daß sie einen einfältigen Streich unternommen, und da wir indes auch vom Grunde glücklich wieder abgekommen waren, so banden wir ihr Boot an unserm Schiffe fest und nahmen sie mit uns nach Swinemünde, wo es ihnen dann überlassen bleiben mochte, wie sie wieder ihren Heimweg finden wollten.

Ich meinerseits ging von hier nach Kaseburg, wo ich eine Quatze, wie ich sie brauchte, für vierhundert Taler erstand, und nachdem ich zugleich eine Ladung lebendiger Fische eingenommen, mich nach dem Swinemünder Hafen und so über See nach Kolberg auf den Rückweg machte. Kaum aber war ich aus der Swine und über die Reede hinaus, und es an der Zeit, daß mein Koch Feuer anmachen sollte, so fand sich, daß der Lotse, der uns in See gebracht, zufällig unsre Zunderbüchse, womit er seine Pfeife in Brand gesteckt, mit sich genommen habe. Wir sahen uns dadurch trotz allen von mir angewandten Versuchen, diesem Mangel anderweitig abzuhelfen, in die Verlegenheit gesetzt, auf unsrer Fahrt, die durch widrigen Wind über zwei Tage und drei Nächte verzögert wurde, ohne Feuer und Licht zu sein. Besonders unangenehm fiel es mir dabei, daß ich bei Nacht aus Mangel an Erleuchtung auch von meinem Kompaß keinen Gebrauch machen konnte.

Als ich endlich in Kolberg anlangte, klagte ich zufällig jene ausgestandene Not meinem Nachbar, einem Schmied, der mich gleichwohl derb auslachte[172] und mich zugleich aufforderte, ihm in seine Esse zu folgen, wo er mir zeigen wolle, wie man auch ohne die gewöhnlichen Vorkehrungen sich zu allen Zeiten Feuer verschaffen könne. Ich folgte dem Herrn Gevatter und sah, wie er in die rechte Hand einen Hammer nahm, in welcher er zu gleicher Zeit auch einen Schwefelfaden zwischen die Finger steckte. In der Linken hielt er einen neuen eisernen Nagel, dessen Spitze er auf den Amboß legte, und nun mit dem Hammer einen tüchtigen Streich darauf vollführte. Die Nagelspitze ward dadurch dergestalt erhitzt, daß es jetzt nur der möglichst schnellen Annäherung des Fadens bedurfte, um diesen alsobald in lichte Flammen zu setzen.

Dies noch nie gesehene und doch so einfache Kunststück erregte bei mir eine billige Verwunderung. Ich hatte dem Herrn Nachbar nur dagegen einzuwenden, daß sich das zwar auf seinem stählernen Amboß trefflich wohl machen lasse, daß man den aber auf der See nicht immer gleich in der Nähe habe. – »Potz! So habt Ihr doch eiserne Anker!« fiel er mir eifrig in die Rede, »und werdet doch drauf los zu pauken verstehen!« – Zu noch besserer Bekräftigung ging er auf mein Bitten mit mir nach meinem Fahrzeuge, um dort auf dem Bootsanker gleich die Probe zu machen. Jeder zweite oder dritte Schlag gab auch hier richtig Feuer. Ich versuchte es ebenfalls, und auch mir geriet es, obwohl nach einigen Schlägen mehr, weil ich den rechten Zug nicht wie jener in der Faust hatte. Die Kunst ist an sich von keiner Bedeutung; ich habe hier aber gleichwohl ein paar Worte drum verlieren wollen, weil sie doch diesem oder jenem einst zufällig zustatten kommen könnte, so wie ich sie darum auch späterhin besonders jungen See fahrenden beispielsweise mitgeteilt habe.

Nun machte ich mit meiner Quatze zwar noch mehrere Ausflüge; aber diese Fahrten und die ganze Hantierung waren je länger, je weniger nach meinem Sinn. Überdies war der Absatz meiner Ware keineswegs so reißend, als man mir vorgespiegelt hatte, und da zudem die Fische durch das heftige Schlingern des Fahrzeugs in den Wellen häufig abstanden, so hatte ich bei jeder Reise nur Verlust und Schaden. Ich gab also meinen Kram beizeiten wieder auf, brachte meine Quatze nach Stettin und bot sie dort zum Verkaufe aus. Das gelang mir aber erst nach Jahr und Tag, und ich litt auch bei diesem Handel eine empfindliche Einbuße. So kam also auch das Jahr 1775 heran und fand mich wieder als Lehrer in der Steuermannskunst, wobei ich mich, da ich tüchtige und lernbegierige Schüler hatte, immer noch in meinem angemessensten Elemente befand. Auch im Winter 1777 trieb ich diese nützliche, wenn auch eben nicht sonderlich einträgliche Beschäftigung.

Am 28. April dieses Jahres stand ich hier in Kolberg etwa um die Mittagszeit eines abzumachenden Geschäfts wegen beim Herrn Advokat Krohn am Fenster, als mitten in unserm Plaudern plötzlich ein ganz erschrecklicher Donnerschlag geschah, so daß jener vor Schrecken neben mir niederstürzte und wie ohne[173] Leben und Besinnung schien. In der Tat glaubte ich auch nichts gewisser, als daß er von dem Blitzstrahl getroffen worden, bis mein Rütteln und Schütteln ihn endlich doch wieder auf die Beine brachte. »Wo hat es eingeschlagen?« fragte er, immer noch hochbestürzt. – »Ich hoffe, nirgends«, war meine Gegenrede, »oder mindestens doch nicht gezündet, da Regen, Schnee und Hagel die Luft erfüllen und alle Dächer triefen.«

Allein im nämlichen Augenblick auch stürzte der Kaufmann, Herr Steffen, welcher schräg gegenüber wohnte, aus seinem Hause hervor, schlug die Hände über dem Kopfe zusammen, schrie aus Leibeskräften und richtete dabei den Blick immer nach dem Kirchturme empor, den er jenseits wahrnehmen konnte. Ich ahnete Unheil, lief also stracks hinüber, mußte aber lange auf ihn einreden, bevor ich's von ihm herauskriegte: »Mein Gott! unsre arme Stadt! – Sehen Sie denn nicht? der Turm brennt ja lichterloh!« – So war es denn auch wirklich. Die helle Flamme sprützte bei der Wetterstange gleich einem feurigen Springbrunnen empor; aus den Schallöchern sprühten die Funken umher wie Schneeflocken und flogen bereits bis in die Domstraße hinüber.

Ich, herzlich erschrocken, rannte nach der Kirche und die Turmtreppe hinan! Im Hinaufsteigen überdachte ich mir's, wie groß das Unglück werden könne und müsse, da wohl schwerlich jemand sich's unter nehmen werde, bis in die höchste Spitze hinanzuklimmen, wo er in den finstern Winkeln nicht einmal so bekannt sei als ich, der ich sie in meiner Jugend so vielfältig und oft mit Lebensgefahr durchkrochen hatte. »Also nun frisch drauf und dran!« rief eine Stimme in mir – »du weißt hier ja Bescheid!«

In der Tat wußte ich auch, daß droben auf dem Glockenboden stets Wasser und Löscheimer bereitstanden; aber an einer Handspritze, die hier hauptsächlich not tun würde, konnte es leichtlich fehlen. Dies erwägend machte ich auf der Stelle rechtsum, drängte mich mit Mühe neben den vielen Menschen vorüber, die alle nach oben hinauf wollten, flog gleich ins erste nächste Haus und rief um eine Spritze, die aber hier, wie auch im zweiten Hause nicht zu finden war und meiner steigenden Ungeduld erst im dritten gereicht wurde.

Jetzt wieder (die Angst und der Eifer gaben mir Flügel!) zum Turme hinauf! In der sogenannten Kunstpfeiferstube, die dicht unter der Spitze ist, fand ich bereits mehrere Maurer und Zimmerleute mit ihren Meistern an der Spitze, die indes alle nicht recht zu wissen schienen, was hier zu tun oder zu lassen sei. »Lieben Leute«, sprach ich, indem ich unter sie trat, »hier ist freilich nichts zu beginnen. Wir müssen höher hinauf nach oben. Folgt mir!« – »Leicht gesagt, aber schwer getan!« antwortete mir der Zimmermeister Steffen. – »Wir haben es schon versucht, aber es geht nicht. Sobald wir die Falltür über uns heben »fällt ein dichter Regen von Flammen und glühenden Kohlen hernieder und setzt auch hier die Zimmerung in Brand.«[174]

Das war freilich eine schlimme Nachricht! »Ei, es muß schon etwas drum gewagt sein!« rief ich endlich, »ich will hinan! Helft mir durch die Luke. Ich will sehen, was ich tun kann!« – Sie öffneten mir die Falltür, ich stieg hindurch, ließ mir einen Eimer voll Wasser und die Handspritze reichen und – »nun die Luke hinter mir zu, damit das Feuer keinen Zug bekommt!« befahl ich; und indem sie das taten, sah ich zu, was oben passierte. Eine Menge Feuerkohlen prasselte nieder, so daß ich mir den Kopf mit dem Wasser aus meinem Eimer anfeuchten mußte, um nicht aus meinen Haaren ein Feuerwerk zu machen. Um zugleich die Hände frei zu bekommen, schnitt ich ein Loch vorn in den Rock, durch welches ich die Spritze steckte; den Bügel des Eimers nahm ich in den Mund und zwischen die Zähne, und so ward denn die fernere Reise angetreten!

Die Turmspitze ist inwendig mit unzähligen Holzriegeln durch verbunden, die mir zur Leiter dienen mußten. Allein wohin ich griff, um mir emporzuhelfen, da fand ich alles voll glühender Kohlen, nur hatte ich nicht Zeit, an den Schmerz zu denken, oder machte mich gegen ihn fühllos, indem ich Kopf und Hände zum öftern wieder anfeuchtete. Mit alledem hatte ich mich endlich so hoch verstiegen, daß mir in der engen Verzimmerung kein Raum mehr blieb, mich noch weiter hindurchzuwinden, und hier sah ich denn den rechten Mittelpunkt des brennenden Feuers noch acht oder zehn Fuß über mir zischen und sprühen.

Jetzt klemmte ich den Wassereimer zwischen die Sparren fest, zog meine Spritze daraus voll und richtete sie getrost gegen jenen Feuerkern, wo das Löschen und Ersticken am notwendigsten schien. Nur beging ich die Unvorsichtigkeit, dabei unverrückt in die Höhe zu schauen, weil ich auch die Wirksamkeit meines Wasserstrahls beobachten wollte; darüber aber bekam ich die ganze Bescherung von Wasser, Feuer und Kohlen so prasselnd ins Angesicht zurück, daß mir Hören und Sehen verging, bis ich, sobald ich mich wieder ein wenig besonnen hatte, das Ding geschickter anfing und bei den zwei oder drei nächsten Handhabungen meiner Spritze die Augen sein abwärts kehrte. Auch hatte ich die Freude, daß sich bei jedem Zuge das Feuer merklich verminderte.

Nun aber war auch der Eimer geleert! Neue Verlegenheit! Denn das leuchtete mir allerdings wohl ein, daß, wenn ich hinabstiege, weder ich, noch sonst ein Mensch hier je wieder nach oben gelangte. Ich schrie indes aus Leibeskräften: »Wasser! Wasser her!« bis der vorbenannte Zimmermeister die Falltür aufschob und mir zurief: »Wasser ist hier, aber wie bekommst du es nach oben hinauf?« – »Nur bis über den Glockenstuhl schafft mir's. Da will ich mir's selber langen«, war meine Antwort, und so geschah es auch. Jene wagten sich höher, und ich kletterte ihnen von Zeit zu Zeit entgegen, um die vollen Wassereimer in Empfang zu nehmen, von denen ich denn auch so fleißigen Gebrauch machte, indem ich den Brand tapfer kanonierte, daß ich endlich das Glück hatte, ihn zu überwältigen[175] und völlig zu löschen. Wo es aber noch irgend zu glimmen schien, da kratzte ich mit meinen Händen die Kohlen herunter, so weit ich irgend reichen konnte.

Jetzt erst, da es hier nichts mehr für mich zu tun gab, gewann ich Zeit, an mich selbst zu denken. Ich spürte, wie mir mit jeder Minute übel und immer übler zumute ward; denn das zurückspritzende Wasser hatte mich bis auf die Haut durchnäßt, und zugleich war eine Hitze im Turme, die je länger, je unausstehlicher wurde. Zwar eilte ich nun hinunter; aber indem ich gegen die Schallöcher kam, gab es einen so schneidenden Luftzug, daß mir plötzlich die Sinne vergingen. Auch weiß ich nicht, ob ich auf meinen eignen Füßen Gottes Erdboden erreicht, oder ob mich die Leute hinabgetragen haben.

Als ich mich wieder besann, lag ich auf dem Kirchhofe, und mir zur Seite standen die Chirurgen Wüsthof und Kretschmer, die mir an jedem Arme eine Ader geöffnet hatten. Außerdem gab es noch einen dichten Haufen von Menschen um mich her, welche von Teilnahme oder Neugier herbeigeführt sein mochten. Mit meinem wiederkehrenden Bewußtsein begann ich nun aber auch erst meine Schmerzen zu fühlen. Meine Hände waren überall verletzt, die Haare auf dem Kopfe zum Teil abgesengt, der Kopf selbst wund und voller Brandblasen, wo denn auch in der Folge nie wieder Haare gewachsen sind. Nicht minder sind mir die beiden äußersten Finger an der rechten Hand, die vom Feuer am meisten gelitten hatten, bis auf diese Stunde krumm geblieben, und so werde ich sie auch wohl mit in mein Grab nehmen müssen.

Vom Kirchhofe trug man mich nach meiner Wohnung, wo eine gute und sorgfältige Pflege mir denn auch bald wieder auf die Beine half 7. Einige Wochen später behändigte mir der Here Kriegskommissar Donath eine goldene Denkmünze in der Größe eines Doppelfriedrichsdor nebst einem Belobigungsschreiben, die ihm beide von Berlin zugeschickt worden, um sie mir gegen meine Quittung zu überliefern. Das Gepräge dieser Denkmünze ließ ich mir in meinem Petschaft nachstechen; sie selbst aber nebst dem Schreiben übergab ich in die Hände des Magistrats mit dem Ersuchen, sie bis auf meine weitere Verfügung im rathäuslichen Archiv verwahrlich niederzulegen. Doch als ich nach Verlauf einiger Jahre dieserhalb eine gelegentliche Nachfrage anstellte, war das eine wie das andre verschwunden! Es hieß: das sei noch bei des Bürgermeisters R–fs Zeiten geschehen, und daran mußte ich mir genügen lassen!

Im folgenden Jahre 1778 erhielt ich vom Kaufmann Herrn Höpner zu Rügenwalde eine schriftliche Aufforderung, eines seiner Schiffe unter meine Führung zu nehmen. Ich schlug ein, weil sich nicht gleich ein besseres Engagement für mich finden wollte, und so machte ich denn für seine Rechnung eine Reihe glücklicher Fahrten nach Danzig, Nantes und Croisic und war von hier wiederum nach Memel bestimmt, konnte aber der späten Jahreszeit wegen diesen[176] Hafen nicht mehr erreichen, sondern sah mich genötigt, in Pillau einzulaufen und dort zu überwintern, wo ich aus Langeweile wiederum eine Steuermannsschule eröffnete.

Hier war es, wo der Kommerzienrat Herr B–r zu Kolberg mir in wiederholten Briefen anlag, in seinem Auftrage nach England zu gehen, für ihn ein Schiff zu kaufen und mit demselben für seine Rechnung zu fahren. Diese Spekulation schien nicht übel ersonnen; denn in dem damaligen Kriege Englands mit seinen nordamerikanischen Kolonien hatte es um diese Zeit auch bereits mit Frankreich und Spanien gebrochen, und seine Kaper hatten sich einer so großen Anzahl feindlicher Schiffe bemächtigt, daß alle britischen Häfen damit angefüllt waren und als gute Prisen erklärt wurden. Es stand demnach zu erwarten, daß sie beim Verkauf würden spottwohlfeil losgeschlagen werden.

Ich trug demnach kein Bedenken, mich auf den mir gemachten Vorschlag einzulassen, und forderte nur, Herr B–r möge mir für dies Geschäft eine genaue Instruktion sowie eine Adresse an seinen Korrespondenten in London erteilen und mir bei demselben den nötigen Kredit bis zu einer bestimmten Summe offen machen. Demzufolge verwies er mich an das Londoner Handelshaus Schmidt und Weinholdt, bei welchem ich auch bei meiner Ankunft die verlangte Instruktion vorfinden würde. Mit Herrn Höpners Bewilligung verließ ich also dessen Schiff, nachdem ich ihm einen andern tüchtigen Schiffer in meine Stelle vorgeschlagen hatte, und schickte mich zu meiner Reise nach England an, wobei es jedoch meine Privatgeschäfte erforderten, zuvor noch einen kleinen Abstecher nach Königsberg zu machen.

Indem ich hier nun eines Tages meinen Weg zur Börse nahm, fiel es mir zufällig bei, mit einem nicht zu großen Umschweif links ab über den Neuengraben zu gehen, wo das Haus stand, in welchem ich in früherer und besserer Zeit gewohnt hatte. Nachdenklich blieb ich demselben gegenüber stehen, und indem ich es betrachtete, fiel es mir schwer aufs Herz, wie ich hier doch fünf Jahre lang in Leid und Freude aus- und eingegangen, mit so manchem Biedermann in Verkehr und Freundschaft gestanden und froh und mutig ins Leben hineingeschaut habe. Und wie war das nun so ganz anders! Auf diesem nämlichen Fleck stand ich nun als Fremdling, niemand hier, dem mein Wohl oder Weh noch zu Herzen ging – ich selbst ein wunderlicher Spielball des Schicksals und nach allen Himmelsgegenden umhergeworfen! Wahrlich, es war kein Wunder, daß mir in diesen Gedanken ein paar schwere Tränen in die Augen traten!

»Herr Jemine! Sieh doch! Kapitän Nettelbeck und kein andrer!« rief plötzlich eine weibliche Stimme aus einem geöffneten Fenster des nämlichen Hauses, dessen Anblick diese trübe Wehmut in mir hervorgerufen hatte. Indem ich nun, aus mir selbst aufgeschreckt, emporschaute, bemerkte ich ein Frauenzimmer,[177] welches im Begriffe gewesen zu sein schien, einen Teller mit Fischgräten auf die Straße hinauszuschütten. Ich stutzte, konnte mich aber des alten und verzerrten Gesichts in keinem Winkel meines Gedächtnisses besinnen. In eben dem Moment aber war sie auch bereits zu mir heruntergeeilt, ergriff mich an beiden Händen und beteuerte: sie lasse mich nicht, ich müsse kommen und bei ihr und ihrem Manne einsprechen. Jetzt erst schoß es mir mit einem Male aufs Herz, daß hier von dem Kniffelschen Ehepaare die Rede sein möge. Und so war es auch wirklich!

Schon in Pillau hatte ich auf gelegentliche Erkundigung von diesem Paare so mancherlei vernommen, was mich nach der Erneuerung dieser alten Bekanntschaft eben nicht lüstern machte. Sie hatten mit denen ihnen ausgesetzten Geldern übel gewirtschaftet und waren überall betrogen worden und steckten tief in Schulden, weil die reiche Verwandtschaft in Surinam immer noch diesen und jenen Wucherer lockte, ihnen Kredit zu geben. Außer dem Hause, das er bewohnte, und wovon ihm vielleicht auch kein Ziegel mehr eigen gehörte, besaß der alte Tropf nichts mehr als seinen gekauften Titel »Lizentrat«, den aber der Pöbelwitz allgemein in den Spottnamen »Lizentrekel« verkehrt hatte. Kurz bei diesen Leuten, die mit ihrer braven Tochter gar nichts Ähnliches besaßen, war weiter weder Freude noch Ehre zu holen, und es verdroß mich sogar, daß sie mein altes, liebes Eigentum durch ihre Gegenwart verschimpfierten.

Indes mußte ich mich schon mit hinaufschleppen lassen und fand dort den Titularrat hustend auf einem Bette sitzen. Ich sah mich nun in dem Stübchen um, wo alles ein ärmliches, beklommenes Ansehen hatte, und konnte mich nicht enthalten auszubrechen: »Leute, wie habt ihr gewirtschaftet!. Was habe ich gehört, und was sehe ich jetzt selbst? Seid ihr's wohl wert, daß euch das Glück einmal so freundlich angelacht hat?« – Beide weinten und sagten, dann würde ich auch gehört haben, wie sie von ihren besten Freunden betrogen worden. – »Nun wahrlich doch nicht ohne eure Schuld!« gab ich ihnen unmutig zur Antwort – »hättet ihr die Nase nicht stets höher getragen, als euch zukam, hättet ihr Gott still und demütig gedankt, daß er euch einen ruhigen Nothafen für eure alten Tage eröffnet, hättet ihr sein zu Rate gehalten, was mehr als genüglich für euer Notwendiges ausreichte«... und wie denn der derbe Levite weiter lautete, den ich glaubte, ihnen lesen zu müssen.

Sie gestanden ihr Unrecht ein und gelobten Besserung, wenn ich ihnen nur jetzt behilflich sein wollte, einen Brief an ihre Tochter zu besorgen, worin sie derselben ihre äußerste Not vorstellig machen und sie um eine letzte Unterstützung bitten wollten. Mehrmals hätten sie dies bereits auf andern Wegen versucht, aber niemals Antwort erhalten. Die Papiere möchten wohl nicht in ihre Hände gelangt sein. – »Gut, so schreibt denn!« rief ich, »aber sputet euch damit, denn morgen bin ich nicht mehr in Königsberg. Ich logiere...«[178]

Aber aus Sorge, daß ich ihnen entschlüpfen möchte, wollten sie mich lieber nicht von der Stelle lassen und schickten gleich zu einem alten, abgedankten Hauptmann, der in allem ihr Sekretär und Ratgeber zu sein schien. Der setzte sich denn sofort an das Stück Arbeit, welches mir auch endlich mit der angehängten Bitte überliefert wurde, daß ich es mit einigen Worten zur besseren Empfehlung begleiten und ihrem Kinde treulich schildern möchte, in welchem Elend ich sie angetroffen hätte. Ich versprach alles, was sie wollten, um nur von ihnen loszukommen, habe aber fernerhin nie Gelegenheit gefunden, zu erfahren, was weiter aus ihnen geworden und ob sie sich in der Zukunft besser gebettet. Auch von der Tochter ist mir keine fernere Kunde zu Ohren gekommen.

Gleich darauf ging ich früh im Jahre 1779 von Pillau als Passagier nach London und meldete mich sofort bei den dortigen Korrespondenten meines neuen Prinzipals und empfing nun aus deren Händen die Instruktion, wie ich bei meinem Einkauf verfahren sollte. Diese war aber leider von der Art, daß ich, wäre sie mir früher in Pillau zugekommen, keinen Schritt vor die Türe darum gegangen sein würde. Nur die wunderlichste Laune konnte dem Manne alle die tausend Bedingungen eingegeben haben, von denen ich kein Haar breit abweichen sollte. Das Schiff, das ich erstände, sollte von hundertfünfzig Lasten sein, nicht größer und nicht kleiner; es durfte kein höheres Alter als von zwei oder höchstens drei Jahren zählen; es mußte eine Bauart haben, daß es mindestens mit der halben Last zum Kolberger Hafen ein- und auspassieren könnte; ja sogar ein vollständiges Inventarium war vorgeschrieben, daß man bei dem Schiffe zu finden erwartete; – aber vor allem durfte es nicht höher als vierhundert Pfund Sterling im Preise zu stehen kommen. – Wahrlich, ich hätte tausend anfeilschen können, ohne einen solchen Phönix von Schiff zu finden, als hier verlangt wurde! Selbst die Herren Schmidt und Weinholdt, an die ich gewiesen war, lachten über dies unsinnige Begehren.

Indes ich hatte es einmal angenommen und sollte und wollte meine Schuldigkeit tun. So reiste ich denn ganz England mit der Post in die Runde nach allen Häfen, wo nur Prisen aufgebracht worden. Ich ging nach Hull, nach Neweastle, nach Lees, nach Liverpool, nach Bristol, nach Plymouth, nach Portsmouth, nach Dover; – aber ebensogut hätte ich auch zu Hause bleiben mögen! Endlich stieß ich in London selbst auf ein Schiff, das mir in jedem Betracht anstand, und das ich rücksichtlich alles dessen, was ihm etwa noch mangelte, auf meine eigne Verantwortung zu kaufen beschloß.

Indem ich nun den Herren Schmidt und Weinholdt diese meine Absicht eröffnete und den mir bei ihnen gemachten Kredit geltend machen wollte, erhielt ich die nimmer erwartete Antwort: »Lieber Nettelbeck, um Ihnen klaren Wein einzuschenken, müssen wir Ihnen geradeheraus sagen, daß wir für B–rs Order[179] auch nicht ein Pfund zu zahlen gesonnen sind. Wollen Sie aber das Schiff für sich allein und auf Ihren Namen erstehen und uns die Korrespondenz und Assekuranz darüber überlassen, so ist hier unsre Hand – wir zeichnen für Sie, soviel Sie verlangen. Nur mit B–r wollen wir nichts zu tun haben.«

Meine Antwort ist leicht zu erraten. »Ich bin vorzeiten«, sagte ich, »Herr eines eignen Schiffs gewesen, habe aber so ausgesuchtes Unglück damit gehabt, daß ich mir's heilig angelobt, mich nie wieder mit dergleichen zu befassen. Es taugt auch für keinen Schiffer, sein eigner Reeder zu sein, wenn er gleichwohl die Korrespondenz und was dazu gehört, einem Fremden überlassen muß. Nur, mein Himmel!« setzte ich hinzu, »warum, meine Herren, haben Sie mir von dem Mißkredit, in welchem mein Prinzipal bei Ihnen steht, nicht früher einen Wink gegeben? Wieviel Zeit, Mühe und Kosten wären da zu ersparen gewesen!«

Sie gestanden mir nun, daß sie nimmer vermutet hätten, ich würde ein solches Schiff, wie mir vorgeschrieben worden, aufzutreiben imstande sein und daß sie es darum mit ihrer Erklärung lieber bis aufs äußerste hätten wollen ankommen lassen. Ich mußte mir das gefallen lassen, eröffnete ihnen aber gleich des nächsten Tages, daß ich eine bequeme Schiffsgelegenheit nach Stettin gefunden und von da nach Kolberg abzugehen gedächte, um dem Kommerzienrat Bericht zu erstatten, was ich ausgerichtet und nicht ausgerichtet.

»Nach Stettin?« ward mir geantwortet, »oh! schön! das trifft sich wie gerufen, denn wir haben ein Anliegen an Sie, lieber Nettelbeck, das Sie uns nicht abschlagen müssen. Da ist in Stettin der Kaufmann Groß, mit dem wir in Assekuranzangelegenheiten wegen Schiffer Lickfeld verwickelt sind, schon seit Jahr und Tag in Briefen hin und her scharmützeln und je länger, je weniger übereinkommen können. Wir sind des Handels nachgerade herzlich überdrüssig, und unser in Sie gesetztes Vertrauen läßt uns wünschen, daß Sie es übernehmen möchten, mit ihm mündlich zusammenzutreten und namens unsrer den Zwist so gut als möglich auszugleichen. Sie sollen über den Stand der Dinge alle erforderliche Auskunft erhalten, und da wir uns alles, was nur nicht geradezu unbillig ist, gefallen lassen wollen, so machen Sie es mit ihm ab, so gut Sie wissen und können. Ihre Vollmacht soll Ihnen auf der Stelle ausgefertigt werden, und unser ganzes Verlaß steht auf Ihnen.«

»Gut und aller Ehren wert, was Sie mir anvertrauen und von mir erwarten!« erwiderte ich; »aber kennen Sie den Mann auch, mit dem Sie mir zu tun geben wollen? Dieser Groß, meine Herren, ist ein ganz absonderlicher Patron und fängt gar leicht Feuer unter der runden Perücke. Ich entsinne mich seiner gar wohl von Anno 1764 her, wo er noch selbst als Schiffer fuhr und einen Winter bei uns mit seinem Schiffe in Königsberg lag. Hatte er damals doch mit allen Leuten, mit denen er zu verkehren kregte, Krakeel und Prozesse[180] und hat er sich seitdem, wie schwerlich zu hoffen ist, nicht geändert, so möchte ich lieber ein Kreuz vor ihm schlagen, als mir mit ihm zu schaffen machen.«

Wie ich aber auch diesen mißlichen Auftrag von mir abzulehnen suchte, so ward doch so anhaltend in mich gedrungen, daß ich mir endlich die bisher geführten Verhandlungen vorlegen ließ, und da die Sache festen Grund hatte und der ganze Zwiespalt nur auf einem Mißverständnis beruhte, fand ich auch minderes Widerstreben in mir, in derselben den Mittelsmann zu machen. Ich einigte mich also mit meinen Herren Kommittenten, wie weit ich zu gehen haben sollte, empfing genügende Vollmacht und machte mich in Gottes Namen nach Stettin auf den Weg, wo ich es mein Erstes sein ließ, Herrn Groß aufzusuchen und den Strauß mit ihm, wie hitzig er auch ausfallen möchte, zu versuchen.

Der Mann empfing mich mit Herzlichkeit, als einen alten Bekannten, machte indes große Augen, als ich ihm den Grund meines Hierseins eröffnete und ihm meine Beglaubigung vorlegte. »Hört, Nettelbeck«, sagte er, mir auf die Schulter klopfend, »nun heiß' ich Euch doppelt und von Herzen willkommen! Trügt mich nicht alles, so seid Ihr mein guter Engel, der mir endlich einmal den fatalen Sorgenstein, vor dem ich bereits so manche Nacht nicht habe schlafen können, unterm Kopfkissen hinwegräumen wird. Topp! Was ein ehrlicher Mann tun und leisten kann, um sich das Herz leicht zu machen, dazu biete ich freudig die Hand. Morgen um die und die Stunde machen wir die Sache ab, heute aber kein Wort mehr davon, damit wir uns dies gute Glas Wein nicht verderben.«

So geschah es denn auch am nächsten Tage. Wie erstaunte ich zu sehen, daß der Mann Vernunft annahm und Gründe gelten ließ trotz einem. Eine Schwierigkeit nach der andern verschwand, und in weniger als drei Stunden war eine Vereinigung getroffen, wie beide Teile sie nur immer wünschen konnten, das Londoner Haus aber sie nimmer erwartet hatte. Ich forderte nun die gerichtliche Bestätigung, die gleich in den nächsten vierundzwanzig Stunden durch den Herrn Notarius Bourwig ausgefertigt und mittels Brief und Siegels bekräftigt wurde. Ebenso schnell packte ich meine Papiere zusammen, schickte sie nach London, erhielt die unbedingteste Genehmigung meines Verfahrens und eine freundschaftliche Vergeltung, wie sie dem erwiesenen Dienste nur immer angemessen sein mochte.

Noch vergnügter und zufriedner aber war Herr Groß, der mir von Stund an ein sichtbares Wohlwollen zuwandte. »Aber wo nun hinaus?« fragte er mich, als ich kam, ihm meinen Abschiedsbesuch zu machen. – »Nach Kolberg«, gab ich zur Antwort, »um meinem Prinzipal B–r Rede und Antwort zu stehen. Was es dann weiter gibt, wird die Zeit lehren.« – »Hört, lieber Nettelbeck«, fiel er mir ein, »die Herren Kaufleute dort, die kenne ich! Das ist nichts für Euch! Aber einen Mann von Eurem Schlage – den hätte ich mir schon längst[181] auf mein bestes Schiff gewünscht. Wüßte ich auch nicht schon längst, was in Euch steckt, so hätte ich es doch bei unserm neulichen Geschäft erfahren. Da! Die Hand eines ehrlichen Mannes – schlagt ein! Nehmt das Schiff, das ich hier jetzt auf dem Stapel stehen habe.«

Was soll ich's leugnen, daß die Art, wie mir dieser Antrag geschah, meiner Eigenliebe schmeichelte. Dennoch ging mir's wie mancher zimperlichen Braut; ich hatte meine Bedenken und konnte und wollte nicht gleich zutappen. Denn war dieser Mann, der mir von jeher so böse und wunderlich ausgeschrien worden, allerdings auch seit kurzem in meiner bessern Meinung gestiegen, so blieb es doch ganz ein anderes und vielleicht ein sehr gewagtes Ding, mich von ihm auf solche Weise abhängig zu machen und all seinen Launen bloßzustellen. »Lieber Herr Groß«, erwiderte ich demnach, »so ein Schritt will überlegt sein. Gönnen Sie mir dazu eine Stunde, und wenn ich dann wiederkomme, bringe ich Ihnen mein Ja oder Nein.« – Er war es zufrieden.

Voll Sinnens suchte ich demnach einen alten Bekannten, den Schmied Lüdtke, auf, mit dem ich bereits im Jahre 1770 auf Veranlassung der Ausrüstung der königl. Fregatte zu tun gehabt hatte und der auch jetzt, wie ich wußte, die Eisenarbeit für das auf dem Stapel stehende Schiff, dessen Herr Groß erwähnt hatte, besorgte. Er sollte mir sagen, was hier zu tun oder zu lassen sei, und so trug ich ihm gleich warm vor, was mich auf dem Herzen drückte. »Hm! hm!« gab er mir kopfschüttelnd zur Antwort, »es mit dem zu wagen, könnte ich nur meinem ärgsten Feinde raten! Ihr seid beide ein paar Hitzköpfe. Gleich ist bei euch Feuer im Dache! Ihr werdet euch keine vierundzwanzig Stunden miteinander vertragen. Und wenn auch Ihr, so doch nicht der Groß! Mit dem ist noch keiner fertig geworden. Bleibt also sein auseinander; das ist das Gescheiteste.«

Ich konnte selbst nicht anders als ihm recht geben und war schon wieder auf dem Wege, den Handel aufzusagen, als ich vor dem Hause eines Segelmachers, namens Kruut, vorbei mußte, dessen Bekanntschaft mit mir sich von der nämlichen Zeit und Veranlassung wie vorerwähnt herschrieb. Auch dieses Mannes Rat und Meinung wollte ich in meiner Unentschlossenheit mitnehmen. Ich trat zu ihm ein, trug ihm mein Anliegen und Bedenken vor und überließ ihm die Entscheidung. »Hört, Freund Nettelbeck«, entgegnete dieser hinwiederum, »ich kenne Euch und kenne Groß inwendig und auswendig. Ihr seid beide ein paar herzensgute Leute, brav, ehrlich und erfahren – ihr beide werdet euch ineinander schicken und passen oder keiner in der Welt! Wie schlimm auch jener verschrien sein mag, so kommt es doch nur darauf an, daß Ihr seine erste tolle Hitze vorübertoben laßt. In der nächsten Viertelstunde darauf könnt Ihr ihn wieder um den Finger wickeln wie ein Wachs. Was ist da also noch lange zu bedenken? Ihr bekommt ein schönes neues und großes Schiff von dreihundertzwanzig Last unter[182] die Füße, womit ein Mann von Eurer Welterfahrung schon etwas Rechtschaffenes anzufangen wissen wird.«

Das klang nun freilich ganz anders, aber keineswegs unverständig. Ich ließ es mir gesagt sein, setzte meinen Weg mit erleichtertem Herzen fort, trat zu Herrn Groß in das Zimmer und mit drei raschen Schritten auf ihn zu, reichte ihm die Hand und rief mit leuchtenden Augen: »Glück gebe Gott uns beiden, mein Herr Patron!« – »Ja? Ist's wahr? Hab' ich Euch?« fuhr er seinerseits auf, drückte mich an die Brust und küßte mich herzlich ab. Der Notarius Helwig, welcher bei diesem Auftritt zugegen war, wurde aufgefordert, zur Stelle einen Kontrakt aufzusetzen, welchen mein neuer Prinzipal selbst diktierte und wobei meines Vorteils keineswegs vergessen ward.[183]

Quelle:
Nettelbeck, Joachim: Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet. Meersburg, Leipzig 1930, S. 155-184.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet
Joachim Nettelbeck, Burger Zu Colberg (3); Eine Lebensbeschreibung, Von Ihm Selbst Aufgezeichnet
Bürger zu Kolberg: Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet

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